Enterhäkchen – Kapitel 8 – Der König sorgt für Ärger

Kapitel 8
Der König sorgt für Ärger

Innerhalb einer Tagesreise war die Stadt fast erreicht. Doch dieses Mal fuhr die Piratenseele nicht direkt in den großen Hafen ein. Enterhäkchen hatte entschieden, dass es weniger Aufsehen und Angst sorgen würde, wenn sie mit Schaluppen an den Strand ruderten und den Rest des Weges zu Fuß zurück legen würden.
Pat steuerte eine abgelegene Bucht an, wo sie vor Anker gingen. Die kleinen Boote wurden zu Wasser gelassen, die Piraten verluden vorsichtig den Verletzten und ruderten ihn an Land. Mit Hilfe einer Trage brachten sie Paul durch den dichten Wald hindurch. Selbst laufen konnte er nicht mehr. In den letzten Stunden hatte sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert. Er hatte hohes Fieber bekommen, fror, zitterte am ganzen Körper und halluzinierte. Er sah immer wieder Dinge, die es eigentlich gar nicht gab. Enterhäkchen war ununterbrochen an seiner Seite und versuchte, immer wenn es der Weg durch das Unterholz zuließ, seine Hand zu halten und ihn zu beruhigen.
»Hey! Nein! Was soll das?«, schrie Paul. »Lasst mich gehen. Ich werde euch niemals unser Versteck verraten. Eher krepiere ich hier.«
Er versuchte immer wieder von der Trage aufzustehen, sich von seinen Begleitern loszureißen und irgendwo hin zu flüchten.
»Du bist in Sicherheit.« Enterhäkchen legte ihre Hände auf seine heißen Wangen, blickte ihm tief in die Augen und versuchte ihn zu beruhigen. »Ich bin bei dir und passe auf dich auf. Wer auch immer dir etwas antun will, ich werde dich vor ihnen beschützen.«
Er riss sich los. »Auf die Pferde, Gefährten. Reiten wir dem Sonnenuntergang entgegen. Dort wartet das Paradies.« Paul sackte in sich zusammen und atmete schwer. Dann kam er plötzlich wieder hoch. »Legt die Gewehre an, meine Waffenbrüder. Dort, am Ende des Regenbogens, wartet ein großer Topf voll Gold auf uns. Wir müssen nur die Gnome vertreiben, die ihn vor uns verteidigen wollen.« Nichts von dem, was er das faselte, machte irgendeinen Sinn. Alles war völlig zusammenhanglos.
Enterhäkchen schmerzte es, ihn in diesem Zustand sehen zu müssen und nichts dagegen unternehmen zu können. »Wir bringen dich zu einem Arzt. Wir beeilen uns. Du musst mir nur versprechen, so lange durchzuhalten. Stirb mir nicht weg, bevor wir angekommen sind.«
Wieder musste sie ein Stück zurück bleiben, da die Bäume nun dichter beieinander standen.
»Macht Platz für euren König, dreckiges Gewürm. Mich gelüstet es nach einem Bade.«
»Beeilt euch doch.« Enterhäkchen wurde immer nervöser. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie es noch rechtzeitig bin in die Stadt schaffen würden.
»Ich kenne ein Mädchen, das ist wunderschön, doch leider kann niemand ihren Namen je verstehen. Sie versteckt sich hinter einem Kosenamen. Doch ich kenne ich kenne ihr großes Geheimnis. Nennt mich Meister Superschlau. Des Enterhakens Name lautet …« Paul kippte auf der Trage zurück und war eingeschlafen.
»Hört nicht auf ihn. Er fantasiert. Ihr kennt meinen Namen. Es gibt keinen anderen.« Enterhäkchen marschierte trotzig an der ganzen Gruppe vorbei und übernahm die Führung.

Sie marschierten ohne Pause weiter. Mal ging es durch das dichteste Dickicht, mal machten ihnen die Bäume genug Platz und sie kamen schneller voran. Nach einer ganzen Weile wachte Paul wieder auf und sah sich verwirrt um. »Wo bin ich? Wer hat es gewagt, den König von seinem Thron zu holen? Ihr Unholde werdet für meine Entführung büßen. Ich höre schon das Getrappel der Pferde meiner Leibgarde. Sie werden euch alle zur Strecke bringen und niemanden verschonen. Ihr werdet euer Leben noch schmerzlich vermissen.«
Mittlerweile achteten die Piraten nicht mehr auf seine Wahnvorstellungen. Was ihnen dann aber dennoch auffiel, dass sie tatsächlich galoppierende Pferde hörten, die sich schnell näherten.
»Was ist das?« Enterhäkchen sah sich um, versuchte zu erkennen, was da vor sich ging. Sie befanden sich nur noch wenige Meter von einem Waldweg entfernt, auf dem sich von der einen Seite eine Gruppe Reiter näherte. »Ich habe da ein mieses Gefühl. Wir sollten uns in den Büschen verstecken und abwarten, bis sie vorbei sind.«
Die Piraten zogen sich zurück, tarnten sich notdürftig mit Farnblättern und verhielten sich mucksmäuschenstill. Niemand würde sie hier entdecken, vor allem keine schnellen Reiter.
»Ich bin euer König.«, rief plötzlich Paul. Ich befehle euch, für mich zu tanzen. Unterhaltet mich.«
Enterhäkchen versuchte ihr Möglichstes, aber bekam ihre Hand nicht schnell genug auf den Mund des Verletzten. Verzweifelt sah sie sich um. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Hatte man Paul gehört? Die Antwort kam schnell. Der vorderste Reiter hob seine Hand, brachte die Gruppe dazu, stehen zu bleiben. Er legte einen Zeigefinger auf seine Lippen und sah sich suchend um, konnte aber nichts entdecken. Zumindest die Tarnung im Grünen hatte funktioniert.
»Wir möchten dem König unsere Aufwartung machen. Die Tanzgruppe zu seiner Belustigung ist eingetroffen. Wir werden ihm ein unvergessliches Spektakel bieten.«
Paul versuchte sich, aus der Umklammerung Enterhäkchens zu befreien. Er wand sich hin und her, kam aber nicht frei. Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte öffnete er den Mund und biss der jungen Piratin in einen Finger.
»Autsch! Verdammt! Was soll denn das?«
Sofort verstummte sie wieder. Ihr Gesicht lief rot an. Man hatte sie gehört. Jetzt wussten die Reiter eindeutig, wo sich das Versteck befand.
»Möge der König vortreten und die Tanzgruppe begrüßen. Wir überbringen ihm Grüße.«
Man konnte dem Anführer der Reiter ansehen, dass er nichts Gutes im Schilde führte. Enterhäkchen winkte Nanuk zu sich, der leise zu ihr kroch. Er übernahm Pauls Mund und achtete weiter darauf, dass ihm kein weiterer Laut entwich. Dann nahm sie Pat zur Seite und flüsterte ihr etwas zu. Gemeinsam krochen sie aus dem Versteck und stellten sich den Reitern.
»Es gibt hier keinen König. Weit und breit sind wir hier die einzigen Wanderer.«, erklärte Enterhäkchen mit einem Zittern in der Stimme. »Wir sind Schauspieler und proben unser Stück, welches wir in der Stadt darbieten möchten. Das ist die einzige Möglichkeit für uns, ein wenig Geld zu verdienen. Bitte nehmt uns nicht übel, dass wir euch mit dieser Textpassage verwirrt haben.«
Der Reiter musterte sie gründlich. »Und was drückt ihr euch in den Büschen herum wie gewöhnliche Verbrecher?«
»Ich bin nur eine einfache, schwache, alleinstehende Frau, die mit ihrer einzigen Tochter allein im Wald umher irrt. Wie würdet ihr an unserer Stelle reagieren, wenn sich eine Horde dunkler Reiter nähert? Wir müssen immer und überall um unser Leben und unsere Gesundheit bangen. Dies ist weder der Ort noch die Zeit für Frauen und Kinder. Da werdet ihr mir sicher zustimmen.«
Der Reiter ließ sich die Worte durch den Kopf gehen und nickte schließlich. Dann steig er langsam aus dem Sattel und ließ sich zum Boden herab. Er trat auf Pat zu. Er kam ihr so nah, dass sein Gesicht nur eine Hand breit von ihrem entfernt war.
»Und ihr seid euch wirklich sicher, dass ihr nicht zum Gefolge eines echten Königs unterwegs seid und uns von ihm ablenken sollt?«
Pat zögerte, dann nickte sie mehrmals schnell hintereinander.
»Nicht auszudenken, was einem Kind hier geschehen könnte, wenn ihr uns anlügt. »Er legte seine große Hand um Enterhäkchens Kinn und drückte kräftig zu. »In diesem Teil des Waldes sollen gesuchte Verbrecher ihr Unwesen treiben.«
»Sehen wir aus, als würden wir einem Hofstaat angehören? Schau uns doch nur an.«
Der Reiter musterte sie ein weiteres Mal. »Vielleicht hast du ja Recht. Der Adel uns seine Bediensteten würden niemals in diesen stinkenden, abgeranzten Kleidern reisen.«
Er schwang sich zurück auf den Rücken seines Pferdes, während sich Pat nur mit Mühe bremsen konnte. Sie fühlte sich in ihrer Piratenehre verletzt. Nur zu gern würde sie diesen unverschämten Kerl mit ihrem Säbel durchbohren. Enterhäkchen nahm ihre Hand und drückte diese. Das half dabei, sich wieder zu beruhigen.
»Dann setzen wir unseren Ritt nun fort. Vielleicht werden wir den König doch noch irgendwo treffen, damit wir ihn vor dem Diebesvolk warnen können.«
Er deutete an, sein Pferd die Sporen spüren zu lassen, doch dann griff er in seine Tasche, holte einen kleinen Stein daraus hervor und warf ihn ohne Vorwarnung ins Gebüsch. Nur knapp sauste dieser an Nanuks Ohr vorbei und fiel auf den Waldboden. Alles blieb still.
»Nun denn. Wir haben noch Termine wahrzunehmen.« Der Reiter gab seinen Begleitern ein Zeichen. Die Gruppe setzte sich in Bewegung und galoppierte tiefer in den Wald hinein. Enterhäkchen atmete erleichtert aus. Die letzte Minute hatte sie die Luft angehalten. »Das war ganz schön knapp. Ich hoffe, dass wir den Rest des Weges unbemerkt und ohne weitere Probleme gehen können.«
Sie winkte den Piraten. Sie konnten das Versteck wieder verlassen. Nanuk legte Paul zurück auf die Trage und nahm die Hand von dessen Mund.
»Das wirst du mir büßen, du Unhold.«, rief Paul. »Ich werde den Trollen befehlen, Löcher in deine Schuhe zu beißen und deine Unterwäsche einlaufen zu lassen, damit es überall zwickt und zwackt.«
Allgemeines Stöhnen ging durch die Piratengruppe.
»Ich werde es euch beweisen. Die von mir erfundene Wasserrutsche vom höchsten Punkt des Regenbogens an sein Ende wird der größte Erfolg der Geschichte. Ihr werdet es schon sehen.«

Nach ein paar weiteren Stunden Fußmarsches, die sie glücklicherweise unbehelligt blieben, erreichten sie endlich die Grenze der Stadt. Nun waren sie endlich in Sicherheit. Die Piraten brachten Paul zu einem Arzt, der das verletzte Bein mit tiefen Sorgenfalten untersuchte.
»Ihr hättet ihn viel früher zu mir bringen müssen.«
Enterhäkchen biss sich auf die Zunge und verbat sich eine Antwort. Sie wusste selbst, wie schlecht es stand und dass es nicht schneller gegangen war.
»Die Verletzung geht sehr tief, vielleicht bis zum Knochen. Ein Teil des Gewebes ist abgestorben. Die Entzündung verbreitet sich immer weiter in seinem geschwächten Körper. Ich werde sehen, was ich retten kann. Aber ihr müsst verstehen, dass ich euch nichts versprechen kann.«
Der Arzt ließ seinen Blick von einem zum nächsten Gesicht wandern. »Mit ein wenig Unterstützung wäre es mir natürlich möglich, sein Leben zu retten.«
»Du bist nicht nur ein Körperflicker, du bist auch ein Halsabschneider.« Enterhäkchen löste einen Lederbeutel von ihrem Gürtel und warf diesen dem Arzt zu. »Das dürfte deine Mühen äußerst großzügig ausgleichen.«
Er öffnete den Beutel und sah die Goldmünzen darin. Gierig nickte er und steckte den Beutel ein.
»Ich fange sofort mit der Operation an.«

(c) 2021, Marco Wittler

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