335. Herbstwetter

Herbstwetter

»So ein blödes Wetter.«, beschwerte sich Nina, als sie aus dem Fenster sah.
»Warum muss es denn heute so kalt und windig sein? Ich wollte doch heute raus gehen und spielen. Ich kann den Herbst einfach nicht leiden.«
Enttäuscht ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Das Treffen mit ihren Freundinnen auf dem Spielplatz konnte sie wohl vergessen.
»Dann werde ich heute wohl den ganzen Tag Langeweile haben.«
Sie seufzte laut.
In diesem Moment ging Papa an ihrem Zimmer vorbei. Als er seine Tochter hörte, steckte er den Kopf durch die Zimmertür.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
»Ach, Papa.«, antwortete Nina enttäuscht.
»Schau doch mal aus dem Fenster. Bei dem Wetter kann ich mich doch nicht mit meinen Freundinnen auf dem Spielplatz treffen. Das macht doch keinen Spaß.«
Papa warf einen Blick nach draußen. Er sah die Wolken, die schnell über den Himmel hinweg zogen und dachte nach.
»Ich hab da eine Idee.«
Er nahm seine Tochter mit ins Wohnzimmer, drückte ihr das Telefon in die Hand und bat sie, alle ihre Freundinnen einzuladen.
»Aber Papa, wir können doch gar nicht raus gehen und hier drinnen wollen wir auch nicht spielen.«
Papa musste grinsen.
»Wer sagt denn, dass ihr nichts draußen unternehmen könnt? Ich hab mir da schon was einfallen lassen. Vertrau mir einfach.«
Also wählte Nina eine Telefonnummer nach der anderen und lud schließlich ihre ganzen Freundinnen ein, während Papa grinsend im Keller verschwand.

Nach einer halben Stunde saßen sieben neugierige Mädchen im Wohnzimmer. Sie wussten nicht, was gleich unternommen werden sollte, denn Papa hatte sich noch nicht wieder blicken lassen. Aber es war zu hören, dass er an irgendwas arbeitete.
Dann wurde es im Keller still. Als nächstes waren Schritte auf der Treppe zu hören.
»Ich bin fertig. Wir können loslegen. Also zieht eure Jacken an. Wir gehen nach draußen.«
Die Mädchen sahen sich verwirrt an. Doch dann zogen sie sich an und gingen schließlich nach draußen auf die große Wiese vor dem Spielplatz.
Papa hatte eine Kiste in Händen, die er nun vor seine Füße stellte. Er öffnete den Deckel und holte etwas heraus, dass er schnell gebastelt hatte.
»Der Wind ist so schön kräftig heute.«, sagte er.
»Deswegen lassen wir heute Drachen steigen.«
Jedem Mädchen drückte er einen handgemachten Drachen in die Hand. Dann führte er ihnen vor, wie man sie schnell und einfach in die Luft steigen lassen konnte.
»Hui, ist das ein Spaß.«, rief Nina begeistert.
»Mit dem richtigen Spielzeug ist der Herbst eine ganz tolle Jahreszeit.«
Da konnten ihre Freundinnen nur beipflichten.

(c) 2010, Marco Wittler

282. Die kleine rosa Wolke oder „Papa. was macht der Wind, wenn er nicht weht?“ (Papa erklärt die Welt 30)

Die kleine rosa Wolke
oder ›Papa, was macht der Wind, wenn er nicht weht?‹

Sofie stand am Fenster und sah nach draußen. Es war zwar schon dunkel geworden, doch im Licht der Autoscheinwerfer und Laternen konnte man sehr gut beobachten, wie sich die Bäume hin und her bewegten.
Wild tanzte das Laub über den Boden und Zweige brachen von ihren Ästen ab. Es war ein richtiger Sturm, der durch die Straßen fegte und an allem rüttelte.
In diesem Moment kam Papa ins Kinderzimmer.
»Was ist denn das? Du liegst ja noch gar nicht unter deiner Decke. Jetzt wird es aber wirklich Zeit, dass du in dein Bettchen krabbelst, sonst kann ich dir keine Geschichte vorlesen.«
Sofie gehorchte und legte sich hin.
»Das ist ja ein richtig fieses Wetter da draußen. Mir tun die ganzen Tiere leid, die jetzt nicht im Warmen sitzen können.«
Papa nickte.
»Aber gegen so einen Sturm lässt sich leider nichts machen. Der kommt einfach, wann er will.«
Sofie runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Papa bemerkte es sofort und seufzte. Er wusste genau, was nun geschehen würde. Also packte er schon einmal das Kinderbuch zur Seite.
»Papa, was macht der Wind, wenn er nicht weht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Wind. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine rosa Wolke mit Namen Flocke, die fröhlich durch den Himmel flog. Jeden Tag besuchte sie ihre Wolkenfreunde und redete mit ihnen über das schöne Wetter. Doch dann traf sie auf einen sehr traurigen grauen Artgenossen.
»He, was ist denn mit dir los?«, fragte Flocke.
»Ach, ich bin so traurig, sagte die Wolke.
»Den ganzen Tag hänge ich hier über der Erde und aus meinem Bauch regnet es ohne Pause. Kein Mensch traut sich in meine Nähe, weil sie nicht nass werden wollen. Dabei ist das unter mir ein richtig schönes Fleckchen Erde.«
Da fiel es Flocke auf, dass sie die einzige Wolke im ganzen Himmel war, die sich hin und her bewegen konnte. Alle anderen hingen fest an ihrem Platz.
»Warum fliegt ihr denn nicht auch über die Erde hinweg?«, fragte Flocke, so laut sie konnte.
Die Antworten ließen auch nicht lange auf sich warten. Von allen Seiten war mürrisches Knurren zu hören. Offensichtlich konnte sonst niemand von allein fliegen.
»Dagegen muss doch etwas unternommen werden.«, sagte sich die rosa Wolke und flitzte von einer Himmelsrichtung zur nächsten, um nach einer Lösung zu suchen. Aber es war nichts zu finden.
Ziemlich traurig gesellte sich Flocke zu ihren Freunden und seufzte laut.
»Huch? Was war denn das?«, fragte da die graue Regenwolke.
»Kannst du das noch einmal machen?«
Abermals seufzte Flocke und bemerkte nun selbst, dass sie damit ihren Freund ein Stück von sich fort blies.
»Das ist ja eine geniale Sache.«, freute sich die rosa Wolke und begann sofort kräftig zu blasen.
Die Wolken des Himmels flogen auseinander wie umgeworfene Kegel. Niemanden hielt es jetzt noch auf seinem Platz.
»Juhuu, endlich können wir hin und her reisen.«, war nun aus allen Richtungen zu hören.
Flocke war mächtig stolz auf sich und nannte ihre kräftige Puste von nun an Wind.

Sofie grinste über das ganze Gesicht.
»Und wenn der Wind nicht weht, dann ist Flocke am andere Ende der Welt?«
Papa nickte zufrieden.
»Ganz genau. Du bist wirklich ein schlaues Mädchen.«
Er zog die Decke über Sofie zurecht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Nun wird aber geschlafen.«
Sofort schloss Sofie die Augen und begann absichtlich laut zu schnarchen. Doch bevor Papa das Kinderzimmer verlassen konnte, musste sie ihm noch etwas sagen.
»Das war wirklich eine schöne Geschichte. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Und dann lachte sie laut und schaltete ihre Nachttischlampe aus.

(c) 2009, Marco Wittler

226. Angst vor Gewittern

Angst vor Gewittern

Nils und Lili standen im Garten und sahen in den Himmel hinauf.
»Das sind aber viele Wolken.«, sagte Nils.
»Ob es gleich regnen wird?, fragte Lili.
Ihr Bruder zuckte nur mit den Schultern. Ihm war es egal. Im Moment war es noch trocken. Also warum sollte er sich sorgen machen?
Mit einem geübten Sprung landete er punktgenau im Sandkasten. Schon seit Tagen arbeitete er an seinem großen Projekt. Er wollte, die größte und schönste Sandburg besitzen, die je ein Kind gebaut hatte.
Lili saß jeden Tag bei ihm und sah begeistert zu, wenn sie nicht gerade nützliche Tipps gab, wie man die einzelnen Türme noch verschönern könnte.
Während die zwei Kinder dafür sorgten, dass die Burg entstand, zogen weitere Wolken über den Himmel. Mittlerweile waren die dick, schwer und dunkel geworden. Es schien sich ein starker Regenschauer anzukündigen. Es wurde trotzdem weiter im Sand gebaut.
Irgendwann sah Mama aus dem Fenster.
»Kinder, wollt ihr nicht lieber rein kommen? Es wird bestimmt gleich kräftig regnen. Ihr wollt doch nicht nass werden.«
Aber Nils schüttelte den Kopf. Die Burg war noch nicht fertig. Lili verneinte ebenfalls.
»Wenn Nils nicht rein geht, dann bleibe ich auch draußen.«
Doch ein paar Minuten später war es dann so weit. Von allen Seiten her grummelte es. Immer wieder jagten Blitze durch den Himmel. Die ersten Regentropfen fielen zu Boden.
»Wollen wir nicht doch rein gehen?«, fragte Lili besorgt.
»Ich hab doch Angst vor Gewittern.«
Nils sah sich verzweifelt um.
»Aber die Burg ist doch noch nicht fertig. Und wenn es jetzt anfängt zu regnen und wir aufhören, ist sie bis Morgen nur noch ein Haufen Matsch.«
Also blieben sie.
Der Regen wurde immer stärker. Schon bildeten sich kleine Pfützen im Sandkasten. Die Blitze kamen immer schneller und der Donner wurde ständig lauter.
»Jetzt will ich nicht mehr.«, rief Lili.
Das Mädchen sprang auf und lief zitternd ins Haus. Nils hatte ebenfalls die Angst gepackt. Gewitter waren ihm nicht geheuer.
Nun standen die beiden am Fenster und sahen traurig auf die Sandburg.
»Ich habe so lange daran gearbeitet.«, sagte Nils enttäuscht.
»Morgen ist nichts mehr davon übrig.«
Mama legte ihm ihre Hände auf seine Schultern und versuchte ihn aufzumuntern. Doch das klappte einfach nicht.
Plötzlich lief Nils los. Hatte er sich so sehr beim letzten Donnerschlag erschrocken? Nein, denn er stürmte in den Keller und kam kurz darauf mit zwei Windschutzmuscheln wieder hoch.
»Los Lili, komm mit nach draußen. Die Muscheln stellen wir als Zelt über die Burg. Dann bleibt sie ganz.«
Er öffnete die Tür zum Garten und lief los. Seine Schwester bleib allerdings im Haus und sah verzweifelt aus. Nur zu gern hätte sie geholfen. Aber sie traute sich einfach nicht.
Nils mühte sich ab. Es wollte einfach nicht so klappen, wie er es sich vorgestellt hatte. Immer wieder blies der Wind die Schutzmuscheln fort. Allein konnte er das unmöglich schaffen.
Lili fasste sich ein Herz. Sie holte sich ihre große Lieblingsmütze, zog sie tief ins Gesicht und lief nach draußen.
Es blitzte und donnerte kurz darauf. Doch davo ließ sie sich nun nicht mehr abhalten. Die große Sandburg war in Gefahr und musste unbedingt gerettet werden.
»Sag mal, schaffst du es mal wieder nicht ohne mich?«, fragte sie Nils und stellte sich stolz in den Regen.
»Wurde auch Zeit, dass du kommst. Warum hat es so lange gedauert?«
Lili lachte.
»Ich musste erst meine Mütze suchen. Dachtest du, ich hätte Angst? Im Leben nicht.«
Nun stellten sie gemeinsam die Muscheln auf. Aber der Wind war einfach zu stark.
»Ich habe eine Idee.«, sagte Lili.
»Wir bleiben hier draußen und halten sie fest, bis der Regen aufgehört hat. Das ist doch nur ein Gewitter.«
Nils sah sich zuerst ängstlich um. Bei diesem Wetter wollte er eigentlich nur so lange wie nötig draußen bleiben. Aber da selbst seine Schwester so mutig war, konnte er nun nicht mehr kneifen.
Die Kinder blieben tatsächlich die ganze Zeit draußen und beschützten ihre Burg, bis eine halbe Stunde später auch die letzten Regentropfen verschwunden waren und die Sonne zum Vorschein kam.
Die Burg war gerettet. Sie hatte nur hier und da ein paar kleine Beschädigungen, die von Nils aber schnell repariert werden konnten.
Schon am nächsten Tag konnten sie die größte und schönste Burg aller Zeit präsentieren.

(c) 2009, Marco Wittler