589. Nik und Nele und das Weltraummonster (Nik und Nele 12)

Nik und Nele und das Weltraummonster

Die Zwillinge Nik und Nele lagen in ihrem Etagenbett und sollten eigentlich schlafen. Zumindest hatte Mama darauf bestanden. Schlafen konnten die beiden aber trotzdem nicht. Zu groß war die Abenteuerlust. Sie wollten noch etwas unternehmen.
»Wohin fliegen wir heute Nacht?«, fragte Nik von der oberen Matratze.
»Ich schaue mal in mein Weltraumbuch.«, antwortete Nele von unten und begann sofort zu blättern.
Normalerweise wartete Nik geduldig darauf, dass seine Schwester etwas fand. Doch dieses Mal, hatte er selbst Lust, ein Flugziel zu suchen. Er kletterte aus dem Bett und ging zur Balkontür. Dort stand das Teleskop, mit dem die Kinder abends immer die Sterne am Himmel beobachteten.
Er richtete das Teleskop auf den Mond aus und warf einen Blick hindurch.
Verdutzt zog er sofort seinen Kopf zurück und sah verwirrt zu Nele. Dann schaute er noch einmal zum Mond hinauf.
»Ich glaube, da stimmt etwas nicht. Wenn ich das richtig gesehen habe, wird der Mond von einem riesigen Weltraummonster angegriffen. Wir müssen sofort etwas unternehmen.«
Nele legte sofort ihr Buch zur Seite und sprang aus dem Bett.
»Kann doch gar nicht sein. Was soll das denn für ein Monster sein, das dem Mond gefährlich werden kann? Lass mich mal sehen.«
»Aber wenn ich es dir doch sage. Das Monster sieht unglaublich gefährlich aus uns ist sogar ein Stück größer als der Mond. Es wird ihn bestimmt fressen und dann die Erde angreifen.«
Nele schob Nik zur Seite und sah nun selbst durch das Teleskop in den Nachthimmel.
Sie begann zuerst zu grinsen, dann kicherte sie leise. Schließlich lachte sie fast so laut, dass Mama es hätte hören können.
»Du bist mir ja ein großer Angsthase. Du kannst eine Spinne nicht von einem Weltraummonster unterscheiden.«
Sie ging um das Teleskop herum und nahm eine kleine Spinne vom Objektiv auf. Das Tier war nur wenige Millimeter klein und krabbelte ängstlich auf Neles Hand hin und her.
»Die bringe ich mal lieber nach draußen, bevor sich dich noch auffrisst.«, neckte sie ihren Bruder.
»Ich glaube, wir bleiben heute Nacht zu Hause. Das Weltall ist eindeutig zu gefährlich für dich, Bruderherz.«
Sie öffnete die Balkontür, entließ die Spinne in die Freiheit und legte sich dann wieder ins Bett.

(c) 2017, Marco Wittler

577. Nik und Nele auf dem Planeten der Hunde (Nik und Nele 03)

Nik und Nele auf dem Planeten der Hunde

Es war ein schöner Oktoberabend gewesen. Nur leider wurde es mittlerweile schon viel zu früh dunkel. Die warme Sonne hatte sich hinter dem Horizont verkrochen und ihre warmen Strahlen gleich mitgenommen.
»Schon komisch, dass es jetzt so früh dunkel wird. Das ist im Sommer einfach schöner.« murmelte Nik in seinem Bett vor sich hin.
»Aber dafür schlaft ihr dann auch schneller ein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte nun auch Niks Zwillingsschwester Nele in die Dunkelheit hinein.
»Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hälst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an, holte ihr dickes Weltraumbuch unter der Decke hervor und blätterte ein paar Sekunden darin herum.
»Der Planet Pluto. Der ist so weit weg von der Sonne. Da ist es bestimmt ganz einsam. Der braucht unbedingt einen Besuch.«
Nik grinste. »Du weißt aber schon, dass Pluto kein Planet mehr ist?«
Nele nickte und verdrehte die Augen. »Ja, ich weiß, dass Pluto seit 2006 kein Planet mehr ist. Er ist nur noch ein Kleinplanet. Aber du hast vielleicht noch nicht mitbekommen, dass man dieses Jahr darüber geredet hat, ihn wieder zu einem echten Planeten zu machen.«
Sie klappte das Buch zu, legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Pluto. Intergalaktischer Raumflughafen.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während sie mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

»Die Umlaufbahn Plutos ist sehr ungewöhnlich. Er ist mal näher und mal weiter weg von der Sonne als sein Nachbar Neptun. Ihre Bahnen kreuzen sich immer wieder. Hoffentlich stoßen sie dabei nie zusammen.« dachte Nele über ihr Ziel nach.
»Wird schon gut gehen.« warf Nik ein. »Auch im Weltall gilt Rechts vor Links.«
»Wusstest du, dass man annimmt, dass Pluto mal ein Mond Neptuns war?« fragte Nele weiter.
»Neptun hat vor langer Zeit den Mond Triton eingefangen. Dadurch wurden Pluto und sein Mond Charon weggeschleudert. Nun drehen sie sich jeweils umeinander.«
In diesem Moment kamen sie an Charon vorbei, der nur ein kalter, grauer Felsbrocken war.
»Neben ihm gibt es noch vier weitere Monde. Nix, Hydra, Kerberos und Styx.«
Nik lachte laut. »Auf Nix ist bestimmt nix los.«
»Deswegen landen wir auch in wenigen Augenblicken auf der Oberfläche des Pluto.«

Die Landung war problemlos gewesen. Sanft hatte das Etagenbett seine Beine in den Staub der Plutooberfläche gesetzt und dann die schützenden Glasscheiben gesenkt.
»Wuff!« machte es plötzlich von einer Seite.
»Wuff!« kam es dann von der anderen Seite.
Von überall her stürmten Hunde heran. Kleine und Große, Dicke und Dünne, mit kurzem und langem Fell und tropfenden Sabbermäulern.
»Wo sind wir denn hier gelandet?« fragte sich Nik verwirrt. »Ich dachte, Pluto wäre unser Ziel gewesen und kein Hundetrainingsplatz.«
Nele schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Mensch. Denk doch mal nach. Der Planet heißt Pluto, wie der Hund von Micky Maus. Einer seiner Monde ist Kerberos. Das ist der Höllenhund bei den alten Griechen. Wir sind hier auf einem Hundeplaneten.«
»Hundezwergplanet!« verbesserte Nik grinsend.
Nun waren die Hunde heran. Sie setzten sich schwanzwedelnd vor das Bett und sahen die beiden Menschen erwartungsvoll an.
»Spazieren gehen?« fragte einer von ihnen.
»Werft mir ein Stöckchen! Werft mir ein Stöckchen.« ein anderer.
»Habt ihr Leckerlis dabei? Ihr habt doch bestimmt ganz tolle Leckerlis.«
»Ich will Gassi gehen. Ich habe extra meine Leine mitgebracht.«
In diesem Moment kam eine große Dogge anmarschiert. Sie war mindestens zwei Köpfe größer als alle anderen Hunde, die sich bereits versammelt hatten. Etwas scheu machte man ihr Platz.
»Sitz!« rief die Dogge. Alle Hunde setzten sich und wurden still.
»Ich bin hier der Leithund.« sagte die Dogge mit kräftiger Stimme.
»Ihr seid  ohne meine Erlaubnis auf unserem Planeten gelandet. Nach unseren Gesetzen steht darauf eine hohe Strafe.«
Die Zwillinge sahen sich ängstlich an.
»Auf das Betreten unseres Reviers stehen drei Jahre sozialer Dienst. Das bedeutet, ihr müsst nun jeden Tag mit uns Gassi gehen, uns Leckerlis geben, Stöckchen werfen und mir ganz persönlich den Bauch kraulen.«
Die Dogge legte sich auf den Rücken und machte einen Herz erweichenden Hundeblick.
»Bitte, bitte, bitte krault mich.«
Nele verdrehte die Augen und drückte entschlossen auf den roten Startknopf des Bettes.
»Das ist uns zu anstrengend. Aber wir schicken euch gerne mal  ein paar Schickimickidamen vorbei. Die tragen euch bestimmt gern den ganzen Tag in ihren großen Handtaschen durch die Gegend.«
Die Schutzgläser des Bettes hatten sich geschlossen. Nik und Nele flogen zurück zur Erde.
»Verrückte Planeten gibt es.« lachte Nele. Dann schlug sie ihr Weltraumbuch auf und suchte bereits nach dem nächsten Flugziel für eine andere Nacht.

(c) 2014, Marco Wittler

556. Tommi und die Rentiere (Tommis Tagebuch 11)

Tommi und die Rentiere

Hallo liebes Tagebuch, Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Das ist so unvorstellbar, dass ich es eigentlich niemandem erzählen möchte. Die Leute würden bestimmt denken, dass ich verrückt geworden bin. Dir schreibe ich trotzdem davon. Bei dir habe ich keine Angst, dass du es jemandem erzählst.
Also. Ich war heute Nachmittag mit Mama und Oma im Zoo. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sind die Gehege mit Lichtern geschmückt. Manchmal kann man einem Chor zuhören, der Weihnachtslieder singt und es macht einen riesigen Spaß.
Wir haben uns alles angesehen und waren von morgens bis abends unterwegs. Ich habe wirklich jedes Tier gesehen und ihm frohe Weihnachten gewünscht. Manche Tiere haben sich dafür gar nicht interessiert. Die kamen bestimmt aus Ländern, die Weihnachten gar nicht kennen. Aber alle anderen haben mir auch frohe Weihnachten gewünscht.
Irgendwann waren wir dann bei Tieren aus Nordeuropa und haben dort eine Herde Rentiere gesehen. Ja, echt. Richtige Rentiere. Die vom Nordpol. Die, die immer den Schlitten vom Weihnachtsmann durch die Luft ziehen, damit er Weihnachtsgeschenke verteilen kann.
Mama sagte, dass das nur normale Rentiere sind. Die vom Weihnachtsmann hätten gar keine Zeit bei uns im Zoo zu stehen. Sie müssten sich um den Schlitten kümmern. Aber das habe ich ihr nicht geglaubt. Ich war mir sogar sicher, dass ich Rudolph gesehen habe. Seine Nase hat zwar nicht rot geleuchtet, aber das musste sie auch nicht. Die leuchtet nur, wenn er den Schlitten zieht.
Als Mama und Oma mal kurz zur Toilette mussten, habe ich mich ganz dicht an den Zaun gestellt und zu den Rentieren gesprochen. Besonders Rudolph hat mir ganz aufmerksam zugehört.
Ich habe ihnen erzählt, dass ich das ganze Jahr über ein artiger Junge gewesen war, dass ich immer auf Mama gehört und meine große Schwester Nina nicht einmal geärgert habe.
Na gut. Das stimmte nicht so ganz. Aber ich habe wenigstens versucht, so oft wie möglich artig zu sein. Hat auch ganz gut geklappt.
Und dann habe ich den Rentieren erzählt, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Meinen Wunschzettel hatte ich dabei. Ich hab ihn laut vorgelesen, danach gefaltet und an den Zaun gesteckt.
In dem Moment kamen dann auch Mama und Oma zurück. Wir gingen weiter zum nächsten Tiergehege.
Ich habe den beiden erzählt, was ich gemacht habe. Sie haben nur gegrinst und leise gelacht. Wollten mir wohl immer noch nicht glauben, dass es die Rentiere des Weihnachtsmanns waren. Aber das war mir egal.
Ich drehte mich ein letztes Mal um. Und wer hätte das gedacht? Mein Wunschzettel war verschwunden. Und der Rudolph hat einmal kurz mit seiner Nase rot geglüht und mir zugezwinkert.
Ich freue mich schon jetzt auf meine Geschenke. Ich bin mir ganz sicher, dass Rudolph meinen Wunschzettel noch rechtzeitig zum Nordpol bringen wird.

Das war’s dann auch schon wieder. Bis zum nächsten Mal.
Dein Tommi.

(c) 2016, Marco Wittler

550. Der Schneesturm

Der Schneesturm

Es war einmal an einem sehr kalten Weihnachtsabend.
Zuhause hatte Mama bereits alle ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Der Baum war festlich geschmückt. An jedem Ast glitzerten und glänzten bunte Glaskugeln, Sterne und Lametta, zwischen denen immer wieder Strohsterne hingen und kleine Weihnachtsfiguren. Rundherum war eine Lichterkette gespannt, die das Wohnzimmer in ein warmes Licht tauchte.
Auf dem Herd dampften die Töpfe und der Ofen wachte über einen leckeren Braten.
Die Kinder saßen aufgeregt in ihren Zimmern. Sie lasen sich noch einmal die Gedichte durch, die sie vor der Bescherung aufsagen wollten.
Der einzige, der jetzt noch fehlte, war Papa.
Papa hatte, nicht wie in den letzten Jahren, frei bekommen. Bis zum Mittag hatte er gearbeitet und war nun mit dem Auto unterwegs nach Hause. Die lange Fahrt quer durchs Land sollte er bald geschafft haben.
Doch dann klingelte im Flur das Telefon.
Max hörte es in seinem Kinderzimmer. Er öffnete die Tür, stürmte die Treppe hinunter und nahm das Gespräch entgegen.
»Hallo, hier spricht Max. Wer ist dort am anderen Ende der Leitung?«
Inzwischen waren auch seine kleine Schwester Lea und Mama hinzu gekommen.
»Wie?«, fragte Max nach.
»Was? … Hm! … Achso! … Ehrlich? … Na gut. … Wann? … In Ordnung.«
Er legte auf und atmete einmal tief durch, bevor er den anderen erzählte, was er gerade gehört hatte.
»Das war Papa. Auf der Autobahn liegt viel Schnee und es geht nur langsam voran. Überall sind lange Staus. Er kommt etwas später nach Hause. Er versucht aber, einen anderen Weg zu finden, damit er rechtzeitig zum Essen da ist.«
Mama warf einen Blick auf die Wanduhr. »Das wird aber knapp. Ich bin mit dem Essen schon fast fertig. Hoffentlich fährt er vorsichtig und braucht nicht mehr zu lange.«

Die Zeit verging. Immer wieder sahen Mama und die Kinder auf die Uhr. Bei jedem Geräusch auf der Straße sahen sie zum Fenster heraus. Aber Papas Auto war nirgendwo zu sehen.
»Hoffentlich ist er nicht irgendwo im Stau stecken geblieben.«, machte sich Lea große Sorgen. »Im Fernsehen war mal ein Bericht über eine gesperrte Autobahn. Da mussten dann Helfer Decken und warmen Tee an die Autofahrer verteilen, damit sie nicht erfrieren. Die kamen erst drei Tage später zu Hause an. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Vorstellen wollten sich Mama und Max so etwas ganz gewiss nicht. Sie wollten Papa zu Hause haben.

Zur gleichen Zeit saß Papa hinter seinem Lenkrad und kam nur noch sehr langsam vorwärts. Wie wild flogen dicke Schneeflocken um sein Auto herum. Die weiße Decke auf der Straße wurde immer dicker. Die Reifen drehten immer wieder durch.
»Mist.«, fluchte Papa. »Wäre ich doch bloß im Stau auf der Autobahn geblieben. Vielleicht wäre ich dann schon zu Hause.«
Stattdessen hatte er eine Abfahrt genommen, um sich einen Heimweg über eine Landstraße zu suchen. Doch hier war das schlechte Wetter, dass mittlerweile ein echter Schneesturm geworden war, noch schlimmer.
Irgendwann war dann Schluss. Zwischen zwei Hügeln kam das Auto zum Stehen. Papa kam nicht mehr vor und nicht zurück. Für die Reifen war es zu glatt. Irgendwo im Nirgendwo war er nun gelandet und kam nicht mehr weiter.
»Oh, nein. Hier wird mich doch niemand finden. Was mache ich denn jetzt?«
Verzweifelt sah er sich um. Aber wegen des dichten Schneetreibens konnte man nur wenige Meter weit sehen.
»Wenn es hier nur ein Haus oder einen Bauernhof gäbe, in dem ich mich warm halten könnte, bis der Sturm sich gelegt hat. Aber bei dem Wetter kann ich auch nicht einfach drauf los marschieren. Dann verlaufe ich mich und werde erfrieren.«
Also wartete Papa. Eine Stunde. Zwei Stunden. Drei Stunden. Regelmäßig hatte er in dieser Zeit auf sein Handy geschaut. Aber hier draußen, weit weg von jeder Stadt hatte es keinen Empfang. Er konnte nicht einmal Bescheid geben, dass er stecken geblieben war.
Irgendwann wurde es Papa zu kalt. Seine dicke Jacke hatte er angezogen, Handschuhe und Mütze auch. Sogar eine Decke hatte er aus dem Kofferraum geholt. Aber das nützte schon lang nichts mehr. Er musste sich Bewegung verschaffen.
Widerwillig verließ er das Auto und hüpfte etwas im Schnee auf und ab, um sich aufzuwärmen.
»Nanu? Was ist denn das?«
Papa kniff die Augen zusammen. Irgendwas stand doch da auf der Straße. War da vielleicht noch ein Auto stecken geblieben?
»Hallo? Ist da wer? Können sie mich hören?«
Papa ging ein paar Meter, bis er überrascht stehen blieb. Mit allem hätte er gerechnet. Damit aber nun wirklich nicht.

Mama sah wieder auf die Uhr. Es wurde immer später. Noch immer konnte sie Papa nicht erreichen. ‚Kein Empfang‘ sagte ihr die Computerstimme im Telefon.
»Wo steckt der denn? Er sollte doch schon längst hier sein. Hoffentlich ist ihm nichts passiert.«
In diesem Moment hörte sie ein Rumpeln vor dem Haus. Sofort sprangen die Kinder von ihren Stühlen auf und liefen zum Fenster. Dort bekamen sie große Augen.
»Mama, komm schnell her!«, rief Max. »Das musst du dir anschauen, sonst wirst du es nie glauben.«
Nun kam auch Mama ans Fenster. Auch wenn sie sah, was dort draußen vor sich ging, wollte sie es nicht glauben.
»Das ist doch nicht möglich.«
Ein Schlüssel wurde in die Haustür gesteckt. Ein paar Sekunden später kam Papa herein. Er war allerdings nicht allein gekommen. Hinter ihm stand ein Überraschungsgast.
»Ich habs geschafft.«, schnaufte Papa glücklich. »Endlich bin ich wieder zu Hause. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schlimm dieser Schneesturm ist. Mein Auto wollte einfach keinen Meter mehr fahren. Zum Glück hat mich der Weihnachtsmann von oben gesehen. Er war so freundlich, mit abzuschleppen. Zum Dank hab ich ihn zum Essen eingeladen.«
Welch eine Überraschung. Der echte Weihnachtsmann. Und vor der Tür stand sein Schlitten und die Rentiere. Einfach unglaublich.
Ich konnte ihren Mann unmöglich da draußen im Schnee stehen lassen. Er irrte schutzlos auf der Straße umher. Wäre ich nicht zufällig vorbei gekommen, hätte er sein Auto niemals wieder gefunden und wäre erfroren.«
Der Weihnachtsmann trat ein, legte seine Mütze, Mantel, Handschuhe und Stiefel ab. Dann ließ er sich von den Kindern ins Wohnzimmer an den Esstisch führen, wo sie gemeinsam einen unvergesslichen Abend verbrachten.

(c) 2016, Marco Wittler

540. Mäuse auf dem Mond

Mäuse auf dem Mond

Ein kleines Raumschiff flog durch die Unendlichkeit des Alls. Nur wenn man wirklich richtig hinsah, hätte man es entdecken können. Für alle anderen war es praktisch unsichtbar, denn es war sehr, sehr klein. In ihm flogen Mäuse durch den Weltraum. Und so konnte es sich völlig unbemerkt der Erde nähern.
»Wir sind bald zu Hause, Captain.«, erklärte der Steuermann. »In zwei Stunden landen wir wieder auf der Erde.«
Der Captain nickte und seufzte laut.
»So lange dauert’s noch?«
Eigentlich wusste er ganz genau, wie lange es bis zur Landung dauern würde. Aber das half ihm auch nicht weiter, denn sein Magen knurrte schon so laut, dass man ihn im ganzen Raumschiff hören konnte.
»Gibt es unterwegs noch einen Schnellimbiss?«, fragte der Captain seine Leute.
»Hier im Weltraum? Hier gibt es nichts. Absolut nichts.«, antwortete der Steuermann.
Auch das wusste der Captain leider nur zu gut.
»Ich habe aber trotzdem Hunger. Ich werde garantiert verhungert sein, bis wir zu Hause sind. Schaut mich doch mal an. Ich bin nur noch Haut und Knochen.«
Er zog an seinem Fell, um zu zeigen, wie ernst es ihm war. Sein dicker Bauch half dabei allerdings nicht mit.
»Ist denn wirklich nichts mehr in unserer Küche?«
Der Mäusekoch schüttelte den Kopf. »Wir haben auf unserer langen Reise alles aufgebraucht. Das ist doch auch der Grund, warum wir jetzt nach Hause fliegen. Ich kann dir nur noch eine Banane anbieten. Aber gegen die bist du leider allergisch.«
Der Captain nickte und seufzte noch einmal so laut er nur konnte. Dann fiel sein Blick auf den großen Bildschirm vor sich, auf dem die Erde langsam größer wurde.
»Moment mal.«
Der Captain sprang aus seinem Sessel auf.
»Ich hab da eine Idee.«
Schnell lief er auf den Bildschirm zu und zeigte mit dem Finger darauf.
»Was ist das hier?«
»Das ist der Mond.« erklärte der Steuermann. »Ist aber gerade nur als Sichel zu sehen.
»Das ist die Idee. Wir landen auf dem Mond.«
Der Captain streichelte sich über seinen Bauch und schleckte sich über seine Lippen. Er hatte schon immer wissen wollen, ob der Mond aus Käse bestand, wie immer behauptet wurde.

Ein paar Minuten später landete das Raumschiff der Mäuse auf dem Mond.
»Hier sind wir richtig.«, war der Captain begeistert.
»Los! Schlagt euch die Bäuche voll und futtert den Mond auf. Es ist genug für alle da.«
Die Mäuse verließen ihr Raumschiff und mampften los. Der Mond schmeckte so herrlich nach Gouda, Gorgonzola, Edamer und Emmentaler. An jeder Ecke gab es einen anderen Geschmack.
Die hungrigen Mäuse futterten, bis der Mond komplett aufgegessen war. Dann betraten sie wieder ihr Raumschiff und machten sich auf den Weg zur Erde.
»Was machen wir denn jetzt mit dem Mond?« fragte der Steuermann.
»Wir haben ihn aufgegessen. Die Menschen werden sich bestimmt wundern, wenn sie ihn in der Nacht nicht sehen können.«
»Keine Sorge.«
Der Captain grinste und warf die Banane aus dem Fenster.
»Die Banane hat die gleiche Form wie der Mond. Das wird bestimmt funktionieren.«

Es funktionierte tatsächlich. Die Menschen sahen, wie in jeder Nacht, hinauf zum Himmel und erfreuten sich am Mond. Dieses Mal wunderten sie sich aber und fragten sich, warum er nicht mehr weiß, sondern gelb leuchtete.

(c) 2015, Marco Wittler

523. Muuuh, Määäh und I-Aaah

Määäh, Muuuh und I-Aaah

»Muuuh!« erklang ein lautes Geräusch aus dem Stall.
»Muuuh!« hörte sogar der Bauer in seinem Haus und auch die anderen Tiere auf der Weide.
»Muuuh?« wunderte sich das wollig weiche Schaf und sah sich um. »Hier stimmt doch etwas nicht. Aber was ist es nur?«
Das Schaf öffnete den Mund, rief laut und machte dabei »Määäh!«
Es nickte zufrieden. »Ich mache Määäh. Ich bin also das Schaf«.
Und es war gut, dass es das Schaf war, denn auf dem Bauernhof gab es nur eines von ihm.
»Jetzt bist du dran.« sagte das Schaf nun zum Tier, dass vor ihm stand.
»Muuuh!« machte es laut.
»Du machst Muuuh! Also musst du der Ochse sein.«
Der Ochse nickte zufrieden. Er war schließlich schon immer ein Ochse gewesen. Und von ihm gab es auch nur einen auf dem Bauernhof.
»Muuuh!« hörten die Beiden nun wieder aus der Scheune.
»Muuuh?« fragte wieder das Schaf.
»Wenn du bei mir bist, Ochse, wer steht denn dann in der Scheune und muuuht? Es gibt doch keinen zweiten Ochsen auf dem Bauernhof. Das sollten wir uns unbedingt anschauen.«
Schnell machten sie sich auf den Weg und liefen schnell in die Scheune.
»Muuuh!« ertönte es schon wieder.
Das Geräusch kam aus der hintersten Ecke.
»Muuuh!« machte dort ein großes, graues Tier mit langen Ohren.
»Muuuh?« fragte noch einmal das Schaf.
»Warum machst du ständig Muuuh? Du bist doch nicht der Ochse.«
»Was?« fragte das graue Tier. »Ich bin nicht der Ochse?«
Das Schaf schüttelte den Kopf und lachte.
»Nein, du bist nicht der Ochse, denn der steht neben mir. Du bist der Esel.«
»Achso!« antwortete der Esel. »Das habe ich ja völlig vergessen.«
Der Esel grinste und hörte auf, ständig Muuuh zu rufen. Nun machte er das, was er am Besten konnte. Er rief ganz laut: »I-Aaaah!«

(c) 2015, Marco Wittler

517. Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Auf einem Hochsitz mitten im Wald saß eine Gruppe Jäger. Jeder von ihnen hatte ein großes, schweres Gewehr dabei. Damit wollten sie Hirsche, Rehe und Wildschweine schießen. Gespannt sahen sie auf die große Lichtung hinab und warteten.
»Hier kommen sie jeden Tag vorbei.« erklärte einer von ihnen. »Auf der einen Seite der Lichtung befindet sich das meiste Futter, auf der anderen ein Bach, aus dem sie Wasser trinken können. Wir werden heute Abend auf jeden Fall mit mindestens einem großen Wildbraten nach Hause gehen.«
Die anderen Männer grinsten und freuten sich schon.
Ein paar Minuten später hörten sie ein Knacken im Unterholz. Sie wurden still, legten ihre Gewehre an und suchten nach dem ersten Tier. Und da kam es auch schon. Es war aber kein Hirsch mit riesigem Geweih, sondern nur ein kleiner Hase, der in einem wilden Zickzack über die Wiese rannte und einen Haken nach dem anderen schlug.
»Nanu? Was ist denn da los?« wunderten sich die Jäger.
Doch dann sahen sie schon die Antwort. Aus dem gleichen Busch stürmte ein Fuchs hervor, der dem Hasen nachjagte.
»Da hat wohl jemand Hunger.« lachte einer der Männer.
»Und der andere ist das Abendessen.« sagte ein anderer, während Hase und Fuchs auf der anderen Seite der Lichtung zwischen den Bäumen verschwanden.
Nur Sekunden später kamen sie wieder zurück. Wieder wurde der Hase gejagt. Dieses Mal aber in die andere Richtung. So ging es den ganzen Tag weiter. Mal in die eine, mal in die andere Richtung.
»Gibt es hier im Wald eigentlich nur einen Hasen und einen Fuchs?« wollte einer der Jäger wissen. »Ich dachte, wir würden hier Hirsche, Rehe und Wildschweine für unser Abendessen jagen. Was für eine Enttäuschung.«
Die anderen zuckten nur mit den Schultern.
»Hier ist es so langweilig. Hier würden sich nicht einmal Hase und Fuchs gute Nacht sagen.«
Enttäuscht verließen die Männer ihren Hochstand, packten die Gewehre ein und gingen mit knurrenden Mägen nach Hause, die wohl nur mit einem Butterbrot gestopft werden würden.

Währenddessen ging am Horizont langsam die Sonne unter. Hase und Fuchs liefen ein letztes Mal auf die Lichtung. Dieses Mal aber viel langsamer als in den letzten Stunden. Sie nicht erschöpft, sondern hatten es nun nicht mehr so eilig.
»War eine tolle Idee von dir, die Jäger abzulenken.« sagte der Fuchs.
»Vielen Dank.« antwortete der Hase glücklich. »Das war die einzige Möglichkeit, die Jäger von den anderen Tieren abzulenken, damit sie still und leise hinter dem Hochstand zum Bach schleichen konnten.«
Lachend verabschiedeten sich die zwei Freunde voneinander und wünschten sich dann doch an diesem nicht ganz so einsamen Ort eine gute Nacht.

(c) 2015, Marco Wittler

Hörgeschichte 29 – Die dicke Hummel

Die dicke Hummel – gelesen von Christina Heger

Mehr von Christina findest du hier.

460. Der letzte Schmetterling

Der letzte Schmetterling

Siggi wachte auf. Um ihn herum war alles dunkel. Er gähnte laut und wollte sich einmal kräftig strecken, aber das funktionierte irgendwie nicht.
»Ach, fast hätte ich es vergessen. Ich stecke ja noch in meinem Kokon.«
In einem Kokon? Ja, genau. Siggi steckte in einem Kokon, denn er war ein Schmetterling, der gleich schlüpfen würde.
Also öffnete Siggi vorsichtig seinen Kokon, schlüpfte daraus hervor und breitete das allererste Mal seine bunten Flügel aus.
»Herrlich. Das tut richtig gut.«, seuzte er zufrieden.
»Und dann scheint auch noch die Sonne. Es gibt bestimmt keinen schöneren Zeitpunkt, um ein neues Leben zu beginnen.«
Nach ein paar Minuten begann Siggi das erste Mal mit seinen Flügeln zu schlagen und flog davon. Es ging hin und her, quer über die Blumenwiese und von einer Blüte zur anderen. Überall, wo er landete, schnupperte er an den duftenden Pollen und naschte etwas vom süßen Nektar.
»Mh, ist das köstlich. Wir Schmetterlinge führen ein richtig gutes Leben.«
Genau in diesem Moment fiel es ihm auf. Da waren keine anderen Schmetterlinge. Nirgendwo war einer von ihnen zu sehen. Siggi war ganz allein auf der großen Blumenwiese.
»Das ist ja seltsam. Wo sind denn die anderen Schmetterlinge? Als wir noch Raupen waren, gab es so viele von uns, dass wir uns nicht einmal zählen konnten.«
Siggi schlug wieder mit den Flügeln und machte sich auf die Suche. Aber es war kein anderer Schmetterling zu finden. Er blieb allein.
»Bin ich etwa der letzte Schmetterling der ganzen Welt? Was ist da bloß passiert?«
In diesem Moment hörte er ein paar Stimmen um sich herum.
»Mensch, Siggi. Musst du denn so einen Krach machen? Wir haben so gut geschlafen.«
Siggi sah sich verwundert um, bis er überall Kokons entdeckte, aus denen gerade weitere Schmetterlinge schlüpften.
»Du verdammter Frühaufsteher. Warum schlüpfst du auch als Erster? Kein Wunder, dass du allein gewesen bist.«
Da fiel Siggi ein riesiger Stein vom Herzen. Er war doch nicht der letzte Schmetterling der Welt. Nun sah er seinen Freunden vergnügt beim Schlüpfen zu und half, wenn jemand nicht aus eigener Kraft aus dem Kokon krabbeln konnte.

(c) 2013, Marco Wittler

457. Der gierige Affe

Der gierige Affe

Der kleine Affe saß unter einer großen Bananenpflanze und sah hungrig nach oben.
»Ich habe Hunger.«, rief er seiner Mutter zu.
»Holst du mir eine Banane?«
Die Affenmutter war verzweifelt. Alle ihre Kinder kletterten mittlerweile ganz allein an Bäumen und Sträuchern nach oben und holten sich ihr Essen selbst. Nur der Kleinste von ihnen wollte einfach nicht lernen, wie man klettert. Vielleicht war er aber auch nur zu faul.
»Versuch es doch mal selbst. Irgendwann musst du es doch mal lernen. Ich kann nicht den Rest deines Lebens für dich sorgen.«
Der kleine Affe sah wieder nach oben zu den leckeren Bananen.
»Aber Klettern ist so schwer und so anstrengend. Das schaffe ich nie. Du kannst das viel besser.«
Die Affenmutter seufzte und kletterte an der großen Pflanze nach oben.
»Das ist aber das letzte Mal. Ab Morgen musst du dir den Essen selbst holen.«
Der kleine Affe jubelte, als er seine Banane bekam. Es dauerte nur wenige Sekunden bis er sie geschält und gegessen hatte.
»Mehr, ich will mehr. Die sind ja so lecker.«
Wieder kletterte die Affenmutter hoch und holte eine Banane.
»Noch mehr. Noch viel mehr.«
Rauf und runter kletterte die Mutter. Der kleine Affe schien aber nicht satt zu werden. Er wollte immer mehr. Irgendwann reichte es ihr.
»Nein. Ab jetzt werde ich dir nichts mehr holen. Du bist so gierig, dass du gar nicht mehr weißt, wann Schluss ist. Jetzt musst du dich selbst um deine Bananen kümmern. Lern endlich Klettern oder verhungere.«
Dann verschwand sie, ohne sich noch einmal umzusehen, im dichten Urwald.
Der kleine Affe hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich gehen würde. Deswegen war er nun richtig überrascht.
»Pah, wenn du mir nicht mehr helfen willst, hole ich mir meine Bananen eben selbst. Die sind so lecker, dass ich das auch allein schaffe. Ich brauche dich nicht. Und ohne Klettern schaffe ich das garantiert auch.«
Er versuchte mit den Armen nach den Bananen zu greifen, kam aber nicht ran. Beim zweiten Versuch machte er sich richtig lang, schaffte es aber trotzdem nicht.
»Verdammt. Irgendwie muss das doch gehen.«
Der kleine Affe machte einen langen Hals und wollte nun die Bananen direkt von der Pflanze fressen. Aber immer noch fehlte ein gutes Stück, bis er auch nur in die Nähe der Leckereien kam.
Er machte seinen Hals noch länger, reckte seinen Kopf so hoch er nur konnte. Zentimeter für Zentimeter schob er ihn in die Höhe. Er konnte die Bananen schon riechen. Und nach ein paar Minuten, er hatte selbst schon nicht mehr damit gerechnet, stupste er mit seiner Nase an der ersten Banane an.
»Juhuu, ich habe es geschafft.«
Vor Freude biss er in die Banane und schluckte ein Stück von ihr herunter.
»Seht her, was ich kann.«, rief er in den Urwald zu seiner Affenfamilie.
»Ich kann Bananen fressen, ohne zu klettern.«
Doch als die Affen neugierig aus dem Dickicht kamen, lachten sie sich fast tot, denn der kleine Affe hatte einen unglaublich langen Hals bekommen. Seine Mutter schüttelte den Kopf.
»Was hast du denn jetzt nur wieder angestellt?«
Der kleine Affe grinste.
»Ich hatte keine Lust zu klettern. Also hab ich einfach meinen Hals länger gemacht.«
So war aus dem gierigen Affen die erste Giraffe geworden.

(c) 2013, Marco Wittler