535. Wo sind nur die Ostereier

Wo sind nur die Ostereier?

Der Kalender zeigte den Samstag vor dem Ostersonntag. Der Osterhase räumte gerade seine Küche auf. In den letzten Tagen hatte er ziemlich viel geschuftet. Überall stapelten sich leere Farbpackungen und Eierkartons.
»Jedes Jahr der gleiche Stress. Ich hätte diesen Job niemals annehmen sollen. Aber irgendwer muss ihn ja machen. Jetzt muss ich die ganzen Ostereier nur noch vorsichtig einpacken, damit ich sie Morgen überall in den Gärten für die vielen Kinder verstecken kann. Hoffentlich fallen mir noch ein paar gute Verstecke ein, die sie noch nicht kennen.«
Er dachte bereits darüber nach, die Eier mit einem Stein zu beschweren und am Grund von Gartenteichen zu verstecken. Aber dann würden sie bestimmt nicht mehr so gut schmecken. Er verwarf die Idee wieder und dachte weiter nach, während er die Eier auf einen großen Haufen legen wollte.
»Moment mal.«, wunderte er sich. »Wo sind denn die Eier geblieben? Gestern waren sie doch noch da.«
Der Osterhase sah sich um, konnte die Eier aber nicht finden. Er sah in allen Schränken nach, im Keller, auf dem Dachboden, unter jedem Teppich. Selbst in der Badewanne und in seinem Bett konnte er sie nicht finden.
»Das darf doch nicht wahr sein.«, war er verzweifelt. »Wenn die Eier nicht auftauchen, wird Ostern für die Kinder ins Wasser fallen. Da werden ganz viele Tränen fließen. Warum bin ich bloß so vergesslich?«
Er durchwühlte jede Stelle seines Hauses und öffnete jedes Weihnachtsgeschenk, das schon für das nächste Fest fertig gepackt war, bis es ihm plötzlich einfiel.
»Moment mal. Weihnachtsgeschenke. Das ist es.«
Schnell lief der Osterhase in seine Garage. Dort parkte der Weihnachtsmann jedes Jahr seinen großen Schlitten, weil er in seiner Spielwerkstatt keinen Platz hatte.
Der Osterhase holte den Geschenkesack hervor und öffnete ihn. »Juhuu, da sind sie. Ich hab ganz vergessen, dass ich den Sack benutzen wollte, weil da so viel Platz drin ist.«
Er wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn und packte seine restlichen Sachen zusammen, damit er rechtzeitig für ein gelungenes Osterfest sorgen konnte.

(c) 2016, Marco Wittler

Diese Geschichte ist Teil einer Blogparade zum Thema „Ostern“, an der ich mit anderen Bloggern teilnehme. Jede(r) von uns geht das Thema auf seine eigene Weise an. Dabei sind natürlich sehr verschiedene und interessante Beiträge entstanden. Schaut doch mal bei den anderen vorbei.

Einen Kurzkrimi von mir zum Thema Ostern findest du hier: Fisch statt Fleisch

 

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157. Der echte Weihnachtsmann

Der echte Weihnachtsmann

»Schau Mama, da ist der Weihnachtsmann.«
Leon verdrehte sich in seinem Kindersitz und versuchte das gefundene Objekt so lange wie möglich im Auge zu behalten.
»Aber warum hängt er denn dort zum Fenster raus? Er muss doch heute Nacht mein Geschenk unter den Baum legen.«
»Aber nein, mein Schatz. Das ist nicht der echte Weihnachtsmann. Das ist nur eine Figur, die jemand aus Spaß an sein Fenster gehängt hat.«
Leon war verwirrt. Ein falscher Weihnachtsmann? Er sah sich um und entdeckte noch fünf weitere dicke Männer in roten Mänteln.
»Und die sind auch alle nicht echt?«
Mama schüttelte den Kopf.
»Hoffentlich sieht der richtige Weihnachtsmann diese Puppen nicht, sonst wird er bestimmt sauer und bringt diesen Leuten keine Geschenke.«
Mama fuhr indes auf einen Parkplatz vor dem Einkaufszentrum und schaltete den Motor ab. Sie half Leon aus dem Kindersitz und gemeinsam gingen sie einkaufen.
Aus allen Ecken ertönte laute Weihnachtsmusik und in jedem Regal lagen Geschenke, bunte Baumkugeln, Lametta und noch vieles mehr. Doch in der Mitte des riesigen Gebäudes stand eine mehrere Meter hohe Tanne, die von oben bis unten geschmückt war.
»Da passen aber bestimmt ganz viele Geschenke drunter. Wollen wir den nicht in unser Wohnzimmer stellen?«, fragte Leon.
»Dann bekomme ich dieses Jahr extra große Geschenke.«
Doch eine Antwort wartete er nicht mehr ab, denn plötzlich entdeckte er jemanden. Vor dem Baum saß ein dicker Mann mit weißem Bart und rotem Mantel.
»Schau, da ist der richtige Weihnachtsmann. Der kann nur richtig sein. Er lebt und bewegt sich.«
Leon lief hin und sah zu, wie sich ein Kind nach dem anderen auf den Schoß des Weihnachtsmanns setzte. Daneben stand ein großes Schild.
»Was steht denn dort?«
Mama ging mit ihm ein paar Schritte näher und las laut vor, was dort stand.
»Lass dich mit dem Weihnachtsmann fotografieren. Je Foto nur fünf Euro.«
Leon war verwundert.
»Hat denn der Weihnachtsmann so viel Zeit? Er muss sich doch darum kümmern, dass alle Geschenke rechtzeitig in seinem Schlitten verstaut sind. Wie will er das denn noch schaffen?«
Mama schüttelte nur den Kopf.
»Das ist nicht der echte Weihnachtsmann. Das ist nur ein Angestellter der Kaufhauses.«
Leon war enttäuscht. Er konnte es gar nicht glauben, dass es so viele falsche Weihnachtsmänner auf der Welt gab.

Am späten Nachmittag ging es noch einmal in den Kindergarten. Die Ferien hatten zwar schon begonnen, aber für die Weihnachtsfeier öffneten die Kindergartentanten noch einmal die Türen.
Es wurde viel gespielt, gesungen und gelacht, bis kurz vor dem Abend noch jemand in den Raum trat.
»Der Weihnachtsmann ist da.«, riefen die vielen Kinder durcheinander und freuten sich riesig.
»Der ist doch bestimmt auch nicht echt, oder?«
Leon drehte sich fragend zu Mama um. Mittlerweile hatte er die Nase voll. Für seinen Geschmack gab es viel zu viele falsche Weihnachtsmänner.
»Kann es vielleicht sein, dass es überhaupt keinen richtigen Weihnachtsmann gibt?«, drängte sich ein Verdacht in seinen Kopf.
Doch diesmal schüttelte Mama ganz überzeugt den Kopf.
»Es gibt ihn schon, aber er würde bestimmt nicht bei einer Weihnachtsfeier auftauchen, denn dann hätte er gar keine Zeit mehr, um sich um die vielen Geschenke zu kümmern.«
Leon war sich nicht sicher, ob er das wirklich glauben sollte. Aber behielt er für sich.

Spät in der Nacht lag Leon noch immer wach im Bett und dachte über den Tag und die vielen falschen Weihnachtsmänner nach.
»Das ist so gemein, dass wir Kinder überall hereingelegt werden. Ich glaube nicht, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt.«
In diesem Moment hörte er ein Rumpeln auf dem Dach, wenige Moment später eine Etage tiefer im Wohnzimmer.
»Was ist denn da los? Ist jemand bei uns eingebrochen?«
Er holte sein Spielzeugschwert aus dem Schrank und schlich sich die Treppe hinunter.
Als er leise die Wohnzimmertür öffnete, sah er einen großen dicken Mann mit weißem Bart. Er war in einem roten Mantel gekleidet, legte ein paar hübsch verpackte Pakete unter den Weihnachtsbaum und ging zum Kamin. Bevor er darin verschwand, drehte er sich noch einmal um und lächelte.
»Hallo Leon. Wie du siehst, gibt es mich doch. Aber weil ich so unendlich viel zu erledigen habe, gibt es überall auf der Welt meine Stellvertreter. Die kannst du immer wieder sehen. Aber trifft man nur in einer Nacht im ganzen Jahr. Und nun schlaf gut und freu dich auf Morgen früh.«
Der Weihnachtsmann zwinkerte, kletterte den Kamin hinauf und verschwand.
Leon legte sich überglücklich ins Bett und schlief ganz schnell ein.

(c) 2008, Marco Wittler