203. Geist sucht Schloss

Geist sucht Schloss

Herr Simon saß in seinem Wohnzimmer und las die Zeitung. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Er kam am Nachmittag von der Arbeit, kochte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich dann zum Lesen in seinen Sessel.
»Wie herrlich das duftet.«
Er nahm einen großen Schluck und las weiter. Doch weit kam er nicht, denn er hörte ein verdächtiges Geräusch. Irgendwer schien sich im Haus zu befinden.
»Hallo?«, rief Herr Simon.
»Ist da jemand?«
Die Schritte verstummten. Es war wieder still.
War alles nur eine Sinnestäuschung gewesen? Herr Simon war sich nicht sicher. Aber dann war er sich sicher, dass nur er selbst einen Haustürschlüssel besaß. Er blätterte eine Seite weiter und überflog die Todesanzeigen.
Doch was war das? Schon wieder ein Geräusch? War doch jemand im Haus?
Herr Simon legte die Zeitung leise zur Seite, stellte den Kaffee auf den Tisch und stand auf. Er hielt die Hand ans Ohr und schlich von Raum zu Raum.
In der Küche war nichts zu hören. Auch im Badezimmer war alles still. Im Schlafzimmer war es ganz friedlich und im Büro war niemand zu entdecken.
»Das scheint vom Dochboden zu kommen.«, sagte sich Herr Simon.
Er blickte im Flur zur Decke. Dort war die Einstiegsluke. Er öffnete einen Schrank, holte eine Stange heraus und zog die Bodentreppe herunter. Auf ihr stieg er Stufe für Stufe nach oben.
Vorsichtig steckte er den Kopf durch die Luke und sah sich um.
»Wer ist da?«
Es kam keine Antwort.
»Ich bin bewaffnet und kann mich wehren.«
Doch so sehr er auch in seiner Hosentasche suchte, es war nichts zu findet, womit er einen Einbrecher bedrohen konnte.
Die Geräusche waren nun wieder verstummt. Deswegen stieg Herr Simon den Rest der Treppe hinauf und schaltete das Licht an.
In diesem Moment verschwand etwas hinter einer Kiste und versteckte sich.
»Wer ist da?«
Doch der Fremde antwortete nicht.
Herr Simon sah sich um und fand einen alten Regenschirm, den er sich nun schnappte. Einen Schlag damit würde den Einbrecher zwar nicht verletzen, aber wenigstens etwas verwirren.
Langsam schlich Herr Simon auf die Kiste zu. Als er direkt davor stand, sprang er hoch und wollte dem Fremden einen Hieb versetzen. Doch dann erlebte er eine Überraschung.
»Bitte schlagen sie mich nicht.«, war eine unheimliche Stimme zu hören.
»Du meine Güte.«, rief Herr Simon entsetzt.
»Ich habe einen Geist auf meinem Dachboden.«
Er ließ den Regenschirm fallen und wollte sofort weg laufen, doch dann flog der Geist um ihn herum.
»Haben sie bitte keine Angst. Ich werde ihnen nichts tun.«
Herr Simon beruhigte sich. Nun konnte er eh nicht mehr fort laufen.
»Mein Name ist Theodor von Geisterfels. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Heim.«
Sofort schüttelte Herr Simon verzweifelt den Kopf.
»Du kannst auf keinen Fall in meinem Haus bleiben. Was sollen denn die Leute denken. Die werden mich bestimmt für verrückt erklären. Außerdem gehört ein Geist in eine Burg.«
Theodor blickte traurig zum Boden.
»Meine Burg gibt es nicht mehr. Sie ist mit den Jahrhunderten baufällig geworden und wurde vor einer Woche abgerissen. An ihrer Stelle soll ein modernes Hotel gebaut werden. Dort ist man dann als Gespenst völlig unerwünscht.«
Der Geist schniefte leise, nachdem er in sein Bettlaken geschnäuzt hatte.
»Dann werde ich mir wohl eine andere Bleibe suchen müssen.«
Theodor schwebte fort und verschwand durch die Wand. Doch da gab es ein Problem. Seine Geisterkette knallte dabei gegen das Gemäuer und ließ den Putz herab bröseln.
»Was ist denn das?«, fragte sich Herr Simon.
Er sah sich die Beschädigung genauer an. Unter dem Putz tauchten ein altes Wappen und eine Jahreszahl auf.
»1654, Schloss Felsenburg.«
Er kratzte sich am Kinn. Doch dann fiel ihm etwas ein.
»Mein Haus ist Teil des alten Stadtschlosses. Das wusste ich gar nicht. Das ist ja eine Überraschung.«
In diesem Moment tauchte der Geist wieder auf.
»Du lebst in einem alten Schloss? Dann kann ich ja doch auf deinem Dachboden bleiben.«
Herr Simon lachte.
»Es sieht wohl ganz so aus.«
Von diesem Tag an war Herr Simon nicht mehr allein in seinem Haus. Nun saß er jeden Tag nach der Arbeit mit seinem Freund Theodor im Wohnzimmer. Gemeinsam tranken sie Kaffee, lasen zusammen in der Zeitung und rasselten hin und wieder nacheinander an der Geisterkette.

(c) 2009, Marco Wittler

186. Die erste Schlittenfahrt

Die erste Schlittenfahrt

Christian saß in seinem Kindersitz und vergrub sein Gesicht tief hinter einem dicken Schal. Seine Eltern hatten ihm einen lustigen Tag im Schnee versprochen. Also hatte er sich die letzten Tage auf Schneeballschlachten und Schneemannbauen gefreut. Doch nun waren sie mit dem Auto unterwegs zu einem hohen Berg.
»Dort liegt viel mehr Schnee als bei uns.«, hatte Papa erzählt.
Doch dann packte er den Schlitten in den Kofferraum. Christian konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als mit einem Schlitten einen Berg hinab zu fahren. Am letzten Wochenende war sein bester Freund Michl bei einer Fahrt so schlimm gestürzt, dass er einen großen blauen Fleck bekommen hatte.
»Müssen wir das wirklich machen? Können wir nicht einfach nur einen Schneemann bauen und wieder nach Hause fahren?«, fragte Christian.
Aber Papa schüttelte den Kopf.
»Aber dann verpassen wir doch den ganzen Spaß. Du weißt ja gar nicht wie viel Spaß es macht, wenn einem der Wind um die Nase fegt. Außerdem kribbelt es bei schnellen Schlittenfahrten immer im Bauch. Das ist fast wie in der Achterbahn.«
Achterbahn? Christian wurde es flau im Magen. Er hatte einmal eine im Fernsehen angeschaut. Die Wagen der Bahn rasten auf einer Schiene entlang, und drehten sich sogar so weit, dass die Fahrgäste auf dem Kopf standen. Das konnte doch keinen Spaß machen.
In diesem Moment parkte Papa das Auto. Er stieg aus, holte den Schlitten hervor und half seinem Sohn beim Aussteigen.
»Fahr doch schon mal ohne mich. Ich muss mir noch die letzten Seiten in meinem Bilderbuch anschauen. Das kann ich jetzt unmöglich verschieben.«
Aber es half nichts. Papa ließ nicht mit sich diskutieren.
Sie stiegen mit mehreren anderen Menschen in eine Gondel, die an einem langen Seil auf den Berg gezogen wurde.
»Was sind denn das für komische Bretter, die der Mann da in der Hand hält?«
Papa sah sich um.
»Das sind Skier. Die schnallt man sich unter die Füße und fährt damit die Berge hinab.«
Christian bekam große Augen. Es gab tatsächlich noch etwas Gefährlicheres als den Schlitten.

Als sie auf der Bergspitze ankamen, stellte Papa sofort den Schlitten auf den Schnee. Er forderte seinen Sohn auf, sich darauf zu setzen, doch dieser weigerte sich. Also musste er es selbst vormachen.
»Siehst du, da passen wir auch zu zweit drauf. Und passieren kann da gar nichts. Das Verspreche ich dir.«
Christian wollte nicht. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah trotzig in eine andere Richtung.
Papa stand wieder auf.
»Ich werd uns mal etwas zu Trinken besorgen. Passt du so lange auf den Schlitten auf?«
Er stiefelte fort. Christian sah sich den Schlitten an, der sich nun langsam allein in Bewegung setzte. Er lief schnell hinterher und stellte ihn quer zum Berg.
»Und damit du das nicht noch einmal versuchst, setzte ich mich auf dich drauf.«
In diesem Moment kam Papa zurück.
»Was ist denn das? Du sitzt ja auf dem Schlitten. Willst du jetzt doch fahren?«
Und schon saß er hinter seinem Sohn und gab mit den Füßen Schwung.
»Hilfe!«, schrie Christian.
Doch das half nun auch nichts mehr. Die wilde Fahrt hatte begonnen. Es ging von einem Hügel zum anderen. Sie rasten durch die Kurven und überholten einen Skifahrer nach dem anderen. Dabei kamen sie den Tannen am Rand der Piste gefährlich nahe. Nicht einmal vor kleinen Sprüngen machte der Schlitten Halt. Erst auf dem Parkplatz kamen sie wieder zum Stehen.
»Du meine Güte.«, sagte Christian.
Er war noch völlig aus der Puste und schnappte laut nach Luft, bevor er aufstand.
»Das war richtig toll. Los, Papa, lass uns gleich noch mal fahren.«
Doch packte winkte ab. Sein Gesicht hatte eine grünliche Farbe angenommen. Ihm war schlecht geworden.
»Auf keinen Fall mache ich das noch einmal. Lieber fahre ich einen ganzen Tag lang mit der Achterbahn. Auf diesen Berg bekommt mich keiner mehr hinauf.«
Während Papa aufstand musste Christian ganz laut lachen, denn er hatte die Angst vor Schlittenfahrten verloren.

(c) 2009, Marco Wittler

183. Im Zeltlager

Im Zeltlager

Dunkelheit hatte sich über das Land gelegt. Dichte Wolken zogen über den Himmel und ließen kein Licht zum Boden gelangen. Alle Bäumen des Waldes schienen den Atem anzuhalten. Kein Windhauch raschelte an ihren Blättern entlang. Die Grillen waren verstummt. Es war totenstill.
Inmitten dieser Einsamkeit standen ein paar kleine Zelte auf einer Lichtung. Zwischen ihnen loderte ein Lagerfeuer. Sein Knistern war das einzige Geräusch weit und breit.
»Findet ihr nicht, dass es plötzlich auffällig still geworden ist?«, fragte Erik seine beiden Freunde.
Daniel und Tim sahen sich ängstlich um.
»Meinst du etwa, es gibt Geister hier im Wald? Hoffentlich bleiben die, wo sie sind.«
Schon bereuten sie ihren Entschluss, mit zum Zeltlager gefahren zu sein. Wenn doch nur der Gruppenleiter wieder auftauchen würde. Er wollte doch nur ganz kurz ins Zelt gehen, um sich etwas Orangensaft zu besorgen. Die drei Jungen hatten das Gefühl, dass das schon vor einigen Stunden gewesen war.
»Wenn er jetzt nicht bald kommt, siehst du nach, was passiert ist.«, sagte Erik zu Tim.
»Warum muss ich denn nachsehen. Ich lasse mir doch nichts von dir befehlen.«, entgegnete dieser.
Daniel sah tief in den Wald hinein und tat so, als hätte er die beiden nicht gehört. Angst hatten sie alle drei. Aufstehen wollte keiner von ihnen.
»Dann gehen wir halt alle drei, wenn es sein muss. Ihr sollt euch ja nicht in die Hosen machen, wenn ich in den Zelten nachschaue.«, konterte nun Erik wieder.
Plötzlich knackte es im Wald. Irgendetwas war ganz in der Nähe.
»Was ist das?« Daniel wäre nur zu gern aufgesprungen und hätte sich unter einem Haufen Blätter versteckt. Doch selbst das war ihm jetzt zu gefährlich geworden.
»Hier am Feuer sind wir doch sicher.«, sprach er mit zittriger Stimme.
»Geister, Gespenster und wilde Tiere fürchten sich doch davor. Oder etwa nicht?«
Seine Freunde sagten nichts mehr. Sie hielten sich an den Händen und erwarteten das Schlimmste. War es ein Vampir oder sogar noch eine schlimmere Kreatur, die auf sie wartete?
Wieder knackte es, dieses Mal ein paar Meter weiter rechts. Die drei Jungen zuckten sofort zusammen. Sie sprangen auf, schrien und liefen auf eines der Zelte zu. Sie sahen sich nicht um, obwohl sie schwere Schritte hinter sich hörten.
Kurz bevor sie ihr rettendes Ziel erreicht hatten, wurden sie an den Armen gepackt und gehalten.
»Bitte friss uns nicht auf. Wir sind doch nur unschuldige Kinder.«, riefen sie in ihrer Verzweiflung.
»Warum sollte ich euch den fressen wollen?«
Es war der Gruppenleiter, der hinter ihnen stand. Er wunderte sich sehr, was in die drei Jungen gefahren war.
»Ach, ich verstehe. Ich habt gehört, wie ich durch den Wald gelaufen bin. Das hat euch bestimmt erschreckt.«
Er kratzte sich am Kopf.
»Ich hab euch doch gesagt, dass ich im Dorf noch eine Flasche Saft kaufen gehe.«
Nun war auch geklärt, warum das alles so lange gedauert hatte.
Erik und seine Freunde waren erleichtert und konnten schon wieder etwas lächeln. Doch dann knackte es erneut im Wald.

(c) 2009, Marco Wittler

167. Die Monsterfamilie

Die Monsterfamilie

Jonas betrat zum ersten Mal den Schlafsaal der Jungen. Unter einer Klassenfahrt hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Im letzten Jahr waren sie nur zu dritt und zu viert in einem Zimmer. Doch nun schliefen vierzehn andere Jungen mit ihm in einem Raum.
»Das kann ja was werden. Hoffentlich schnarchen nicht zu viele, sonst kann ich nicht einschlafen.«
Er zog sich um und schlüpfte unter die Decke. Links und rechts von ihm flüsterten sich seine Klassenkameraden noch etwas zu. Doch dann kam der Lehrer herein, wünschte eine gute Nacht und schaltete das Licht ab.
Ein paar Minuten blieb es still. Doch dann war das erste Schnarchen zu hören und wieder einige flüsternde Stimmen. Doch da war noch etwas ganz anderes. Irgendwo war ein leises Wimmern zu hören. Es war so leise, dass Jonas es fast nicht bemerkt hätte.
»Wer weint denn da?«, fragte er.
Sofort meldeten sich alle, die noch wach waren. Sie stritten ab, dass sie Heimweh oder Angst hatten.
»Aber ich höre das doch ganz genau. Das kann doch gar nicht sein.«
Jonas fand das sehr seltsam. Er schlug die Decke beiseite, kramte seine Taschenlampe hervor und stand auf. Er machte sich sofort auf die Suche. Es musste schließlich jemand getröstet werden.
Im letzten Bett auf der anderen Seite des Raumes lag Niklas. Er war groß, stark und hatte vor nichts Angst. Und nun weinte er? Doch dann leuchtete ihm Jonas ins Gesicht und erkannte, dass Niklas tief und fest schlief.
»Irgendwo hier muss es doch sein.«
Er ließ sich auf den Boden nieder und warf einen Blick unter das Bett. Dort lag tatsächlich jemand und weinte leise.
»Was ist denn mit dir los? Warum liegst du denn unter einem fremden Bett?«
Der Traurige drehte sich um und rieb sich die verweinten Augen. Jonas erschreckte sich und hätte sich nur zu gerne unter seinem eigenen Bett versteckt, denn nun sah er sich einem richtigen Monster gegenüber, auch wenn es nicht so groß war.
»Ich bin letzte Nacht ganz allein umher gezogen und nun kann das richtige Bett nicht mehr finden. Ich bin schon hin und her geschlichen, aber nirgendwo war meine Familie. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Jonas war verblüfft. Er hatte schon oft von Monstern gehört, die unter Kinderbetten lebten und nachts heraus kamen. Aber er hatte nie gedacht, dass es auch kleine Monster gab, die Heimweh hatten.
Er sah sich um. Noch hatten die anderen Kinder nichts bemerkt, dass er etwas entdeckt hatte.
»Bleib hier, ich komme gleich wieder und werde dir helfen.«
Er stand auf, legte sich wieder in sein Bett und schaltete die Taschenlampe ab. Dann wartete er ein paar Minuten und schlich sich nun durch die Dunkelheit zum Monster und kroch ebenfalls unter das Bett.
»Da bin ich wieder. Ich warte jetzt mit dir zusammen, bis alle anderen eingeschlafen sind und dann helfe ich dir nach Hause zu kommen.«
Flüsternd erzählten sie sich über ihre Familien. Nach und nach trockneten auch die Tränen des kleinen Monsters. Nach einer Stunde wagten sie es dann, unter dem Bett hervor zu kommen.
»Jetzt gehen wir jedes Bett einzeln ab und schauen, was sich darunter verbirgt.«
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie überall nachgeschaut hatten, aber nur unter einem lag ein großes schnarchendes Monster, welches nicht gestört werden wollte.
»Vielleicht bist du ja aus einem der anderen Schlafsäle gekommen. Wir sollten mal durch die einzelnen Räume gehen.«
Drei der fünf Säle waren leer und ließen sich leicht kontrollieren. Doch Monster gab es keine. Schließlich blieb nur noch der Schlafsaal der Mädchen übrig.
»Da darf ich eigentlich gar nicht rein. Aber wenn wir ganz leise sind, werden wir bestimmt nicht bemerkt.«
Sie öffneten die Tür und traten ein. Es war ganz still. Alle Mädchen schliefen tief und fest. Sofort machte sich Jonas mit dem kleinen Monster auf die Suche. Aber alle Schlafplätze unter den Betten waren leer. Sie wollten ihre Suche schon verzweifelt aufgeben. Doch dann blieb ein allerletztes Bett über.
»Hier wird bestimmt auch niemand sein. Wenn kein Kind im Bett liegt, liegt auch nie ein Monster darunter.«
Jonas legte sich trotzdem auf den Boden und sah unter das Bett. Und das war auch sein Glück, denn dort funkelten ihn sechs Augen entgegen.
»Hallo, ihr drei Monster. Ich bin auf der Suche nach einer Familie, die ein kleines Monster vermisst. Könnt ihr mir vielleicht weiter helfen?«
Sofort wurden die Augenpaare größer und die Monster krochen leise hervor.
»Du hast unseren kleinen Jungen gefunden?«, fragte die Monstermama und sah sich um. Als sie ihren kleinen Sohn entdeckte schloss sie ihn sofort freudig in die Arme.
»Dein großer Monsterbruder hat dich schon beim Spielen vermisst.«
Das kleine Monster war so froh, dass es wieder zu Hause angekommen war und versprach, nie wieder allein auf Entdeckungsreise zu gehen.
Jonas hatte sich mittlerweile wieder nach draußen geschlichen und kehrte nun zufrieden in sein Bett zurück. Schon nach wenigen Augenblicken schlief er dort glücklich und zufrieden ein.

(c) 2008, Marco Wittler

165. In der Geisterbahn

In der Geisterbahn

Paul und Tim standen in einer großen Menschengruppe. Sie befanden sich auf einer großen Kirmes, die sich seit gestern in der Stadt befand. Vor ihnen ragte ein großes Fahrgeschäft auf. An den Seiten hingen große schaurige Wesen und über dem Eingang saß ein Monster mit langen Zähnen. Es war eine Geisterbahn.
»Willst du da wirklich rein gehen?«, fragte Tim.
»Aber natürlich. Das wird richtig cool. Oder hast du etwa Angst?«
Sofort schüttelte Tim den Kopf.
»Ich und Angst? Auf keinen Fall. Ich wollte nur sicher gehen, dass du es dir nicht im letzten Moment anders überlegst.«
Gemeinsam gingen sie zur Kasse und kauften sich die Eintrittkarten.
Nun dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Schlange vor ihnen kürzer wurden und sie an der Reihe waren. Doch nach zehn Minuten durften sie sich in ihren Wagen setzen. Ein paar Sekunden später setzte sich ihr Gefährt in Bewegung.
Mit einem Ruck knallten sie gegen eiserne Tore, die durch die Wucht auf schwangen. Die beiden Jungs wurden augenblicklich von der Dunkelheit verschluckt.
Hin und her ging die Fahrt, hinauf und herunter. Zu sehen war allerdings nichts. Doch plötzlich blitzte es von allen Seiten hell auf. Die Jungs mussten sich die Augen zuhalten. Als es vorbei war, fuhren sie durch die nächste Tür und fanden sich zwischen Furcht erregenden Figuren wieder, die hin und wieder nach dem Wagen griffen.
Von der Decke fielen Spinnen herab und kleine Monster schwangen sich über die Strecke hinweg.
Tim erschrak sich immer wieder, traute sich aber nicht, zu laut zu quietschen. Er hatte Angst, dass sich Paul über ihn lustig machen würde.
Hätte er einen Blick zur Seite gemacht, wäre ihm aufgefallen, dass Paul sich vor Angst nur noch die Augen zu hielt. Ihm war es viel zu gruselig.
Plötzlich hab es lautes Geräusch, als wäre etwas auf den Wagen gefallen. Die beiden Jungs drehten sich schnell um und sahen zwischen den Kopfstützen ihrer Sitze hindurch nach hinten. Dort hatte es sich ein Monster bequem gemacht und bereitete sich gerade darauf vor, die beiden zu erschrecken.
»Du meine Güte.«, flüsterte Paul.
»Das Monster wird uns fressen, wenn wir nichts unternehmen.«
Tim sah sich um und entdeckte zwei Geisterpuppen. Er griff nach ihnen und entriss ihnen die Bettlaken.
Das Monster stemmte sich gerade hoch und wollte die Insassen des Wagens an den Schultern packen. Doch als es über die Kopfstützen sah, blickten ihm zwei Geister in die Augen.
»Buh!«, machten sie und griffen nach dem Monster. Doch dieses war so erschrocken, dass es sofort fort sprang und um Hilfe schreiend in der Dunkelheit verschwand.
Tim und Paul waren froh, dass sie diese Fahrt überlebt hatten und fuhren nur Sekunden später wieder aus der Geisterbahn heraus.
Nun mussten sie sich allerdings wundern, denn draußen lief ein Mann in einem felligen Kostüm herum, der verzweifelt versuchte, die Menschen am Besuch der Geisterbahn zu hindern.
»Gehen sie nicht hinein. Dort drin sind Geister. Sie haben mich angefallen und hätten mich fast um den Verstand gebracht. Bleiben sie draußen und retten sie sich.«
Paul und Tim sahen sich, erinnerten sich noch einmal an ihr Erlebnis und mussten laut lachen.

(c) 2008, Marco Wittler

126. Das Zauberamulett

Das Zauberamulett

Der kleine Löwe Leonhard saß in der Schule und brütete über einer Klassenarbeit. Die Rechenaufgaben waren so kompliziert, dass er es richtig schwer hatte, sie zu lösen.
»Ich kann das einfach nicht. Dafür bin ich viel zu dumm.«, murmelte er die ganze Zeit vor sich hin.
Bei ein paar verstohlenen Blicken nach links, rechts, vorn und hinten, sah er, dass die anderen Schüler ziemlich flink die Ergebnisse auf ihre Blätter schrieben.
»Auch das noch. Ich werde bestimmt wieder als einziger eine schlechte Note bekommen.«
Leonhard war niedergeschlagen. Als die Schulglocke ertönte, packte er seine Sachen in den Schulranzen, gab seinen Zettel beim Lehrer ab und schlurfte traurig nach Hause.
Auf dem Weg durch die Stadt wurde der kleine Löwe von den anderen Kindern nach und nach überholt. Sie lachten, waren glücklich und machten viele Späße.
»Die haben ja auch nicht immer so ein Pech wie ich. Wie gern würde ich für einen Tag mit ihnen tauschen. Ich will auch einmal einen guten Tag erleben.«

Der nächste Tag war wie alle anderen auch. Leonhard quälte sich am Morgen aus dem Bett und ging, wenn auch ungern, zur Schule. Heute stand Sport auf dem Stundenplan. Nachdem sich die Kinder umgezogen hatten, ging es in die große Turnhalle.
Guido Giraffe hing an den Ringen und schaukelte wie wild durch die Gegend. Die Springbockzwillinge Nina und Lina hüpften über die Schwebebalken, als wenn es nur ein paar Zentimeter hoch wären. Und Olli, der dicke Elefant, schob die dicken, schweren Polstermatten durch die Gegend. Sogar Lukas Leopard Hans Hase jagten wie wild durch die Gegend. Es sah beinahe so aus, als für der kleine Nager die große Raubkatze fressen wollen. Aber zum Glück wussten alle, dass es nur ein harmloses Spiel war, denn man erzählte sich, dass Hasen ziemlich gefährlich werden könnten. Aber gesehen hatte es noch niemand.
Der einzige, der auf einer Bank saß, war Leonhard.
»Was ist denn los? Hast du heute keine Lust auf Sport?«, fragte die Lehrerin Frau Strauß.
»Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich traue mich einfach nicht. Es sieht alles so unheimlich gefährlich aus. Ich könnte von den Ringen abrutschen und mir ein Bein brechen oder beim Springen gegen den Schwebebalken prallen. Das wird garantiert ziemlich weh tun. Mit Olli kann ich gar nicht mithalten. Außerdem traue ich mich nicht, mich von Hans jagen zu lassen. Was wäre, wenn er auf einmal die Beherrschung verliert und mir ein Bein abbeißt? Das kann ich doch alles nicht riskieren. Da bleibe ich lieber hier auf meiner Bank und schaue den anderen zu. Das ist viel sicherer.«
Frau Strauß wusste nicht, was sie machen sollte. Es war jede Woche das Gleiche. Leonhard saß traurig da und sah den anderen zu. Da musste einfach etwas unternommen werden. Während sie wieder zu den anderen Kindern ging, überlegte sie fieberhaft an einer Lösung.

Nach ein paar Stunden schlurfte Leonhard wieder nach Hause. Dabei war er so langsam, dass seine Mitschüler bereits mit dem Mittagessen fertig waren, als er gerade durch die Eingangstür seines Hauses ging.
»Du bist heute aber wirklich sehr spät dran.«, mahnte ihn die Mutter.
»War es denn heute so schlimm?«
Leonhard setzte sich an den Tisch und begann zu essen, während er leise ein paar verzweifelte Worte vor sich hin flüsterte.
»Frag lieber nicht. Am liebsten würde ich mein Zimmer nie wieder verlassen.«

Etwas später am Nachmittag saß der kleine Löwe in seinem Zimmer und versuchte, seine Hausaufgaben zu lösen. Rechnen war schwierig, Die Rechtschreibübung schwieriger und Sachkunde kaum noch lösbar. Hätte er in diesem Moment vielleicht aus dem Fenster gesehen, hätte er Frau Strauß entdeckt, die sich gerade von der Löwenoma verabschiedete.
Nach ein paar Minuten klopfte es an Leonhards Zimmer und eine alte Stimme bat darum, herein kommen zu dürfen.
»Klar, komm rein, Oma. Ich schaffe meine Hausaufgaben eh nicht. Die sind viel zu schwierig für mich.«
Die alte Löwin trat ein, setzte sich auf das Bett und nahm ihren Enkel auf den Schoß.
»Dann erzähl mir doch mal, was dich bedrückt.«
Der kleine Löwe berichtete ihr von den schwierigen Aufgaben in der Klassenarbeit und den Hausaufgaben. Als er schließlich von seiner Angst vor der Schule und dem gefährlichen Sportunterricht berichtete, begann er dicke Krokodilstränen zu weinen. Oma hörte geduldig zu und tröstete ihren Enkel.
»Ich habe da eine Idee. Vielleicht kann ich dir sogar helfen. Warte hier. Ich bin gleich wieder da.«
Sie stand auf, verließ das Zimmer, um ein kleines Ledersäckchen zu holen. Dieses drückte sie Leonhard in die Pfote.
»Das ist ein uraltes Amulett von meiner Urgroßmutter. Sie gab es vor langer Zeit an ihre Tochter weiter. Und so kam von einer Generation zur anderen und nun schließlich zu dir.«
»Was ist denn ein Amulett?«, wollte der kleine Löwe wissen.
»Es ist ein Anhänger. Du hängst ihn dir um den Hals. Er wird dir Glück bringen und dir in allen Gefahren beistehen.«
Leonhard bekam große Augen, als er den Beutel langsam öffnete. Er holte das Amulett hervor und legte es sich um den Hals.
»Und nun werde ich immer Glück haben?«
Oma nickte.

Ein neuer Tag begann. Leonhard konnte es diesmal kaum erwarten, endlich aufzustehen. Er flitzte schneller als alle anderen Kinder in die Schule.
Die erste Stunde verbrachten sie zusammen mit Herrn Maulwurf. Er kontrollierte mit seiner dicken Brille die Hausaufgaben und war sehr erstaunt, als er die vielen richtigen Ergebnisse im Heft des kleinen Löwen entdeckte.
»Was ist denn das?«, fragte er und blinzelte mit verkniffenen Augen über seine Brille hinweg.
»Du hast mehr Ergebnisse richtig als alle anderen hier. Wirklich sehr gut.«
Leonhard konnte es gar nicht glauben, aber das Amulett schien zu funktionieren.
Etwas später gingen die Kinder wieder in die Turnhalle. Frau Strauß wartete bereits auf sie. Guido Giraffe hangelte sie sofort wieder an den Ringen hoch, Olli Elefant schob die dicke Matte darunter, während die Springbockzwillinge sich auf dem Trampolin vergnügten. Der Hase jagte wieder einmal den Leoparden von einer Ecke in die nächste. Alle hatten ihren Spaß. Also achteten sie auch nicht darauf, als der kleine Löwe plötzlich von seiner Bank aufstand und langsam durch die Halle lief. Er sah sich jedes Sportgerät genau an, bevor er die Giraffe ansprach.
»Darf ich das auch mal ausprobieren?«
Guido war so überrascht, dass er von den Ringen abrutschte und auf der dicken Matte landete. Leonhard half ihm hoch und zog sich dann selber an den Ringen nach oben. Zuerst blieb er nur hängen, doch nach wenigen Augenblicken war es sich so sicher, dass er zu Schaukeln begann.
Die anderen Kinder unterbrachen ihre Aktivitäten und sahen ihm zu. Das war neu, so etwas hatten sie nie vom kleinen Löwen erwartet. Was war nur mit ihm geschehen?
Leonhard wurde von Minute zu Minute mutiger. Auf einmal öffnete er die Pfoten und sprang auf die dicke Matte.
»Los, Olli, schieb mich durch die Halle.«
Das ließ sich der Elefant nicht zweimal sagen. Er senkte seinen Kopf und schob so schnell er konnte. Kurz bevor sie gegen den Schwebebalken stießen, sprang Leonhard elegant darüber hinweg und landete sicher auf der anderen Seite.
Nun konnte er es kaum noch erwarten und lief zu Hans.
»Jetzt bin ich dran, Hase. Jag mich durch die Halle und versuch mich zu fangen.«
Doch in diesem Moment bemerkte der kleine Löwe, dass er sein Amulett verloren hatte. Noch vor einer Minute war es noch da gewesen. Aber nun war es einfach verschwunden.
Sofort begann er verzweifelt zu suchen, während Hans schon mit der Jagd beginnen wollte. Leonhard war aber nun doch zu ängstlich. Ohne das Amulett würde ihn der Hase bestimmt fangen und ihm dann ein Bein abbeißen. Das durfte er auf keinen Fall riskieren.
Schließlich kam Frau Strauß hinzu.
»Mach dir nichts daraus. Es war doch nur ein Amulett. Denn alles, was du heute geschafft hast, kam aus dir heraus. Das Amulett brachte ich gestern deiner Oma. Es sollte dir zeigen, dass viel mehr in dir steckt, als du denkst. Und wie du siehst, hat es bestens funktioniert. Also denk nicht weiter darüber nach und mach einfach weiter.«
Der kleine Löwe war überrascht. Dennoch war er weiterhin unsicher.
»Na los, lass und fangen spielen.«, rief der Hase.
Die anderen Kinder standen nun aufmunternd im Kreis um Leonhard herum und feuerten ihn an. Er hatte keine andere Wahl mehr. Er konnte seine Mitschüler schließlich nicht enttäuschen.
Mit einem großen Sprung begann er plötzlich seine gespielte Flucht und lief an den Wänden der Halle entlang. Hans setzte ihm nach und holte langsam auf. Als sie beide auf gleicher Höhe waren, stürzte sich Leonhard auf den Hasen und fing ihn ein.
Die ganze Klasse jubelte vor Begeisterung. Der kleine Löwe schüttelte Hans die Pfote und bedankte sich für das lustige Spiel. Von nun an würde er nie wieder so große Angst haben, das schwor er sich.

(c) 2008, Marco Wittler

116. Das Tagebuch

Das Tagebuch

Nele saß in der Schule und unterhielt sich mit ihren Freundinnen. Der Unterricht hatte noch nicht begonnen. Sie hatten also genug Zeit, sich gegenseitig die wichtigsten Neuigkeiten zu erzählen.
»Ich habe am Wochenende ein Tagebuch von meiner Tante geschenkt bekommen.«, berichtete Marie.
Alle anderen Mädchen saßen da, machten große Augen und staunten.
»Was ist denn ein Tagebuch?«, fragte Nele.
»Ist das so eine Art Kalender?«
Marie schüttelte den Kopf und lachte.
»Ihr habt ja gar keine Ahnung. In ein Tagebuch schreibt man jeden Tag etwas rein. Dinge, die man erlebt hat oder worüber man nachdenkt, eure größten Geheimnisse.«
Die Mädchen staunten jetzt noch mehr. Doch dann war es mit ihrer kleinen Runde vorbei. Der Lehrer kam herein und bat die Schüler, ihre Bücher auszupacken.
Das Tagebuch ging Nele nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwie war das schon etwas ganz Besonderes. Man hatte alle Gedanken auf Papier und konnte nichts mehr vergessen.
Als sie mittags nach Hause kam, erzählte sie gleich ihrer Mutter davon und fragte, ob sie auch ein Tagebuch bekommen könnte.
»Aber sicher doch. Wenn du mir nach dem Essen beim Spülen hilfst, fahren wir zusammen in die Stadt und suchen ein hübsches Tagebuch und einen passenden Stift für dich aus.«
Nele freute sich und hüpfte in der Küche herum. So schnell wie an diesem Tag, hatte sie noch nie ihren Teller leer gegessen. Und noch bevor alle anderen fertig waren, stand sie bereits an der Spülmaschine und räumte alles Geschirr hinein, was sie finden konnten.
»Ich bin fertig Mama. Können wir jetzt fahren?«
Die Mutter musste lachen.
»Lass mich noch eben aufessen. Dann können wir los.«

In der Stadt suchten sie ein Schreibwarengeschäft auf. Es war ein recht kleiner Laden, hatte aber trotzdem eine sehr große Auswahl Tagebücher im Angebot.
Nele hatte es sehr schwer, sich eines auszusuchen. Immerhin würden darin die wichtigsten Dinge ihres Lebens stehen. Selbst die nette Verkäuferin konnte ihr nicht helfen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich schließlich für ein kleines Buch in rosa Farbe und aufgeklebten Blümchen entschied.
Ihre Mutter hatte währenddessen einen schicken bunten Füllschreiber gefunden, mit dem man besonders schön schreiben konnte.
Während der Rückfahrt blätterte Nele schon durch die Seiten und hatte viele Ideen, die sie noch am gleichen Nachmittag aufschreiben wollte. Alles sollte mit kleinen Blümchen und Herzchen verziert werden.
»Das wird bestimmt das schönste Tagebuch, das es je gegeben hat. Die anderen werden staunen.«
Als Mama zu Hause den Motor abstellte, drehte sie sich nach hinten um und gab ihrer kleinen Tochter noch ein paar Tipps.
»Ein Tagebuch ist aber nur für dich bestimmt. Du schreibst alles und irgendwann liest du es auch mal wieder. Aber anderen zeigt man es eigentlich nicht so oft, denn da stehen deine geheimsten Geheimnisse drin. Am Besten versteckst du es an einem Platz, den niemand kennt und wo es niemand finden kann.«
Nele nickte und steckte das Buch verstohlen in ihre Tasche. Nachdem sie ausgestiegen war, flitzte sie sofort ins Haus, weiter in ihr Zimmer, legte sich auf ihr Bett und begann mit dem Schreiben. Zuerst wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte, aber als sie den Stift auf das Papier setzte, ging es wie von allein.
Hallo liebes Tagebuch. Ich bin Nele, acht Jahre alt und liege gerade auf meinem Bett, während ich das allererste Mal in dich hinein schreibe. Ich war nämlich gerade mit Mama in der Stadt, wo wir dich gekauft haben. Bis bald. Deine Nele.‹
Für den Anfang gefiel es ihr schon ganz gut. Nun malte sie noch ein Blümchen und ein Herzchen neben ihren Text, klappte das Tagebuch zu und sah sich nach einem Versteck um.
»Unter das Kopfkissen? Ach nein, da wird dich Mama sofort finden, wenn sie das Bett macht. Im Schrank? Auch nicht. Da wird es jeder als erstes vermuten.«
Es war gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden.
Doch dann fiel ihr etwas ein. Sie holte eine Rolle Klebestreifen, eine Schere und einen alten Schuhkarton hervor. Daraus bastelte sie ein kleines Schubfach, welches sie unter ihren Schreibtisch klebte. Dort konnte sie ihr Tagebuch nun immer hinein schieben. Dort würde es nicht einmal ihr großer Bruder finden.
Und schon war die nächste Idee da. Nele holte das Tagebuch erneut hervor und schrieb noch ein paar Zeilen hinein.
Liebes Tagebuch. Da bin ich schon wieder. Pass immer gut auf dich auf und lass dich nicht von meinem großen Bruder erwischen. Der ist nämlich sehr neugierig und würde nur zu gern in dir lesen. Sollte er mal in mein Zimmer kommen, dann versteck dich gut. Bis bald. Deine Nele.‹

Am nächsten Morgen packte Nele ganz schnell ihre Sachen in ihre Schultasche, bevor sie zum Bus gehen musste. Am Abend zuvor hatte sie nichts mehr vorbereitet, weil sie bis zur Schlafenszeit in ihrem Tagebuch gemalt hatte.
In der Schule wurde es sehr hektisch. Die Kinder saßen mal hier und mal dort in einem Unterrichtsraum, verbrachten noch eine Stunde in der Sporthalle und schrieben eine Arbeit im Rechnen. Erst zu Hause kam Nele etwas zur Ruhe.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und wollte ihrem Tagebuch von ihrem bisherigen Tag berichten. Doch das Tagebuch war nicht mehr da.
»Das ist ja komisch. Es hat doch gestern Abend noch auf dem Schreibtisch gelegen. Wo ist es denn geblieben?«
Sie durchsuchte eine Stunde lang ihr ganzes Zimmer. Sie warf sogar einen Blick in das Zimmer ihres Bruders, ob er vielleicht schon in ihren geheimsten Geheimnissen blättern würde. Aber auch dort wurde sie nicht fündig.
Da fiel Nele ein, dass sie am Morgen alle Bücher, die auf dem Schreibtisch lagen, für die Schule eingepackt hatte. Sofort durchsuchte sie ihre Tasche. Aber wieder Fehlanzeige.
»Ach du Schreck. Ich hab es doch wohl nicht in der Schule verloren? Wenn das jetzt jemand findet und darin liest. Das wäre die größte Katastrophe, die ich mir vorstellen kann.«
Sofort lief sie zu ihrer Mutter und erzählte ihr von ihrem Pech. Gemeinsam riefen sie in der Schule an. Der Hausmeister war noch dort und erklärte sich bereit, einem kleinen verzweifelten zu helfen, seine geheimsten Geheimnisse zu finden.
Kurz darauf gingen sie zu dritt in der Schule von Klassenraum zu Klassenraum. Nele sah sich überall dort um, wo sie gesessen hatte. Aber zum Schluss musste sie mit ihrer Mutter, aber ohne Tagebuch, nach Hause fahren.
»Das ist das Schlimmste, das mir jemals passiert ist. Wenn jetzt jemand liest, was in meinem Tagebuch steht und es noch überall herum erzählt, dann kann ich mich nie wieder vor die Tür wagen.«
Sie schlurfte unter Tränen in ihr Zimmer und lies sich auf ihr Bett fallen. Während sie sich auf ihrer Decke hin und her rollte, fiel ihr Blick auf den Schreibtisch. Dort sah sie unter der Holzplatte ein kleines Schubfach aus Pappe mit einem rosa Büchlein kleben.
»Oh nein, was bin ich doch dumm. Da hab ich mir extra ein sicheres Versteck ausgedacht und finde es dann selber nicht mehr wieder.«
Nele lachte, holte das Tagebuch hervor und schrieb wieder etwas hinein.
Liebes Tagebuch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir heute passiert ist. Ich dachte den ganzen Nachmittag, dass ich dich verloren hätte. Überall habe ich nach dir gesucht, konnte dich aber nicht finden. Dabei warst du die ganze Zeit in deinem sicheren Versteck. Aber etwas Gutes ist schon daran. Jetzt denkt jeder, dass ich dich in der Schule verloren hätte. Also wird hier niemand mehr nach dir suchen. Ein so gut verstecktes Tagebuch hat bestimmt niemand anderes in meiner Klasse. Bis bald. Deine Nele.‹
Sie schloss das Tagebuch und versteckte es wieder unter dem Schreibtisch.

(c) 2008, Marco Wittler

099. Teddy auf der Flucht

Teddy auf der Flucht

Lange Zeit hatte Teddy in einem kleinen Schuhkarton gelebt. Dieser stand über viele Jahre in einem dunklen Keller, der nur selten von irgendwem betreten wurde. Teddys braunes Fell war über die Zeit schon ein wenig staubig geworden. Etwas muffig roch es mittlerweile auch. Doch das machte ihm nichts aus, denn hier im Keller hatte er immer seine Ruhe gehabt.
Wenn er ab und zu an frühere Zeiten dachte, dann wurde ihm immer sehr schwindelig. Er hatte in einem schrecklichen Kinderzimmer leben müssen. Sein damaliger Besitzer, ein fünfjähriger Junge, hatte Teddy immer nur hin und her geworfen. Das hatte so manchen blauen Fleck gegeben und an einem Bein war eine Naht geplatzt, aus der nun das Innenfutter heraus schaute.
»Aber das ist nicht so schlimm. Dafür kann ich hier in meinem Versteck liegen und habe meine Ruhe.«, sagte sich Teddy dann immer.
Eines Tages war wieder jemand im Keller. Das Licht wurde eingeschaltet. Der Besucher kramte in Schränken und Regalen herum.
Teddy verhielt sich so still, wie er nur konnte, damit er nicht bemerkt würde. Aber dann wurde sein Schuhkarton schließlich doch noch hervor geholt.
»Schau mal einer an.«, sagte eine Männerstimme. »Da ist ja mein alter Teddybär. Der kommt auch mit auf den Trödelmarkt.«
Trödelmarkt? Teddy glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Der Handel mit Teddybären war strengstens verboten. Zu dumm, dass die Menschen davon noch nichts gehört hatten.

Ein paar Stunden später wurden viele Gegenstände aus dem Kofferraum eines Wagens auf einen Tisch gelegt. Dieser stand mitten auf einem großen Platz in der Stadt.
Teddy hob vorsichtig den Deckel an und sah sich um. Hier und da entdeckte er ein paar Artgenossen, die ebenfalls heute verkauft werden sollten. Einer von ihnen sah sogar besonders mitgenommen aus. Es fehlten ihm ein Auge und ein Bein.
»Oh je. Hoffentlich will mich niemand kaufen. Kinder sind ja so grausam zu uns Bären. Ich will doch einfach nur meine Ruhe haben.«
Ständig sah er Kinder über den großen Platz laufen. Sie schauten hier und schauten dort. Sie nahmen Spielzeuge in die Hand und sahen sie sich genau an.
Nach und nach verschwanden alle Teddys vom Flohmarkt. Sie wurden alle verkauft. Sogar der Einäugige wechselte seinen Besitzer.
»Vielleicht habe ich ja doch noch Glück und darf wieder in meinen dunklen Keller zurück.«
Doch dann wurde der Schuhkarton hoch gehoben, gerüttelt und geschüttelt.
»Was ist denn da drin?« Darf ich mal rein schauen?«, war eine Kinderstimme zu hören.
Der Deckel wurde abgenommen und das Gesicht eines Jungen sah hinein. Teddy bekam große Angst. Noch schlimmer wurde es, als er heraus geholt wurde. Das Kind drückte ihn an sich.
»Mama, den will ich haben. Der ist so schön kuschelig.«
Die Mama sah Teddy prüfend an.
»Nein, der ist nichts mehr. Schau ihn dir doch an. Der ist dreckig, riecht nicht mehr gut und am Bein ist er auch schon kaputt. Leg ihn wieder weg, wir finden ein schöneres Kuscheltier für dich.«
Teddy war der Mama unglaublich dankbar.
»Ja, legt mich bitte wieder weg und vergesst mich sofort. Ich bin alt, schäbig und stinke nach Keller.«, dachte er bei sich.
Doch das Kind war anderer Meinung.
»Wir können ihn doch waschen und reparieren. Mama, du kannst doch nähen.«
Die Mama gab nach, drückte dem Verkäufer ein paar Münzen in die Hand und verstaute das Kuscheltier wieder in seinem Schuhkarton.
Teddy bekam Panik. Er hatte einen neuen Besitzer bekommen. Es war ein kleines Kind und es würde nun bestimmt wieder so eine schreckliche Zeit werden, wie früher. Vielleicht würde es sogar noch schlimmer werden. Er sah sich bereits in einer Ecke des Zimmers liegen, ohne Augen und Arme.
»Hilfe!«, schrie er. Aber niemand konnte ihn hören.

Ein paar Stunden später legte das Kind den Schuhkarton auf den Schreibtisch und packte seinen neuen Bären aus.
»Super, du hast mir noch gefehlt. Du kommst gleich zu den anderen Kuscheltieren.«
Teddy wurde auf ein Regal gesetzt. Links und rechts von ihm saßen noch ein paar andere Tiere. Es waren eine Maus, die viel zu lange Beine hatte und ein weiterer Bär in einem braunen Pullover.
»Die beiden können mich bestimmt nicht leiden, weil ich der Neue bin. Sie wollen mich bestimmt schnell wieder los werden.«, bibberte Teddy vor sich hin.
Als das Kind sein Zimmer verlies, ergriff er seine Chance und kletterte am Regal hinab.
Teddy überlegte, wie er so schnell wie möglich verschwinden konnte. Dann sah er das offene Fenster. Er lief hin, kletterte an der Gardine nach oben und hüpfte nach draußen.
Er fiel weit nach unten und landete in einem Sandkasten. Ohne Pause lief er sofort weiter zum Zaun.
»Vielleicht kann ich mich ja in einem tiefen Wald verstecken. Da wird mich niemand finden.«
Weit kam er allerdings nicht, denn die Maschen des Zaunes waren viel zu eng und Teddy passte nicht hindurch. Er musste einen anderen Weg finden.
»Huch, wie kommst du denn nach draußen?«
Da war wieder die Stimme der Mutter.
Teddy wurde ergriffen und in ein neues Zimmer gebracht.
»Jetzt wollen wir dich erst einmal wieder gesund machen, du kleiner Ausreißer.«
Die Mutter holte Nadel und Faden und nähte ganz vorsichtig die geplatzte Naht zu. Teddy hatte Angst, aber es tat nicht einmal weh.
Nach der Operation ging es ins Badezimmer. Dort wurde der kleine Bär von oben bis unten gewaschen. Der Staub der vielen Jahre und der Kellergeruch verschwanden.
Teddy fühlte sich schon fast so, als wäre er gerade neu geboren worden.
»Und jetzt kommst du an deinen neuen Stammplatz.«, war das letzte, was er von der Mama zu hören bekam.
Es war mittlerweile schon dunkel geworden und der kleine Junge lag in seinem Bett. Es war Zeit zum Schlafen.
Die Mama legte Teddy mit ins Bett, wünschte eine gute Nacht und verließ das Zimmer.
»Endlich hab ich dich wieder, mein schöner, weicher Kuschelbär. Und ich werde immer aufpassen, dass du nie wieder so schlecht behandelt wirst wie früher.«
Der Junge drückte Teddy an sich und schlief ein.
»Eigentlich fühlt es sich richtig schön an, wenn man gekuschelt wird. Komisch, dass ich davor so viel Angst hatte.«, murmelte Teddy vor sich während er ebenfalls einschlief.
Etwas weiter weg saßen der Pulloverbär und die Maus mit den langen Beinen. Sie schauten den beiden Schlafenden zu und lächelten.

(c) 2008, Marco Wittler

086. Die Wikinger kommen

Die Wikinger kommen

Hannes saß auf einem großen Felsen und ließ seinen Blick über das endlose Meer schweifen. Da das Wetter heute besonders gut war, konnte er sogar die Küsten einiger Inseln erkennen. Gerade wollte er es sich gemütlich machen, als seine Angel plötzlich zu zucken begann. Es musste ein großer Fisch angebissen haben.
Sofort holte Hannes die Angelschnur ein. Er rollte sie Stück für Stück auf, bis seine Beute zwischen den Wellen auftauchte.
»Hoho, was ist denn das?«
Es war gar kein Fisch, der dort am Haken hing. Stattdessen hielt Hannes nun einen sehr seltsamen Helm mit zwei großen Hörnern in den Händen.
»So einen komischen Helm habe ich aber noch nie gesehen. Wer mag ihn wohl verloren haben?«
Er packte seinen seltsamen Fang und die Angel in eine Tasche und machte sich auf den Weg zurück in sein Dorf.
»Die Fische beißen heute eh nicht mehr. Aber vielleicht finde ich etwas über den Helm heraus.«

Eine Stunde später stand Hannes vor dem Rathaus.
»Vielleicht weiß der Bürgermeister besser als ich Bescheid.«
Der Bürgermeister hatte leider keine Zeit. Aber dafür bot sich der Geschichtsschreiber des Dorfes an, den Helm einmal unter die Lupe zu nehmen.
»Was haben wir denn da? Dieses Prachtstück gehört keinem unserer Bürger. Das wäre mir schon längst aufgefallen. Der Helm könnte allerdings schon seit langer Zeit im Meer gelegen haben. Ich werde wohl die alten Bücher und Aufzeichnungen durchschauen müssen. Das wird ein paar Stunden dauern. Aber wenn du mir hilfst, schaffen wir es in der Hälfte der Zeit.«
Hannes freute sich sehr über diese Einladung, nahm sich sofort einen großen Stapel Bücher vor und begann mit der Suche.

Es verging Stunde um Stunde, fündig wurden die Beiden allerdings nicht. Es hatte keinen einzigen Bewohner oder Besucher des Dorfes gegeben, der eine so auffällige Kopfbedeckung getragen hatte.
»Vielleicht ist der Helm einfach nur mit der Meeresströmung von einem weit entfernten Ort hierher getragen worden, ähnlich einer Flaschenpost.«
Diese Erklärung klang eindeutig, aber trotzdem war Hannes damit nicht zufrieden.
»Es könnte doch sein, dass wir noch etwas anderes finden. Dort oben im Regal steht noch ein letztes Buch.«
Der Geschichtsschreiber schüttelte den Kopf.
»Das ist das Buch aller Kriege, bei denen unser Dort beteiligt war. Darin wirst du ganz bestimmt nichts finden.«
Aber Hannes war trotzdem neugierig und schlug die erste Seite auf. Dort sah er die Zeichnung eines großen starken Kriegers, dessen Blick allein ausreichte, die Knochen zum Schlottern zu bringen. Sein Körper war in ein Bärenfell gehüllt. In der rechten Hand hielt er langes Schwert, in der linken einen Schild aus Holz. Das Gesicht versteckte sich hinter einem wilden roten Bart. Auf seinem Kopf ruhte ein Helm, der mit zwei langen Hörnern besetzt war.
»Es ist der Helm eines Wikingers.«, flüsterte Hannes vor sich hin.
Der alte Mann drehte sich um, sah auf die Zeichnung, schluckte und schob das Buch in seiner Angst sofort wieder zurück in das Regal.
»Die Wikinger leben in einem Land im Norden. Es ist sehr weit von uns entfernt, aber trotzdem kommen sie hin und wieder her, um uns auszurauben. Ihr Land ist sehr kalt und fast das ganze Jahr von Schnee bedeckt. Es ist also der Neid auf uns, der sie immer wieder in den Süden treibt.
Sie reisen in Drachenbooten, deren Köpfe ununterbrochen Feuer speien und das ganze Land in Schutt und Asche legen.
Die Wikinger sind fast doppelt so groß wie wir. Sie haben Kräfte wie ein Bär und sind von einem Ende der Welt bis zum anderen gefürchtet. Es ist niemandem bisher gelungen, sich gegen sie zu wehren.
Wir sollten zu Gott beten, dass sie uns nicht überfallen und dein Fund nur Zufall war. Immerhin hat sie seit zweihundert Jahren niemand mehr hier gesehen.«
Hannes schluckte und stand auf.
»Ich werde den Helm sofort wieder ins Meer werfen. Vielleicht hilft uns das.«
Er verließ mit seiner Tasche das Rathaus und lief zurück zur Küste.

Hannes war die ganze Strecke gerannt. Nun stand er atemlos am Ufer. Er griff in seine Tasche und holte den Helm hervor. Als er ihn gerade in die Fluten werfen wollte, entdeckte er etwas am Horizont.
Der Helm rutschte ihm aus der Hand und fiel scheppernd auf die nackten Felsen.
»Das glaube ich nicht.«
Hannes Beine wurden weich und er musste sich hinsetzen.
Am Horizont hatte er ein fernes Licht entdeckt, das sehr schnell näher kam. Schon bald war ein großes Segel zu erkennen.
»Dort kommt ein brennendes Schiff.«
Diese Annahme stimmte allerdings nicht. Natürlich brannte das Schiff nicht. Denn sonst wäre es schon recht bald gesunken. Stattdessen schien es so, als würden die Flammen aus einer Öffnung hervor züngeln.
Schließlich wusste Hannes, was er dort sah.
»Es ist ein Feuer speiendes Drachenboot. Die Wikinger kommen tatsächlich.«
Er sprang auf und lief sofort wieder nach Hause.

Vor dem Rathaus läutete Hannes eine große Glocke, die alle Bewohner des Dorfes auf den großen Versammlungsplatz rief.
»Ich habe sie gesehen. Sie kommen zu uns. Und sie werden uns alles nehmen, was wir besitzen. Wenn wir uns nicht wehren oder verstecken, werden wir bis zum Sonnenuntergang alle tot sein.«
Die Zuhörer waren entsetzt. Sie bekamen Angst.
Der Bürgermeister stellte sich zum ihm, neben die Glocke und versuchte, die Menschen wieder zu beruhigen.
»Hört mir erst einmal zu. Wollt ihr wirklich in Panik ausbrechen, nur weil ein junger Bursche uns Angst einjagen will? Weiß denn überhaupt auch nur einer von euch, wovon er da redet?«
Sie wussten es natürlich nicht und wurden wieder ruhiger.
Doch da holte Hannes den Helm hervor.
»Es sind die Wikinger. Ich habe diesen Helm heute aus dem Meer gezogen. Kurze Zeit später tauchte eines ihrer gefürchteten Drachenboote am Horizont auf. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Es speit Feuer und trägt die gefährlichsten Krieger der Welt mit sich durch die Fluten.«
Plötzlich sprachen alle Dorfbewohner hektisch miteinander. Kinder begannen zu weinen und die ersten eilten nach Hause, um ihr Hab und Gut zu verstecken.
»Bist du dir da auch wirklich sicher?«, fragte der Bürgermeister.
Hannes nickte.
»Dann müssen wir so schnell wie möglich handeln.«
Der Bürgermeister wandte sich den Menschen zu und brüllte die ersten Befehle.
»Bringt alles Wertvolle in Sicherheit. Versteckt euch im Wald und in den Höhlen des Berges. Wenn auch nur einer von euch im Dorf bleibt, wird er durch die Schwerter der Wikinger sterben. Beeilt euch.«
Jeder rannte nun nach Hause und bereitete sich vor. Innerhalb von zwei Stunden war das kleine Dorf wie leer gefegt. Es waren nur noch der Bürgermeister und Hannes übrig geblieben. Sie versteckten sich auf dem Dachboden des Rathauses und beobachteten das kommende Geschehen.

Es sollte nicht mehr lange dauern, bis sie auf den Dorfplatz stürmten. Es waren zwanzig Männer, die gehörnte Helme trugen und in Bärenfelle gekleidet waren.
»Das sind die Wikinger.«, flüsterte der Bürgermeister.
Sie waren es tatsächlich. Aber sie wirkten verwundert, denn sie hatten nicht damit gerechnet, ein leeres Dorf vorzufinden.
»Wir können nur noch hoffen und beten, dass sie wieder verschwinden, ohne unsere Häuser nieder zu brennen.«
Doch diese Worte hörte Hannes nicht mehr. Er hatte es auf dem staubigen Dachboden nicht mehr ausgehalten. Dazu kam seine Neugierde. Denn irgendwas kam ihm komisch vor.
Er schlich die Treppen hinab und sah durch einen Spalt durch die Eingangstür nach draußen.
Nicht einer der Wikinger hatte Schwert oder Schild in der Hand. Stattdessen trugen sie große Säcke auf ihren Rücken.
Hannes hielt es nicht mehr aus und trat nach draußen auf den Platz.
»Was wollt ihr hier? Dieses Dorf ist schon seit langer Zeit nur noch von mir bewohnt. Alle anderen haben es längst verlassen, um an einem anderen Ort eine neue Siedlung zu bauen. Es lohnt sich nicht, hier etwas zu stehlen. Hier gibt es nur noch wertloses Zeug.«
Angst machte sich in ihm breit und er fürchtete um sein Leben.
Der Anführer der Wikinger legte seinen großen Sack ab und kam näher. Er verzog sein Gesicht und sah traurig aus.
»Dann sind wir ja völlig umsonst hierher gekommen. Wir hatten gehofft, hier im Süden Handel treiben zu können. Wir Wikinger sind schon seit zweihundert Jahren keine Krieger mehr. Wir haben festgestellt, dass Krieg nur Leid und Tod über die Menschen bringt. Deswegen sind wir nun Händler und verdienen unser Geld auf ehrliche Weise.«
Er griff in seinen Sack und holte Tierfelle daraus hervor.
»Wir verkaufen warme Felle und Holzgeschirr.«
Hannes musste lachen. So etwas hatte er nicht erwartet.
»Und wir haben damit gerechnet, dass ihr unser Dorf niederbrennen wollt.«
Nun gesellte sich auch der Bürgermeister zu den Besuchern und schüttelte ihnen die Hände. Zum Schluss hatte die ganze Geschichte doch noch eine gute Wendung bekommen.

Bis zum Abend waren alle Menschen wieder aus ihren Verstecken gekommen und kauften nun die schönen warmen Felle für den bevor stehenden Winter. Gemeinsam feierten sie ein großes Fest und erzählten sich von der Vergangenheit.
Der Geschichtsschreiber machte in einem seiner Bücher einen neuen Eintrag über den heldenhaften Hannes, der es ganz allein mit zwanzig Wikingern aufgenommen hatte, nur um heraus zu finden, dass sie nun ganz andere, ganz friedliche Menschen geworden waren.
Sie waren auch nicht viel größer als die Dorfbewohner. Und wie Hannes feststellte, war der Drachenkopf des Bootes nur aus Holz und sein Feuer eine große Lampe, um ihm Nebel besser gesehen zu werden.

(c) 2008, Marco Wittler

084. Das Sandkastenmonster (Tommis Tagebuch 2)

Das Sandkastenmonster

Hallo liebes Tagebuch.

Ich bin es, der Tommi. Hoffentlich erinnerst du dich noch an mich.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was gestern und heute los war. Und genau deswegen werde ich es dir jetzt schreiben.
Meine große Schwester Nina war ganz schön gemein zu mir. Ich war mit Papa zusammen in der Gartenhütte, um mein Sandkastenspielzeug nach dem Winter heraus zu holen. Eine halbe Stunde hat es gedauert, bis es zum Vorschein kam. Es lag ganz hinten in einem kleinen Pappkarton. Also mussten wir vorher den Rasenmäher, die Wäschespinne, die Gartenmöbel und unsere Fahrräder heraus holen.
Naja, eigentlich hat Papa das alles allein gemacht. Aber ich habe ihm die ganze Zeit gesagt, wie das am Besten geht. Sonst hätte er bestimmt eine Ewigkeit dafür gebraucht.
Jedenfalls hat er mir dann irgendwann meinen Karton gegeben. Und genau in diesem Moment kam Nina aus dem Haus. In der Hand hielt sie einen Brief für ihre Freundin Steffi. Also war sie auf dem Weg zum Briefkasten. Doch statt direkt zur Straße zu gehen, kam sie zu uns rüber.
»Was hast du denn da in der Kiste?«, fragte sie mich.
Eigentlich wollte ich ihr gar nicht antworten. Ich dachte mir, dass sie sofort sagen würde, ich wäre noch ein Baby, wenn ich noch zum Spielplatz gehen würde. Aber dann tat ich es doch.
»Da ist mein Sandkastenspielzeug drin.«
Da bekam Nina große Augen, nahm mich am Arm und zog mich von der Hüttentür weg.
»Du willst wirklich zum Spielplatz gehen?«
»Ja,«, antwortete ich, »auch wenn du mich jetzt als Baby beschimpfst. Das ist mir egal. Ich gehe trotzdem hin, weil es mir Spaß macht.«
Sie zog mich näher an sich heran und flüsterte mir ins Ohr.
»Hast du das denn noch nicht gehört?«
Ich wusste nicht, was sie damit sagen wollte, also antwortete ich mit einem Nein.
»In der letzten Woche sind auf dem Spielplatz drei Kinder verschwunden. Die Erwachsenen reden nicht darüber. Selbst in der Zeitung hat es nicht gestanden, weil niemand weiß, wie das geschehen konnte. Bei mir in der Schule geht aber das Gerücht um, dass sich während des Winters im Sandkasten ein Monster versteckt hat, das unschuldige Kinder entführt, um sie dann, wie in einem Zoo, in kleine Käfige zu stecken.«
Mir wurde ganz komisch im Magen. Davon hatte ich wirklich noch nichts gehört.
»Also überleg es dir noch einmal, ob du wirklich zum Spielplatz gehst.«
Nina klopfte mir auf die Schulter und ging zum Briefkasten.
Ich warf einen Blick auf mein Spielzeug und lachte etwas ängstlich. Ich war mir sicher, dass es Monster nicht gibt.
»Das sind doch alles nur Schauergeschichten.« sagte ich zu mir.
»Oder etwa nicht?«
Mit weichen Knien machte ich mich auf den Weg. An der Straße ging ich über den Zebrastreifen und dann quer über die große Fußballwiese. Dann war ich auch schon angekommen.
Auf einer Bank saß mein Freund Tim. Er wartete schon auf mich und wollte als erstes eine große Sandburg bauen. Aber ich traute mich nicht, auch nur einen Fuß auf den Spielplatz zu setzen.
»Was ist den mit dir los? Ich dachte, wir wollten zusammen spielen.«
Also erzählte ich ihm alles, was ich von Nina erfahren hatte.
Sofort packte Tim seine Spielsachen ein und kam ängstlich zu mir.
»Nur gut, dass du nicht zu spät gekommen bist, sonst wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr da.«
Er wischte sich mit der Hand über die Stirn.
»Puh. Was machen wir denn jetzt? Ich muss doch die erste Sandburg des Jahres bauen, sonst macht es jemand anders vor mir. Das geht doch nicht.«
Aber es viel uns nichts ein. Daher gingen wir nach Hause und verabredeten uns für heute noch einmal.

Heute Morgen standen Tim und ich wieder vor dem Spielplatz. Jeder von uns war mit seinem Sandkastenspielzeug bewaffnet. Angst hatten wir immer noch.
»Es sind gar keine anderen Kinder da.«, flüsterte Tim.
Uns war es richtig mulmig und wir hatten beide weiche Knie. Doch plötzlich ging ich vorwärts. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, obwohl ich es gar nicht wollte. Schließlich stand ich zitternd vor dem Sandkasten.
Ich überlegte ein paar Minuten. Dann warf ich nach und nach meine Spielsachen in den Sand. Tim kam ebenfalls heran und half mit. Aber es geschah nichts. Das Monster tauchte nicht auf.
»Vielleicht ist es ja schon in den Sandkasten einer anderen Stadt umgezogen, weil keine Kinder mehr gekommen sind.«, sagte Tim.
Ich stimmte ihm zu. Dann gingen wir ganz vorsichtig in den Sandkasten hinein, jederzeit bereit, wieder heraus zu springen. Aber alles blieb ruhig. Also sah ich Tim zu, wie er die erste Sandburg des Jahres baute.
Währenddessen kamen auch noch andere Kinder zum Spielplatz und machten sich im Sandkasten und auf der Rutsche breit. Erst als es langsam dunkel und kühl wurde, gingen Tim und ich nach Hause.

Als ich in den Hausflur kam, hörte ich, dass Nina mit Steffi telefonierte. Sie erzählte ihr davon, wie lustig es war, mir eine Schauergeschichte zu erzählen. Als ich das hörte, wurde ich richtig sauer und überlegte mir, wie ich mich am Besten rächen konnte.
Doch dann war es erst einmal Zeit für das Abendessen, wonach es schon Zeit zum Schlafen wurde.
Aber ich ging nicht in mein Zimmer, sondern versteckte mich unter Ninas Bett. Kurz darauf kam sie herein und kroch unter ihre Decke.
Ich wartete noch eine Weile und begann dann mit meinen Fingernägeln über das Holz des Bettes zu kratzen.
Nina schreckte sofort hoch und fragte, ob sich jemand im Zimmer befinden würde. Ich antwortete natürlich nicht. Stattdessen schaltete ich meinen Kassettenrekorder ein. Schon ertönte daraus das laute Brüllen eines Dinosauriers. Ich hatte extra ein Urzeit Hörspiel aufgelegt.
Nina begann zu schreien und lief aus dem Zimmer. Ich wartete noch kurz und schlich dann in mein eigenes Bett.
Jetzt war Nina auch auf ein falsches Monster herein gefallen. Das war nur gerecht.
Während ich mich zudeckte, sah ich draußen etwas. Ich stand wieder auf, ging ans Fenster und blickte zum Spielplatz hinüber. Da sah ich gerade noch, wie ein großes, zotteliges Etwas im Sandkasten verschwand.
Gibt es Monster etwa doch oder habe ich das nur geträumt?
Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall werde ich demnächst auf dem Spielplatz wieder vorsichtiger sein.

Das war es auch schon, liebes Tagebuch. Und bitte verrate es niemandem, denn sonst bekomme ich für meinen Streich noch Ärger mit Nina.

Dein Tommi.

(c) 2008), Marco Wittler