392. Strandurlaub im Winter

Strandurlaub im Winter

Niko stand am Strand und verzog genervt sein Gesicht. Strandurlaub im Winter war so gar nicht nach seinem Sinn. Wie waren seine Eltern nur auf diese komische Idee gekommen? Der Januar war auf keinen Fall der richtige Monat, um hier zu sein. Es war kalt, es war windig, der Himmel hing voller Wolken und das Meer war viel zu kalt, um darin zu baden.
»Ich will eine Sandburg bauen.«, beschwerte sich Niko immer wieder.
Aber mit der dicken Winterjacke, Mütze auf dem Kopf und Handschuhen, hatte er auch dazu keine richtige Lust.
»Das ist doof hier.«, sagte er seinen Eltern und stopfte seine Hände tief in die Jackentaschen.
»Ich will Sonne und ich will es warm haben. Ich will nur im Sommer hier sein. Ich will eine Sandburg bauen.«
Niko war sauer und stieß mit seinen Winterstiefeln eine Muschel über den Sand.
»Tut uns wirklich Leid.«, entschuldigte sich Papa.
»Aber die Oma wohnt halt am Meer und hat uns eingeladen. Es kann ja nicht das ganze Jahr über Sommer sein.«
Doch das hörte der kleine Junge nicht mehr, denn seine Augen hatten etwas entdeckt, das er am Strand nicht erwartet hatte. Er verfolgte eine kleine Schneeflocke, die langsam zum Boden herab schwebte. Und dann sah er noch eine und noch eine. Es wurden immer mehr, bis ein kräftiges Schneetreiben begann. So etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Schnee direkt am Meer.
»Juhuu!«, jubelte er.
»Das ist ja unglaublich cool.«
Er ließ sich auf seine Knie fallen und begann im Schnee zu wühlen.
»Jetzt kann ich eine Schneeburg bauen.«, rief er grinsend.

(c) 2012, Marco Wittler

390. Zwerg Frostbeule

Zwerg Frostbeule

Es war Winter geworden. Überall lag hoher Schnee und man konnte nur noch in dicken Winterschuhen über die Wege und Wiesen laufen. Ganz besonders schwierig war es für Kinder und kleine Leute vorwärts zu kommen. Ein paar von ihnen war eine Gruppe Zwerge.
»Wir müssen zur Arbeit in die Mine.«, sagte der Älteste von ihnen nach dem Frühstück.
»Die Arbeit ruft und duldet keinen Aufschub. Also zieht euch warm an, damit wir uns auf den Weg machen können.«
Sie schlüpften in ihre schweren Stiefel und in die dicken Wintermäntel und stapften nach draußen in die herrliche Winterlandschaft. Nur einer von ihnen saß in einem Sessel und versteckte sich unter einer dicken Decke.
»Brrr, mir ist so kalt. Geht ihr nur allein in die Mine. Wenn ich nach draußen gehe, werde ich bestimmt sofort zu einem Eiszapfen gefrieren.«
Seine Freunde wurden natürlich sofort sauer. Dieser eine wollte im warmen Haus sitzen bleiben und sie sollten arbeiten gehen? So gehörte sich das einfach nicht.
»Nichts da. Frostbeulen sind keine Ausrede. Du kommst mit zur Arbeit.«
Der frierende Zwerg wehrte sich mit Händen und Worten, aber er durfte nicht zu Hause bleiben.
»Wenn es dir wirklich so kalt ist, dann lass dir halt etwas einfallen. Zieh dir dicke Socken an, ein zweites Unterhemd und dann kommst du mit uns mit.«
Der Zwerg seufzte und ging mit gesenktem Kopf in das große Schlafzimmer. Er kramte in den Schränken und suchte nach warmen Sachen. Ein paar Minuten später kam er grinsend aus dem Haus und schloss sich den anderen Zwergen an.
»Alles in Ordnung. Wir können jetzt gehen. Ich friere jetzt nicht mehr.«
Seine Freunde wunderten sich.
»Warum ist dir denn jetzt so schnell warm geworden?«
Der Zwerg grinste und öffnete kurz seine Jacke, aus dem der kleine Hauskater heraus schaute.
»Ich nehm einfach die Katze mit. Die ist immer schön warm.

(c) 2012, Marco Wittler

352. Auf der Rodelbahn

Auf der Rodelbahn

Max und Lena waren aufgeregt und voller Vorfreude, denn heute durften sie das erste Mal mit Mama und Papa auf die Rodelbahn. Mit dem Auto fuhren sie zu viert zur Gondelbahn, die sie auf den Berg hinauf bringen sollte. Doch dann erlebten sie eine Überraschung.
Papa wollte gerade die Fahrkarten kaufen, da wurde ihnen mitgeteilt, dass am heutigen Tag keine einzige Gondel den Berg hinauf gezogen würde.
»Der Schleppmotor ist kaputt. Der muss jetzt repariert werden.«, erklärte Papa.
»Das dauert mindestens bis Morgen früh.«
Die Kinder verzogen enttäuscht die Gesichter. Sie hatten sich doch schon so sehr gefreut.
»Aber was machen wir denn jetzt?«, fragte Max.
»Können wir denn nicht auf den Berg hinauf laufen?«, schlug Lena vor.
»Das ist eine prima Idee.«, lobte Papa.
Und schon machten sie sich zu Fuß auf den Weg.

Es war schönstes Winterwetter. Die Sonne schien. Es waren keine Wolken am Himmel zu sehen. Die verschneiten Bergspitzen waren in allen Richtungen gut zu sehen. Es war eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Im Bach neben der Rodelbahn hatten sich dicke, glitzernde Eiszapfen gebildet.
»Wie weit ist es denn noch?«, wollte Max wissen.
»Mir dampfen schon die Füße, so warm sind sie geworden. Wenn wir jetzt noch lange laufen müssen, schmelzen sie bestimmt durch den Schnee hindurch.«
Aber ein wenig mussten sie noch durchhalten. Irgendwann durften sich dann die Kinder auf den Schlitten setzen und ließen sich von Papa den Berg hinauf ziehen.
Nach einer Stunde hatten sie es endlich geschafft. Sie hatten den Berggipfel erreicht.
»Ist das nocht schön hier oben?«
Mama kam sofort ins Schwärmen. Man konnte bis in das nächste Tal schauen.
»Ich glaube, es wird Zeit, dass wir ein kleines Picknick machen.«
Sie holte ein paar verpackte Brote aus der Jackentasche und verteilte sie an Papa und die Kinder.
»Und wenn wir gegessen haben rodeln wir wieder nach unten?«
Papa nickte und nahm schon auf seinem Schlitten Platz.
»Ich will mit Papa fahren.«, entschied Lena.
»Dann fahre ich aber mit Mama.«, sagte Max und setzte sich ebenfalls.
Nach ein paar Minuten ging es los. Es sollte ein Wettrennen werden.
»Wer zuerst unten angekommen ist.«, rief Max und sah sich schon als Gewinner.
Aber nach den ersten Metern wurden er und Mama bereits von Papa und Lena überholt.
»Wir sind ja auch schwerer.«, rief Papa.
»Ich habe schließlich ganz viel zum Mittag gegessen.«
Max wollte sich aber nicht geschlagen geben.
»Los, Mama. Schneller.«
Nach der ersten Kurve jubelte Lena, denn der Schlitten ihres Bruders war nicht mehr zu sehen. Papa fuhr mit ihr schneller und schneller. Der Wind wehte ihnen die fallenden Schneeflocken ins Gesicht, als sie durchs Ziel fuhren.
»Das war grandios. Das müssen wir unbedingt noch einmal machen.«
Lena war begeistert. Aber als sie sich umsah, konnte sie Max und Mama nicht entdecken. Die beiden waren wie vom Erdboden verschluckt. Erst nach weiteren zehn Minuten tauchten die beiden wieder auf. Sie waren von oben bis unten mit Schnee bedeckt.
»Was ist denn mit euch passiert?«, wunderte sich Papa.
»Wir sind im Graben gelandet.«, entschuldigte sich Mama mit einem rotem Kopf.
»Und das war so cool.«, freute sich Max.
»Ich hab uns danach noch zwei Mal hinein gelenkt.«

(c) 2010, Marco Wittler

351. Mir ist kalt

Mir ist kalt

Die Kinder spielten draußen im Garten. Gemeinsam hatten sie den fallenden Flocken getrotzt und einen großen Schneemann gebaut. Die Augen und der Mund bestanden aus alten Kohlen, die Nase aus einer Möhre und auf dem Kopf saß nun ein alter Hut.
»Irgendwie schaut er aus, als wäre ihm kalt.«, sagte Anna.
»Er braucht noch etwas Warmes zum anziehen.«
Schnell lief sie ins Haus und kam mit einem dicken Schal zurück, den sie dem Schneemann um den Hals legte.
»Perfekt.«
In diesem Moment öffnete Mama das Küchenfenster und rief die Kinder herein. Es war Zeit für das Abendessen.
In der Zwischenzeit geschah etwas Seltsames. Der Schneemann wurde plötzlich lebendig.
»Wo bin ich hier?«, fragte er sich und sah sich im Garten um.
»Wie komme ich hierher und was mache ich eigentlich?«
Viel zu viele Fragen tobten sich in seinem Kopf herum, ohne auch nur eine einzige Antwort zu bekommen. Zusätzlich konnte er nicht gut nachdenken. Dafür war es einfach viel zu kalt.
»Ich muss unbedingt an einen wärmeren Ort. Mir frieren noch die Zehen ab.«, beschwerte er sich.
Da fiel sein Blick auf das Haus. Durch eines der Fenster sah er die ganze Familie am Essenstisch sitzen.
»Denen geht’s ja gut. Ich will auch dort rein.«
Also machte er sich auf den Weg. Die ersten Schritte fielen dem Schneemann noch ziemlich schwer. Doch mit jedem Meter fiel es ihm leichter.
Leise öffnete er die Tür, betrat das Treppenhaus und ging die Stufen nach oben.
»Ich gehe schnell in mein Zimmer und hole ein Spiel.«, war plötzlich die Stimme eines Jungen zu hören.
»Hilfe! Ich muss mich verstecken.«, flüsterte sich der Schneemann ängstlich zu.
Er dachte nicht lange nach und verschwand in einem Wandschrank. Dort wollte er bleiben, bis die Menschen in ihren Betten lagen und schliefen.
»Hier ist es schön warm. Ich glaube, ich werde den ganzen Winter über im Haus bleiben.«, sagte er sich zufrieden.
Dann lehnte er sich zurück und schlief kurz darauf ein.

Am nächsten Morgen standen die Kinder mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Laut gähnend schlurften sie durch den Flur, bis sie etwas Ungewöhnliches entdeckten.
Vor der Tür zum Wandschrank hatte sich eine riesige Pfütze gebildet. Vorsichtig öffneten sie den Schrank. Im Innern war nichts zu entdecken, was die Pfütze erklären würde, denn der Schneemann war über Nacht in der Wärme geschmolzen.
»Das ist ja mehr als Seltsam.«, sagte Anna und holte einen Wischlappen hervor.

(c) 2010, Marco Wittler

350. Ich will einen Schneemann

Ich will einen Schneemann

Sofie hatte sich in ihre dicke Decke eingewickelt und sah nach draußen. Vom Himmel fielen dicke Schneeflocken herab und hatten mittlerweile die Erde unter sich begraben. Alles war weiß geworden. Die Kinder aus der Nachbarschaft fuhren mit dem Schlitten einen kleinen Hügel hinab, andere bauten Schneemänner oder lieferten sich eine denkwürdige Schneeballschlacht.
Sofie seufzte und ließ sich langsam auf ihr Bett fallen.
»Ich will auch einen Schneemann bauen. Das ist so unfair.«, sagte sie enttäuscht.
»Du kannst aber nicht nach draußen.«, antwortete Mama aus der Küche.
»Du bist krank und musst im Bett bleiben. Das hat auch der Arzt gesagt.«
Das war halt das Problem, wenn man sich eine Grippe eingefangen hatte.
»Da kann ich ja noch froh sein, dass ich keine Schweinegrippe habe, sonst würde ich bestimmt den ganzen Tag nur grunzen.«, scherzte Sofie und brachte Mama damit zum Lachen.

Die Zeit wollte nicht vergehen. Die Stunden und Minuten zogen sich hin. Eine ganze Weile starrte Sofie nur an die Decke. Irgendwann schnappte sie sich ein Buch und las ein paar Seiten, bis es plötzlich an ihr Fenster klopfte.
Sofie schreckte hoch und sah sich verwirrt um. Sie stand auf, wickelte wieder die Decke um ihren Körper und sah nach draußen.
»Was ist denn das?«
Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Da standen doch tatsächlich drei kleine Schneemänner auf der Fensterbank, die alle nicht größer als eine Hand waren.
Sie sah hinaus auf die Wiese und entdeckte in nur wenigen Metern Entfernung ihre beste Freundin Lena, die ihr grinsend zuwinkte.
Sofie lächelte glücklich und hatte nun endlich ihre eigenen Schneemänner.

(c) 2010, Marco Wittler

306. Wie der Frühling den Winter aufs Kreuz legte

Wie der Frühling den Winter aufs Kreuz legte

»Ist das nicht ein herrliches Wetter?«, sagte der Winter, als er vor die Tür seines Hauses trat und sich einmal kräftig streckte.
Das Wetter war tatsächlich schön. Der Himmel war blau und die Sonne schien. Allerdings war es bitter kalt und auf dem ganzen Land lag eine hohe Schneedecke.
»Es geht doch nichts über ein paar hübsche Schneeflocken.«
Der Winter zog einen kleinen Zauberstab aus seiner Hosentasche, wedelte einmal damit in der Luft und steckte ihn wieder ein.
Es begann zu schneien. Der Winter sah sich zufrieden um, steckte sich ein Pfeifchen an und ging wieder zurück ins Haus.

»Oh nein. Nicht schon wieder Schnee. Als würde nicht schon genug davon herum liegen.«
Die Menschen waren unzufrieden. Seit drei Monaten mussten sie nun schon unter der weißen Pracht leiden. Man konnte kaum noch über die Gehwege laufen und die Pferdeschlitten kamen auch nur noch mühsam durch die Straßen.
»Wann hat das endlich ein Ende? Es ist bald März. Da muss es doch mal wärmer werden.«
Aber es halfen keine Beschwerden, kein Bitten und kein Betteln. Der Winter blieb hartnäckig.
Eines Tages ging Lisa lustlos nach draußen. Mit ihren kleinen Beinen kämpfte sie sich durch die Schneemassen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie vor der Schule stand. Ganz abgekämpft und erschöpft setzte sie sich auf eine Bank und holte tief Luft.
In diesem Moment kam ein sehr ungewöhnlicher Mann des Weges. Er war in einen kunterbunten Mantel gehüllt und hatte leuchtend grünes Haar auf dem Kopf.
Hallo, wer du?«, fragte Lisa neugierig.
»Ich bin der Frühling antwortete der Mann.
Lisa musste sich ungläubig umschauen.
»Du bist der Frühling? Und warum ist es dann immer noch so kalt und verschneit? Warum unternimmst du denn nichts gegen dieses Wetter?«
Der Frühling wurde rot im Gesicht und entschuldigte sich sofort mehrere Male, bevor er sich auf die Bank setzte.
»Der Winter ist immer so hartnäckig. Jedes Jahr versucht er so lange, wie es geht, die Welt zu vereisen. Und ich komme nur ganz schwer gegen ihn an.«
Der Frühling lenkte Lisas Blick mit seinem Finger auf die weißen Wiesen, Felder und Straßen in der Umgebung.
»Wenn der Schnee so hoch liegt, kann keine einzige Blume wachsen. Es ist für sie zu kalt. Außerdem bekommen sie nicht genug Sonnenlicht. Da kann ich noch so gute und geheimnisvolle Zaubersprüche aufsagen. Es hilft einfach nicht.«
Lisa warf ihre Stirn in Falten und dachte angestrengt.
»Da muss man doch etwas unternehmen können. Sonst sitzen wir ja noch im Sommer mit Mäntel da und werfen Holz ins Kaminfeuer.«
Sie nahm den Frühling an die Hand und zog ihn hinter sich her.
»Ich werde dir helfen.«, hatte sie entschieden und wusste auch schon, wie sie das anstellen sollte.

Eine Stunde später hockten die beiden hinter einem großen Busch, der in der nähe des Winterhauses stand.
»Du musst jetzt nur genau das machen, was ich dir sage.«, befahl Lisa und drückte dem Frühling ein paar Tulpenzwiebeln in die Hand.
»Mach was daraus. Lass dir bitte etwas einfallen.«
Der Frühling besah sich die Zwiebeln und ließ die Schultern herab sinken.
»Damit kann ich doch nichts anfangen. Tulpen wachsen nicht im Schnee.«
Lisa verdrehte die Augen.
»Ich dachte du bist der Frühling. Warum bist du nur so einfallslos. Wenn die Tulpen nicht im Schnee wachsen, dann mach daraus etwas Neues. Das kannst du doch bestimmt.«
Sie dachte kurz nach.
»Erfinde eine Schneeblume.«
Plötzlich wurden die Augen des Frühlings heller und weiteten sich.
»Das ist es. Warum bin ich da nicht früher drauf gekommen.«
Er schlich sich zum Haus des Winters. Rundherum machte er Löcher in den Schnee und den darunter liegenden Boden, in die er die Tulpenzwiebeln steckte. Als er fertig war, holte er einen Zauberstab hervor, wedelte damit in der Luft herum und sprach einen ganz neuen Zauberspruch.
»Möge ein kleines, aber kräftiges Leben in euch fahren. Erwacht zum Leben und gedeihet wohl. Als Schneeglöckchen wird man euch fortan kennen und lieben.«
Und sofort tat sich etwas. Aus dem Boden kamen kleine, grüne Pflänzchen hervor. Sie wuchsen schnell empor, bis sie kleine, weiße Blüten bekamen.
»Was ist denn hier los? Was macht ihr denn da?«, brüllte der Winter und stürmte aus seinem Haus.
»Oh nein. Blumen. Das darf doch nicht wahr sein. Die werden mir noch den ganzen schönen Schnee vertreiben.«
Und genau so geschah es dann auch Sekunden später. Um die Blumen herum taute der Schnee und es bildeten sich erste kleine Pfützen.
»Hör mal, Frühling.«, flüsterte Lisa.
Der Frühling begann zu grinsen, als er die ersten Vögel zwitschern hörte.
»Ist das herrlich. Jetzt ist der Winter endlich vorbei.«, bedankte sich der Frühling bei Lisa.

(c) 2010, Marco Wittler

304. Murmeltiertag

Murmeltiertag

Es war der zweite Februar, als Tim ganz aufgeregt in seinem Zimmer herum hüpfte.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Papa neugierig, als er zufällig einen Blick durch die Tür warf.
»Weißt du denn gar nichts?«, antwortete Tim.
»Heute ist doch einer der wichtigsten Tage des ganzen Jahres.«
Papa warf einen verwirrten Blick auf den Kalender, konnte aber nicht feststellen, was so besonders an einem Dienstag sein konnte.
Tim verdrehte die Augen, holte ein Tierbuch aus dem Regal und schlug eine bestimmte Seite auf.
»Das Waldmurmeltier.«, las Papa vor. Mehr verstand er aber immer noch nicht.
»Heute ist Murmeltiertag. Heute entscheidet es sich, wie lange der Winter  noch dauern wird. Das weiß doch jedes Kind.«
Papa sah aus dem Fenster und deutete auf den Schnee, der gerade taute.
»Wenn du mich fragst, dann ist es vorbei mit dem Winter. Es wird wärmer.«
Tim legte das Buch zur Seite und nahm Papa mit in den Flur.
»Du hast doch keine Ahnung. Deswegen werde ich auch ein Murmeltier befragen und nicht dich.«
Er zog sich seine Jacke über.
»Beeil dich. Wir müssen in den Zoo. Um fünfzehn Uhr kommt das Murmeltier aus seinem Bau und schaut sich um.«

Ein paar Minuten vor fünfzehn Uhr standen die beiden mit unzähligen anderen Kindern und Eltern vor dem Murmeltiergehege. Ein Tierpfleger stand schon bereit und sah immer wieder auf seine Uhr.
»Es ist Zeit.«, rief er und alle anderen verstummten.
Drei Mal klopfte er mit einem Stock gegen einen künstlichen Baumstumpf mit Türchen. Dann öffnete er das Türchen und holte das Murmeltier hervor.
Die Kinder jubelten und wurden wieder still.
»Kannst du deinen Schatten sehen, Toni?«, fragte der Tierpfleger das Murmeltier und hielt es sich an sein Ort.
Es dauerte eine Weile. Die Kinder wurden langsam unruhig.
»Toni hat sich umgesehen.«, rief plötzlich der Tierpfleger.
»Heute Nachmittag hat er seinen Schatten gesehen. Deswegen wird er sich für die nächsten sechs Wochen wieder in seinen Bau zurück ziehen. Wir werden also noch weitere sechs Wochen mit dem Winter leben müssen.«
In diesem Moment erschallte lauter Jubel aus allen Kindermündern. Sie freuten sich auf weiteren Spaß im Schnee.

(c) 2010, Marco Wittler

298. Die Tropfsteinhöhle

Die Tropfsteinhöhle

Paul sah durch das Fenster nach draußen. Es schneite ohne Pause mit richtig großen Flocken. Die weiße Decke am Boden, auf den Bäumen und Häusern wurde immer dicker.
»Das ist so ungerecht. Das soll endlich aufhören.«
Mama hatte eigentlich geplant, mit ihren Jungs eine Tropfsteinhöhle zu besichtigen. Das war nun drei Tage her. Aber wegen des Wetters mussten sie die Fahrt immer wieder verschieben.
»Warum muss Schnee auch bloß so glatt sein, dass man schlecht mit dem Auto fahren kann.«
Als Peter das aus dem Mund seines großen Bruders hörte, riss er entsetzt seine Augen auf.
»Wie kannst du so etwas nur sagen, Paul? Wenn der Schnee nicht glatt wäre, könnte ich nicht mit meinem Schlitten die Berge runter sausen.«
Fast hätte er angefangen zu weinen, doch dann schluckte er den dicken Kloß, der in seinem Hals steckte, herunter. Denn noch war der Schnee schön glatt und rutschig.
»Ich will aber auch mal was anderes machen, als ständig nur den Schlitten zu fahren, Schneeballschlachten zu bestreiten und Schneemänner zu bauen.«, beschwerte sich Paul weiter.
In diesem Moment kam Papa von der Arbeit. Er legte seine Tasche ab und zog seine Wintersachen aus.
»Du meine Güte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie glatt es auf der Straße ist.«, berichtete er aufgeregt.
»Die Stadt hat kaum noch Salz auf Lager und streut deswegen die meisten Straßen nicht mehr. Ich hätte fast einen Unfall gebaut.«
Nun reichte es Paul endgültig. Seine Laune war im Keller angekommen. Wütend rannte er in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
»Was ist denn mit dem los?«, fragte Papa erstaunt und ließ sich von Peter alles genau erzählen.

Am nächsten Tag kam Papa wie gewohnt von der Arbeit. Er war auf den wenigen Metern vom Auto bis zur Haustür so eingeschneit worden, dass er fast wie ein Schneemann aussah. Trotzdem zog er seine Wintersachen nicht aus. Stattdessen legte er nur seine Arbeitstasche zur Seite und holte eine Tüte mit Tannenzapfen hervor.
»Was hast du denn damit vor?«, fragten seine beiden Söhne gleichzeitig.
»Das wird eine Überraschung. Ich kann euch jetzt noch nicht mehr verraten.«
Mit der Tüte verschwand Papa auf die Gartenterrasse. Was er dort vor hatte, konnte man nicht sehen, denn Mama ließ sofort die Rollos herunter.
Auf einmal war ein Hämmern und Klopfen zu hören. Kurz darauf rauschte es. Offenbar benutzte Papa den Gartenschlauch.
»Will der bei dem Wetter die Blumen gießen und den Rasen sprengen?«, fragte Paul ungläubig, während Peter nur mit den Schultern zuckte.

Es musste schon eine sehr seltsame und aufwendige Überraschung sein, die Papa sich ausgedacht hatte. Mehrmals hintereinander, drei Tage lang, ließ er den Gartenschlauch laufen und verwunderte seine Söhne immer mehr.
Die Neugierde wurde immer größer. Peter und Paul konnten es beide kaum noch aushalten und dachten sich immer wieder neue Möglichkeiten aus, um hinter das Geheimnis zu kommen. Aber Mama passte zu gut auf die beiden auf.
Erst am vierten Tag war es dann endlich so weit.
»Ich muss nur noch die Lichterkette nach draußen bringen.«, hörten sie Papa rufen.
»Ihr könnt in zehn Minuten nach draußen kommen. Zieht euch schon mal eure Jacken an.«
Paul war plötzlich wie elektrisiert. Er durfte endlich sehen, woran Papa nun schon die ganze Zeit arbeitete.
Peter wurde nun auch ganz nervös. Was würden sie wohl zu sehen bekommen? Ein großes Iglu oder eine Eisskulptur? War es vielleicht etwas ganz anderes?
»Ihr könnt kommen«, war dann auch das lang ersehnte Starkommando.
Peter und Paul liefen los, öffneten die Terrassentür und staunten Bauklötze. Mama hatte schon Angst, dass den Jungs die Augen aus den Köpfen fallen könnten.
»Du meinte Güte. Das glaub ich ja gar nicht.«, stieß Paul hervor.
»Das ist ja eine richtige…«, stammelte Peter.
»Willkommen in unserer eigenen Tropfsteinhöhle.«, sagte Papa stolz und schaltete die bunte Beleuchtung an.
An den Stützbalken hingen riesige Eiszapfen. An manchen Stellen standen sogar welche auf dem Boden. Und nun wurden sie in allen möglichen Farben von den Lichterketten beleuchtet.
»Ich hab mir einfach gesagt, wenn wir nicht zur Höhle fahren können, bringe ich die Tropfsteine einfach zu uns.«
Doch das reichte Paul einfach nicht aus. Er wollte mehr wissen.
»Wie hast du das denn geschafft?«
Papa verschränkte zufrieden die Arme vor seiner Brust und begann zu erklären.
»Ich habe die Tannenzapfen unter der Decke befestigt und sie dann regelmäßig mit Wasser besprüht, damit sich diese riesigen Eiszapfen bilden. Ihr glaubt ja gar nicht, was das für einen Spaß gemacht hat.«
Mit dieser Idee hatte sich Papa wirklich selbst übertroffen.

In den nächsten Tagen wurde es richtig voll in der künstlichen Eishöhle, denn es hatte sich ziemlich schnell herum gesprochen, dass es hier etwas Besonderes zu bestaunen gab.
Doch die Tropfsteine waren nun nicht mehr die einzige Attraktion. Peter und Paul hatten nun auch etwas gebaut. Vor dem Ausgang der Höhle, kurz bevor man in den Garten kam, stand nun ein großer Höhleneisbär.

(c) 2010, Marco Wittler

286. Wie der Winterschlaf entstand

Wie der Winterschlaf entstand

Die große Murmeltierfamilie bereitete sich gerade auf die langen und harten Wintermonate vor. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Schnee vom Himmel fiel, um die Erde unter sich zu begraben.
Emil, das jüngste Murmeltierkind war gerade eifrig dabei, genug Nahrung für die kalte Jahreszeit zu sammeln und in die verschiedenen Verstecke zu schaffen. Doch so ganz konnte er nicht verstehen, was er da tat.
»Warum müssen wir eigentlich so viel Futter sammeln?«, fragte er Mama.
»Alles, was wir brauchen, wächst doch überall an den Bäumen und Büschen. Wir machen uns doch viel zu viel Arbeit.«
Mama musste lachen, denn ihr kleiner Sohn hatte noch nie einen Winter erlebt. Dazu war er viel zu jung.
»Der Winter ist eine schreckliche Jahreszeit. Der Regen verwandelt sich in eisige Flocken und kommt als Schnee zum Boden. Die Pflanzen und Bäume verlieren ihre Blätter. Nirgendwo wird dann noch etwas Essbares zu finden sein. Wer sich darauf nicht vorbereitet, wird bis zum nächsten Frühling verhungern.«
Diese Vorstellung gefiel Emil gar nicht. Aber noch weniger gefiel ihm, dass er bald regelmäßig durch diesen kalten Schnee stapfen sollte, um etwas zu Futtern in die Wohnhöhle zu holen.
»Warum müssen wir so viele Verstecke anlegen? Die könnte doch jemand in den nächsten Monaten ausrauben. Außerdem ist es bestimmt viel zu kalt, um ständig nach draußen zu gehen. Können wir unsere Sachen denn nicht gleich in der Höhle lassen?«
Die Frage war klug gestellt, doch leider war die kleine Höhle alles andere als groß. Es passte einfach nicht genug Futter hinein.
»Also ich hab da keine Lust zu. Da mache ich nicht mit.«, entschied Emil plötzlich.
Von nun an verrichte das Murmeltierkind weiterhin seine Aufgaben und befüllte die Verstecke. Doch so oft, wie es ging, fraß es so viel Futter, dass es immer dicker wurde.
»Ich esse einfach alles sofort, was ich für den Winter brauche. Dann könnt ihr alleine in die Kälte gehen. Ich bleibe bis zum Frühling zu Hause.«
Seine Geschwister lachten natürlich und zogen ihn auf.
»Du wirst keine einzige Woche durchhalten, bis dich wieder der Hunger quält.«, spottete sein großer Bruder.
»Sei nicht so albern.«, mahnte Mama.
Doch das hatte alles keinen Zweck. Emil hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und blieb dabei.

Ein paar Wochen später kam der Winter. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel herab und bedeckten das Land. Die Bäume verloren ihre letzten Blätter und es war weit und breit kein Futter mehr zu finden.
Die Murmeltierfamilie war nun froh, genug Verstecke angelegt zu haben. Jeden Tag lief eines der Kinder los und holte etwas zu Fressen. Dabei bekamen sie unglaublich kalte Eisfüße.
»Brrr, ist das kalt da draußen. Wenn ich doch bloß hier bleiben könnte.«, beschwerte sich die kleine Lisa.
Und dann fiel ihr Blick auf ihren Bruder Emil, der ruhig schlafend in seiner Ecke lag und vor sich hin schnarchte.
Schon ganze vier Wochen hatte er durchgehalten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Das hatte seine Familie nicht erwartet.

Die Zeit verging, die Vorräte wurden aufgebraucht. Als die letzten Haselnüsse verputzt waren, kam Papa endlich mit der frohen Kunde.
»Der Winter ist vorbei. Der Frühling hat begonnen.«
Alle Murmeltiere stürmten aus der Höhle. Tatsächlich. Der Schnee war geschmolzen und die ersten Blümchen standen bereits auf den Wiesen.
In diesem Moment hörten sie ein lautes Gähnen aus der Höhle. Es kam eindeutig von Emil. Er hatte wirklich geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Seit ganzen sechs Monaten hatte er seine Augen nicht mehr geöffnet. Und nun kam er wieder ans Tageslicht und streckte sich ein paar Mal.
Der dicke Bauch, den er sich im Herbst angefressen hatte, war nun verschwunden.
»Seht ihr, ich hab es doch gleich gesagt.«, freute er sich.
»Ich hab alles gefuttert, was ich für den Winter brauchte und musste nicht einmal nach draußen. Jetzt ihr platt, oder?«
Da musste ihm die Familie Recht geben und sofort wurde beschlossen, dass sie nie wieder Futter verstecken würden. Von nun an hielten sie gemeinsam den wohl verdienten Winterschlaf.

(c) 2009, Marco Wittler

277. Wenn Schneemänner träumen

Wenn Schneemänner träumen

Otto träumte. Er erinnerte sich zurück an den letzten Winter. Damals war er ein großer, prachtvoller Schneemann gewesen, mit Zylinderhut auf dem Kopf und einer langen, roten Möhre als Nase.
»Ach, wenn ich doch bald wieder ein Schneemann sein könnte.«, murmelte er vor sich hin.
Otto war von einer kleinen Gruppe Kinder gebaut worden und hatte die gesamte kalte Jahreszeit über im Garten gestanden.
Doch damit war es schon seit Monaten vorbei. Irgendwann im Frühling war es warm geworden. Der Schnee war geschmolzen und zu Wasser geworden.
Nun fristete Otto sein Leben als Wassermann in einem kleinen Gartenteich und wartete darauf, dass es wieder kalt werden würde.
Den ganzen Sommer über kümmerte es sich um die Fische und anderen Tiere, die durch ihn hindurch schwammen. Aber seine wahre Bestimmung, sein größtes Glück, lag darin, ein Schneemann zu sein.
»Irgendwann, zum Ende des Herbstes ist es wieder so weit.«, sagte er sich.
»Dann werde ich verdunsten. In kleinen Tröpfchen schwebe ich zum Himmel hinauf und werde mich für ein paar Tage in einer großen Wolke verstecken und über das Land hinweg fliegen. Wenn es dann richtig kalt wird, lasse ich mich in unzähligen Schneeflocken zum Boden fallen und werde alles im schönsten Weiß bedecken.«
Otto malte es sich in seinem Kopf aus, wie sich die fröhlichen Kinder in den Garten stürzten und einen neuen stattlichen Schneemann bauten.
Er sah auf seinen Kalender und staunte.
»Was ist denn das? Der November hat schon angefangen.«
Otto musste grinsen.
»Bald ist es so weit. Nicht mehr lange und ich werde wieder vom Himmel fallen und zum Schneemann werden.«

(c) 2009, Marco Wittler