602. Teddys Wunschzettel

Teddys Wunschzettel

Teddy saß im Regal. Ganz hinten links in der letzten Ecke war sein Platz. Dort hatte er schon immer gesessen, seit er im Spielwarengeschäft vor vielen Jahren angekommen war. Gekauft hatte ihn in der langen Zeit niemand. Er war immer übersehen worden. An Kindergeburtstagen zu Weihnachten oder einfach zwischendurch, waren immer die anderen Kuscheltiere gekauft worden. Es waren immer die Großen, Schönen, Bunten gewesen. Oder einfach die, die ganz vorn im Regal gesessen hatten. Nur Teddy, der blieb wo er war und verstaubte mit der Zeit.
Doch dieses Weihnachten sollte alles anders werden. Teddy wollte nicht mehr der alte Bär in der Ecke bleiben, der über den die anderen Kuscheltiere hinter vorgehaltener Hand lachten. Teddy wollte endlich ein Zuhause bei einem kleinen Kind finden. Er hatte sich auch schon genau überlegt, wie er das anstellen wollte. Er schrieb einen Brief an den Weihnachtsmann.

Hallo lieber Weihnachtsmann.
Hier schreibt Dir Teddy. Du weißt schon, der kleine, alte Bär aus der hintersten Ecke im Spielwarengeschäft. Der, den bisher niemand gekauft hat. Der, an den nie jemand denkt.
Ich fühle mich hier an meinem Platz sehr einsam, auch wenn ganz viele andere Spielzeuge um mich herum leben. Denn im Verkaufsregal zu sitzen ist etwas anderes, als von einem kleinen Kind lieb gehabt zu werden. Das fehlt mir sehr. Jedes Jahr, wenn ich zusehe, wie die anderen nach und nach verkauft und verpackt werden, macht mich das traurig, dass ich wieder nicht unter einem Weihnachtsbaum oder auf einem Geburtstagstisch sitzen werde.
Deswegen schreibe ich Dir diesen Brief und hoffe, dass Du mir helfen kannst.
Mein einziger und größter Wunsch ist es, dieses Weihnachten endlich in das Herz eines ganz besonderen Kindes geschlossen zu werden. Eines, das mich nimmt, wie ich bin.
Ich bin zwar nicht der schönste Teddy, auf mir liegt schon eine Staubschicht, mein Fell glänzt schon etwas länger nicht mehr und ein Auge fehlt mir auch schon, seit ich einmal aus dem Regal gefallen bin, aber ich ich habe trotzdem noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass mich jemand findet und mit sich nach Hause nimmt. Vielleicht kannst Du mir ja dabei helfen, dass mein Traum in Erfüllung geht.

Liebe Grüße,
Dein Teddy.

Den Brief steckte Teddy in einen bunten Umschlag und legte ihn auf den großen Stapel auf dem Verkaufstresen.
Er ließ sich auch nicht vom leisen Gekicher der anderen Kuscheltiere entmutigen. Er hörte sie schon flüstern: „Schaut euch mal den alten Teddy an. Der glaubt wirklich noch daran, dass er eines Tages verkauft wird. So einen Schmuddelbären will doch keiner mehr haben.“
Doch das war ihm egal. Er setzte sich wieder an seinen Platz, in die hinterste Ecke des Regals und träumte von seiner Zukunft in einem bunten Kinderzimmer.

Am nächsten Tag räumte die Verkäuferin des Spielzeugladens die Regale leer und wischte Staub. Danach sortierte sie die Kuscheltiere neu ein und platzierte sie ordentlich nebeneinander.
„Nanu, was ist denn das? Den habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.“
Sie hielt Teddy in Händen und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Nein, was sich hier alles in den letzten Jahren angesammelt hat. Ich glaube, ich muss mal wieder altes Spielzeug aussortieren, dass sich nicht verkaufen lässt. Und mit diesem Teddy fange ich jetzt an.“
Aussortieren? Altes Spielzeug? Teddy bekam Angst. so alt war er doch auch nicht. Nur wegen einem bisschen Staub, einem fehlenden Augen und matten Fell durfte man ihn doch nicht aussortieren. Er gehörte ins Regal, damit ihn jemand kaufen konnte.
Teddy bekam Angst. Nur zu gern hätte er geschrien und gebrüllt. Aber als Spielzeug war das leichter gedacht als getan. Er konnte sich nicht einmal wehren. Die Verkäuferin nahm ihn mit nach hinten, öffnete eine Tür und warf Teddy in einen großen Müllcontainer.
Da lag er nun. Lange war er übersehen und vergessen worden. Und nun endete sein Leben im Müll. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt.
Doch dann hörte er eine kleine, leise Stimme.
„Hast du das gesehen, Mama? Die Frau hat ein Spielzeug weggeworfen. Darf ich mir das mal ansehen?“
Die Mutter zögerte etwas.
„Das dürfen wir nicht machen. Das ist verboten. Der Müll gehört immer noch der Frau aus dem Geschäft. Wenn wir uns etwas davon nehmen, bekommen wir Ärger mit der Polizei. Das ist nämlich Diebstahl.“
„Aber Mama. Du weißt doch, wie gern ich ein Spielzeug zu Weihnachten haben möchte, auch wenn du dieses Jahr kein Geld dafür hast. Mir würde schon ein altes Spielzeug reichen, das niemand anderes mehr haben will. Bitte, bitte.“
Die Mutter seufzte.
„Na gut. Aber wir beeilen uns, damit uns niemand erwischt.“
Gemeinsam näherten sie sich dem Müllcontainer und sahen hinein. Teddy, der im Container lag, sah nach draußen und entdeckte Mutter und Kind. Beide waren in alte Klamotten gekleidet, die sie bestimmt schon einige Jahre getragen hatten. Es schien ihnen wohl nicht besonders gut zu gehen.
Da öffnete sich wieder die Hintertür des Geschäfts. Die Verkäuferin war wieder da. In ihren Händen hielt sie weitere Spielzeuge, die sie aussortiert hatte.
„Was machen sie hier?“, fragte sie die Beiden.
„Wir … äh.“
Die Mutter begann zu stottern. Sie schien Angst zu haben, dass nun die Polizei gerufen werden würde.
„Ist schon gut.“, sagte die Verkäuferin.
„Sucht euch ein Spielzeug aus. Meinem Chef wird es bestimmt nicht auffallen, wenn etwas im Müllcontainer fehlt. Ihr könnt es bestimmt gebrauchen.“ Aber erzählt es bitte nicht weiter.“
Mutter und Kind nickten. Dann sah das Kind wieder in den Container.
„So viel Spielzeug habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.“, flüsterte es. „Ich kann mich gar nicht entscheiden.“
Teddy versuchte mit einem seiner Arme zu winken. Er wollte dem Kind etwas zurufen, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Aber für ein kleines, altes Spielzeug war das gar nicht so einfach. Er konnte einfach nur hoffen, dass es sich für ihn entscheiden würde.
Doch dann sah er die viel schöneren Spielzeuge, zwischen denen er lag. Da wusste er, dass er keine Chance hatte.
„Den da will ich. Der gefällt mir gut.“
Das Kind zeigte mit einem Finger in den Container.
„Wen meint sie? Wen hat sie ausgesucht?“, wollte Teddy wissen. „Wer von uns ist der Glückliche?“
Und dann kam langsam die Hand der Mutter herab. Sie ergriff Teddy und hob ihn vorsichtig heraus.
„Der sie aber nicht mehr schön aus. Er ist schmutzig, sein Fell glänzt nicht mehr und ein Auge fehlt ihm auch noch.“, sagte die Mutter.
„Willst du dir nicht etwas Schöneres aussuchen?“
„Nein. Denn etwas Schöneres gibt es in dem Container nicht. Ich möchte gern den Teddy haben.“
Die Mutter gab ihrem Kind den Teddy.
Und Teddy konnte sein Glück noch gar nicht wirklich fassen. Er war tatsächlich von einem Kind ausgesucht worden. Von einem echten Kind. Er würde in einem richtigen Kinderzimmer leben und spielen. Und ein Kind würde ihn lieb haben. Das war der schönste Tag in seinem ganzen Leben.

(c) 2017, Marco Wittler

359. Was ich mir zu Weihnachten wünsche

Was ich mir zu Weihnachten wünsche

Der kleine Theodor saß mit seinen Brüdern und Schwestern um einen kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik herum. Sie sprachen über ihre Wünsche zum Fest der Feste. Jeder von ihnen hatte etwas Anderes im Kopf.
»Ich will eine Spielzeugeisenbahn.«, sagte Emil.
»Ich möchte ein eigenes Pony haben.«, träumte Lilo.
Und der kleine Theodor hatte einen ganz besonderen Wunsch.
»Ich möchte einfach nur einen richtig guten Freund bekommen.«
Seine Geschwister belächelten ihn dafür. So etwas konnte man sich doch nicht wünschen. Zu Weihnachten gab es doch viel Schönere Sachen.
»Je teurer, desto besser.«, sagte Fritz mehrfach am Tag.
»Freunde bekommt man bestimmt auch so. Die kosten ja nichts.«
Aber Theodor hatte keinen einzigen Freund, der immer für ihn da war. Also blieb er bei seinem Wunsch.

Die Stunden vergingen. Es wurde langsam Abend. Schon bald würden überall die Weihnachtsfeiern in den Familien beginnen. Theodor saß noch immer vor dem kleinen Baum und war guter Hoffnung, als er plötzlich von zwei großen Händen ergriffen wurde. Sie stopften in einen großen Karton, der auch noch verschlossen wurde.
Nun konnte er nichts mehr sehen und nichts mehr hören.
»Hallo?«, fragte er vorsichtig, um die Angst mit seiner eigenen Stimme zu vertreiben.
Es geschah aber nichts.
Erst nach ein paar Stunden tat sich wieder etwas. Der Karton wurde hin und her geschüttelt. Theodor musste aufpassen, dass er sich nicht den Kopf stieß. Mit einem Mal kam Licht ins Dunkel und erneut wurde er von Händen ergriffen, die ein ganzes Stück kleiner waren.
»Teddy!«, rief eine begeisterte Kinderstimme und drückte Theodor glücklich an sich.
Der kleine Teddy Theodor wusste er gar nicht, wie ihm geschah. Doch dann hörte er eine Frage, die ihm das Herz erwärmte.
»Freunde?«, fragte das kleine Kind und Theodor nickte glücklich.

(c) 2010, Marco Wittler

313. Dem Täter auf der Spur

Dem Täter auf der Spur

»Oh, nein.«
Michi war entsetzt.
»Er ist verletzt. Was soll ich denn jetzt machen?«
In diesem Moment kam Kati in das Zimmer und sah sich genau um.
»Nichts anfassen.«, sagte sie kurz und knapp.
»Das hier ist ein Tatort. Es dürfen keine Spuren durch irgendeine falsche Bewegung zerstört werden.«
Dann stellte sie sich ganz nah vor Mich auf.
»Was genau ist passiert?«
Michi drückte sich ein paar Tränen aus den Augen und zeigte mit der rechten Hand auf den Boden.
»Teddy wurde verletzt. Und nun liegt er völlig hilflos da auf dem Boden.«
Tatsächlich. Es hatte Teddy erwischt. Ihm fehlte das rechte Bein und aus der großen Wunde war sein weiches Füllmaterial gerissen worden.
Kati hatte sofort einen Verdacht.
»Wo waren sie, als Teddy überfallen wurde.«
Michi stutzte.
»Was soll denn das heißen? Du glaubst doch nicht, dass ich ihm das angetan hätte. Er ist mein allerliebster Freund.«
Diese Erklärung schien ihm zuerst zu reichen. Doch dann war er sich nicht sicher, ob Kati sich sich damit zufrieden geben würde.
»Außerdem war ich im Kindergarten.«, fügte er schließlich noch hinzu.
»Es wird sich noch zeigen, ob das stimmt.«
Kati zog eine Lupe aus der Tasche, kniete sich hin und besah sich den Boden um Teddy herum.
»Ich brauche mehr Licht, damit ich keine Spuren übersehe.«
Sie drückte ihrem Bruder eine Taschenlampe in die Hand. Das Abdeckglas hatte sie mit einem blauen Tuch bespannt.
»So machen die das im Fernsehen auch immer.«
Michi musste nun alles ordnungsgemäß beleuchten.
»Ahaaa.«, rief Kati plötzlich triumphierend.
»Ich habe eine Spur.«
Sie hatte ein paar Fussel von Teddys Füllung gefunden, die quer über den Boden lagen.
»Sie führen auf den Flur. Das ist ja interessant.«
Mit der Lupe krabbelte sie der Spur nach. Michi lief ihr nach und beleuchtete alles, so gut er konnte.
Auf den Fliesen des Flurs war die Spur noch deutlicher zu sehen. Nach ein paar Metern verlief sie in das Wohnzimmer.
Es ging durch mehrere Ecken, auf das Sofa, wieder zurück auf den Boden und schließlich endete sie vor einem großen Körbchen.
»Oh, nein. Bello!«
Bello wusste sofort, was er getan hatte. Schuldbewusst blickte der Hund nach unten auf Teddys Bein, an dem er bis vor ein paar Sekunden genagt hatte.
»So geht das aber nicht.«, entschloss sich Kati, nahm Bello seine Beute weg und drückte sie Michi in die Hand.
»Fall gelöst. Da staunst du, was?«
Michi sah in seine Hand.
»Und wer macht Teddy jetzt wieder gesund?«
Seine Schwester überlegte.
»Nichts leichter als das.«
Sie verschwand kurz aus dem Wohnzimmer, durchwühlte die Spielzeugkiste im Flur und kam mit einem Arztkoffer zurück.
»Das ist eine Aufgabe für Doktor Kati.«
Sie nahm Michi das zerkaute Bein ab und lief ins Kinderzimmer.
»Aus dem Weg. Doktor Kati muss eine Notoperation machen.«

(c) 2010, Marco Wittler

248. Aufregung im Teddyland

Aufregung im Teddyland

Im Teddyland war jeder aufgeregt. Schon seit Monaten bereitete man sich auf diesen Tag vor, und nun war er endlich da. Ein großes, rotes Kreuz markierte ihn im Kalender. Heute jährte es sich zum hundertsten Mal der Friedensvertrag mit den Kasperlepuppen aus dem Nachbarland.
Überall auf den Straßen standen Bären beieinander und erzählten sich die Legenden über den großen Teddykrieger, der den schrecklichen Krieg zwischen den beiden Völkern beendet hatte.
»Er konnte es mit zwanzig Kasperle auf einmal aufnehmen.«, tönte es von der einen Seite.
»Mit einem großen Holzstock fegte er die Feinde vom Schlachtfeld.«, kam es von der anderen Seite.
Man war sich einig, dass es vorher nie einen so großen Helden gegeben hatte und es würde auch bestimmt nie wieder einen wie ihn geben.
»Er war von großer und stattlicher Figur. Auf dem Rücken hing sein gefährlicher Holzstock und in seinem Lederbeutel verbargen sich unzählige Geheimnisse.«
Überall lauschten die kleinen Teddybärenkinder den Erzählungen. Mit großen Augen und offenen Ohren ließen sie sich beschreiben, woran man den Krieger erkennen konnte.
»Auf seinem weißen Wams trägt er einen aufrecht stehenden schwarzen Bären mit einer großen goldenen Krone darüber. Das ist das Wappen seiner Heimat.«
Doch wo war dieser Held eigentlich? Das war die große Frage, die jeder im Kopf hatte. Nur die Ältesten im Land konnten sie beantworten.
Nach Ende des Krieges zog er fort. Er wollte in der Fremde anderen Völkern den Frieden bringen. Aber niemand wusste, was aus ihm geworden war.
Während munter weiter geredet und geschwärmt wurde, trat ein fremder Bär zwischen die Bewohner der Hauptstadt. Von seinem Körper hingen alte, staubige Lumpen herab. Er war ein Bettler und schien auf ein paar wohltätige Spenden zu hoffen.
Zuerst schienen die Teddys großzügig zu sein, doch als sie sahen, wer mit dem Bettler in die Stadt gekommen war, schreckten sie zurück.
Aus seinem Schatten trat ein Kasperle hervor. Er war ähnlich schäbig gekleidet und seinem dürren Körper war der Hunger anzusehen.
»Habt etwas Mitleid mit zwei alten Kriegssoldaten, die es nicht geschafft haben, im Frieden ein neues Leben zu finden.«
Verächtlich sah man auf die beiden herab. Der Frieden mit den Kasperles war sehr wichtig gewesen. Aber noch immer wollte man mit diesen Gesellen nichts zu tun haben.
Nur eine einzige Frau war anderer Meinung. Sie brachte den beiden eine Schale mit warmem Essen.
Als dies die anderen Leute sahen, wurde sie sauer und begannen zu schimpfen.
»Wie kannst du es wagen Frau, einem Kasperle zu essen zu geben? Schämst du dich denn nicht?«
In diesem Moment fielen den beiden Bettlern die Lumpen von den Leibern. Darunter kamen edle Ritterrüstungen und Wamse zum Vorschein. Auf der Brust der beiden prangte das Wappen, das alle in der Stadt so sehr verehrten.
»Schämen sollten wir uns.«, sagte der Teddykrieger.
»Mein Freund und ich haben unseren beiden Völkern den Frieden gebracht und trotzdem hat sich in der langen Zeit nichts verändert. Nur diese gute Frau hat verstanden, was wahrer Frieden ist. Ihr hingegen lebt noch immer in der Vergangenheit des Krieges. Ihr habt noch sehr viel zu lernen.«
Die Bären verstummten. Es war ihnen klar geworden, wie schlecht sie sich benommen und den Frieden eigentlich gar nicht verdient hatten.
»Mein Freund und ich werden euch nun wieder verlassen. Aber eines Tages kehren wir zu euch zurück. Wir hoffen, dass ihr bis dahin friedlicher und freundlicher geworden seit.«
Der Teddykrieger und sein Freund drehten sich ohne ein weiteres Wort um und verschwanden im nahen Wald. Ihre Reise würde sie heute noch in das Kasperleland führen. Auch dort wollten sie testen, ob sich die Bewohner geändert hatten.

(c) 2009, Marco Wittler

246. Der erste Teddy

Der erste Teddy

Teddy saß auf seinem Lieblingsast hoch oben in einem riesigen Baum. An diesem Ort verbrachte er gern seine Freizeit, wenn er gerade nichts anderes zu tun hatte, was meistens der Fall war.
Von hier oben konnte fast die ganze Welt überblicken. Nur am Horizont hatte das Auge seine Grenze.
Teddy rieb sich über seinen dicken Bauch und fühlte sich pudelwohl. Gerade hatte er einen großen Keks in sich hinein gestopft und war nun richtig satt.
»So ein Leben ist schön. Von früh bis spät auf der faulen Haut liegen und nichts tun.«, sagte er sich.
Doch in diesem Moment gab es einen kräftigen Windstoß. Teddy konnte sich nicht mehr rechtzeitig am Baum festhalten und purzelte vom Ast nach unten.
»Hilfe.«, schrie er. Aber es hörte ihn niemand. Seine Freunde lagen auf ihren eigenen Ästen und hielten einen Mittagsschlaf.
»So helft mir doch.«, versuchte er es abermals.
Und mit einem lauten Plumps landete er auf dem weichen Waldboden.
»Das hat aber ganz schön weh getan.«
Er rieb sie mit der Pfote über den Po und dachte mit Schrecken daran, dass er bald einen großen blauen Fleck an dieser Stelle haben würde.
Teddy sah sich um. Er war noch nie in seinem ganzen Leben am Boden gewesen. Er fragte sich, wie er wieder in die luftige Höhe kommen sollte, denn an seinen Pfoten fehlten starke Krallen, um am Baumstamm nach oben klettern zu können.
»O je, o je. Was mache ich denn jetzt?«
Auch wenn er es besser wusste, versuchte es Teddy mit Klettern. Aber schon nach mehreren Zentimetern rutschte er wieder ab und saß auf dem Boden.
In diesem Moment hörte er Schritte, die den Weg entlang kamen.
»Das müssen Menschen sein, die einen Spaziergang machen.« flüsterte er sich zu.
Schnell versteckte sich Teddy in einem Gebüsch. Er hatte ganz schreckliche Geschichten über die Menschen gehört.
Schon kamen sie um die Ecke. Sie waren zu dritt. Zwei von ihnen waren sehr groß, der dritte ein ganzes Stückchen kleiner.
Der kleine Mensch hielt ein weiteres, felliges Tier an einer Leine fest.
Das Tier schnupperte wie wild in der Gegend herum. Plötzlich schien es etwas entdeckt zu haben und lief zielstrebig auf den Busch zu.
»Nein, bitte nicht.«
Teddy war entdeckt und wurde im Maul des Tieres auf den Weg getragen.
»Böser Hund, lass das fallen.«, sprach der kleine Mensch.
Der Hund gehorchte sofort und legte Teddy ab.
»Was ist denn das?«, fragte einer der großen Menschen, kam allerdings nicht mehr dazu, sich den Fund genauer anzuschauen, denn der kleine Mensch hob Teddy bereits auf und drückte ihn an sich.
»Der ist ja unglaublich weich. Darf ich den behalten?«
Behalten? Teddy bekam Angst. Er wollte doch in seinem Wald bleiben. Doch alles Zittern und Bibbern half nichts. Der kleine Mensch ließ ihn nicht mehr los.

Eine Stunde später betraten sie ein großes Haus. Sofort stürmte der kleine Mensch in sein Zimmer und setzte Teddy auf ein weiches Bett.
»So, hier ist dein neues Zuhause. Wenn du artig bist und auf mich wartest, bekommst du auch gleich etwas leckeres zu Fressen.«
Teddy war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Fressen klang immer gut, denn sein Magen knurrte bereits. Außerdem war das Bett so weich, wie kein einziger Ast seines Baumes.
»Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich schon längst bei den Menschen eingezogen. Das ist ja wirklich paradiesisch hier.«
Er legte sich mit dem Rücken auf das Bett und wartete darauf, gefüttert zu werden. Nur wenige Minuten kam dann auch der kleine Mensch mit einem leckeren Apfel zurück.

Spät am Abend, als die Sonne bereits verschwunden war, saß Teddy am Fenster und sah zu den hohen Bäumen hinaus. Die Menschen schliefen bereits tief und fest.
»Beim nächsten Spaziergang, wenn wir wieder im Wald sind, werde ich allen meinen Freunden von den Menschen erzählen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie sich dann auch von einem Kind finden lassen wollen.«
Dann drehte er sich um, schloss seine Augen und begann leise zu schnarchen.

(c) 2009, Marco Wittler

161. Ein Bär zu Weihnachten

Ein Bär zu Weihnachten

Der Bär saß in einem mit buntem Papier eingepackten Paket. Er hatte sich schon lange auf seinen großen Auftritt vorbereitet, denn der Sinn seines Lebens war es, einem kleinen Kind zum Freund zu werden.
Schon im Einkaufszentrum hatte er den Jungen und Mädchen vom Regal aus zugewunken. Trotzdem hatte es doch tatsächlich bis kurz vor Weihnachten gedauert, bis er dann endlich gekauft worden war.
Nun war es endlich so weit. Er konnte es hören, Während ein kleiner Junge vor sich hin brabbelte, sagte ein Mädchen ein Gedicht auf. Das musste das Startsignal sein. Gleich würden die Geschenke ausgepackt werden.
Der Teddy freute sich schon. In ein paar Minuten würde er in die Arme genommen und gedrückt werden. Wem würde er wohl geschenkt werden?
Gleich würde das Geschenkpapier aufgerissen und der Teddy aus der Verpackung genommen. Jeden Augenblick musste es so weit sein.
Das Gedicht ging zu Ende, die Eltern erteilten die Erlaubnis, die Geschenke zu öffnen.
Nun war der Bär richtig aufgeregt. Doch irgendwie bleib es um ihn herum dunkel. Doch wie konnte das denn sein? Wiesen die Eltern ihre Kinder denn nicht auf die wichtigen Geschenke hin? Oder sollten sie zuerst die weniger schönen Dinge auspacken, damit die Freude nach einem Teddy nicht abflaute?
Doch dann entstand der erste Riss im Papier und ließ etwas Licht herein. Nun war der Bär an der Reihe. Mit beiden Armen winkte er den staunenden Kinderaugen entgegen. Die Verpackung wurde geöffnet und der Bär entnommen. Doch dann war die Verwunderung sehr groß.
Der Teddy wurde unter den Baum auf den Boden gesetzt, während sich der kleine Junge freudestrahlend auf Geschenkpapier und Verpackung stürzte. Daran schien er richtig Spaß zu haben. Doch konnte das denn sein? Er sollte sich doch um den Teddy kümmern und mit ihm spielen.
Der Bär war sauer. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Das hatte bestimmt auch keiner seiner Artgenossen jemals gehört. Wie konnte ein Kind an einem Haufen Müll mehr Spaß haben, als an einem weichen Spielzeug?
Die Zeit verging und der Abend kam. Noch immer saß der Teddy unter dem Baum. Mittlerweile war er richtig traurig geworden. Die Kinder wurden nach und nach ins Bett gebracht. Würde er die Nacht allein unter einer Tanne verbringen müssen?
Doch bevor das Licht abgeschaltet wurde kam die Mutter ein letztes Mal in den Raum.
»Ach, da bist du ja.«
Sie griff nach dem Bären, brachte ihn ins Kinderzimmer und legte ihn in das kleine Kinderbett.
»Hier wirst du besser schlafen, als unter dem Weihnachtsbaum.«
Und schon wurde er von zwei kleinen Ärmchen umschlungen. Der kleine Junge brauchte für die Nacht wohl doch einen bärigen Freund. So gefiel das dem Teddy schon besser. Er kuschelte sich an den kleinen Jungen und schlief glücklich mit ihm zusammen ein.

(c) 2008, Marco Wittler

08 - Ein Bär zu Weihnachten

148. Timmis grüner Bär

Timmis grüner Bär

Als Timmi noch ein kleines Baby war, bekam er zu seine Taufe ein Kuscheltier geschenkt. Es war ein Teddybär, den seine Patentante Michaela für ihn ausgesucht hatte.
Die Ohren des Bären waren ein wenig klein geraten, die Knopfaugen dafür zu groß und sein komplettes Fell war giftgrün.
Mama war entsetzt, als sie dieses Geschenk sah und hätte es nur zu gern irgendwo im Keller verschwinden lassen.
»Du meine Güte, was ist das bloß für ein hässliches Ding. Den hast du doch bestimmt vom Krabbeltisch gekauft. Willst du den nicht lieber noch einmal umtauschen?«
Aber Tante Michaela war da anderer Meinung. Immerhin passte der Bär wunderbar zu ihren grün gefärbten Haaren und Fingernägeln. Sie packte den Teddy aus und legte ihn zwischen die anderen geschenkten  Kuscheltiere.
»Lass den Kleinen doch einfach entscheiden. Park seinen Popo zwischen die unzähligen Bären und lass ihn einen davon aussuchen.«
Mit diesem Vorschlag war Mama zufrieden. Sie war sich sicher, dass ihr Sohn einen ausgezeichneten Geschmack besitzen und sich für ein ordentliches Kuscheltier entscheiden würde.
Also saß Timmi ein paar Minuten später in einem Kreis aus etwa zwanzig Stofftieren. Sprechen konnte er noch nicht, auch verstand er nicht, was nun von ihm erwartet wurde. Aber trotzdem sah er sich ganz genau um, bevor er zu lächeln begann. Er hatte sich einen neuen weichen Spielkameraden ausgesucht und krabbelte nun auf ihn zu. Er nahm ihn in seine Arme und drückte ihn ganz fest an sich.
»Na, was habe ich dir gesagt. Er steht auf grün, so wie seine Tante.«
Mama seufzte und räumte die restlichen Bären, Enten und anderen Tiere beiseite. Von nun an wurde nur noch grün gekuschelt.

Die Zeit und die Jahre vergingen. Timmi wuchs mit jedem Tag ein wenig mehr. Sein ständiger Begleiter durch dick und dünn war der giftgrüne Bär. Einen Namen hatte er ihm auch schon verpasst.
»Das ist Bruno. Der ist so cool.«
Denn niemand besaß einen Bären, der auch nur ansatzweise so verrückt aussah.
»Bruno und ich sind ganz dicke Freunde. Wir machen alles gemeinsam und sind niemals ohne den anderen unterwegs.«
Und damit hatte er Recht. Egal wo einer der beiden anzutreffen war, fehlte niemals der Zweite. Sie waren wie Zwillinge. Wenn Timmi krank im Bett lag, leistete ihm der Bär Gesellschaft oder wurde ebenfalls krank. Alleine zum Spielplatz? Auf keinen Fall. Bruno half beim Sandburgen bauen und wurde mehr als einmal unter der großen Rutsche verbuddelt. Sie fielen sogar gemeinsam in den kleinen Bach, der durch die große Wiese plätscherte.
Mama hatte sich inzwischen an dieses unzertrennliche Paar gewöhnt. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig. Denn sie hatte es in ersten Zeit oft genug versucht, Bruno gegen einen anderen Bären einzutauschen. Aber schon nach wenigen Minuten musste sie bereits nachgeben. Timmi konnte sehr laut schreien und weinen.
Mindestens einmal in der Woche musste Bruno gewaschen werden, so oft landete er im Sandkasten, in einer Pfütze oder im Garten zwischen den Büschen.
»Bär schmutzig«, sagte Timmi dann immer und sah Mama mit großen traurigen Augen an.
»Du musst schon ein wenig vorsichtiger sein, Timmi. Das Waschen ist nicht gut für sein Fell.«
Aber egal, wie oft Bruno in der Waschmaschine landete, er lief nicht ein, das Fell wurde nicht blass und die Nähte blieben heil.
»Dieses Kuscheltier ist wirklich hart im Nehmen. So robust sieht er eigentlich gar nicht aus. Da hast du tatsächlich einen guten Kauf getätigt.«, hörte Timmi eines Abends Mama zu Tante Michaela sagen.
Da drückte er seinen besten Freund besonders fest an sich.
»Hast das gehört? Du bist etwas Besonderes. Und nur ich besitze einen Bären wie dich.«

Die Urlaubszeit rückte näher. Timmi und Bruno waren inszwischen acht Jahre alt geworden. Mama packte die Koffer und Papa stopfte dann alles in das kleine Auto.
»Ich bekomme das nicht alles in den Kofferraum. Das ist viel zu viel.«, beschwerte er sich einmal pro Minute.
»Das schaffst du schon. Du schaffst das doch jedes Jahr.«, munterte ihn Mama auf.
Auch Timmi packte gerade seine wichtigsten Dinge zusammen. In seinem Reiserucksack steckten ein Buch, ein paar Hörspielkassetten und ein alter Fotoapparat von Opa.
Dann holte er seine Schultasche hervor und öffnete sie. Zwischen den Büchern, Heften und der Stiftetasche schaute Bruno hervor. Denn auch in der Schule durfte er nie fehlen.
»Na los, Bruno.«, sagte Timmi.
»Hüpf mal in den Rucksack. Wir fahren doch gleich zur Nordsee. Ich bin ja so neugierig, wie es dort ist. Ich war noch nie am Meer. Vielleicht sehen wir ja sogar ein paar Boote und Schiffe.«
Er zog den grünen Bären hervor und stopfte ihn in in die Urlaubstasche.

Während der langen Fahrt saß Timmi auf dem Rücksitz und schlief die meiste Zeit. In seinem Arm lag Bruno und schnarchte leise. Das machen Bären immer, wenn sie schlafen.
Wenn die beiden wach waren, zählten sie die Autos, die Papa überholte.
Als es dann allmählich dunkel wurde, kamen sie an ihrem kleinen Ferienhaus an. Timmi und Bruno schliefen schon wieder tief und fest und wurden von Papa ins Bett getragen.
»Er kann sich das Meer auch Morgen früh noch anschauen. Es läuft ihm ja nicht weg.«
Wenn Mama geahnt hätte, was sie da sagte, hätte sie bestimmt lieber den Mund gehalten.

Am nächsten Morgen war Timmi schon früh auf den Beinen und weckte sofort seine Eltern.
»Wann kann ich denn endlich das Meer sehen? Ich war doch noch nie in meinem Leben hier. Ich will es auf keinen Fall verpassen.«
Er drängelte während des Zähneputzens und drängelte beim Frühstück. Er ließ seinen Eltern keine Ruhe, bis sie endlich gemeinsam aufbrachen.
Ein paar Minuten Fußweg lag vor ihnen. Timmi hatte sich seinen Rucksack umgeschnallt und Bruno schaute daraus hervor. Der Bär durfte schließlich nichts verpassen.
Als die Vier allerdings oben auf dem Deich ankamen, sahen sie nur eine große matschige Fläche.
»Wo ist denn nun das Meer. Müssen wir jetzt noch durch den Matsch laufen? Ich dachte hinter dem Deich fängt es an.«
Timmi war sauer. Und Bruno hätte bestimmt auch geschimpft, wenn er hätte sprechen können.«
Papa musste lachen und Mama wurde rot im Gesicht.
»Jetzt ist gerade Ebbe.«, erklärte Papa. »Das Meer zieht sich alle paar Stunden zurück und kommt danach wieder hierher.«
Timmi nickte und bat darum, etwas später noch einmal nachschauen zu dürfen. Mama nickte. Danach gingen sie wieder in ihr Ferienhaus.
Timmi warf seinen Rucksack auf sein Bett und wollte hervor holen, aber der Bär war verschwunden.
»Bruno? Wo bist du? Ich habe jetzt keine Lust verstecken zu spielen.«
Aber Bruno antwortete nicht. Timmi durchsuchte das ganze Zimmer und nahm sich dann alle weiteren Räume vor. Aber sein Teddy blieb verschwunden.
»Bruno ist verschwunden.«, rief er laut und Tränen rannen seine Wangen herab.
Mama kam aus der Küche und sah ihren Sohn mitleidig an.
»Dann zieh dir deine Jacke an. Wir laufen noch einmal schnell zum Deich und suchen nach ihm.«
Mama konnte gar nicht glauben, was sie da gesagt hatte. Noch vor ein paar Jahren wäre sie überglücklich gewesen, das grüne Fellbündel loszuwerden. Doch nun hatte sie Mitleid mit ihrem Sohn. Außerdem war ich Bruno mittlerweile auch ans Herz gewachsen. Er war einfach ein Teil von Timmi und gehörte zur Familie.
»Wir werden ihn schon finden.«
Gemeinsam gingen sie die Strecke vom Morgen ab und suchten hinter jedem Stein und unter jedem Busch. Aber der Bär war nicht mehr zu finden. Timmi war so traurig, wie nie zuvor in seinem Leben und konnte nicht aufhören zu weinen.
»Er geht jetzt seinen eigenen Weg und erfüllt sich seinen ganz großen Traum.«
»Was?«, fragte Timmi verwirrt.
»Bruno ist nun ein großer Bär, so wie du ein großer Junge bist.«, erzählte Mama weiter.
»Sein Traum war es wohl immer, eines Tages an die Nordsee zu reisen, um dann dort mit einem Schiff über alle sieben Weltmeere zu segeln. Er hat sich von Tante Michaela an dich schenken lassen, weil er es genau gespürt hat, dass er mit deiner Hilfe seinem Traum näher kommen wird.«
»Aber warum ist er denn dann einfach verschwunden ohne sich zu verabschieden?«
Mama dachte kurz nach, bevor sich weiter sprach.
»Bruno hat gewusst, dass dir der Abschied sehr schwer fallen wird. Vielleicht hättest du ihn auch nicht gehen lassen wollen. Darum hat er sich ganz still auf den Weg gemacht, als wir hier oben auf dem Deich standen. Aber ich bin mir sicher, dass er es dir eines Tages erklären wird.«
Timmi nahm Mama an die Hand und ging mit ihr nach Hause. Der Schmerz im Herzen war immer noch da. Aber die Trauer wurde erträglicher.
Als dann später die Flut kam und die Wellen gegen das Ufer wogten, stand Timmi allein auf dem Deich. Er wollte sich nun von seinem besten Freund verabschieden. Gemeinsam mit Mama hatte er einen Brief geschrieben. Darin standen alle großen Ereignisse, die sie miteinander erlebt hatten, die Schönen und die weniger Schönen. Und er bedankte sich für die tolle Zeit.
Er rollte den Brief zusammen, steckte ihn in eine Flasche und warf ihn ins Meer.
»Machs gut Bruno. Ich werde dich nie vergessen.«

Ein paar Monate später saß Timmi zu Hause im Garten und baute einen Schneemann. Seinen grünen Freund hatte er nicht vergessen, aber er musste auch nicht mehr weinen, wenn er an ihn dachte. Er wusste ja, dass Bruno sich seinen Traum erfüllt hatte.
Einen neuen Bären hatte er sich nicht gewünscht, denn der wäre einfach kein guter Ersatz geworden.
In diesem Moment kam der Postbote an den Zaun und reichte Timmi ein paar Briefe an. Einer davon war ziemlich dick und war mit Marken aus einem fremden Land frankiert.
Auf dem Umschlag stand Timmis Name.
»Das ist ja komisch. Mir hat noch nie jemand einen Brief geschrieben.«
Er öffnete den Brief und las ihn sich durch.

Lieber Timmi.

Vielen Dank für die Flaschenpost, die du mir geschrieben hast. Sie ist vor ein paar Tagen hier in der Südsee an den Strand gespült worden. Durch Zufall habe ich sie dann entdeckt.
Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du so viele Jahre mein bester Freund warst und auf mich aufgepasst hast. Nur zu gern bin ich mit dir durch Dick und Dünn gegangen. Und nur durch deine Hilfe konnte ich mir meinen ganz großen Traum erfüllen und als Seebär durch die Weltmeere segeln. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.
Ich hoffe, du behälst mich in guter Erinnerung und wirst mich nie vergessen. Auch du wirst immer ein Teil von mir sein und in meinem Herzen bleiben.

Dein Bruno.

Timmi hatte Tränen in den Augen. Doch diesmal war es keine Trauer, sondern große Freude, dass sein Freund sich nun doch noch von ihm verabschiedet hatte.

(c) 2008, Marco Wittler

028. Der fliegende Holländer

Der Fliegende Holländer

“Molly ist weg!”
Anna-Lena weinte dicke Tränen. Ihr geliebter Teddy war verschwunden.
Am frühen Morgen, als sie gerade aufgestanden war, schien noch die Sonne. Es sah nach einem schönen Tag aus. Deswegen hatte sie auch ihr Lieblingskuscheltier auf den Sims vor das geöffnete Fenster gesetzt. Die Aussicht von hier auf den nahen Fluss war schließlich traumhaft schön. Immer wieder fuhren kleine und große Schiffe und Boote zum Meer hinaus oder kamen von dort zurück.
Und nun war Molly weg. Das Wetter hatte sich während des Mittags verschlechtert und dicke Regenwolken versperrten die Sicht auf die warme Sonne.
Als Anna-Lena vom Essen zurück in den Garten kam, gab es einen kräftigen Windstoß und der Bär wurde herunter gepustet. Doch leider fiel er nicht in die Blumenbeete, sondern wurde von den wehenden Lüften bis zum Fluss getragen, wo er am Segel eines vorbei fahrenden Schiffes hängen blieb.
Anna-Lena bekam einen riesigen Schrecken, denn das war das Schlimmste, was ihrer Meinung nach, passieren konnte.
Sofort lief sie ans Ufer, aber all das Rufen nützte nichts, denn die Seeleute konnten sie nicht hören.
Verzweifelt sah sie hin und her und entdeckte an einem kleinen Steg den Nachbarn Knut mit seinem Boot, dem ‘Fliegenden Holländer’. Er war gerade von einer Fahrt zurück gekommen und packte die Segel ein.
Doch als im das weinende Mädchen erzählte, was gerade vorgefallen war, gab er sich einen Ruck und machte sich sofort wieder startklar. Ein paar Minuten später stachen sie zusammen in See.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das größere Schiff eingeholt hatten. Aber dafür hing Molly noch dort, wo Anna-Lena ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Sie gingen längsseits, fuhren also direkt nebeneinander und riefen den anderen Seeleuten zu, dass sie den Teddy herunter pflücken sollten. Erst jetzt bemerkten diese ihren blinden Passagier.
Doch in diesem Moment, als ein Matrose zugreifen wollte, änderte der Wind seine Richtung und blies den Bären von Bord.
Hoch hinaus und immer höher wurde das Fellknäuel geweht. Bald schon war er nicht mehr, als ein kleiner dunkler Punkt vor den grauen Wolken. Es schien, als würde Anna-Lena ihren Liebling nie wiedersehen.
Aber Knut gab nicht auf.
“Wenn dein Teddy nicht herunter kommen will, dann müssen wir halt hinter ihm her. Schließlich heißt mein Schiff nicht umsonst ‘Fliegender Holländer’.”
Er holte ein paar zusätzliche Segel hervor und zog einige davon am Masten hoch. Die restlichen hängte er an langen Seilen auf und lies sie wie Drachen vor dem Boot wie Drachen fliegen.
Und dann geschah das Unglaubliche. Sie hoben tatsächlich ab und ließen das Meer unter sich zurück. Sie flogen hinauf, durch die Wolken hindurch und dem Himmel entgegen. Molly war ihnen direkt voraus.
Da sie aber nicht schnell genug waren, konnten sie ihn nicht einfangen.
Anna-Lena fragte sich, was sie nun tun könnten. Sie wusste sich keinen Rat mehr.
Knut schon.
“Wir segeln durch die Milchstraße. In ihrer Strömung sind wir schneller. Dann fahren wir an deinem Teddy vorbei und werden dann einfach darauf warten, dass er auf uns zu kommt.”
Das Blau des Himmels wich bald einem mit vielen hellen Sternen übersäten Schwarz. Dann gab es einen Ruck und sie wurden immer schneller. Sie hatten die Milchstraße erreicht.
Schon bald tauchte der nun langsamere Bär neben ihnen auf fiel immer mehr zurück.
“Jetzt holen wir ihn uns!”, sagte Knut.
Er lenkte den ‘Fliegenden Holländer’ aus der Strömung heraus und hielt an. Molly kam langsam näher geflogen und landete direkt in Anna-Lenas Armen. Sie drückte ihn fest an sich und lies ihn auf dem ganzen Rückweg nicht mehr los.
Zurück auf der Erde bedankte sie sich sehr bei Knut und lief nach Hause, um ihrer Schwester alles von diesem tollen Abenteuer zu erzählen, aber diese glaubte ihr davon kein einziges Wort.
Wenn Anna-Lena ihr den kleinen Beutel mit dem leuchtenden Sternenstaub aus der Milchstraße gezeigt hätte, den sie während der Heimkehr gesammelt hatte, wäre das bestimmt überzeugend gewesen. Aber den versteckte sie lieber unter ihrem Kopfkissen. So erinnerte er sie jeden Abend vor dem Schlafen gehen an dieses verrückte Abenteuer.

(c) 2005, Marco Wittler