513. Die Zahnfee auf den Arm genommen

Die Zahnfee auf den Arm genommen

Max drückte auf die Klingel und konnte es kaum erwartet, dass Oma die Tür öffnen würde. Als er schließlich ins Haus durfte, stürmte er sofort in den Flur.
»Oma! Oma! Oma!« rief er voll Freude.
»Wo ist Opa? Ich muss euch unbedingt was erzählen.«
Max rannte durch das ganze Haus. Vom Flur in die Küche, weiter ins Wohnzimmer, bis er im Wintergarten angekommen war. Dann griff er in die Hosentasche und holte einen Taler daraus hervor.
»Schaut euch das mal an. Den hab ich heute Nacht von der Zahnfee bekommen.« erklärte er stolz.
»Von der Zahnfee?« fragte Oma neugierig. »Wer ist denn das?«
»Ach, Mensch. Weißt du denn gar nichts, Oma?«
Max setzte sich in einen großen Sessel und begann zu erzählen.
»Wenn man einen Zahn verloren hat, legt man ihn abends unter sein Kopfkissen. In der Nacht kommt dann die Zahnfee, holt den Zahn ab und legt dafür einen Taler hin. Davon kann man sich dann ganz viele tolle Sachen kaufen. Ich kann es kaum erwarten, bis mir der nächste Zahn rausfällt.«
»Das ist ja eine tolle Sache.« war Oma begeistert. »Sowas hat es bei uns früher nicht gegeben. Wir haben unsere Zähne in eine kleine Schachtel gelegt und immer wieder angeschaut.«
Opa grinste plötzlich.
»Die Zahnfee gibt einem wirklich Geld für alte Zähne?«
Max nickte eifrig.
»Mensch, das ist ja wunderbar. Das muss ich unbedingt ausprobieren.«
Jetzt lachte Max.
»Aber du bist doch kein Kind mehr. Dir fallen keine Zähne mehr raus.«
»Das denkst du.«
Opa griff sich in den Mund und holte seine Zähne heraus. »Die sind aus Plastik. Wenn ich nicht aufpasse, fallen die ständig raus.« Dann lachte er laut und musste sich sogar den Bauch festhalten, bevor er seine Zähne zurück in den Mund steckte.

In der nächsten Nacht war die Zahnfee wieder unterwegs. Sie saß in ihrem schicken, fliegenden Auto und sah immer wieder auf das moderne Navigationssystem. Dort wurden ihr alle Zähne angezeigt, die unter Kopfkissen lagen.
»Da ist wieder ein neuer Zahn. Der leuchtet aber besonders hell. Der muss wohl sehr groß sein.«
Verwundert kratzte sie sich am Kopf, flog dann aber hin. Nach der Landung holte sie ihren Zauberstab, wedelte mit ihm in der Luft herum und stand einen Augenblick später neben Opa, der schlafend in seinem Bett lag.
Vorsichtig griff die Zahnfee unter das Kopfkissen und hielt plötzlich Plastikzähne in der Hand.
»Huch, was ist denn das? Sowas hab ich noch nie gesehen.«
Sie zählte die Zähne und kam auf achtundzwanzig Stück.
»So viele Zähne habe ich noch nie auf einem Haufen bekommen. Das wird aber teuer.«
Sie holte ihren Geldbeutel hervor, zählte achtundzwanzig Taler daraus ab und legte sie unter das Kopfkissen. Dann ging sie ein paar Schritte zur Seite, wedelte erneut mit ihrem Zauberstab und war wieder verschwunden.
In diesem Moment war ein leises Kichern aus Opas Mund zu hören. Er hatte nämlich seine falschen Zähne mit einem dünnen Faden an seinem Zeigefinger festgebunden. Nun lagen sie auf dem Boden und er konnte sie weiter benutzen. Er hatte die Zahnfee ausgetrickst.
»Das probiere ich Morgen auf jeden Fall wieder aus.«

In der nächsten Nacht war die Zahnfee wieder da. Nun fand sie nicht nur unter Opas Kopfkissen Zähne. Bei Oma lagen auch noch welche. Das waren insgesamt sechsundfünfzig Zähne.
»Jetzt muss ich aber aufpassen, dass mir heute Nacht meine Taler nicht ausgehen.«
Sie legte das Geld unter die Kopfkissen, nahm die Zähne an sich und verschwand.
»Dasa klappt ja prima.« flüsterte Opa zu Oma. »Wenn das so weiter geht, haben wir bald genug Geld zusammen, um uns ein neues Auto zu kaufen.«
Dann steckte er die vielen Taler in seine Spardose und schlief wieder ein.

In der dritten Nacht versuchten es Oma und Opa wieder.
Ich bin mal gespannt, ob sie unsere Ersatzzähne auch mitnehmen will. Dann bekommen wir heute Nacht sogar einhundertundzwölf Taler.« freute er sich schon.
Da erschien auch schon die Zahnfee im Schlafzimmer und sah sich um.
Sie holte die vielen Plastikzähne unter den Kopfkissen hervor und seufzte.
»Das werden ja immer mehr. Hoffentlich habe ich auch genug Taler dabei.«
Sie zählte, was sie in ihrem Geldbeutel fand. »Einhundertundzwölf. Das reicht so gerade eben. Aber dann kann ich heute Nacht keine anderen Kinder mehr besuchen. Die werden bestimmt enttäuscht sein.«
Sie legte das Geld unter die Kopfkissen und verschwand.
Opa begann zu lachen und freute sich schon darauf, seine Spardose füllen zu können. Als er aber unter sein Kopfkissen griff, suchten seine Finger vergebens nach den Talern.
»Was soll das denn? Wo ist mein Geld?«
Auch bei Oma lag nichts. Enttäuscht zogen sie an den Bändern, um sich ihre Zähne einsetzen zu können. Aber an den Enden fanden sie nichts.
»Wo sind unsere Zähne?«
Verzweifelt schaltete Opa das Licht an und sah sich um. Auf der Bettdecke entdeckte er sofort einen kleinen, roten Briefumschlag. Er öffnete ihn und las, was auf dem Brief stand.

Lieber Opa, liebe Oma.
Das war gar nicht nett von euch, mich so auf den Arm zu nehmen. Ich muss als Zahnfee durch die ganze Welt fliegen. Es ist anstrengend, überall die Milchzähne der Kinder einzusammeln, die sich über meine Taler freuen. Aber noch nie hat sich jemand getraut, mich auszunutzen.
Als kleinen Denkzettel habe ich meine Taler an Schnüre gebunden und wieder mitgenommen. Eure Zähne habe ich abgeschnitten und versteckt. Viel Spaß beim Suchen.
Eure Zahnfee.

Opa war entsetzt und begann sofort die Suche. Erst nach zwei Stunden fand er die versteckten Zähne unter der Bettmatratze. Erleichtert setzten und er und Oma sie wieder ein.
»Das machen wir nie wieder. So einen Schrecken möchte ich nicht mehr erleben.«
Dann sah er noch einmal zur Spardose hinüber, die aber auch nicht mehr da war. Das Geld hatte sich die Zahnfee zurück geholt.
Oma und Opa seufzten enttäuscht.

(c) 2015, Marco Wittler

502. Der Zahnschmerzkobold

Der Zahnschmerzkobold

Daniel hielt sich die Hand auf die Wange. Sein Gesicht sah sehr gequält aus. Er hatte nämlich Zahnschmerzen.
„Au. Das tut schrecklich weh. Kann das nicht endluch aufhören?‟
Den ganzen Tag verkroch er sich schon unter seiner Bettdecke und wollte niemanden sehen. Aber nach ein paar Stunden waren die Schmerzen so stark, dass er es nicht mehr aushielt. Er schlich sich ins Wohnzimmer und seufzte einmal laut.
„Mama, ich hab Zahnschmerzen. Kann man was dagegen tun, ohne sofort zum Zahnarzt gehen zu müssen? Du weißt doch, dass ich Angst habe.‟
Mama machte ein ernstes Gesicht und schüttelte den Kopf. „Da kann ich dir leider nicht helfen. Das muss sich der Zahnarzt anschauen.‟

Eine halbe Stunde später saß Max im Behandlungsstuhl und öffnete ängstlich seinen Mund. Der Zahnarzt sah hinein und grinste.
„Es wundert mich nicht, dass du Zahnschmerzen hast.‟ sagte er.
In deinem Mund hat sich sin hungriger Zahnschmerzkobold eingenistet. Er ernährt vom Zahnbelag. Wenn man sich dann seine Zähne nicht richtig putzt, wird er ganz dick, kugelrund und braucht dann so viel Platz zwischen deinen Zähnen, dass es weh tut.‟
Max wurde rot im Gesicht und bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ich werde mir ab jetzt immer meine Zähne  putzen. Das verspreche ich.‟
Der Zahnart nickte zufrieden und entfernte den Zahnschmerzkobold mit einer Pinzette.

(c) 2014, Marco Wittler

462. Der Leuchtturm im Zahnmeer

Der Leuchtturm im Zahnmeer

Opa stand im Bad vor dem Spiegel und grinste beim Zähneputzen.
»Was ist denn so lustig?«, wollte sein Enkel Lukas wissen.
»Zähneputzen macht doch keinen Spaß. Die Zahnpasta schmeckt nicht, und mit der Bürste drücke ich mir immer in die Wange.«
Lukas seufzte und schüttelte den Kopf, weil Opa immer noch grinste. Als Opa dann endlich fertig war, hatte er schon eine Erklärung parat.
»Ich habe einen Leuchtturm auf dem Backenzahn. Damit putzt es sich viel einfacher.
»Du hast einen echten Leuchtturm im Mund?«
Das wollte Lukas dann doch nicht glauben.
»Die stehen doch nur am Meer. Du veräppelst mich bestimmt.«
»Doch, das stimmt.«, behauptete Opa weiter.
»Normale Leuchttürme zeigen den Schiffen, wo es lang geht. Meiner zeigt der Zahnbürste den Weg. Dann wird alles richtig sauber und es tut nirgendwo weh.«
»Zeig ihn mir mal. Den will ich unbedingt sehen.«, verlangte Lukas.
Opa schüttelte den Kopf.
»Der ist zu klein. Den kann man nur mit einer großen Lupe sehen. Aber ich zeige dir, wie das alles funktioniert.«
Er ging ins Wohnzimmer, holte einen kleinen Leuchtturm aus dem Schrank und stellte ihn vor den Spiegel im Bad.
»Und jetzt putzen.«, forderte er seinen Enkel auf.
»Der Leuchtturm zeigt deiner Zahnbürste den Weg.«
Gemeinsam mit Opa putzte nun Lukas über seine Zähne. Es klappte tatsächlich viel besser. Seine Zähne wurden richtig sauber und es tat kein einziges Mal weh.
»Das ist ja eine tolle Sache.«, freute sich Lukas.
»Das mache ich jetzt immer so.«

(c) 2013, Marco Wittler

379. Die neue Zahnbürste

Die neue Zahnbürste

Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Kurz darauf öffnete sich die Tür und Papa kam mit ein paar gefüllten Tüten herein.
»Ich bin vom Einkaufen zurück.«, rief er ins Haus.
Mama stand gerade in der Küche und antwortete nur kurz. Dafür kam aber sofort Malte heran gestürmt.
»Was hast du denn alles mitgebracht?«, wollte er wissen und steckte seine Nase in die Tüten.
»Hast du denn gar nicht an Gummibärchen gedacht?«
Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Doch dann wurde er neugierig.
»Was ist denn das?«
Er zog eine große Spülbürste hervor und besah sie sich von allen Seiten.
»Ist das eine Hundezahnbürste?«, wollte er wissen. Doch ohne eine Antwort abzuwarten, lief er damit bereits davon und stand Sekunden später vor dem Hundekorb im Wohnzimmer.
»Los, Bello. Aufwachen. Du musst jetzt Zähne putzen, damit deine Zähne nicht ausfallen.«
Papa kam hinterher und musste lachen.
»Das ist doch keine Zahnbürste. Die ist eigentlich für die Küche gedacht. Mit ihr kann ich die Teller besser spülen.«
Malte kratzte sich am Kopf und dachte nach.
»Dann muss sich Bello gar nicht die Zähne putzen?«
Vorsichtig sah er dem Hund aufs Maul. Ein blitzblanker Eckzahn sah unter den Lippen hervor.
»Das ist unfair. Warum hab ich denn dann eine Zahnbürste? Was ist denn bei mir anders?«
Papa setzte sich in seinen Sessel, nahm seinen Sohn auf den Schoß und begann zu erklären.
»Bei einem Hund läuft das etwas anders. Auch bei ihm müssen die Zähne gut gepflegt werden. Aber er würde bestimmt nicht verstehen, warum eine Zahnbürste mit Zahncreme für ihn gut ist. Die würde er bestimmt nur kaputt beißen.«
Das sah Malte ein und er nickte.
»Bei Bello müssen wir das ganz anders machen. Er putzt sich seine Zähne selbst, ohne dass er es überhaupt bemerkt.«
Das wollte Malte nun nicht mehr glauben.
»Ich merke das jedes Mal, besonders, wenn die Zahncreme nicht so gut schmeckt.«
Papa lachte.
»Bello bekommt von uns öfter einen Kauknochen. Wenn er darauf herum beißt, wird der ganze Dreck von den Zähnen herunter geputzt. Dadurch bleiben sie sauber und gesund.«
Malte stand auf, holte den Kauknochen unter dem Wohnzimmertisch hervor und roch einmal an ihm.
»Der riecht viel besser als die Zahncreme. Aber dran knabbern will ich trotzdem nicht. Ich putze lieber weiter mit meiner Bürste.«
Dann lief er ins Bad und schrubbte sich seine Zähne sauber.

(c) 2011, Marco Wittler

378. Die Zähne des Krokodils

Die Zähne des Krokodils

Oma war mit Max unterwegs. Sie hatten sich den Zoo als Ziel ausgesucht und standen nun vor dem Gehege mit den Krokodilen. Die gefährlich aussehenden Tiere lagen in einem kleinen Tümpel und ließen sich die Sonne auf den schuppigen Körper scheinen.
»Da passiert ja gar nichts. Die liegen ja nur faul rum.«, beschwerte sich Max und wollte schon zu den Elefanten weiter gehen.
»Nun warte doch erstmal ab. Gleich werden sie gefüttert. Da vorne kommt schon der Tierpfleger mit frischem Fleisch.«, erklärte Oma.
Tatsächlich war da ein Mann, der die Gittertür zum Gehege aufschloss. Zwei schwere Eimer brachte er hinein und suchte sich einen Platz, von dem aus er das Futter zu den Tieren werfen konnte. Einen kurzen Augenblick später flog das Fleisch im hohen Bogen zum Tümpel.
Die Krokodile hatten nur auf diesen Moment gewartet. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit stürzten sie sich auf ihre Mahlzeit. Sie rissen an den Fleischbrocken, sie tauchten damit unter und drehten sich beim Fressen um sich selbst.
»Du meine Güte.«
Max atmete tief ein und war völlig überrascht.
»Das sieht ja richtig gefährlich aus. Ich will auf keinen Fall so einem gefräßigen Monster zu nahe kommen.«
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis es wieder ruhig im Gehege wurde und das letzte Stück Fleisch verschlungen war.
»Und wer putzt ihnen nun die Zähne? Traut sich das überhaupt jemand? Das ist doch lebensgefährlich.«
Max wartete darauf, dass der Tierpfleger mit einer großen Zahnbürste zurück kam, aber an der Gittertür tat sich nichts.
»Müssen die Krokodile gar nicht ihre Zähne putzen?«
Er dachte kurz nach.
»Moment mal. Wenn die so scharfe Zähne haben und sie ihnen nicht ausfallen, auch wenn sie keine Zahnbürste benutzen, dann können meine Zähne vom Essen auch nicht krank werden.«
Max grinste über das ganze Gesicht und jubelte.
»Ab jetzt darf Mama nie wieder mit mir schimpfen, wenn ich meine Zähne nicht putzen will, denn dann erzähle ich ihr von den Krokodilen.«
Oma musste lachen, als sie das hörte.
»Ich glaube, du solltest noch einmal in das Gehege schauen, bevor du dich zu früh freust.«
Max drehte sich um, sah durch das Gitter und entdeckte ein paar kleine Vögel, die zwischen den Krokodilen hin und her flitzten.
»Sind die denn verrückt? Wollen die etwa gefressen werden?«
Doch dann geschah etwas ganz erstaunliches. Die Krokodile öffneten langsam ihre Mäuler und ließen die Vögel herein und hinaus gehen, ohne sie zu fressen.
»Die Vögel holen jetzt die Reste des Fressens zwischen den Zähnen heraus und putzen dabei alles blitzeblank sauber.«, erklärte Oma.
»Die Krokodile haben vielleicht keine Zahnbürste, aber dafür etwas, das genau so gut funktioniert. Denn schmutzige Krokodilzähne können ebenfalls krank und löchrig werden.«
Das verstand Max nun auch.
»In Ordnung. Dann werde ich ab jetzt auch immer daran denken, mir nach dem Essen meine Zähne zu putzen.«, versprach er.

(c) 2011, Marco Wittler

377. Das kleine Zähnchen

Das kleine Zähnchen

Das kleine Zähnchen hatte unheimlich viel Spaß. Es saß zwischen den vielen älteren und erfahreneren Zähnen und spielte, was das Zeug hielt. Jedes Mal, wenn etwas Essbares in den Mund herein kam, freute es sich riesig und jubelte laut.
»Kauen, kauen, kauen.«, rief es und half dabei mit, alles schön klein zu mahlen.
Dabei wurde es natürlich von oben bis unten richtig schmutzig. Doch das fand es gar nicht schlimm. Es war sogar richtig stolz darauf und präsentierte sich, nachdem die Arbeit erledigt war, seiner Familie.
»Schaut her, wie schön schmutzig ich geworden bin. Von oben bis unten bin ich mit Essen beschmiert. Da könnt ihr mal sehen, wie hart ich gearbeitet habe.«
Und tatsächlich klebte so einiges am kleinen Zähnchen. Da gab es große Flecken voll Schokolade, Honig, und Marmelade vom Frühstück. Das Mittagessen hatte Fleischreste hinterlassen und vom Nachmittag war ein großer Haufen Schlagsahne übrig geblieben, der auf dem Zahnkopf lag und langsam herunter tropfte.
»Du meine Güte, wie siehst du denn aus?«, sprach die Mutter verzweifelt.
»Du kannst doch nicht so schmutzig herum laufen. Du musst dich nach jeder Mahlzeit ordentlich putzen.«
Das kleine Zähnchen verzog das Gesicht und stampfte unzufrieden mit dem Fuß auf den Boden.
»Ich will mich nicht putzen. Es soll jeder sehen, dass ich richtig kauen kann. Das geht aber nicht, wenn ich blitzblank sauber bin und glänze.«
Die Mutter seufzte und nahm das kleine Zähnchen an die Hand. Gemeinsam gingen sie ganz nah an die Lippen des Mundes heran und sahen nach draußen.
»Schau mal. Dort drüben in dem anderen Mund. Der winkende Zahn ist dein Onkel. Der putzt sich auch nie. Er liegt nur zu gern in altem Essen und badet sogar da drin.«
Das kleine Zähnchen sah hinüber und entdeckte den Schmuddelzahn. Doch was es da sah, gefiel ihm gar nicht.
»Warum hat er denn so viele schwarze Flecken und Löcher? Ist er gestürzt und hat sich weh getan?«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
»Dein Onkel hat sich in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal geputzt. Der ganze Dreck hat ihn in dieser Zeit krank gemacht. Dadurch hat er sich verfärbt. Nach und nach sind dann auch Teile seines Körper heraus gebröckelt.«
Das Zähnchen sah noch immer erschrocken hinüber.
»Kann man ihn denn nicht gesund machen?«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
»Dafür ist es nun zu spät. Bald wird der Zahnarzt mit einer großen Zange kommen und ihn aus dem Mund heraus ziehen. Dann kann er nie wieder beim Essen und Kauen helfen.«
Das kleine Zähnchen erschrak.
»Nie wieder? Oh nein. Hoffentlich passiert mir das nicht. Ich will doch ein großer, starker Zahn werden und ganz lange im Mund bleiben.«
Sofort riss es sich von seiner Mutter los, flitzte nach Hause und schrubbte sich den ganzen Dreck vom Körper. Nach ein paar Minuten präsentierte es sich schneeweiß und glänzend seiner Familie.
»Schaut her, wie schön sauber ich bin, obwohl ich hart gekaut und gearbeitet habe. Ich werde noch ganz lange bei euch bleiben, weil ich mich immer nach jeder Mahlzeit putze.«
Dann grinste es und freute sich schon auf das nächste Essen.

(c) 2011, Marco Wittler

269. Der Wackelzahn

Der Wackelzahn

Hin und her ging es, rauf und runter, vor und zurück und in alle anderen Richtungen auch. In Leon sah in den Spiegel und spielte mit der Spitze seiner Zunge an seinem ersten Wackelzahn.
»Das ist ja seltsam. Warum ist der denn nicht mehr so fest, wie die anderen Zähne auch?«
Sofort lief er in die Küche.
»Mama, einer meiner Zähne wackelt. Was ist denn mit dem los?«
Mama musste lächeln. Dann erklärte sie Leon, was nun geschah.
»Das ist ganz normal. Weil du jeden Tag ein Stückchen größer wirst, wächst auch dein Mund mit. Und irgendwann sind deine Zähne für ihn zu klein. Deshalb fallen sie heraus und machen neuen, größeren Zähnen Platz.«
Sie öffnete ihren eigenen Mund und zeigte ihre großen Zähne vor.
»Aber der Zahn wackelt doch nur. Er fällt gar nicht raus. Wie soll denn dann der Neue wachsen können?«, beschwerte sich ihr Sohn.
In diesem Moment kam Onkel Paul herein.
»Habe ich richtig gehört? Der Kleine hat einen Wackelzahn, der nicht fallen will? Da kenne ich eine gute Methode.«
Er öffnete Leons Mund.
»Ich schau mir das nur mal eben an. Du musst keine Angst haben.«
Doch dann fing er an, mit den Fingern zu ziehen. Es war allerdings der falsche Zahn. Leon erschrak und biss Onkel Paul auf die Finger.
»Du kannst doch nicht einfach meine Zähne ziehen. Das tut doch weh.«
»Der Biss schmerzt auch.«, beschwerte sich Paul und verließ die Küche.
»Was ist denn hier los?«, fragte Christian, Leons großer Bruder.
»Ich habe einen Wackelzahn. Schau mal hier.«
Und schon spielte Leon wieder mit der Zunge daran herum.
»Das wird aber nichts mit neuen Zähnen, solang der noch wackelt. Der muss raus. Ich glaube, ich weiß auch schon wie.«
Christian kramte in seinen vollen Hosentaschen herum und zog eine lange Schnur daraus hervor.
»Das eine Ende binde ich um deinen Zahn, das andere um den Türgriff. Sobald Papa nach Hause kommt, zieht er deinen Zahn ganz schmerzlos heraus.«
Und so wurde es auch gemacht. Leon saß nun auf einem Stuhl und wartete darauf, dass Papa die Tür öffnen und den Zahn heraus ziehen würde. Alle waren ganz still.
Plötzlich hörten sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Es konnte also nur noch Sekunden dauern. Die Türklinke zur Küche wurde herunter gedrückt und dann schwang die Tür auf. Leon hatte allerdings Angst bekommen und sprang Papa sofort entgegen.
»Was ist denn hier los?«, wollte Papa wissen.
»Christian hat meinen Wackelzahn mit einer Schnur an die Tür gebunden, damit du ihn damit heraus ziehst. Aber das kann doch unmöglich schmerzfrei sein.«
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ihr benutzt ja richtig mittelalterliche Methoden. So zieht man doch heute keinen Zahn mehr.«
Papa schüttelte den Kopf.
»Ich werde euch jetzt mal zeigen, wie das geht.«
Er nahm seine Krawatte ab und band sie Leon um die Augen.
»Und nun öffne ganz langsam den Mund.«
Papa wagte es nicht, hinein zu fassen. Stattdessen steckte er seinem Sohn ein Brötchen in den Mund.
Leon war so überrascht, dass er sofort abbiss. Noch während er vor sich hin kaute, nahm er die Krawatte von den Augen und sah Papa verwundert an.
»Ich dachte du willst meinen Wackelzahn ziehen und nicht mich füttern.«
Papa lachte.
»Dann schau doch mal in den Spiegel.«
Und tatsächlich war der Zahn verschwunden. Er hatte sich beim Biss in das Brötchen gelöst.
»Das war eine richtig gute Idee, Papa. So machen wir das jetzt bei den anderen Zähnen auch, wenn sie zu wackeln beginnen.«

(c) 2009, Marco Wittler

268. Der Zahncremekobold

Der Zahncremekobold

Melanie stand mit Mama zusammen im Bad und sah mit großen Augen in den Spiegel.
»Und jetzt die Zahnbürste in den Mund. Deine Zähne sollen doch schön sauber werden.«, sagte Mama.
Melanie nickte, machte ihren Mund ganz weit auf und wollte gerade anfangen, als ihr Blick auf die Borsten fiel.
»Mehr Creme Mama.«
Mama blicke auf die Bürste und seufzte.
»Ist dir das denn noch nicht genug?«
Melanie schüttelte kräftig den Kopf. Da durfte sie noch ein wenig Creme zusätzlich aus der Tube drücken.
»Und nun wird geputzt.«
Und schon sauste die Zahnbürste über die Zähne. Es ging hin und her und der Belag wurde komplett weg geschrubbt.
»Bin fertig Mama.«
Melanie spülte ihren Mund aus und nahm wieder die Tube in die Hand.
»Nochmal drücken. Mehr Creme.«
Doch Mama nahm sie ihr aus der Hand.
»Nein, mein Schatz, du bist jetzt fertig. Geh in dein Zimmer und spiel ein wenig.«
Nun seufzte Melanie und schlurfte aus dem Bad.
Nun kümmerte sich Mama um den Haushalt. Sie räumte die Spülmaschine aus, bügelte die Wäsche und wunderte sich irgendwann, warum ihre kleine Tochter so leise war.
»Ist alles mit dir in Ordnung, mein Schatz?«, rief sie durch das Haus.«
»Alles gut, Mama. Musst nicht rauf kommen.«, war die Antwort.
Das mache Mama natürlich besonders misstrauisch. Sie unterbrach ihre Arbeit und schlich die Treppe nach oben.
»Was machst du denn da?«, fragte sie erstaunt, als sie ins Bad sah.
»Melanie Zähne putzen.«
Mama schüttelte nur den Kopf.
»Das sieht eher nach Bad putzen aus. Deine Zähne sind doch gar nicht so groß.«
Auf dem Boden lagen dicke blaue Zahncremewürste. Auf dem Waschbecken und der Wanne sah es nicht besser aus.
»Dich darf man auch nicht mit der Tube allein lassen.«
»Melanie Zähne putzen.«, sagte das kleine Mädchen trotzig.
Heute Abend wieder mein Schatz. Jetzt muss ich hier erstmal sauber machen.«
Mama schickte ihre Tochter zurück ins Kinderzimmer und suchte sich einen großen Lappen.
Melanie setzte sich auf ihr Bett und schmollte. Es machte doch so viel Spaß auf die Tube zu drücken. Also schmiedete sie bereits neue Pläne, wie sie wieder an die Zahncreme kommen konnte.
Genau in diesem Moment machte es ›plopp‹ und ein kleines Männchen erschien wie von Zauberhand.
»Hallo, kleines Mädchen. Ich bin der Zahncremekobold.«, sagte er grinsend.
»Ich habe gehört, dass du so gern auf die Tube drückst.«
Melanie bekam zuerst große Augen, doch dann nickte sie heftig.
»Macht Spaß.«, sagte sie.
»Ja, das stimmt. Aber die Creme ist nicht zum Spielen gedacht. Damit putzt man sich nur die Zähne. Denn wenn die Tube leer ist, bekommt man seine Zähne nicht mehr richtig sauber und bleiben schmutzig. Davon können sie dann krank werden und ausfallen. Und das willst du doch bestimmt nicht.«
Nein, das wollte Melanie wirklich nicht. Sofort versprach sie dem Zahncremekobold, nie wieder mit der Tube zu spielen.
»Melanie will schöne Zähne haben.«, sagte sie, als sich der kleine Besucher verabschiedete und mit einem weiteren ploppen verschwand.

»Mama, will Zähne putzen.«, rief Melanie etwas später nach dem Abendessen wieder durch das ganze Haus.

(c) 2009, Marco Wittler

255. Hubertus mit den weißen Zähnen

Hubertus mit den weißen Zähnen

Hamster Hubertus stand vor dem Spiegel und putzte seine Nagezähne auf Hochglanz. Sie waren schneeweiß und blitzten und blinkten von allen Seiten. Nachdem Hubertus fertig war, warf er noch einen Blick in den Spiegel.
»Du meine Güte.«, rief er entsetzt.
»Da ist ja noch ein Fleck.«
Also drückte Hubertus zum zweiten Mal Creme auf seine Bürste und begann erneut, seine Zähne zu putzen. Nach ein paar Minuten war er dann endlich zufrieden.
Er zog sich seine roten Schuhe an und verließ das Haus.
»Es ist ein herrliches Wetter heute. Ein Spaziergang durch den Wald und am Badesee entlang wird mir bestimmt Spaß machen.«
Und so machte er sich auf den Weg.
Es waren viele andere Leute unterwegs. Familie Biber führte die Kinder aus, die kleinen Mäuse tummelten sich im See und ein Schwarm Schwalben jagte die Fliegen über den Bäumen her.
»Hallo Herr Maulwurf.«, rief Hubertus.
»Ist das nicht ein grandioser Tag? Da spiegelt sich die Sonne in meinen herrlich weißen Zähnen. Sind sie nicht schön anzusehen?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging der Hamster weiter.
»Schöne Zähne?«, wunderte sich der Mauwurf.
»Hab ich nicht gesehen.«
Schließlich konnte er kaum etwas sehen. Er war fast blind, weil er sein Leben unter der Erde verbrachte.

Unterwegs holte Hubertus einen kleinen Handspiegel hervor.. Er sah hinein und bewunderte das Sonnenlicht, das sich in seinen Zähnen spiegelte. Doch von einem Moment zum anderen verschwand der weiße Glanz und wich einer stumpfen, grauen Farbe.
»Ach, du Schreck.«, entfuhr es ihm.
Schnell überlegte Hubertus, ob er gerade etwas gegessen hatte. Schließlich hatte er von seinem Zahnarzt gelernt, dass es nichts besseres gab, als sich nach jeder Mahlzeit die Zähne zu putzen.
Gefuttert hatte er allerdings nichts. Trotzdem holte er vorsichtshalber seine Spazierzahnbürste aus der Hosentasche. Es durfte ihn niemand mit grauen Zähnen entdecken.
Genau in diesem Moment zog eine dicke, graue Wolke weiter und gab die Sonnenstrahlen wieder frei.
Hubertus atmete auf, während er noch einmal schnell die Bürste über seine Beißerchen flitzen ließ.
»Dieses dumme Ding am Himmel hat sich in meinen Zähnen gespiegelt und das Licht verdrängt.«
»Quak, Quak.«, machte es plötzlich von hinten.
»Aus der Bahn. Wir haben es eilig. Der Abend wird nicht ewig auf sich warten lassen. Bis dahin müssen meine Kinder noch ein paar Runden das Schwimmen üben.«
Es war eine Entenmutter, die ihre Küken zum Badesee führte.
Hubertus nutzte diese Gelegenheit sofort und probierte ein Lächeln nach dem anderen aus.
»Bei welchem Lächeln sieht man denn meine schönen Zähne am besten? Das müssen sie mir unbedingt sagen.«
Die große Ente sah dem Hamster ins Gesicht?
»Lächeln? Du siehst eher aus, als würdest du eine Grimasse schneiden. Außerdem haben wir keine Zeit für deine Spielchen.«
Empört drehte sich Hubertus um und stapfte beleidigt davon.
»Ihr habt ja auch keine Ahnung. Ihr könnt ja auch nicht lachen, -weil ihr nur einen dummen Schnabel habt. So etwas Hässliches möchte ich nicht im Gesicht haben.«

Hubertus kam nur wenige Minuten später ebenfalls am Badesee an. Er breitete ein Handtuch auf der Wiese aus und legte sich in die Sonne. Natürlich achtete er darauf, die Zeit auf dem Rücken zu liegen. So konnte jeder die schönsten Zähne der Umgebung bewundern.
Doch das angenehme Gefühl war schon bald vorbei, als eine Gruppe junger Frösche in den See sprangen und das Wasser durch die Gegend spritzte.
»He, was soll denn das?«, rief Hubertus erbost. Ihr könnt doch nicht diese dreckige Brühe auf meine sauberen Zähne spritzten.«
Sofort holte er den Handspiegel hervor und sah hinein.
»Da sind Flecken. Die seh ich genau. Fiese eklige Flecken. Was mache ich denn jetzt? Hoffentlich hat das niemand gesehen.«
Sofort schwang er die Zahnbürste und putzte wie ein Weltmeister. Ganze zehn Minuten ging das so, bis viel Schaum aus dem Mund hervor quoll.
»Das sollte reichen.«
Zur Sicherheit nahm Hubertus sein Handtuch und ging etwas weiter vom Ufer weg. Er wollte nicht noch einmal nass gemacht werden. Dann legte er sich hin, schloss die Augen und schlief ein.

Nach einer ganzen Weile verschwand plötzlich die Sonne. Ein dunkler Schatten legte sich auf das Gesicht des Hamsters.
»Huch, was ist denn nun los?«
Hubertus öffnete die Augen. Doch statt einer dicken Wolke sah er jede Menge Gesichter über sich. Da war Herr Maulwurf, Frau Ente, die Frösche und ein paar andere Tiere.
»So kann das nicht mehr weiter gehen, Hubertus. Die Sache mit deinen weißen Zähnen nervt uns. Du kannst ja an gar nichts anderes mehr denken. Das muss irgendwann aufhören.«, sagte der Maulwurf.
»Du lässt uns immer denken, dass unsere eigenen Zähne nicht richtig geputzt sind.«, maulten die Frösche.
»Darum sollst du nicht mehr über Zähne reden, wenn du aus dem Haus gehst.«, beschloss die Ente.
»Wenn ihr Probleme damit habt, dann kann ich euch helfen.«, bot der Hamster an.
»Gerade mit Zähnen kenne ich mich richtig gut aus. Deswegen werde ich euch beibringen, mit man sie richtig putzt.«
Das war ein Vorschlag, der sofort angenommen wurde.

Am nächsten Tag trafen sich alle Tiere in Hubertus Haus. Es wurden Zahnbürsten verteilt und gemeinsam kräftig geputzt.

(c) 2009, Marco Wittler

217. Der Zahn der Zeit und das liebe Geld

Der Zahn der Zeit und das liebe Geld

Papa saß am Esstisch und hatte sein Gesicht in seinen Händen vergraben. Vor ihm lagen ein paar geöffnete Briefe.
»Mensch, Papa, was ist denn mit dir los?«, fragte Christian, der durch die Tür hinein sah.
Papa sah auf und schüttelte mit dem Kopf.
»Das willst du gar nicht wissen.«
Doch dann begann er doch zu erzählen.
»Das sind alles Mahnungen und Rechnungen.«, sagte er und zeigte auf die Briefe.
»Wenn wir nicht bald alles bezahlen, bekommen wir ganz viel Ärger.«
Er holte seine Geldbörse aus der Hosentasche und öffnete sie. Aber bis auf einen alten Knopf, war nichts darin zu finden.
»Ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen. Wenn Opa bloß nicht damals sein versteckt und das Versteck vergessen hätte.«
Christian spitzte die Ohren.
»Opa hat viel Geld versteckt, bevor er gestorben ist?«
Papa nickte.
»Das Problem daran ist nur, dass er uns nie verraten hat, wo es ist. Er hat immer nur seltsame Dinge vor sich hin gemurmelt, bevor er gestorben ist. Er war wohl nicht mehr ganz bei Sinnen, als er auf dem Sterbebett lag.«
Christian setzte sich an den Tisch und stützte sein Kinn auf seine Hände.
»Was hat er denn damals erzählt?«
Papa überlegte.
»Das war ganz wirres Zeug. Ich weiß schon gar nicht mehr, was es war.«
Papa überlegte noch einmal.
»Er hat mich damals ganz nah an sich heran gezogen und mir alles ins Ohr geflüstert. Er meinte, an seinem Geld nage der Zahn der Zeit. Mit diesem Hinweis würde ich alles finden. Aber ich weiß bis heute nicht, was es bedeuten sollte.«
Christian konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sein Opa musste ein unglaublich großer Rätselkönig gewesen sein, wenn er seiner Familie solche Aufgaben stellte.
In diesem Moment räumte Papa alle Briefe zur Seite.
»Damit kann ich mich auch noch Morgen beschäftigen. Jetzt muss ich mich erst einmal ablenken.«
Da hatte Christian schon eine gute Idee. Er flitzte durch das Haus, kletterte auf den Dachboden und kam mit einer großen Kiste zurück ins Wohnzimmer.
»Was schleppst du denn da an?«, fragte Papa.
In der Kiste waren alle Dinge verstaut, die Opa einmal gehört hatten und die niemand in den Müll werfen wollte.
»Ich will mehr von Opa erfahren. Und da dachte ich mir, dass du mir mit dem ganzen Kram einmal zeigst, wer er überhaupt gewesen ist.«, erklärte Christian.
Gemeinsam wühlten sie sich nun durch die vielen Erinnerungsstücke. Da waren unzählige Fotos, ein abgegriffenes Tagebuch, Postkarten und sogar ein paar alte Auszeichnungen und Orden, die Opa im Krieg bekommen hatte.
»Schau mal Papa, da ist doch Geld.«
Christian holte ein dickes Bündel Geldscheine hervor. Auf ihnen waren hohe Zahlen gedruckt.
»Das müssen ja mindestens hunderttausend Euro sein.«
Papa seufzte.
»Das ist leider altes Geld. Das ist nichts mehr wert. Damit werden wir die Rechnungen auch nicht bezahlen können.«
Schließlich holte Christian ein riesiges Gebiss aus der Kiste.
»Was ist denn das?«, staunte er.
»Da waren wir uns früher schon nicht sicher.«, erzählte Papa.
»Opa hatte dieses hässliche Ding immer in der Glasvitrine stehen. Er benutzte es als Bonbonschale.«
Christian dachte kurz nach. Dann drehte er das Gebiss um und besah es sich von beiden Seiten.
»Weißt du was? Wenn du es wirklich so hässlich findest, müssen wir es auch nicht behalten.«
Und schon ließ er das Gebiss auf den Boden fallen. Mit einem lauten Knall brach es auseinander.
»Du meine Güte.«, staunte Papa. »Was ist denn das?«
Er stand auf und kniete sich vor dem Scherbenhaufen auf den Fußboden. Zwischen den Scherben waren mehrere Papierrollen zu sehen. Papa nahm eine davon und entrollte sie.
»Das sind Geldscheine.«
Christian lachte und hielt sich den Bauch.
»Da hat wohl wirklich der Zahn der Zeit an Opas Geld genagt.«
Nun musste Papa auch lachen.
»Und wenn ich mir das so anschaue, ist genug Geld da, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Es wird sogar noch sehr viel übrig bleiben.«
Papa freute sich so sehr über den Fund seines Sohnes, dass er ihm sofort versprach, am nächsten Tag ein neues Fahrrad zu kaufen.

(c) 2009, Marco Wittler