605. Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten (Ninos Schneckengeschichten 12)

Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten

Nino sah auf den Kalender und lächelte. „Schau mal, Wuschel. Morgen ist endlich Weihnachten.“
Er sah aus dem Fenster, sah eine Weile den tanzenden Schneeflockenin der Dunkelheit des Abends zu und kam schließlich zu einer Idee.
„Ich glaube, ich werde dieses Jahr beide Häuser schmücken.“
Beide Häuser, fragst du dich jetzt vielleicht. Ja, du hast richtig gelesen. Nino besaß zwei Häuser. Eines, in dem er lebte und eines, in das er sich bei Gefahr zurückziehen konnte.
Auch wenn das seltsam klingt, für Nino war das völlig normal. Denn Nino war eine Schnecke.
„Ich hänge eine lange Lichterkette ans Haus und mein Schneckenhaus bekommt ein paar Glöckchen und bunte Kugeln. Das sieht bestimmt richtig schön und weihnachtlich aus.“
Er sah zu Wuschel, der aufgeregt neben ihm stand und mit seinem Schwanz wedelte.
„Ist schon gut.“, sagte Nino. „Du warst dieses Jahr ein ganz besonders artiger Hund. Ich werde auch deine Hütte schmücken.“
Wuschel wuffte in freudiger Erwartung.
„Deine Weihnachtssocke hänge ich natürlich auch auf. Vielleicht steckt dir der Weihnachtsmann etwas hinein.“
Die beiden verbrachten den ganzen Abend damit, den Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und überall aufzuhängen. Kurz bevor sie fertig waren, hörten sie ein lautes Poltern auf dem Dach.
„Oh je!“, rief Nino entsetzt.
„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann. Wenn wir nicht artig in unseren Betten liegen, wird er uns unsere Geschenke nicht herein bringen. Dann gehen wir dieses Jahr leer aus.“
So schnell wie es einer Schnecke möglich war, packte Nino seinen Wuschel und verzog sich mit ihm in sein Schneckenhaus. Dort stellten sie sich schlafen und gaben keinen Mucks von sich.
Es polterte weiter auf dem Dach, aber niemand kam durch den Kamin ins Wohnzimmer geklettert.
„Da stimmt etwas nicht.“, wunderte sich Nino. Hoffentlich ist der Weihnachtsmann nicht im Kamin stedken geblieben. Wir sollten lieber mal nach dem Rechten sehen.“
Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, setzte Wuschel auf dem Teppich ab und warf vorsichtig einen Blick in den Kamin.
„Nein, da ist niemand. Vielleicht steht er nich auf dem Dach und findet in seinem riesigen Sack unsere Geschenke nicht.“
Nino überlegte, ob er nach draußen gehen und nachschauen sollte, als es vor der Tür laut krachte.
„Du meine Güte. Was war denn das?“
Sofort lieben Schnecke und Hund zur Haustür, öffneten sich und sahen nach Draußen. Im Garten lag ein großer, roter Schlitten – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Zumindest lag dort, was von ihm übrig geblieben war.
„Verflixt und zugenäht. Wie konnte das nur passieren? Was soll ich denn jetzt machen?“, war eine Stimme auf dem Dach zu hören.
Nino blickte auf und entdeckte dort oben den Weihnachtsmann.
„Weihnachtsmann, was ist passiert? Brauchst du Hilfe?“
Der Weihnachtsmann seufzte verzweifelt.
„Da kann mir wohl niemand mehr helfen. Mein Schlitten ist kaputt und ich muss noch eine Menge Geschenke verteilen. Das restliche Weihnachten muss wohl ausfallen. Hätte ich doch bloß den letzten TÜV Termin nicht vergessen. Und meine Rentiere haben sich so sehr bei dem Krach erschrocken, dass sie auf und davon sind.“
Ninos Gedanken rasten. Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke war kein Weihnachtsfest. Er musste etwas unternehmen.
„Ich werde dir helfen. In meinem Schneckenhaus ist genug Platz für alle Geschenke. Ich diene dir als Ersatzschlitten.“
Der Weihnachtsmann lächelte verlegen.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten, mein hilfreicher Freund, aber du bist nur eine Schnecke. Ich glaube nicht, dass du schnell genug bist, damit ich alle Geschenke rechtzeitig verteilen kann.“
Nino grinste.
„Los Wuschel. Hol es!“
Wuschel kläffte kurz. Dann lief er ins Haus zurück und kam nur wenige Sekunden später mit seiner Leine und einem Skateboard zurück.
„Wegen meines Schneckentempos bin ich vor ein paar Jahren am Weihnachtsabend im Schnee stecken geblieben. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt, der mit schnell wie der Wind durch die Straßen der Stadt ziehen kann.“
Der Weihnachtsmann kratzte sich durch seinen dichten Bart am Kinn und dachte dabei nach.
„In Ordnung. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“
Er wuchtete den großen Sack aus den Überresten seines Schlittens und verstaute ihn in Ninos Schneckenhaus. Dann setzte er sich darauf und gab seinem neuen Helfer das Startkommando. Dieses leitete Ninos sofort an seinen felligen Freund weiter.
„Los Wuschel. Gib Gas! Wir haben eine große Menge Geschenke zu verteilen. Lauf wie der Wind!“
Wuschel setzte sich in Bewegung und zog das Skateboard mit der Schnecke hinter sich her. Freudig kläffend flitzte er so von Haus zu Haus.
Die ganze Nacht ging durch die Straßen. Der Geschenkesack wurde immer leerer. Erst mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, waren sie fertig und standen wieder vor Ninos Haus. Allerdings befanden sich im Sack noch immer zwei Geschenke.
„Für wen sind denn diese beiden Pakete?“, wollte Nino wissen. „Wir haben alle Häuser hinter uns. Wir sind fertig.
Der Weihnachtsmann grinste.
„Diese beiden Geschenke sind für meine neuen Helfer Nino und Wuschel.“
Während sie ins Haus gingen, um noch gemütlich einen heißen Tee zu trinken, übergab der Weihnachtsmann seinen kleinen Freunden ihre Pakete.

(c) 2017, Marco Wittler

237. Ein steiniger Weg

Ein steiniger Weg

Es war ein heißer Sommertag. Selbst hier, viele Meter unter dem schattigen Blätterdach des Waldes, war nichts mehr von einer kühlen Luft zu spüren. Die Tiere des Waldes schwitzten und fühlten sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Eines von ihnen traf das Wetter besonders schwer. Die Schildkröte Paul steckte in einem schweren Panzer fest. Normalerweise bot er ihm Schutz vor wilden Tieren, die ihn fressen wollten. Bei Regen konnte man sich ebenfalls in ihm verstecken. Und im Winter hielt er warm. Zumindest, wenn Paul nicht vergaß, rechtzeitig die Heizung einzuschalten. Aber im Sommer konnte er nicht daraus flüchten, denn der Panzer war angewachsen.
»Puh.« klagte er. »Warum muss es denn auch so heiß werden? Nur zu gern würde ich am Nordpol leben. Da ist es viel kühler.«
»Kühl?« schüttelte ein Regenwurm den Kopf. »Da oben ist es einkalt. Ich hab kein Fell. Ich würde sofort zu einem Eis am Stiel gefrieren. Ach, was rede ich da. Ich wäre dann der Stiel für das Eis.«
Paul versuchte zu grinsen. »Bei Kälte kann ich meine Heizung einschalten. Gegen die Hitze hilft aber nur eine Klimaanlage. Dafür habe ich aber keinen Platz mehr in meinem Panzer.«
Die Schildkröte kroch weiter. »Und gerade heute habe ich so einen beschwerlichen Weg vor mir.«
Pauls Ziel lag auf einem kleinen Hügel. Zwischen ihm und dem Gipfel lagen unzählige Steine und Felsen. Kreuz und quer waren sie überall verteilt. Mit einem schweren Panzer auf dem Rücken war da kaum dran vorbei zu kommen.
»Ich werde bestimmt wieder stecken bleiben. Das ist mir schon öfter passiert. Aber es hilft mir ja keiner.«
In diesem Moment kamen ein paar Vögel aus den Baumkronen herab geflogen. Es waren drei Spechte.
»Du brauchst Hilfe? Wir werden dir helfen. Wir Tiere des Waldes müssen doch zusammen halten.«
Paul schüttelte den Kopf. »Wie wollt ihr mir denn helfen? Ihr seid zu schwach, um mich über die Felsen zu tragen.«
»Wir schaffen das schon. Wir müssen nur noch ein paar Freunde herbei holen.«
Sie flatterten davon und verschwanden zwischen den Bäumen.
»Jetzt bin ich aber mal gespannt.« murmelte die Schildkröte und setzte sich unter eine große Eiche.

Nach einer halben Stunde waren Schritte zu hören. Da kamen viele Füße angetrappelt. »Was passiert denn jetzt?« wurde Paul neugierig und erhob sich von seinem Ruheplatz.
Als erstes tauchten die Spechte auf. Ihnen folgten vier Biber und ein ganzer Schwarm kleiner Termiten. Zum Schluss bogen ein großer Hirsch mit einem riesigen Geweih und ein dicker Bär um die Ecke.
»Jetzt wird gearbeitet.« rief einer der Spechte.
Das ließen sich die Tiere nicht zweimal sagen. Die Biber ließen ihre großen Zähne aufblitzen. Damit knabberten sie sich blitzschnell durch mehrere Baumstämme, bis diese umkippten. Die Termiten hüpften auf die Stämme und fraßen sich hindurch, bis sie zu handlichen Brettern geworden waren.
Der Bär packte die Bretter und setzte sie zu einer Treppe zusammen. »Wir brauchen Löcher für die Nägel.« rief er den Spechten zu, die sofort begannen, mit ihren Schnäbeln ins Holz zu hacken.
»Super macht ihr das.« lobte der Hirsch und schlug mit seinem mächtigen Geweih die Nägel ein.
Innerhalb kürzester Zeit war die Treppe zum Gipfel des Hügels fertig. Nun konnte jeder gefahrlos und ohne Probleme hinauf und hinunter gehen.
Schildkröte war so glücklich, dass ihm Freudentränen die Wangen hinunter kullerten. »Ich weiß gar nicht, wie ich euch allen danken soll. Ihr seid so wunderbar.«
»So machen wir Waldtiere das. Wir halten zusammen und helfen, wo wir nur können.«
Paul setzte einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe, dann den zweiten. Es war jetzt wirklich ganz einfach, hinauf zu kommen.
»Das werde ich euch nie vergessen.«

Und genau so geschah es dann auch. Schon am ersten Wintertag konnte er selbst Hilfe anbieten. Denn da suchten die kleinen Termiten Schutz vor der Kälte in seinem Panzer an der warmen Heizung.

(c) 2014, Marco Wittler

Diese Geschichte entspannt im Rahmen einer Blogparade durch den Aufruf von Sophie.

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Zu einem vorgegebenem Foto sollte man seiner Fantasie freien Lauf lassen und eine Kurzgeschichte verfassen. Das hier ist mein Beitrag dazu. Zum Schluss dann noch das Foto, dass mich zum „steinigen Weg“ inspiriert hat.

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