326. Was für ein Sommer

Was für ein Sommer

»Was für ein Sommer.«, murmelte Opa vor sich hin.
»Es ist doch kein Wunder, dass es jeden Tag regnet, wenn so viele Wolken am Himmel hängen.«
Und so war es auch. Seit drei Wochen konnte man nun schon nicht mehr vor die Tür gehen. Die Regentropfen prasselten ohne Pause zu Boden. Mittlerweile waren sogar die Bäche und Flüsse in der Nähe bedrohlich angestiegen. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis große Überschwemmungen die umliegenden Wiesen bedrohen würden.
»Ich will endlich nach draußen gehen.«, beschwerte sich Daniel.
»Es ist doch viel zu langweilig, den ganzen Tag nur im Haus zu sitzen.«
Da musste ihm Opa zustimmen.
»Und genau deswegen machen wir uns jetzt wetterfest und gehen an die frische Luft.«
Daniel und Opa holten alles was sie brauchten aus dem großen Schrank im Flur. Regenmäntel, Gummistiefel, Schirme, große Mützen. Daniel holte sogar seine Taucherbrille.
»Wofür brauchst du die denn?«, lachte Opa.
Daniel stemmte die Fäuste in die Seiten und legte ein breites Grinsen auf.
»Wenn der Regen mir zu stark ins Gesicht prasselt und ich nichts mehr sehen kann, setze ich die Brille auf.«
Die Beiden machten sich gemeinsam auf den Weg. Schon die ersten Meter waren eine große Herausforderung. Pitsch patsch, ging es durch knöchelhohe Pfützen. In jeder noch so kleinen Vertiefung hatte sich das Wasser gesammelt. Daniel hatte sogar das Gefühl, hier und da ein paar Frösche durch den Augenwinkel zu sehen.
Opa entschied sich für einen Ausflug auf einen nahe gelegenen Hügel. Er zeigte mit dem Finger zur Spitze hinauf, die irgendwo in den Wolken verschwand.
»Schau dir das mal an. Wenn die Spitze so hoch liegt, dann haben wir vielleicht das Glück, dass wir es zu Fuß über die Wolken schaffen. Dann können wir heute vielleicht doch noch den blauen Himmel und die strahlende Sonne sehen. Dann setzen wir uns in das Bergrestaurant und essen uns etwas Leckeres.«
Das hörte sich nach einer sehr guten Idee an. Daniel lief bereits das Wasser im Munde zusammen, hatten sie doch das letzte Mal dort oben einen unglaublich leckeren Zwiebelkuchen gegessen.
Schritt für Schritt kamen sie ihrem Ziel näher. Der Fußpfad führte an einem reißenden Bach entlang, der normalerweise nur vor sich hin plätscherte oder sogar manchmal austrocknete. Und dann verschwanden die beiden Ausflügler in den Wolken.
Nun war fast nichts mehr zu sehen. Dicke Nebelschwaden umgaben die Beiden. Doch nach ein paar Minuten durchbrachen sie die Wolkendecke und der Himmel wurde sichtbar.
»Du hattest Recht, Opa.«, rief Daniel begeistert.
Er zog sich den Regenmantel aus und nahm seine Mütze ab. Doch dann blieb er verwirrt stehen.
»Das ist ja seltsam. Die Wolken kommen aus dem Restaurant.«
Tatsächlich war das Küchenfenster weit geöffnet. Aus dem Raum dahinter kamen kleine Wölkchen geflogen, die sich sehr schnell zu großen zusammen zogen und davon schwebten.
»Das müssen wir uns genauer anschauen.«, entschied Opa.
Und da sahen sie es auch schon. Neben dem großen Herd stand ein Küchenjunge, der unentwegt Zwiebeln schneiden musste. Als er die beiden Beobachter entdeckte, schniefte er laut und zuckte mit den Schultern.
»Seit drei Wochen stehe ich hier jeden Tag und muss die Zwiebeln für den leckeren Zwiebelkuchen schneiden. Aber der Zwiebelsaft lässt mich die ganze Zeit weinen.«
Die Tränen des Küchenjungen tropften herab und landeten auf dem heißen Herd. Dort verdampften sie, bildeten kleine Wölkchen und flogen durch das offene Fenster davon.
»Jetzt weiß ich auch, warum es die ganze Zeit regnet.«
Opa schmunzelte.
»Was machen wir denn jetzt?«
Eine Idee wollte ihm nicht einfallen, also sah er seinen Enkel an.
Daniel bekam plötzlich große Augen.
»Ja, genau. Das ist es.«
Er kramte in seiner Jackentasche und holte die Taucherbrille heraus.
»Wenn du die aufsetzt, wirst du nicht mehr weinen müssen.«
Die tat der Küchenjunge sofort. Von einem Augenblick zum anderen waren die Tränen gestoppt.
»Der Einfall ist genial. Jetzt kann ich ganz in Ruhe arbeiten.«
Zum Dank ließ er seine beiden Helfer köstlich bewirten mit leckerem Zwiebelkuchen und frischem Fruchtsaft.

Einen Tag später hörte der Regen auf, die Wolken verschwanden und der Himmel war wieder zu sehen. Opa lehnte sich in seinem gemütlichen Gartenstuhl zurück und genoss die Wärme der Sonne.
»Was für ein Sommer.«, murmelte Opa vor sich hin.

(c) 2010, Marco Wittler