550. Der Schneesturm

Der Schneesturm

Es war einmal an einem sehr kalten Weihnachtsabend.
Zuhause hatte Mama bereits alle ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Der Baum war festlich geschmückt. An jedem Ast glitzerten und glänzten bunte Glaskugeln, Sterne und Lametta, zwischen denen immer wieder Strohsterne hingen und kleine Weihnachtsfiguren. Rundherum war eine Lichterkette gespannt, die das Wohnzimmer in ein warmes Licht tauchte.
Auf dem Herd dampften die Töpfe und der Ofen wachte über einen leckeren Braten.
Die Kinder saßen aufgeregt in ihren Zimmern. Sie lasen sich noch einmal die Gedichte durch, die sie vor der Bescherung aufsagen wollten.
Der einzige, der jetzt noch fehlte, war Papa.
Papa hatte, nicht wie in den letzten Jahren, frei bekommen. Bis zum Mittag hatte er gearbeitet und war nun mit dem Auto unterwegs nach Hause. Die lange Fahrt quer durchs Land sollte er bald geschafft haben.
Doch dann klingelte im Flur das Telefon.
Max hörte es in seinem Kinderzimmer. Er öffnete die Tür, stürmte die Treppe hinunter und nahm das Gespräch entgegen.
»Hallo, hier spricht Max. Wer ist dort am anderen Ende der Leitung?«
Inzwischen waren auch seine kleine Schwester Lea und Mama hinzu gekommen.
»Wie?«, fragte Max nach.
»Was? … Hm! … Achso! … Ehrlich? … Na gut. … Wann? … In Ordnung.«
Er legte auf und atmete einmal tief durch, bevor er den anderen erzählte, was er gerade gehört hatte.
»Das war Papa. Auf der Autobahn liegt viel Schnee und es geht nur langsam voran. Überall sind lange Staus. Er kommt etwas später nach Hause. Er versucht aber, einen anderen Weg zu finden, damit er rechtzeitig zum Essen da ist.«
Mama warf einen Blick auf die Wanduhr. »Das wird aber knapp. Ich bin mit dem Essen schon fast fertig. Hoffentlich fährt er vorsichtig und braucht nicht mehr zu lange.«

Die Zeit verging. Immer wieder sahen Mama und die Kinder auf die Uhr. Bei jedem Geräusch auf der Straße sahen sie zum Fenster heraus. Aber Papas Auto war nirgendwo zu sehen.
»Hoffentlich ist er nicht irgendwo im Stau stecken geblieben.«, machte sich Lea große Sorgen. »Im Fernsehen war mal ein Bericht über eine gesperrte Autobahn. Da mussten dann Helfer Decken und warmen Tee an die Autofahrer verteilen, damit sie nicht erfrieren. Die kamen erst drei Tage später zu Hause an. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Vorstellen wollten sich Mama und Max so etwas ganz gewiss nicht. Sie wollten Papa zu Hause haben.

Zur gleichen Zeit saß Papa hinter seinem Lenkrad und kam nur noch sehr langsam vorwärts. Wie wild flogen dicke Schneeflocken um sein Auto herum. Die weiße Decke auf der Straße wurde immer dicker. Die Reifen drehten immer wieder durch.
»Mist.«, fluchte Papa. »Wäre ich doch bloß im Stau auf der Autobahn geblieben. Vielleicht wäre ich dann schon zu Hause.«
Stattdessen hatte er eine Abfahrt genommen, um sich einen Heimweg über eine Landstraße zu suchen. Doch hier war das schlechte Wetter, dass mittlerweile ein echter Schneesturm geworden war, noch schlimmer.
Irgendwann war dann Schluss. Zwischen zwei Hügeln kam das Auto zum Stehen. Papa kam nicht mehr vor und nicht zurück. Für die Reifen war es zu glatt. Irgendwo im Nirgendwo war er nun gelandet und kam nicht mehr weiter.
»Oh, nein. Hier wird mich doch niemand finden. Was mache ich denn jetzt?«
Verzweifelt sah er sich um. Aber wegen des dichten Schneetreibens konnte man nur wenige Meter weit sehen.
»Wenn es hier nur ein Haus oder einen Bauernhof gäbe, in dem ich mich warm halten könnte, bis der Sturm sich gelegt hat. Aber bei dem Wetter kann ich auch nicht einfach drauf los marschieren. Dann verlaufe ich mich und werde erfrieren.«
Also wartete Papa. Eine Stunde. Zwei Stunden. Drei Stunden. Regelmäßig hatte er in dieser Zeit auf sein Handy geschaut. Aber hier draußen, weit weg von jeder Stadt hatte es keinen Empfang. Er konnte nicht einmal Bescheid geben, dass er stecken geblieben war.
Irgendwann wurde es Papa zu kalt. Seine dicke Jacke hatte er angezogen, Handschuhe und Mütze auch. Sogar eine Decke hatte er aus dem Kofferraum geholt. Aber das nützte schon lang nichts mehr. Er musste sich Bewegung verschaffen.
Widerwillig verließ er das Auto und hüpfte etwas im Schnee auf und ab, um sich aufzuwärmen.
»Nanu? Was ist denn das?«
Papa kniff die Augen zusammen. Irgendwas stand doch da auf der Straße. War da vielleicht noch ein Auto stecken geblieben?
»Hallo? Ist da wer? Können sie mich hören?«
Papa ging ein paar Meter, bis er überrascht stehen blieb. Mit allem hätte er gerechnet. Damit aber nun wirklich nicht.

Mama sah wieder auf die Uhr. Es wurde immer später. Noch immer konnte sie Papa nicht erreichen. ‚Kein Empfang‘ sagte ihr die Computerstimme im Telefon.
»Wo steckt der denn? Er sollte doch schon längst hier sein. Hoffentlich ist ihm nichts passiert.«
In diesem Moment hörte sie ein Rumpeln vor dem Haus. Sofort sprangen die Kinder von ihren Stühlen auf und liefen zum Fenster. Dort bekamen sie große Augen.
»Mama, komm schnell her!«, rief Max. »Das musst du dir anschauen, sonst wirst du es nie glauben.«
Nun kam auch Mama ans Fenster. Auch wenn sie sah, was dort draußen vor sich ging, wollte sie es nicht glauben.
»Das ist doch nicht möglich.«
Ein Schlüssel wurde in die Haustür gesteckt. Ein paar Sekunden später kam Papa herein. Er war allerdings nicht allein gekommen. Hinter ihm stand ein Überraschungsgast.
»Ich habs geschafft.«, schnaufte Papa glücklich. »Endlich bin ich wieder zu Hause. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schlimm dieser Schneesturm ist. Mein Auto wollte einfach keinen Meter mehr fahren. Zum Glück hat mich der Weihnachtsmann von oben gesehen. Er war so freundlich, mit abzuschleppen. Zum Dank hab ich ihn zum Essen eingeladen.«
Welch eine Überraschung. Der echte Weihnachtsmann. Und vor der Tür stand sein Schlitten und die Rentiere. Einfach unglaublich.
Ich konnte ihren Mann unmöglich da draußen im Schnee stehen lassen. Er irrte schutzlos auf der Straße umher. Wäre ich nicht zufällig vorbei gekommen, hätte er sein Auto niemals wieder gefunden und wäre erfroren.«
Der Weihnachtsmann trat ein, legte seine Mütze, Mantel, Handschuhe und Stiefel ab. Dann ließ er sich von den Kindern ins Wohnzimmer an den Esstisch führen, wo sie gemeinsam einen unvergesslichen Abend verbrachten.

(c) 2016, Marco Wittler

546. Gewitterdisco

Gewitterdisco

Nele sah zum Himmel hinauf und verzog das Gesicht.
»Das sieht aber gar nicht gut aus. Mama sagt bestimmt gleich, dass wir rein gehen müssen, damit uns nichts passiert.«
Und so kam es dann auch ein paar Minuten später.
»Nele, Mila, packt eure Sachen in den Keller. Es zieht ein Gewitter auf. Danach gehen wir rein. Draußen ist es zu gefährlich. Wenn euch der Blitz trifft, könnt ihr schwer verletzt werden oder sogar sterben.«
Nele verdrehte die Augen.
»Es ist doch nur ein Gewitter. Das macht doch nur Blitz und Donner. Was soll daran gefährlich sein? Ich will mal bei Gewitter im warmen Regen tanzen und toben. Das ist bestimmt wie eine Discodusche.«
Also erklärte Mama noch einmal, dass Blitze viel gefährliche seien, als sie aussehen.
»Ein Blitz besteht aus ganz viel Strom. Wenn man davon getroffen wird, bekommt man starke Verbrennungen auf der Haut und es kann einem das Herz stehen bleiben. Damit ist wirklich nicht zu spaßen.«
Nele und Mila schnieften traurig. Dann begannen sie, ihre Gartenspielsachen in den Keller zu räumen.
Eine halbe Stunde später regnete es so heftig wie nur selten. Man konnte draußen kaum noch etwas sehen. Nur die vielen Blitze erhellten immer wieder den Garten.
Nele verstand nun auch, dass es draußen sehr gefährlich und ungemütlich war. Immer wieder blies der kräftige Wind Laub und ganze Äste durch die Gegend. Immer wieder fielen dicke Hagelkörner vom Himmel.
»Dann spielen wir eben Gewitterdisco.«, entschied sie und zog ihre Schwester Mila hinter sich her.
Nach ein paar Minuten hörte Mama ein Rauschen und laute Musik aus dem Badezimmer. Neugierig sah Mama nach und entdeckte ihre Nele voll bekleidet unter der laufenden Dusche. Wild tanzte sie hin und her und jubelte laut. Auf der Toilette stand ein Radio das laut dudelte. Mila hatte die Hand auf dem Lichtschalter und ließ es blitzen.
»Ihr seid ja echt verrückt.«, lachte Mama. »Eines habt ihr aber vergessen. Wo ist denn der Donner?«
Sie schloss die Tür und klatschte nach dem Lichtblitz mit der Hand auf die Tür.

(c) 2016, Marco Wittler

534. Die böse Gewitterwolke

Die böse Gewitterwolke

Es war wieder einmal ein traumhaft schöner Tag im sonnigen Königreich. So war das Wetter eigentlich immer, denn tagsüber schien die Sonne. Regen gab es nur in der Nacht, während die Menschen schliefen. Dadurch war das Königreich etwas ganz Besonderes. Denn so ein gutes Wetter gab es nur hier. Deswegen waren hier alle Menschen viel glücklicher als in anderen Ländern. Doch eines Tages ereignete sich etwas Sonderbares.
Zur Mittagsstunde stand ein junger Schafhirt auf der Weide und bewachte, zusammen mit seinem großen Hund, die Herde des Königs.
»Was ist denn das?«, wunderte er sich bei seinem Blick zu den fernen Bergen. »Was ist das dort hinten am Himmel?«
Und tatsächlich sollte sich schon bald etwas ereignen, dass die Menschen des sonnigen Königreichs noch nie zuvor erlebt hatten.
»Ich glaube, wir sollten uns das einmal näher anschauen.«, sagte der Schafhirte zu seinem Hund.
Schnell trieben sie die Schafe zusammen und sperrten sie hinter einem Gatter ein. Dann machten sie sich mit schnellen Schritten auf den Weg in Richtung der Berge.
Es sollte nicht lange dauern, bis sie eine Antwort bekamen, denn ihre Entdeckung kam ihnen entgegen.
»Ist das eine Wolke?«, fragte sich der Hirte und kratzte sich am Kopf. Und bei näherem Hinsehen wurde es dann schließlich klar: »Ja, es ist tatsächlich eine Wolke.«
Wirklich sonderbar, dachte er sich, denn zur Mittagsstunde hatte es noch nie Wolken am Himmel gegeben. Die tauchten sonst erst zum Sonnenuntergang am Abend auf.
»Da stimmt etwas nicht. Wir müssen sofort dem König Bescheid geben.«
Der Hirte nahm die Beine in die Hand und rannte zurück zur Schafherde und trieb die Tiere schnell zur Stadt zurück, wo er sie in ihren Stall sperrte. Dann machte er sich sofort auf den Weg zum nahen Schloss.

»Was willst du hier?«, fragte ihn ein grimmiger Soldat, der den Eingang zum Schloss versperrte.
»Ich muss dem König eine wichtige Nachricht überbringen.«, keuchte der Schafhirte. »Etwas stimmt nicht mit dem Wetter. Es zieht eine große, dunkle Wolke am Himmel auf.«
Der Soldat lachte und hielt sich den Bauch. »Eine Wolke? Zur Mittagszeit? Du hast wohl zu lange in der Sonne gestanden und einen Hitzschlag bekommen. Wolken gibt es erst heute Abend wieder. Geh nach Hause und nerv unseren König nicht mit deinen Märchen.«
Der Hirte seufzte. »Aber es stimmt wirklich. Ich habe sie gesehen. Sie kommt direkt auf unsere Stadt zu. Ich bin mir sicher, dass man sie auch vom höchsten Turm des Schlosses leicht bemerken kann. Lass mich bitte herein.«
Mittlerweile verstummte das Lachen des Soldaten. Sein Blick wurde noch grimmiger. Er zog sein Schwert hervor und hielt es bedrohlich vor sich.
»Entweder zu verschwindest jetzt endlich oder ich werde dich mit Gewalt von hier vertreiben.«
Der Hirte ließ seine Schultern hängen und trottete verzweifelt davon.

Kurz nach der Mittagsstunde wurde es still in der Stadt. Es war, als hätten nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch die Straßen und Häuser den Atem angehalten. Kein Laut war mehr zu hören, denn die große, dunkle Wolke hing mittlerweile über der Stadt und verschluckte fast jedes Licht.
»Was wird jetzt mit uns geschehen?«, fragte sich jeder. Der Soldat vor dem Schloss bibberte und zitterte am ganzen Körper und hatte ein schlechtes Gewissen, dass er dem jungen Schafhirten nicht geglaubt hatte. Doch dafür war es nun zu spät.
Im Innern des Schlosses stand der König am Fenster seines Thronsaals und sah besorgt nach draußen.
»Das hat es in der Geschichte des sonnigen Königreichs noch nie gegeben. Weder ich, noch einer meiner Vorväter hat jemals am Tag eine Wolke am Himmel entdeckt – weder über der Stadt, noch am fernsten Horizont. Ich hoffe, dass sie bald wieder verschwindet und uns nichts Schlimmeres passiert.«
Doch dann begann es zu regnen. Zuerst waren es nur wenige Tropfen, die aber schnell größer wurden. Es goss wie aus riesigen Eimern. Es brauchte nur wenige Augenblicke, um die Kleidung der Menschen auf den Straßen komplett zu durchnässen. Sofort verschwanden sie alle in ihren Häusern und kamen nicht mehr hervor.

Das Wetter änderte sich den ganzen Tag nicht mehr. Es regnete ohne Pause bis zum Abend. Es regnete die ganze und am nächsten Tag regnete es immer noch. Und selbst nach einer ganzen Woche hatte sich immer noch nichts verändert. Das Unwetter wollte nicht verschwinden.
Und wer genau hinhörte, konnte ein böses Lachen vom Himmel hören. Der Wolke machte es nämlich riesigen Spaß, die Menschen mit ihrem prasselndem Regen zu ärgern und zu quälen.
»Ich weiß mir keinen Rat.«, sagte der König zu seinen stärksten Rittern, die er in seinem Thronsaal versammelt hatte. »Die Wolke hat das Leben in unserer sonst so schönen Stadt zum Erliegen gebracht. Das Volk traut sich nicht mehr auf die Straßen. Die meisten von ihnen können nicht arbeiten. Wenn sich nicht bald etwas ändert, werden wir verhungern und unser sonniges Königreich wird verarmen. Das müssen wir irgendwie verhindern. Wer von euch hat eine Idee?«
Er sah in die Runde. Eine Antwort ließ auch nicht lange auf sich warten, denn die Ritter waren die tapfersten Männer des Landes und stellten sich jedem Kampf.
»Wir müssen die Wolke angreifen und sie zu einem Duell herausfordern. Wir Rittersleut werden sie vertreiben.«
Und so sollte es geschehen. Die Ritter kleideten sich in ihre glänzenden Rüstungen, bewaffneten sich mit Schilden und Schwertern. Sie ließen ihre Pferde satteln und ritten aus der Stadt hinaus, um sie vom schlechten Wetter zu vertreiben.
Der junge Schafhirte sah aus seinem Fenster, als er zufällig das Getrappel von Pferdehufen hörte. Er sah die Ritter, wie sie sich auf den Weg machten. Und das erschreckte ihn sehr. Sofort lief er zum Palast, in den er dieses Mal eingelassen wurde.

»Ihr müsst die Ritter aufhalten. Sie können die Wolke nicht bekämpfen.«, rief er dem König schon von der großen Treppe zu, die zum Thronsaal führte.
»Wieso sollte ich sie aufhalten?«, fragte der König. »Meine tapferen Ritter werden die Wolke angreifen, bekämpfen und vertreiben. Sie werden siegreich zu uns zurückkehren und sich von uns gebührend empfangen lassen.«
»Aber schaut doch zum Himmel hinauf, euer Majestät.«, versuchte der Hirte zu erklären.
»Es ist eine gefährliche Gewitterwolke, die uns bedroht. Wenn die eisernen Rüstungen der Ritter von einem Blitz getroffen werden, wird Schlimmes geschehen.«
Der König sah nach draußen und dachte eine Weile nach.
»Papperlapapp.«, winkte er schließlich ab. »Die Wolke ist tatsächlich sehr dunkel. Aber sie regnet nun schon seit sieben Tagen auf uns herab. In der ganzen Zeit habe ich nicht einen Blitz gesehen und auch keinen Donner gehört. Sie ist keine Gewitterwolke.«
In diesem Moment durchzuckte ein helles Licht den düsteren Himmel, gefolgt von einem Ohren betäubenden Knall. Ein Blitz raste zur Erde hinab und traf den ersten Ritter in die glänzende Rüstung. Dieser fiel sofort um und bewegte sich nicht mehr.
Weitere Blitze folgten und streckten einen Ritter nach dem anderen nieder, bis die wenigen Verbliebenen voll Angst zurück in die Stadt flüchteten.
»Ich habe es euch gesagt, euer Majestät. Gewitterwolken sind zu gefährlich für Ritter.«
Der König zitterte am ganzen Körper, als er sah, dass selbst seine tapfersten Männer nichts gegen den Feind am Himmel ausrichten konnten. Stattdessen hörte er das höhnische Lachen der Wolke und blickte erstmals in ihre Augen, die böse auf ihn hinab blickten.
»Aber wie sollen wir die Wolke bekämpfen? Wie sollen wir jemals wieder die Sonne sehen? Ich weiß mir keinen Rat mehr.«
Der Schafhirte sah sich um. Er brauchte schnell eine zündende Idee. Da entdeckte er die Prinzessin, die neben sich einen kleinen Spiegel liegen hatte.
»Ich werde die Wolken verjagen.«, entschloss sich der Hirte, schnappte sich den Spiegel und lief damit nach draußen auf die Straße. Von einem der flüchtenden Ritter, die ihm entgegen kamen, nahm er sich ein Schwert. Mit diesen beiden Dingen stellte er sich vor den Mauern der Stadt auf und rief der Wolke entgegen.
»Eine ganze Armee tapferer Ritter kannst du leicht schlagen. Aber mit einem schlauen Schafhirten wirst du es niemals aufnehmen können, denn du bist nur ein dummes Monster am Himmel, das nicht viel im Kopf hat.«
Die Wolke hatte diese beleidigenden Worte natürlich gehört. Sofort wandte sie sich dem zitternden Mann unter sich zu. Ihre Augen blickten ihn so böse und von Hass erfüllt an, dass der Schafhirte nur zu gern sofort im Erdboden verschwunden wäre. Aber dafür war es nun zu spät. Langsam hob er das Schwert ab.
»Los, kämpf mit mir, wenn du dich traust!«
Das ließ sich die Wolke kein zweites Mal sagen. Sie ließ es donnern und jagte einen besonders großen und hellen Blitz dem Hirten entgegen.
Dieser ließ im gleichen Augenblick das Schwert fallen und hielt mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, den Spiegel vor sich.
Der Blitz traf auf den Spiegel und wurde von der glänzenden Oberfläche zurück in den Himmel geschickt. Nur einen Moment später traf er die Wolke, die vor Schmerzen aufschrie. Sie spürte, dass den Kampf verloren hatte. Sofort verzog sie sich hinter das ferne Gebirge, verschwand und ward nie wieder gesehen.
Der junge Schafhirte aber war zum größten Helden des Landes geworden. Patschnass kam er zum Schloss zurück und überreichte der Prinzessin dankbar ihren Spiegel.
Der König wollte ebenfalls seinen Dank zum Ausdruck bringen und bot dem Schafhirten seine Tochter zur Frau an, die er nur zu gern annahm.
Von diesem Tag schien wieder jeden Tag die Sonne im sonnigen Königreich. Der Regen fiel nur noch in den Nächten.

(c) 2016, Marco Wittler

512. Schlittenfahrt im Sonnenschein (Hallo Oma Fanny 24)

Schlittenfahrt im Sonnenschein

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich schreibe dir heute von einem ganz besonderen Erlebnis.
Gestern Abend saß ich mit Papa vor dem Fernseher. Da liefen die Nachrichten und berichteten aus ganz vielen Ländern. Am Ende kam dann das Wetter. Also eigentlich nicht, denn das geht ja nur draußen. Aber ein Mann stand vor einer Deutschlandkarte und hat uns gezeigt, wie das Wetter werden sollte.
Er kündigte an, dass es von Norden bis Süden, also im ganzen Land, kräftig schneien sollte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich vor Freude gejubelt habe. Ich wollte sofort meinen Schlitten aus dem Keller holen, aber ich durfte nicht. Mama schickte mich ins Bett.
Heute Vormittag, bin ich nach dem Aufstehen sofort an mein Fenster gelaufen. Es war aber keine einzige Schneeflocke zu sehen. Nicht einmal Wolken hatten sich zu uns verirrt. Der Himmel war überall blau und die Sonne schien. Da war ich richtig enttäuscht. Ich wollte doch unbedingt Schlitten fahren.
Ich war zwar traurig, bin dann aber trotzdem in den Keller gegangen, um meinen Schlitten zu holen. Ich habe mich dann in den Garten gesetzt und mit dem blauen Himmel gemeckert, dass er endlich verschwinden und den Schneewolken Platz machen sollte.
Stattdessen stach mir dann die Sonne mit einem Strahl direkt ins Auge.
Da hatte ich plötzlich eine großartige Idee. Ich hab mir meinen Schlitten genommen und bin auf dem Sonnenstrahl nach oben geklettert. Ganz weit oben habe ich mich dann umgedreht und bin mit dem Schlitten zurück in den Garten gefahren. Das war so lustig, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mehr gemacht habe.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2015, Marco Wittler

509. April, April … macht was er will

April, April … macht was er will

Opa Rudi sah aus dem Fenster und freute sich. »Sieh man einer an. Die Sonne scheint. Der perfekte Moment, um einen gemütlichen Nachmittagsspaziergang zu machen.«
Er trank den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse. Dann zog er seine Schuhe an, nahm seinen Spazierstock zur Hand und verließ das Haus. Kaum hatte er die Haustür hinter sich abgeschlossen, fegte ein starker Wind durch die Straße.
»Damit habe ich jetzt aber nicht gerechnet.« wunderte sich Opa Rudi. Immerhin war der Himmel wolkenlos. »So kann ich nicht spazieren gehen.«
Er ging also zurück ins Haus. Mühsam kletterte er die Treppe hinauf, holte einen warmen Pullover aus dem Schrank und ging erneut nach draußen.
Opa Rudi war kaum zehn Meter gegangen, als dicke, graue Wolken auftauchten und die Sonne verdeckten. Von einer Minute zur anderen begann es zu regnen. Dicke Tropfen vielen herab und füllten schnell die Pfützen auf der Straße.
»Regen?« Wo ist der blaue Himmel?« beschwerte sich Opa.
Erneut stapfte er ins Haus, strich sich die Wassertropfen aus dem Haar und überlegte, ob er überhaupt noch nach draußen gehen sollte.
»Mit Friesennerz wird’s wohl gehen.«
Also zog er sich einen Regenmantel an, stülpte sich Gummistiefel über die Füße und begann den dritten Versuch seines Spaziergangs.
Aber das Wetter wollte einfach nicht mitspielen. Es spielte ihm einen weiteren Streich. Die Temperaturen kühlten plötzlich ab. Die dicken Regentropfen gefroren, fielen nun als Schneeflocken und färbten die ganze Umgebung weiß ein.
»Das darf doch einfach nicht wahr sein.«
Opa Rudi fluchte und schimpfte zum Himmel hinauf.
»Ich will doch nur einen Spaziergang machen und frische Luft schnappen.«
Also noch einmal zurück ins Haus. Er tauschte Regenmantel gegen Wintermantel und Handschuhe.
»Das ist jetzt mein allerletzter Versuch. Danach gebe ich auf.«
Opa Rudi öffnete vorsichtig die Haustür und sah nach draußen. Es schneite immer noch. Es sah sogar nach einem richtigen Schneesturm aus.
»Jetzt passt es.«
Opa Rudi nickte und ging nach draußen. Kaum hatte er die Tür hinter sich verschlossen, verschwanden die Schneeflocken. Er wurde wieder wärmer. Der Schnee schmolz, die Wolken rissen auf und die Sonne kam wieder zum Vorschein.
Opa Rudi seufzte und gab auf. »Das wird heute nichts mehr mit meinem Spaziergang.«
Er ging also zurück ins Haus und ließ sich enttäuscht in seinen Sessel fallen.
»Es ist doch schon Mai. Warum haben wir dann so ein grausiges Aprilwetter?«

Hätte Opa Rudi einmal hinter seine Büsche gesehen, hätte er sich bestimmt gewundert. Dort saß nämlich ein kleiner Kobold mit langen, spitzen Ohren, der sich vor Lachen den Bauch hielt. Dann holte er einen Zauberstab aus seiner Tasche und schwang ihn hin und her. Dabei änderte sich schon wieder das Wetter.
»April, April – Ich mache was ich will.« sang er dabei immer wieder. »Und das nicht nur im April. Hi hi hi.«

(c) 2015, Marco Wittler

374. Wenn es blitzt und donnert

Wenn es blitzt und donnert

Donner!
Blitz!
Helles Licht!
Rumms bumms!

Das Wetter spielte schon eine ganze Weile verrückt. Während des Abends waren dicke Wolken heran gezogen, die den Himmel grau färbten. Als es dann langsam dunkler wurde, begannen die ersten Tropfen zur Erde zu fallen. Mittlerweile herrschte strömender Regen. Blitz und Donner störten alle paar Sekunden die schwarze Nacht. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken.
»Warum muss das denn so laut und hell sein? Das macht mir richtig Angst. Hoffentlich passiert nichts.«
Ben lag zitternd im Bett und hielt sich die Augen zu. Er wollte das da draußen nicht hören und nicht sehen. Aber irgendwie funktioniert das nicht. Die Blitze waren viel zu hell und die Donnerschläge viel zu laut.
Aus dem Nachbarbett meldete sich seine Schwester Sofie und versuchte ihn zu trösten.
»Das Gewitter tut dir nichts. Hier im Haus sind wir doch sicher. Wir haben ein Dach über dem Kopf und nichts kann zu uns herein kommen.«
Aber das reichte Ben einfach nicht.
»Ich will das nicht. Es soll aufhören. Warum gibt es überhaupt Gewitter? Wer braucht das schon? Ich jedenfalls nicht.«
Er kauerte sich im Bett zusammen und versteckte seinen Kopf unter dem Kissen.
»Weißt du denn wirklich nicht, warum es vom Himmel aus ständig blitzt? Hat dir das denn niemand erzählt?«, fragte Sofie verwundert.
Ben kam wieder unter dem Kissen hervor und schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich weiß von nichts.«
Sofie seufzte und schlich sich zu ihrem Bruder herüber.
»Als der Uropa vor zwei Wochen gestorben ist, wo ist er dann hin gekommen?«
Ben musste nicht lange überlegen. Die Antwort wusste er sofort.
»Er ist im Himmel und sitzt dort auf einer großen weichen Wolke.«
Sofie nickte.
»Richtig. Da sitzt er und schaut immer zu uns herab. Aber er will sich ja nicht nur sehen, was wir gerade machen, sondern will hin und wieder ein paar Sachen von uns in Erinnerung behalten. Also schnappt er sich seinen großen Himmelsfotoapparat und macht jede Menge Bilder von uns, die er sich dann in sein Fotoalbum klebt.«
Ben bekam große Augen.
»Ehrlich? Er macht Fotos von uns wenn es blitzt?«
Sofie nickte.
»Das ist ja richtig cool. Dann darf ich aber nicht mehr weinen.«
Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf.
»Los, wir müssen gut aussehen.«
Dann flitzte Ben zum Fenster und setzte sich lächelnd davor.
»Hallo, Uropa. Hier bin ich.«

(c) 2011, Marco Wittler

372. Gewitterblitze

Gewitterblitze

Es war bereits dunkel geworden, als die ersten Regentropfen in dieser Sommernacht vom Himmel fielen. Die Nacht war schwül und viel zu warm, doch in den nächsten Stunden würde es die lang ersehnte Abkühlung geben.
Aber als der Regen stärker wurde, kam starker Wind auf. Nur wenige Minuten später wurden die Wolken von einem hellen Licht zerrissen, dem ein lauter Schlag folgte. Es war ein kräftiges Gewitter, das nun über das Land zog und für Unruhe sorgte.
Hin und wieder sah Papa aus dem Fenster, nippte an seiner Tasse Tee, die schon lange kalt geworden war und las dann wieder ein paar Zeilen in seinem Buch.
Plötzlich war da ein leises Geräusch aus dem Kinderzimmer zu hören. Erst war es nur ein kleines Wimmern, doch dann steigerte es sich schnell zu einem Weinen. Papa seufzte und stand auf.
»Was ist es denn dieses Mal?«, murmelte er vor sich hin und warf einen Blick in das dunkle Zimmer.
»Warum weinst du denn, Leon?«, fragte er.
Sein kleiner Sohn saß weinend auf dem Bett und hatte seine Arme um seine Beine geschlungen.
»Ich kann nicht schlafen. Da draußen ist dauernd helles Licht und es kracht ganz laut.«
Wieder schluchzte er und dicke Krokodilstränen rannen an seinen Wangen herab. Papa sah nach draußen. Das Gewitter stand so unglücklich am Himmel, dass jeder Blitz zu sehen war und sein grelles Licht in das Kinderzimmer werfen konnte.
»Das ist doch nur ein Gewitter. Das ist nichts Schlimmes. Hier im Haus kann uns nichts passieren. Das weißt du doch.«
Tröstend nahm er Leon in den Arm, aber der Junge wollte sich trotzdem nicht beruhigen lassen.
»Aber es ist so hell. Da kann ich nicht einschlafen. Das ist gar nicht cool.«
Papa überlegte hin und her. Irgendwas musste ihm einfallen.
»Stört das helle Licht denn wirklich so sehr beim Einschlafen?«
Leon nickte.
»Das sieht man, auch wenn die Augen zu sind. Unter dem Kopfkissen kann ich mich auch nicht verstecken, da krieg ich dann nicht genug Luft.«
Papa hatte plötzlich eine Idee.
»Ich glaube, wir können das Gewitter verjagen. Wir müssen uns nur überlegen, womit wir das anstellen können.«
Er sah Leon grinsend an.
»Was ist das Schlimmste, dass du dir in der Nacht vorstellen kannst?«
Da musste Leon gar nicht lange überlegen. Die Antwort kam sofort aus ihm raus geschossen.
»Helle Gewitterblitze.«
Das war es. Leon musste nun auch grinsen. Er sprang aus seinem Bett und kramte nur Sekunden später einen alten Fotoapparat hervor.
»Ich werde das Gewitter von hier weg blitzen.«
Bei jedem Blitz, der sich nun vom Himmel herab wagte, drückte er den Auslöser seiner Kamera und blitzte zurück.
»Nimm das, du blödes Gewitter und lass mich endlich ruhig schlafen.«
Und wer hätte es gedacht? Nur fünf Minuten später war das Unwetter weiter gezogen. Das helle Licht wurde immer dunkler und der Donner war nur noch aus weiter Ferne zu hören.
»So werde ich das jetzt immer machen.«, gähnte Leon laut, als er sich zufrieden ins Bett legte.
Kurze Zeit später schlief er wieder tief und fest.

(c) 2011, Marco Wittler

341. Wenn die Tage kürzer werden

Wenn die Tage kürzer werden

Paul saß am Fenster und starrte verträumt nach draußen.
»Ach, wenn das Wetter doch bloß schöner wäre.«, murmelte er vor sich hin.
Doch leider war es dicht bewölkt und der Regen prasselte ohne Pause auf die Erde nieder.
»Und warum muss es nur so früh dunkel werden? Das ist doch ungerecht.«
Der Herbst hatte begonnen und die Tage wurden nun merklich kürzer. Am Morgen ging die Sonne später auf und am Nachmittag verschwand sie bereits wieder hinter dem Horizont. Das ließ sich einfach nicht mehr mit dem Sommer vergleichen.
»Ich will wieder Sommer haben. Ich will bis zum Abendessen im Sandkasten spielen.«, verlangte Paul energisch.
Heller wurde es dadurch natürlich nicht. Das Gegenteil war der Fall. Die Dunkelheit hatte in den letzten Minuten zugenommen.
»Was ist los? Warum schimpfst du denn die ganze Zeit?«, fragte Opa, der gerade den Kopf zur Tür herein steckte.
Paul drehte sich herum.
»Ich kann den Herbst nicht leiden. Es ist kalt, nass und so schnell dunkel. Wie soll ich denn da noch draußen spielen können.«
Er verließ das Fenster und ließ sich verärgert auf sein Bett fallen.
»Ach Opa. Es ist einfach ungerecht. Wenn ich mittags nach Hause komme, muss ich erstmal meine Schulaufgaben machen. Wenn ich fertig bin, wird es aber schon dunkel. Ich komme gar nicht mehr raus. Das ist so wahnsinnig langweilig.«
Opa grinste und setzte sich mit auf das Bett.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee. Wir zwei werden einfach etwas Passendes zum Herbst unternehmen.«
Paul sah in ungläubig an.
»Ich glaube nicht, dass es da etwas gibt.«
Aber Opa war da anderer Meinung.
»Komm einfach mit.«
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Oma hatte bereits einen duftenden Tee und leckere Kekse auf den Tisch gestellt.
Opa holte ein paar Stifte, Scheren, Klebe, Papier und noch viel mehr Sachen aus dem Schrank.
»Wir basteln uns etwas Herbstdekoration.«, erklärte er.
»Du weißt doch, wie gern Oma die Fenster schmückt. Und gerade jetzt im Herbst gehört buntes Laub dazu.«
Er setzte sich an den Tisch, nahm sich ein rotes Papier und schnitt mit der Schere ein verschiedene Baumblätter daraus aus.
»Na los, mach mit. Die heften wir dann gleich mit ein paar Klebestreifen an die Glasscheiben.«
Das ließ sich Paul kein zweites Mal sagen. Er fing ebenfalls an zu basteln.

Nach einer ganzen Weile waren alle Fenster des Hauses dekoriert.
»Das habt ihr richtig gut gemacht.«, lobte Oma.
»Jetzt habt ihr euch eine Belohnung verdient.«
Sie bat Opa und Paul auf das gemütliche Sofa, holte ein altes Buch aus dem Schrank.
»Daraus hat mir schon mein Opa Geschichten vorgelesen.«
Dann setzte sich sich eine dicke Brille auf die Nase und begann selbst laut zu lesen.
Nachdem sie fertig war, legte sie das Buch zur Seite und sah ihren Enkel erwartungsvoll an.
»Das war ein richtig schöner Tag heute.«, sagte Paul.
»Ich hätte nicht gedacht, dass man im Herbst so viel Spaß haben kann.«
Dann sah er Opa an.
»Und was machen wir Morgen?«
Opa dachte kurz nach, bevor er antwortete.
»Da wird mir schon etwas einfallen.«

(c) 2010, Marco Wittler

335. Herbstwetter

Herbstwetter

»So ein blödes Wetter.«, beschwerte sich Nina, als sie aus dem Fenster sah.
»Warum muss es denn heute so kalt und windig sein? Ich wollte doch heute raus gehen und spielen. Ich kann den Herbst einfach nicht leiden.«
Enttäuscht ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Das Treffen mit ihren Freundinnen auf dem Spielplatz konnte sie wohl vergessen.
»Dann werde ich heute wohl den ganzen Tag Langeweile haben.«
Sie seufzte laut.
In diesem Moment ging Papa an ihrem Zimmer vorbei. Als er seine Tochter hörte, steckte er den Kopf durch die Zimmertür.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
»Ach, Papa.«, antwortete Nina enttäuscht.
»Schau doch mal aus dem Fenster. Bei dem Wetter kann ich mich doch nicht mit meinen Freundinnen auf dem Spielplatz treffen. Das macht doch keinen Spaß.«
Papa warf einen Blick nach draußen. Er sah die Wolken, die schnell über den Himmel hinweg zogen und dachte nach.
»Ich hab da eine Idee.«
Er nahm seine Tochter mit ins Wohnzimmer, drückte ihr das Telefon in die Hand und bat sie, alle ihre Freundinnen einzuladen.
»Aber Papa, wir können doch gar nicht raus gehen und hier drinnen wollen wir auch nicht spielen.«
Papa musste grinsen.
»Wer sagt denn, dass ihr nichts draußen unternehmen könnt? Ich hab mir da schon was einfallen lassen. Vertrau mir einfach.«
Also wählte Nina eine Telefonnummer nach der anderen und lud schließlich ihre ganzen Freundinnen ein, während Papa grinsend im Keller verschwand.

Nach einer halben Stunde saßen sieben neugierige Mädchen im Wohnzimmer. Sie wussten nicht, was gleich unternommen werden sollte, denn Papa hatte sich noch nicht wieder blicken lassen. Aber es war zu hören, dass er an irgendwas arbeitete.
Dann wurde es im Keller still. Als nächstes waren Schritte auf der Treppe zu hören.
»Ich bin fertig. Wir können loslegen. Also zieht eure Jacken an. Wir gehen nach draußen.«
Die Mädchen sahen sich verwirrt an. Doch dann zogen sie sich an und gingen schließlich nach draußen auf die große Wiese vor dem Spielplatz.
Papa hatte eine Kiste in Händen, die er nun vor seine Füße stellte. Er öffnete den Deckel und holte etwas heraus, dass er schnell gebastelt hatte.
»Der Wind ist so schön kräftig heute.«, sagte er.
»Deswegen lassen wir heute Drachen steigen.«
Jedem Mädchen drückte er einen handgemachten Drachen in die Hand. Dann führte er ihnen vor, wie man sie schnell und einfach in die Luft steigen lassen konnte.
»Hui, ist das ein Spaß.«, rief Nina begeistert.
»Mit dem richtigen Spielzeug ist der Herbst eine ganz tolle Jahreszeit.«
Da konnten ihre Freundinnen nur beipflichten.

(c) 2010, Marco Wittler

282. Die kleine rosa Wolke oder „Papa. was macht der Wind, wenn er nicht weht?“ (Papa erklärt die Welt 30)

Die kleine rosa Wolke
oder ›Papa, was macht der Wind, wenn er nicht weht?‹

Sofie stand am Fenster und sah nach draußen. Es war zwar schon dunkel geworden, doch im Licht der Autoscheinwerfer und Laternen konnte man sehr gut beobachten, wie sich die Bäume hin und her bewegten.
Wild tanzte das Laub über den Boden und Zweige brachen von ihren Ästen ab. Es war ein richtiger Sturm, der durch die Straßen fegte und an allem rüttelte.
In diesem Moment kam Papa ins Kinderzimmer.
»Was ist denn das? Du liegst ja noch gar nicht unter deiner Decke. Jetzt wird es aber wirklich Zeit, dass du in dein Bettchen krabbelst, sonst kann ich dir keine Geschichte vorlesen.«
Sofie gehorchte und legte sich hin.
»Das ist ja ein richtig fieses Wetter da draußen. Mir tun die ganzen Tiere leid, die jetzt nicht im Warmen sitzen können.«
Papa nickte.
»Aber gegen so einen Sturm lässt sich leider nichts machen. Der kommt einfach, wann er will.«
Sofie runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Papa bemerkte es sofort und seufzte. Er wusste genau, was nun geschehen würde. Also packte er schon einmal das Kinderbuch zur Seite.
»Papa, was macht der Wind, wenn er nicht weht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Wind. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine rosa Wolke mit Namen Flocke, die fröhlich durch den Himmel flog. Jeden Tag besuchte sie ihre Wolkenfreunde und redete mit ihnen über das schöne Wetter. Doch dann traf sie auf einen sehr traurigen grauen Artgenossen.
»He, was ist denn mit dir los?«, fragte Flocke.
»Ach, ich bin so traurig, sagte die Wolke.
»Den ganzen Tag hänge ich hier über der Erde und aus meinem Bauch regnet es ohne Pause. Kein Mensch traut sich in meine Nähe, weil sie nicht nass werden wollen. Dabei ist das unter mir ein richtig schönes Fleckchen Erde.«
Da fiel es Flocke auf, dass sie die einzige Wolke im ganzen Himmel war, die sich hin und her bewegen konnte. Alle anderen hingen fest an ihrem Platz.
»Warum fliegt ihr denn nicht auch über die Erde hinweg?«, fragte Flocke, so laut sie konnte.
Die Antworten ließen auch nicht lange auf sich warten. Von allen Seiten war mürrisches Knurren zu hören. Offensichtlich konnte sonst niemand von allein fliegen.
»Dagegen muss doch etwas unternommen werden.«, sagte sich die rosa Wolke und flitzte von einer Himmelsrichtung zur nächsten, um nach einer Lösung zu suchen. Aber es war nichts zu finden.
Ziemlich traurig gesellte sich Flocke zu ihren Freunden und seufzte laut.
»Huch? Was war denn das?«, fragte da die graue Regenwolke.
»Kannst du das noch einmal machen?«
Abermals seufzte Flocke und bemerkte nun selbst, dass sie damit ihren Freund ein Stück von sich fort blies.
»Das ist ja eine geniale Sache.«, freute sich die rosa Wolke und begann sofort kräftig zu blasen.
Die Wolken des Himmels flogen auseinander wie umgeworfene Kegel. Niemanden hielt es jetzt noch auf seinem Platz.
»Juhuu, endlich können wir hin und her reisen.«, war nun aus allen Richtungen zu hören.
Flocke war mächtig stolz auf sich und nannte ihre kräftige Puste von nun an Wind.

Sofie grinste über das ganze Gesicht.
»Und wenn der Wind nicht weht, dann ist Flocke am andere Ende der Welt?«
Papa nickte zufrieden.
»Ganz genau. Du bist wirklich ein schlaues Mädchen.«
Er zog die Decke über Sofie zurecht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Nun wird aber geschlafen.«
Sofort schloss Sofie die Augen und begann absichtlich laut zu schnarchen. Doch bevor Papa das Kinderzimmer verlassen konnte, musste sie ihm noch etwas sagen.
»Das war wirklich eine schöne Geschichte. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Und dann lachte sie laut und schaltete ihre Nachttischlampe aus.

(c) 2009, Marco Wittler