635. Der Dieb im Supermarkt

Der Dieb im Supermarkt

Anna war die Letzte im Supermarkt. Sie hatte bis zum Schluss gearbeitet. Nun sah sie noch einmal nach dem Rechten und schaltete überall das Licht aus. Ihr letzter Blick, bevor sie die Tür abschloss, galt einer kleinen Schale voller Eicheln, Kastanien und Bucheckern, die sie zur Dekoration an ihre Kasse gestellt hatte. Dann drehte sie den Schlüssel der Eingangstür um und machte Feierabend.
Am nächsten Tag öffnete Anna wieder die Tür. Sie schaltete das Licht an, startete ihre Kasse und staunte nicht schlecht. Die Schale vor ihrer Nase war fast leer. Die Eicheln und Bucheckern waren verschwunden. Nur die Kastanien waren noch da.
»Das kann doch gar nicht sein. Zwischen gestern Abend und heute Morgen war niemand mehr hier drin. Wie kann denn da meine Deko verschwinden?«
Sie zuckte mit den Schultern und holte aus ihrem Schrank ein paar neue Eicheln und Bucheckern.
Doch einen Tag später waren auch diese nicht mehr da. Anna wurde unsicher. Es war ihr eigener, kleiner Supermarkt. Sie war die Einzige, die einen Schlüssel besaß. Es konnte niemand hier herein kommen.
»Und vor allem: warum klaut der Dieb immer nur Eicheln und Bucheckern und sonst nichts anderes?«
In den nächsten Tagen änderte sich nichts an ihrem Problem. Selbst die herbei gerufene Polizei konnte keine Einbruchsspuren entdecken. Also nahm sich Anna vor, den Dieb selbst zu fangen.
Erneut schloss sie am Abend die Tür ab, dieses Mal aber von Innen. Dann versteckte sie sich unter der Obsttheke, wartete ab und ließ ihre Kasse nicht mehr aus den Augen.
Die Zeit verging. Stunde um Stunde drehten sich die Zeiger auf der Uhr. Nichts geschah. Die Dekorationsschale war prall gefüllt. Der Dieb ließ sich allerdings nicht blicken. Irgendwann schlief Anna ein.
Tief in der Nacht schreckte sie plötzlich hoch. Ein Geräusch hatte sie geweckt. Was war es gewesen? Ein leises, kratzendes Geräusch? Tatsächlich. Da war es wieder zu hören. Es näherte sich unaufhörlich der Kasse. War das der Dieb?
Gespannt richtete sich Anna auf. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, schaltete die Kamera an und filmte alles, was sich da in der Dunkelheit tat.
Plötzlich sprang ein kleiner Schatten von einer der Deckenlampen zur Kasse herab. Anna suchte sofort nach ihrer Taschenlampe, schaltete sie ein und richtete sie auf den Dieb.
Vor ihr saß ein kleines, rotes Eichhörnchen, das gerade dabei war, eine Eichel fort zu tragen. Aufgeschreckt durch das grelle Licht, ließ es seine Beute fallen und flüchtete. Nach wenigen Metern verschwand es durch ein kleines Loch in der Wand.
»Halt! Warte doch! Ich tu dir nichts!«
Anna lief dem Tier nach und leuchtete in das Loch. Dort saß das Eichhörnchen zitternd zwischen den geklauten Waldfrüchten.
»Du hast bestimmt Hunger.«
Anna lief schnell zur Kasse. Sie holte alle Eicheln und Bucheckern, die sie noch besaß und legte sie vorsichtig in das Loch hinein.
»Ich bringe dir auch noch mehr mit. Dann schaffst du es ohne Hunger durch den Winter.«
Ein paar Tage später schraubte Anna ein neues Schild über den Eingang ihres kleinen Supermarkts. Von da an hieß er ‚Eichhörnchen-Laden‘.

(c) 2017, Marco Wittler

617. Das Lebkuchenhaus

Das Lebkuchenhaus

Lisa sah an sich herab. Ihre Kochschürze war von oben bis unten mit Zuckerguss und bunten Zuckerperlen verziert. Ein klarer Fall für die Waschmaschine. Aber das war ihr egal. Sie war trotzdem auf ihr eigentliches Kunstwerk stolz: Ihr erstes Lebkuchenhaus, dass sie mit Mamas Hife gebaut und verziert hatte.
Jetzt musste es nur noch über Nacht trocknen und konnte dann ab Morgen, wenn endlich das Weihnachtsfest begonnen hatte, geplündert werden. Darauf freute sie sich schon ganz besonders.
Sie stellte das Lebkuchenhaus auf den Schrank und betrachtete es später noch einmal, bevor sie schlafen ging.

Am nächsten Morgen hüpfte Lisa putzmunter und voller Erwartungen aus ihrem Bett. Schnell zog sie sich an und machte sich im Bad fertig. Ob das Christkind schon die Geschenke gebracht hatte?
Lisa wollte gleich ins Wohnzimmer stürmen und nachschauen, aber Mama hielt sie davon ab.
„Erstmal wird gefrühstückt, junge Dame.“
Also setzte sich Lisa leicht schmollend an den Küchentisch und aß sich ein Brot mit ihrer Lieblingserdbeermarmelade.
In der Zwischenzeit bereitete Mama alles andere vor, was sie bis jetzt noch nicht geschafft hatte. Irgendwann kam auch sie in Küche und sah ziemlich grimmig aus.
„Sag mal, hast du heute Nacht das ganze Lebkuchenhaus aufgegessen? Es sind nur noch ein paar Krümel übrig.“
Lisa war überrascht. Warum sollte sie so etwas machen?
„Wie kannst du sowas nur machen? Willst du Bauchschmerzen bekommen? Zu viel Zucker ist ungesund.“
„Aber … ich war das doch gar nicht. Ich habe heute Nacht ganz artig in meinem Bett geschlafen. Ich war nicht mal zur Toilette.“
Dass überzeugte Mama aber nicht.
„Wer soll es denn sonst gegessen haben? Hier wohnt sonst niemand.“
Lisa war den Tränen nahe. Sie sprang auf und lief in ihr Zimmer. Mama folgte ihr. Gemeinsam sahen sie sich um, bis sie schließlich die wahren Übeltäter fanden.
Lisas Meerschweinfamilie hatte in der Nacht die Tür zum Käfig geöffnet. Danach hatten sich die Tiere auf das Lebkuchenhaus gestürzt und dieses komplett aufgefuttert. Die mehr als dicken Bäuche und die Zuckerperlen an ihren Mäulern waren Beweis genug.
„Tut mir leid, dass ich dich in Verdacht hatte.“, entschuldigte sich Mama bei Lisa. Dann wandte sie sich den Meerschweinchen zu.
„Und ihr kommt die nächsten Tage auf Diät. Nächste Woche kaufen wir dann einen ausbruchsicheren Käfig.“

(c) 2017, Marco Wittler