452. Anna mit dem Rolli

Anna mit dem Rolli

Anna saß am Fenster und sah nach draußen. Es schneite schon seit zwei Tagen ohne Pause. Der Schnee wurde mit jeder Stunde höher und ließ die Welt unter sich verschwinden, als hätte jemand eine riesige, weiße Decke über sie gelegt. Autos fuhren nur noch selten die Straße entlang. Es war einfach zu glatt. Dafür kamen umso mehr Kinder am Fenster vorbei. Sie waren auf dem Weg zur großen Schlittenwiese.
»Wenn ich doch bloß nach draußen könnte. Aber ich komme niemals durch den hohen Schnee.«, schimpfte sie verzweifelt vor sich hin und sah immer wieder an ihrem Rollstuhl hinab, in dem sie seit ihrer Geburt saß.
»Wenn das blöde Ding nicht wäre, könnte ich auch nach draußen und die Schneeflocken auf meinen Kopf fallen lassen.«
In diesem Moment klopfte es an der Tür und der Kopf von Annas Papa kam zum Vorschein.
»Warum siehst du denn so traurig aus? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«
Anna wollte eigentlich gar nicht antworten. Aber dann schluckte sie den Kloß in ihrem Hals runter und tat es doch.
»Der Schnee da draußen ist so schön. Ich möchte auch mal darin spielen, wie es die anderen Kinder jeden Tag machen, aber mit dem Rollstuhl geht das einfach nicht. Ich komme nicht einmal richtig vorwärts, weil meine Reifen entweder im Schnee stecken bleiben oder rutschen.«
Dann schüttete sie Papa eine ganze Weile ihr Herz aus und weinte dabei dicke Tränen, bis es ihr wieder etwas besser ging.
»Ich werde mir etwas einfallen lassen.«, versprach Papa.
Als er Anna am Abend ins Bett gebracht hatte, nahm er den Rollstuhl mit aus dem Zimmer und grinste.
»Vielleicht hab ich eine Idee. Schlaf gut.«

Am nächsten Morgen konnte es Anna kaum erwarten, ihren Rollstuhl zu bekommen. Was hatte Papa wohl daran gemacht? Als er dann schließlich herein kam, fielen Anna fast die Augen aus dem Kopf.
»Hui, was ist denn damit passiert?«, fragte sie neugierig.
»Ich präsentiere!«, rief Papa.
»Das ist der Rollstuhl 2.0 mit eingebauter Winterausstattung.«
Er kniete sich auf den Boden und zeigte auf die Reifen, die er mit einem alten Gummireifen überzogen hatte, durch die er unzählige kurze Nägel gestochen hatte.
»Für mehr Sicherheit im Straßenverkehr verfügt er nun über Spikes, die nie mehr auf Schnee und Eis rutschen werden.«
Papa drehte den Rollstuhl ein wenig. Es kam das untere Ende eines Schneeschiebers zum Vorschein.
»Der Schnee ist zu hoch und ein Durchkommen auf dem Gehweg nicht mehr möglich? Das ist jetzt vorbei. Mit dem Schieber räumt der Rollstuhl nun selbstständig seinen Weg frei. Ein wenig der weißen Pracht lässt er allerdings liegen, damit die Spikes noch genug Halt finden.«
Anna wusste gar nicht, wie sie sich bedanken sollte. Ihr liefen Freudentränen über die Wangen und sie brachte ein verweintes »Danke, Papa.« heraus.
»Du bist einfach der Beste.«
Papa grinste noch immer.
»Papperlapp. Ich habe nur das getan, was jeder andere auch tun würde.«
Anna drückte Papa an sich und ließ sich dann in den Rollstuhl heben.

Nach dem Frühstück zog sich Anna ihre dicke Winterjacke an, Handschuhe an die Hände und setzte sich eine Pudelmütze auf den Kopf. Mit vor Freude strahlenden Augen öffnete sie die Tür, drückte den Gashebel ihres Rollstuhls nach vorn und rollte auf den schneebedeckten Gehweg hinaus.
»Juhuu, ist das toll hier draußen.«
Der Schieber vor ihren Füßen schob die weißen Massen zur Seite, während sich die Nägel an ihren Rädern tief in den restlichen Schnee bohrten.
In diesem Moment kamen ein paar Kinder mit ihren Schlitten an Annas Haus vorbei. Es waren Schüler aus ihrer Klasse.
»Hey, Anna. Wie cool ist das denn?«, fragte gleich einer von ihnen.
»Du kannst ja doch raus bei dem Wetter.«
»Jaaaa.«, strahlte Anna.
»Und ich kann noch was ganz anderes. Passt mal auf.«
Ein paar Minuten später fuhr Anna mit ihrem Rollstuhl zur Schlittenwiese und zog zwei Kinder mit ihren Schlitten hinter sich her.

(c) 2013, Marco Wittler

187. Ein Tag im Krankenhaus

Ein Tag im Krankenhaus

Manuel lag in seinem Bett und sah gelangweilt aus dem Fenster. Schon seit drei Tagen war er im Krankenhaus. Man hatte ihm die Mandeln entfernt. Dafür gab es zwar jeden Tag Eis, aber seine Freunde kamen nicht zu Besuch. Sie tobten sich lieber draußen in der warmen Sonne auf dem Spielplatz aus.
»Hey, du.«, sagte Erik aus dem Bett gegenüber.
»Hast du vielleicht Lust mit mir ein Spiel zu machen?«
Aber Manuel reagierte nicht darauf und sah in die andere Richtung.
›So coole Spiele, wie die meiner Freunde, kennst du doch eh nicht. Schon gar nicht mit einem gebrochenen Bein.‹, dachte er still bei sich.
Ein paar Augenblicke später kam ein Mädchen in das Zimmer gestürmt. Ihr Name war Antje und sie trug einen dicken Verband am Kopf, weil sie vom Klettergerüst gestürzt war.
»Ihr werdet es nicht glauben, aber da draußen auf dem Flur steht ein Clown. Der macht Tiere und Hüte und alles Mögliche andere aus langen Luftballons. Das müsst ihr euch unbedingt anschauen.«
Erik kletterte mühsam aus seinem Bett und setzte sich in einen Rollstuhl, mit dem er aus dem Zimmer verschwand. Manuel blieb, wo er war.
›Clowns sind doch langweilig. So was habe ich schon tausend Mal gesehen.‹
Er zog sich die Decke bis knapp unter die Nase und schmollte weiter vor sich hin. Er war mittlerweile sauer, dass ihn niemand besuchte. Nicht einmal seine Eltern hatten die nötige Zeit gefunden. Sie mussten arbeiten und würden erst am Abend vorbei schauen.
Nach ein paar Minuten kam der Clown in das Zimmer. Er lachte laut, tanzte im Kreis herum, hüpfte auf einem Bein und trällerte dabei ein Liedchen. Seine Hände knoteten derweil eine Luftballonfigur nach der anderen, die er auf Manuels Bett warf. Doch selbst das schien nicht zu helfen. Mit traurig nach unten gezogenen Mundwinkeln verabschiedete sich der Clown und besuchte die anderen Kinder, die schon sehnsüchtig auf ihn warteten.
›Endlich ist er weg. Ich dachte schon, der verschwindet gar nicht mehr.‹, dachte sich Manuel.
In diesem Moment wurde die Zimmertür laut aufgestoßen. Erik und Antje flitzten beide mit einem Rollstuhl herein.
»Juhu, Rollstuhlrennen.«
Sie fuhren bis zum Fenster drehten sich herum und düsten wieder auf den Flur zurück.
Nun hielt es auch Manuel nicht mehr in seinem Bett. Mit wütender Miene lief er den anderen nach. Er wollte mit ihnen schimpfen, weil er ständig gestört wurde. Doch da wäre er beinahe über einen weiteren Rollstuhl gestolpert, der direkt hinter der Tür auf dem Flur stand.
Verwirrt blieb er stehen, überlegte, blickte sich um. Niemand war zu sehen. Vorsichtig setzte er sich in den Stuhl und rollte ein wenig vor und zurück. Es schien ganz lustig zu sein.
Genau in diesem Moment rasten Erik und Antje um eine Ecke. Als sie Manuel erreichten, gab dieser Gas.
»Ihr seit doch nur lahme Schnecken. Ich bin der Rollstuhlrennmeister. Mich schlagt ihr nie.«
Die drei Kinder fuhren die Gänge hinauf und hinunter. Ihr Lachen war in der ganzen Krankenhausstation zu hören. Bis ihr Rennen ein schnelles Ende fand.
»Oberschwester Hannelore kommt gerade die Treppe herauf.«, rief ein Junge.
Schnell versteckten Antje und Manuel ihre Rollstühle, während Erik mit seinem Bein drin sitzen bleiben konnte. Manuel schlich sich grinsend in sein Bett zurück.
Die Oberschwester öffnete die Eingangstür und erblickte Antje. Die beiden zwinkerten sich zu, als sie aufeinander zu gingen.
»Hat es geklappt?«, fragte Hannelore.
Antje nickte.
»Ihre Idee mit dem Rennen war prima. Er saß sofort im Rollstuhl und ist mit uns durch die Flure gefahren. Er hat sogar gelacht.«
Die Oberschwester freute sich, denn sie konnte es gar nicht leiden, wenn ein Kind in ihrer Station schlechte Laune bekam.

(c) 2009, Marco Wittler