148. Timmis grüner Bär

Timmis grüner Bär

Als Timmi noch ein kleines Baby war, bekam er zu seine Taufe ein Kuscheltier geschenkt. Es war ein Teddybär, den seine Patentante Michaela für ihn ausgesucht hatte.
Die Ohren des Bären waren ein wenig klein geraten, die Knopfaugen dafür zu groß und sein komplettes Fell war giftgrün.
Mama war entsetzt, als sie dieses Geschenk sah und hätte es nur zu gern irgendwo im Keller verschwinden lassen.
»Du meine Güte, was ist das bloß für ein hässliches Ding. Den hast du doch bestimmt vom Krabbeltisch gekauft. Willst du den nicht lieber noch einmal umtauschen?«
Aber Tante Michaela war da anderer Meinung. Immerhin passte der Bär wunderbar zu ihren grün gefärbten Haaren und Fingernägeln. Sie packte den Teddy aus und legte ihn zwischen die anderen geschenkten  Kuscheltiere.
»Lass den Kleinen doch einfach entscheiden. Park seinen Popo zwischen die unzähligen Bären und lass ihn einen davon aussuchen.«
Mit diesem Vorschlag war Mama zufrieden. Sie war sich sicher, dass ihr Sohn einen ausgezeichneten Geschmack besitzen und sich für ein ordentliches Kuscheltier entscheiden würde.
Also saß Timmi ein paar Minuten später in einem Kreis aus etwa zwanzig Stofftieren. Sprechen konnte er noch nicht, auch verstand er nicht, was nun von ihm erwartet wurde. Aber trotzdem sah er sich ganz genau um, bevor er zu lächeln begann. Er hatte sich einen neuen weichen Spielkameraden ausgesucht und krabbelte nun auf ihn zu. Er nahm ihn in seine Arme und drückte ihn ganz fest an sich.
»Na, was habe ich dir gesagt. Er steht auf grün, so wie seine Tante.«
Mama seufzte und räumte die restlichen Bären, Enten und anderen Tiere beiseite. Von nun an wurde nur noch grün gekuschelt.

Die Zeit und die Jahre vergingen. Timmi wuchs mit jedem Tag ein wenig mehr. Sein ständiger Begleiter durch dick und dünn war der giftgrüne Bär. Einen Namen hatte er ihm auch schon verpasst.
»Das ist Bruno. Der ist so cool.«
Denn niemand besaß einen Bären, der auch nur ansatzweise so verrückt aussah.
»Bruno und ich sind ganz dicke Freunde. Wir machen alles gemeinsam und sind niemals ohne den anderen unterwegs.«
Und damit hatte er Recht. Egal wo einer der beiden anzutreffen war, fehlte niemals der Zweite. Sie waren wie Zwillinge. Wenn Timmi krank im Bett lag, leistete ihm der Bär Gesellschaft oder wurde ebenfalls krank. Alleine zum Spielplatz? Auf keinen Fall. Bruno half beim Sandburgen bauen und wurde mehr als einmal unter der großen Rutsche verbuddelt. Sie fielen sogar gemeinsam in den kleinen Bach, der durch die große Wiese plätscherte.
Mama hatte sich inzwischen an dieses unzertrennliche Paar gewöhnt. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig. Denn sie hatte es in ersten Zeit oft genug versucht, Bruno gegen einen anderen Bären einzutauschen. Aber schon nach wenigen Minuten musste sie bereits nachgeben. Timmi konnte sehr laut schreien und weinen.
Mindestens einmal in der Woche musste Bruno gewaschen werden, so oft landete er im Sandkasten, in einer Pfütze oder im Garten zwischen den Büschen.
»Bär schmutzig«, sagte Timmi dann immer und sah Mama mit großen traurigen Augen an.
»Du musst schon ein wenig vorsichtiger sein, Timmi. Das Waschen ist nicht gut für sein Fell.«
Aber egal, wie oft Bruno in der Waschmaschine landete, er lief nicht ein, das Fell wurde nicht blass und die Nähte blieben heil.
»Dieses Kuscheltier ist wirklich hart im Nehmen. So robust sieht er eigentlich gar nicht aus. Da hast du tatsächlich einen guten Kauf getätigt.«, hörte Timmi eines Abends Mama zu Tante Michaela sagen.
Da drückte er seinen besten Freund besonders fest an sich.
»Hast das gehört? Du bist etwas Besonderes. Und nur ich besitze einen Bären wie dich.«

Die Urlaubszeit rückte näher. Timmi und Bruno waren inszwischen acht Jahre alt geworden. Mama packte die Koffer und Papa stopfte dann alles in das kleine Auto.
»Ich bekomme das nicht alles in den Kofferraum. Das ist viel zu viel.«, beschwerte er sich einmal pro Minute.
»Das schaffst du schon. Du schaffst das doch jedes Jahr.«, munterte ihn Mama auf.
Auch Timmi packte gerade seine wichtigsten Dinge zusammen. In seinem Reiserucksack steckten ein Buch, ein paar Hörspielkassetten und ein alter Fotoapparat von Opa.
Dann holte er seine Schultasche hervor und öffnete sie. Zwischen den Büchern, Heften und der Stiftetasche schaute Bruno hervor. Denn auch in der Schule durfte er nie fehlen.
»Na los, Bruno.«, sagte Timmi.
»Hüpf mal in den Rucksack. Wir fahren doch gleich zur Nordsee. Ich bin ja so neugierig, wie es dort ist. Ich war noch nie am Meer. Vielleicht sehen wir ja sogar ein paar Boote und Schiffe.«
Er zog den grünen Bären hervor und stopfte ihn in in die Urlaubstasche.

Während der langen Fahrt saß Timmi auf dem Rücksitz und schlief die meiste Zeit. In seinem Arm lag Bruno und schnarchte leise. Das machen Bären immer, wenn sie schlafen.
Wenn die beiden wach waren, zählten sie die Autos, die Papa überholte.
Als es dann allmählich dunkel wurde, kamen sie an ihrem kleinen Ferienhaus an. Timmi und Bruno schliefen schon wieder tief und fest und wurden von Papa ins Bett getragen.
»Er kann sich das Meer auch Morgen früh noch anschauen. Es läuft ihm ja nicht weg.«
Wenn Mama geahnt hätte, was sie da sagte, hätte sie bestimmt lieber den Mund gehalten.

Am nächsten Morgen war Timmi schon früh auf den Beinen und weckte sofort seine Eltern.
»Wann kann ich denn endlich das Meer sehen? Ich war doch noch nie in meinem Leben hier. Ich will es auf keinen Fall verpassen.«
Er drängelte während des Zähneputzens und drängelte beim Frühstück. Er ließ seinen Eltern keine Ruhe, bis sie endlich gemeinsam aufbrachen.
Ein paar Minuten Fußweg lag vor ihnen. Timmi hatte sich seinen Rucksack umgeschnallt und Bruno schaute daraus hervor. Der Bär durfte schließlich nichts verpassen.
Als die Vier allerdings oben auf dem Deich ankamen, sahen sie nur eine große matschige Fläche.
»Wo ist denn nun das Meer. Müssen wir jetzt noch durch den Matsch laufen? Ich dachte hinter dem Deich fängt es an.«
Timmi war sauer. Und Bruno hätte bestimmt auch geschimpft, wenn er hätte sprechen können.«
Papa musste lachen und Mama wurde rot im Gesicht.
»Jetzt ist gerade Ebbe.«, erklärte Papa. »Das Meer zieht sich alle paar Stunden zurück und kommt danach wieder hierher.«
Timmi nickte und bat darum, etwas später noch einmal nachschauen zu dürfen. Mama nickte. Danach gingen sie wieder in ihr Ferienhaus.
Timmi warf seinen Rucksack auf sein Bett und wollte hervor holen, aber der Bär war verschwunden.
»Bruno? Wo bist du? Ich habe jetzt keine Lust verstecken zu spielen.«
Aber Bruno antwortete nicht. Timmi durchsuchte das ganze Zimmer und nahm sich dann alle weiteren Räume vor. Aber sein Teddy blieb verschwunden.
»Bruno ist verschwunden.«, rief er laut und Tränen rannen seine Wangen herab.
Mama kam aus der Küche und sah ihren Sohn mitleidig an.
»Dann zieh dir deine Jacke an. Wir laufen noch einmal schnell zum Deich und suchen nach ihm.«
Mama konnte gar nicht glauben, was sie da gesagt hatte. Noch vor ein paar Jahren wäre sie überglücklich gewesen, das grüne Fellbündel loszuwerden. Doch nun hatte sie Mitleid mit ihrem Sohn. Außerdem war ich Bruno mittlerweile auch ans Herz gewachsen. Er war einfach ein Teil von Timmi und gehörte zur Familie.
»Wir werden ihn schon finden.«
Gemeinsam gingen sie die Strecke vom Morgen ab und suchten hinter jedem Stein und unter jedem Busch. Aber der Bär war nicht mehr zu finden. Timmi war so traurig, wie nie zuvor in seinem Leben und konnte nicht aufhören zu weinen.
»Er geht jetzt seinen eigenen Weg und erfüllt sich seinen ganz großen Traum.«
»Was?«, fragte Timmi verwirrt.
»Bruno ist nun ein großer Bär, so wie du ein großer Junge bist.«, erzählte Mama weiter.
»Sein Traum war es wohl immer, eines Tages an die Nordsee zu reisen, um dann dort mit einem Schiff über alle sieben Weltmeere zu segeln. Er hat sich von Tante Michaela an dich schenken lassen, weil er es genau gespürt hat, dass er mit deiner Hilfe seinem Traum näher kommen wird.«
»Aber warum ist er denn dann einfach verschwunden ohne sich zu verabschieden?«
Mama dachte kurz nach, bevor sich weiter sprach.
»Bruno hat gewusst, dass dir der Abschied sehr schwer fallen wird. Vielleicht hättest du ihn auch nicht gehen lassen wollen. Darum hat er sich ganz still auf den Weg gemacht, als wir hier oben auf dem Deich standen. Aber ich bin mir sicher, dass er es dir eines Tages erklären wird.«
Timmi nahm Mama an die Hand und ging mit ihr nach Hause. Der Schmerz im Herzen war immer noch da. Aber die Trauer wurde erträglicher.
Als dann später die Flut kam und die Wellen gegen das Ufer wogten, stand Timmi allein auf dem Deich. Er wollte sich nun von seinem besten Freund verabschieden. Gemeinsam mit Mama hatte er einen Brief geschrieben. Darin standen alle großen Ereignisse, die sie miteinander erlebt hatten, die Schönen und die weniger Schönen. Und er bedankte sich für die tolle Zeit.
Er rollte den Brief zusammen, steckte ihn in eine Flasche und warf ihn ins Meer.
»Machs gut Bruno. Ich werde dich nie vergessen.«

Ein paar Monate später saß Timmi zu Hause im Garten und baute einen Schneemann. Seinen grünen Freund hatte er nicht vergessen, aber er musste auch nicht mehr weinen, wenn er an ihn dachte. Er wusste ja, dass Bruno sich seinen Traum erfüllt hatte.
Einen neuen Bären hatte er sich nicht gewünscht, denn der wäre einfach kein guter Ersatz geworden.
In diesem Moment kam der Postbote an den Zaun und reichte Timmi ein paar Briefe an. Einer davon war ziemlich dick und war mit Marken aus einem fremden Land frankiert.
Auf dem Umschlag stand Timmis Name.
»Das ist ja komisch. Mir hat noch nie jemand einen Brief geschrieben.«
Er öffnete den Brief und las ihn sich durch.

Lieber Timmi.

Vielen Dank für die Flaschenpost, die du mir geschrieben hast. Sie ist vor ein paar Tagen hier in der Südsee an den Strand gespült worden. Durch Zufall habe ich sie dann entdeckt.
Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du so viele Jahre mein bester Freund warst und auf mich aufgepasst hast. Nur zu gern bin ich mit dir durch Dick und Dünn gegangen. Und nur durch deine Hilfe konnte ich mir meinen ganz großen Traum erfüllen und als Seebär durch die Weltmeere segeln. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.
Ich hoffe, du behälst mich in guter Erinnerung und wirst mich nie vergessen. Auch du wirst immer ein Teil von mir sein und in meinem Herzen bleiben.

Dein Bruno.

Timmi hatte Tränen in den Augen. Doch diesmal war es keine Trauer, sondern große Freude, dass sein Freund sich nun doch noch von ihm verabschiedet hatte.

(c) 2008, Marco Wittler

116. Das Tagebuch

Das Tagebuch

Nele saß in der Schule und unterhielt sich mit ihren Freundinnen. Der Unterricht hatte noch nicht begonnen. Sie hatten also genug Zeit, sich gegenseitig die wichtigsten Neuigkeiten zu erzählen.
»Ich habe am Wochenende ein Tagebuch von meiner Tante geschenkt bekommen.«, berichtete Marie.
Alle anderen Mädchen saßen da, machten große Augen und staunten.
»Was ist denn ein Tagebuch?«, fragte Nele.
»Ist das so eine Art Kalender?«
Marie schüttelte den Kopf und lachte.
»Ihr habt ja gar keine Ahnung. In ein Tagebuch schreibt man jeden Tag etwas rein. Dinge, die man erlebt hat oder worüber man nachdenkt, eure größten Geheimnisse.«
Die Mädchen staunten jetzt noch mehr. Doch dann war es mit ihrer kleinen Runde vorbei. Der Lehrer kam herein und bat die Schüler, ihre Bücher auszupacken.
Das Tagebuch ging Nele nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwie war das schon etwas ganz Besonderes. Man hatte alle Gedanken auf Papier und konnte nichts mehr vergessen.
Als sie mittags nach Hause kam, erzählte sie gleich ihrer Mutter davon und fragte, ob sie auch ein Tagebuch bekommen könnte.
»Aber sicher doch. Wenn du mir nach dem Essen beim Spülen hilfst, fahren wir zusammen in die Stadt und suchen ein hübsches Tagebuch und einen passenden Stift für dich aus.«
Nele freute sich und hüpfte in der Küche herum. So schnell wie an diesem Tag, hatte sie noch nie ihren Teller leer gegessen. Und noch bevor alle anderen fertig waren, stand sie bereits an der Spülmaschine und räumte alles Geschirr hinein, was sie finden konnten.
»Ich bin fertig Mama. Können wir jetzt fahren?«
Die Mutter musste lachen.
»Lass mich noch eben aufessen. Dann können wir los.«

In der Stadt suchten sie ein Schreibwarengeschäft auf. Es war ein recht kleiner Laden, hatte aber trotzdem eine sehr große Auswahl Tagebücher im Angebot.
Nele hatte es sehr schwer, sich eines auszusuchen. Immerhin würden darin die wichtigsten Dinge ihres Lebens stehen. Selbst die nette Verkäuferin konnte ihr nicht helfen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich schließlich für ein kleines Buch in rosa Farbe und aufgeklebten Blümchen entschied.
Ihre Mutter hatte währenddessen einen schicken bunten Füllschreiber gefunden, mit dem man besonders schön schreiben konnte.
Während der Rückfahrt blätterte Nele schon durch die Seiten und hatte viele Ideen, die sie noch am gleichen Nachmittag aufschreiben wollte. Alles sollte mit kleinen Blümchen und Herzchen verziert werden.
»Das wird bestimmt das schönste Tagebuch, das es je gegeben hat. Die anderen werden staunen.«
Als Mama zu Hause den Motor abstellte, drehte sie sich nach hinten um und gab ihrer kleinen Tochter noch ein paar Tipps.
»Ein Tagebuch ist aber nur für dich bestimmt. Du schreibst alles und irgendwann liest du es auch mal wieder. Aber anderen zeigt man es eigentlich nicht so oft, denn da stehen deine geheimsten Geheimnisse drin. Am Besten versteckst du es an einem Platz, den niemand kennt und wo es niemand finden kann.«
Nele nickte und steckte das Buch verstohlen in ihre Tasche. Nachdem sie ausgestiegen war, flitzte sie sofort ins Haus, weiter in ihr Zimmer, legte sich auf ihr Bett und begann mit dem Schreiben. Zuerst wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte, aber als sie den Stift auf das Papier setzte, ging es wie von allein.
Hallo liebes Tagebuch. Ich bin Nele, acht Jahre alt und liege gerade auf meinem Bett, während ich das allererste Mal in dich hinein schreibe. Ich war nämlich gerade mit Mama in der Stadt, wo wir dich gekauft haben. Bis bald. Deine Nele.‹
Für den Anfang gefiel es ihr schon ganz gut. Nun malte sie noch ein Blümchen und ein Herzchen neben ihren Text, klappte das Tagebuch zu und sah sich nach einem Versteck um.
»Unter das Kopfkissen? Ach nein, da wird dich Mama sofort finden, wenn sie das Bett macht. Im Schrank? Auch nicht. Da wird es jeder als erstes vermuten.«
Es war gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden.
Doch dann fiel ihr etwas ein. Sie holte eine Rolle Klebestreifen, eine Schere und einen alten Schuhkarton hervor. Daraus bastelte sie ein kleines Schubfach, welches sie unter ihren Schreibtisch klebte. Dort konnte sie ihr Tagebuch nun immer hinein schieben. Dort würde es nicht einmal ihr großer Bruder finden.
Und schon war die nächste Idee da. Nele holte das Tagebuch erneut hervor und schrieb noch ein paar Zeilen hinein.
Liebes Tagebuch. Da bin ich schon wieder. Pass immer gut auf dich auf und lass dich nicht von meinem großen Bruder erwischen. Der ist nämlich sehr neugierig und würde nur zu gern in dir lesen. Sollte er mal in mein Zimmer kommen, dann versteck dich gut. Bis bald. Deine Nele.‹

Am nächsten Morgen packte Nele ganz schnell ihre Sachen in ihre Schultasche, bevor sie zum Bus gehen musste. Am Abend zuvor hatte sie nichts mehr vorbereitet, weil sie bis zur Schlafenszeit in ihrem Tagebuch gemalt hatte.
In der Schule wurde es sehr hektisch. Die Kinder saßen mal hier und mal dort in einem Unterrichtsraum, verbrachten noch eine Stunde in der Sporthalle und schrieben eine Arbeit im Rechnen. Erst zu Hause kam Nele etwas zur Ruhe.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und wollte ihrem Tagebuch von ihrem bisherigen Tag berichten. Doch das Tagebuch war nicht mehr da.
»Das ist ja komisch. Es hat doch gestern Abend noch auf dem Schreibtisch gelegen. Wo ist es denn geblieben?«
Sie durchsuchte eine Stunde lang ihr ganzes Zimmer. Sie warf sogar einen Blick in das Zimmer ihres Bruders, ob er vielleicht schon in ihren geheimsten Geheimnissen blättern würde. Aber auch dort wurde sie nicht fündig.
Da fiel Nele ein, dass sie am Morgen alle Bücher, die auf dem Schreibtisch lagen, für die Schule eingepackt hatte. Sofort durchsuchte sie ihre Tasche. Aber wieder Fehlanzeige.
»Ach du Schreck. Ich hab es doch wohl nicht in der Schule verloren? Wenn das jetzt jemand findet und darin liest. Das wäre die größte Katastrophe, die ich mir vorstellen kann.«
Sofort lief sie zu ihrer Mutter und erzählte ihr von ihrem Pech. Gemeinsam riefen sie in der Schule an. Der Hausmeister war noch dort und erklärte sich bereit, einem kleinen verzweifelten zu helfen, seine geheimsten Geheimnisse zu finden.
Kurz darauf gingen sie zu dritt in der Schule von Klassenraum zu Klassenraum. Nele sah sich überall dort um, wo sie gesessen hatte. Aber zum Schluss musste sie mit ihrer Mutter, aber ohne Tagebuch, nach Hause fahren.
»Das ist das Schlimmste, das mir jemals passiert ist. Wenn jetzt jemand liest, was in meinem Tagebuch steht und es noch überall herum erzählt, dann kann ich mich nie wieder vor die Tür wagen.«
Sie schlurfte unter Tränen in ihr Zimmer und lies sich auf ihr Bett fallen. Während sie sich auf ihrer Decke hin und her rollte, fiel ihr Blick auf den Schreibtisch. Dort sah sie unter der Holzplatte ein kleines Schubfach aus Pappe mit einem rosa Büchlein kleben.
»Oh nein, was bin ich doch dumm. Da hab ich mir extra ein sicheres Versteck ausgedacht und finde es dann selber nicht mehr wieder.«
Nele lachte, holte das Tagebuch hervor und schrieb wieder etwas hinein.
Liebes Tagebuch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir heute passiert ist. Ich dachte den ganzen Nachmittag, dass ich dich verloren hätte. Überall habe ich nach dir gesucht, konnte dich aber nicht finden. Dabei warst du die ganze Zeit in deinem sicheren Versteck. Aber etwas Gutes ist schon daran. Jetzt denkt jeder, dass ich dich in der Schule verloren hätte. Also wird hier niemand mehr nach dir suchen. Ein so gut verstecktes Tagebuch hat bestimmt niemand anderes in meiner Klasse. Bis bald. Deine Nele.‹
Sie schloss das Tagebuch und versteckte es wieder unter dem Schreibtisch.

(c) 2008, Marco Wittler