119. Plitsch Platsch, ein Regentropfen oder „Papa, warum fallen die Regentropfen?“ (Papa erklärt die Welt 17)

Plitsch Platsch, ein Regentropfen
oder ›Papa, warum fallen die Regentropfen?‹

Sofie spielte im Garten in ihrem Sandkasten und baute eine riesige Burg. Sie bemerkte gar nicht, dass nach und nach die Sonne verschwand und dunkle Wolken über den Himmel zogen. Weit in der Ferne grollte es leise und hin und wieder war ein kurzer, aber sehr heller Lichterschein zu sehen. Erst als die ersten Regentropfen zum Boden fielen und kleine Löcher in die Sandburg gruben, bemerkte Sofie, dass es langsam Zeit wurde, um ins Haus zu gehen. Doch noch ehe sie durch die Tür verschwunden war, gab es einen Wolkenbruch. Wie aus großen Kübeln und Eimern goss es plötzlich vom Himmel herab.
Während Sofie im Flur die nassen Schuhe und Söckchen auszog, kam Papa mit einem großen Handtuch herbei geeilt, schlang seine kleine Tochter darin ein und rubbelte sie trocken.
»Da hat es dich ja voll erwischt. Du hättest öfter nach dem Wetter schauen müssen.«, sagte er vorwurfsvoll.
Sofie sah ihn nur unverständlich an und antwortete ihm in ihrer typischen Art.
»Aber Papa. Du bist doch der Erwachsene von uns beiden. Du hättest öfters mal nach draußen nach mir schauen müssen, anstatt dich hinter deiner Zeitung und deiner Tasse Kaffee zu verstecken. Dann wäre das alles nicht passiert.«
Papa wusste nicht, was dazu sagen sollte, so überrascht war er.
»Vielleicht hast du ja Recht. Aber nun ab mit dir in die Badewanne, damit du dich nicht erkältest.«

Eine halbe Stunde später stand Sofie frisch gebadet und in trockenen Sachen im Wohnzimmer. Es regnete noch immer und der Sandkasten wurde matschiger und matschiger.
»Also heute kann ich da drin nicht mehr spielen.«
Papa sah von seiner Zeitung auf und hielt seiner Tochter den Wetterbericht vor die Nase.
»Draußen spielen kannst du eh für heute vergessen. Es soll den Rest des Tages nicht mehr aufhören.«
Sofie war sauer. Sie wollte sich vom Wetter nicht sagen lassen, wo sie spielen konnte und wo nicht.
»Das ist gemein und unfair. Mich hat mal wieder keiner gefragt. Papa, warum fallen eigentlich die Regentropfen?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Regentropfen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine weiße Schäfchenwolke. Sie flog hin und her und durchkreuzte für ihr Leben gern den Himmel. An manchen Tagen war sie allein unterwegs und dann wieder mit ihren Freunden zusammen. Wer aber nun denkt, dass eine Wolke einfach nur eine Wolke ist, dann hat er sich getäuscht. Man muss nur genau hinschauen, dann sieht man ganz genau, woraus eine Wolke besteht. Mit einer Lupe kann man unzählige kleine Wassertröpfchen erkennen.
Die kleinen Tropfen halten sich an den Händen und tanzen wild im Kreis umher. Sie feiern ständig ein großes Fest und könnten sich nichts anderes vorstellen, als in ihrer großen Gemeinschaft zu leben. Und so treibt es sich vom einen Ende des Himmels zum anderen. Sie fliegen von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Wenn sie überall einmal gewesen sind, beginnen sie mit ihrer Reise wieder von vorn und tanzen munter weiter.
Einer dieser Tropfen war PlitschPlatsch. Man konnte ihn von seinen Freunden nicht unterscheiden, denn sie sahen alle gleich aus und tanzten im Kreis umher. Er freute sich, dass das Leben so schön war und es sich niemals ändern würde. So dachte er jedenfalls. Aber da hatte er auch noch nichts von der großen schwarzen Gewitterwolke gehört.
Die Gewitterwolke flog ebenfalls über den Himmel. Auch in ihr lebten viele Wassertropfen. Allerdings lebte in ihrer Mitte noch jemand anderes. Ein heller Blitz wartete nur darauf, im Himmel für ein großes Durcheinander zu sorgen. Sobald er auf eine weiße Wolke traf, fuhr er aus seinem Versteck heraus und erschreckte alle kleinen Tropfen, die er fand.
PlitschPlatsch ahnte nichts davon. Als er sich eines Tages umsah und eine schwarze Wolke entdeckte, freute er sich darüber, neue Freunde kennenlernen zu können.
»Vielleicht leben dort drüben ganz viele fröhliche Regentropfen von denen wir neue Spiele, Tänze und Lieder lernen können.«, sagte er den anderen.
Immer näher kam das dunkle Ungetüm. Als es nur nur einen Tropfensprung weit entfernt war, sauste plötzlich etwas Helles daraus hervor. Es war der Blitz. Wie ein wildes Tier jagte er um die kleine weiße Wolke herum. Lauten Donnerknall lies er ertönen.
Die vielen kleinen Regentropfen erschraken und fürchteten um ihr Leben. In ihrer Angst lösten sie sich aus ihren Kreisen, um vor dem unerwarteten Licht zu flüchten. Doch da bemerkten sie ihren Fehler. Als sie ihre Hände voneinander lösten, fielen sie zu Boden.
PlitschPlatsch war einer von ihnen. Sein ganzes Leben hatte er in der kleinen Wolke verbracht. Er war dort geboren worden und hatte immer nur getanzt, gesungen und gelacht. Immer hatte er die Hände der anderen gehalten. Doch nun war er allein und sauste auf die Erde unter seinen Füßen zu.
Seine Angst wurde noch größer. Er wusste nicht, wie ihm geschah und was nun passieren würde. Der Gedanke an den Aufschlag war erschreckend, aber von nun an allein zu sein, war noch schlimmer. PlitschPlatsch schrie. Um ihn herum zuckte noch immer der Blitz und donnerte wie wild.
Plötzlich prallte er auf etwas weichem auf. Es war grün und gab nach. Es war das Blatt eines Baumes. PlitschPlatsch versuchte, sich fest zu halten, aber seine kleinen Händchen waren nicht stark genug. Er rutschte ab und fiel weiter, bis er schließlich am Boden ankam.
Dort saß er nun einsam und allein. Der Himmel und seine Freunde waren unendlich weit fort. Selbst der Blitz war von unten nicht mehr zu sehen.
»Ich werde für immer allein sein.«, rief er in die Stille des Tages hinein.
Da hatte er sich allerdings getäuscht. Mit einem Mal ertönte ein lautes, prasselndes Geräusch. Nur Sekunden später fielen weitere Wassertropfen auf den Boden und bildeten sehr schnell eine große Pfütze.
PlitschPlatsch war überglücklich. Seine Freunde waren auch herab gefallen und gesellten sich nun zu ihm. Von nun an würden sie gemeinsam ihr Leben am Boden verbringen, denn auch dort konnte man lachen, tanzen und singen. Und ein Blitz würde sich ganz bestimmt nicht hier herab wagen.

Sofie sah wieder nach draußen und betrachtete die Pfützen, die sich in der Wiese des Gartens gesammelt hatten.
»Und das sind jetzt die vielen Regentropfen, die aus den Wolken gefallen sind?«
Papa nickte.
Sofie verzog das Gesicht zu einem Grinsen.
»Ich glaube dir kein einziges Wort. Das hast du dir doch bloß ausgedacht.«
Papa schüttelte mit dem Kopf und beschwor seine Ehrlichkeit. Aber Sofie wusste es diesmal besser.
»Und was ist mit der weinenden Prinzessin aus dem Wolkenschloss? Ich dachte wegen ihr regnet es immer wieder.«
Da hatte Papa wohl eine seiner Geschichten wieder vergessen.

 (c) 2008, Marco Wittler

047b. Am Ende des Regenbogens oder: Die Regenbogenbiber (Teil 2)

Am Ende des Regenbogens
oder: die Regenbogenbiber
(Teil 2)

Teil befindet sich hier.

Nach einer langen Wanderung kamen sie in der Hauptstadt des Landes an. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, die Wolken lockerten auf und der Regenbogen war längst verschwunden. Dafür ragte nun vor ihnen ein großes Schloss in die Höhe, dessen Türme bis in die Wolken zu wachsen schienen. Dahinter ragte ein riesiges Gebirge auf, dessen Gipfel zu hoch waren, um sie zu sehen.
Und in dem Schloss lebte der Regenbogenkönig mit seiner Familie.
Marvin war trauriger als jemals zuvor in seinem Leben.
»Wir werden nie den Topf voll Gold finden. Selbst wenn der Regenbogen wieder auftauchen sollte. Niemand kann uns sagen, wie wir hin kommen. Er ist einfach viel zu schnell für uns.«
Während sie durch die Straßen zogen, bemerkten sie, dass viele Leute stehen blieben, leise tuschelten und flüsterten. Und immer wieder zeigte jemand vorsichtig mit dem Finger auf die beiden Biber.
»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Fridolin.
Aber sein Freund hatte darauf auch keine Antwort.
»Ich finde das auch sehr seltsam.«

 Nach einem langen Tag suchten sie sich ein kleines Gasthaus in der Nähe der Stadtmauer aus. Noch immer hatte ihnen niemand den richtigen Weg weisen können. Nun dachte auch Marvin das erste Mal darüber nach, ob es nicht klüger wäre, sich auf den Rückweg nach Hause zu machen.
»Schon so lange sind wir jetzt unterwegs. Durch viele Länder sind wir gereist und noch mehr Städte haben wir gesehen. Und trotzdem hat uns nicht ein einziger helfen können. Nun sind wir in der Hauptstadt des Regenbogenlandes angekommen und selbst hier weiß niemand mehr als wir zwei.
Ich glaube, wenn man uns hier nicht helfen kann, dann kann es niemand auf der ganzen weiten Welt. Wir sollten nach Hause gehen.«
Er lies sich auf sein Bett fallen und vergrub seinen Kopf unter einem großen Federkissen.
Fridolin sah von seinem Bett aus hinüber und nickte traurig.
»Du hast Recht. Wir können den Regenbogen nicht erreichen, weil wir nicht wissen, wie das geht. Wir sollten aufgeben und gehen.«

 Am nächsten Morgen wurden die beiden von einem lauten Klopfen geweckt. Es stand jemand auf der anderen Seite der Tür und wollte offensichtlich mit den Bibern reden.
Marvin stand auf und öffnete. Da sah er einen Trupp der königlichen Soldaten vor sich. Sofort bekam er Angst, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen hatten und nun im Gefängnis landen würden.
Doch dann schob sich ein kleiner, aber fein gekleideter Mann nach vorn.
»Seit ihr die zwei komischen Biber, die auf den Regenbogen klettern wollen, um einen Topf voll Gold zu finden? Seit ihr diejenigen, über die man sich in der ganzen Stadt und dem ganzen Land bereits Geschichten erzählt?«
Marvin begann zu zittern und bekam kein Wort heraus. Dafür zitterte er nun am ganzen Körper.
»Endlich haben wir euch gefunden.«, rief der Mann.
»Wir suchen schon die ganze Nacht nach euch und waren bereits in allen anderen Gasthäusern der Stadt. Ich freue mich so sehr, euch endlich persönlich zu treffen.«
Fridolin war inzwischen zur Tür gekommen, hatte dem Fremden zugehört und verstand nichts von allem, was gesagt wurde. Marvin erging es da nicht anders.
Doch dann erklärte der Mann in den schicken Kleidern, warum er gekommen war.
»Der König unseres Landes hat mich zu euch gesandt. Er möchte euch in sein Schloss einladen, um mit euch zu sprechen.«
Nun waren die beiden Biber überrascht. Mit allem hatten sie gerechnet, nur nicht damit.
Sie packten sofort ihr weniges Hab und Gut zusammen und ließen sich von einer großen Kutsche in das Schloss fahren.

Der König wartete schon im Hof seinen Schlosses auf den bevor stehenden Besuch. Schließlich traf die Kutsche ein und er führte seine Gäste in den riesigen Thronsaal.
»Nehmt Platz, meine Freunde und erzählt mir von eurer langen und beschwerlichen Reise in mein Königreich.«
Die Biber machten es sich gemütlich und Fridolin begann zu berichten, warum sie sich auf die lange Wanderung gemacht hatten. Als er vom Topf voll Gold erzählte, fing der König an zu lachen.
»Immer wieder höre ich Berichte von jungen Burschen, die den Topf voll Gold am Ende des Regenbogens suchen. Aber noch kein einziger hat ihn je gefunden, weil es ihn einfach nicht gibt. Er ist nur ein Märchen.«
Marvin war enttäuscht. Er hatte es bereits befürchtet. Aber nun musste er vom König die volle Wahrheit erfahren.
»Ihr zwei Biber sei aber die ehrgeizigsten Sucher, von denen ich je gehört habe. Ich hätte nie gedacht, dass es jemanden geben würde, der einfach nicht aufgibt. Ihr seid schon zwei komische Kerle. Aber ich mag euch.«
Fridolin zog seinen Rucksack zu sich und holte sein Buch daraus hervor.
»Das einzige, was wir auf unserer Wanderung finden konnten, waren viele Geschichten über den Regenbogen. Es waren sogar so viele, dass ich sie mir unmöglich hätte im Kopf behalten können. Deswegen habe ich sie in dieses dicke Buch geschrieben. Mehr haben wir leider nicht.«
Der König nahm das Buch in seine Hände und blätterte vorsichtig durch die Seiten.
»Das ist genau der Grund, warum ich euch hierher eingeladen habe.«
Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und zündete eine Kerze an. Dann nahm er ein glatt poliertes Stück Glas in Tropfenform zur Hand und hielt es davor.
»Wenn es regnet, dann fallen viele Tropfen Wasser vom Himmel. Scheint dazu dann auch noch die Sonne, dann strahlt sie ihr Licht durch die Tropfen hindurch. Dabei zerfällt das Licht in seine farbigen Bestandteile.«
Er nahm das Buch hoch und hielt es neben den Glastropfen.
»Und wenn dann die farbigen Teile auf ein Hindernis stoßen, erscheint ein Regenbogen. Ihr seit also die ganze Zeit nur einem Bild am bewölkten Himmel gefolgt.«
Fasziniert sahen die Biber auf das Buch. Auf ihm war nun der Regenbogen mit all seinen Farben zu sehen: da waren rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett.
»Auch wenn ihr vergeblich nach dem Topf voll Gold gesucht habt, findet ihr nun am Ende dieses kleinen Regenbogens einen Schatz, der euch unvorstellbar reich machen wird.«
Marvin und Fridolin verstanden nicht, wovon der König sprach. Sie sahen keinen Schatz, sondern nur ein Buch mit einem Regenbogen darauf.
»Ihr seht richtig, meine Freunde. Dieses Buch ist euer Schatz. Die Geschichten darin werden bald viele Zuhörer finden. Reist damit nach Hause und erzählt den Leuten vom Regenbogen. Das wird euch reicher machen, als alles Gold dieser Welt. Und ich möchte der erste Sein, der euren Erzählungen lauscht. Das ist mein einziger Wunsch an euch zwei.
Also setzt euch mit an meine Tafel, esst und speist mit mir und erzählt mir Geschichten aus eurem Buch.«

Marvin und Fridolin blieben noch ein paar Monate am Hof des Königs. Jeden Tag lasen sie ihm ihre Geschichten vor.
Doch eines Tages war die Zeit gekommen, dass sie Abschied nehmen mussten. Es zog sie wieder zurück in ihre Heimat.
Vor dem Schloss gab ihnen der König ein Geschenk.
»Dies ist der Regenbogentropfen, den ich euch damals gezeigt hatte. Tragt ihn immer als Erinnerung bei euch.«
Auch Fridolin hatte ein Geschenk für den König.
»Ich hatte viel Zeit in eurem Schloss und habe als Dank für eure Gastfreundschaft alle Geschichten noch einmal in einem neuen Buch aufgeschrieben, damit ihr euch auch in Zukunft daran erfreuen könnt.«
Ein letztes Mal gaben sie sich die Hand. Dann machten sich die Biber auf den langen Weg nach Hause.

Einige Monate später kamen Marvin und Fridolin zurück an ihren See. Schon vor Wochen hörten ihre Freunde und Nachbarn von der Rückkehr der beiden Biber. Denn es war ihnen die Kunde voraus geeilt von den beiden Regenbogenbibern, die im ganzen Land Geschichten über den Regenbogen erzählten und damit Jung und Alt unterhielten.
Doch nun war die lange Wanderung zu Ende. Marvin und Fridolin saßen auf der Terrasse, gekleidet in bunt schillernden Hosen und Jacken. Jeder von ihnen hatte ein dickes Buch im Schoß liegen, aus denen sie ihren gespannten Zuhörern Geschichten vorlasen.

 Aber irgendwann geht jede Geschichte einmal zu Ende.
Die beiden Biber wünschten allen eine gute Nacht und zogen sich müde in ihre Betten zurück. Noch einmal redeten sie über ihre Erlebnisse.
»Die ganze Zeit sind wir einem großen Trugbild hinterher gelaufen, in der Hoffnung reich zu werden. Wir haben geträumt von einem großen Baumhaus, einer Weltreise, Reichtum und einem riesigen Festessen.«
»Oh ja.«, sagte Fridolin dazu.
»Und wir haben das auch alles bekommen. Denn das Haus hatten wir schon immer, die Weltreise haben wir gerade erst beendet und das Festessen gab es jeden Tag am Hof des Regenbogenkönigs.«

Aber über den Reichtum freuten sich die beiden ganz besonders. Sie hatten zwar kein Gold gefunden, dafür aber überall auf ihrer Reise viele neue Freunde und Zuhörer gewonnen. Mit ihren Geschichten hatten sie viele Tiere glücklich gemacht. Und das ist, wie es der König damals sagte, viel wertvoller, als alles Gold dieser Welt.

(c) 2007, Marco Wittler

16

047a. Am Ende des Regenbogens oder: Die Regenbogenbiber (Teil 1)

Am Ende des Regenbogens
oder: die Regenbogenbiber

 Marvin lehnte sich gemütlich zurück. Sein bester Freund Fridolin tat es ihm gleich. Die beiden hatten den ganzen Tag draußen im See miteinander gespielt. Nun waren sie müde und ruhten sich aus.
»Meine Biberoma hat früher immer Geschichten erzählt, wenn ich von Spielen nach Hause kam. Sie kannte so viele Geschichten, dass sie eine vor dem Abendessen erzählen konnte und auch eine danach. Und sie hat in all den Jahren keine einzige davon zweimal erzählt.«
Fridolin war erstaunt. So eine tolle Oma hatte er nicht gehabt.
»Meine Oma wohnte an einem anderen See, ganz weit weg in einem fernen Land.«
Marvin sah seinen Freund mitfühlend an.
»Wenn meine Oma noch hier wäre, würde sie dir bestimmt auch eine Geschichte erzählen.«
»Was war die aufregendste Geschichte, die du je gehört hast?«, fragte Fridolin.
»Da muss ich gar nicht lange überlegen.«, antwortete Marvin.
»Es ist die Geschichte vom Regenbogen.«
Die Biberoma hatte erzählt, wenn es regnet und dabei auch die Sonne scheint, dann kann man am Himmel einen bunten Regenbogen sehen. Wer dann über ihn hinweg klettert, auf der anderen Seite herunter rutscht und schließlich am Ende ankommt, findet einen großen Topf voll Gold.
Als Fridolin das hörte, bekam er große Augen.
»Ein Topf voll Gold? Ich wüsste gar nicht, was ich als erstes kaufen sollte, so viele Wünsche fallen mir da ein. Meinst du, dass der Weg dort hin weit ist? Wir könnten uns ja auf die Suche machen und als reiche Biber wieder nach Hause kommen.«
Marvin lachte.
»Das ist ja eine feine Idee. Dass ich da selber nicht drauf gekommen bin.«
Noch bevor sie in ihre Betten krochen, packte jeder seinen Rucksack für eine lange Reise.
Als sie unter ihre Schlafdecken krochen, murmelten sie beide einen Satz vor sich hin:
»Hoffentlich beginnt es bald zu regnen.«

 Am nächsten Morgen war allerdings nicht eine Wolke am Himmel zu sehen.
»Dabei habe ich mir den Regen so sehr gewünscht.«, sagte Marvin.
»Ich auch, mein Freund, ich auch.«

 Auch am zweiten Tag schien die Sonne, am dritten Tag wieder. Der Sommer schien in diesem Jahr gar kein Ende nehmen zu wollen.
Die beiden Biber erinnerten sich noch gut daran, wie sehr es im letzten Sommer geregnet und wie sehr sie auf Sonnenschein gehofft hatten. Nun war alles umgekehrt.
Während alle Tiere der Gegend Spaß hatten, im See schwammen und viele Spiele spielten, saßen Marvin und Fridolin gelangweilt und mit Rucksäcken, Regenjacken und Gummistiefeln auf der Terrasse vor dem Haus und warteten auf Wolken.
»Wollen wir nicht auch ein wenig zum Schwimmen in den See gehen? Mir ist langweilig und auch viel zu warm hier.«
Aber Marvin lehnte ab.
»Und was machen wir, wenn sich plötzlich das Wetter ändert und der Regenbogen erscheint? Dann ist er bereits wieder verschwunden, bevor wir zurück sind und unsere Rucksäcke aufgesetzt haben. Wir bleiben hier.«

 Die Zeit verging wie im Flug und die Wochen zogen in das Land. Während sich langsam der Sommer verabschiedete, die Temperaturen kälter wurden, saßen die Biber noch immer vor dem Haus.
»Meinst du nicht, wir sollten bald Vorräte für den Winter sammeln, bevor der Winter kommt?«, fragte Fridolin.
»Aber gerade jetzt im Herbst regnet es oft und viel.«, antwortete Marvin.
»Wir dürfen den Regenbogen nicht verpassen, sonst werden wir nie zu reichen Bibern.«
Ein paar weitere Wochen später schien es tatsächlich bald so weit zu sein, denn am Horizont zogen die ersten Wolken auf.
Doch sehr schnell hatten sie den ganzen Himmel bedeckt und es begann zu regnen.
»Wo ist denn nun der Regenbogen?«, fragte Fridolin.
»Er ist nicht da, weil keine Sonne scheint.«, bekam er als Antwort.

Drei Tage regnete es ohne Pause. Die Biber saßen mittlerweile wieder im Haus und wärmten sich am Kaminfeuer, als plötzlich ein heller Lichtstrahl durch das Fenster schien.
Während noch dicke Tropfen vom Himmel fielen, riss die Wolkendecke auf und die Sonne kam zum Vorschein.
Marvin sprang auf und lief sofort zur Tür.
»Los, komm wieder zurück.«, sagte Fridolin.
»Du wirst ja doch keinen Regenbogen sehen. Ich glaube, deine Oma hat sich diese Geschichte einfach nur ausgedacht.«
Marvin hörte gar nicht zu. Er öffnete die Tür und lief nach draußen. Er bemerkte gar nicht, dass er seinen Regenmantel vergessen hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sein Fell ganz nass war.
Doch dafür fand er hinter dem Haus, was er suchte.
»Da ist er. Da ist der Regenbogen. Ich habe den Regenbogen gefunden.«
Er rannte zurück ins Haus, um sich neue Sachen anzuziehen.
»Los, mach dich fertig. Der Regenbogen ist da, genau so, wie ich es dir gesagt hatte. Meine Oma hat also doch keine Märchen erzählt. Jetzt werden wir überall berühmt und reiche Leute.«
Es vergingen keine drei Minuten, bis die beiden zusammen wieder aus dem Haus kamen und dem Regenbogen entgegen gingen.
»Ich hoffe nur, dass es jetzt nicht so schnell vorbei ist mit dem Regen und der Sonne.«, sagte Fridolin.

 Fünf Tage waren nun schon vergangen. Die beiden Biber liefen noch immer dem Regenbogen hinterher. Am Tage sahen sie ihn vor sich, in der Nacht mussten sie Pausen einlegen, da dann die Sonne nicht mehr schien.
Noch immer prasselten dicke Tropfen vom Himmel. Die Wolken hatten den gleichen Weg, wie die Biber eingeschlagen.
»Irgendwie habe ich da komische Gefühl, dass wir dem Regenbogen nicht näher gekommen sind.«, sagte Fridolin.
Aber Marvin antwortete nur: »So ein Quatsch. Wir sind fünf Tage gelaufen. Natürlich sind wir jetzt näher an im dran. Sonst wären wir doch die ganze Zeit an der selben Stelle geblieben.«
Fridolin bekam langsam Zweifel. Irgendwas stimmte da nicht. Der Regenbogen war wohl sehr weit weg, aber hätte doch nach so einer langen Wanderung wenigstens etwas größer werden müssen.

 Nach insgesamt zehn Tagen waren sie bereits durch vier Städte gekommen. Überall fragten sie nach dem Weg oder einer Abkürzung zum Regenbogen. Aber niemand konnte helfen. Stattdessen erzählten ihnen die Leute viele Geschichten über den Regenbogen. Jeder kannte eine andere. Es schien von ihnen unendlich viele zu geben. Aber danach suchten die Biber nicht. Den beiden ging es doch um den Topf voll Gold.

Immer weiter folgten sie dem Regenbogen. Sie wanderten den Wolken und dem Loch, durch das die Sonne schien, hinterher. Immer weiter entfernten sie sich von ihrer Heimat und kamen schließlich in ein fremdes Land.
Marvin stand vor einem großen Schild. Er las Fridolin vor, was darauf stand.
»Willkommen im Regenbogenland. Hier wird der Regenbogen geboren und hier findet er sein Grab.«
Sie bekamen beide große Augen.
»Dann sind wir endlich am Ziel angekommen. Weiter kann der Regenbogen nicht mehr gehen. Hier werden wir endlich das Gold finden und reiche Biber werden.«
Schon dachten beide darüber nach, was sie mit ihrem Reichtum alles kaufen würden. Sie träumten von großen Baumhäusern, einem eigenen Badesee und einer Weltreise durch alle Länder der Erde. Außerdem wollten sie das größte Festessen aller Zeiten erleben.
Aber vorher mussten sie zum Regenbogen gelangen, was aber gar nicht so einfach war, denn noch immer schienen sie ihm nicht einen Meter näher gekommen zu sein.

 Eines Tages kamen sie in eine Stadt. Den Einwohnern war genau anzusehen, dass sie im Regenbogenland lebten, denn ihre Kleidung war so bunt und leuchtend wie der Regenbogen selbst.
»Schau dir das an, Fridolin. Es sieht aus, als trüge jeder von ihnen einen Teil des Regenbogens am Körper. Diese Leute müssen einfach wissen, wie wir an unser Ziel gelangen.«
Die Biber begannen jeden, den sie auf der Straße trafen, zu fragen, wie sie den Weg zum Regenbogen finden könnten. Sie gingen durch Einkaufsläden, über Wochenmärkte, durch Gasthäuser, Kneipen und Spelunken. Ein Antwort erhielten sie allerdings nicht. Stattdessen wurden sie oft ausgelacht oder bekamen neue Geschichten über den Regenbogen erzählt.

Weiter ging es durch das Regenbogenland. Die Biber zogen von Stadt zu Stadt. Aber es schien niemand zu wissen, wie man zum Regenbogen gelangen konnte.
»Ich glaube mittlerweile, dass es niemand wirklich weiß.«, sagte Marvin niedergeschlagen.
»Vielleicht ist der Topf voll Gold am Ende des Regenbogens auch nur eines von vielen Märchen. Und Märchen haben wir ja nun schon so viele gehört. Ich glaube sogar, dass ich nun mehr kenne, als meine alte Biberoma.«
Fridolin stimmte ihm zu. Er hatte schon vor einigen Wochen begonnen, alle Geschichten, die sie gehört hatten, in ein dickes Buch zu schreiben, um keine einzige von ihnen zu vergessen.
»Wenn das so weiter geht, brauche ich bald ein neues Buch.«, sagte er.
»Vielleicht fällt mir aber auch vom vielen Schreiben einfach die Hand ab. Was meinst du?«
Marvin verdrehte die Augen.
»Erzähl nicht so einen Blödsinn. Du weißt doch ganz genau, dass so etwas nicht passieren kann. Mit diesen Schauergeschichten könntest du glatt viele Kinder erschrecken.«

(c) 2007, Marco Wittler

Fortsetzung folgt in Teil 2.

16

038. Das Luftschloss oder „Papa, woher kommt der Regen?“ (Papa erklärt die Welt 1)

Das Luftschloss
oder »Papa, woher kommt der Regen?«

 »Du, Papa, wo kommt eigentlich der ganze Regen her?«
Papa drehte sich um und sah aus dem Fenster.
»Hm, das ist eine sehr gute Frage.«
Draussen vielen dicken Regentropfen vom Himmel herab. Schon seit Stunden hatte sich das Wetter nicht verändert. Große Pfützen hatten sich auf der Straße gebildet. Einfach nur ungemütlich. Aber insgeheim wünschte sie Sofie, dass sie mit Regenmantel und Gummistiefel nach draussen gehen dürfte. Es war immer ein riesigen Spaß, wenn man in die Pfützen hüpfen konnte.
Aber Mama hatte es verboten. Wie schnell hätte sie sich doch erkälten können.
»Was ist denn nun mit dem Regen?«, fragte Sofie erneut, als Papa nichts weiter sagte.
»Mir fällt da eine Geschichte ein, die mir mein Großvater erzählt hat. Sie klingt vielleicht etwas verrückt, aber jedes Wort davon ist wahr. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Schloss, das schwebte hoch oben in Himmel auf einer Wolke. Deswegen nannte man es auch das Wolkenschloss.
Im Wolkenschloss lebte ein König mit seiner Königin und der jungen Prinzessin Hydrania.
Sie war eine sehr stolze Prinzessin, bekam nur die erlesensten Speisen und empfing nur Gäste höchsten Ranges. Alles, was sie aß, wurde von den schönsten Adlern von der Erde geholt und unter größten Mühen in das Schloss geflogen.
Bedankt hatte sich die Prinzessin noch nie. Denn sie war es gewohnt, verwöhnt zu werden. Wollte man ihr mal einen Wunsch nicht erfüllen, landete man im Kerker.
Hydrania erfreute sich ihres Lebens und sonnte sich jeden Tag auf ihrem Balkon in der Sonne. Bis eines Tages etwas völlig Unerwartetes geschah.
Während sie in der Sonne lag, betrachtete sie sich in ihrem kleinen Handspiegel und kontrollierte ihre Haut, ob diese auch schön gleichmäßig braun würde. Doch an diesem Tag war sie etwas unvorsichtig. Der Spiegel rutschte ihr aus der Hand und fiel vom Balkon herab.
Der Spiegel fiel tief, sehr tief sogar. Er landete unsanft, aber in einem Stück auf einem Acker, nahe eines kleinen Dorfes.
Genau zu dieser Zeit kam Andreas vorbei. Er war der Sohn des Dorfschmieds. Er war ein heller Bursche, hatte immer Augen und Ohren offen und nahm alles wahr, das sich in seinem Umfeld tat.
Und so wurde er auch sofort aufmerksam für das Blitzen und Blinken des Gegenstandes, der das Licht der Sonne spiegelte.
»Nanu, was ist denn das?«
Der junge Bursche ging darauf zu und hob den Spiegel auf.
»Das ist aber ein schöner Spiegel. Er sieht so wertvoll aus, dass er nur einer Prinzessin gehören kann.«
Er steckte das gute Stück ein und machte sich auf den Weg zum König seines Landes. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass der Gegenstand woanders hin gehören könnte, da die Menschen noch nie vom Luftschloss gehört hatten.
Doch nachdem er vor dem König gesprochen hatte, stellte er fest, dass keine einzige Prinzessin oder hohe Dame am Hofe einen Spiegel vermisste.
Jedenfalls dachte er sich das. Er hatte aus guten Gründen das gute Stück nicht vorgezeigt, sondern gut in seiner Tasche verstaut. Die begierigen Prinzessinnen hingegen, waren gierig und wollten sich alles, was sie bekommen konnten, unter den Nagel reissen. Aber nachdem Andreas um eine Beschreibung des Spiegel bat, wurden die jungen Frauen stumm. Sie konnten also nicht die wahren Besitzer sein.
Und so zog Andreas von Land zu Land, von Schloss zu Schloss, ohne den Spiegel jemals abgeben zu können.
Währenddessen saß die Prinzessin des Himmels an ihrem Balkon und beobachtete, was sich unter ihr auf der Erde tat.
Sie trauerte ihrem Spiegel so sehr hinterher, dass sie dicke Tränen weinte, welche hinab fielen. So entstand der erste Regen.
Andreas hingegen wunderte sich während seiner Reise, weil zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, Wasser vom Himmel fiel. Es war sogar so viel, dass seine Kleidung bis auf die Haut durchnässte und alle Wege sich zu Matschpfaden verwandelten. So etwas hatte er noch nie erlebt. Denn jeden Tag gab es sonst nur Sonnenschein.
Hydrania sah jeden Tag ihren Spiegel. Sie sah, wie er von einem unwürdigen Menschen, der es in ihren Augen nicht wert war, ihn zu berühren, von einem Schloss zu anderen getragen wurde. Und mit jedem Tag wurde ihre Angst größer, dass er doch noch in die Hände einer anderen Prinzessin gelangen könnte.
Dadurch wurde die Trauer immer größer und sie weinte immer dickere Tränen.
Sie entschloss sich, etwas zu unternehmen. Sie sandte ihre Adler zur Erde und verlangte von ihnen, dass sie den Menschen ins das Himmelsschloss holen sollten.
Und so geschah es auch.

Andreas war erschrocken und erstaunt, als plötzlich große Vögel hinter ihm her jagten. Immer wieder attackierten sie ihn, bis schließlich einer von ihnen seine Krallen in das Hemd des Menschen schlug und ihn davon trug.
Hinauf ging es und immer höher. Andreas bekam es mit der Angst zu tun. Er war bisher nur auf niedrige Hügel geklettert. Und nun sah er seine Welt zum ersten Mal von oben. Und dann stießen sie durch die Wolken.
Vor ihnen lag das Luftschloss. Es schwebte auf der größten Wolke weit und breit. Dies musste das Ziel der Reise sein.
Andreas spürte, wie der Spiegel in seiner Tasche immer schwerer wurde. Er hatte das Gefühl, nun vielleicht am Ende seiner Suche angekommen zu sein. Doch dies würde sich noch heraus stellen.
Hydrania konnte es gar nicht mehr erwarten, ihren geliebten Spiegel wieder ihr Eigen nennen zu können. Sie trocknete sich die Tränen und lies den Menschen zu sich führen.
Ohne lange drum herum zu reden verlangte sie sofort, dass ihr der Spiegel ausgehändigt werden müsse. Doch Andreas lies sich nicht beirren. Er wollte das Kleinod niemand Falschem geben und verlangte eine Beschreibung.
Da wurde die Prinzessin zornig und wütend. Sie schrie so laut, dass man sie im ganzen Schloss hören konnte.
»So eine unglaubliche Unverschämtheit. So hat mich niemand zu behandeln. Wer glaubst du, dass du bist, dass du Forderungen an mich stellst. Ich bin die Himmelsprinzessin und verlange von dir, dass du mir sofort mein Eigentum zurück gibst. Sonst lasse ich dich einsperren und nehme mir den Spiegel einfach.«
Andreas war sprachlos. Er hatte nun mittlerweile viele Prinzessinnen gesehen. Doch diese war mit Abstand die Schlimmste von allen. Er entschloss sich, ihr einen Denkzettel zu verpassen, falls sie nicht gewillt war, den Spiegel doch noch zu beschreiben.
Er trat hinaus auf den Balkon und hielt die Tasche mit dem Spiegel über die Brüstung.
»Wenn es wirklich dein Spiegel ist und du ihn zurück willst, dann beschreib ihn mir. Ansonsten lasse ich ihn fallen und er wird für immer verschwinden.«
Blanker Hass spiegelte sich im Blick der Prinzessin wieder. Sie stürzte sich auf Andreas und wollte ihm die Augen auskratzen.
Dieser jedoch lies, wie angekündigt, die Tasche zur Erde fallen und sprang hinterher.
Durch den vielen Regen war der Boden völlig durchnässt und aufgeweicht. Die Tasche fiel in einer Pfütze auf dem Acker, auf dem der Spiegel bereits schon einmal gelegen hatte. Sie versank im Schlamm und verschwand.
Andreas landete etwas unsanft, aber mit heiler Haut, knapp daneben. So eine unverschämte Prinzessin hatte er noch nie erlebt. Es geschah ihr Recht, dass sie nun ohne ihren geliebten Spiegel würde leben müssen.
Er machte sich auf, zurück in das Dorf und suchte sich eine Arbeit.
Hydrania hingegen konnte noch immer nicht glauben, was geschehen war. Bisher hatte jeder getan, was sie verlangte. Jeder andere hätte ihr den Spiegel sofort gegeben. Nur dieser unverschämte Bursche nicht.
Nun weinte sie wieder bittere Tränen.

Papa räkelte sich in seinem Sessel und trank einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.
»So ist der Regen entstanden.«
Sofie überlegte.
»Aber wie kommt es, dass es dann nicht jeden Tag rund um die Uhr regnet? Schließlich hat die Prinzessin ja immer noch nicht ihren Spiegel zurück.«
Papa schmunzelte, dachte kurz nach und antwortete schließlich nach einem weiteren Schluck aus der Tasse.
»Nun, die ganze Sache ist natürlich schon lange her. Und die Prinzessin hat sich daran gewöhnt, ohne ihren Spiegel leben zu müssen. Nur manchmal erinnert sie sich noch an das Geschehene und dann fängt sie wieder an zu weinen.«
Sofie lachte. »Papa, ich glaube dir kein Wort.«

(c) 2007, Marco Wittler07