332. Die Sache mit der Dusche

Die Sache mit der Dusche

Paul saß in seinem Sandkasten und baute gerade  an einer großen Burg mit vielen kleinen Türmen, als Mama das Küchenfenster öffnete und ihn herein rief.
»Los, komm ins Haus. Es ist Zeit für eine Dusche. Das Abendessen ist gleich fertig.«
Aber Paul hörte einfach nicht hin. Er war viel zu beschäftigt mit seinem Bauwerk. Er schnappte sich einen Eimer, füllte Sand hinein, drückte diesen fest und formte damit den nächsten Turm. Das brachte unglaublich viel Spaß.
Ein paar Minuten später öffnete Mama ein weiteres Mal das Fenster.
»Paul, bitte beeil dich. Wir wollen doch gleich essen.«
Dieses Mal hörte Paul hin. Er drehte sich um, sah am Haus hinauf und antwortete.
»Ich habe keine Lust. Duschen ist langweilig. Ich spiele lieber im Sand.«
Doch das hatte Mama schon nicht mehr gehört. Sie ging nämlich davon aus, dass ihr Sohn auf sie hören würde und hatte das Fenster bereits wieder geschlossen.
Paul zuckte mit den Schultern und füllte den nächsten Eimer,
Nach ein paar Minuten war wieder Mama zu hören.
»Was ist denn los, Paul? Hörst du mich nicht? Du sollt rein kommen und Duschen.«
Paul drehte sich nun etwas schneller um und achtete darauf, dass er Mama noch sehen konnte.
»Keine Lust. Im Sandkasten macht es viel mehr Spaß. Ich bleibe hier.«
Und dann fing er an, laut zu singen, um Mama nicht mehr hören zu müssen.
Genau in diesem Moment passierte etwas, womit Paul nicht gerechnet hatte. Während der letzten halben Stunde hatten sich über ihm graue, dunkle Wolken zusammen gezogen. Immer dichter waren sie aneinander gerückt. Und nun war es so weit. Sie öffneten ihre Schleusen und ließen einen starken Platzregen auf die Erde hernieder prasseln.
Paul erschrak.
»Brrrrr.«, rief er.
Sofort stand er auf, warf seiner zerlaufenden Sandburg noch einen traurigen Blick zu und betrat dann pitschnass das Haus.
»Ich bin schon fertig mit duschen.«, rief er grinsend in die Küche.

(c) 2010, Marco Wittler

297. Die glückliche, kleine Schwester

Die glückliche, kleine Schwester

Der sechzehn Jahre alte Lukas stand am Gartentor und wartete auf seine Freundin. Sie hatten sich vorgenommen, auf der Terrasse die Schulaufgaben zu erledigen, denn das Wetter war viel zu schön, um im Haus zu sitzen.
In diesem Moment blieb ein Auto am Straßenrand stehen. Anja stieg aus und gab Lukas einen Kuss auf die Wange.
»Da bist du ja endlich, Schatz.«, begrüßte dieser seine Freundin.
»Bevor wir loslegen können, muss ich aber noch etwas erledigen. Wäre schön, wenn du einfach mitspielst.«
Anja machte ein verdutztes Gesicht. Sie wusste nicht, was nun geschehen würde, nickte aber trotzdem.
Sie gingen Hand in Hand über den Rasen zum Sandkasten, in dem bereits Lukas Schwester Merle spielte.
»Los, setzt euch. Ich fall sonst noch wegen Langeweile tot um.«, beschwerte sie sich.
»Meine Kuchenförmchen warten schon sooo lange darauf, endlich etwas machen zu können.«
Und schon griff das Mädchen in ihre Spielzeugkiste. Sie holte ein paar Förmchen hervor, in die sie bis zum Rand Sand füllte.
»Jetzt nur noch zum Backen in den Ofen.«
Knirschend öffnete Merle die Tür des Spielzeugofens und steckte die Förmchen hinein.
»Hey, kleine Schwester, hast du nicht etwas vergessen?«, fragte Lukas.
Da fiel es ihr auch schon ein.
»Du hast Recht. Ich muss noch Kakao holen.«
Schon flitzte sie ins Haus und verschwand für ein paar Minuten.
»So, jetzt muss ich mich auch beeilen.«
Lukas stand auf und ging zum Gartenhäuschen. Dort hatte er bereits eine große Dose versteckt gehalten, die er nun zum Sandkasten brachte.
»Ich habe gestern einen zweiten Karton mit Förmchen gekauft.«, erklärte er.
Dann öffnete er den Ofen und tauschte die Sandförmchen gegen welche aus, die mit richtigem Kuchen gefüllt waren.
»Merle wird Augen machen, wenn wir ihren Kuchen richtig essen.«
Nun verstand Anja endlich und grinste.
»Da bin ich schon wieder.«, war eine Mädchenstimme zu hören.
Merle brachte drei Tassen und eine große Packung Kakao mit.
»Jetzt können wir unsere Party anfangen. Der Kuchen ist bestimmt auch schon fertig.«
Sie verteilte Getränke und öffnete dann ihren Ofen.
»Ein Kuchen für Anja, ein Kuchen für Lukas und einer für mich.«
Während Merle wie gewohnt nur so tat, als würde sie essen, holte ihr großer Bruder seinen Kuchen aus dem Förmchen heraus und biss beherzt hinein.
»Mh, der ist ja unglaublich lecker. Ich wusste gar nicht, dass du so gut backen kannst, Schwesterchen.«
Auch Anja ließ es sich schmecken und konnte sich mit Komplimenten nicht zurück halten.
Nun wurde Merle misstrauisch. Vorsichtig schnupperte sie an ihrem Förmchen. Dann nahm sie den Kuchen heraus und probierte.
»Ich kann zaubern.«, rief sie überrascht und lachte vor Freude.
»Dann lass dir mal deinen Kuchen schmecken.«, empfahl Lukas.
»Wir beide müssen uns jetzt um unsere Hausaufgaben kümmern.«

(c) 2010, Marco Wittler

084. Das Sandkastenmonster (Tommis Tagebuch 2)

Das Sandkastenmonster

Hallo liebes Tagebuch.

Ich bin es, der Tommi. Hoffentlich erinnerst du dich noch an mich.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was gestern und heute los war. Und genau deswegen werde ich es dir jetzt schreiben.
Meine große Schwester Nina war ganz schön gemein zu mir. Ich war mit Papa zusammen in der Gartenhütte, um mein Sandkastenspielzeug nach dem Winter heraus zu holen. Eine halbe Stunde hat es gedauert, bis es zum Vorschein kam. Es lag ganz hinten in einem kleinen Pappkarton. Also mussten wir vorher den Rasenmäher, die Wäschespinne, die Gartenmöbel und unsere Fahrräder heraus holen.
Naja, eigentlich hat Papa das alles allein gemacht. Aber ich habe ihm die ganze Zeit gesagt, wie das am Besten geht. Sonst hätte er bestimmt eine Ewigkeit dafür gebraucht.
Jedenfalls hat er mir dann irgendwann meinen Karton gegeben. Und genau in diesem Moment kam Nina aus dem Haus. In der Hand hielt sie einen Brief für ihre Freundin Steffi. Also war sie auf dem Weg zum Briefkasten. Doch statt direkt zur Straße zu gehen, kam sie zu uns rüber.
»Was hast du denn da in der Kiste?«, fragte sie mich.
Eigentlich wollte ich ihr gar nicht antworten. Ich dachte mir, dass sie sofort sagen würde, ich wäre noch ein Baby, wenn ich noch zum Spielplatz gehen würde. Aber dann tat ich es doch.
»Da ist mein Sandkastenspielzeug drin.«
Da bekam Nina große Augen, nahm mich am Arm und zog mich von der Hüttentür weg.
»Du willst wirklich zum Spielplatz gehen?«
»Ja,«, antwortete ich, »auch wenn du mich jetzt als Baby beschimpfst. Das ist mir egal. Ich gehe trotzdem hin, weil es mir Spaß macht.«
Sie zog mich näher an sich heran und flüsterte mir ins Ohr.
»Hast du das denn noch nicht gehört?«
Ich wusste nicht, was sie damit sagen wollte, also antwortete ich mit einem Nein.
»In der letzten Woche sind auf dem Spielplatz drei Kinder verschwunden. Die Erwachsenen reden nicht darüber. Selbst in der Zeitung hat es nicht gestanden, weil niemand weiß, wie das geschehen konnte. Bei mir in der Schule geht aber das Gerücht um, dass sich während des Winters im Sandkasten ein Monster versteckt hat, das unschuldige Kinder entführt, um sie dann, wie in einem Zoo, in kleine Käfige zu stecken.«
Mir wurde ganz komisch im Magen. Davon hatte ich wirklich noch nichts gehört.
»Also überleg es dir noch einmal, ob du wirklich zum Spielplatz gehst.«
Nina klopfte mir auf die Schulter und ging zum Briefkasten.
Ich warf einen Blick auf mein Spielzeug und lachte etwas ängstlich. Ich war mir sicher, dass es Monster nicht gibt.
»Das sind doch alles nur Schauergeschichten.« sagte ich zu mir.
»Oder etwa nicht?«
Mit weichen Knien machte ich mich auf den Weg. An der Straße ging ich über den Zebrastreifen und dann quer über die große Fußballwiese. Dann war ich auch schon angekommen.
Auf einer Bank saß mein Freund Tim. Er wartete schon auf mich und wollte als erstes eine große Sandburg bauen. Aber ich traute mich nicht, auch nur einen Fuß auf den Spielplatz zu setzen.
»Was ist den mit dir los? Ich dachte, wir wollten zusammen spielen.«
Also erzählte ich ihm alles, was ich von Nina erfahren hatte.
Sofort packte Tim seine Spielsachen ein und kam ängstlich zu mir.
»Nur gut, dass du nicht zu spät gekommen bist, sonst wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr da.«
Er wischte sich mit der Hand über die Stirn.
»Puh. Was machen wir denn jetzt? Ich muss doch die erste Sandburg des Jahres bauen, sonst macht es jemand anders vor mir. Das geht doch nicht.«
Aber es viel uns nichts ein. Daher gingen wir nach Hause und verabredeten uns für heute noch einmal.

Heute Morgen standen Tim und ich wieder vor dem Spielplatz. Jeder von uns war mit seinem Sandkastenspielzeug bewaffnet. Angst hatten wir immer noch.
»Es sind gar keine anderen Kinder da.«, flüsterte Tim.
Uns war es richtig mulmig und wir hatten beide weiche Knie. Doch plötzlich ging ich vorwärts. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, obwohl ich es gar nicht wollte. Schließlich stand ich zitternd vor dem Sandkasten.
Ich überlegte ein paar Minuten. Dann warf ich nach und nach meine Spielsachen in den Sand. Tim kam ebenfalls heran und half mit. Aber es geschah nichts. Das Monster tauchte nicht auf.
»Vielleicht ist es ja schon in den Sandkasten einer anderen Stadt umgezogen, weil keine Kinder mehr gekommen sind.«, sagte Tim.
Ich stimmte ihm zu. Dann gingen wir ganz vorsichtig in den Sandkasten hinein, jederzeit bereit, wieder heraus zu springen. Aber alles blieb ruhig. Also sah ich Tim zu, wie er die erste Sandburg des Jahres baute.
Währenddessen kamen auch noch andere Kinder zum Spielplatz und machten sich im Sandkasten und auf der Rutsche breit. Erst als es langsam dunkel und kühl wurde, gingen Tim und ich nach Hause.

Als ich in den Hausflur kam, hörte ich, dass Nina mit Steffi telefonierte. Sie erzählte ihr davon, wie lustig es war, mir eine Schauergeschichte zu erzählen. Als ich das hörte, wurde ich richtig sauer und überlegte mir, wie ich mich am Besten rächen konnte.
Doch dann war es erst einmal Zeit für das Abendessen, wonach es schon Zeit zum Schlafen wurde.
Aber ich ging nicht in mein Zimmer, sondern versteckte mich unter Ninas Bett. Kurz darauf kam sie herein und kroch unter ihre Decke.
Ich wartete noch eine Weile und begann dann mit meinen Fingernägeln über das Holz des Bettes zu kratzen.
Nina schreckte sofort hoch und fragte, ob sich jemand im Zimmer befinden würde. Ich antwortete natürlich nicht. Stattdessen schaltete ich meinen Kassettenrekorder ein. Schon ertönte daraus das laute Brüllen eines Dinosauriers. Ich hatte extra ein Urzeit Hörspiel aufgelegt.
Nina begann zu schreien und lief aus dem Zimmer. Ich wartete noch kurz und schlich dann in mein eigenes Bett.
Jetzt war Nina auch auf ein falsches Monster herein gefallen. Das war nur gerecht.
Während ich mich zudeckte, sah ich draußen etwas. Ich stand wieder auf, ging ans Fenster und blickte zum Spielplatz hinüber. Da sah ich gerade noch, wie ein großes, zotteliges Etwas im Sandkasten verschwand.
Gibt es Monster etwa doch oder habe ich das nur geträumt?
Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall werde ich demnächst auf dem Spielplatz wieder vorsichtiger sein.

Das war es auch schon, liebes Tagebuch. Und bitte verrate es niemandem, denn sonst bekomme ich für meinen Streich noch Ärger mit Nina.

Dein Tommi.

(c) 2008), Marco Wittler