623. Der unglückliche Weihnachtsstern

Der unglückliche Weihnachtsstern

Es war Zeit ins Bett zu gehen. Merle hatte schon ihren Schlafanzug an und sah noch einmal aus dem Fenster. Am wolkenlosen Himmel glitzerten die Sterne. Einer von ihnen war besonders hell: der Weihnachtsstern. Schon seit gestern war er zu sehen und ließ die Vorfreude auf Weihnachten größer werden.
»Nur noch einmal schlafen, dann ist Heiligabend.«, freute sich Merle.
Dann legte sie sich ins Bett, schloss die Augen und träumte davon, was sie alles am nächsten Tag erleben würde.

Am nächsten Morgen schlief Merle ungewöhnlich lange. Sie wurde erst wach, als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont gekrochen kamen.
»Endlich ist Heiligabend.«, waren die ersten Worte, die ihr über die Lippen kamen. Schon in ein paar Stunden würde die ganze Familie gemeinsam in den Weihnachtsgottesdienst in die Kirche gehen, danach zusammen etwas Leckeres essen und einen schönen Abend verleben. Dann hieß es noch einmal schlafen, bis es die Geschenke gab.
»Jetzt muss die Zeit bis dahin nur noch schnell vergehen.«
Nach dem Frühstück setzte sich Merle mit einem Berg weicher Kissen auf ihr kleines Sofa unter dem Fenster. Dort las sie dann das Buch, mit dem sie sich jedes Jahr die Zeit bis zum Fest vertrieb: eine Sammlung mit schönen Weihnachtsgeschichten, die sie eigentlich schon auswendig kannte.
Zwischendurch ging ihr Blick immer wieder nach draußen. Sie wartete auf den Sonnenuntergang und auf das erneute Erscheinen des Weihnachtssterns, denn dann würde es bald so weit sein.
Einige Stunden später wurde es langsam dunkler. Die Sonne färbte sie zuerst orange, dann rot und verschwand schließlich wieder hinter dem Horizont. Der Abend brach an. Kurze Zeit später erschienen die ersten Sterne.
Merle hing gespannt am Fenster und wartete. Dabei sah sie immer wieder ungeduldig auf die Uhr über der Tür.
»Wo ist er denn? Wo bleibt er nur?«
Der Weihnachtsstern ließ sich dieses Mal wirklich sehr viel Zeit. So spät war er am Heiligabend noch nie aufgegangen. Da stimmte etwas nicht.
Merle suchte den ganzen Himmel ab. Ihr Blick ging von links nach rechts, von oben nach unten. Sie ging sogar durch die anderen Zimmer des Hauses, um in die anderen Richtungen sehen zu können. Doch da war nichts.
»Wo bleibt der Weihnachtsstern? Ohne Weihnachtsstern ist es kein richtiges Weihnachten.«
Dann entdeckte sie ihn doch. Er stand schon eine ganze Weile am Himmelszelt, aber sein Licht leuchtete nur sehr schwach. So hatte Merle ihn bisher übersehen.
Sie öffnete das Fenster.
»Weihnachtsstern, was ist mit dir passiert? Warum bist du so blass?«
Sie rechnete nicht mit einer Antwort. Sterne konnten nicht sprechen. Und wenn sie sprechen konnten, dann nur in Geschichten und in Büchern. Trotzdem war sie neugierig, was geschehen war. Zur großen Überraschung begann der Stern zu sprechen.
»Ich hatte einen Unfall.«, erklärte der Weihnachtsstern traurig. »Ich bin heute Morgen zu spät vom Himmel verschwunden und bin dann mit der aufgehenden Sonne zusammen gestoßen. Weil sie viel größer und schwerer ist, bin ich dann auf die Erde gefallen und in einer wärmeren Gegend in eine große Pfütze gestürzt. Jetzt bin von oben bis unten mit Schlamm verdreckt.«
Merle staunte.
»Kannst du dich denn nicht waschen?«
»Nein. Ich bin nur ein Stern. Ich habe keine Arme. Wie soll das gehen? Wir werden immer nur dann sauber, wenn es regnet. Aber dafür fehlen die Wolken.«
Merle sah sich um. Nur zu gern würde sie dem Stern helfen. Aber wie? Dann fiel ihr etwas ein. Schnell zog sie sich ihre Wintersachen an und lief nach draußen.
»Ich kann dir helfen.«, rief sie in den Himmel hinauf.
Dann griff sie mit ihren dicken Handschuhen in den Schnee und war immer wieder etwas davon nach oben.
Schnell flog der Weihnachtsstern tiefer, flitzte hin und her und ließ sich vom Schnee sauber waschen, bis er wieder so hell strahlte, wie am Abend zuvor.
»Geht doch.«, freute sich Merle. »Dann können wir ja jetzt Weihnachten feiern.«
Der Weihnachtsstern reute sich ebenfalls und bedankte sich noch ein paar Mal bei Merle, bis sie schließlich wieder ins Haus gehen musste.

(c) 2017, Marco Wittler

176. Forscher

Forscher

Es war ein Stern, der mitten in der Nacht vom Himmel stürzte. Lukas hatte ihn genau gesehen, als er von dem hellen Licht geweckt wurde.
»Ich dachte, dass Sterne fest am Himmel hängen und nicht herunter fallen können.«, sagte er sich.
»Wie mag ein Stern wohl aussehen?«
Lukas war bei diesem Gedanken sofort hellwach. Er stand auf und zog sich an.
»Ich muss mich beeilen, bevor mir jemand zuvor kommt und den Stern einfach mit nach Hause nimmt.«
Die Absturzstelle war nicht weit entfernt. Es musste am Ende des Gehweges sein, vielleicht lag der Stern im Sand des Spielplatzes.
Lukas betrat das Zimmer seines großen Bruders. Der war schon achtzehn Jahre alt und saß noch wach am Computer. Er lernte für die Schule.
»Was willst du denn hier? Du solltest schon längst schlafen.«, schimpfte Michael.
Aber davon ließ sich Lukas nicht einschüchtern.
»Du musst mir helfen. Ein Stern ist vom Himmel gefallen. Ich darf ja allein nicht so spät draußen herum laufen. Also musst du auf mich aufpassen.«
Michael sah seinen kleinen Bruder abschätzend an.
»Ein Stern ist abgestürzt? Das klingt ja seltsam. Aber irgendwie macht mich das auch neugierig. Wir sollten uns das einmal aus der Nähe anschauen.«
Er nahm seine Jacke vom Haken und gemeinsam gingen die beiden Jungen los.
Keine fünf Minuten später standen sie vor dem Eingangstor des Spielplatzes. Es war absolut still. Nichts war zu hören. Die Grillen zirpten nicht. Selbst der Wind schien den Atem anzuhalten.
»Hier ist nichts.«, sagte Michael.
Doch Lukas wollte sich damit nicht zufrieden geben. Er sah sich genauer um.
»Schau mal. Die Büsche da drüben sind zerdrückt. Dort muss der Stern hinein gerast sein.«
Er lief über den Spielplatz hinweg, kletterte über einen niedrigen Jägerzaun und verschwand im Dickicht.
»Hier leuchtet etwas.«, hörte man nur noch seine Stimme.
Michael lief hinterher und sah es ebenfalls. In einem kleinen Krater lag etwas. Es leuchtete rot, weil es heiß war. Doch langsam schien es abzukühlen.
»Als der Stern vom Himmel fiel, war er so blendend hell. Vielleicht können wir ihn bald anfassen und mit nach Hause nehmen. Dann kann ich ihn morgen meinen Freunden zeigen.«, träumte Lukas bereits vor sich hin.
In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Das leuchtende Gebilde erhob sich langsam in die Höhe und schwebte dann vor den beiden Jungen. Der Dreck des Kraters fiel davon herab und zum Vorschein kam ein kleiner Roboter.
»Identifiziert euch.«, befahl dieser.
»Wir sind Lukas und Michael.«
Der Roboter flog um die beidem herum und betrachtete sie.
»Was seid ihr?«
Lukas trat einen Schritt vor.
»Wir sind Menschen vom Planeten Erde.«
Im Innern des Roboters ratterte es.
»Erde, ein von Menschen bewohnter Planet. Technisch uns weit unterlegen. Kontakt ist unbedingt zu vermeiden.«, sprach schließlich die elektronische Stimme.
»Was meint er damit?«, fragte Lukas neugierig.
»Das bedeutet, dass seine Erfinder uns technisch weit voraus sind und sie uns mit einem Kontakt nicht beeinflussen wollen. Wir sollen uns auf unsere eigene Weise entwickeln.«, antwortete Michael.
»Offensichtlich ist dem Blechkameraden hier etwas im Weltraum passiert und es blieb ihm nichts anderes übrig, als hier bei uns eine Notlandung zu machen.«
Es ratterte wieder.
»Das ist korrekt. Aus diesem Grund muss ich mich nun auch selbst zerstören.«
Lukas war entsetzt. Das durfte auf keinen Fall geschehen. Dieses kleine Wunderwerk der Technik war doch bestimmt viel zu teuer, um einfach zu explodieren.
Er schnappte sich den Roboter, drehte ihn in alle Richtungen und drückte dann auf den einzigen sichtbaren Knopf, den er finden konnte. Sofort gingen alle Lichter aus. Er hatte ihn abgeschaltet.
»Wir müssen ihn reparieren, damit er seine Reise fortsetzen kann.«
Die Brüder liefen sofort nach Hause. Im Keller ihres Hauses hatte ihr Vater eine kleine Werkstatt eingerichtet. Dort befand sich genug Werkzeug, um den Roboter zu reparieren.
»Und was machen wir jetzt?«
Michael zuckte mit den Schultern. Er setzte sich eine Schutzbrille auf und besah sich den kleinen Besucher von allen Seiten. Dann fand er, wonach er suchte.
»Schau mal. Das hier ist sein Antrieb. Mit diesen Düsen kann er sich lenken und fliegen.«
Er nahm eine Pinzette von der Wand und holte etwas aus dem Roboter heraus.
»Seine Düsen waren verstopft. Er muss mit einem Kometen zusammen gestoßen sein. Davon ist dieser Dreck hier. Ist doch klar, dass er deswegen abgestürzt ist.«
Lukas grinste über das ganze Gesicht, so sehr freute er sich, dass sie helfen konnten. Er schaltete den Roboter wieder ein.
»Wo bin ich?«, fragte die elektronische Stimme.
»Wir haben dich in unsere Werkstatt gebracht und repariert. Du kannst jetzt bestimmt wieder fliegen.«
Der Roboter hob langsam ab und drehte ein paar Runden durch den kleinen Raum. Es war tatsächlich alles wieder in Ordnung.
»Nun kann ich meine Reise fortsetzen. Ich werde mich nicht zerstören.«
Zum Dank blinkte er in allen Farben des Regenbogens.
»Warum habt ihr das getan?«
Lukas dachte nicht lange nach, bevor er antwortete.
»Wir Menschen helfen uns sehr oft gegenseitig, wenn ein anderer nicht mehr weiter weiß.«
Es dauerte, bis der Roboter wieder sprach.
»Das ist sehr interessant. Ich werde darüber nachdenken, wenn ich euch wieder verlassen habe. Ich werde meine Erbauer darüber informieren. Die Menschen sind viel interessanter, als bisher angenommen. Vielleicht werden wir euch doch eines Tages besuchen.«
Mit diesen Worten schwebte er aus dem Kellerfenster und raste anschließend wieder zu den Sternen hinauf.
»Weg ist er.«, sagte Lukas traurig.
»Ich hätte so gern mehr von ihm erfahren.«
Michael hielt ihm einen kleinen Stein unter die Nase.
»Nicht traurig sein, kleiner Bruder. Dafür hast du als Andenken ein echtes Stück eines Kometen.«
Lukas Augen wurden ganz groß. Die Trauer war vergessen. Dafür freute er sich umso mehr über den kleinen Stein.

(c) 2009, Marco Wittler