543. Der neue MP3-Player

Der neue MP3 Player

Max wirbelte durch sein Kinderzimmer. Auf seinen Ohren saß ein dicker Kopfhörer. Den MP3 Player hatte er in der Hand. Wie immer hörte er sich seine Lieblingshörspiele an. Die kannte er zwar schon auswendig, Spaß hatte er trotzdem an ihnen.
Plötzlich rutschte ihm das kleine Gerät aus der Hand und krachte mit einem lauten Knall gegen die Wand. In vielen Einzelteilen fiel er zu Boden und gab keinen Ton mehr von sich.
»Oh nein.« Max sah entsetzt auf die Überreste seines Lieblingsspielzeugs.
»Was mache ich denn jetzt? Womit soll ich denn jetzt meine Geschichten hören?«
Laut rufend lief er die Treppe runter zum Wohnzimmer.
»Mama! Papa!«
Tränen standen in seinen Augen, als er seinen Player auf den Couchtisch legte.
»Er ist runter gefallen und kaputt gegangen. Ich kann nichts mehr hören.«
Mama seufzte und wischte ihrem Sohn die Tränen aus dem Gesicht.
»Das tut mir Leid, Spatz. Aber wir haben keinen Ersatz hier. Du wirst warten müssen, bis wir das nächste Mal zum Einkaufen in die Stadt fahren.«
Papa hatte noch einen Vorschlag. »Du kannst meinen Radiowecker aus dem Schlafzimmer haben. Damit kannst du wenigstens Musik hören.«
»Musik? Was soll ich denn damit? Musik interessiert mich nicht. Da gibt es keine spannenden Geschichten.«
Traurig verzog sich Max wieder in sein Kinderzimmer. Dort setzte sich schmollend in seinen kleinen Sessel.
Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür. Papa kam mit einer Tasche herein. Auf sein T-Shirt hatte er sich mit großen Buchstaben das Wort ‚MP3 Player‘ geschrieben.
»Was hat denn das zu bedeuten?«, wurde Max neugierig.
»Bis du einen neuen Player hast, übernehme ich die spannenden Geschichten.«
Er holte ein Buch aus seiner Tasche und begann, daraus vorzulesen.
»Juhuu!«, jubelte Max und wirbelte wieder durch sein Zimmer.

(c) 2016, Marco Wittler

193. Ich will nicht schlafen

Ich will nicht schlafen

Paul hüpfte wie ein wilder Gummiball durch das Wohnzimmer. Im Radio lief gerade sein Lieblingslied. Er sang laut und freute sich. Doch nach drei Minuten war es vorbei. Die Kindersendung war zu Ende. Es folgten die Nachrichten.
»Das ist gemein. Ich will noch mehr hören.«, beschwerte er sich und drehte am Regler und suchte nach einem neuen Sender. Doch überall lasen die Frauen und Männer Meldungen aus aller Welt vor.
»Ich glaube, es wird Zeit, dass du ins Bett gehst.«, sagte Mama vorsichtig.
Nun standen die bösen Worte mitten im Raum. Paul hatte sie gehört. Er ließ das Radio los und versteifte sich am ganzen Körper.
»Nein. Jetzt noch nicht.«, presste er leise aus seinem Mund heraus.
Mama seufzte. Es war jeden Abend das gleiche Problem.
»Aber draußen ist es schon dunkel. Es wirklich schon sehr spät.«
Sie zeigte auf die Uhr an der Wand.
»Du möchtest doch Morgen nicht verschlafen, sondern pünktlich im Kindergarten ankommen.«
Paul schüttelte kräftig seinen Kopf. Der Kindergarten interessierte ihn jetzt nicht.
»Will Musik hören. Das Radio soll endlich welche spielen.«
Wieder drehte der das Rad nach links und nach rechts. Aber überall waren nur Nachrichten zu hören.
»Ach Paul.«, sagte Mama.
»Was soll ich bloß mit dir anstellen? Ich wäre froh, wenn du auch nur einen einzigen Abend ohne Murren ins Bett gehen würdest.«
Sie überlegte. Fiel ihr vielleicht etwas ein?
»Wenn sich das nicht ändert, können wir demnächst keine Kindersendung mehr hören. Dann bleibt das Radio abgeschaltet.«
Paul zog seine Hand zurück. Diese Drohung klang ernst. Sollte er tatsächlich auf die schöne Musik verzichten, um länger wach bleiben zu können?
»Mir egal.«, rief er.
»Will nicht ins Bett.«
Mama setzte sich in den Sessel und stützte ihren Kopf auf ihre Hände. So schwierig hatte sie es sich nicht vorgestellt.
»Kindersendungen im Fernsehen darfst du dann aber auch nicht mehr anschauen.«
Nun war Paul wie erstarrt. Mit so einer harten Strafe hatte er nicht gerechnet. Konnte Mama wirklich so hart zu ihm sein? War es das tatsächlich wert? Doch dann kam ihm eine Idee.
»Ich brauche die alte Flimmerkiste nicht.«, sagte Paul mit fester Stimme.
Er ging zum Fernseher. Mit einem breiten Grinsen zog er den Stecker aus der Dose.
Inzwischen waren die Nachrichten vorbei, das Wetter und die Staumeldungen vorgelesen. Nun spielte das Radio wieder Musik.
»Was ist denn hier los?«, fragte plötzlich Papa, der gerade aus dem Keller kam.
»Paul, ich dachte, du wärst schon längst im Bett und würdest auf mich warten. Da habe ich mich wohl getäuscht. Wir hatten doch abgemacht, dass nach der Kindersendung das Radio abgeschaltet wird und du dich umziehst.«
Paul sah ihn mit großen Augen an.
»Aber ich will noch nicht ins Bett. Ich will Musik hören und hüpfen.«
Wieder sprang er im Kreis herum.
Da ging Papa ins Kinderzimmer und holte ein Buch, das auf dem Nachttisch lag.
»Dann kann ich das hier ja ins Regal stecken. Wer nicht ins Bett geht, mag auch keine Geschichten hören.«
Paul war auf einmal wie elektrisiert. Papa würde ihm keine Geschichte vorlesen? Das war das Allerschlimmste, was er sich vorstellen konnte. Sofort war er wieder am Radio, schaltete es ab und flitzte in sein Zimmer. Kaum lag er unter seiner Decke rief er laut durch die Wohnung.
»Ich bin im Bett, Papa. Du kannst mir doch noch was vorlesen.«
Nun musste Mama lachen.
»Hätte ich doch bloß gewusst, dass es so einfach ist.«
Papa gesellte sich zu seinem Sohn und setzte sich auf das Bett.
»Wo ist denn das Buch mit den Geschichten?«, fragte Paul unsicher.
Papa lehnte sich an die Wand und faltete die Hände auf seinem Bauch.
»Ich werde dir heute nichts vorlesen. Stattdessen erzähle ich dir eine uralte Geschichte von einem kleinen Jungen, der nicht ins Bett gehen wollte.«
Paul jubelte. Die Geschichten, die sich Papa selbst ausdachte, waren immer die Besten.
»Es war einmal …«, begann Papa zu erzählen.

(c) 2009, Marco Wittler