222. Rettung in letzter Sekunde

Rettung in letzter Sekunde

»Piraten!«, brüllte der Matrose im Krähennest.
Sofort waren wir alle wie elektrisiert. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten und es mir eiskalt den Rücken herab lief.
Ich kletterte an einer Strickleiter den Masten hinauf, hielt mir die rechte Hand vor die Stirn und sah mich um. Und da waren sie. Sie kamen von Achtern und nutzten es aus, dass die Sonne direkt hinter ihnen stand. So hatten wir sie erst sehr spät entdecken können.
Aber war es auch schon zu spät, um uns in Sicherheit zu bringen?
»Captain, was sollen wir tun?«, fragte mich mein Steuermann.
»Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, entern sie uns.«
Das war mir alles bewusst. Wir kannten die Gerüchte nur zu gut, dass ganze Schiffsbesatzungen grausam getötet wurden. Kielholen und das Aufschlitzen der Bäuche waren da noch die harmlosesten Dinge, die diese Freibeuter ihren Opfern antaten.
»Macht die Kanonen scharf.«, befahl ich mit fester Stimme. In meinem Inneren sah es aber ganz anders aus.
Meine Männer bewegten sich schnell hin und her. Die Kanonenrohre wurden mit Schwarzpulver und Kugeln gefüllt. Unsere Chancen waren sehr gering, aber kampflos wollte keiner von uns aufgeben. Dem Tod würden wir schon früh genug in sein kaltes Auge blicken können.
Nach und nach holten die Piraten auf. Mit unserer kleinen Handelskogge konnten wir einfach kein Tempo machen.
Immer wieder sah ich mich um. Unsere Verfolger waren mit einem modernen Klipper hinter uns her. Damit konnten sie praktisch jedes kleinere Schiff einholen.
Doch was war das? Ich traute meinen Augen nicht. Also nahm ich das Fernrohr zur Hand und sah noch einmal genauer hin.
Am Masten unseres Verfolgers wehte die schwarze Flagge. Doch statt eines Totenschädels und der gekreuzten Gebeine war auf ihr ein komplettes Skelett mit einem Speer abgebildet.
»Schwarzbart.«, entfuhr mir ein Flüstern.
»Captain?«, fragte mich mein erster Offizier.
»Das ist Schwarzbarts Schiff. Sein Kapitän ist auch unter dem Namen Edward Teach bekannt. Vor einigen Jahren war er Freibeuter im Namen der englischen Krone. Doch mittlerweile arbeitet nur noch in die eigene Tasche. Man sagt, dass er mit dem Teufel gemeinsame Sache macht. Er soll angeblich die Seelen getöteter Matrosen direkt in die Hölle schicken.«
Auf meinem Schiff wurde es still. Ich spürte, wie Angst um sich griff. Hätte ich doch bloß nichts erzählt. Jetzt musste ich mir nicht nur etwas gegen die Piraten einfallen lassen, sondern auch noch meine Crew motivieren, mich dabei zu unterstützen, in einen ausweglosen Kampf zu ziehen.
Wagemutig sprang ich auf die Reling, zog meinen Säbel hervor und hielt ihn hoch in die Luft.
»Heute ist der Tage der Tage. Heute ziehen wir in die Schlacht. Unsere Herzen sind stolz und mutig. Wer kann es schon mit uns aufnehmen? Ein gesandter des Höllenfürsten kann nicht gegen fromme Seeleute bestehen. Heute Abend werden wir als Sieger im sicheren Hafen anlegen.«
Großer Jubel brandete mir entgegen. Ich hatte sie wieder auf meiner Seite. Sie standen hinter mir wie eine Armee. Doch das reichte einfach nicht. Wir brauchten eine geniale Idee.
»Macht die Kanonen bereit und feuert aus allen Löchern, sobald diese Schurken längsseits kommen. Wir werden sie gebührend empfangen.«
Kaum hatte ich den letzten Befehl gegeben, ging es auch schon los. Die Kanonenkugeln flogen uns um die Ohren. Nach und nach durchlöcherten wir uns gegenseitig die Segel. In die Plicht wurde ein Krater gerissen. Aber der Rumpf blieb heil und wir sanken nicht.
»So wird das nichts, Captain.«, hörte ich meinen ersten Offizier verzweifeln.
Nur zu gern hätte ich ihm Recht gegeben. Aber als Kommandant musste ich Stärke zeigen und den anderen ein Vorbild sein.
»Nichts da. Heute tragen wir einen Sieg der Ehre nach Hause, auch wenn wir nur noch auf einer morschen Planke heimkehren werden.«
Ich rannte hin und her. Aber mir fiel nichts ein. In meiner eigenen Verzweiflung rannte ich hinunter in die Kombüse. Der Smutje hatte sich unter seinem größten Kochtopf verkrochen und betete ohne Unterbrechung.
»Los steh auf. Ich brauche schnell etwas zu Beißen, um meine Gedanken zu ordnen. Sonst werden wir die Piraten nicht mehr los.«
Zitternd stand der Mann langsam auf und griff in seinen Schrank. Da er aber nicht hinsah, hielt er plötzlich etwas in der Hand, dass ich niemals gegessen hätte.
»Was ist denn das? Ich esse keine Insektenlarven.«
Es war die Lieblingsspeise eines unserer Matrosen, der von einer Insel in der Südsee stammte und sehr gewöhnungsbedürftige Geschmäcker hatte.
Ich wollte das Ungeziefer schon aus der Bullauge werfen, als mir etwas auffiel.
»Sag mal, sind das nicht…?«
Der Smutje schlug sich vor die Stirn.
»Ihr habt Recht, Captain. Das ist die Lösung.«
Gemeinsam stürmten wir zurück an Deck.
»Feuer einstellen!«, befahl ich.
»Hisst die weiße Flagge. Wir ergeben uns.«
Meine Männer trauten ihren Ohren nicht. Zuerst hatten wir wie Löwen gekämpft und nun warfen wir unsere einzige Überlebenschance über Bord. Das wollten sie einfach nicht glauben. Trotzdem vertrauten sie mir und befolgten meine Anweisungen.
Die Piraten stellten ebenfalls das Feuer ein und anschließend ihre Forderungen.
»Zuerst rückt ihr eure Wertsachen heraus. Wir wollen euer Gold. Was danach mit euch geschieht, entscheiden wir zu späterer Stunde.«
Schwarzbarts Stimme donnerte gnadenlos zu uns herüber.
»Alles klar.«, rief ich und warf die Insektendose auf das Piratenschiff.
Schwarzbart schnappte sie und öffnete sofort den Deckel.
»Soll das ein schlechter Scherz sein? Wo ist das Gold?«
Er kippte die Tiere aus, sah noch einmal in die Dose und fluchte erneut.
Ich hingegen begann laut zu lachen und mein Smutje stimmte fröhlich mit ein.
»Wie kannst du es wagen, mich auszulachen?«
Schwarzbart wurde rot im Gesicht. So zornig war er wohl schon lange nicht mehr gewesen.
»Vielleicht solltest du einmal den Boden unter deinen Füßen betrachten.«, rief ich grinsend zurück.
Der Pirat sah mich zuerst verwirrt an. Dann blickte er nach unten und erschrak. Die Holzwürmer, die ich ihm zugeworfen hatte, legten sich bereits kräftig ins Zeug. Schon nach wenigen Augenblicken hatten sie sich einen Weg in das Innere des Schiffs gefressen. Das Holz unter Schwarzbarts Füßen gab nach und er fiel durch das Deck.
Die Piraten erschraken. Mit einem solch hinterhältigen Angriff hatten sie gar nicht gerechnet. Also wussten sie auch nicht, wie sie sich gegen so kleine Gegner wehren sollten.
Sie versuchten es mit Wasser, aber das half nichts. Sie konnten nur noch zusehen, wie innerhalb weniger Minuten ihr ganzes Schiff aufgefressen wurde und es zu sinken begann.
»Viel Glück beim nächsten Mal. Mit uns darf man sich einfach nicht anlegen.«, rief ich den Freibeutern zu, bevor wir wieder Fahrt aufnahmen und nach Hause fuhren.

(c) 2009, Marco Wittler

104. Eine Nacht im Wald (Tommis Tagebuch 5)

Eine Nacht im Wald

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Fühlst du dich eigentlich wohl? Du liegst ja heute in einem fremden Bett und einem fremden Kopfkissen. Und fragst dich bestimmt, wie das denn passieren konnte.
Dann erzähl ich dir mal wie das gekommen ist.
Mama und Papa haben mich jetzt bei einer Kindergruppe angemeldet. Meine Schwester Nina macht das ja schon länger, aber ich war bisher immer zu klein dafür. Aber jetzt bin ich ein großer Junge und darf das auch.
Seit einer Woche gehöre ich jetzt dazu und schon stand etwas ganz Besonderes auf dem Plan. Dieses Wochenende übernachten wir in einer kleinen Hütte, die mitten im Wald steht. Eine Nacht haben wir schon hinter uns, die zweite fängt heute Abend an. Und deshalb liegst du jetzt in einem fremden Bett. Aber du musst keine Angst haben, denn ich bin ja auch hier.
Wir kamen gestern am späten Nachmittag hier an. Wir teilten uns sofort auf die beiden Zimmer auf und suchten uns die besten Betten aus. Hier sind drei Betten übereinander gebaut. Und ich darf ganz oben schlafen. Das ist richtig aufregend. Beim Beziehen des Bettzeugs mussten mir die anderen aber noch helfen. Das habe ich ja auch noch nie selber gemacht. Dafür gibt es doch zu Hause die Mama.
Kurz darauf gab es Abendessen. Riesige Berge Brot lagen auf dem großen Tisch. Dazu gab es alle möglichen Sorten Aufschnitt. Das war richtig lecker. Mit so vielen anderen Kindern macht alles einfach doppelt so viel Spaß.
Nach dem Spülen spielten wir noch ein wenig, um uns gegenseitig besser kennen zu lernen. Danach ging es ab ins Bett. Aber irgendwie passte da etwas nicht. Es gab fünfzehn Betten und wir waren fünfzehn Jungs. Die drei Gruppenleiter mussten dann in Schlafsäcken im Essraum schlafen.
Der erste Tag mitten im Wald war so aufregend gewesen, dass wir alle ziemlich schnell einschliefen.

Irgendwann tief in der Nacht wurde ich plötzlich wieder wach. Ich dachte erst, es gäbe bald Frühstück, aber auf meiner Uhr war es zwei Uhr.
Es war lauter Krach, der mich geweckt hatte. Draußen vor der Hütte wurde so viel Lärm gemacht, dass wir alle Angst bekamen.
»Da draußen sind bestimmt ganz fiese Verbrecher.«, flüsterte Nico.
»Ach Quatsch. Das sind wilde Tiere, die uns fressen wollen.«, behauptete Andi.
Die größte Angst hatte allerdings Lukas. »Das können nur Geister sein. Die machen immer solche Geräusche.«
Aus irgendeiner Ecke war sogar ein ›Ich will sofort nach Hause zu meiner Mami.‹ zu hören.
Sehen konnten wir gar nichts, denn die Fenster waren mit Holzläden verschlossen.
In diesem Moment kamen unsere Gruppenleiter herein. Sie wollten uns beruhigen. Wir bräuchten keine Angst haben. Sie würden gleich die Polizei rufen.
Da stellte ich mir die Frage, ob Polizisten wirklich Geister oder hungrige Raubtiere vertreiben könnten.
Michael, der älteste Leiter hatte gerade sein Handy ans Ohr gehoben, als er plötzlich etwas hörte und dann anfing zu lachen.
»Das sind weder Verbrecher, noch böse Tiere oder Geister. Da draußen sind ein paar Freunde von uns aus einer anderen Gruppe. Die machen nur einen Spaßüberfall.«, sagte er erleichtert.
Oh, man. Da waren wir alle beruhigt. Jetzt wurde es richtig aufregend, denn die da draußen hatten etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Sie wollten unsere Gruppenfahne klauen. Doch so einfach durften wir es ihnen nicht machen. Unsere Waldhütte musste mit allen Mitteln verteidigt werden.
Wir zogen uns alle an und bewaffneten uns mit Wasserpistolen. Schon nach ein paar Minuten waren wir bereit, einen Gegenangriff zu starten. Der Michael gab uns ein Zeichen, dass wir die Fensterläden öffnen sollten. Wir durften mit dem Wasser auf alles schießen, was sich da draußen bewegte. Es mussten mindestens zehn Angreifer sein. An uns kamen sie aber nicht heran. Sie wollten sich nämlich nicht nass spritzen lassen.
Es dauerte eine Viertelstunde, bis der erste Angriff vorbei war. Wir wurden nur mit ungefährlichen Wasserbomben beworfen, die aber alle an der Hüttenwand zerplatzten. Nicht einer von uns wurde getroffen.
Draußen wurde es schließlich still und unsere Gegner verzogen sich.
»Wir haben es geschafft und gegen sie gewonnen.«, jubelte ich laut.
Doch in diesem Moment landete ein Papierflieger in unserem Zimmer. Ich faltete ihn auseinander und las eine Botschaft vor.
Wir haben einen von euch geschnappt und mit in den Wald genommen. Er darf nur zu euch zurück kehren, wenn ihr uns eure Fahre gebt. Einer von euch soll damit allein auf den Waldweg kommen.‹
Alle lachten erst, weil wir niemanden vermissten. Doch irgendwer musste doch entführt worden sein. Wir liefen schnell zu Michael, um ihn zu fragen, was wir jetzt machen sollten. Aber wir fanden ihn nirgendwo. Er musste sich versteckt haben oder bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Aber er war in keinem der wenigen Räume zu finden.
»Oh, man, was sind wir doch dumm.«, rief plötzlich Andi.
»Sie haben Martin mitgenommen. Deswegen finden wir ihn nicht. Alle anderen sind schließlich noch hier.«
Wir schlugen uns alle mit der Hand vor die Stirn. Aber was sollten wir jetzt machen? Wir setzten uns alle zusammen mit den beiden anderen Leitern, Stefan und Alexander, in den Gruppenraum, um uns zu beraten. Uns fiel allerdings nichts ein, wie wir gegen zehn große Jungs gewinnen sollten.
Wir einigten uns also darauf, aufzugeben und die Fahne auszuhändigen.
Als Kurier wurde ich ausgewählt. Stefan faltete die Fahne ordentlich zusammen, steckte sie in eine Tasche und schickte mich vor die Tür. Durch ein Fenster leuchtete er mir dann den Weg, damit ich nicht über irgendwas stolpern konnte.
Als ich gerade auf dem Weg stand, kamen schon drei große Jungs aus den Büschen gestürmt. Sie umstellten mich und warfen einen Blick in den Beutel.
»In Ordnung.«, sagte einer von ihnen.
»Die Fahne ist drin.«
Sie nahmen sie mir ab und gaben ein Zeichen in die Dunkelheit. Daraufhin kam ein vierte Junge aus den Büschen und brachte Martin mit. Dieser war an den Händen gefesselt, wurde aber nun frei gelassen.
»Die Fahne könnt ihr euch dann am Sonntag Abend im Vereinsheim abholen, wenn ihr wieder nach Hause kommt.«
Sie lachten und verschwanden wieder im Wald.
Etwas enttäuscht saßen wir später alle im Gruppenraum und redeten noch einmal über alles, bevor wir wieder ins Bett gingen. Dort sahen wir dann etwas, worüber wir alle lachen mussten.
Tim, der kleinste in unserer Gruppe lag im Bett und schlief. Er hatte doch tatsächlich das ganze Überfallabenteuer verschlafen und nichts davon mitbekommen. Als wir ihn dann heute morgen wach machten, war er ganz enttäuscht, nicht dabei gewesen zu sein.

So, das war es dann auch. Ich muss nämlich jetzt Schluss machen, weil es gleich Mittagessen gibt.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler