560. Nik und Nele fliegen zum Weihnachtsstern (Nik und Nele 10)

Nik und Nele fliegen zum Weihnachtsstern

Weihnachten stand vor der Tür. Nein, nicht so, wie du grad vielleicht denken magst. Es stand natürlich nicht vor der Tür, klopfte, klingelte und wartete darauf, dass es jemand herein ließ. Es war nur langsam an der Zeit, den Christbaum ins Wohnzimmer zu holen, ihn mit bunten Kugeln, Strohsternen und Lametta zu schmücken. Nur noch einmal schlafen bis zum Heiligen Abend.
Überall auf der Welt waren viele Millionen Kinder aufgeregt. Die einen wollten jetzt schon wissen, welche Geschenke sie bekommen würden, andere konnten die ganze Nacht nicht schlafen und einige von ihnen dachten darüber nach, ob der Weihnachtsmann nicht zu viele Dummheiten von ihnen in sein dickes, goldenes Buch eingetragen hatte.
Zwei dieser vielen Kinder waren die Zwillinge Nik und Nele. Sie standen an diesem Abend am Fenster und sahen in die sternenklare Nacht hinaus. Sie suchten nicht etwa nach dem von Rentieren gezogenen Schlitten des Weihnachtsmanns. sie taten das, was sie jeden Abend taten. Sie beobachteten die Sterne und fragten sich, wie das Leben auf anderen Planeten sein würde. Gab es dort in den fernsten Fernen Menschen wie sie oder Außerirdische, die ganz anders aussahen, als es sich überhaupt irgendwer auf der Erde vorstellen konnte?
Ganz viele spannende Fragen spukten in den Köpfen der beiden Kinder herum. Aber Antworten konnte ihnen niemand darauf geben – jedenfalls konnte das kein einziger Mensch von der Erde.
In diesem Moment zog für mehrere Augenblicke eine große, helle Sternschnuppe über den Himmel und beleuchtete das Firmament, bis sie schließlich erlosch und wieder verschwand.
»Oh, war das schön.«, schwärmte Nele und seufzte einmal laut. »Ob der Weihnachtsstern auch so hell über dem Stall in Bethlehem geleuchtet hat?«
Nik wiegte den Kopf nach links und nach rechts.
»Der war bestimmt viel größer und heller und prächtiger. Aber so genau wird das wohl niemand mehr wissen. Es ist ja schon über zweitausend Jahre her. Wir müssten schon selbst nachschauen.«
In seinen Augen war plötzlich ein abenteuerliches Glitzern zu sehen.
»Denkst du etwa an einen nächtlichen Ausflug?«, fragte Nele neugierig. Auch in ihren Augen war dieses Glitzern zu sehen.
»Wäre möglich.«, antwortete Nik mit einem Grinsen im Gesicht. »Die Entscheidung liegt, wie immer, ganz bei dir.«
Nele ließ sich nicht lange bitten. Sie nahm ihren Bruder an der Hnad und zog ihn hinter sich her zum unteren Teil des gemeinsamen Etagenbettes. Dann hob sie ihr Kopfkissen zur Seite unter dem ein großer, roter Knopf zum Vorschein kam.
Nele hielt ihre Hand darüber und wartete mehrere Sekunden lang.
»Nun mach es nicht so spannend.«, flüsterte Nik drängelnd in die Stille hinein. »Opa hat uns das Bett nicht nur zum Schlafen gebaut.«
Ja, der Opa der Zwillinge war schon ein besonderer Mann gewesen. Er war Erfinder, Tüftler und Bastler ein einem. Über viele Monate hatte er an diesem Etagenbett gebaut, bis es etwas Einzigartiges dabei entstanden war. Er hatte es wirklich nicht nur zum Schlafen gebaut. Es hatte nkch ein paar zusätzliche Spielereien bekommen, die die beiden Kinder regelmäßig nutzten, wovon ihre Eltern aber nichts wussten. Und in dieser Nacht vor dem Heiligen Abend würden die Zwillinge wieder davon Gebrauch machen.
Nele drückte endlich auf den roten Knopf. Unter der Matratzebegann es zu Surren und zu Brummen. Man konnte leises Klickenmund Klacken hören, vermischt mit leisem Zischen und Pfeifen.
Dann schoben sie rundherum vier große, durchsichtige Scheiben von unten nach oben und schlossen das Bett luftdicht ab. Gleichzeitig öffneten sich die beiden Türen zum Balkon. Das Bett erhob sich ein paar Zentimeter vom Boden, schwebte nach draußen und flog dem Himmel entgegen.
»Wo geht es hin?«, fragte Nele.
Nik holte ein dickes Buch unter der Bettdecke hervor – seinen Sternenatlas – und blätterte durch die Seiten, bis er das Gesuchte fand und den Zeigefinger drauf legte.
»Zum Weihnachtsstern. Wir schauen nach, wie hell er leuchtet.«
Nele juchzte erfreut. Dann drückte sie ein weiteres Mal auf den roten Knopf. Das Bett beschleunigte, wurde schnell und raste den unendlichen Weiten des Weltraums entgegen.

Der Flug war, wie in fast jeder Nacht, sehr ereignisreich. Die Zwillinge winkten dem Mann im Mond zu. Sie verwirrten die Astronauten in der Raumstation, die nicht glauben wollten, dass Etagenbetten fliegen konnten. Außerdem machten sie mit mehreren Raumschiffen ein lustiges Wettrennen vom Mars bis zum Saturn, bevor sie am eigentlichen Ziel ankamen – dem Weihnachtsstern.
Jedenfalls dachten die Geschwister, dass sie den Weihnachtsstern erreicht hätten. Irgendwas stimmte aber nicht.
»Sind wir hier wirklich richtig?«, fragte Nik unsicher. »Es ist so dunkel. Man sieht nicht mal seine Hand vor Augen. Hier kann sich unmöglich der helle Weihnachtsstern befinden. Wir müssen am Pluto falsch abgebogen sein.«
Selbst Nele, die sich immer um den Flugkurs kümmerte, hatte das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.
»Es ist aber auch gar nichts zu sehen. So extrem leer ist der Weltraum nur selten. Hol doch mal deine Taschenlampe raus und mach Licht.«
Nik schlug die Bettdecke zur Seite, tastete sich im Dunkeln über die Matratze, bis er sie gefunden hatte. Dann schaltete er die Taschenlampe an und leuchtete einmal im Kreis.
»Moment mal. Da war was.«
Nele hatte etwas im Licht gesehen. Ihr Bruder schwenkte zurück. Einen Moment später entdeckten sie vor sich einen dunklen Felsklumpen, der sich in einer finsteren Ecke des Weltalls versteckte.
»Ist das etwa …?«, grübelte Nik.
»Nein.«, war sich Nele sicher. »Das kann doch gar nicht sein. »Oder vielleicht doch?«
»Es ist tatsächlich der Weihnachtsstern.«, flüsterten sie sich gleichzeitig zu.
Der dunkle Klumpen musste die Kinder gehört, denn er drehte sich nun langsam um und sah die beiden aus trüben Augen traurig an.
»Ja, der bin ich. Ich bin der Weihnachtsstern, der vor über zweitausend Jahren den drei heiligen Königen den Weg zum Stall von Bethlehem gezeigt hat.«
Er seufzte laut. Eine dicke Träne kullerte vom seinem Auge nach unten.
»Aber das ist alles so lange her. Die Könige sind schon tot. An diese Geschichte bestimmt keiner mehr. Man hat mich vergessen. Wer weiß  denn heute noch, was Weihnachten überhaupt ist? Lasst mich einfach hier in der Einsamkeit des Weltalls allein. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, nicht mehr gebraucht zu werden.«
Die Geschwister schüttelten den Kopf.
« Das können wir unmöglich zulassen. Du wirst noch gebraucht.«, sagte Nele bestimmt.
»Gebraucht? Bist du dir da wirklich sicher? Wofür? Ich tauge nicht als Schreibtischlampe. Dafür bin ich zu groß. Nein, nein. Ich bin hier in der Dunkelheit viel besser aufgehoben. Hier störe ich niemanden und falle auch nicht zur Last.«
»So schlimm ist es eigentlich gar nicht.«, versuchte Nik zu trösten. »Auf der Erde kennt man den Weihnachtsstern – kennt man dich. Man erinnert sich an dich. Viele Menschen mögen vielleicht vergessen haben was Weihnachten wirklich ist und was dundazunbeigetragen hast. Aber man kennt dich. Komm doch einfach mit uns mit. Du könntest in den Köpfen der Menschen etwas verändern?«
»Meint ihr wirklich? Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich auch nur ein einfacher Stern unter vielen anderen. Ich würde mit den anderen am Himmel stehen, leuchten und niemand würde mich beachten. Ich sollte hier bleiben.«
Nele verdrehte die Augen. Dieser Weihnachtsstern war noch viel schwieriger zu überzeugen als ein störrischee Esel.
»Wenn du nicht mit uns kommst, wirst du nie erfahren, ob man dich wirklich vergessen hat oder das es so ist, wie wir dir erzählt haben.«
Der Stern seufzte. »Ich kann es ja mal versuchen. Wenn mich dann wirklich niemand mehr kennt, kehre ich einfach in meine dunkle Ecke zurück.«
Und so geschah es dann auch. Der Weihnachtsstern hielt sich am Etagenbett fest. Nele drückte auf den großen, roten Knopf und setzte es damit in Bewegung. Zu dritt machten sie sich auf den Rückflug zur Erde.

Etwas später hatten sie ihren Heimatplaneten erreicht. Da schon viel Zeit vergangen war, würde schon bald die Sonne aufgehen. Der Morgen wartete bereits auf seinen Auftritt und die ersten Menschen gingen bereits die Straßen entlang.
»Seht ihr.«, sagte der Stern traurig. »Niemand beachtet mich. Man hat mich also doch vergessen. Ich hab es von Anfang an gewusst.«
Nik schüttelte den Kopf und tippte dem Stern auf die Schulter.
»Dass dich niemand beachtet liegt bestimmt daran, dass du vergessen hast zu leuchten.«
Nun fiel es dem Stern auch auf. Er knipste sein Licht an, schickte es schwach und zaghaft zur Erde hinab, auf der es kaum zu erkennen war. Er gab sich viel Mühe, es stärker leuchten zu lassen, aber das war gar nicht so einfach.
In diesem Moment sahen ein paar Menschen zum Himmel hinauf. Sie entdeckten zwischen all den Sternen am Firmament einen, den sie noch nie zuvor gesehen hatten.
»Ist das etwa …?«, fragten sie sich.
»Kann das wirklich sein? Ist der Weihnachtsstern zu uns zurück gekehrt?«
Immer mehr Menschen kamen zusammen, sahen in den Himmel, redeten miteinander und waren sich sehr schnell einig, dass es sich bei dem schwachen Licht tatsächlich nur um den Weihnachtsstern handeln konnte. Sie waren sich aber auch einig, dass er traurig und glanzlos aussah.
»Da muss man doch was tun. Wir müssen ihm helfen.«
Die Menschen liefen zur nächsten Kirche und klopften an die Eingangstüren, bis ihnen geöffnet wurde. Sie ließen sich Gesangsbücher geben, mit denen sie wieder hinaus auf die Straße traten. Dort stimmten sie gemeinsam ein Lied an.
»Hört ihr das?«, war plötzlich der Weihnachtsstern hoch erfreut. »Sie singen ein Lied über mich. Das bedeutet, dass sie mich wirklich nicht vergessen haben. Man kennt mich noch.«
Sofort strahlte sein Sternenlicht heller. Es wurde sogar so hell, dass es das Licht der anderen Sterne überstrahlte. Es wurde so hell wie damals, als es den drei heiligen Königen den Weg zu Bethlehems Stall wies.
»Vielen Dank ihr Beiden. Ohne euch wäre mir dieses große Glück zur Weihnachtszeit niemals geschehen.«
Und von da an kam der Stern jedes Jahr in der Weihnachtszeit zur Erde, um die Menschen mit seinem Licht zu erfreuen.

(c) 2016, Marco Wittler

542. Paul und der Mond

Paul und der Mond

An einem frühen Herbstabend machten Papa und Paul noch einen Spaziergang an den abgemähten Feldern in der Nähe ihres Hauses vorbei. Die Sonne war bereits unter gegangen und erste Sterne tauchten wie Nadelstiche in einem Zelt am Himmel auf. Kurz darauf kroch das lächelnde Gesicht des Vollmonds hinter dem Horizont empor.
Paul blieb erstmal stehen und bat Papa schließlich auf einer nahen Bank sitzen und den Mond eine Weile beobachten zu dürfen.
Und da saßen sie nun gemeinsam und sahen in den Abendhimmel hinauf.
»Warum geht der Mond eigentlich jeden Abend auf und spät In der Nacht wieder unter?«, fragte Paul irgendwann in die Stille hinein. »Wird ihm das nicht langweilig, wenn er immer das Gleiche macht?«
Papa grinste. »Der Mond ist nicht lebendig. Deswegen hat er auch nie Langeweile.«
Er überlegte kurz, wie er seinem Sohn den Mond erklären konnte.
»Weißt du, der Mond ist ein riesig großer Felsbrocken, der sich einmal im Monat um die Erde dreht.«
»Immer im Kreis?«, wollte Paul ungläubig wissen.
»Ja, immer im Kreis.«, nickte Papa
»Und der Mond fliegt nicht einfach so weg?«
»Nein.«, lachte Papa.
»Stelle dir vor, du bindest einen Stein an ein Band und drehst dich damit immer wieder schnell im Kreis.«, erklärte er. »Dann wird sich auch der Stein um dich herum im Kreis bewegen, ohne wegzufliegen. Er bleibt immer bei dir.«
Paul dachte nach. »Die Erde hat aber keine Hände, um den Mond an einem Band festzuhalten. Wie soll das den gehen? Du erzählst mir bestimmt einen riesigen Blödsinn, weil du mich auf den Arm nehmen willst.«
Papa zuckte mit den Schultern. »Das ist wirklich so. In der Schule hab ich mal gelesen, dass die Erde den festhalten kann, weil sie so schwer ist. Wie das jetzt genau funktioniert, weiß ich aber auch nicht. Vielleicht gibt es doch irgendwo ein Seiler oder eine Leine, an der der Mond befestigt ist. Gesehen habe ich das aber auch nicht nicht.«
Jetzt war es Paul, der lachen musste. »Du meinst, da geht jemand mit dem Mond an einer Leine spazieren wie mit einem Hund? Das glaubt dir aber kein einziger Mensch.«
In diesem Moment hörten sie jemanden den Feldweg entlang laufen. Wegen der Dunkelheit war aber noch nichts zu sehen.
»Aus der Bahn!«, rief eine Männer Stimme. »Macht Platz! Ich muss da durch!«
Und dann sahen Papa und Paul einen großen Mann mit muskelbepackten Armen auf sich zu kommen. In seinen Händen hielt er ein dickes Seil, das kerzengerade nach oben in den Himmel verlief. An diesem Seil entlang, konnte man direkt zum Mond schauen.
»Passt auf, dass ich euch nicht umrempel!«, rief der Mann erneut. »Ich muss den Mond festhalten, damit er nicht davon fliegt.«
Paul fielen fast die Augen aus dem Kopf. Der Mond hing tatsächlich an einer langen Leine? Das war echt unglaublich.
Na hast wenigen Sekunden war der Mann an ihnen vorbei gelaufen. Der Mond folgte ihm auf seinem Weg durch die Dunkelheit.
»Ist ja irre.«, war das einzige, das Paul sagen konnte. Dann machte er sich mit Papa auf den Heimweg.

(c) 2016, Marco Wittler

540. Mäuse auf dem Mond

Mäuse auf dem Mond

Ein kleines Raumschiff flog durch die Unendlichkeit des Alls. Nur wenn man wirklich richtig hinsah, hätte man es entdecken können. Für alle anderen war es praktisch unsichtbar, denn es war sehr, sehr klein. In ihm flogen Mäuse durch den Weltraum. Und so konnte es sich völlig unbemerkt der Erde nähern.
»Wir sind bald zu Hause, Captain.«, erklärte der Steuermann. »In zwei Stunden landen wir wieder auf der Erde.«
Der Captain nickte und seufzte laut.
»So lange dauert’s noch?«
Eigentlich wusste er ganz genau, wie lange es bis zur Landung dauern würde. Aber das half ihm auch nicht weiter, denn sein Magen knurrte schon so laut, dass man ihn im ganzen Raumschiff hören konnte.
»Gibt es unterwegs noch einen Schnellimbiss?«, fragte der Captain seine Leute.
»Hier im Weltraum? Hier gibt es nichts. Absolut nichts.«, antwortete der Steuermann.
Auch das wusste der Captain leider nur zu gut.
»Ich habe aber trotzdem Hunger. Ich werde garantiert verhungert sein, bis wir zu Hause sind. Schaut mich doch mal an. Ich bin nur noch Haut und Knochen.«
Er zog an seinem Fell, um zu zeigen, wie ernst es ihm war. Sein dicker Bauch half dabei allerdings nicht mit.
»Ist denn wirklich nichts mehr in unserer Küche?«
Der Mäusekoch schüttelte den Kopf. »Wir haben auf unserer langen Reise alles aufgebraucht. Das ist doch auch der Grund, warum wir jetzt nach Hause fliegen. Ich kann dir nur noch eine Banane anbieten. Aber gegen die bist du leider allergisch.«
Der Captain nickte und seufzte noch einmal so laut er nur konnte. Dann fiel sein Blick auf den großen Bildschirm vor sich, auf dem die Erde langsam größer wurde.
»Moment mal.«
Der Captain sprang aus seinem Sessel auf.
»Ich hab da eine Idee.«
Schnell lief er auf den Bildschirm zu und zeigte mit dem Finger darauf.
»Was ist das hier?«
»Das ist der Mond.« erklärte der Steuermann. »Ist aber gerade nur als Sichel zu sehen.
»Das ist die Idee. Wir landen auf dem Mond.«
Der Captain streichelte sich über seinen Bauch und schleckte sich über seine Lippen. Er hatte schon immer wissen wollen, ob der Mond aus Käse bestand, wie immer behauptet wurde.

Ein paar Minuten später landete das Raumschiff der Mäuse auf dem Mond.
»Hier sind wir richtig.«, war der Captain begeistert.
»Los! Schlagt euch die Bäuche voll und futtert den Mond auf. Es ist genug für alle da.«
Die Mäuse verließen ihr Raumschiff und mampften los. Der Mond schmeckte so herrlich nach Gouda, Gorgonzola, Edamer und Emmentaler. An jeder Ecke gab es einen anderen Geschmack.
Die hungrigen Mäuse futterten, bis der Mond komplett aufgegessen war. Dann betraten sie wieder ihr Raumschiff und machten sich auf den Weg zur Erde.
»Was machen wir denn jetzt mit dem Mond?« fragte der Steuermann.
»Wir haben ihn aufgegessen. Die Menschen werden sich bestimmt wundern, wenn sie ihn in der Nacht nicht sehen können.«
»Keine Sorge.«
Der Captain grinste und warf die Banane aus dem Fenster.
»Die Banane hat die gleiche Form wie der Mond. Das wird bestimmt funktionieren.«

Es funktionierte tatsächlich. Die Menschen sahen, wie in jeder Nacht, hinauf zum Himmel und erfreuten sich am Mond. Dieses Mal wunderten sie sich aber und fragten sich, warum er nicht mehr weiß, sondern gelb leuchtete.

(c) 2015, Marco Wittler

537. Das Leben im Weltall

Das Leben im Weltall

Max saß am Fenster und sah nach draußen in den unendlichen Sternenhimmel. Das machte er jeden Abend. Und wie an jedem Abend, träumte er davon, eines Tages mit einem Raumschiff ins Weltall zu fliegen. Er wollte unbedingt dort leben und arbeiten.
»Irgendwann habe ich genug von meinem Taschengeld gespart, um mir ein eigenes Raumschiff zu kaufen.«
Dabei warf er einen Blick auf sein Sparschwein, in dem sich schon zehn Euro und ein paar Cent befanden.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Du schläfst noch nicht?«, fragte er.
»Nein.«, antwortete Max. »Ich muss doch noch zu den Sternen schauen und davon träumen, eines Tages da oben zu leben.«
Papa lachte.
»Willst du das wirklich?«
Max nickte.
»Na, dann komm mal mit in die Garage. Vielleicht habe ich eine Überraschung für dich.«
Gemeinsam gingen sie nach unten. Als sie das Garagentor öffneten, stockte Max der Atem. Neben Papas Auto stand ein kleines, echtes Raumschiff, in dem gerade genug Platz für zwei Personen war.
»Woher hast du das denn?«, fragte Max neugierig.
»Das habe ich selbst gebaut.«, sagte Papa stolz.
»Ich weiß doch, wie gern du zu den Sternen fliegen willst. Nur deswegen habe ich es gebaut.«
Max drückte Papa fest an sich und strahlte über das ganze Gesicht.
»Danke, Papa. Du bist der Beste.«
Sie stiegen ein. Papa startete den Antrieb. Alles begann zu wackeln und zu zittern, bis das kleine Raumschiff vom Boden abhob.
»Unglaublich.«
Max war begeistert. So etwas hatte er noch nie erlebt.
»Können wir überall hin?«
Papa nickte.
»Dann flieg uns rauf zu den Sternen. Und ich will zum Mond und zum Mars und …«
Papa musste lachen.
»Lass uns erstmal ins Weltall fliegen. Dann sehen wir weiter.«
Und schon flogen sie zum Himmel hinauf. Die Stadt, die vielen Autos in den Straßen wurden immer kleiner, bis sie gar nicht mehr zu sehen waren.
»Das ist der Wahnsinn. Das ist so unvorstellbar.«
Max konnte sich einfach nicht satt sehen. Überall waren nun Sterne. Vor ihm, über ihm, unten, links und rechts. Und hinter ihm? Da war die Erde, die immer kleiner wurde. Wie ein blau-grüner Wasserball schwamm sie im dunklen Sternenmeer.
Plötzlich wurde Max ganz leicht. Er fühlte sich, als würde er auf einer Decke liegen, die nur aus Watte bestehen würde. Er fühlte, sich als würde er schweben.
»Oh, nein. Ich schwebe.«
Max saß nicht mehr auf seinem Sitz. Stattdessen hing er unter der Decke des Raumschiffs.
»Ich hier sofort wieder runter. Mach, dass es aufhört.«
Papa grinste.
»So ist das, wenn man im Weltraum lebt. Hier oben wiegt man nichts und man schwebt einfach so durch die Gegend.«
Nein. Das gefiel Max ganz und gar nicht. Er wollte nicht schweben und sich überall stoßen. Er wollte in seinem Sitz sitzen und auch dort bleiben.
»Ich glaube, der Weltraum ist doch nichts für mich. Ich will lieber auf der Erde bleiben und dort leben.«
Papa nickte. Dann steuerte er das kleine Raumschiff wieder zurück nach Hause.

(c) 2015, Marco Wittler

 

382. Kampf im All

Kampf im All

Captain Tommi zog sich langsam seinen Raumanzug an. Es sollte nur noch wenige Minuten dauern, bis er die Sicherheit seines Raumschiffs verlassen sollte. Dann würde er in der Unendlichkeit des Weltalls, weit weg von Planeten und Sternen durch die Schwerelosigkeit schweben.
Noch ein letztes Mal überprüfte er seine Ausrüstung, bevor er den Helm aufsetzte.
»Alles an seinem Platz.«, murmelte er zufrieden und schnallte sich seinen Rucksack um.
Mit schweren Schritten stapfte er die Gänge entlang und betrat schließlich die Luftschleuse. Die erste Tür schloss sich hinter ihm. Mit einem leisen Zischen wurde die Luft aus dem kleinen Raum heraus gesaugt. Dann öffnete sich die zweite Tür und gab den Blick auf das wunderschöne Sternenmeer frei. Es sah aus, als hätte jemand mit kleinen Nadeln Löcher in ein Zelt gestochen.
Captain Tommi stieß sich ab und schwebte hinaus. Zur gleichen Zeit kamen ihm weitere Astronauten aus anderen Raumschiffen entgegen. Er und zehn weitere trugen weiße Raumanzüge. Sie versammelten sich und sahen sich nun elf Gegnern gegenüber, die rot gekleidet waren.
»Also Leute.«, sprach Tommi über sein Funkgerät.
»Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Wir werden sie fertig machen. Wir lassen keine Gnade walten. Selbst wenn sie darum betteln, dass wir sie verschonen sollen, machen wir weiter bis zum Schluss.«
Sie waren sich einig und setzten grimmige Gesichter auf, während der Captain seinen Rucksack öffnete und eine Kugel daraus hervor holte.
»Wir greifen an.«, rief er. Dann gab er seinem Fußball einen Tritt und schwebte ihm sofort nach.
Die rote Mannschaft setzte sich nun auch in Bewegung. Sie schalteten ihre Raketenrucksäcke ein und stürzten sich auf den Ball. In den unzähligen Raumschiffen, die am Rande des Spielfeldes schwebten, sahen viele Zuschauer zu und feuerten ihre Teams begeistert an.
Hin und her ging der Ball, mal nach links und mal nach rechts. Wenn ein Spieler nicht richtig aufpasste, konnte er sogar nach oben und unten weg.
Zuerst sah es sehr gut für die Roten aus. Sie kamen dem Tor immer näher. Sie schossen eine Attacke nach der anderen, aber der Torwart konnte sie immer im letzten Augenblick abwehren. Doch dann schnappte sich Captain Tommi den Ball. Er stürmte unerwartet schnell auf seine Gegner zu, umspielte sie mit Leichtigkeit und schoss das entscheidende Tor in allerletzter Sekunde, bevor der Schiedsrichter das Spiel abpfiff.
»Wir haben gewonnen.«, freuten sich die weißen Astronauten.
Zufrieden schwebten sie zurück in ihre Raumschiffe und flogen mit ihnen nach Hause in die große Spielzeugkiste.
Der kleine Tommi grinste zufrieden. So viel Spaß hatte er mit seinen neuen Legofiguren noch nie gehabt. Das wollte er unbedingt beim nächsten Mal mit seinem besten Freund wiederholen.

(c) 2012, Marco Wittler

347. Chiara fliegt ins All

Chiara fliegt ins All

Der Weltraum war endlich zu sehen. Nachdem die Sonne unter gegangen war, leuchteten nun die Sterne auf die Erde herab. Es waren so viele, dass man sie nicht hätte zählen können.
»Dort hinauf soll es gehen.«, sagte Chiara jeden Abend, bevor sie zu Bett ging.
»Ich will andere Planeten besuchen und Freundschaft mit den Außerirdirschen schließen.«
Diesen Traum hatte sie, so lange sie denken konnte. Jeden Abend sprach sie ihn laut aus. Dann zog sie das alte, verwaschene T-Shirt mit den Raumschiffen an und schlüpfte damit unter ihre Decke.
»So eine Reise in den Weltraum stelle ich mir spannend und aufregend vor.«, schwärmte sie ihrem kleinen Bruder vor, während sie durch das Fenster zum unendlichen Sternenmeer hinauf blickte.
Ihr Bruder lachte dann immer. Seiner Meinung nach würde sie niemals die Erde verlassen. Chiara war da aber ganz anderer Meinung.
»Eines Tages werde ich dort hin reisen, selbst wenn ich dafür mein eigenes Raumschiff bauen muss.«
Bei diesen Gedanken schlief sie dann langsam ein.

Eines Tages spielten die beiden Geschwister im Garten. Chiara saß im Sandkasten, während ihr Bruder auf der Schaukel saß.
Plötzlich stieß Chiara mit der Schaufel auf etwas Hartes.
»Huch. Was ist denn das?«, wunderte sie sich.
Vorsichtig buddelte sie weiter. Sie entdeckte ein kleines Kästchen aus Metall. Es blitzte und blinkte im hellen Sonnenschein. Schnell ließ sie es in ihrer Tasche verschwinden, um es vor ihrem Bruder zu verstecken. Doch dieser war viel zu sehr beschäftigt und hatte nichts gesehen.
»Ich gehe hinein in mein Zimmer.«, sagte sie Mama und verschwand im Haus.
Ein paar Minuten später saß sie auf ihrem Bett und besah sich das Kästchen von allen Seiten. Nirgendwo war ein Schloss oder ein Knopf zum Öffnen zu finden.
»Irgendwo muss das doch gehen.«
Sie versuchte es mit allen Tricks. Aber nicht einmal ein Schraubendreher konnte helfen.
»Dabei bin ich doch so neugierig, was darin steckt.«
Genau in diesem Moment öffnete sich das Kästchen und eine sanfte Frauenstimme erklang.
»Die Neugierde des Menschen ist es, die ihn immer wieder zu neuen Abenteuern und Expeditionen aufbrechen lässt. Sie beflügelt seinen Geist und treibt ihn an, Neues zu entdecken. Und weil du ebenfalls ein neugieriger Mensch bist, hast du es geschafft, das Kästchen zu öffnen.«
Chiara bekam große Augen. Sie hatte das Rätsel gelöst, stand dafür aber vor einem Neuen.
»Und was fange ich jetzt mit dir an?«
Das Kästchen wusste natürlich sofort eine Antwort auf diese Frage.
»Mit mir zusammen wirst du alle Grenzen der Menschheit hinter dir lassen und auf eine kleine abenteuerliche Reise gehen. Sieh in mich hinein.«
Chiara sah natürlich sofort hinein und entdeckte im Innern ein winzig kleines Raumschiff, welches zwischen noch kleineren Sternen schwebte.
»Bring das Raumschiff nach draußen und es wird dich dafür zu den Sternen fliegen.«
Die Freude war riesig. Chiara lief zurück in den Garten. Ihr Bruder und Mama waren ins Haus gegangen. Sie war also ganz ungestört. Vorsichtig holte sie das Raumschiff aus dem Kästchen und stellte es auf den Boden. Von diesem Augenblick an vergrößerte es sich. Es wuchs, bis es etwa zwei Meter lang war.
Chiara öffnete die Tür und stieg ein. Um sie herum blinken viele kleine Lichter.
»Oh je, so viele Knöpfe. Was passiert, wenn ich den falschen drücke?«
Aber dann fand sie einen ganz großen, auf dem das Wort ›START‹ in großen Buchstaben geschrieben war.
Ohne zu zögern drückte sie ihn und das Raumschiff hob langsam vom Boden ab. Es schwebte höher und höher. Schon bald war es am Hausdach vorbei. Als es schließlich die Wolken erreichte, blieb es in der Luft stehen.
»Warum geht es denn nicht weiter?«, fragte Chiara enttäuscht.
»Suche ein Ziel aus.«, sagte die sanfte Stimme.
Chiara dachte nach und wählte den Mond.
»Ich möchte einmal um ihn herum fliegen.«
Und so geschah es auch. Das Raumschiff gab nun Gas. Schneller als jedes Auto, jeder Eisenbahnzug oder jede Rakete düste es auf das Ziel zu. In Windeseile, es waren nicht einmal fünf Minuten vergangen, erreichte es den Mond.
»Der Mond.«, sagte wieder diese Stimme.
»Er umkreist in nahezu achtundzwanzig Tagen einmal die Erde. Seine Oberfläche ist von vielen kleinen und großen Kratern übersät, die alle durch Meteoriteneinschläge entstanden sind. Er hat keine Atmosphäre wie die Erde. Daher können Menschen auf ihm nicht atmen. Ein Leben auf ihm ist daher nicht möglich.«
Die Stimme erklärte noch viele andere Dinge. Chiara hörte nur zu gern zu, während sie sich alles ganz genau ansah. Sie flog ganz dicht über der Oberfläche hinweg, sah eine alte, amerikanische Flagge, die Astronauten vor vielen Jahren in den Staub gesteckt hatten und auch ein Auto, mit dem sie dort umher gefahren waren.
Sie sah auf ihre Uhr und erschrak.
»Gleich gibt es Abendbrot. Die Mama wird bestimmt sauer, wenn ich nicht pünktlich zu Hause bin.«
Und schon drehte das kleine Raumschiff um und flog zurück zur Erde. Keine fünf Minuten später landete es dort, wo es vorher gestartet war – hinter dem Haus im Garten.
Als Chiara ausgestiegen war, schrumpfte das Raumschiff. Nach wenigen Sekunden passte es wieder in das glänzende Kästchen.
»Ich werde bestimmt öfter in den Weltraum fliegen.«, sagte Chiara zu sich selbst, während sie das Haus betrat.
»Ich bin schon gespannt, was ich noch alles entdecken werde.«

(c) 2010, Marco Wittler

175. Eilige Fracht

Eilige Fracht

Captain Michel saß in seinem Sessel und sah angestrengt auf den großen Bildschirm am anderen Ende der Kommandobrücke. Draußen im Weltall wimmelte es nur so. Überall flogen Komenten, Asteroiden, Meteoriten und Weltallschrott herum. Das Frachtraumschiff durfte auf keinen von irgendwas getroffen werden.
»Wie ist unsere momentane Position Commander Papa?«
Der Commander stand sofort von seinem Platz auf, salutierte und erstattete Bericht.
»Wir befinden uns jetzt direkt vor dem Trümmerfeld. Etwa eine Million Kilometer dahinter befindet sich unser Zielplanet, den wir innerhalb der nächsten Stunde erreichen sollten. Dazu müssen wir das Feld allerdings durchqueren, da auf unserer Ausweichroute ein gefährlicher Ionensturm wütet.«
Captain Michel dachte angestrengt nach. Sollte er es wirklich riskieren, dass das Raumschiff von einem Felsbrocken getroffen und zerstört wurde? Andererseits ließ ihm der enge Flugplan keine andere Wahl.
»Fliegen sie hinein, Commander Papa. Halbe Kraft voraus.«
Der Commander salutierte ein weiteres Mal und betätigte mehrere Hebel, Knöpfe und Tasten. Das Raumschiff setzte sich langsam in Bewegung und flog an den ersten Asteroiden vorbei.
Von nun an ging es hin und her, rauf und runter, vor und zurück. Die Situationen wurden immer gefährlicher. Die Felsbrocken kamen immer näher. Captain Michel lief bereits der erste Schweißtropfen von der Stirn.
Plötzlich gab es einen lauten Knall.
»Was war das?«
Commander Papa überprüfte seine Anzeigen, ehe er den Captain informierte.
»Wir wurden getroffen. Ein Komet ist an unserer Außenhülle entlang gekratzt. Dabei ist zum Glück nur ein winziges Loch entstanden. Wir verlieren Luft, werden es aber noch rechtzeitig zu unserem Ziel schaffen.«
Sie atmeten beide auf, obwohl sie das Trümmerfeld noch nicht hinter sich hatten.
Sie sahen beide immer wieder auf ihre Monitore, korrigierten ständig die Flugrichtung und hofften, diesen Tag zu überleben.
Und dann war der Weltraum vor ihnen wieder frei. Sie hatten den gefährlichen Teil ihrer Reise hinter sich gebracht.
»Commander Papa, bringen sie uns wieder auf Kurs und beschleunigen sie unser Raumschiff mit voller Kraft.«
»Aye, aye, Sir.«, kam sofort die Bestätigung.
Nur einen kurzen Moment später raste das Raumschiff mit unglaublicher Geschwindigkeit zwischen den Stern dahin, während sie sich ihrem Ziel immer weiter näherten.
»Bremsmanöver einleiten. Wir fliegen sonst noch an dem Planeten vorbei.«
Commander Papa  betätigte die Bremsen und brachte das Raumschiff zum stehen.
»Wir haben es geschafft, Captain. Wir können jetzt unsere Fracht ausliefern.«
Captain Michel sprang von seinem Bürostuhl herunter, mit dem Papa ihn durch die ganze Wohnung geschoben hatte, und stellte sich vor den Laufstall seiner kleinen Schwester.
»Bitte sehr, eure Majestät. Das Prinzessinnenspielzeug ist angekommen.«
Er packte ein paar Kuscheltiere aus und drückte sie dem kleinen Mädchen in die Arme.
»Dann fahre ich mal wieder mit meinem Stuhl zurück in mein Arbeitszimmer.«, sagte Papa und verschwand durch die Tür des Kinderzimmers.

(c) 2009, Marco Wittler

019. Einmal zum Mond und zurück

Einmal zum Mond und zurück

Es war Zeit für das Abendessen. Tim saß bereits am Tisch, wartete aber noch auf seinen Papa. Aber der lies sich wie immer Zeit. Er war noch in der Garage und bastelte an einem alten Auto. Irgendwann sollte es mal blitzblank aussehen und wieder über die Straßen rollen. Aber das würde wohl noch einige Zeit dauern, denn im Moment bestand es nur aus Einzelteilen.
Die Küchentür öffnete sich und Tim drehte sich um.
„Papa, wie siehst du denn aus? Du bist ja ganz schmutzig. Ich muss mich vor dem Essen doch auch immer waschen. Dann musst du das auch.“
Also ging Papa erst einmal ins Bad , wusch sich und zog sich saubere Sachen an.
In der Zwischenzeit holte Tim die Wurst aus dem Kühlschrank und das Brot aus dem Brotkasten. Mit Tellern und Tassen deckte er den Tisch. Nur die Messer lies er im Schrank, denn die durfte er noch nicht benutzen. Das war Papas Aufgabe.
Und der kam nun frisch gewaschen in die Küche und setzte sich auf seinen Platz.
Wie jeden Abend goss er sich eine große Tasse Milch ein, trank sie in einem Zug leer, wischte sich den breiten Milchbart aus dem Gesicht und lehnte sich hinüber zum Schrank, um ein Buttermesser herauszuholen.
Er griff sich zwei Scheiben Brot. Die erste machte er für Tim fertig, mit ganz dünn Butter und einer Scheibe Kochschinken. Die zweite war für ihn selber.
Während Tim ein großes Stück von seiner Schnitte abbiss, sah Papa sich auf dem Tisch um.
„Wo ist denn der Käse geblieben?“, wunderte er sich.
Tim zuckte mit den Schultern, hüpfte vom Stuhl und ging zum Kühlschrank.
„Ich habe vergessen ihn herauszuholen.“
Als der Junge durch die Kühlfächer guckte, konnte er aber nichts finden.
„Der Käse ist alle. Wir haben heute morgen den letzten Rest gegessen.“
„Na, so was.“, sagte Papa. „Dann muss ich heute ja Wurst essen und Morgen auch. Denn dann ist Sonntag. Da sind alle Läden geschlossen.“
Während die beiden still ihre Brote aßen, schaute Tim aus dem Fenster und sah gerade den Mond aufgehen, dessen rundes Gesicht über den Wald leuchtete und sich im See spiegelte. Unzählige Sterne funkelten am Himmel und schienen den Mond zu begrüßen.
„Da oben müsste man wohnen.“
„Wo denn?“, fragte Papa.
„Na, da oben, auf dem Mond. Die Anna-Lena hat gesagt, dass der ganze Mond aus Käse gemacht ist. Jedenfalls behauptet das ihr Papa. Und der muss es wissen. Der hat auch schon einmal was von einem Butterberg erzählt.“
Aber Tims Papa zuckte nur mit den Schultern.
„Davon habe ich noch nie was gehört. Außerdem gibt es keine Möglichkeit dort hin zu kommen. Der Mond ist zu hoch und zu weit weg. Wir müssen halt bis Montag warten, bis wir wieder Käsebrote machen können.“

 Nach dem Essen war es Zeit zu Bett zu gehen. Tim wusch sich im Bad, putzte sich die Zähne und ging in sein Zimmer. Dort zog er sich seinen Schlafanzug an und legte sich hin. Er schlief sofort ein.
Papa hingegen bastelte noch ein wenig an seinem Auto in der Garage.

 Mitten in der Nacht zupfte etwas an der Bettdecke. Dann wurde Tim auch noch leicht an der Schulter angestupst. Er wurde wach und öffnete seine verschlafenen Augen. Vor ihm stand sein Papa. Er hatte noch immer seine Sachen und sogar mittlerweile eine Jacke angezogen. Auf seinem Rücken hatte er sich einen Rucksack geschnallt.
„Aufstehen, Tim. Wir machen eine kleine Spritztour. Ich habe das Auto fertig und jetzt fahren wir los und besorgen uns doch noch etwas Käse.“
Tim wischte sich über die Augen, zog sich im Halbschlaf an und trottete in die Garage hinunter.
Das Auto war tatsächlich fertig geworden. Alles war zusammen geschraubt, knallig rot lackiert und blitzblank poliert. Bei diesem Anblick war der Junge sofort hellwach. Er hüpfte in seinen Kindersitz, schnallte sich an und wartete darauf, dass es losgehen würde.
Wo bekommt man wohl so tief in der Nacht noch Käse, überlegte er sich. Aber dann stieg Papa ein und startete den Motor.
Und schon ging es los. Sie fuhren die lange Straße entlang, die aus der Stadt führte, bis sie zur Autobahn kamen. Von da an konnten sie einiges Schneller fahren. Der Wind pfiff richtig an den Fenstern vorbei.
„Wie weit müssen wir denn fahren?“, fragte Tim.
„Eine Weile wird es schon dauern. Aber bestimmt wird es nicht langweilig.“, war die kurze Antwort.
Ein paar Kilometer später wurde das Auto noch schneller, denn Papa gab jetzt richtig Gas.
„Da kommt unsere Ausfahrt. Da müssen wir ordentlich Anlauf nehmen, denn sonst schaffen wir die Steigung nicht.“
Tim sah sich um. Nirgendwo war ein Berg zu sehen. Hier war doch alles flach. Das war sehr komisch. Noch seltsamer war das nächste Schild. Darauf stand:

Noch 500 Meter bis zur Milchstraße.

Aber war die nicht irgendwo am Himmel?
Nicht weit vor ihnen leuchtete es hell. Da waren mehr Sterne als anderswo. Und darauf fuhren sie direkt zu.
Das Auto ruckelte kurz und schon ging es aufwärts. Die Autobahn und die Lichter der Stadt blieben unter ihnen zurück und wurden rasch kleiner, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Jetzt waren sie tatsächlich auf der Milchstraße, die sich weit in den Himmel erstreckte.
Das Auto fuhr an leuchteten Sternen vorbei, überholte so manchen Kometen und lies ein paar Milchtransporter hinter sich zurück, die damit beschäftigt waren, ein paar Schlaglöcher auszubessern. Tims Mund und seine Augen waren weit offen und er konnte nur noch staunen.
„Wo fahren wir denn überhaupt hin?“
„Dorthin, wo es mitten in der Nacht noch Käse gibt.“
Papa zeigte mit dem Finger auf den Mond, auf den sie zufuhren.
Langsam wurde das Mondgesicht größer und man konnte einige Krater sehen. Bald mussten sie da sein. Mittlerweile war die Erde hinter ihnen schon sehr klein geworden. Aber langweilig wurde es unterwegs nicht, denn es gab so vieles zu sehen. Hin und wieder flog sogar ein Raumschiff an ihnen vorbei.
Bei der Ausfahrt zum Mond bogen sie wieder ab und parkten ein paar Meter weiter das Auto vor einem kleinen Krater. Sie waren am Ziel angekommen. Tims Papa schnallte sich den Rucksack wieder um und beide stiegen sie aus.
Von hier aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Erde. Sie hing nun wie eine blaugrüne Scheibe am Himmel. Sie sah aus, wie ein Mond.
Tim fasste Papa an der Hand. Es war ihm doch etwas unheimlich hier. Niemand anderes war zu sehen. Es gab auch keine Tiere und Pflanzen, nur jede Menge Krater im Boden und einige Gebirge am Horizont.
Sie gingen los und sahen sich um. Hin und wieder steckten kleine Schilder im Boden, die Papa vorlas:

Tilsiter, Emmentaler, Edamer, Harzer.

Beim Parmesan hielten sie sich angestrengt die Nase zu.
„Hier sind wir richtig. Dort steht Gouda auf dem Schild.“
Tim staunte. Der Mond bestand tatsächlich aus Käse. Man konnte es riechen und sogar schmecken, wenn man ein Stück probierte.
Papa holte ein Messer aus dem Rucksack, schnitt mehrere Stücke aus dem Boden und füllte damit den Rucksack.
„So, das wird wohl reichen. Jetzt wird es Zeit, nach Hause zu fahren.“
Sie gingen zurück und stiegen wieder in das Auto. Doch diesmal wollte es nicht anspringen. Es gab keinen Ton von sich. Ein Blick unter die Motorhaube verriet Papa, dass die Batterien leer waren.
So konnten sie unmöglich zurück kommen. Aber hier auf dem Mond konnten sie auch nicht bleiben, denn ohne Brot schmeckte der beste Käse nicht. Also mussten sie auf Rettung warten.

 Nach etwa einer halben Stunde flog ein silbrig glänzendes Raumschiff vorbei. Richtig schick sah es aus. Papa winkte sofort, um zu zeigen, dass sie Hilfe brauchten, worauf es auch gleich neben ihnen landete.
Mit einem leisen Zischen öffnete sich eine Luke und jemand sprang heraus. Er war eindeutig von einem anderen Planeten gekommen. Er sah etwas anders aus als ein Mensch. Seine Haut war blau, die Haare weiß und die Ohren fast doppelt so groß wie bei Papa.
Der Außerirdische lächelte und bot ihnen an, sie abzuschleppen. Er war gerade auf dem Weg zum Mars, da lag die Erde auf seiner Reiseroute.
Der Rückflug war sehr viel schneller. Aber trotzdem schlief Tim unterwegs sofort ein, so müde hatte ihn die Fahrt gemacht. Außerdem war es auch schon sehr spät. So lange Nächte war er nicht gewohnt.
Zuhause angekommen bedankte sich Papa für die Hilfe. Er brachte Tim ins Bett und schob anschließend das Auto zurück in die Garage.

 Als Tim am nächsten Morgen wach wurde konnte er sich noch an alles erinnern, die Reise zum Mond, den vielen Käse und an den netten Mann vom anderen Stern. Das war ein komischer Traum gewesen. Aber wenn es darin leckeren Käse gab, war es auf jeden Fall ein guter und schöner Traum.
Er stand auf, zog sich an und machte sich im Bad fertig.
Als er kurz darauf den Aufschnitt für das Frühstück aus dem Kühlschrank holen wollte, staunte er nicht schlecht. Denn darin war ein großer Haufen Käse, der am Abend vorher noch nicht da war.
Konnte man vielleicht doch mit dem Auto über die Milchstraße zum Mond fahren?
In diesem Moment kam Papa grinsend in die Küche, wünschte einen guten Morgen und begann, wie jeden Tag, die Brote zu schmieren, eine Schnitte für Tim und eine für ihn selber.
Er sagte nichts zu dem Käse oder was in der letzten Nacht passiert war. Nachdem Tim aber fragte guckte, zwinkerte er ihm ganz kurz zu.

(c) 2004, Marco Wittler

19 Einmal zum Mond und zurück