517. Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Auf einem Hochsitz mitten im Wald saß eine Gruppe Jäger. Jeder von ihnen hatte ein großes, schweres Gewehr dabei. Damit wollten sie Hirsche, Rehe und Wildschweine schießen. Gespannt sahen sie auf die große Lichtung hinab und warteten.
»Hier kommen sie jeden Tag vorbei.« erklärte einer von ihnen. »Auf der einen Seite der Lichtung befindet sich das meiste Futter, auf der anderen ein Bach, aus dem sie Wasser trinken können. Wir werden heute Abend auf jeden Fall mit mindestens einem großen Wildbraten nach Hause gehen.«
Die anderen Männer grinsten und freuten sich schon.
Ein paar Minuten später hörten sie ein Knacken im Unterholz. Sie wurden still, legten ihre Gewehre an und suchten nach dem ersten Tier. Und da kam es auch schon. Es war aber kein Hirsch mit riesigem Geweih, sondern nur ein kleiner Hase, der in einem wilden Zickzack über die Wiese rannte und einen Haken nach dem anderen schlug.
»Nanu? Was ist denn da los?« wunderten sich die Jäger.
Doch dann sahen sie schon die Antwort. Aus dem gleichen Busch stürmte ein Fuchs hervor, der dem Hasen nachjagte.
»Da hat wohl jemand Hunger.« lachte einer der Männer.
»Und der andere ist das Abendessen.« sagte ein anderer, während Hase und Fuchs auf der anderen Seite der Lichtung zwischen den Bäumen verschwanden.
Nur Sekunden später kamen sie wieder zurück. Wieder wurde der Hase gejagt. Dieses Mal aber in die andere Richtung. So ging es den ganzen Tag weiter. Mal in die eine, mal in die andere Richtung.
»Gibt es hier im Wald eigentlich nur einen Hasen und einen Fuchs?« wollte einer der Jäger wissen. »Ich dachte, wir würden hier Hirsche, Rehe und Wildschweine für unser Abendessen jagen. Was für eine Enttäuschung.«
Die anderen zuckten nur mit den Schultern.
»Hier ist es so langweilig. Hier würden sich nicht einmal Hase und Fuchs gute Nacht sagen.«
Enttäuscht verließen die Männer ihren Hochstand, packten die Gewehre ein und gingen mit knurrenden Mägen nach Hause, die wohl nur mit einem Butterbrot gestopft werden würden.

Währenddessen ging am Horizont langsam die Sonne unter. Hase und Fuchs liefen ein letztes Mal auf die Lichtung. Dieses Mal aber viel langsamer als in den letzten Stunden. Sie nicht erschöpft, sondern hatten es nun nicht mehr so eilig.
»War eine tolle Idee von dir, die Jäger abzulenken.« sagte der Fuchs.
»Vielen Dank.« antwortete der Hase glücklich. »Das war die einzige Möglichkeit, die Jäger von den anderen Tieren abzulenken, damit sie still und leise hinter dem Hochstand zum Bach schleichen konnten.«
Lachend verabschiedeten sich die zwei Freunde voneinander und wünschten sich dann doch an diesem nicht ganz so einsamen Ort eine gute Nacht.

(c) 2015, Marco Wittler

471. Neues Jahr – Neues Glück

Neues Jahr – Neues Glück

Lena war mit ihrer Familie im Wald unterwegs. Das ungewöhnlich warme Wetter zum Jahresanfang hatte zu einem schönen Spaziertgang eingeladen. Die Sonne schien und es waren nur wenige Wolken am Himmel zu sehen.
Mindestens alle zwei Minuten sah Lena auf ihr linkes Handgelenk. Dort glitzerte ihr ein rotes Plastikarmband entgegen, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.
»Das ist sooo schön. Ich fühle mich damit wie eine richtige Prinzessin.« freute sie sich noch immer und konnte sich an ihrem neuen Schmuck gar nicht satt sehen.
»Schön, dass es dir gefällt.« sagte Mama.
»Aber trödel bitte nicht so. Wir wollen noch vor Sonnenuntergang am Ziel sein.«
Lena nickte und lief hinter den anderen her.
»Ich bin ja schon da. Nicht, dass ihr mich noch unterwegs verliert. Ihr braucht mich doch bestimmt noch, oder?«
In diesem Moment sah sie wieder auf ihr Handgelenk.
»Nein!« rief sie entsetzt. »Wo ist es? Wo ist mein Armband?«
Verzweifelt sah sie sich um. Irgendwo auf den letzten Metern musste sie es verloren haben. Nur wo? Sofort lief sie zurück und suchte den ganzen Waldweg ab.
»Da vorne liegt es. So ein Glück.«
Doch das Glück währte nicht lange, denn ein großer Vogel sauste aus den Baumwipfeln herab, stürzte sich auf das glitzernde Armband und flog damit davon.
»Hey, was soll denn das? Das Armband gehört mir.« schimpfte Lena verzweifelt und brach in Tränen aus.
Bei ihrer Suche zwischen den vielen Ästen über ihrem Kopf, entdeckte sie den diebischen Vogel. Es war ein Elster gewesen. Da wusste sie, dass sie ihren Schmuck nicht zurück bekommen würde.
»Das war doch ein Weihnachtsgeschenk. So etwas Schönes bekomme ich bestimmt nie wieder.«
Mit hängende Schultern, den Blick zu Boden gerichtet, schlich sie zurück zu ihrer Familie, als sie etwas unter dem Laub glitzern sah.
»Hey, was ist denn das?«
Neugierig schob sie die Blätter zur Seite und wollte gar nicht glauben, was sie dort fand.
»Schaut euch das mal an. Es ist ein silbernes Armband. Das ist ja noch viel schöner.«
Sie drehte sich zum Nest des Vogels um und rief so laut sie konnte.
»Das Rote kannst du behalten. Mein neues Armband ist viel schöner.« und streckte ihre Zunge weit raus.
»Neues Jahr, neues Glück.« grinste sie vor sich hin.
»Ich bin mal gespannt, was ich noch alles im Wald finden werde.«
Den restlichen Weg suchte Lena unter allen Büschen und Ästen nach weiteren wertvollen Schätzen.

(c) 2014, Marco Wittler

442. Die Nachtwanderung (Hallo Oma Fanny 15)

Die Nachtwanderung

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich habe gestern Abend etwas ganz Aufregendes erlebt. Davon musst du unbedingt erfahren.
Ich lag in meinem Bett, habe tief und fest geschlafen und richtig schön geträumt, als Mama plötzlich an meinem Arm gerüttelt und geschüttelt hat. Davon bin ich natürlich wach geworden. Dabei hatte ich im Traum gerade angefangen einen großen Goldschatz auszugraben.
Mama hat mich dann unter der Decke hervor geholt und darauf bestanden, dass ich mich anziehe, obwohl es mitten in der Nacht war. Sie schlug einen Spaziergang im Wald vor, Verrückte Idee, meinst du nicht auch?
Ich musste mir erstmal den Schlaf aus den Augen reiben. Aber dann bin ich schnell in meine Klamotten und Schuhe geschlüpft. Zehn Minuten später stand sie mit mir und meiner Schwester auf der Straße.
Zum Glück ist es bis zum Wald nicht sehr weit. Dort war es richtig aufregend. Überall knackte und raschelte es. Immer wieder waren die Laute von wilden Tieren zu hören.
Eigentlich bin ich ja nicht so ängstlich, aber manchmal war mir nicht wohl. Mit Papa zusammen wäre es bestimmt einfacher gewesen, aber der war noch arbeiten.
Plötzlich gab es einen lauten Krach. Blätter und Äste flogen durch die Gegend. Hinter einem Busch kam ein schauriges Gespenst hervor gesprungen und rasselte mit seiner Kette.
Meine Schwester bekam Panik und lief sofort weg. Ich musste allerdings lachen, denn unter dem weißen Lacken erkannte ich ein Paar Schuhe. Ich lief auf das Gespenst zu, zog ihm den Stoff vom Leib und drückte dann Papa fest an mich. Der hat aber auch immer lustige Ideen im Kopf.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

405. Ich werde ein Weihnachtsbaum

Ich werde ein Weihnachtsbaum

Endlich. Der lang ersehnte Schnee war gefallen, In den letzten Wochen hatten die Kinder im ganzen Land darauf gehofft, dass pünktlich zum Fest die Erde weiß färben würde. Nun war der Weihnachtsabend gekommen und alles war so, wie es sein sollte. Eines fehlte aber noch. Der Christbaum stand noch nicht in der geschmückten Wohnung.
»Heute ist es so weit.«, freute sich die große Tanne, die seit langer vor dem Haus stand.
»Heute werden sie kommen. Die Menschen holen mich herein, werden mich mit bunten Kugeln, Stohsternen und Lametta schmücken. Bestimmt bekomme ich sogar einen großen, goldenen Stern auf meine Spitze.«
Die Tanne war unglaublich aufgeregt und konnte es kaum noch erwarten.
»Was ist denn los?«, war  plötzlich ein leises Stimmchen zu hören.
»Warum sollten dich die Menschen ins Haus holen und dich schmücken?«
Die Tanne sah sich um und entdeckte unter ihren Ästen ein kleines Blümchen.
»Nanu, ist das nicht die falsche Jahreszeit für Blumen?«
»Eigentlich schon.«, antwortete das kleine Blümchen.
»Aber unter deinen Ästen bin ich vor Wind und Schnee geschützt. Verrätst du mir denn un, warum du dich so freust?«
Die Tanne räusperte sich und begann zu erzählen.
»Ein paar Tage vor Ende eines jeden Jahres feiern die Menschen Weihnachten. Sie schmücken das Haus, kochen leckeres Essen und machen sich gegenseitig Geschenke. Doch das Schönste ist, dass sie jedes Mal einen Baum herein holen. Er wird von oben bis unten festlich geschmückt. Unter seinen Ästen liegen dann die Geschenke. Die Menschen singen dann gemeinsam Lieder, die Kinder tragen Gedichte vor und die Opas lesen Geschichten vor. Das ist sooo schön.«
Das Blümchen verstand und freute sich für die Tanne.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Hauses und ein Mann kam heraus.
»Jetzt geht es los,«, flüsterte die Tanne glücklich.
Doch dann blieb der Mann stehen. Er besah sich den Baum und dachte noch einmal nach.
»Nein. Dach geht einfach nicht.«, murmelte er.
»So einen schönen Baum kann ich einfach nicht fällen. Nicht einmal für Weihnachten.«
Er drehte sich um, klopfte sich den Schnee von seinen Schuhen und ging zurück ins Haus.
Die Tanne war verwirrt. Das durfte einfach nicht wahr sein. Zu schön für Weihnachten? Niemals.
»Hallo?« Du kommst sofort wieder heraus und fällst mich.«, rief sie dem Menschen hinterher.
»So schön bin ich doch gar nicht. Einer meiner Äste hat sogar einen Knick. Außerdem freue ich mich schon mein ganzes Leben auf Weihnachten. Bring deine Axt mit und hol mich ins Haus.«
Aber es half alles nichts. Sie blieb, wo sie war.
Doch dann öffnete sich ein weiteres Mal die Tür. Der Mann kam mit seiner ganzen Familie nach draußen. Sie sangen Weihnachtslieder und brachten große Kisten mit.
»Los, schmückt den Baum.«, rief die Mutter und verteilte bunte Kugeln, Stohsterne und Lametta an ihre Kinder. Im Nu war aus der Tanne ein stattlicher Weihnachtsbaum geworden. Die Feier fand nun draußen unter freiem Himmel statt.
Von überall, aus allen Richtungen, kamen noch mehr Menschen heran und freuten sich über dieses ungewöhnliche Fest im weißen Schnee.
Die größte Freude hatte allerdings die Tanne. Sie war nicht nur ein normaler Weihnachtsbaum in irgendeiner Stube. Sie stand draußen und konnte alle Menschen der Stadt mit ihrem Glanz erfreuen, und das machte sie sehr stolz.

(c) 2012, Marco Wittler

330. Ein Picknick im Wald

Ein Picknick im Wald

In den letzten Wochen hatte es ohne Pause geregnet. Dunkle Wolken hatte für lange Zeit die Sonne verdeckt. Doch nun war es endlich seit drei Tagen wieder schön. Das Grau am Himmel hatte sich verzogen und einem kräftigen Blau Platz gemacht. Mittlerweile war es auch wärmer geworden. Da lohnte es sich, etwas draußen zu unternehmen.
»Wir werden heute ein Picknick machen.«, hatte Mama schon beim Frühstück entschieden.
»Ein Picknick?«, hatte Anna-Lena neugierig gefragt.
»Was ist denn das?«
Mama lachte.
»Wir verlegen das Mittagessen und deine geplante Teeparty nach draußen. Wir nehmen einen Korb, packen da eine Decke hinein, etwas zu Essen, Teller, Besteck, Getränke und gehen zusammen in den Wald und machen es uns auf der großen Lichtung bequem.«
Anna-Lena bekam hoch erfreute Augen.
»Juhuu. Das ist eine prima Idee. Ich hole gleich alles her, was ich noch brauche.«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer.

Zwei Stunden später war es so weit. Mama hatte in der Küche noch einige Dinge vorbereitet. In einer Schlüssel hatte sie Kartoffelsalat gemacht, in einer großen Dose lagen Butterbrote. Obst durfte natürlich auch nicht fehlen. Der leckere Apfelsaft musste ebenfalls mit.
»Jetzt müssten wir eigentlich alles haben.«
In diesem Moment kam Ann-Lena die Treppe herunter gelaufen. Sie hatte sich einen Rucksack umgeschnallt.
»Da sind nur meine wichtigsten Puppen und Kuscheltiere drin.«, erklärte sie.
»Die freuen sich alles schon auf das Picknick. Ich konnte es ihnen nicht ausreden. Sie haben sogar geweint, als ich sagte, sie müssten zu Hause bleiben. Also nehm ich sie alle mit.«
Mama nahm ihre Tochter an die eine Hand, den Korb an die andere und gemeinsam gingen sie ein Liedchen singend in den Wald.
Überall roch es angenehm nach Natur. Hier und da waren bunte Blüten zu sehen Wenn man sich leise verhielt, hatte man sogar die Chance ein scheues Reh hinter einem Busch zu entdecken.
»Da vorn ist schon die Lichtung.«, sagte Mama.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. An Ort und Stelle breiteten sie gemeinsam die Decke aus und setzten sich darauf. Anna-Lena ließ es sich nicht nehmen, die einzelnen Schüsseln, Dosen, Teller und Becher um sich herum zu verteilen.
»Hm, womit fange ich denn an?«, fragte sie sich und griff sich kurz darauf ein Butterbrot mit Käse.
»Das ist richtig lecker. Hier draußen schmeckt es noch viel besser als zu Hause.«, erklärte sie begeistert mit vollem Mund.
Doch bevor sie den ersten Bissen schlucken konnte, stockte ihr der Atem, denn eine kleine Erdbeere bewegte sich plötzlich von ihrem Teller weg zum Rand der Decke.
»Was ist denn das?«
Nun wurde auch Mama neugierig, denn es war nicht bei der einen Erdbeere geblieben. Nach und nach bewegten sich nun auch kleine Tomaten, Gurkenscheiben und mehr.
»Da geht doch was nicht mit rechten Dingen zu.«, sagte Mama misstrauisch.
Sie schnappte sich eine laufende Erdbeere und sah darunter.
»Schau mal einer an.«
Sie hatte die Lösung des Rätsels gefunden. Winzig kleine Ameisen hatten sich das Obst und Gemüse geschnappt und wollten es nun in ihren Hügel schleppen.
»Na gut.«, sagte Mama.
»Die dürft ihr behalten. Aber der Rest ist für uns.«
Zusammen mit Anna-Lena brachte sie die Sachen zu einem nahen Tisch.
»Dann essen wir halt doch nicht auf dem Boden.«
Anna-Lena musste aber immer noch grinsen, denn sie beobachtete weiterhin das wandernde Diebesgut, wie es sich seinen Weg durch die Wiese bahnte.

(c) 2010, Marco Wittler

278. Bleib nicht ständig stehen

Bleib nicht ständig stehen

Lara sah sich um und betrachtete alles ganz genau. Doch bevor sie fertig war, rief Papa schon wieder nach ihr.
»Lara, nun bleib nicht ständig stehen. Du wirst noch Löcher in die Luft starren.«
Lara schnaufte beleidigt und lief den Waldweg hinab, ihren Eltern hinterher.
»Aber Papa, es ist doch Sonntag und wir haben ganz viel Zeit. Warum kann ich mir denn dann nicht auch mal etwas Interessantes anschauen?«
Papa klopfte mit seinem Zeigefinger auf seine Armbanduhr.
»Es ist schon spät und wir wollen doch einen schönen Spaziergang machen und nicht in der Weltgeschichte herum schauen.«
Mama nickte und ging bereits weiter.
»Spaziergänge sind gesund. Man ist an der frischen Luft. Davon bekommst du Farbe ins Gesicht.«
Lara schüttelte sich innerlich. Sie wusste, was Mama damit sagen wollte. Abends würde sie alle rote Wangen haben. Doch in ihrem Kopf hatte sie plötzlich die Vorstellung, dass jemand mit einem Eimer hinter dem nächsten Baum hervor gesprungen kam und ihnen allen Farbe ins Gesicht pinseln wollte.
Lara lachte und hielt sich den Bauch.
»Nun komm schon.«, mahnte Papa.
»Und lach uns nicht aus. So etwas macht man nicht.«
Also gehorchte Lara und lief weiter. Doch schon nach wenigen Metern blieb sie wieder stehen. Sie lauschte in den Wald hinein und versuchte zu entdecken, was sie gerade gehört hatte.
»Da war doch ein Geräusch.«, murmelte sie.
»Irgendwo zwischen den Büschen ist doch etwas. Das weiß ich ganz genau.«
Aber so sehr sie sich auch anstrengte, es war nichts zu entdecken.
»Du bleibst ja schon wieder stehen.«
Nun war es Mama, die gerade schimpfen wollte.
»Ich komme ja schon. Ich dachte ich hätte einen Stein im Schuh.«
Diese Ausrede hatte schon oft geholfen. Sie tat es auch dieses Mal.
Und da war es schon wieder. Ein seltsames Geräusch kam von der linken Seite. Es schien die Spaziergänger zu verfolgen.
Lara blieb stehen und sah sich um.
»Wer ist denn da?«, flüsterte sie.
Aber es kam keine Antwort. Es war nichts mehr zu hören. Nur die Grillen zirpten weiter vor sich hin. Alles andere blieb aber still.
Schon wollte Lara weiter gehen, als sich etwas bewegte und unter einem Busch hervor gekrabbelt kam. Es war ein kleines, felliges Wesen mit großen Knopfaugen.
»Was bist du denn für ein Tier?«
Die Fellkugel richtete sich auf und straffte seine Figur.
»Ich bin kein Tier. Ich bin ein Wünsch-dir-was.«
Lara bekam ganz große Augen.
»Ein Wünsch-dir-was? Was soll das denn sein? Davon habe ich ja noch nie gehört.«
»Wer mich im Wald entdeckt und findet, hat einen Wunsch frei, den ich ihm erfülle. Darum bin ich ein Wünsch-dir-was.«, erklärte das Wünsch-dir-was.«
In diesem Moment rief Papa wieder nach seiner Tochter.
»Lara, wo bleibst du denn? Bist du schon wieder irgendwo stehen geblieben? Nun beeil dich endlich. Wir wollen unseren Spaziergang fortsetzen.«
Lara verdrehte die Augen und seufzte.
»Meine Eltern sind heute richtig nervig. Ich darf nie stehen bleiben und mir etwas im Wald anschauen. Das verschwendet zu viel Zeit. Wenn sich das doch bloß mal ändern würde.«
In diesem Moment hatte das Wünsch-dir-was eine Idee.
»Ich glaube, ich kann dir dabei helfen. Du musst dir einfach nur das Richtige wünschen.«
Lara verstand sofort, sprach ihren Wunsch aus und das kleine, fellige Wesen verschwand.
»Lara? Wo bleibst du?«, rief Mama laut.
»Schau mal, was wir hier entdeckt haben. Das musst du dir unbedingt anschauen.«
Lara wollte ihren Ohren nicht trauen. Mama und Papa hatten etwas entdeckt?
Tatsächlich. Hinter der nächsten Kurve standen ihre Eltern am Wegesrand und besahen sich neugierig einen kleinen Strauch mit Beeren, von denen sie sich bereits ein paar in den Mund gesteckt hatten.
»Die sind ja sooo lecker.«, schwärmte Mama.
»Das werdet ihr niemals glauben, wenn ihr es nicht seht.«, rief Papa plötzlich von der anderen Seite.
Er hatte einen kleinen Igel unter einem Baum entdeckt.
»Ist der nicht putzig?«
Lara musste grinsen. Ihre Eltern hatten auf einmal ganz viel Zeit zum stehen bleiben, umschauen und entdecken. Das war der schönste Spaziergang ihres Lebens.

(c) 2009, Marco Wittler

246. Der erste Teddy

Der erste Teddy

Teddy saß auf seinem Lieblingsast hoch oben in einem riesigen Baum. An diesem Ort verbrachte er gern seine Freizeit, wenn er gerade nichts anderes zu tun hatte, was meistens der Fall war.
Von hier oben konnte fast die ganze Welt überblicken. Nur am Horizont hatte das Auge seine Grenze.
Teddy rieb sich über seinen dicken Bauch und fühlte sich pudelwohl. Gerade hatte er einen großen Keks in sich hinein gestopft und war nun richtig satt.
»So ein Leben ist schön. Von früh bis spät auf der faulen Haut liegen und nichts tun.«, sagte er sich.
Doch in diesem Moment gab es einen kräftigen Windstoß. Teddy konnte sich nicht mehr rechtzeitig am Baum festhalten und purzelte vom Ast nach unten.
»Hilfe.«, schrie er. Aber es hörte ihn niemand. Seine Freunde lagen auf ihren eigenen Ästen und hielten einen Mittagsschlaf.
»So helft mir doch.«, versuchte er es abermals.
Und mit einem lauten Plumps landete er auf dem weichen Waldboden.
»Das hat aber ganz schön weh getan.«
Er rieb sie mit der Pfote über den Po und dachte mit Schrecken daran, dass er bald einen großen blauen Fleck an dieser Stelle haben würde.
Teddy sah sich um. Er war noch nie in seinem ganzen Leben am Boden gewesen. Er fragte sich, wie er wieder in die luftige Höhe kommen sollte, denn an seinen Pfoten fehlten starke Krallen, um am Baumstamm nach oben klettern zu können.
»O je, o je. Was mache ich denn jetzt?«
Auch wenn er es besser wusste, versuchte es Teddy mit Klettern. Aber schon nach mehreren Zentimetern rutschte er wieder ab und saß auf dem Boden.
In diesem Moment hörte er Schritte, die den Weg entlang kamen.
»Das müssen Menschen sein, die einen Spaziergang machen.« flüsterte er sich zu.
Schnell versteckte sich Teddy in einem Gebüsch. Er hatte ganz schreckliche Geschichten über die Menschen gehört.
Schon kamen sie um die Ecke. Sie waren zu dritt. Zwei von ihnen waren sehr groß, der dritte ein ganzes Stückchen kleiner.
Der kleine Mensch hielt ein weiteres, felliges Tier an einer Leine fest.
Das Tier schnupperte wie wild in der Gegend herum. Plötzlich schien es etwas entdeckt zu haben und lief zielstrebig auf den Busch zu.
»Nein, bitte nicht.«
Teddy war entdeckt und wurde im Maul des Tieres auf den Weg getragen.
»Böser Hund, lass das fallen.«, sprach der kleine Mensch.
Der Hund gehorchte sofort und legte Teddy ab.
»Was ist denn das?«, fragte einer der großen Menschen, kam allerdings nicht mehr dazu, sich den Fund genauer anzuschauen, denn der kleine Mensch hob Teddy bereits auf und drückte ihn an sich.
»Der ist ja unglaublich weich. Darf ich den behalten?«
Behalten? Teddy bekam Angst. Er wollte doch in seinem Wald bleiben. Doch alles Zittern und Bibbern half nichts. Der kleine Mensch ließ ihn nicht mehr los.

Eine Stunde später betraten sie ein großes Haus. Sofort stürmte der kleine Mensch in sein Zimmer und setzte Teddy auf ein weiches Bett.
»So, hier ist dein neues Zuhause. Wenn du artig bist und auf mich wartest, bekommst du auch gleich etwas leckeres zu Fressen.«
Teddy war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Fressen klang immer gut, denn sein Magen knurrte bereits. Außerdem war das Bett so weich, wie kein einziger Ast seines Baumes.
»Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich schon längst bei den Menschen eingezogen. Das ist ja wirklich paradiesisch hier.«
Er legte sich mit dem Rücken auf das Bett und wartete darauf, gefüttert zu werden. Nur wenige Minuten kam dann auch der kleine Mensch mit einem leckeren Apfel zurück.

Spät am Abend, als die Sonne bereits verschwunden war, saß Teddy am Fenster und sah zu den hohen Bäumen hinaus. Die Menschen schliefen bereits tief und fest.
»Beim nächsten Spaziergang, wenn wir wieder im Wald sind, werde ich allen meinen Freunden von den Menschen erzählen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie sich dann auch von einem Kind finden lassen wollen.«
Dann drehte er sich um, schloss seine Augen und begann leise zu schnarchen.

(c) 2009, Marco Wittler

183. Im Zeltlager

Im Zeltlager

Dunkelheit hatte sich über das Land gelegt. Dichte Wolken zogen über den Himmel und ließen kein Licht zum Boden gelangen. Alle Bäumen des Waldes schienen den Atem anzuhalten. Kein Windhauch raschelte an ihren Blättern entlang. Die Grillen waren verstummt. Es war totenstill.
Inmitten dieser Einsamkeit standen ein paar kleine Zelte auf einer Lichtung. Zwischen ihnen loderte ein Lagerfeuer. Sein Knistern war das einzige Geräusch weit und breit.
»Findet ihr nicht, dass es plötzlich auffällig still geworden ist?«, fragte Erik seine beiden Freunde.
Daniel und Tim sahen sich ängstlich um.
»Meinst du etwa, es gibt Geister hier im Wald? Hoffentlich bleiben die, wo sie sind.«
Schon bereuten sie ihren Entschluss, mit zum Zeltlager gefahren zu sein. Wenn doch nur der Gruppenleiter wieder auftauchen würde. Er wollte doch nur ganz kurz ins Zelt gehen, um sich etwas Orangensaft zu besorgen. Die drei Jungen hatten das Gefühl, dass das schon vor einigen Stunden gewesen war.
»Wenn er jetzt nicht bald kommt, siehst du nach, was passiert ist.«, sagte Erik zu Tim.
»Warum muss ich denn nachsehen. Ich lasse mir doch nichts von dir befehlen.«, entgegnete dieser.
Daniel sah tief in den Wald hinein und tat so, als hätte er die beiden nicht gehört. Angst hatten sie alle drei. Aufstehen wollte keiner von ihnen.
»Dann gehen wir halt alle drei, wenn es sein muss. Ihr sollt euch ja nicht in die Hosen machen, wenn ich in den Zelten nachschaue.«, konterte nun Erik wieder.
Plötzlich knackte es im Wald. Irgendetwas war ganz in der Nähe.
»Was ist das?« Daniel wäre nur zu gern aufgesprungen und hätte sich unter einem Haufen Blätter versteckt. Doch selbst das war ihm jetzt zu gefährlich geworden.
»Hier am Feuer sind wir doch sicher.«, sprach er mit zittriger Stimme.
»Geister, Gespenster und wilde Tiere fürchten sich doch davor. Oder etwa nicht?«
Seine Freunde sagten nichts mehr. Sie hielten sich an den Händen und erwarteten das Schlimmste. War es ein Vampir oder sogar noch eine schlimmere Kreatur, die auf sie wartete?
Wieder knackte es, dieses Mal ein paar Meter weiter rechts. Die drei Jungen zuckten sofort zusammen. Sie sprangen auf, schrien und liefen auf eines der Zelte zu. Sie sahen sich nicht um, obwohl sie schwere Schritte hinter sich hörten.
Kurz bevor sie ihr rettendes Ziel erreicht hatten, wurden sie an den Armen gepackt und gehalten.
»Bitte friss uns nicht auf. Wir sind doch nur unschuldige Kinder.«, riefen sie in ihrer Verzweiflung.
»Warum sollte ich euch den fressen wollen?«
Es war der Gruppenleiter, der hinter ihnen stand. Er wunderte sich sehr, was in die drei Jungen gefahren war.
»Ach, ich verstehe. Ich habt gehört, wie ich durch den Wald gelaufen bin. Das hat euch bestimmt erschreckt.«
Er kratzte sich am Kopf.
»Ich hab euch doch gesagt, dass ich im Dorf noch eine Flasche Saft kaufen gehe.«
Nun war auch geklärt, warum das alles so lange gedauert hatte.
Erik und seine Freunde waren erleichtert und konnten schon wieder etwas lächeln. Doch dann knackte es erneut im Wald.

(c) 2009, Marco Wittler

181. Das Auto ist kaputt

Das Auto ist kaputt

Papa fluchte laut, als er zurück ins Haus kam. Er warf seine Jacke über den Garderobenhaken und riss sich die Mütze wütend vom Kopf.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Mama neugierig.
»Das Auto ist kaputt. Der Motor will einfach nicht anspringen.«
Dann sah er die Kinder an und zuckte mit den Schultern.
»Der Kindergarten fällt wohl heute aus. Ich kann euch nicht hin fahren.«
Sofort sah entsetzte Augen und enttäuschte Gesichter.
»Aber Nina wollte mir heute ihre neue Puppe zeigen.«, beschwerte sich Anna.
»Und Mike bringt heute Einladungen zu seiner Geburtstagsfeier mit.«, legte Max nach.
Papa setzte sich an den Küchentisch und blätterte im Telefonbuch herum. Irgendwo musste doch die Nummer der Autowerkstatt geblieben sein. Doch dann hielt er inne, dachte kurz nach und hatte plötzlich eine Idee.
»Kinder zieht euch an. Ich bringe euch zu Fuß zum Kindergarten. Das hat mein Vater früher immer mit mir gemacht.«
Der Jubel war groß. So schnell hatten sich Anna und Max noch nie angezogen. Mama musste nicht einmal helfen. Papa holte noch schnell seine Arbeitsrucksack aus dem Auto und Mama drückte ihm eine Tüte Äpfel in die Hand.
»Die sollst du doch während der Arbeit essen.«

Ein paar Minuten später waren die drei auf dem Gehweg unterwegs. Die Winterluft war kalt und die Sonne noch nicht aufgegangen. Papa beleuchtete die ganze Zeit mit einer Taschenlampe den Weg.
»Das ist ja ganz schön unheimlich hier.«, flüsterte Max, als sie am Wald entlang kamen.
»Hier leben bestimmt böse Geister, die uns erschrecken wollen.«, befürchtete Anna.
Papa gab seiner Tochter die Taschenlampe und nahm seine Kinder an die Hand.
»So wird euch nichts passieren. Ich werde auf euch aufpassen. Außerdem gibt es keine bösen Geister.«
So liefen sie dann mit schnellen Schritten weiter.
Plötzlich war ein Knacken im Unterholz zu hören. Irgendetwas war ganz in der Nähe. Die Kinder zitterten und sahen sich ängstlich um. Was konnte das nur gewesen sein? Waren es vielleicht doch bösen Geister?
»Wenn bloß nicht das Auto kaputt gegangen wäre. Ich wäre viel lieber zum Kindergarten gefahren. Ich will wieder nach Hause.«
Anna fing an zu weinen.
Auf einmal sahen sie zwei leuchtende Augen, die sich langsam durch den Wald bewegten. Jetzt bekam auch Papa weiche Knie.
»Schnell, gebt mir die Taschenlampe. Ich will wissen, was das ist.«
Er leuchtete in alle Richtungen, bis er sah, was sie so in Panik versetzt hatte. Vor ihnen saß ein kleines, grunzendes Tier in einem Busch und sah die drei Menschen neugierig an.
»Der Frischling scheint hungrig zu sein.«, sagte Anne.
Sofort kramte sie an Papas Rucksack und holte einen der Äpfel heraus, den sie dem kleinen Wildschwein zuwarf.
Erst etwas zögerlich, dann sehr hungrig stürzte es sich auf diese köstliche Speise.
»Huch, was ist denn das?«, fragte sich Papa plötzlich, denn in diesem Moment kamen noch mehr Wildschweine aus der Dunkelheit hervor. Sie waren vom Obstgeruch angelockt wurden.
Beide Kinder nahmen sich nun den Rucksack vor und fütterten die Schweine, die sich die Äpfel schmatzend schmecken ließen. Nicht ein einziger blieb übrig.
»So, jetzt muss ich euch aber im Kindergarten abliefern, sonst komme ich noch zu spät zur Arbeit.
Papa nahm seine beiden Kinder an die Hand und ging mit ihnen weiter. Doch den Rest des Weges waren sie nicht mehr allein, denn die gesamte Wildschweinfamilie folgte ihnen fröhlich grunzend bis zur Eingangstür des Kindergartens. Erst dort verschwanden sie wieder im Wald.
»Das war richtig schön.«, schwärmte Max.
»Bringst du uns Morgen auch wieder zu Fuß hierher? Wir könnten doch dann wieder die Wildschweine füttern.«
Papa musste lachen. Der Ärger über das kaputte Auto war nun verschwunden.

(c) 2009, Marco Wittler

134. Die Vogelfänger oder „Papa, warum färben sich die Blätter bunt?“ (Papa erklärt die Welt 22)

Die Vogelfänger
oder ›Papa, warum färben sich die Blätter bunt?‹

Sofie lief durch den Wald, versteckte sich mal hinter einem Baum, mal hinter einem Busch und kicherte die ganze Zeit vor sich hin.
»Du fängst mich ja doch nicht.«, rief sie.
Papa kam mit einem großen Korb hinter ihr her.
»Mit den vielen Pilzen kann ich ja auch nicht so schnell rennen.«
Sofie verdrehte die Augen.
»Ach, Papa. Dann stell den Korb doch mal ab. Ich will doch noch ein wenig mit dir spielen. Bitte, bitte.«
Papa seufzte, stellte den Korb ab und lief los. Seine Tochter begann zu jubeln und flitzte so schnell sie konnte den Waldweg entlang. Doch kurz bevor Papa sie erreichte, blieb sie plötzlich stehen.
»Das ist ja seltsam.«, sagte sie verwundert.
Papa blieb ebenfalls stehen und sah sich um.
»Was meinst du denn? Ich kann nichts Ungewöhnliches entdecken.«
Sofie zeigte auf einen großen Laubbaum, der zwischen den vielen Tannen und Fichten stand.
»Schau doch mal. Der Baum ist ganz bunt. So etwas habe ich noch nie gesehen. Das sieht richtig lustig aus.«
Papa warf einen Blick auf den Baum.
»Das ist etwas ganz normales. Im Herbst werden die Blätter der Bäume immer bunt. Kurz darauf fallen sie dann ab und der Baum bleibt kahl, bis der nächste Frühling kommt. Nur die Tannen behalten ihre Nadeln.«
Sofie dachte nach.
»Papa, warum färben sich die Blätter bunt?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine wirklich gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Bäumen und Blättern. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein großer Wald. In ihm lebte eine große Vielzahl Vögel. Im Frühling begannen sie laut und vergnügt vor sich hin zu zwitschern, Eier zu legen und ihre Jungen auszubrüten. Sie flogen von Baum zu Baum, bauten Nester, fingen Würmer und kleine Insekten und versorgten damit ihren Nachwuchs.
Den ganzen Sommer über war ein einziges Vogelkonzert zu hören. Die anderen Tiere saßen in ihren Höhlen, Verstecken oder liefen umher und hörten nur zu gern dem Gesang zu. Erst in den Abendstunden, wenn die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, verstummten die unzähligen Stimmen und überließen den weiteren Gesang einer kleinen Grillengruppe.
Aber wie immer neigen sich die Jahre irgendwann ihrem Ende entgegen. Die Tage werden kürzer und die Temperaturen fallen.
Der Herbst brach an und die Vögel bereiteten ihren langen Flug in den warmen Süden vor.
Eines Tages war es dann so weit. Die Vogelschwärme erhoben sich in die Lüfte. Doch ein paar Momente traf sie der Schrecken wie ein Schlag.
Am Waldrand hatte eine Gruppe Menschen hinter einigen Büschen gewartet. Nun sprangen sie hervor und begannen, die Vögel mit großen Netzen zu fangen und in kleine Käfige zu sperren. Bis zum Abend waren auf diese Weise mehrere hundert Tiere in Gefangenschaft geraten.

Ein paar Tage später stand ein dicker Händler auf dem Marktpatz der Stadt. Auf seiner Ladentheke standen unzählige Käfige, in denen unglückliche Vögel saßen. Es war nicht einmal mehr ein Piepen von ihnen zu hören.
»Los, singt schon, oder ihr landet heute Abend in der Bratpfanne.«, befahl er. Aber es hatte keinen Zweck. Die Tiere blieben still.
In diesem Moment lief eine Schulklasse über den Markt. Sie waren auf dem Weg in den Wald, um Eicheln, Bucheckern und Kastanien zu sammeln.
»Hört zu, Kinder.«, sagte die Lehrerin.
»Alles, was wir heute sammeln, bewahren wir gut auf, damit wir damit die Tiere des Waldes im Winter füttern können.«
Der Blick eines Jungen fiel auf die Käfige.
»Schaut mal, der Mann dort verkauft Vögel. Da muss ich heute Mittag gleich meine Eltern fragen, ob ich einen haben darf. Dann muss ich nicht mehr in den Wald gehen um ein Zwitschern zu hören.«
Sofort waren alle Mädchen empört und beschwerten sich.
»Du kannst doch nicht einfach so einen armen Vogel gefangen halten.«, sagte die Erste.
»Vögel können im Käfig doch gar nicht mehr fliegen.«, fügte die Nächste hinzu.
Die Lehrerin hörte sich die folgende Situation genau an und überlegte, wie sie den Kindern dazu etwas beibringen konnte. Sie ging zum Händler und ließ sich erzählen, woher er seine Vögel bekam.

Am nächsten Morgen, als der Unttericht begann, kam die Lehrerin mit einem Käfig in den Klassenraum. Zuerst waren die Kinder erschrocken, doch dann stellten sie fest, dass kein Vogel darin saß.
Die Kinder redeten nun kreuz und quer. Jeder wollte seine Meinung vorbringen und wollte von den anderen gehört werden. Am Ende einigten sie sich darauf, dass es nicht richtig wäre, wilde Vögel im Herbst zu fangen, um sie in Käfigen zu halten.
»Aber was unternehmen wir denn jetzt? Die Tierfänger werden Morgen auf den nächsten Vogelschwarm warten und wieder ihre Käfige füllen. Das können wir doch nicht zulassen.«, beschwerte sich eines der Mädchen.
»Wartet ab.«, sagte die Lehrerin.
»Ich habe da schon eine prima Idee.«
Sie öffnete einen Wandschrank und holte mehrere Farbeimer und Pinsel hervor.

Eine Stunde später stand eine Horde Kinder mitten im Wald. Mit großem Eifer bemalten sie die Blätter der Bäume. Das Grün verschwand allmählich, bis der gesamte Wald rot und braun geworden war.
»Seht ihr, Kinder?«, erklärte die Lehrerin.
»Jetzt haben die Blätter die gleiche Farbe, wie die Vögel. Nun wird es den Tierfängern sehr schwer fallen, überhaupt noch ein Tier in der Luft zu erkennen. Und wenn alle Vögel auf dem Weg in den Süden sind, können die Blätter ruhig zu Boden fallen.«
Die Kinder waren glücklich. Nun musste kein weiterer Wildvogel Angst haben, sein Leben in einem kleinen Käfig zu verbringen.
»Das machen wir jetzt jeden Herbst.«, sagte einer Jungs.
Alle anderen Kinder jubelten und stimmten ihm zu.
Seit dieser Zeit wurde nie wieder ein Vogelfänger im Wald gesehen.

»Und deswegen werden jedes Jahr die Blätter bunt?«, fragte Sofie.
Papa nickte.
»So ist es. Jedes Jahr gehen Schulklassen in die Wälder und malen alle Blätter an.«
Sofie lachte.
»Das war eine tolle Geschichte, Papa. Trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie nahm ihren Vater an die Hand. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort und sammelten noch ein paar leckere Pilze.

(c) 2008, Marco Wittler