619. Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Es waren die letzten Tage vor Weihnachten. Die Männer des Dorfes gingen, mit scharfen Äxten bewaffnet, in den nahen Wald und fällten einige Tannen, um sie mit sich nach Hause zu nehmen. Die Bäume, die stehen bleiben durften, wunderten sich sehr. Es war noch nie vorgekommen, dass die Menschen komplette Tannen fort schafften. Vorher hatten sie immer alle Äste abgeschnitten und im Wald gelassen.
»Da stimmt doch etwas nicht. Was geht da bloß vor sich?«, wunderte sich eine Tanne.
Sie wurde so neugierig, dass sie unter größten Mühen ihre Wurzeln aus dem Erdreich zog und sich auf den Weg ins Dorf machte. Leise schlich sie sich durch die Straßen und engen Gassen und warf da und dort einen Blick in die Häuser.
Überall entdeckte sie die gefällten Tannen, wie sie in den Wohnzimmern standen und von den Menschen rundherum mit bunten Kugeln und Kerzen geschmückt wurden.
»Das ist ja noch seltsamer, als ich es mir vorgestellt habe. Was hat das nur zu bedeuten? Normalerweise werden wir doch in Stücke zerhackt und verbrannt.«
Sie wanderte weiter, hielt immer wieder ein Ohr an die Fenster und lauschte den Gesprächen und Erzählungen. Die Menschen redeten die ganze Zeit von Christbäumen, von Weihnachten und von einer besinnlichen Zeit.
»Ob dieses Weihnachten wirklich so schön ist? Und wenn ja, warum feiern wir das in unserem Wald nicht auch?«
Die Tanne ging wieder zurück und dachte noch lange über all das nach, was sie gesehen und gehört hatte. Es ließ sie einfach nicht mehr los. Schließlich fasste sie einen Entschluss.
»Wir werden in diesem Jahr auch Weihnachten feiern.«
Als sie an einem Feld vorbei kam, entdeckte sie eine alte Vogelscheuche, die einem Menschen nicht ganz unähnlich war. Kurzerhand griff sie zu und nahm ihren Fund mit.
Als sie wieder bei den anderen Tannen im Wald stand und ihre Wurzeln in die Erde grub, erzählte sie vom Weihnachtsfest und den Christbäumen.
»Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön sie alle aussahen.«
»Aber wer von uns soll sich denn so schick machen, dass sie die anderen daran erfreuen können?«
Die erste Tanne grinste.
»Niemand. Wenn die Menschen Bäume schmücken, machen wir es genau umgekehrt. Wir schmücken einen Menschen. Na gut, keinen Echten. Wir nehmen einfach diese Puppe.«
Dann stellten sie die Vogelscheuche zwischen sich auf und schmückten sie mit Eicheln, Zapfen, Moosen und Schneeflocken.
Wären die Menschen zu dieser Zeit nicht damit beschäftigt gewesen, ihr eigenes Weihnachtsfest zu feiern, hätten sie sich bestimmt gewundert, warum im Wald ein Weihnachtslied gesungen wurde, obwohl außer den vielen Bäumen niemand sonst zu sehen war.

(c) 2017, Marco Wittler

615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler

517. Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Auf einem Hochsitz mitten im Wald saß eine Gruppe Jäger. Jeder von ihnen hatte ein großes, schweres Gewehr dabei. Damit wollten sie Hirsche, Rehe und Wildschweine schießen. Gespannt sahen sie auf die große Lichtung hinab und warteten.
»Hier kommen sie jeden Tag vorbei.« erklärte einer von ihnen. »Auf der einen Seite der Lichtung befindet sich das meiste Futter, auf der anderen ein Bach, aus dem sie Wasser trinken können. Wir werden heute Abend auf jeden Fall mit mindestens einem großen Wildbraten nach Hause gehen.«
Die anderen Männer grinsten und freuten sich schon.
Ein paar Minuten später hörten sie ein Knacken im Unterholz. Sie wurden still, legten ihre Gewehre an und suchten nach dem ersten Tier. Und da kam es auch schon. Es war aber kein Hirsch mit riesigem Geweih, sondern nur ein kleiner Hase, der in einem wilden Zickzack über die Wiese rannte und einen Haken nach dem anderen schlug.
»Nanu? Was ist denn da los?« wunderten sich die Jäger.
Doch dann sahen sie schon die Antwort. Aus dem gleichen Busch stürmte ein Fuchs hervor, der dem Hasen nachjagte.
»Da hat wohl jemand Hunger.« lachte einer der Männer.
»Und der andere ist das Abendessen.« sagte ein anderer, während Hase und Fuchs auf der anderen Seite der Lichtung zwischen den Bäumen verschwanden.
Nur Sekunden später kamen sie wieder zurück. Wieder wurde der Hase gejagt. Dieses Mal aber in die andere Richtung. So ging es den ganzen Tag weiter. Mal in die eine, mal in die andere Richtung.
»Gibt es hier im Wald eigentlich nur einen Hasen und einen Fuchs?« wollte einer der Jäger wissen. »Ich dachte, wir würden hier Hirsche, Rehe und Wildschweine für unser Abendessen jagen. Was für eine Enttäuschung.«
Die anderen zuckten nur mit den Schultern.
»Hier ist es so langweilig. Hier würden sich nicht einmal Hase und Fuchs gute Nacht sagen.«
Enttäuscht verließen die Männer ihren Hochstand, packten die Gewehre ein und gingen mit knurrenden Mägen nach Hause, die wohl nur mit einem Butterbrot gestopft werden würden.

Währenddessen ging am Horizont langsam die Sonne unter. Hase und Fuchs liefen ein letztes Mal auf die Lichtung. Dieses Mal aber viel langsamer als in den letzten Stunden. Sie nicht erschöpft, sondern hatten es nun nicht mehr so eilig.
»War eine tolle Idee von dir, die Jäger abzulenken.« sagte der Fuchs.
»Vielen Dank.« antwortete der Hase glücklich. »Das war die einzige Möglichkeit, die Jäger von den anderen Tieren abzulenken, damit sie still und leise hinter dem Hochstand zum Bach schleichen konnten.«
Lachend verabschiedeten sich die zwei Freunde voneinander und wünschten sich dann doch an diesem nicht ganz so einsamen Ort eine gute Nacht.

(c) 2015, Marco Wittler

471. Neues Jahr – Neues Glück

Neues Jahr – Neues Glück

Lena war mit ihrer Familie im Wald unterwegs. Das ungewöhnlich warme Wetter zum Jahresanfang hatte zu einem schönen Spaziertgang eingeladen. Die Sonne schien und es waren nur wenige Wolken am Himmel zu sehen.
Mindestens alle zwei Minuten sah Lena auf ihr linkes Handgelenk. Dort glitzerte ihr ein rotes Plastikarmband entgegen, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.
»Das ist sooo schön. Ich fühle mich damit wie eine richtige Prinzessin.« freute sie sich noch immer und konnte sich an ihrem neuen Schmuck gar nicht satt sehen.
»Schön, dass es dir gefällt.« sagte Mama.
»Aber trödel bitte nicht so. Wir wollen noch vor Sonnenuntergang am Ziel sein.«
Lena nickte und lief hinter den anderen her.
»Ich bin ja schon da. Nicht, dass ihr mich noch unterwegs verliert. Ihr braucht mich doch bestimmt noch, oder?«
In diesem Moment sah sie wieder auf ihr Handgelenk.
»Nein!« rief sie entsetzt. »Wo ist es? Wo ist mein Armband?«
Verzweifelt sah sie sich um. Irgendwo auf den letzten Metern musste sie es verloren haben. Nur wo? Sofort lief sie zurück und suchte den ganzen Waldweg ab.
»Da vorne liegt es. So ein Glück.«
Doch das Glück währte nicht lange, denn ein großer Vogel sauste aus den Baumwipfeln herab, stürzte sich auf das glitzernde Armband und flog damit davon.
»Hey, was soll denn das? Das Armband gehört mir.« schimpfte Lena verzweifelt und brach in Tränen aus.
Bei ihrer Suche zwischen den vielen Ästen über ihrem Kopf, entdeckte sie den diebischen Vogel. Es war ein Elster gewesen. Da wusste sie, dass sie ihren Schmuck nicht zurück bekommen würde.
»Das war doch ein Weihnachtsgeschenk. So etwas Schönes bekomme ich bestimmt nie wieder.«
Mit hängende Schultern, den Blick zu Boden gerichtet, schlich sie zurück zu ihrer Familie, als sie etwas unter dem Laub glitzern sah.
»Hey, was ist denn das?«
Neugierig schob sie die Blätter zur Seite und wollte gar nicht glauben, was sie dort fand.
»Schaut euch das mal an. Es ist ein silbernes Armband. Das ist ja noch viel schöner.«
Sie drehte sich zum Nest des Vogels um und rief so laut sie konnte.
»Das Rote kannst du behalten. Mein neues Armband ist viel schöner.« und streckte ihre Zunge weit raus.
»Neues Jahr, neues Glück.« grinste sie vor sich hin.
»Ich bin mal gespannt, was ich noch alles im Wald finden werde.«
Den restlichen Weg suchte Lena unter allen Büschen und Ästen nach weiteren wertvollen Schätzen.

(c) 2014, Marco Wittler

442. Die Nachtwanderung (Hallo Oma Fanny 15)

Die Nachtwanderung

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich habe gestern Abend etwas ganz Aufregendes erlebt. Davon musst du unbedingt erfahren.
Ich lag in meinem Bett, habe tief und fest geschlafen und richtig schön geträumt, als Mama plötzlich an meinem Arm gerüttelt und geschüttelt hat. Davon bin ich natürlich wach geworden. Dabei hatte ich im Traum gerade angefangen einen großen Goldschatz auszugraben.
Mama hat mich dann unter der Decke hervor geholt und darauf bestanden, dass ich mich anziehe, obwohl es mitten in der Nacht war. Sie schlug einen Spaziergang im Wald vor, Verrückte Idee, meinst du nicht auch?
Ich musste mir erstmal den Schlaf aus den Augen reiben. Aber dann bin ich schnell in meine Klamotten und Schuhe geschlüpft. Zehn Minuten später stand sie mit mir und meiner Schwester auf der Straße.
Zum Glück ist es bis zum Wald nicht sehr weit. Dort war es richtig aufregend. Überall knackte und raschelte es. Immer wieder waren die Laute von wilden Tieren zu hören.
Eigentlich bin ich ja nicht so ängstlich, aber manchmal war mir nicht wohl. Mit Papa zusammen wäre es bestimmt einfacher gewesen, aber der war noch arbeiten.
Plötzlich gab es einen lauten Krach. Blätter und Äste flogen durch die Gegend. Hinter einem Busch kam ein schauriges Gespenst hervor gesprungen und rasselte mit seiner Kette.
Meine Schwester bekam Panik und lief sofort weg. Ich musste allerdings lachen, denn unter dem weißen Lacken erkannte ich ein Paar Schuhe. Ich lief auf das Gespenst zu, zog ihm den Stoff vom Leib und drückte dann Papa fest an mich. Der hat aber auch immer lustige Ideen im Kopf.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

405. Ich werde ein Weihnachtsbaum

Ich werde ein Weihnachtsbaum

Endlich. Der lang ersehnte Schnee war gefallen, In den letzten Wochen hatten die Kinder im ganzen Land darauf gehofft, dass pünktlich zum Fest die Erde weiß färben würde. Nun war der Weihnachtsabend gekommen und alles war so, wie es sein sollte. Eines fehlte aber noch. Der Christbaum stand noch nicht in der geschmückten Wohnung.
»Heute ist es so weit.«, freute sich die große Tanne, die seit langer vor dem Haus stand.
»Heute werden sie kommen. Die Menschen holen mich herein, werden mich mit bunten Kugeln, Stohsternen und Lametta schmücken. Bestimmt bekomme ich sogar einen großen, goldenen Stern auf meine Spitze.«
Die Tanne war unglaublich aufgeregt und konnte es kaum noch erwarten.
»Was ist denn los?«, war  plötzlich ein leises Stimmchen zu hören.
»Warum sollten dich die Menschen ins Haus holen und dich schmücken?«
Die Tanne sah sich um und entdeckte unter ihren Ästen ein kleines Blümchen.
»Nanu, ist das nicht die falsche Jahreszeit für Blumen?«
»Eigentlich schon.«, antwortete das kleine Blümchen.
»Aber unter deinen Ästen bin ich vor Wind und Schnee geschützt. Verrätst du mir denn un, warum du dich so freust?«
Die Tanne räusperte sich und begann zu erzählen.
»Ein paar Tage vor Ende eines jeden Jahres feiern die Menschen Weihnachten. Sie schmücken das Haus, kochen leckeres Essen und machen sich gegenseitig Geschenke. Doch das Schönste ist, dass sie jedes Mal einen Baum herein holen. Er wird von oben bis unten festlich geschmückt. Unter seinen Ästen liegen dann die Geschenke. Die Menschen singen dann gemeinsam Lieder, die Kinder tragen Gedichte vor und die Opas lesen Geschichten vor. Das ist sooo schön.«
Das Blümchen verstand und freute sich für die Tanne.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Hauses und ein Mann kam heraus.
»Jetzt geht es los,«, flüsterte die Tanne glücklich.
Doch dann blieb der Mann stehen. Er besah sich den Baum und dachte noch einmal nach.
»Nein. Dach geht einfach nicht.«, murmelte er.
»So einen schönen Baum kann ich einfach nicht fällen. Nicht einmal für Weihnachten.«
Er drehte sich um, klopfte sich den Schnee von seinen Schuhen und ging zurück ins Haus.
Die Tanne war verwirrt. Das durfte einfach nicht wahr sein. Zu schön für Weihnachten? Niemals.
»Hallo?« Du kommst sofort wieder heraus und fällst mich.«, rief sie dem Menschen hinterher.
»So schön bin ich doch gar nicht. Einer meiner Äste hat sogar einen Knick. Außerdem freue ich mich schon mein ganzes Leben auf Weihnachten. Bring deine Axt mit und hol mich ins Haus.«
Aber es half alles nichts. Sie blieb, wo sie war.
Doch dann öffnete sich ein weiteres Mal die Tür. Der Mann kam mit seiner ganzen Familie nach draußen. Sie sangen Weihnachtslieder und brachten große Kisten mit.
»Los, schmückt den Baum.«, rief die Mutter und verteilte bunte Kugeln, Stohsterne und Lametta an ihre Kinder. Im Nu war aus der Tanne ein stattlicher Weihnachtsbaum geworden. Die Feier fand nun draußen unter freiem Himmel statt.
Von überall, aus allen Richtungen, kamen noch mehr Menschen heran und freuten sich über dieses ungewöhnliche Fest im weißen Schnee.
Die größte Freude hatte allerdings die Tanne. Sie war nicht nur ein normaler Weihnachtsbaum in irgendeiner Stube. Sie stand draußen und konnte alle Menschen der Stadt mit ihrem Glanz erfreuen, und das machte sie sehr stolz.

(c) 2012, Marco Wittler

330. Ein Picknick im Wald

Ein Picknick im Wald

In den letzten Wochen hatte es ohne Pause geregnet. Dunkle Wolken hatte für lange Zeit die Sonne verdeckt. Doch nun war es endlich seit drei Tagen wieder schön. Das Grau am Himmel hatte sich verzogen und einem kräftigen Blau Platz gemacht. Mittlerweile war es auch wärmer geworden. Da lohnte es sich, etwas draußen zu unternehmen.
»Wir werden heute ein Picknick machen.«, hatte Mama schon beim Frühstück entschieden.
»Ein Picknick?«, hatte Anna-Lena neugierig gefragt.
»Was ist denn das?«
Mama lachte.
»Wir verlegen das Mittagessen und deine geplante Teeparty nach draußen. Wir nehmen einen Korb, packen da eine Decke hinein, etwas zu Essen, Teller, Besteck, Getränke und gehen zusammen in den Wald und machen es uns auf der großen Lichtung bequem.«
Anna-Lena bekam hoch erfreute Augen.
»Juhuu. Das ist eine prima Idee. Ich hole gleich alles her, was ich noch brauche.«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer.

Zwei Stunden später war es so weit. Mama hatte in der Küche noch einige Dinge vorbereitet. In einer Schlüssel hatte sie Kartoffelsalat gemacht, in einer großen Dose lagen Butterbrote. Obst durfte natürlich auch nicht fehlen. Der leckere Apfelsaft musste ebenfalls mit.
»Jetzt müssten wir eigentlich alles haben.«
In diesem Moment kam Ann-Lena die Treppe herunter gelaufen. Sie hatte sich einen Rucksack umgeschnallt.
»Da sind nur meine wichtigsten Puppen und Kuscheltiere drin.«, erklärte sie.
»Die freuen sich alles schon auf das Picknick. Ich konnte es ihnen nicht ausreden. Sie haben sogar geweint, als ich sagte, sie müssten zu Hause bleiben. Also nehm ich sie alle mit.«
Mama nahm ihre Tochter an die eine Hand, den Korb an die andere und gemeinsam gingen sie ein Liedchen singend in den Wald.
Überall roch es angenehm nach Natur. Hier und da waren bunte Blüten zu sehen Wenn man sich leise verhielt, hatte man sogar die Chance ein scheues Reh hinter einem Busch zu entdecken.
»Da vorn ist schon die Lichtung.«, sagte Mama.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. An Ort und Stelle breiteten sie gemeinsam die Decke aus und setzten sich darauf. Anna-Lena ließ es sich nicht nehmen, die einzelnen Schüsseln, Dosen, Teller und Becher um sich herum zu verteilen.
»Hm, womit fange ich denn an?«, fragte sie sich und griff sich kurz darauf ein Butterbrot mit Käse.
»Das ist richtig lecker. Hier draußen schmeckt es noch viel besser als zu Hause.«, erklärte sie begeistert mit vollem Mund.
Doch bevor sie den ersten Bissen schlucken konnte, stockte ihr der Atem, denn eine kleine Erdbeere bewegte sich plötzlich von ihrem Teller weg zum Rand der Decke.
»Was ist denn das?«
Nun wurde auch Mama neugierig, denn es war nicht bei der einen Erdbeere geblieben. Nach und nach bewegten sich nun auch kleine Tomaten, Gurkenscheiben und mehr.
»Da geht doch was nicht mit rechten Dingen zu.«, sagte Mama misstrauisch.
Sie schnappte sich eine laufende Erdbeere und sah darunter.
»Schau mal einer an.«
Sie hatte die Lösung des Rätsels gefunden. Winzig kleine Ameisen hatten sich das Obst und Gemüse geschnappt und wollten es nun in ihren Hügel schleppen.
»Na gut.«, sagte Mama.
»Die dürft ihr behalten. Aber der Rest ist für uns.«
Zusammen mit Anna-Lena brachte sie die Sachen zu einem nahen Tisch.
»Dann essen wir halt doch nicht auf dem Boden.«
Anna-Lena musste aber immer noch grinsen, denn sie beobachtete weiterhin das wandernde Diebesgut, wie es sich seinen Weg durch die Wiese bahnte.

(c) 2010, Marco Wittler

278. Bleib nicht ständig stehen

Bleib nicht ständig stehen

Lara sah sich um und betrachtete alles ganz genau. Doch bevor sie fertig war, rief Papa schon wieder nach ihr.
»Lara, nun bleib nicht ständig stehen. Du wirst noch Löcher in die Luft starren.«
Lara schnaufte beleidigt und lief den Waldweg hinab, ihren Eltern hinterher.
»Aber Papa, es ist doch Sonntag und wir haben ganz viel Zeit. Warum kann ich mir denn dann nicht auch mal etwas Interessantes anschauen?«
Papa klopfte mit seinem Zeigefinger auf seine Armbanduhr.
»Es ist schon spät und wir wollen doch einen schönen Spaziergang machen und nicht in der Weltgeschichte herum schauen.«
Mama nickte und ging bereits weiter.
»Spaziergänge sind gesund. Man ist an der frischen Luft. Davon bekommst du Farbe ins Gesicht.«
Lara schüttelte sich innerlich. Sie wusste, was Mama damit sagen wollte. Abends würde sie alle rote Wangen haben. Doch in ihrem Kopf hatte sie plötzlich die Vorstellung, dass jemand mit einem Eimer hinter dem nächsten Baum hervor gesprungen kam und ihnen allen Farbe ins Gesicht pinseln wollte.
Lara lachte und hielt sich den Bauch.
»Nun komm schon.«, mahnte Papa.
»Und lach uns nicht aus. So etwas macht man nicht.«
Also gehorchte Lara und lief weiter. Doch schon nach wenigen Metern blieb sie wieder stehen. Sie lauschte in den Wald hinein und versuchte zu entdecken, was sie gerade gehört hatte.
»Da war doch ein Geräusch.«, murmelte sie.
»Irgendwo zwischen den Büschen ist doch etwas. Das weiß ich ganz genau.«
Aber so sehr sie sich auch anstrengte, es war nichts zu entdecken.
»Du bleibst ja schon wieder stehen.«
Nun war es Mama, die gerade schimpfen wollte.
»Ich komme ja schon. Ich dachte ich hätte einen Stein im Schuh.«
Diese Ausrede hatte schon oft geholfen. Sie tat es auch dieses Mal.
Und da war es schon wieder. Ein seltsames Geräusch kam von der linken Seite. Es schien die Spaziergänger zu verfolgen.
Lara blieb stehen und sah sich um.
»Wer ist denn da?«, flüsterte sie.
Aber es kam keine Antwort. Es war nichts mehr zu hören. Nur die Grillen zirpten weiter vor sich hin. Alles andere blieb aber still.
Schon wollte Lara weiter gehen, als sich etwas bewegte und unter einem Busch hervor gekrabbelt kam. Es war ein kleines, felliges Wesen mit großen Knopfaugen.
»Was bist du denn für ein Tier?«
Die Fellkugel richtete sich auf und straffte seine Figur.
»Ich bin kein Tier. Ich bin ein Wünsch-dir-was.«
Lara bekam ganz große Augen.
»Ein Wünsch-dir-was? Was soll das denn sein? Davon habe ich ja noch nie gehört.«
»Wer mich im Wald entdeckt und findet, hat einen Wunsch frei, den ich ihm erfülle. Darum bin ich ein Wünsch-dir-was.«, erklärte das Wünsch-dir-was.«
In diesem Moment rief Papa wieder nach seiner Tochter.
»Lara, wo bleibst du denn? Bist du schon wieder irgendwo stehen geblieben? Nun beeil dich endlich. Wir wollen unseren Spaziergang fortsetzen.«
Lara verdrehte die Augen und seufzte.
»Meine Eltern sind heute richtig nervig. Ich darf nie stehen bleiben und mir etwas im Wald anschauen. Das verschwendet zu viel Zeit. Wenn sich das doch bloß mal ändern würde.«
In diesem Moment hatte das Wünsch-dir-was eine Idee.
»Ich glaube, ich kann dir dabei helfen. Du musst dir einfach nur das Richtige wünschen.«
Lara verstand sofort, sprach ihren Wunsch aus und das kleine, fellige Wesen verschwand.
»Lara? Wo bleibst du?«, rief Mama laut.
»Schau mal, was wir hier entdeckt haben. Das musst du dir unbedingt anschauen.«
Lara wollte ihren Ohren nicht trauen. Mama und Papa hatten etwas entdeckt?
Tatsächlich. Hinter der nächsten Kurve standen ihre Eltern am Wegesrand und besahen sich neugierig einen kleinen Strauch mit Beeren, von denen sie sich bereits ein paar in den Mund gesteckt hatten.
»Die sind ja sooo lecker.«, schwärmte Mama.
»Das werdet ihr niemals glauben, wenn ihr es nicht seht.«, rief Papa plötzlich von der anderen Seite.
Er hatte einen kleinen Igel unter einem Baum entdeckt.
»Ist der nicht putzig?«
Lara musste grinsen. Ihre Eltern hatten auf einmal ganz viel Zeit zum stehen bleiben, umschauen und entdecken. Das war der schönste Spaziergang ihres Lebens.

(c) 2009, Marco Wittler

246. Der erste Teddy

Der erste Teddy

Teddy saß auf seinem Lieblingsast hoch oben in einem riesigen Baum. An diesem Ort verbrachte er gern seine Freizeit, wenn er gerade nichts anderes zu tun hatte, was meistens der Fall war.
Von hier oben konnte fast die ganze Welt überblicken. Nur am Horizont hatte das Auge seine Grenze.
Teddy rieb sich über seinen dicken Bauch und fühlte sich pudelwohl. Gerade hatte er einen großen Keks in sich hinein gestopft und war nun richtig satt.
»So ein Leben ist schön. Von früh bis spät auf der faulen Haut liegen und nichts tun.«, sagte er sich.
Doch in diesem Moment gab es einen kräftigen Windstoß. Teddy konnte sich nicht mehr rechtzeitig am Baum festhalten und purzelte vom Ast nach unten.
»Hilfe.«, schrie er. Aber es hörte ihn niemand. Seine Freunde lagen auf ihren eigenen Ästen und hielten einen Mittagsschlaf.
»So helft mir doch.«, versuchte er es abermals.
Und mit einem lauten Plumps landete er auf dem weichen Waldboden.
»Das hat aber ganz schön weh getan.«
Er rieb sie mit der Pfote über den Po und dachte mit Schrecken daran, dass er bald einen großen blauen Fleck an dieser Stelle haben würde.
Teddy sah sich um. Er war noch nie in seinem ganzen Leben am Boden gewesen. Er fragte sich, wie er wieder in die luftige Höhe kommen sollte, denn an seinen Pfoten fehlten starke Krallen, um am Baumstamm nach oben klettern zu können.
»O je, o je. Was mache ich denn jetzt?«
Auch wenn er es besser wusste, versuchte es Teddy mit Klettern. Aber schon nach mehreren Zentimetern rutschte er wieder ab und saß auf dem Boden.
In diesem Moment hörte er Schritte, die den Weg entlang kamen.
»Das müssen Menschen sein, die einen Spaziergang machen.« flüsterte er sich zu.
Schnell versteckte sich Teddy in einem Gebüsch. Er hatte ganz schreckliche Geschichten über die Menschen gehört.
Schon kamen sie um die Ecke. Sie waren zu dritt. Zwei von ihnen waren sehr groß, der dritte ein ganzes Stückchen kleiner.
Der kleine Mensch hielt ein weiteres, felliges Tier an einer Leine fest.
Das Tier schnupperte wie wild in der Gegend herum. Plötzlich schien es etwas entdeckt zu haben und lief zielstrebig auf den Busch zu.
»Nein, bitte nicht.«
Teddy war entdeckt und wurde im Maul des Tieres auf den Weg getragen.
»Böser Hund, lass das fallen.«, sprach der kleine Mensch.
Der Hund gehorchte sofort und legte Teddy ab.
»Was ist denn das?«, fragte einer der großen Menschen, kam allerdings nicht mehr dazu, sich den Fund genauer anzuschauen, denn der kleine Mensch hob Teddy bereits auf und drückte ihn an sich.
»Der ist ja unglaublich weich. Darf ich den behalten?«
Behalten? Teddy bekam Angst. Er wollte doch in seinem Wald bleiben. Doch alles Zittern und Bibbern half nichts. Der kleine Mensch ließ ihn nicht mehr los.

Eine Stunde später betraten sie ein großes Haus. Sofort stürmte der kleine Mensch in sein Zimmer und setzte Teddy auf ein weiches Bett.
»So, hier ist dein neues Zuhause. Wenn du artig bist und auf mich wartest, bekommst du auch gleich etwas leckeres zu Fressen.«
Teddy war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Fressen klang immer gut, denn sein Magen knurrte bereits. Außerdem war das Bett so weich, wie kein einziger Ast seines Baumes.
»Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich schon längst bei den Menschen eingezogen. Das ist ja wirklich paradiesisch hier.«
Er legte sich mit dem Rücken auf das Bett und wartete darauf, gefüttert zu werden. Nur wenige Minuten kam dann auch der kleine Mensch mit einem leckeren Apfel zurück.

Spät am Abend, als die Sonne bereits verschwunden war, saß Teddy am Fenster und sah zu den hohen Bäumen hinaus. Die Menschen schliefen bereits tief und fest.
»Beim nächsten Spaziergang, wenn wir wieder im Wald sind, werde ich allen meinen Freunden von den Menschen erzählen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie sich dann auch von einem Kind finden lassen wollen.«
Dann drehte er sich um, schloss seine Augen und begann leise zu schnarchen.

(c) 2009, Marco Wittler

183. Im Zeltlager

Im Zeltlager

Dunkelheit hatte sich über das Land gelegt. Dichte Wolken zogen über den Himmel und ließen kein Licht zum Boden gelangen. Alle Bäumen des Waldes schienen den Atem anzuhalten. Kein Windhauch raschelte an ihren Blättern entlang. Die Grillen waren verstummt. Es war totenstill.
Inmitten dieser Einsamkeit standen ein paar kleine Zelte auf einer Lichtung. Zwischen ihnen loderte ein Lagerfeuer. Sein Knistern war das einzige Geräusch weit und breit.
»Findet ihr nicht, dass es plötzlich auffällig still geworden ist?«, fragte Erik seine beiden Freunde.
Daniel und Tim sahen sich ängstlich um.
»Meinst du etwa, es gibt Geister hier im Wald? Hoffentlich bleiben die, wo sie sind.«
Schon bereuten sie ihren Entschluss, mit zum Zeltlager gefahren zu sein. Wenn doch nur der Gruppenleiter wieder auftauchen würde. Er wollte doch nur ganz kurz ins Zelt gehen, um sich etwas Orangensaft zu besorgen. Die drei Jungen hatten das Gefühl, dass das schon vor einigen Stunden gewesen war.
»Wenn er jetzt nicht bald kommt, siehst du nach, was passiert ist.«, sagte Erik zu Tim.
»Warum muss ich denn nachsehen. Ich lasse mir doch nichts von dir befehlen.«, entgegnete dieser.
Daniel sah tief in den Wald hinein und tat so, als hätte er die beiden nicht gehört. Angst hatten sie alle drei. Aufstehen wollte keiner von ihnen.
»Dann gehen wir halt alle drei, wenn es sein muss. Ihr sollt euch ja nicht in die Hosen machen, wenn ich in den Zelten nachschaue.«, konterte nun Erik wieder.
Plötzlich knackte es im Wald. Irgendetwas war ganz in der Nähe.
»Was ist das?« Daniel wäre nur zu gern aufgesprungen und hätte sich unter einem Haufen Blätter versteckt. Doch selbst das war ihm jetzt zu gefährlich geworden.
»Hier am Feuer sind wir doch sicher.«, sprach er mit zittriger Stimme.
»Geister, Gespenster und wilde Tiere fürchten sich doch davor. Oder etwa nicht?«
Seine Freunde sagten nichts mehr. Sie hielten sich an den Händen und erwarteten das Schlimmste. War es ein Vampir oder sogar noch eine schlimmere Kreatur, die auf sie wartete?
Wieder knackte es, dieses Mal ein paar Meter weiter rechts. Die drei Jungen zuckten sofort zusammen. Sie sprangen auf, schrien und liefen auf eines der Zelte zu. Sie sahen sich nicht um, obwohl sie schwere Schritte hinter sich hörten.
Kurz bevor sie ihr rettendes Ziel erreicht hatten, wurden sie an den Armen gepackt und gehalten.
»Bitte friss uns nicht auf. Wir sind doch nur unschuldige Kinder.«, riefen sie in ihrer Verzweiflung.
»Warum sollte ich euch den fressen wollen?«
Es war der Gruppenleiter, der hinter ihnen stand. Er wunderte sich sehr, was in die drei Jungen gefahren war.
»Ach, ich verstehe. Ich habt gehört, wie ich durch den Wald gelaufen bin. Das hat euch bestimmt erschreckt.«
Er kratzte sich am Kopf.
»Ich hab euch doch gesagt, dass ich im Dorf noch eine Flasche Saft kaufen gehe.«
Nun war auch geklärt, warum das alles so lange gedauert hatte.
Erik und seine Freunde waren erleichtert und konnten schon wieder etwas lächeln. Doch dann knackte es erneut im Wald.

(c) 2009, Marco Wittler