163. Die Zähne des Vampirs

Die Zähne des Vampirs

Graf Richard Zahn von Dentavanien lief ruhelos durch sein düsteres Schloss. Es stand auf dem Gipfel eines hohen Berges inmitten einer flachen Ebene. Die Mauer waren grau bis schwarz und in der näheren Umgebung wuchsen weder Sträuche noch Bäume. Es schien, als sei das Land in der der Nähe des Schlosses gestorben.
Und nun lief der Graf hin und her und dachte über ein paar Probleme nach. Es war tief in der Nacht. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und der Mond bahnte sich verzweifelt einen Weg durch dichten Nebel.
»Ich habe so großen Hunger. Ich brauche Nahrung. Aber woher soll ich die nehmen?«
Das Schloss war mittlerweile völlig unbewohnt, bis auf den Grafen. Die umliegenden Dörfer waren schon vor längerer Zeit verlassen worden, denn es hielt sich das hartnäckige Gerücht, dass in dieser Gegend ein gefährliches Monster sein Unwesen treiben würde. Manche Leute schworen darauf, in Vollmondnächten einen Werwolf gesehen zu haben. Andere wussten nur zu gut, dass es sich um eine Gruppe Hexen handeln musste. Doch keiner von ihnen hatte Recht. Denn es handelte sich in Wahrheit um einen blutsaugenden Vampir.
Graf Richard sah in einen Wandspiegel hinein, doch niemand blickte daraus zurück.
»Ach, wenn ich doch nur ein einziges Mal noch mein Antlitz erblicken könnte. Aber als Vampir ist mir dieses Glück leider nicht vergönnt. Hätte ich geahnt, welche Probleme auf mich zukommen, hätte ich mich niemals in eine Kreatur der Nacht verwandeln lassen.«
Das mag verwirrend klingen, aber der Graf war tatsächlich als Mensch geboren worden. Erst durch das Trinken von Vampirblut wurde er ebenfalls eine untote Seele.
»Ich brauche frisches Menschenblut, sonst werde ich vertrocknen und verdursten.«
Doch dazu waren die Menschen viel zu weit fort gezogen und die Vorräte im Keller seit ein paar Tagen verbraucht.
Graf Richard beschloss, dass er nicht mehr länger warten durfte. Er holte seinen Mantel aus dem Schrank, spannte ein paar Pferde vor seine Kutsche und ritt in die Nacht hinaus. Doch egal, durch welchen Ort er auch fuhr, nirgendwo war auch nur ein einziger Mensch zu finden.
»Soll ich mich etwa von Ratten- und Mäuseblut ernähren, wie ein Vampir niederster Art? Bin ich denn ein einfacher Bauernlümmel oder ein blaublütiger Herrscher mit eingenem Land?«
Er schnappte sich während der Fahrt eine Ratte und saugte ihr verzweifelt das Blut aus den Adern.
»Ich hoffe, dass es nicht zur Gewohnheit werden wird.«
Und weiter ging die Reise quer durch das Land. Während der Nacht hielt der Graf Ausschau nach Siedlungen und Städten. Tagsüber verbarg er seinen Körper vor den Strahlen der Sonne in einem kleinen Reisesarg.
Erst nach einer Woche traf er in einem bewohnten Dorf ein. Die Bewohner besahen sich die Kutsche mit großem Misstrauen, denn sie waren den Besuch adliger Leute nicht gewohnt.
Der Graf hingegen war mittlerweile so ausgehungert, dass es ihm egal war, ob ihn jemand bei einem seiner Überfälle sehen konnte oder nicht. Schnell wie ein Pfeil sprang er aus seinem Sarg heraus und stürzte sich auf den Hals einer jungen Frau.
Die Menschen waren entsetzt. Geschichten von Vampiren hatten sie oft gehört, aber noch nie einen von ihnen zu Gesicht bekommen.
In diesem Moment erschallte ein Schmerzensschrei über den Marktplatz. Er stammte allerdings nicht von der Frau, sondern von Graf Richard, der zurück zur Kutsche taumelte und sich beide Hände vor den Mund hielt.
»Meine Zähne, wo sind meine Zähne?«
Zuerst waren alle Leute verwundert. Doch dann zeigte die junge Frau die Halskette vor, die unter ihren langen Haaren versteckt war. Daran hatte sich der Graf seine Zähne ausgebissen.
Alle begannen zu lachen und jagten den Vampir wieder aus dem Dorf

(c) 2008, Marco Wittler

137. Vampirische Probleme

Vampirische Probleme

Graf Eberhard von Felsenstein hatte ein Problem. Keines, wie wir das kennen. Seines war ganz anderer Natur.
Während wir Menschen gern im Sommer in den Süden fahren und dort die Sonne genießen, zieht es der Graf vor, sein Leben in der Dunkelheit zu fristen. Eigentlich ist er sogar dazu verdammt, denn Eberhard von Felsenstein war ein Vampir.
Er war ein Geschöpf der Dunkelheit. Schon ein einziger Sonnenstrahl konnte seinem Leben das Ende bereiten. Daher zog er nur in den Nächten durch sein Land. Am Tage legte er sich im Keller in einen Sarg und wartete auf die Abenddämmerung.
Auch ein einfacher Pflock aus Holz oder eine silberne Gewehrkugel konnte ihm gefährlich werden und den Tod bedeuten. Es gab nämlich eine Menge Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Vampire zu jagen.
Vampire galten schon immer als sehr boshafte Kreaturen. Sie jagen uns Menschen nach, saugen unser Blut und verwandeln manche von uns ebenfalls in Vampire. So sagt man jedenfalls.
Davon hatte auch Eberhard schon gehört. Daher versuchte er sein Leben so gut es nur eben ging zu schützen. Er hatte viele menschliche Freunde, mit denen in den Nächten rauschende Feste feierte. So wurde niemals jemand auf sein dunkles Geheimnis aufmerksam.
Wie ist das denn mit dem Blut, mag man sich nun fragen. Nun, der Graf hatte einen einfachen Trick. Während der Feste gab es immer sehr viel zu essen. Meist gab es Fleisch von Ziegen und Schafen, deren Blut in der Küche extra aufgefangen und in Flaschen abgefüllt wurde. Der Vampir musste also keine Angst haben, zu verdursten, oder einen Menschen anfallen zu müssen.
»Einen Menschen beißen und sein Blut trinken? Oh nein, das könnte ich niemals mit meinem Gewissen vereinbaren. Sie täten mir viel zu sehr leid. Außerdem würde sehr schnell ein Vampirjäger auf mich aufmerksam.«, sagte sich Graf Eberhard jeden Tag.

Eines schönen Tages kam eine Kutsche in die Stadt. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn jeden Tag fährt der Postmann vor. Doch dieses Mal war ein verfegener Mann an Bord. Schon als er ausstieg, fiel er allen Bewohnern auf, denen er begegnete. Er trug einen langen schwarzen Mantel und feste Stiefel. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, den er tief über seine Augen gezogen hatte. Zusätzlich hatte er sich einen großen und schweren Rucksack umgeschnallt, der ziemlich komische Geräusche machte. Es klang nach metallischen und hölzernen Gegenständen.
»Was da wohl drin sein mag?«, fragte sich so manch eine Frau.
»Ob er darin Gold und Silber versteckt hält?«, vermuteten einige Männer.
Schon ging das Gerücht um, dass es sich bei dem Fremden, um einen Verbrecher oder einen reichen Millionär handeln musste. Allerdings stimmte weder das eine, noch das andere.
Der Fremde betrat das einzige Hotel der Stadt. Er füllte das Anmeldeformular an und suchte sein Zimmer auf. Der Angestellte hinter dem Tresen staunte nicht schlecht, als er sich die Angaben las.
»Albertino Demento, Vampirjäger aus Rom.«
Sofort wurde dem Angestellten flau im Magen.
»Aber es gibt doch gar keine Vampire. Zumindest habe ich in unserer Gegend noch nie davon gehört. Oder irre ich mich vielleicht? Warum sollte der Vampirjäger sonst hier sein?«
Sofort begann er nach einem Schal zu suchen, mit dem er seinen Hals schützen wollte.
»Mein Blut bekommt der Vampir nicht. Dafür werde ich schon sorgen. Er soll sich gefälligst ein anderes Opfer suchen.«

Es wurde Nachmittag, es wurde Abend. Die Sonne kam dem Horizont immer näher und verschwand schließlich komplett dahinter. Es wurde dunkel und die Nacht brach herein.
Albertino Demento kam aus seinem Zimmer. In seiner Hand hielt er den Rucksack, in dem ein langer Holzpflock steckte. Um seinen Hals hing ein silbernes Kreuz und eine Kette mit Knoblauchknollen.
»Ist es also war? Gibt es bei uns tatsächlich Vampire?«, fragte der Mann hinter dem Tresen.
»Das wird sich schon sehr bald heraus stellen. Ich gehe nur Gerüchten nach.«, antwortete Albertino.
Graf Eberhard veranstaltete an diesem Abend wieder ein großes Fest. Es waren viele Menschen eingeladen. Nach und nach kamen sie auf Schloss Felsenstein an und setzten sich an die unzähligen Tische, auf denen bereits die köstlichsten Speisen serviert wurden.
Der Graf hielt sich gerade in einem Nebenraum der Küche auf, um sich am frischen Blut der Ziegen und Schafe zu stärken, als plötzlich ein fremder Mann herein gestürmt kam.
Vor Schreck ließ Eberhard eine Flasche fallen. Sie zerbrach am Boden und das ganze Blut floss in alle Richtungen.
»Wer sind sie und was wollen sie hier?«
Der Mann zog seinen Hut ein Stück höher, öffnete seinen schwarzen Mantel und zog ein silbernes Kreuz hervor.
»Der heutige Abend wird dein Ende sein, Vampir. Du wirst nie wieder den Menschen ein Leid zufügen.«
Sofort kam dem Grafen ein Name in den Sinn. Albertino Demento, der gefährlichste aller Vampirjäger. Noch nie hatte eines seiner Opfer überlebt. Er hatte bisher jeden Vampir zur Strecke gebracht.
»Aber, ich bin gar nicht so schrecklich, wie du denkst. Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben einem Menschen auch nur das kleinste Leid zugefügt. Das Verspreche ich.«, stotterte Eberhard.
Doch Albertino hatte schon zu viele Märchen und Ausreden gehört, um dem Grafen zu glauben.
Mit dem Kreuz trieb er den Vampir nun vor sich her. Er wollte ihn in die Ecke des Raumes drängen. Von dort würde es keine Fluchtmöglichkeit geben.
Nun griff Albertino nach seinem Holzpflock. Er hielt ihn fest in seiner Hand, um ihn mit voller Wucht in das Herz des Vampirs stoßen zu können. Doch dann verlor er plötzlich den Boden unter den Füßen und fiel der Länge nach hin. Er war mit seinen Stiefeln in der Blutpfütze ausgerutscht.
Eberhard erkannte seine Chance, sprang über den Jäger hinweg und flüchtete. Demento sprang auf und lief sofort hinter ihm her. Die wilde Jagd ging quer durch das ganze Schloss und sollte er in der großen Festhalle enden.
Die Gäste waren schockiert, als sie den Mann in schwarz sahen. Seine Kleidung war von oben bis unten mit Blut verschmiert.
Der Graf erkannte die Situation und nutzte sie zu seinem Vorteil.
»Zu Hilfe. Bitte helft mir.«, rief er so laut er konnte.
»Dieser Mann ist ein Vampir. Er hat meinem Koch das Blut ausgesaugt und will mich nun töten. Unternehmt sofort etwas.«
Albertino wusste sofort, dass er gegen eine wütende Gruppe Menschen nicht gewinnen konnte. Er warf seine Jagdausrüstung weg, erhob die Hände und kniete sich auf den Boden. Selbst eine Erklärung würde nichts mehr nutzen, denn niemand würde ihm die Wahrheit glauben.
Schon wollten sich die ersten Männer auf Albertino stürzen. Doch in diesem Moment war der Ruf einer Frau zu hören.
»Haltet ein, bevor ihr noch einen Unschuldigen tötet. Ich weiß einen besseren Weg.«
Es war Silvana, die Tochter des Bürgermeisters. Sie gehörte zu den wenigen Menschen, die das Geheimnis des Grafen kannten. Und nun war sie an Ort und Stelle, um zwei Menschen das Leben zu retten. Sie stellte sich auf einen Tisch und zog sowohl Eberhard, als auch Albertino zu sich nach oben.
»Dieser Mann ist gar kein Vampir. Er rutschte im Keller aus und landete in einer Blutlache. Der richtige Vampir ist unser geliebter Graf.«
Die Zuhörer waren entsetzt. Damit hatten nun wirklich nicht gerechnet.
»Doch hört mir zu, bevor ihr alle einen Fehler macht. Hat es jemals einen Todesfall in unserer Stadt gegeben, der nicht aufgeklärt wurde? Ist jemals auch nur ein Mensch spurlos verschwunden? Ihr kennt alle die Antwort. Sie lautet nein. Denn unser Graf hat niemals einen Menschen angegriffen. Er trank bisher immer das Blut der Tiere, die ihr hier jeden Abend esst.«
Die Gäste konnten diese Argumente nicht widerlegen. Sie mussten Silvana Recht geben. Trotzdem waren sie angewidert von dem Gedanken, dass ein Mensch Blut trank.
»Herr Graf, ich habe da eine Idee.«, schlug plötzlich Albertino vor.
Er steckte die Hände in die Tasche und suchte etwas. Schließlich holte er eine Frucht hervor.
»Das ist eine Blutorange. Ihr Saft ist so rot wie Blut. Vielleicht könnt ihr euch daran gewöhnen.«
Eberhard nahm ein Messer vom Tisch, teilte die Frucht in zwei Hälften und drückte den Saft in ein Glas, bevor er davon trank.
»Vorzüglich, mein Bester. Das schmeckt ja sehr viel besser als Blut. Ich glaube, ich werde nur noch Blutorangen zu mir nehmen.«
Im Festsaal brach großer Jubel aus. Noch vor ein paar Minuten hatte jeder Angst, das nächste Opfer eines Vampirs zu werden. Und nun war dieses Problem für immer gelöst.
Der Graf lebte weiter glücklich auf Schloss Felsenstein und richtete gemeinsam mit Silvana Feste aus. Albertino Demento hängte seinen Beruf an den Nagel und kaufte sich eine Plantage für Blutorangen. Fortan belieferte er Vampire in aller Welt.

(c) 2008, Marco Wittler