Hörgeschichte 29 – Die dicke Hummel

Die dicke Hummel – gelesen von Christina Heger

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514. Die dicke Hummel

Die dicke Hummel

Hannah sah in den Spiegel und seufzte. Ihr Po gefiel ihr nicht. Der war in ihren Augen viel zu dick. Der Bauch und die Beine aber auch.
»Warum musste ich bloß als Hummel zur Welt kommen?«
Sie blickte durch das Fenster nach draußen und sah die anderen Insekten, die bereits auf dem Weg zum Badesee waren.
»Die werden mich bestimmt wieder nur ärgern. Am Liebsten würde ich zu Hause bleiben.«
Aber dann klingelte es schon an der Tür. Der kleine Frosch wartete schon auf seine Freundin. Gemeinsam wollten sie den schönen Sommertag im Wasser verbringen.
»Ich bin gleich so weit. Gib mir noch fünf Minuten.« rief Hannah und zog sich schnell ihren Badeanzug an.

Kurz darauf machten sich die Beiden auf den Weg.
»Was ist denn mit dir los?« fragte der kleine Frosch nach ein paar Metern. »Die Sonne scheint, es ist schön warm, das Wetter könnte nicht besser sein und du schaust aus, als wäre bereits der Herbst ausgebrochen.«
Hannah seufzte laut, während sie gemeinsam den Strand betraten.
»Ach, es ist doch immer das Gleiche, wenn wir zum Baden gehen.«
Sie zeigte mit dem Finger auf ein paar der anderen Insekten, die sich bereits überall mit ihren Handtüchern verteilt hatten.
»Ich fühle mich hier einfach nicht wohl. Die anderen Insekten sind alle rank und schlank und posieren in ihren kleinen Bikinis. Und wenn ich dann mit meinem dicken Po hier auftauche, lachen sie alle über mich.«
Der kleine Frosch schüttelte den Kopf. »Das stimmt doch gar nicht. Das musst du dir einbilden. Und so dick bist du auch wieder nicht. Du würdest wenigstens nicht sofort verhundern, wenn der Winter überraschend vorbei kommt.« versuchte er zu scherzen. »Außerdem muss man bei den Wespen Angst haben, dass man sich durchbricht, wenn man sie zu fest an sich drückt.«
In diesem Moment kam auch gerade eine Gruppe zierlicher Wespen vorbei, die ihre Hände an den schmalen Taillen abstützten.
»Schaut mal, Mädels. Da kommt wieder fette Hummel. Passt bloß auf, dass ihr nicht zu nah neben ihr sitzt. Die wirft so viel Schatten, dass ihr keine Sonne mehr zum Bräunen bekommt.«
Dann gingen sich lachend weiter zu ein paar kräftigen Grashüpferjungs und tranken mit ihnen ein paar Gläser süßen Nektar.
»Sieht du, was ich meine?« beschwerte sich Hannah und wusste nicht, ob sie wütend oder traurig sein sollte.
Nun musste der kleine Frosch auch seufzen. Dass es so schlimm war, hatte er sich nicht gedacht.
Sie legten sich etwas abseits der anderen Tiere unter einen Busch und unterhielten sich, als plötzlich lautes Geschrei über dem Badesee ertönte.
»Was ist denn jetzt los?« Hannah sprang auf und sah sofort den Grund für den Tumult. Auf einem selbst gebauten Floß näherte sich eine dicke, fette Katze den badenden Tieren.
Nur die Wenigsten konnten flüchten, denn die kleinen Flügel der Insekten waren nass oder in den Trägern der Bikinis gefangen.
»Wenn jetzt kein großes Wunder geschieht, werden sie alle zu Katzenfutter.« rief der kleine Frosch entsetzt und verkroch sich vor Angst immer tiefer im Busch.
»Wir brauchen kein großes Wunder, nur einen dicken Hummelhintern.« war Hannah entschlossen und schlug mit ihren kleinen Fügeln.
»Was soll das werden?« fragte der kleine Frosch verzweifelt. »Du kannst den anderen nicht helfen. Deine Flügel sind viel zu klein zum Fliegen. Du bist zu schwer. Das habe ich in der Schule gelernt.«
Hannah verdrehte die Augen. »Davon habe ich noch nichts gehört.« antwortete sie nur und flog zur Katze.
»Verschwinde hier oder es wird dir etwas Schreckliches geschehen.« rief die Hummel.
»Hau ab oder ich fress dich gleich mit.« antwortete die Katze nur und ruderte weiter Richtung Strand.
Hannah wurde nun richtig wütend. Sie hörte auf zu fliegen und ließ sich fallen. Mit ihrem Po voran raste sie auf den See zu.
»Arschbombeee!« war das Letzte, was sie von sich gab, bevor sie in das Wasser eintauchte und die Katze nass spritzte.
»Iiiih! Hilfe! Das ist sooo nass!«
Voller Panik verlor die Katze das Gleichgewicht, fiel vom Floß und verschwand für ein paar Sekunden unter der Wasseroberfläche. Als sie wieder auftauchte, schwamm sie verzweifelt schnell an Land und verschwand auf nimmer Wiedersehen im hohen Gras.
Hannah schwamm gemütlich an den Strand, wo sie von einer jubelnden Menge empfangen wurde. Selbst die dürren Wespen kamen mit roten Köpfen zu ihr.
»Tut uns Leid, dass wir dich beleidigt haben.« entschuldigten sie sich und bedankten sich dafür, dass ihnen von einer Hummel das Leben gerettet wurde.
Von diesem Tag an wurde Hannah nie mehr geärgert. Irgendwann traute sie sich sogar selbst in einem Bikini an den Strand.

(c) 2015, Marco Wittler

156. Weihnachtsfeier in der Grundschule

Weihnachtsfeier in der Grundschule

Jonas war wütend. Schon morgen Nachmittag war die Weihnachtsfeier in der Grundschule und noch immer hatte er keinen Spielpartner gefunden. Die anderen Jungs hatten sich bereits zusammengefunden und mit einem Mädchen war das undenkbar. Nach der letzten Unterrichtsstunde ging er frustriert nach Hause und beklagte sich dort bei seiner Mutter.
»Die anderen Jungs sind alle richtig gemein. Keiner wollte mein Partner werden.«
Seine Mutter schüttelte verzweifelt den Kopf. Schon seit einer Woche hörte sie die gleichen Beschwerden.
»Du hast dir aber auch zu viel Zeit gelassen. Dann darfst du dich nicht wundern, wenn du am Ende alleine da stehst.«
»Aber es hat mich nicht einer von den anderen gefragt.«
Jonas Mutter erklärte ihm, dass es gar nicht verkehrt gewesen wäre, auch selbst einmal die anderen zu fragen.
Während sie weiter redete, nahm sie das Klassenfoto von der Pinnwand und legte es auf den Tisch.
»Dann schauen wir doch mal. Ist denn niemand mehr allein? Ihr seit doch sechsundzwanzig Kinder in der Klasse. Das sollte doch genau aufgehen.«
Nun zog Jonas die Schultern hoch und blickte verschämt zu Boden.
»Pedro ist auch noch alleine. Aber mit dem will ich nicht zusammen antreten. Der kann doch gar nichts.«
»Wer ist den Pedro?«
Jonas zeigte seiner Mutter auf dem Foto einen dunkelhäutigen Jungen.
»Der kommt aus Brasilien und kann nicht einmal richtig Deutsch sprechen. Dann wird  auch bestimmt ein einziges Spiel verstehen und ich werde verlieren.«
Seine Mutter schlug ihm vor, Pedro trotzdem zu fragen.
»Wenn du alleine bist, wirst du gar nicht erst an den Start gehen dürfen.«
Jonas war sauer. Er hatte nicht erwartet, dass sogar seine Mutter gegen ihn sein würde.

Am nächsten Tag öffnete die Grundschule um fünfzehn Uhr ein weiteres Mal ihre Türen. Die Kinder strömten mit ihren Eltern in einen der vielen Klassenräume.
Zu Beginn wurden Lieder gesungen, und Kuchen gegessen. Doch dann wurde es Zeit für ein Spiel. Nach und und nach fanden sich die Zweiergruppen zusammen. Nur Jonas und Pedro blieben übrig.
Jonas wurde rot im Gesicht, als ihn alle ansahen. Schließlich fasste er sich ein Herz, schlich zu Pedro und sah angestrengt auf den Boden.
»Willst du vielleicht mit mir zusammen spielen?«
Pedro Gesicht hellte sich sofort auf. Er freute sich so sehr, dass er Jonas gleich umarmte.
»Dann lass uns mal loslegen. Wir werden die anderen bestimmt besiegen.«
Als Jonas Mutter das hörte wurde sie neugierig und sprach die Klassenlehrerin an.
»Mein Sohn hat mir erzählt, dass Pedro unsere Sprache nicht richtig beherrscht. Stimmt das etwa nicht?«
Die Lehrerin schüttelte den Kopf.
»Die anderen Kinder halten sich immer von ihm fern, weil er neu ist und nicht hier geboren wurde. Dadurch ist Pedro sehr schüchtern und spricht kaum in der Schule.«

Das Spiel ging los. Ein paar Väter hatten auf dem Flur einen Slalomkurs aufgebaut, während ein paar Mütter die Beine der Kinder aneinander banden. Der Dreibeinlauf konnte beginnen.
Mit dem Startsignal liefen sie alle los, doch schon nach den ersten Schritten blieben einige Teams stehen, während andere einfach umfielen.
Pedro hielt Jonas ein paar Sekunden zurück.
»Lass und zählen. Bei Eins bewegen wir die äußeren Beine und bei Zwei die anderen. So kommen wir bestimmt einfacher ins Ziel.«
Gemeinsam zählten sie im Takt und gemeinsam liefen sie den anderen Mannschaften davon. Alle Kinder hatten Probleme vorwärts zu kommen, nur für Pedro und Jonas schien es ein Kinderspiel zu sein. Mit einem weiten Vorsprung erreichten sie als erste das Ziel.
»Du meine Güte, du bist ja viel schlauer als ich dachte.«, sagte Jonas erstaunt.
»Vielleicht hättest du einfach schon früher mal mit mir reden können.«, antwortete Pedro.
Jonas umarmte ihn und bedankte sich für den Sieg.
»Es tut mir leid. Ich hab einfach etwas völlig falsches über dich gedacht, weil du anders aussiehst und woanders geboren wurdest. Aber eigentlich bist du auch nicht anders als alle anderen. Und du bist bestimmt auch ein richtig guter Kumpel.«
Darüber freute sich Pedro noch viel mehr als über das gewonnene Spiel. Denn in diesem Moment hatte er seinen ersten Freund in Deutschland gefunden. Dieses Jahr war das schönste Weihnachten seines ganzen Lebens.

(c) 2008, Marco Wittler