502. Der Zahnschmerzkobold

Der Zahnschmerzkobold

Daniel hielt sich die Hand auf die Wange. Sein Gesicht sah sehr gequält aus. Er hatte nämlich Zahnschmerzen.
„Au. Das tut schrecklich weh. Kann das nicht endluch aufhören?‟
Den ganzen Tag verkroch er sich schon unter seiner Bettdecke und wollte niemanden sehen. Aber nach ein paar Stunden waren die Schmerzen so stark, dass er es nicht mehr aushielt. Er schlich sich ins Wohnzimmer und seufzte einmal laut.
„Mama, ich hab Zahnschmerzen. Kann man was dagegen tun, ohne sofort zum Zahnarzt gehen zu müssen? Du weißt doch, dass ich Angst habe.‟
Mama machte ein ernstes Gesicht und schüttelte den Kopf. „Da kann ich dir leider nicht helfen. Das muss sich der Zahnarzt anschauen.‟

Eine halbe Stunde später saß Max im Behandlungsstuhl und öffnete ängstlich seinen Mund. Der Zahnarzt sah hinein und grinste.
„Es wundert mich nicht, dass du Zahnschmerzen hast.‟ sagte er.
In deinem Mund hat sich sin hungriger Zahnschmerzkobold eingenistet. Er ernährt vom Zahnbelag. Wenn man sich dann seine Zähne nicht richtig putzt, wird er ganz dick, kugelrund und braucht dann so viel Platz zwischen deinen Zähnen, dass es weh tut.‟
Max wurde rot im Gesicht und bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ich werde mir ab jetzt immer meine Zähne  putzen. Das verspreche ich.‟
Der Zahnart nickte zufrieden und entfernte den Zahnschmerzkobold mit einer Pinzette.

(c) 2014, Marco Wittler

447. Löcher in den Zähnen (Hallo Oma Fanny 20)

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Heute ist Mama mit mir zum Zahnarzt gefahren. Sie sagte, ich würde meine Zähne nicht ordentlich genug putzen. Da wären bestimmt ganz viel Karies und Löcher drin, die der Doktor wieder flicken müsste.
Ich hatte natürlich ganz viel Angst, denn meine Schwester hat mir erzählt, dass die Karies mit einem großen Bohrer raus gemacht würde.
Ich hab die ganze Zeit überlegt, wie ich mich drücken konnte, aber es fiel mir nichts Gescheites ein. Den großen Pappkarton in meinem Kleiderschrank kannte Mama leider schon.
Am Nachmittag fuhren wir los. Eine halbe Stunde später saß ich dann auch schon im Behandlungsstuhl. Mir konnte man die Angst richtig ansehen. Aber dann kam der Zahnarzt rein und begrüßte mich ganz nett. Er fuhr mich mit dem Stuhl ein paar Mal rauf und runter. Das war richtig lustig und fühlte sich wie ein Karussell an. Da verschwand die Angst dann von ganz allein.
Also hab ich dann meinen Mund aufgemacht und den Doktor da rein schauen lassen. Und nun rate mal, was er da gefunden hat. Richtig. Nichts. Gar nichts. Keine Karies und keine Löcher. Es war alles in Ordnung.
Als nächstes kam dann Mama an die Reihe. Sie legte sich hin und öffnete grinsend ihren Mund. Sie hatte mir schon vorher erzählt, dass sie ganz gesunde Zähne hat. Aber plötzlich wurde sie bleich, denn der Zahnarzt tippte mit seinem kleinen Spiegel auf einen ihrer Zähne. Er hatte doch Karies und ein Loch gefunden.
Nun wurde bei Mama gebohrt und repariert. Das lag bestimmt daran, dass sie abends immer so viel Weingummi und Schokolade nascht.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittle

377. Das kleine Zähnchen

Das kleine Zähnchen

Das kleine Zähnchen hatte unheimlich viel Spaß. Es saß zwischen den vielen älteren und erfahreneren Zähnen und spielte, was das Zeug hielt. Jedes Mal, wenn etwas Essbares in den Mund herein kam, freute es sich riesig und jubelte laut.
»Kauen, kauen, kauen.«, rief es und half dabei mit, alles schön klein zu mahlen.
Dabei wurde es natürlich von oben bis unten richtig schmutzig. Doch das fand es gar nicht schlimm. Es war sogar richtig stolz darauf und präsentierte sich, nachdem die Arbeit erledigt war, seiner Familie.
»Schaut her, wie schön schmutzig ich geworden bin. Von oben bis unten bin ich mit Essen beschmiert. Da könnt ihr mal sehen, wie hart ich gearbeitet habe.«
Und tatsächlich klebte so einiges am kleinen Zähnchen. Da gab es große Flecken voll Schokolade, Honig, und Marmelade vom Frühstück. Das Mittagessen hatte Fleischreste hinterlassen und vom Nachmittag war ein großer Haufen Schlagsahne übrig geblieben, der auf dem Zahnkopf lag und langsam herunter tropfte.
»Du meine Güte, wie siehst du denn aus?«, sprach die Mutter verzweifelt.
»Du kannst doch nicht so schmutzig herum laufen. Du musst dich nach jeder Mahlzeit ordentlich putzen.«
Das kleine Zähnchen verzog das Gesicht und stampfte unzufrieden mit dem Fuß auf den Boden.
»Ich will mich nicht putzen. Es soll jeder sehen, dass ich richtig kauen kann. Das geht aber nicht, wenn ich blitzblank sauber bin und glänze.«
Die Mutter seufzte und nahm das kleine Zähnchen an die Hand. Gemeinsam gingen sie ganz nah an die Lippen des Mundes heran und sahen nach draußen.
»Schau mal. Dort drüben in dem anderen Mund. Der winkende Zahn ist dein Onkel. Der putzt sich auch nie. Er liegt nur zu gern in altem Essen und badet sogar da drin.«
Das kleine Zähnchen sah hinüber und entdeckte den Schmuddelzahn. Doch was es da sah, gefiel ihm gar nicht.
»Warum hat er denn so viele schwarze Flecken und Löcher? Ist er gestürzt und hat sich weh getan?«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
»Dein Onkel hat sich in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal geputzt. Der ganze Dreck hat ihn in dieser Zeit krank gemacht. Dadurch hat er sich verfärbt. Nach und nach sind dann auch Teile seines Körper heraus gebröckelt.«
Das Zähnchen sah noch immer erschrocken hinüber.
»Kann man ihn denn nicht gesund machen?«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
»Dafür ist es nun zu spät. Bald wird der Zahnarzt mit einer großen Zange kommen und ihn aus dem Mund heraus ziehen. Dann kann er nie wieder beim Essen und Kauen helfen.«
Das kleine Zähnchen erschrak.
»Nie wieder? Oh nein. Hoffentlich passiert mir das nicht. Ich will doch ein großer, starker Zahn werden und ganz lange im Mund bleiben.«
Sofort riss es sich von seiner Mutter los, flitzte nach Hause und schrubbte sich den ganzen Dreck vom Körper. Nach ein paar Minuten präsentierte es sich schneeweiß und glänzend seiner Familie.
»Schaut her, wie schön sauber ich bin, obwohl ich hart gekaut und gearbeitet habe. Ich werde noch ganz lange bei euch bleiben, weil ich mich immer nach jeder Mahlzeit putze.«
Dann grinste es und freute sich schon auf das nächste Essen.

(c) 2011, Marco Wittler

269. Der Wackelzahn

Der Wackelzahn

Hin und her ging es, rauf und runter, vor und zurück und in alle anderen Richtungen auch. In Leon sah in den Spiegel und spielte mit der Spitze seiner Zunge an seinem ersten Wackelzahn.
»Das ist ja seltsam. Warum ist der denn nicht mehr so fest, wie die anderen Zähne auch?«
Sofort lief er in die Küche.
»Mama, einer meiner Zähne wackelt. Was ist denn mit dem los?«
Mama musste lächeln. Dann erklärte sie Leon, was nun geschah.
»Das ist ganz normal. Weil du jeden Tag ein Stückchen größer wirst, wächst auch dein Mund mit. Und irgendwann sind deine Zähne für ihn zu klein. Deshalb fallen sie heraus und machen neuen, größeren Zähnen Platz.«
Sie öffnete ihren eigenen Mund und zeigte ihre großen Zähne vor.
»Aber der Zahn wackelt doch nur. Er fällt gar nicht raus. Wie soll denn dann der Neue wachsen können?«, beschwerte sich ihr Sohn.
In diesem Moment kam Onkel Paul herein.
»Habe ich richtig gehört? Der Kleine hat einen Wackelzahn, der nicht fallen will? Da kenne ich eine gute Methode.«
Er öffnete Leons Mund.
»Ich schau mir das nur mal eben an. Du musst keine Angst haben.«
Doch dann fing er an, mit den Fingern zu ziehen. Es war allerdings der falsche Zahn. Leon erschrak und biss Onkel Paul auf die Finger.
»Du kannst doch nicht einfach meine Zähne ziehen. Das tut doch weh.«
»Der Biss schmerzt auch.«, beschwerte sich Paul und verließ die Küche.
»Was ist denn hier los?«, fragte Christian, Leons großer Bruder.
»Ich habe einen Wackelzahn. Schau mal hier.«
Und schon spielte Leon wieder mit der Zunge daran herum.
»Das wird aber nichts mit neuen Zähnen, solang der noch wackelt. Der muss raus. Ich glaube, ich weiß auch schon wie.«
Christian kramte in seinen vollen Hosentaschen herum und zog eine lange Schnur daraus hervor.
»Das eine Ende binde ich um deinen Zahn, das andere um den Türgriff. Sobald Papa nach Hause kommt, zieht er deinen Zahn ganz schmerzlos heraus.«
Und so wurde es auch gemacht. Leon saß nun auf einem Stuhl und wartete darauf, dass Papa die Tür öffnen und den Zahn heraus ziehen würde. Alle waren ganz still.
Plötzlich hörten sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Es konnte also nur noch Sekunden dauern. Die Türklinke zur Küche wurde herunter gedrückt und dann schwang die Tür auf. Leon hatte allerdings Angst bekommen und sprang Papa sofort entgegen.
»Was ist denn hier los?«, wollte Papa wissen.
»Christian hat meinen Wackelzahn mit einer Schnur an die Tür gebunden, damit du ihn damit heraus ziehst. Aber das kann doch unmöglich schmerzfrei sein.«
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ihr benutzt ja richtig mittelalterliche Methoden. So zieht man doch heute keinen Zahn mehr.«
Papa schüttelte den Kopf.
»Ich werde euch jetzt mal zeigen, wie das geht.«
Er nahm seine Krawatte ab und band sie Leon um die Augen.
»Und nun öffne ganz langsam den Mund.«
Papa wagte es nicht, hinein zu fassen. Stattdessen steckte er seinem Sohn ein Brötchen in den Mund.
Leon war so überrascht, dass er sofort abbiss. Noch während er vor sich hin kaute, nahm er die Krawatte von den Augen und sah Papa verwundert an.
»Ich dachte du willst meinen Wackelzahn ziehen und nicht mich füttern.«
Papa lachte.
»Dann schau doch mal in den Spiegel.«
Und tatsächlich war der Zahn verschwunden. Er hatte sich beim Biss in das Brötchen gelöst.
»Das war eine richtig gute Idee, Papa. So machen wir das jetzt bei den anderen Zähnen auch, wenn sie zu wackeln beginnen.«

(c) 2009, Marco Wittler

268. Der Zahncremekobold

Der Zahncremekobold

Melanie stand mit Mama zusammen im Bad und sah mit großen Augen in den Spiegel.
»Und jetzt die Zahnbürste in den Mund. Deine Zähne sollen doch schön sauber werden.«, sagte Mama.
Melanie nickte, machte ihren Mund ganz weit auf und wollte gerade anfangen, als ihr Blick auf die Borsten fiel.
»Mehr Creme Mama.«
Mama blicke auf die Bürste und seufzte.
»Ist dir das denn noch nicht genug?«
Melanie schüttelte kräftig den Kopf. Da durfte sie noch ein wenig Creme zusätzlich aus der Tube drücken.
»Und nun wird geputzt.«
Und schon sauste die Zahnbürste über die Zähne. Es ging hin und her und der Belag wurde komplett weg geschrubbt.
»Bin fertig Mama.«
Melanie spülte ihren Mund aus und nahm wieder die Tube in die Hand.
»Nochmal drücken. Mehr Creme.«
Doch Mama nahm sie ihr aus der Hand.
»Nein, mein Schatz, du bist jetzt fertig. Geh in dein Zimmer und spiel ein wenig.«
Nun seufzte Melanie und schlurfte aus dem Bad.
Nun kümmerte sich Mama um den Haushalt. Sie räumte die Spülmaschine aus, bügelte die Wäsche und wunderte sich irgendwann, warum ihre kleine Tochter so leise war.
»Ist alles mit dir in Ordnung, mein Schatz?«, rief sie durch das Haus.«
»Alles gut, Mama. Musst nicht rauf kommen.«, war die Antwort.
Das mache Mama natürlich besonders misstrauisch. Sie unterbrach ihre Arbeit und schlich die Treppe nach oben.
»Was machst du denn da?«, fragte sie erstaunt, als sie ins Bad sah.
»Melanie Zähne putzen.«
Mama schüttelte nur den Kopf.
»Das sieht eher nach Bad putzen aus. Deine Zähne sind doch gar nicht so groß.«
Auf dem Boden lagen dicke blaue Zahncremewürste. Auf dem Waschbecken und der Wanne sah es nicht besser aus.
»Dich darf man auch nicht mit der Tube allein lassen.«
»Melanie Zähne putzen.«, sagte das kleine Mädchen trotzig.
Heute Abend wieder mein Schatz. Jetzt muss ich hier erstmal sauber machen.«
Mama schickte ihre Tochter zurück ins Kinderzimmer und suchte sich einen großen Lappen.
Melanie setzte sich auf ihr Bett und schmollte. Es machte doch so viel Spaß auf die Tube zu drücken. Also schmiedete sie bereits neue Pläne, wie sie wieder an die Zahncreme kommen konnte.
Genau in diesem Moment machte es ›plopp‹ und ein kleines Männchen erschien wie von Zauberhand.
»Hallo, kleines Mädchen. Ich bin der Zahncremekobold.«, sagte er grinsend.
»Ich habe gehört, dass du so gern auf die Tube drückst.«
Melanie bekam zuerst große Augen, doch dann nickte sie heftig.
»Macht Spaß.«, sagte sie.
»Ja, das stimmt. Aber die Creme ist nicht zum Spielen gedacht. Damit putzt man sich nur die Zähne. Denn wenn die Tube leer ist, bekommt man seine Zähne nicht mehr richtig sauber und bleiben schmutzig. Davon können sie dann krank werden und ausfallen. Und das willst du doch bestimmt nicht.«
Nein, das wollte Melanie wirklich nicht. Sofort versprach sie dem Zahncremekobold, nie wieder mit der Tube zu spielen.
»Melanie will schöne Zähne haben.«, sagte sie, als sich der kleine Besucher verabschiedete und mit einem weiteren ploppen verschwand.

»Mama, will Zähne putzen.«, rief Melanie etwas später nach dem Abendessen wieder durch das ganze Haus.

(c) 2009, Marco Wittler

230. Ein Besuch beim Zahnarzt

Ein Besuch beim Zahnarzt

Schon am frühen Morgen saß Peter ganz unruhig auf seinem Bett, als er sich die Schleifen seiner Schuhe band. Immer wieder sah er auf die Uhr. Bedrohlich tickten die Zeiger im Kreis herum.
»Du kommst zu spät zur Schule. Beeil dich ein wenig.«, rief Mama aus der Küche.
Peter stand auf, schnappte sich Rucksack und Jacke und verließ damit das Haus.
Im Bus saß er auf seinem Stammplatz. Vom Sitz direkt hinter dem Fahrer konnte er genau beobachten, welche Knöpfe wann gedrückt wurden. Doch heute schien ihn das überhaupt nicht zu interessieren.
»Mensch, was ist denn mit dir heute los?«, fragte sein bester Emil.
»So still kenne ich dich gar nicht. Da stimmt doch was nicht.«
Peter nickte und öffnete seinen Mund.
»Ich habe einen Wackelzahn. Meine Mama will heute Nachmittag mit mir zum Zahnarzt, um das blöde Ding ziehen zu lassen.«
Emil bekam große Augen. Zahnarzt? Das konnte nur schlimm ausgehen. Von diesen Besuchen hatte er schon unheimlich viel gehört.
»Meinem Onkel musste mal ein Zahn gezogen werden. Der wäre dabei fast verblutet.«
Solche Geschichten wollte Peter nun gar nicht hören. Er hielt sich die Ohren zu und trat seinem Freund auf den Fuß.
In der Schule ging es dann so weiter, denn Emil hatte nichts Besseres zu tun, als allen anderen Kindern zu erzählen, dass heute jemand zum Zahnarzt gehen musste.
»Ich will ja keine Namen nennen, denn das wäre meinem besten Freund Peter gar nicht recht.«
Alle lachten. Und schon viel jedem etwas Schauriges ein, dass irgendwer schon einmal beim Zahnarzt erlebt haben sollte.
»Mein Vater kennt jemanden, der …«, begannen die Kinder zu berichten oder »Ich habe von einem Mann gehört, …«
Peter wurde es mit jeder Stunde flauer im Magen. Er wollte nicht, dass ihm ein fremder Mann die Finger in den Mund steckte und ihm höllische Schmerzen bereitete.
Nach der Schule verkroch er sich ohne Mittagessen sofort in sein Zimmer. Er überlegte ernsthaft, ob er sich unter dem Bett oder im Schrank verstecken sollte. Allerdings wusste er, dass es nur Minuten dauern würde, bis Mama ihn gefunden hatte.
Er fügte sich also in sein Schicksal und fuhr mit ihr eine Stunde später los.
Vor der Praxis wurde ihm schlecht.
»Ich glaube, ich werde krank. Ich sofort nach Hause ins Bett.«, flehte er Mama an.
Die verdrehte aber nur die Augen und öffnete die Tür.
Im Wartezimmer saßen nicht viele Leute.
»Das ist ja prima. Dann musst du nicht so lange warten.«, sagte  eine Helferin.
»In ein paar Minuten rufe ich dich auf und bringe dich dann ins Behandlungszimmer.
Peter schloss die Augen. Gab es jetzt noch eine Möglichkeit, heile hier heraus zu kommen? Doch als er seine Lider wieder öffnete waren die Zeiger auf der Uhr ein Stück weiter getickt und es war Zeit, sich um den Zahn zu kümmern.
›Sprechzimmer 3‹ stand an der Tür. Peter wurde hindurch geleitet und auf einem großen Stuhl platziert. Nur Sekunden später kam ein Mann in weißen Sachen herein.
»Hallo Peter, ich bin Doktor Schmidt.«
Sie schüttelten sich die Hände. Der Doktor kräftig, Peter recht ängstlich.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte der Zahnarzt.
»Weißt du was? Das geht mir auch immer so, wenn ich meine Zähne behandeln lasse. Dann leg ich mich immer zur Ablenkung in meinen coolen Pilotensessel, schließe die Augen und stelle mir vor, dass ich mit einem schnellen Düsenflugzeug durch den Himmel sause.«
Die Idee fand Peter klasse. Sofort schloss er seine Augen. Während er noch versuchte, sich in ein Cockpit zu denken, spürte er auch schon, wie sich der Sessel unter ihm auf und ab bewegte. Es war tatsächlich wie in einem echten Flugzeug.
Er sah sich um und stellte fest, dass der Behandlungsstuhl beweglich war. Er musste lachen.
Bei dieser Gelegenheit warf der Zahnarzt schon einmal einen Blick in den Mund des Jungen.
»Ach, da seh ich ja auch schon den Übeltäter. Milchzahn in vorderster Reihe. Der wackelt doch bestimmt schon eine ganze Weile und wartet nur darauf, endlich da raus zu kommen.«
Peter bekam wieder Angst. Sofort fiel ihm wieder eine der Geschichten aus der Schule ein. Ein Onkel eines Mädchens wurde mal ein Zahn mit einer riesigen Werkzeugzange gezogen. Jedenfalls hatte sie das gehört.
Peter schloss seinen Mund und schüttelte den Kopf. Durch die Lippen presste er ein paar kaum verständliche Worte heraus.
»Der Zahn wackelt gar nicht. Der muss noch nicht raus.«
Der Zahnarzt kratzte sich an der Stirn.
»Das ist ja komisch. Dabei sieht er sogar danach aus, als wäre er für sein nächstes Abenteuer bereit.«
Nun wurde Peter neugierig. Zähne erlebten Abenteuer?
»Weißt, du was? Ich werde dir davon erzählen. Du darfst es aber niemandem verraten.«, flüsterte der Zahnarzt.
Peter nickte stumm und sperrte seine Ohren weit auf.
»Wenn die Zähne bereit sind, aus dem Mund heraus zu kommen, dann springen sie entweder von allein heraus oder sie lassen sich von mir ziehen. Und dann gehen sie auf eine lange Wanderschaft, bis sie am eisigen Südpol ankommen. Dort, im ewigen Eis, spielen sie dann mit anderen Zähnen aus der ganzen Welt verstecken.«
Peter konnte sich nur zu gut vorstellen, wie schwierig es war, in weißem Schnee und Eis einen Zahn zu finden.
»Na gut, dann bin ich jetzt bereit. Holen sie das Ding aus mir raus.«
Er legte sich auf dem Behandlungsstuhl zurecht und öffnete seinen Mund. Der Zahnarzt holte eine kleine Sprühflasche hervor und hielt sie dem Jungen vor die Nase.
»Das hier ist ein Eisspray. Das muss man vorher auf den Zahn sprühen, damit er sich schon einmal an die Kälte gewöhnen kann. Das wird etwas eisig auf dem Zahnfleisch. Also erschreck dich bitte nicht.«
Es erklang ein kleines Zischen, dann wurde es kalt, als wenn Peter ein Eisbonbon gelutscht hätte.
Nun holte der Zahnarzt mit seinen Fingern den Zahn einfach heraus. Er zog kurz daran und weg war er.
»So, dann kann der kleine weiße Mann ja endlich auf Wanderschaft gehen. Hat es denn weh getan?«
Peter lachte und schüttelte den Kopf.
»Nicht ein bisschen. Ich hab gar nicht mitbekommen, dass der Zahn schon raus ist.«
Der Zahnarzt grinste.
»Und weißt du, was das Beste daran ist?«
Sobald du wieder zu Hause bist, kannst du dir einen Strohhalm durch die Lücke stecken. Denn mit geschlossenem Mund kann nicht jeder etwas trinken. Und zum Pfeifen ist das auch gut.«
Sie verabschiedeten sich lachend. Doch bevor Peter die Praxis verließ, rief ihm der Zahnarzt noch etwas nach.
»Und denk immer daran, dir deine Zähne zu putzen. Deine neuen Zähne, die bald wachsen, bleiben normalerweise länger drin, als ein Milchzahn.«

(c) 2009, Marco Wittler

209. Der Zahnteufel

Der Zahnteufel

Lisa stand im Badezimmer und sah in den Spiegel hinein. Aus dem Spiegel sah ihr eine zweite Lisa zu.
Lisa nahm die Zahnbürste aus dem Becher und drückte etwas Zahncreme darauf. Doch bevor sie sie in den Mund steckte, packte sie sie wieder fort.
»Zähne putzen ist doof. Das macht keinen Spaß.«, sagte sie sich und verließ das Badezimmer.
Auf dem Flur kam ihr Mama entgegen.
»Hast du auch deine Zähne geputzt?«
Lisa wurde rot im Gesicht und sah verschämt zu Boden.
»Ja, das hab ich.«, log sie Mama an und lief schnell in ihr Kinderzimmer.
Aber Mama wusste sofort, dass das nicht stimmte. Sie ging hinterher und fragte noch einmal.
»Hast du wirklich deine Zähne geputzt? Du weißt doch, dass sonst der Zahnteufel kommt und alle deine Zähne klaut.«
Sofort bekam Lisa Angst und lief zurück ins Badezimmer. Sie putzte nun doch ihre Zähne, denn dem Zahnteufel wollte sie auf keinen Fall begegnen.

Am nächsten Morgen begann die Geschichte wieder von vorn. Lisa stand im Bad und putzte sich nicht ihre Zähne. Mama wusste das und erzählte wieder vom Zahnteufel. Doch diesmal schob das Mädchen ihre Angst fort.
»Den Zahnteufel gibt es bestimmt nicht. Du willst mir nur Angst machen.«
Mama zuckte mit den Schultern und ging in die Küche. Von dort aus rief sie ihrer Tochter noch etwas zu.
»Wenn du meinst, es gibt keinen Zahnteufel, dann putz dir halt nie wieder die Zähne. Du wirst schon sehen, was dann passiert.«
Lisa war glücklich und ging spielen. Doch schon ein paar Minuten später klopfte es ans Fenster. Auf der anderen Seite des Glases saß ein kleines Männchen in einem weißen Kittel.
Neugierig öffnete Lisa das Fenster.
»Wer bist du denn?«, fragte sie.
Das kleine Männchen hüpfte hinein und und stellte sich vor.
»Hallo, kleines Mädchen. Ich bin der Zahnteufel. Ich bin gekommen, weil du dir heute nicht die Zähne putzen wolltest.«
Sofort bekam Lisa Angst. Würde ihr der kleine Kerl jetzt alle Zähne klauen?
Sie begann zu weinen.
»Du musst doch nicht traurig sein, kleines Mädchen. Ich bin doch nicht böse.«
Der Zahnteufel setzte sich auf die Tischkante und holte ein großes Buch aus seiner Hosentasche.
»Ich bin nur zu dir gekommen, um dir zu zeigen, was geschieht, wenn man seine Zähne nicht putzt.«
Er schlug das Buch auf.  Dort waren Bilder von Kindern, die nicht mehr alle Zähne im Mund hatten.
»Weißt du, wenn man die Zähne nicht mehr putzt, werden sie immer schmutziger. Davon werden sie irgendwann krank und fallen dann von allein heraus.«
Der Zahnteufel seufzte.
»Und alle Eltern sagen einfach immer, dass ich daran schuld wäre. Dabei ist es gar nicht so. Ich möchte einfach nur, dass jedes Kind seine Zähne putzt. Denn schmutzige Zähne riechen auch nicht gut.«
Nun war Lisa erleichtert. Jetzt hatte sie keine Angst mehr vor dem Zahnteufel.
»Weißt du was?«, sagte sie.
»Ich gehe jetzt sofort ins Badezimmer und werde mir meine Zähne putzen.«
Sie flitzte los und schnappte sich ihre Zahnbürste. Als sie ein paar Minuten später zurück war, war der Zahnteufel mit seinem großen Buch verschwunden.

(c) 2009, Marco Wittler