449. Ein Specht im Garten (Hallo Oma Fanny 22)

Ein Specht im Garten

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich möchte dir heute etwas von unserem neuen Nachbarn berichten. Du denkst jetzt bestimmt, dass jemand im Haus nebenan eingezogen ist, aber das ist falsch. Unser Nachbar lebt draußen auf dem Ast unseres Kirschbaums. Er hat Federn, ist kunterbunt und hat einen langen Schnabel. Er ist nämlich ein Specht.
Ich habe ihn vor ein paar Tagen entdeckt. Immer wieder hörte ich ein seltsames Geräusch. ‚Ratata ratata ratata‘ machte es. Morgens, mittags, abends. Es hört gar nicht mehr auf. Also begann ich zu suchen und entdeckte den Specht.
Immer wieder hämmert er kräftig mit seinem spitzen Schnabel gegen den Baumstamm und pickt ein tiefes Loch in das Holz hinein.
Papa hat mir erklärt, dass er sich eine Höhle für sein Nest baut. Ich fand das richtig toll. In so einer Höhle kann man sich bestimmt gut verstecken. Also wollte ich auch eine für mich haben.
Ich lief schnell in mein Kinderzimmer, suchte einen spitzen Bleistift und ging damit in den Garten. Ich suchte mir den dicksten Baum aus, nahm den Stift zwischen die Zähne und klopfte damit so schnell ich konnte auf den Baum. Aber irgendwie wollte da kein Loch entstehen. Egal, wie viel Mühe ich mir auch gab, es funktionierte nicht.
Also probierte ich es noch mit meiner Nase aus. Doch das brachte auch nichts. Am Ende gab ich enttäuscht auf. Außerdem hatte ich Kopfweh bekommen. Mama sagte nachher, dass meinen Kopf nicht so oft gegen den Baum hätte schlagen sollen, aber das wusste ich mittlerweile selbst.
Ich ging zurück in mein Kinderzimmer, baute mir eine Höhle aus meinen Decken und verkroch mich für den Rest des Tagen darin.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

394. Der Streit

Der Streit

Lisa saß gelangweilt und traurig an ihrem Schreibtisch und sah lustlos aus dem Fenster. Vor ein paar Tagen war ihre enge Freundschaft zu Sarah zerbrochen. Sie hatten sich wegen einer kleinen Erdbeere zerstritten.
»Die Erdbeere ist in unserem Garten gewachsen. Also darf ich sie auch essen.«, hatte Sarah am Zaun behauptet.
»Die Pflanze gehört aber uns. Sie steckt in unserer Erde, also gehört die Erdbeere mir.«, hatte ihr Lisa entgegen geschrien.
Das Problem war, dass ein Teil der kleinen Pflanze durch den Zaun gewachsen war. Und nun hatte die begehrte Frucht auf der anderen Seite gelegen. Beide Mädchen hatten sie essen wollen.
Nach ein paar Minuten hin und her hatte niemand mehr etwas von der Erdbeere gehabt. Die Mädchen hatten sie zerquetscht.
»Daran bist nur du schuld.«, hatte Sarah mit hochrotem Kopf gesagt.
»Ich will dich nie wieder sehen.«, waren ihre letzten Worte gewesen.
»Geht mir auch so. Ich wollte dich eh nie als Freundin haben.«
Und nun saß Lisa am Fenster, sah zum Zaun hinab und ärgerte sich.
»Warum muss die auch so fies sein. Alles nur wegen einer blöden Erdbeere.«
Insgeheim war sie aber sauer auf sich selbst. Hätte sie ihrer Freundin die kleine Frucht überlassen, hätten sie sich nie zerstritten. Immerhin hatten an der Pflanze noch genug andere Erdbeeren gehangen.
»Na, schmollst du immer noch und spielst die kleine Prinzessin auf der Erbse?«
Es war Mama, die gerade ihren Kopf zur Zimmertür herein steckte.
»Geh doch nach draußen und spiel ein wenig. Bei so einem schönen Wetter sollte man an die frische Luft gehen und nicht zum Stubenhocker werden.«
»Aber was ist, wenn Sarah in ihrem Garten ist und mich sieht?«
Mama lachte.
»Dann schau halt einfach weg, wenn es dich stört.«
Also ging Lisa seufzend in den Garten und ließ sich in ihrem Sandkasten nieder.
»Huch? Was ist den das?«, wunderte sie sich plötzlich.
Da lag ein kleines Etwas und zitterte am ganzen Leib. Lisa sah noch einmal genauer hin. Es war ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest gefallen war.
»Warte, ich helfe dir.«
Vorsichtig nahm sie den Vogel auf ihre Sandschaufel, da sie genau wusste, dass die Vogelmutter ihn nicht mehr annehmen würde, sobald ein Mensch ihn berührt hatte.
»Jetzt müssen wir nur noch dein Nest suchen.«
Lisa fand es direkt über ihrem Kopf. Es war auf einem dicken Ast gebaut worden.
»Oh nein. Da komme ich allein gar nicht ran. Was mache ich denn jetzt? Ich habe nicht mal eine Leiter.«
Ihr fehlte nur ein paar wenige Zentimeter. Sie war einfach zu klein.
»Warte, ich helfe dir.«
Sarah hatte vom Zaun aus alles gesehen und kletterte nun auf die andere Seite.
»Ich bin doch ein Stück größer als du.«
Vorsichtig nahm sie die Schaufel, streckte sich nach oben und ließ den kleinen Vogel ins Nest rutschen.
»Dankeschön.«, sagte Lisa leise.
»He, Freunde müssen doch zusammen halten und sich gegenseitig helfen.«, antwortete Sarah und drückte ihre Freundin fest an sich.

(c) 2012, Marco Wittler

231. Katzen und Spatzen

Katzen und Spatzen

Piep saß mit seinen Freunden auf einem großen Platz mitten in der Stadt. Sie fraßen kleine Brotkrümel, die eine alte Frau auf den Boden geworfen hatte.
Moment mal. Jetzt fragst du dich bestimmt, wer so etwas macht. Dann will ich es dir erzählen.
Piep und seine Freunde waren kleine Spatzen. Sie flogen den ganzen Tag hin und her, rauf und runter. Zwischendurch fraßen sie dann, was sie bekommen konnten. Dieses Mal waren es Brotkrümel. Sie schmeckten richtig lecker und machten ordentlich satt.
Plötzlich  hörten sie von hinten ein Geräusch. Irgendwer schlich sich zur Futterstelle. Zuerst dachte Piep, es wäre wohl noch ein hungriger Vogel. Doch als er sich umsah, blickte er direkt in die Augen einer großen schwarzen Katze.
Da  sie nun entdeckt war, fauchte sie laut, duckte sich kurz und sprang dann in die Vogelgruppe hinein. Ganz wild schlug sie mit ihren Pfoten um sich. Aber ihre Krallen konnten keinen einzigen Vogel einfangen. Die Spatzen waren davon geflogen.
»Das war aber knapp.«, stöhnte Piep.
»Fast hätte uns dieser gefräßige Kater zum Mittag verspeist.«
Nach ein paar Minuten wurde es der Katze zu langweilig. Sie trottete fort und verschwand in einem großen Busch.
Da dauerte es auch nicht lange, bis sich die Spatzen wieder an die Brotkrümel trauten. Nach und nach flogen sie vom sicheren Baumast auf den Boden.
Nur leider hatten sie nicht an die gemeinen Tricks der listigen Katze gedacht. Kaum waren die Vögel mit Fressen beschäftigt, sprang sie aus dem Busch hervor. Doch auch dieses Mal hatte sie kein Glück.
»Wie sollen wir denn satt werden, wenn uns dieser gemeine Kater ständig stört?«, beschwerte sich einer der Spatzen.
»Ich glaube, ich habe einen Plan.«, sagte Piep schließlich.
Er flüsterte seinen Freunden etwas zu und flog dann direkt auf die Katze zu. Er landete auf ihrem Schwanz und hielt sich daran mit seinen Krallen fest.
Die Katze erschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie sah sich um und erblickte den kleinen Vogel. Sie wollte ihn fangen, doch egal, wie oft sie sich im Kreis drehte, ihr Schwanz tat es auch.
»Los, macht schon.«, rief Piep.
»Ich habe den Kater fest im Griff.«
Das ließen sich seine Freunde natürlich nicht zweimal sagen. Sie flogen zum Boden herab, sammelten alle Brotkrümel ein und verschwanden mit ihnen.
Als kein Futter mehr auf dem Boden lag, ließ Piep von der Katze ab und flog ebenfalls in den nahen Baum hinein. Auf einem der dickeren Äste warteten schon seine Freunde auf ihn.
»Das hat ja prima geklappt.«, lobten ihn die anderen.
»Du bist ein richtiger Held.«
Das hörte Piep nur zu gern. Und während er sich einen Brotkrümel schnappte und diesen mit seinem Schnabel zerkaute, sah er noch ein letztes Mal zur Katze hinab, die sich nun schwarz und lila ärgerte.

(c) 2009, Marco Wittler

210. Der unsichtbare Pfau

Der unsichtbare Pfau

Zoodirektor Müller spazierte die Wege entlang. Hin und wieder sah in eines der Tiergehege hinein und winkte den Bewohnern zu. Es waren große Bären, Tiger, Giraffen, Elefanten, aber auch kleine Erdmännchen, Waschbären, Hängebauchschweine und mehr.
Jeden Tag kamen unzählige Besucher hierher und bestaunten die vielen Tiere. Auf der anderen Seite der hohen Zäune und Glasscheiben besahen sich die Tiere ihre Besucher und staunten ebenfalls.
»Hast du das Kind mit dem großen Eis in der Hand gesehen?«, flüsterte ein Affe dem anderen zu.
»Ich wette, wenn ich gleich einen Purzelbaum mache, fällt das Eis zu Boden.«
»Zwei Bananen, dass es auf sein Eis aufpasst.«, ging der andere auf die Wette ein.
Und schon sprang einer der Affen vor das Fenster und machte einen Purzelbaum nach dem anderen. Doch das Eis blieb fest in der Hand des Kindes.
»Verdammt und zugenäht.«, fluchte er nach ein paar Minuten und übergab die zwei verlorenen Bananen.
So ging es jeden Tag. Die Menschen vertrieben sich ihre Zeit damit, die Tiere anzusehen. Und die Tiere taten das Gleiche, nur umgekehrt.
Zwei Seehunde kamen in diesem Moment durch eine Klappe aus ihrem Schlafraum und betraten das Gehege.
»Applaus, ich will unbedingt Applaus.«, rief einer der beiden.
Der Zweite stimmte sofort mit ein. Sie glitten in ihr Wasserbecken, tauchten von einer Seite zur anderen und vollführten atemberaubende Sprünge in die Luft. Für jedes Kunststück klatschten die Menschen so laut sie konnten.
Zoodirektor Müller sah den Besuchern und seinen Tieren nur zu gern zu. Er freute sich, dass sich hier jeder wohl fühlte und Spaß hatte.
Doch als er um eine Ecke bog, sah ein trauriges Tier. Es war Paul, der Pfau, der mit gesenktem Kopf einen Weg entlang schlich.
»Mensch, Paul, was ist denn mit dir los?«, fragte der Direktor.
Paul seufzte.
»Ach, Herr Direktor. Es ist einfach nur traurig. Tag für Tag durchstreife ich den Zoo. Ich laufe den Besuchern entgegen, gehe mit ihnen mit oder stehe ihnen sogar im Weg. Aber niemals werde ich beachtet.«
Er ließ einen weiteren Seufzer hören.
»Jedes Kind läuft an mir vorbei. Kaum kommen sie um die Ecke, höre ich schon ihre Stimmen. Sie wollen zu den lustigen Affen oder wollen den hungrigen Löwen bei der Fütterung zuschauen. Selbst die langweilige Riesenschlange, die sich den ganzen Tag über nicht bewegt, bekommt mehr Aufmerksamkeit als ich. Ich glaube, wenn ein Tier im Zoo nicht eingesperrt ist, wird es nicht als es Besonderes angesehen. Es ist fast so, als wäre ich komplett unsichtbar.«
Direktor Müller hatte sich das Problem genau angehört und versprach Paul, sich darum zu kümmern. Er wollte sich etwas einfallen lassen.
Am Abend setzte er sich in das Kassenhäuschen und verabschiedete die Besucher. Jeden befragte er, wie ihm der Pfau gefallen hätte. Doch die Antworten waren immer gleich.
»Pfau? Welcher Pfau? Habe ich nicht gesehen.«
Es war zum verzweifeln.
Die nächsten Tage waren nicht besser. Auch ein großes Schild über dem Eingang, das auf den Pfau hinwies, brachte keine Besserung.
»So kann das doch einfach nicht mehr weiter gehen.«, sagte sich der Zoodirektor.
»Es muss etwas geschehen.«
Er betrat den Dachboden seines Hauses und wühlte durch alle Kisten und Kästen, die sich dort befanden. In ihnen lagerten unzählige Dinge, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Da waren große Geweihe, Hörner, Felle, lange Zähne und mehr. Doch nichts schien zum Pfau zu passen. Doch dann fand Herr Müller in der letzten Kiste einen Haufen Federn. Sie waren lang, bunt und sahen an ihrem Ende wie große Augen aus.
»Das ist es. Das ist die Lösung.«
Er packte alle Federn und seinen Arm und rannte durch den Zoo, bis er Paul fand.
»Mein lieber Paul, ich glaube, ich habe etwas für dich gefunden, dass dir mehr Beachtung einbringen wird.«
Ganz stolz zeigte er die Federn vor, die er schnell zu einem Rad gebunden hatte.
»Das befestigen wir an deinen Schwanzfedern. Wenn du dieses bunte Rad aufstellen wird und es hinter dir im Sonnenlicht schimmert, wird jeder stehen bleiben und unbedingt ein Foto von dir machen wollen.«
Paul war begeistert, als er sich ein paar Minuten später betrachtete. Denn schon im nächsten Augenblick blieben die ersten Zoobesucher stehen und sahen erstaunt auf dieses Tier, dass sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatten.
Seit dieser Zeit tragen die meisten Pfauen ein buntes Federrad mit sich.

(c) 2009, Marco Wittler

182. Das verlorene Ei

Das verlorene Ei

Lina war mit der Schulklasse unterwegs. Der Unterricht war für heute gestrichen, denn sie machten einen Schulausflug und besuchten eine alte Kirche in einer großen Stadt.
»Du meine Güte, schaut euch das bloß an.«, sagte sie staunend zu ihren Freundinnen.
Ihr Finger zeigte nach oben in die Luft. Dort sah man zwei Kirchtürme, die fast die Wolken zu berühren schienen.
»Das ist ist wahnsinnig hoch. Da kommt man zu Fuß bestimmt nicht an einem Tag hinauf.«, vermutete Lili.
Hast du noch so einen leckeren Müsliriegel in deinem Rucksack, Lina?«, fragte Melanie und öffnete bereits den Reißverschluss.
»Kannst du immer nur ans Essen denken?«
Die Mädchen lachten.
»Essen ist halt viel interessanter als so eine alte Kirche.«
Die Mädchen gingen weiter und stellten sich am Eingang an. Offensichtlich hatte die Lehrerin vor, mit der gesamten Klasse den Aufstieg zur Kirchturmspitze zu wagen.
In diesem Moment flog ein Falke über das große Gebäude hinweg und verschwand im Turm. Die Menschen unter ihm schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie bemerkten ihn nicht. Das war dem Vogel auch ganz recht. So konnte er sich in Ruhe auf ein Nest setzten und seine Eier ausbrüten.
Doch kurz vor der Landung gab es einen plötzlichen Windstoß. Der Falke rutschte über den glatten Boden und stieß sein Nest an. Eines der Eier hüpfte dabei heraus, rollte fort und stürzte in die Tiefe.
Sofort raste die Vogelmama hinterher, aber das Ei schien verloren. Sie konnte es nicht mehr einholen. Traurig flog sie in den Turm zurück.
Die Schulklasse war nun auf dem Weg nach oben. Die Stufen wurden immer enger und schmaler, je höher sie kamen. Ein paar der Jungen waren bereits richtig aus der Puste. Trotzdem wollten sie keine Pause machen. Sie wollten mindestens eine Minute länger durchhalten als die Mädchen.
Doch dann waren sie viel schneller im Turm angekommen als erwartet.
»Von hier hat man ja eine herrliche Aussicht.«, schwärmte Lili.
»Schaut mal.«, rief Melanie. Von hier oben kann man den Würstchenstand im Park sehen. Da bekomme ich gleich wieder Hunger.«
Und dann war da plötzlich ein Geräusch. Etwas knackte. Es klang, als würde etwas zerbrechen. Gefolgt wurde es von einem leisen Piepen.
»Was ist das?«, wollten die Kinder wissen.
»Wo kommt das her?«
Sie sahen sich um und begannen zu suchen. Bis Melanie es schließlich fand.
»Es kommt aus Leonies Rucksack.«
Schnell öffneten sie ihn und fanden ein kleines Vogelküken darin.
»Wie kommt das denn dort rein?«, fragten sich alle.
In diesem Moment kam ein Falke heran geflogen, schlängelte sich zwischen den Kindern hindurch und griff sich das Küken. Damit flog er dann wieder einige Meter höher und setzte sich in sein Nest.
Nach der ersten Verwunderung fand Leonie die Eierschalen in ihrem Rucksack.
»Es muss ein Ei aus dem Nest gefallen sein. Es ist dann in meinem Rucksack sicher gelandet.«
Und so hatten die Kinder an diesem Tag etwas ganz Besonderes erlebt und der Vogelmama war ihr Küken gerettet worden.

(c) 2009, Marco Wittler

172. Das falsche Vogelküken oder „Papa, warum hat der Kuckuck kein eigenes Nest?“ (Papa erklärt die Welt 25)

Das falsche Vogelküken
oder ›Papa, warum hat der Kuckuck kein eigenes Nest?‹

Sofie saß an ihrem Fenster und sah in die Welt hinaus. Nur wenige Meter vom Haus entfernt begann der Wald. In einem der Bäume war ein Vogelnest zu sehen. Immer wieder hielt sie sich ein dickes Fernglas vor die Augen und beobachtete genau, was dort vor sich ging. Immer wieder kehrten die Vogeleltern zurück und brachten dem Küken Würmer und Insekten zum Fressen. Aber irgendwas schien da nicht zu stimmen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was beobachtest du denn da?«, fragte er interessiert.
Sofie gab ihm das Fernglas und deutete auf das kleine Nest.
»Das Küken dort sieht ganz anders aus, als seine Eltern.«
»Das ist ja seltsam.«, murmelte Papa.
Er besah sich alles ganz genau und kam zum selben Ergebnis wie seine Tochter.
»Da stimmt tatsächlich etwas nicht. Ich hole uns mal schnell ein Vogellexikon aus meinem Regal. Dann schauen wir nach, was das für Vögel sind.«
Er lief ins Wohnzimmer, kramte dort ein wenig herum und kam schließlich mit einem dicken Buch zurück. Er blätterte alle Seiten durch, bis er schließlich ein passendes Foto fand.
»Das ist ein Zaunkönig. Aber das Küken passt gar nicht dazu.«
Papa dachte angestrengt nach, bis ihm etwas einfiel und er ein paar Seiten weiter blätterte.
»Du wirst es nicht glauben, aber in dem Nest wird ein Kuckuck groß gezogen. Die brüten nämlich ihre eigenen Eier nicht aus, sondern legen sie heimlich in fremden Nestern ab. Und wenn dann das Küken geschlüpft ist, wirft es die restlichen Eier oder Küken einfach raus.«
Sofie bekam große Augen.
»Fair ist das nicht. Aber so machen sie es halt.«, erklärte Papa weiter.
Damit wollte sich Sofie aber nicht zufrieden geben. Sie kratzte sich ein wenig am Kinn und dachte nach. Schließlich hatte sie eine Idee.
»Mir fällt da gerade eine Geschichte ein. Die habe ich vor kurzem erst gehört. Sie handelt zufällig von einem Kuckuck. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Papa sah sie erstaunt an, denn normalerweise erzählte er doch immer etwas.
»Und wie fängt die Geschichte an?«, fragte er.
»Es war einmal.«, antwortete Sofie und gluckste schon vor Freude.

Es war einmal ein Zaunkönigpärchen.
Nach dem langen Winter kam es aus seinem warmen Versteck gekrochen und suchte sich einen schönen Platz für ein neues Nest. Es sollte nicht zu hoch gelegen sein. Auf einem Baumast, um den ein Busch herum gewachsen war, lag die ideale Stelle.
Sofort begannen die beiden mit dem Bau des Nestes. Aus Moos, kleinen Zweigen, trockenen Blättern und Stengeln bauten sie eine kleine runde Höhle.
»Darin wird uns niemand etwas anhaben können.«, sagten sie sich stolz.
Schon nach wenigen Tagen legte das Weibchen fünf Eier in das Nest und polsterte sie mit warmen Federn und Moos. Wenn es nicht gerade unterwegs war, um etwas zu fressen, saß es nun darauf und brütete ihre Jungen aus.
Eines schönen Tages kam das Pärchen von der nahen Wiese zurück. Sie hatten gerade ein paar Würmer zum Frühstück gefressen, als sie einen großen grauen Vogel in der Nähe ihres Nestes entdeckten. Sofort bekamen sie Angst, dass ihren Jungen etwas zugestoßen sein könnte. Doch dann sahen sie, dass alle Eier noch unversehrt waren.
»Hattest du nicht fünf Eier gelegt?«, fragte das Männchen.
»Dort liegen aber nun sechs.«
Das war wirklich seltsam. Aber wie sollte auf einmal ein weiteres Ei auftauchen? Sie einigten sich schließlich darauf, sich beim ersten Mal verzählt zu haben.

Zehn Tage später tat sich etwas im Nest. Etwas bewegte sich. Eine Eierschale knackte laut und ein Küken schlüpfte. Sofort riss es seinen Schnabel auf und rief laut, denn es hatte unglaublich großen Hunger.
Sofort kamen die Elternvögel herbei geflogen und brachten etwas zu fressen. Das Neugeborene wurde aber nicht richtig satt. Es piepte und zwitscherte so laut, dass die Mutter und Vater sofort wieder auf Nahrungssuche flogen.
Und nun sah sich das Küken in Ruhe um.
»Eins, zwei, drei, vier und fünf. Fünf kleine Geschwister habe ich also um mich herum.«
Und wie es der Zufall wollte, knackten bei ihnen ebenfalls die Schalen auf.
»Dann wollen wir doch erst einmal für mehr Platz sorgen.«
Mit den Flügeln schob das Küken die Eier hin und her, bis es sie schließlich vor dem Ausgang liegen hatte und eines nach dem anderen hinaus warf.
»Wenn es euch nicht mehr gibt, bekomme ich mehr zu Fressen. So einfach ist das.«
Diese grausame Tat wurde nicht von einem kleinen Zaunkönig ausgeführt, sondern von einem Kuckuck. Seine richtige Mutter hatte sein Ei einfach in einem fremden Nest abgelegt, was die Vogeleltern nicht ahnten, aber den noch ungeborenen anderen Küken nun bewusst wurde.
Die fünf Eier fielen hinab und landeten im Dickicht. Dort platzten die Schalen auf und die Küken sahen zum ersten Mal  den Sonnenschein.
»Prima. Kaum hat das Leben begonnen, schon hat man uns raus geschmissen. Was sollen wir denn nun machen?«
Völlig hilflos saßen sie dort und zwitscherten verzweifelt. Immer wieder kamen ihre Eltern zum Nest zurück und fütterten das falsche Kind, während sie hungernd zuschauen mussten. Niemand hörte sie klagen und weinen.
Der Kuckuck hatte es sich nun richtig gemütlich gemacht. Sein Magen füllte sich nach und nach. Es konnte einfach nicht schöner sein. Das Einzige, was ihn störte, war das seltsame Zwitschern unter seinem Nest.
»Was ist das denn bloß?«, fragte er sich immer wieder.
Schließlich sah er hinaus und entdeckte die kleinen Zaunkönige, die nicht vor und zurück wussten.
»Sie werden dort wohl verhungern. Aber das ist ja nicht mein Problem.«
Und doch war es ein komisches Gefühl, darüber nachzudenken.
»Ich halte das einfach nicht mehr aus.«, rief der kleine Kuckuck plötzlich.
Er riss mit seinem Schnabel einen Ast aus dem Nest und hielt ihn aus der Öffnung.
»Los, klettert daran herauf.«
Die anderen Küken konnten nicht glauben, was sie da hörten, kletterten trotzdem sofort nach oben.
»Es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich davon so ein schlechtes Gewissen bekommen würde. Ich verspreche euch, dass so etwas nie wieder vorkommen wird.«
Und so wuchsen nun in dem kleinen Nest sechs junge Vögel heran, die das Futter gerecht unter sich verteilten.

»Das war aber eine schöne Geschichte.«, lobte Papa.
»Ich wusste gar nicht, dass du so etwas kennst.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, da kannst du nur staunen. Und nun werde ich nach draußen gehen und sie dem Kuckuck da drüben erzählen. Vielleicht ändert er dann seine Meinung und lässt seine Geschwister leben. Das wäre doch viel schöner.«
Papa schmunzelte, als er seiner kleinen Tochter zusah, wie sie zum Waldrand flitzte.

(c) 2009, Marco Wittler

134. Die Vogelfänger oder „Papa, warum färben sich die Blätter bunt?“ (Papa erklärt die Welt 22)

Die Vogelfänger
oder ›Papa, warum färben sich die Blätter bunt?‹

Sofie lief durch den Wald, versteckte sich mal hinter einem Baum, mal hinter einem Busch und kicherte die ganze Zeit vor sich hin.
»Du fängst mich ja doch nicht.«, rief sie.
Papa kam mit einem großen Korb hinter ihr her.
»Mit den vielen Pilzen kann ich ja auch nicht so schnell rennen.«
Sofie verdrehte die Augen.
»Ach, Papa. Dann stell den Korb doch mal ab. Ich will doch noch ein wenig mit dir spielen. Bitte, bitte.«
Papa seufzte, stellte den Korb ab und lief los. Seine Tochter begann zu jubeln und flitzte so schnell sie konnte den Waldweg entlang. Doch kurz bevor Papa sie erreichte, blieb sie plötzlich stehen.
»Das ist ja seltsam.«, sagte sie verwundert.
Papa blieb ebenfalls stehen und sah sich um.
»Was meinst du denn? Ich kann nichts Ungewöhnliches entdecken.«
Sofie zeigte auf einen großen Laubbaum, der zwischen den vielen Tannen und Fichten stand.
»Schau doch mal. Der Baum ist ganz bunt. So etwas habe ich noch nie gesehen. Das sieht richtig lustig aus.«
Papa warf einen Blick auf den Baum.
»Das ist etwas ganz normales. Im Herbst werden die Blätter der Bäume immer bunt. Kurz darauf fallen sie dann ab und der Baum bleibt kahl, bis der nächste Frühling kommt. Nur die Tannen behalten ihre Nadeln.«
Sofie dachte nach.
»Papa, warum färben sich die Blätter bunt?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine wirklich gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Bäumen und Blättern. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein großer Wald. In ihm lebte eine große Vielzahl Vögel. Im Frühling begannen sie laut und vergnügt vor sich hin zu zwitschern, Eier zu legen und ihre Jungen auszubrüten. Sie flogen von Baum zu Baum, bauten Nester, fingen Würmer und kleine Insekten und versorgten damit ihren Nachwuchs.
Den ganzen Sommer über war ein einziges Vogelkonzert zu hören. Die anderen Tiere saßen in ihren Höhlen, Verstecken oder liefen umher und hörten nur zu gern dem Gesang zu. Erst in den Abendstunden, wenn die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, verstummten die unzähligen Stimmen und überließen den weiteren Gesang einer kleinen Grillengruppe.
Aber wie immer neigen sich die Jahre irgendwann ihrem Ende entgegen. Die Tage werden kürzer und die Temperaturen fallen.
Der Herbst brach an und die Vögel bereiteten ihren langen Flug in den warmen Süden vor.
Eines Tages war es dann so weit. Die Vogelschwärme erhoben sich in die Lüfte. Doch ein paar Momente traf sie der Schrecken wie ein Schlag.
Am Waldrand hatte eine Gruppe Menschen hinter einigen Büschen gewartet. Nun sprangen sie hervor und begannen, die Vögel mit großen Netzen zu fangen und in kleine Käfige zu sperren. Bis zum Abend waren auf diese Weise mehrere hundert Tiere in Gefangenschaft geraten.

Ein paar Tage später stand ein dicker Händler auf dem Marktpatz der Stadt. Auf seiner Ladentheke standen unzählige Käfige, in denen unglückliche Vögel saßen. Es war nicht einmal mehr ein Piepen von ihnen zu hören.
»Los, singt schon, oder ihr landet heute Abend in der Bratpfanne.«, befahl er. Aber es hatte keinen Zweck. Die Tiere blieben still.
In diesem Moment lief eine Schulklasse über den Markt. Sie waren auf dem Weg in den Wald, um Eicheln, Bucheckern und Kastanien zu sammeln.
»Hört zu, Kinder.«, sagte die Lehrerin.
»Alles, was wir heute sammeln, bewahren wir gut auf, damit wir damit die Tiere des Waldes im Winter füttern können.«
Der Blick eines Jungen fiel auf die Käfige.
»Schaut mal, der Mann dort verkauft Vögel. Da muss ich heute Mittag gleich meine Eltern fragen, ob ich einen haben darf. Dann muss ich nicht mehr in den Wald gehen um ein Zwitschern zu hören.«
Sofort waren alle Mädchen empört und beschwerten sich.
»Du kannst doch nicht einfach so einen armen Vogel gefangen halten.«, sagte die Erste.
»Vögel können im Käfig doch gar nicht mehr fliegen.«, fügte die Nächste hinzu.
Die Lehrerin hörte sich die folgende Situation genau an und überlegte, wie sie den Kindern dazu etwas beibringen konnte. Sie ging zum Händler und ließ sich erzählen, woher er seine Vögel bekam.

Am nächsten Morgen, als der Unttericht begann, kam die Lehrerin mit einem Käfig in den Klassenraum. Zuerst waren die Kinder erschrocken, doch dann stellten sie fest, dass kein Vogel darin saß.
Die Kinder redeten nun kreuz und quer. Jeder wollte seine Meinung vorbringen und wollte von den anderen gehört werden. Am Ende einigten sie sich darauf, dass es nicht richtig wäre, wilde Vögel im Herbst zu fangen, um sie in Käfigen zu halten.
»Aber was unternehmen wir denn jetzt? Die Tierfänger werden Morgen auf den nächsten Vogelschwarm warten und wieder ihre Käfige füllen. Das können wir doch nicht zulassen.«, beschwerte sich eines der Mädchen.
»Wartet ab.«, sagte die Lehrerin.
»Ich habe da schon eine prima Idee.«
Sie öffnete einen Wandschrank und holte mehrere Farbeimer und Pinsel hervor.

Eine Stunde später stand eine Horde Kinder mitten im Wald. Mit großem Eifer bemalten sie die Blätter der Bäume. Das Grün verschwand allmählich, bis der gesamte Wald rot und braun geworden war.
»Seht ihr, Kinder?«, erklärte die Lehrerin.
»Jetzt haben die Blätter die gleiche Farbe, wie die Vögel. Nun wird es den Tierfängern sehr schwer fallen, überhaupt noch ein Tier in der Luft zu erkennen. Und wenn alle Vögel auf dem Weg in den Süden sind, können die Blätter ruhig zu Boden fallen.«
Die Kinder waren glücklich. Nun musste kein weiterer Wildvogel Angst haben, sein Leben in einem kleinen Käfig zu verbringen.
»Das machen wir jetzt jeden Herbst.«, sagte einer Jungs.
Alle anderen Kinder jubelten und stimmten ihm zu.
Seit dieser Zeit wurde nie wieder ein Vogelfänger im Wald gesehen.

»Und deswegen werden jedes Jahr die Blätter bunt?«, fragte Sofie.
Papa nickte.
»So ist es. Jedes Jahr gehen Schulklassen in die Wälder und malen alle Blätter an.«
Sofie lachte.
»Das war eine tolle Geschichte, Papa. Trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie nahm ihren Vater an die Hand. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort und sammelten noch ein paar leckere Pilze.

(c) 2008, Marco Wittler

113. Der kleine Storch lernt fliegen

Der kleine Storch lernt fliegen

Theodor saß ganz hoch oben auf einem Turm im Nest. Er warf einen unsicheren Blick zum Boden herab und fürchtete sich.
»Das sind bestimmt fünf Meter bis da unten. Ich werde das Nest niemals verlassen. Ich bleibe für immer hier oben.«
Er war richtig sauer auf seine Eltern. Wie konnten sie es nur zulassen, dass er als Storch aus dem Ei geschlüpft kam. Andere Vögel hatten ihre Nester in Bäumen. Da konnte man zur Not über die Äste und den Stamm nach unten klettern. Aber Störche nisteten auf Masten. Da gab es nicht einmal eine Treppe oder einen Fahrstuhl. Es war zum aus der Haut fahren.
Jeder andere Vogel war im Blätterwald eines Baumes sicher vor Regen, Wind und stechender Sonne. Im Storchennest war man dem Wetter rund um die Uhr ausgesetzt.
»Ach wäre ich doch als kleiner Spatz zur Welt gekommen. Dann könnte ich mich einfach fallen lassen und der Wind würde mich sanft zu Boden tragen. Aber als großer Storch mit dickem Hintern bin ich viel zu schwer. Ich würde wie ein Stein herunter fallen und mir alle Knochen brechen.«
Theodor hatte Angst vor dem Fliegen. Jeden Tag sah seinen Eltern dabei zu und bekam das ganz große Grausen. Das konnte doch nicht natürlich sein, dass so große Lebewesen sich in der Luft halten konnten.
Mit jedem weiteren Tag wurde es sogar noch schlimmer, denn nach und nach lernten seine drei Geschwister ebenfalls die große Kunst des Flatterns. Quietschvergnügt drehten sie eine Runde nach der anderen um das Nest herum und zogen ihren ängstlichen Bruder auf.
»Na los. Schwing deinen Hintern hoch und flieg mit.«, rief der Älteste.
»Wenn du nicht so einen großen Schnabel hättest, könnte man glatt denken, in unserem Nest säße ein großer Angsthase.«, rief der Zweite.
Sogar die kleine Schwester, die als Letzte geboren wurde, machte mit.»Du bist doch gar kein Storch, denn alle Störche können fliegen. Es gibt nur einen großen Vogel, der nicht fliegen kann. Das ist ein Strauß. Der steckt immer vor Angst den Kopf in den Sand. Aber selbst das schaffst du nicht, denn der nächste Sandkasten steht ja am Boden. Da traust du dich ja nicht hin.«
Dann lachten sie alle und flatterten davon, um in den nahen Wiesen, bei den Bächen, nach leckeren Fröschen zu suchen. Nur die beiden Eltern hatten ein wenig Mitleid mit ihrem Sohn und brachten ihm weiterhin etwas zu Fressen in das Nest.
»Irgendwann wird auch er reif genug sein, um sich majestätisch in die Lüfte zu erheben.«, wusste seine Mutter.
»Und dann wird er den anderen davon fliegen und sie weit hinter sich lassen. Das Lachen wird ihnen noch vergehen.«
Theodor hatte es immer wieder versucht. Wenn niemand hin sah, breitete er seine großen Flügel aus und schlug mit ihnen so fest und schnell es ging. Er hob allerdings nicht ab. Zu einem Sprung in die Tiefe, wie es seine Geschwister beim ersten Mal getan hatten, traute er sich nicht.
»Ich bleibe halt hier oben und werde ein Sitzstorch.«
Doch selbst dann lachten ihn seine Geschwister aus.
»Was willst du denn dann im Winter machen, wenn wir alle in den warmen Süden nach Afrika fliegen und du allein zurück bleibst? Wer soll dir denn dann etwas zu fressen bringen?«
Vor dem Winter hatte Theodor Angst, wollte es sich aber nicht anmerken lassen.
»Mir wird schon etwas einfallen. Ihr werdet es sehen.«
Die Wochen und Monate zogen ins Land. Die Tage wurden kürzer, das Wetter schlechter und der Sommer neigte sich seinem Ende zu. Der Herbst stand mittlerweile vor der Tür. Die Blätter färbten sich bunt und eine Vogelart nach der anderen verabschiedete sich und flog in wärmere Gebiete.
Theodor saß noch immer im Nest und fürchtete sich bereits vor dem Winter. Er hatte Angst, dass jeden Moment die erste Schneeflocke vom Himmel fallen würde.
Inszwischen waren auch seine Eltern und Geschwister in den Süden aufgebrochen. Nun war er allein und wusste nicht, was er machen sollte.
»He, was machst du denn noch hier? Solltest du nicht schon längst unterwegs sein? Ruft dich nicht der Süden?«
Eine kleine piepsige Stimme meldete sich aus dem dichten Gestrüpp des Nestes. Theodor wusste nicht, wem sie gehörte oder wo ihr Besitzer saß. Er konnte nichts sehen. Er sprang auf und blickte unter sich.
»Wer ist denn da und stört mich? Ich habe zu tun.«
Eine kleine Maus kam zum Vorschein. Sie stellte sich als Sebastian vor und war auf der Suche nach Dingen, die die Störche zurück gelassen hatten und man für den kommenden Winter noch gebrauchen konnte.
»Also los, du großer Vogel. Schwing dich in die Lüfte und flieg deinen Artgenossen nach, sonst frierst du hier noch fest, wenn die Temperaturen fallen.«
Theodor verzog das Gesicht und sah plötzlich sehr traurig aus.
»Das ist ja das Problem. Ich traue mich nicht zu fliegen. Ich habe Angst, wie ein Stein zu Boden zu fallen. Nur deswegen bin ich noch hier. Alle anderen sind schon unterwegs nach Afrika.«
Die Maus grinste. Sie konnte es gar nicht glauben, solch einen Angsthasen vor sich sitzen zu haben.
»Na das wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht zum Fliegen bringen könnte.«, sagte Sebastian.
Der Storch schnäubte nur ungläubig.
»Du bist doch nur eine kleine Maus. Wie willst du einem so großen Tier, wie mir, beibringen, wie man fliegt?«
Die Maus stemmte die Arme entrüstet in ihre Seiten und setzte ein grimmiges Gesicht auf.
»He, hör mal Kumpel. Ich weiß ja nicht, wer dir das in den Kopf gesetzt hat, dass du mit mir so umgehen darfst. Ich mag vielleicht etwas klein sein. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich dumm bin. Immerhin bist du ein großer Vogel und hockst trotzdem noch in deinem Nest.«
Sebastian hatte Recht. Theodor entschuldigte sich und bat ihn um Hilfe.
»Ich will mal nicht so sein.«, sagte die Maus.
»Dann pass mal gut auf. Hier ist mein Plan.«
Sebastian schien genau zu wissen, was er tat. Er wollte sich auf den Rücken des Storchs setzen und ihn festhalten, während sie durch die Lüfte schwebten.
»Du willst mich festhalten? Du bist doch eine Maus. So kräftig kannst du unmöglich sein.«
Sebastian winkte nur ab und sprach ganz gelassen weiter.
»Vertrau mir einfach, Kumpel. Ich bin halt keine gewöhnliche Maus. Ich habe sogar schon einem Strauß im Zoo das Fliegen beigebracht, obwohl es eigentlich keiner dieser Riesenvögel kann.«
Theodor war sich immer noch nicht so ganz sicher, aber es war seine einzige Chance. Er lies die Maus auf seinen Rücken steigen. Dann stellte er sich an den Rand des Nestes, schloss die Augen und sprang plötzlich das erste Mal in seinem Leben in die Tiefe.
Es ging steil bergab. Der Wind blies ihm in die Augen. Doch kurz vor dem Boden machte der Storch eine Kurve nach oben und segelte um ein paar Bäume herum. Er schlug mit den Flügeln und stieg immer höher in die Luft.
»Ich kann fliegen. Schau dir das an. Es klappt tatsächlich. Es ist einfacher als ich dachte.«
Doch als er auf seinen Rücken sah, war die Maus verschwunden. Nun ja, nicht ganz, denn sie saß noch immer im Nest. Ganz leise war Sebastians Stimme zu hören.
»Und du hast es ganz allein geschafft, nur weil du gedacht hast, dass ich dich halte.«
Theodor war unglaublich stolz auf sich und dankte der Maus, als er wieder gelandet war. Nach einem herzlichen Abschied entfaltete er wieder seine Flügel und flog seiner Familie nach.
Sebastian sah ihm noch lange nach, bis er nur noch ein kleiner Punkt vor dem grauen Regenhimmel war.
»Machs gut, mein gefiederter Freund.«

(c) 2008, Marco Wittler