214. Der Schatz des Piraten

Der Schatz des Piraten

Lisa stöberte mit ihren Freundinnen im Keller herum. Überall standen alte Kisten und Kartons, in denen sich so manch interessantes Ding finden ließ.
»Aber macht keine Unordnung.«, hatte Oma vorher noch gesagt. Die Mädchen hatten mit dem Kopf genickt und sich sofort in das Chaos gestürzt. Vielleicht würden sie alte Liebesbriefe oder hübschen Schmuck finden.
Elena öffnete einen Schrank und machte sofort einen Schritt zurück.
»Schaut mal, wie hässlich dieser alte Hut hier ist.«
Die Mädchen scharten sich um sie und sahen sich das Fundstück an. Lisa holte den Hut hervor und setzte ihn auf den Kopf. Es war, wie sie erzählte, der Hut eines alten Piraten, der vor vielen hundert Jahren gestorben war.
»Er war der Ur-ur-ur-ur-Großvater meines Opas. Mit seinem Schiff hat er die Weltmeere unsicher gemacht und so viele Schätze geraubt, wie er nur konnte. Oma sagt sogar, dass irgendwo noch etwas davon versteckt sein soll. Aber wir wissen nicht, wo das sein soll.«
Ein paar der Mädchen verdrehten die Augen, denn sie glaubten nicht an diese Geschichte. Doch schon ein paar Minuten später öffnete Melanie einen Karton und staunte bis über beide Ohren.
»Ihr werdet es nicht glauben, was ich hier gefunden habe. Kommt schnell alle her.«
Sofort kamen die anderen heran und wollten ihren Augen nicht glauben. Im Karton lag eine Schatzkarte. Darauf war Lisas Haus, die Umgebung und ein großes, rotes Kreuz eingezeichnet.
»Das muss der Weg zum Schatz sein. Wir werden ihn endlich finden.«, flüsterte Lisa leise.
Sofort waren die Freundinnen von Spannung gepackt. Sie wollten sofort nach draußen, um sich auf die Suche zu machen. Sie bekamen Angst, dass ihnen jemand zuvor kommen würde.
In diesem Moment kam Oma in den Keller. Die Mädchen erzählten ihr, was sie gefunden hatten.
»Wir brauchen sofort Werkzeug zum Graben. Sonst klaut uns jemand den Schatz.«
Aber Oma lachte nur. Dann ließ sie sich die Karte zeigen und nahm die Mädchen mit in den Garten.
»Diese alte Karte kommt mir bekannt vor. Ich glaube, ich habe sie vor langer Zeit einmal gesehen, als ich noch ein Kind war. Wir sollten wirklich einmal nachschauen, ob tatsächlich etwas zu finden ist.«
Langsam stand sie auf und sah im Schuppen nach. Dort lagen mehrere Spaten, die sie den Mädchen in die Hände drückte.
»Dann führt mich mal zum Schatz.«
Das ließen sich die Mädchen natürlich nicht zweimal sagen. Lisa sah auf das vergilbte Blatt und lief der Zeichnung nach. Es ging quer durch den Garten, den Bürgersteig entlang. Sie mussten sogar drei Mal über den Spielplatz gehen, am Kindergarten und der Schule vorbei, bis sie schließlich vor einem Park standen.
»Da vorne, unter dem großen Busch muss es sein.«, sagte Lisa.
Langsam näherte sich die Gruppe dem Busch. Zuerst liefen sie ein paar Mal drum herum. Dann zogen sie die Äste zur Seite und staunten nicht schlecht. Denn das Werkzeug war gar nicht nötig gewesen. Im dichten Dickicht lag eine große, hölzerne Kiste.
»Juhuu, wir haben den Schatz gefunden.«
Melanie kroch unter den Busch und zog die Kiste ins Licht.
»Jetzt bin ich aber gespannt, was da drin ist. Los, macht sie auf.«
Oma schob einen Riegel zur Seite und hob den Deckel an. Zum Vorschein kamen große goldene Münzen, die sie nun an die Mädchen verteilte.
»Und esst sie nicht alle auf einmal auf. Ihr wollt doch gleich sicher noch etwas Ordentliches zum Abend essen.«
Zuerst verstanden sie nicht, was Oma damit sagen wollte. Doch dann bemerkten sie, dass die Goldstücke aus Schokolade bestanden.
»Also diese tolle Geburtstagsspieleidee ist dir wirklich gut gelungen.«, lobte Melanie Lisa.

(c) 2009, Marco Wittler

136. Auf der Suche nach dem goldenen Fluss

Die Suche nach dem goldenen Fluss

Florian kam in den Garten. Dort warteten bereits seine Freunde.
»Was ist denn nun? Hast du den Ball gefunden? Wir wollen doch Fußball spielen.«
Florian schüttelte den Kopf.
»Auf dem Dachboden steht so viel Gerümpel, dass man fast gar nicht dort durch kommt.«
Michi verdrehte die Augen, obwohl er den Ball selber durch die Dachluke geschossen hatte.
»Du hast bestimmt nicht richtig nachgeschaut.«, beschwerte er sich.
»Wenn etwas gründlich getan werden muss, sollte man es immer selber machen. Das sagt mein Vater auch immer. Jetzt gehe ich mal suchen.«
Michi betrat das Haus und stolzierte in gespielter Überlegenheit die Treppe nach oben. Die anderen fünf Jungs folgten ihm.
»Ich habe gehört, dass es auf Dachböden spuken soll.«, flüsterte Christian.
»Mach dir mal nicht ins Hemd.«, herrschte Michi ihn an.
»Es gibt keine Geister.«
»Ich habe aber schon mal welche gesehen – glaube ich.«, sagte Tobias.
Michi wollte davon nichts hören. Er hatte nur seinen Ball im Kopf. Er öffnete die Dachbodentür und trat ein.
»Ganz schön dunkel.«, murmelte er, während er nach dem Lichtschalter suchte.
Dann wurde es hell. Max zuckte zusammen und machte einen Schritt rückwärts.
»Da war was. Habt ihr das gesehen? Ein Schatten ist hinter der Kiste dort verschwunden.«
Michi verdrehte ein weiteres Mal die Augen.
»Und was ist mit dir Daniel? Machst du dir auch gleich in die Hose?«
Daniel zuckte nur mit den Schultern.
»Ist mir egal. Fangen wir jetzt an zu suchen?«
Die sechs Jungs verteilten sich nach und nach. Sie suchten in jeder Ecke, hinter jeder Kiste und unter jedem Stapel Kram, den sie erreichen konnten. Aber noch immer tauchte der Ball nicht auf.
»Was ist denn das?«
Florian hob ein altes Blatt Papier hoch und hielt es ins Licht. Es war stark vergilbt und an den Rändern leicht verbrannt.
»Das sieht schon ziemlich alt aus. Wer weiß, wie lange das schon hier liegt.«
Schon drängte sich Michi dazwischen.
»Was ist das denn? Zeig mal her.«
Er warf einen Blick auf den Fund.
»Das ist doch nur eine billige Kritzelei. Vielleicht hat das ein Kind vor vielen Jahren im Kindergarten gemalt. Das ist ja so langweilig.«
Aber Florian war anderer Meinung.
»Das sieht aus wie eine Karte. Vielleicht ist da sogar ein Schatz eingezeichnet, den wir suchen und finden können.«
Michi winkte ab und suchte wieder nach seinem Ball.
Die anderen Jungs drängten sich nun alle um die Karte. Lediglich Daniel stand etwas gelangweilt abseits.
»Was meinst du Daniel? Ist das eine Schatzkarte?«
Daniel sah herüber und drehte kurz darauf seinen Kopf wieder fort.
»Kann sein. Weiß ich nicht. Ist mir auch egal.«
Aber Florian war sich sehr sicher, etwas ganz Besonderes gefunden zu haben. Mit den Fingern fuhr er über das Papier und versuchte etwas zu entdecken, dass er kannte.
»Das sieht aus wie unser Haus.«
Er fuhr weiter.
»Hier ist der Waldrand und das ist unser Bach. Aber diese Stelle kenne ich nicht.«
Er wischte den Staub mit der Hand beiseite und versuchte die verblasste Tinte zu lesen.
»Der goldene Fluss.«, las er vor.
»Mensch, Leute, ein goldener Fluss. Da sollten wir unbedingt hin. Vielleicht werden wir dann alle reich.«
Michi wurde nun auch neugierig und wollte einen Blick auf die Karte werfen. Das Wort Gold hatte sein Interesse geweckt.
»Worauf warten wie dann noch? Machen wir uns schnell auf den Weg, bevor uns jemand zuvor kommt und das ganze Gold für sich behält.«
Die sechs Jungs verließen das Haus und machten sich auf den Weg zum Wald. Es ging über Stock und Stein, Wurzeln und Baumstümpfe. Die Zeichnung auf der Karte hielt sich grundsätzlich fernab der festen Wege. Als die Jungs auf einer Lichtung ankamen, war plötzlich Schluss.
»Und nun? Ich habe euch doch gleich gesagt, dass die Karte nicht echt ist. Aber auf mich wollte ja keiner hören.«
Michi war sauer, schnappte sich die Karte und zerriss sie in viele kleine Stücke.
Florian war entsetzt. Er fiel sofort auf die Knie, sammelte das Papier auf und versuchte, die einzelnen Stücke zu sortieren. Dabei fiel ihm dann etwas auf, dass er vorher nicht gesehen hatte.
»Löse das Rätsel und finde den Rest des Weges.«, las er weiter vor.
»Hier muss irgendwo eine weitere Karte versteckt sein.«
Sofort schwärmten die Jungs aus. Sie sahen in allen Baumstümpfen und Löchern nach. Schließlich fand Max einen alten Briefumschlag in einem verlassenen Spechtloch.
»Ich hab hier was. Kommt schnell alle her.«
Michi war als erster zur Stelle. Er nahm Max den Brief aus der Hand, öffnete den Umschlag und las vor was dort stand:

Steht am Himmel die Sonne zur Kaffeezeit
Dann folge ihr nach und sei stehts bereit
Eines gibt es, worum ich bitte
Mache nun in richtiger Richtung einhundert Schritte
Alsbald wirst du finden den Fluss aus Gold
Hoffentlich ist dir dein Glück auch hold

Michi warf Florian das Rätsel zu.
»Ist doch alles nur Blödsinn. Ich hab es doch gleich gewusst. Dich hat jemand auf den Arm genommen und du bist natürlich auch darauf herein gefallen.«
Florian besah sich noch einmal die Gedichtzeilen. Er blickte kurz auf seine Uhr und dann wieder auf den Text.
»Das ist es. Wir müssen der Sonne nachlaufen, wenn es Kaffeezeit ist. Auf meiner Uhr ist es kurz nach drei Uhr Nachmittags. Das passt perfekt.«
Er ging los und zählte jeden seiner Schritte.
»Eins, zwei, drei, …«
Nach ein paar Minuten waren sie fast am Ziel.
»…, achtundneunzig, neunundneunzig, einhundert. Wir sind da.«
Die sechs Jungs waren nun tiefer im Wald, als jemals zuvor. Florian sah sich um und entschied, einen Blick durch die Hecke vor ihm zu werfen.
»Da ist tatsächlich ein Fluss.«
Nun hielt es die Jungs nicht mehr. Jeder wollte der erste sein und den größten Goldklumpen für sich beanspruchen. Sie drückten einen Teil der Hecke nieder und kämpften sich durch ein paar Dornen zur anderen Seite vor. Sie stapften in das flache Wasser und begannen zu suchen. Sie hoben Steine beseite oder gruben Löcher in den matschigen Boden. Aber es kam kein Gold zum Vorschein.
»Die Karte hat gelogen. Hier gibt es gar keinen Schatz.«, beschwerte sich Michi.
»Und das ist alles Florians Schuld.«
Schon wollte er sich auf seinen Freund stürzen, doch dieser bekam plötzlich einen goldigen Glanz in seinen Augen.
»Seht doch mal, Leute. Ich glaube wir haben den goldenen Fluss doch noch gefunden.«
Er lenkte ihre Blicke auf die andere Seite des Flusses. Dort entdeckten sie eine große Wiese, auf der unzählige Birnbäume standen. Und nun, mitten im Herbst leuchteten ihre Früchte in einer satten goldenen Farbe.
»Es war nie die Rede von Gold im Fluss, sondern von den goldenen Birnen, die an seinen Ufern wachsen.«
Die Jungs durchschritten das Wasser und sahen sich die vielen Bäume an. Sie bemerkten gar nicht, dass sich im gleichen Augenblick ein Bauer näherte.
»Habt ihr Lust auf eine Birne, Jungs? Bedient euch ruhig. Es sind genug für alle da.«
Ein lauter Jubel ging durch die sechs Jungs, der aber schon kurz darauf verstummte, da jeder einen Bissen der süßen Früchte im Mund hatte.
Michi schluckte ein Stück Birne herunter, bevor er Florian ansprach.
»Du bist in Ordnung. Ich habe dir die ganze Zeit nicht geglaubt, aber den goldenen Fluss hast du trotzdem gefunden. Tut mir leid, dass ich zu unfreundlich zu dir war.«
Florian winkte ab.
»Macht doch nichts. Dafür habe ich deinen Ball nicht gefunden.«
Alle lachten, während sie sich neue Birnen von den Bäumen pflückten.

(c) 2008, Marco Wittler

063. Opas Schatzkarte

Opas Schatzkarte

Lukas stand auf dem Dachboden und hielt ein großes Bild in die Höhe. Seine zwei Freunde Christian und Tim sahen es sich nur kurz an.
»Das ist doch nichts Besonderes. Ich dachte, du wolltest uns etwas wirklich Tolles zeigen.«
Lukas stellte das Bild zur Seite und sah traurig auf die Abbildung. Es zeigte seinen Opa und seine Oma bei ihrer Hochzeit.
»Aber hier oben ist alles etwas Besonderes. Mein Opa hat viele Sachen gesammelt, die alle eine Bedeutung haben.«
Tim lachte.
»Ja klar, sie bedeuten, dass sie auf den Sperrmüll gehören. Und dieses langweilige Bild gehört als erstes dort hin.«
Verächtlich stieß er mit einem Fuß dagegen. Der Rahmen kippte, aber Lukas konnte ihn gerade noch halten, bevor er am Boden zerbrach.
»Seit doch etwas vorsichtiger. Wenn hier irgendwas kaputt geht, dann bekomme ich riesigen Ärger.«
Christian und Tim kletterten bereits die steile Treppe nach unten.
»Wenn du uns das nächste Mal hier hoch lockst, dann such dir etwas besseres aus. Du willst und doch nicht zu Tode langweilen.«
Ein lautes Gähnen kam aus Christians Mund. Lukas saß auf dem Boden des Dachbodens und war enttäuscht. Er hatte gehofft, dass seine Freunde genau so begeistert von den Schätzen des Opas sein würden wie er. Aber da hatte er sich getäuscht.
»Komm Tim. Wir gehen nach Hause. Hier ist es mir zu langweilig.«
Lukas rief ihnen nicht hinterher. Er sah auch nicht durch die Luke nach unten. Er lies die beiden Jungs einfach gehen.
»Ach, Opa. Wenn du doch noch bei mir wärst, dann hättest du es den beiden so richtig zeigen können.«
Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und seufzte einmal tief.
In diesem Moment klirrte etwas neben ihm. Lukas schreckte hoch, sah sich um und entdeckte das Maleur. Das Bild war umgefallen und das Glas zersprungen.
»Das kann doch nicht sein. Ich habe es doch gar nicht berührt. Das kann ich nicht gewesen sein. Opa sei mir bitte nicht böse.«
Ein paar Tränen rannen an seiner Wange herab.
Er ging zum Rahmen, hob ihn auf und schob vorsichtig die Scherben zusammen. Das Bild hatte vom Glas ein paar Schrammen abbekommen. Vorsichtig löste Lukas es aus dem Rahmen und holte die letzten Scherben aus dem Rahmen.
»Hoffentlich sind Mama und Papa nicht sauer und können eine neue Scheibe besorgen.«
Doch dann fiel ihm etwas auf. Auf der Rückseite des Bildes war etwas zu sehen. Zuerst konnte Lukas es nicht erkennen, da er alles verschwommen sah. Er wischte sich die Tränen weg und sah noch einmal genauer hin.
»Was ist denn das?«
Er drehte das Bild einmal im Kreis und besah es sich von allen Seiten.
»Das ist doch eine Schatzkarte. Was anderes kommt gar nicht in Frage.«
Er rollte das Papier vorsichtig ein und verließ den Dachboden und lief in sein Zimmer. Er schnappte sich seinen Kompass und steckte diesen in seine Tasche.
Kaum eine Minute später stand er in der Garage und suchte nach einem Spaten.
»Das wäre doch gelacht, wenn ich den Schatz nicht finden würde.«
Er lief in den Garten und sah sich um. Er verglich alles, was er sah, mit der Karte. Schließlich blieb sein Blick an der großen Eiche hängen.
»Dort drüben geht es los.«
Dreißig Schritte nach Norden sollten es sein. Lukas machte den ersten Schritt. Doch dann fiel ihm etwas ein.
Sein Opa war ein Stück größer als er und hatte damals bestimmt auch größere Schritte gemacht.
»Dann muss ich eben auch große Schritte machen.«
Er begann von vorn und holte weit mit seinen Beinen aus. Eins, zwei, drei, vier, …
»…, neunundzwanzig, dreißig. Wo geht es weiter?«
Er sah wieder auf die Karte. Manche Teile waren leicht verwischt und nur schwer zu lesen. Aber mit Mühe und Geduld war auch das zu schaffen.
Es dauerte eine ganze Stunde, bis Lukas am Ziel angekommen war. Auf der Karte war ein großes rotes Kreuz.
»Ich habe es geschafft.«
»Was treibst du denn da?«
Lukas erschrak und drehte sich um. Hinter dem Zaun standen Christian und Tim. Sie hatten wohl schon seit einer ganzen Zeit beobachtet.
»Ich mache gar nichts. Ich spaziere nur durch den Garten.«
Er lies Spaten und Kompass fallen. Die Karte rollte er ein und wollte sie unter seinen Pulli stecken, doch dafür war es schon zu spät.
Die beiden Jungs kletterten über den Zaun und kamen näher.
»Wenn du gar nichts machst, dann zeig doch mal her, was dein Nichts ist.«
Christian drohte mit geballter Faust und forderte die Karte heraus. Lukas zögerte zuerst, bekam dann aber doch Angst und gab sie heraus.
»Was soll denn das für ein Geschmiere sein? Das ist doch keine Schatzkarte. Die hast du doch selber gemalt, nur um uns zu ärgern. Gib es zu.«
Lukas schüttelte den Kopf.
»Die ist von meinem Opa. Er hat sie gezeichnet und er hat auch was versteckt.«
Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen. Doch da war es bereits zu spät.
Christian schien zu überlegen. Er sah sich um und blickte immer wieder auf die Karte. Aber scheinbar konnte er sie nicht entziffern.
Verächtlich warf er sie zu Lukas. Dann fang mal an zu suchen, du Schlaumeier. Ich will sehen, was der Alte versteckt hat. Vielleicht kann ich es ja gut gebrauchen.«
In Christians Kopf war das Bild einer großen Schatztruhe entstanden, bis zum Rand gefüllt mit Gold und Geschmeide. Tim hingegen stand nur daneben und wartete ab, was geschah.
Lukas wusste nicht, was er machen sollte. E wollte den beiden Jungs auf keinen Fall den Schatz geben. Aber er hatte auch viel zu viel Angst davor, von ihnen verhauen zu werden.
Also nahm er sich den Spaten und begann zu graben.

Nach einer Stunde stieß er auf etwas Hartes. Es schien eine hölzerne Kiste zu sein. Christian stieß Lukas beiseite, hüpfte in das Loch und grub mit den Händen weiter, bis er schließlich ein kleines Kästchen hervor holte.
»Der Schatz. Ich habe ihn gefunden. Und er gehört mir ganz allein.«
Lukas begann zu weinen. Christians Augen glühten, während Tim nicht wusste, was er machen sollte.
Christian öffnete langsam das Kästchen und sah hinein. Und da fielen seine Mundwinkel beide herab. Er war völlig enttäuscht.
»Was soll denn das sein? Das ist doch kein Schatz. Das ist nur wertloser Müll.«
Er warf alles zurück in das Loch, zog Tim am Arm und ging zum Zaun.
»Lass uns bloß verschwinden. Der Kerl hat uns reingelegt.«
Sie verschwanden und ließen Lukas allein zurück.
Nun war auch Lukas neugierig geworden. Er glitt in das Loch und nahm das Kästchen hoch. Er öffnete es und sah hinein. Und er fand, was er sich erwartet und erhofft hatte. Er hielt die wertvollsten Schätze in Händen, die sein Opa einmal besessen hatte. Es lagen darin ein kleines Schneckenhaus, ein paar Samenkörner, Steine, Federn und ein kleiner Zettel.
Lukas faltete ihn auseinander und las, was darauf stand.

»Hallo du. Mein Name ist August. Ich bin ein kleiner Junge und acht Jahre alt. In diesem Kästchen sind meine liebsten Schätze, die ich sonst immer bei mir getragen habe. Aber nun werde ich sie in der Erde verstecken und hoffe, dass sie eines Tages gefunden werden und jemand anderem Freude bereiten.

Liebe Grüße,
Dein August«

Lukas begann vor Freude zu weinen. Er hatte eine Botschaft von seinem Opa gefunden. Und sie war wunderschön.
Er schaufelte die Erde zurück in das Loch und steckte eines der Samenkörner dazu.
»Vielleicht wird eines Tages daraus ein großer Baum, der mich immer an Opa erinnern wird.«
Er ging zurück ins Haus und zeigte seinen Eltern was er gefunden hatte.

(c) 2007, Marco Wittler

036. Ein Tag ohne Fernsehen

Ein Tag ohne Fernsehen

„Papa, der Fernseher ist kaputt.“
Angi sprang ganz aufgeregt durch die Wohnung. „Was machen wir denn jetzt? Es kommt doch die Sendung mit der Maus. Die darf ich auf keinen Fall verpassen.“
„Was? Der Fernseher geht nicht mehr?“
Sogar Mama kam jetzt in das Wohnzimmer. „Das kann doch gar nicht sein. Der ging doch gestern abend noch. Und dabei kommt doch heute abend der schöne Liebesfilm, den ich auf keinen Fall verpassen darf.“
Niklas öffnete kurz die Tür seines Zimmers und lugte hervor. „Was ist los? Kein Fernsehen heute? Das hat es ja noch nie gegeben. Kann so ein Ding überhaupt kaputt gehen? Wie soll ich mir denn dann den neuen Actionfilm anschauen? Meine Freunde wollen doch morgen mit mir in der Schule darüber reden. Dann bin ich ja der totaler Aussenseiter, der alles verpasst hat. So ein Mist.“
Papa selber hatte noch gar nichts mit bekommen. Er kam gerade aus dem Keller hoch und schleppte die Wäsche ins Schlafzimmer.
Alle drei, seine Frau und die Kinder stürmten auf ihn ein.
„Du musst unbedingt den Fernseher reparieren. Wir können ja gar nichts mehr gucken. Was sollen wir denn jetzt nur machen?“
Papa schaute verdutzt in die Runde. „Wie? Was ist los? Der Fernseher geht nicht mehr?`Das kann doch gar nicht sein. Das muss ich mir erstmal anschauen.“
Er ging ins Wohnzimmer und drückte auf der Fernbedienung herum, aber es tat sich gar nichts. Er kniete sich auf den Boden und drückte direkt am Gerät auf allen Knöpfen herum. Aber der Fernseher bleib dunkel.
„Tatsächlich. Der ist kaputt. Da kann ich auch nichts machen. Und einen neuen kaufen geht heute auch nicht. Es ist ja Sonntag. Da sind alle Läden geschlossen. Da müssen wir wohl bis morgen ohne auskommen.“
Alle sahen enttäuscht drein. Sie hatten sich alle so auf das Programm gefreut.
„Dann müssen wir uns wohl was anderes überlegen, was wir heute machen.“
Mama stemmte ihre Arme in die Seiten. „Das kommt gar nicht in Frage. Ich wollte doch unbedingt wissen, ob Maria den hübschen Arzt heiratet oder doch diesen komischen Typen vom Land.“
Angi hatte sich aber schon etwas anderes überlegt. „Wir könnten doch zu Oma fahren. Die hat doch auch einen Fernseher. Über Besuch freut sie sich doch immer. Und wenn wir sie lieb fragen, hat sie bestimmt nichts dagegen, dass wir alle unsere Sendungen bei ihr gucken.“
„Nein. Das kommt gar nicht in die Tüte.“
Papa sah in die Runde.
„Wir können Oma doch nicht einfach so überfallen. Wenn wir sie besuchen, dann will sie mit und Kaffee trinken und Kuchen essen. Und vor allem will sie mit uns allen reden. Glaubt ihr im Ernst, dass sie es zulässt, dass ihr euch alle auf ihr Sofa verkrümelt und dort ungestört fern schauen könnt? Ganz bestimmt nicht.“
„Aber was machen wir denn dann?“
Niklas wurde schon langweilig. „Ich brauche Action heute. Sonst ist doch hier zu wenig los.“
„Wisst ihr was?“, fragte Papa die Anderen. „Wir werden heute mal was ganz Spannendes unternehmen. Ich weiss zwar noch nicht was, aber ich lasse mir was tolles einfallen. Nach dem Mittagessen geht es los.“
Die Anderen murrten leise vor sich hin, aber eine andere Wahl hatten sie auch nicht. Vielleicht würde der Nachmittag dann wenigstens nicht ganz so langweilig werden.

 Bis zum Essen dauerte es noch eine Weile. Papa liess sich in der Zeit nicht mehr blicken. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Erst als die Teller auf dem Tisch standen und die Nudeln vor sich hin dampften kam er zurück nach Hause.
„Wo bist du denn gewesen?“, fragte Mama.
Aber Papa schwieg. Er murmelte nur ein wenig, dass er noch etwas zu erledigen hatte. Mehr lies er sich aber nicht aus der Nase ziehen.
Nach dem Essen wurde Angi kribbelig. „Was machen wir denn jetzt? Hast du dir was überlegt? Ich bin schon richtig neugierig und aufgeregt.“
Papa grinste über das ganze Gesicht. „Erstmal möchte ich noch den Nachtisch geniessen. Dann erfährst du mehr.“
Es gab eine Runde leckeres Vanilleeis mit Schoko- und Erdbeersoße. Papa hatte eine besonders große Portion, mit der er sich besonders viel Zeit lies.
„Mensch Papa. Jetzt beeil dich. Wir sind doch schon längst fertig. Wir wollen doch wissen, was du mit uns vor hast.“
Niklas hielt es jetzt auch nicht mehr auf seinem Stuhl. Er sprang auf und ging in den Flur. Er wollte zeigen, dass er fertig war, zog sich seine Schuhe an und sah anschließend absichtlich alle paar Sekunden auf die Uhr.
„Es wird ja immer später. Wenn du jetzt nicht endlich fertig wirst, ist es bald schon dunkel draussen und wir können mit dem Abendessen abfangen.“
Papa räumte sein Eisschälchen beiseite und stand gemächlich auf.
„Na gut. Dann macht euch mal fertig. Wir können gleich los. Dann erzähl ich euch auch, was wir heute unternehmen.“
Er schlüpfte in seine Schuhe, schnappte sich seinen Schlüsselbund und ging nach draussen. Der Rest der Familie folgte ihm.
„Mensch, was ist denn das da hinten?“
Niklas bekam große Augen. Auf dem Dach von Mamas kleinem Auto stand eine große Holzkiste. Die gehörte dort doch gar nicht hin. Er lief zum Parkplatz und holte sie vorsichtig herunter. Er achtete genau darauf, keinen Kratzer in den Lack zu machen.
„Da muss was ganz großes drin sein. Die ist richtig schwer. Ich weiss aber nicht, wie sie aufgeht. Ich glaub, die muss zugenagelt sein.“
Papa griff unter seine Jacke und holte etwas heraus.
„Ich glaube, dafür habe ich genau das richtige dabei. Mit meinem Brecheisen habe ich noch jede Kiste aufbekommen.“
Er setzte das Werkzeug an, hebelte etwas an der Kiste herum, bis der der Deckel aufsprang.
Niklas sah in die Kiste hinein.
„Hier schaut mal. Da ist gar nichts großes drin. Nur jede Menge schwere Steine. Da muss uns jemand reingelegt haben.“
„Hm. Meinst du wirklich?“
Papa griff sich einen Stein, drehte ihn in der Hand ein paar Mal und besah sich ihn von allen Seiten.
„Du hast da was übersehen. Da sind jede Menge Buchstaben drauf.“
„Ui, das ist ja super. Rätselsteine. Darf ich mal schauen?“
Angi schob die anderen beiseite und griff in die Kiste.
„Ich bin doch in der Schule die Rätselprinzessin. Kein anderes Mädchen kann das so gut wie ich. Das ist bestimmt ein Kinderspiel für mich.“
Sie legte alle Steine auf den Boden und sortierte sie hin und her. Mama, Papa und Niklas sahen nur erstaunt zu, wie aus dem Durcheinander ein Text wurde.
„Ich glaub es ja nicht. Für meine Schwester bist du ja echt ziemlich schlau. Mein Kompliment.“
Niklas klopfte der Rätselprinzessin auf die Schulter.
„Ja klar, Bruder. Sowas mache ich doch jeden Tag. Die anderen bringen mir ja immer neue Rätsel mit. Die wollen endlich mal eins finden, dass ich nicht lösen kann. Aber bisher haben sie noch keins gefunden. Ich bin ihnen einfach zu schlau.“
Jetzt sah auch Mama genauer hin. „Genug gelobt. Ich will jetzt endlich wissen, was da auf den Steinen steht.“
Angi sah wieder auf ihr Steinpuzzle und begann zu lesen. Da war eine Botschaft auf den Steinen.
Wer diese geheime Kiste gefunden und das schwere Rätsel gelöst hat, ist es wert, auf die Suche nach meinem Schatz zu gehen. Vor langer Zeit habe ich ihn an einem geheimen Ort versteckt. Dieser Ort ist so geheim, dass niemand dort hin finden wird, ohne mein Rätsel gelöst zu haben.
„Ui, das ist so spannend. Wir können einen Schatz finden.“
„Angi, sei ruhig und lies endlich weiter.“, sagte Niklas.
Einfach ist es allerdings nicht. Und beschwerlich wird es auch, den Schatz zu finden. Es darf ja nicht zu einfach werden. Geht in den Keller und sucht nach dem nächsten Hinweis.
„Na sowas. Das war es schon. Ich hätte es mir einfacher vorgestellt. Was machen wir denn jetzt?“
„Mensch Papa.“, rief Niklas. „Wir gehen natürlich runter in den Keller und suchen weiter. Weißt du denn gar nichts?“
Die Kinder liefen los, die Eltern etwas langsamer hinter ihnen her. Eine ganze halbe Stunde mussten sie suchen, ehe sie etwas fanden.
Hinter einem Stapel alter Autoreifen lag ein kleiner Baumwollsack. Er war gefüllt mit vielen Steinen.
„Na los, Rätselschwester. Jetzt bist du wieder dran. Aber beeil dich, ich will wissen, wo der Schatz ist.“
Angi gab ihr Bestes. In Rekordzeit bastelte sie das nächste Steinrätsel zusammen.
Nur wahre Rätselkönige und große Schatzsucher würden in der Lage sein, so weit meinen Spuren zu folgen. Doch noch seit ihr nicht am Ziel, es geht noch weiter. Schaut euch in der Garage um.
„Oh man, Papa. Hol schnell deine Schlüssel raus. Wir müssen jetzt deine Garage durchsuchen. Bei der Menge Kram müssen wir da bestimmt ganz lange rumwühlen.“
Die Suche gestaltete sich recht lange. Das nächste Steinrätsel lag diesmal in der hintersten Ecke. Sie verwies die Schatzsucher in das nahe gelegene Wäldchen. Dort fanden sie den nächsten Hinweis in einem hohlen Baum. Aber der Schatz war nicht da. Stattdessen sollten sie nun wieder zurück zur Straße.Hinter einem großen Müllcontainer lag ein weiteres Säckchen mit Steinen. Und diese schickten die ganze Familie ein paar Straßen weiter. Im Vorgarten von Oma fanden sie dann wieder einen Hinweis.
Nachdem Angi auch diesen sortiert hatte, sollten sie hinter das Haus gehen. Dort würden sie endlich finden, wonach sie nun schon einige Stunden gesucht hatten. Laut Papas Uhr war es nun nämlich schon fünf Uhr.
„Papa, mir knurrt langsam der Magen. Ich brauche was zu essen.“
Niklas hielt sich die Hand auf den Bauch.
„Wir sind dem Schatz jetzt bestimmt schon ganz nahe. Das kann ich spüren.“
Als sie im Garten ankamen schauten sie alle erstaunt – bis auf Papa. Er grinste nur.
Mitten auf dem Rasen stand ein großer Tisch. Und auf ihm war viel zu Essen aufgetischt. Da waren leckere Salate, Brote, viel zu trinken und auf dem Grill lagen saftige Würstchen.
„Tja, scheint so, als hätten wir unseren Schatz gefunden. Der größte Schatz ist nämlich unsere Oma, weil sie sich so um uns kümmert und immer für etwas leckeres zu essen sorgt.“
Niklas klopfte seinem Papa auf die Schulter.
„Also da muss ich dir wirklich recht geben. Aber ohne meine schlaue Schwester und meinem Papa der eine richtig coole Schatzsuche gemacht hat, wär das ein richtig langweiliger Tag geworden.“
Alle waren sich einig, dass dieser Tag viel schöner war, als ein normaler Sonntag vor dem Fernseher.
„Ach ja.“, sagte Papa, als er sich eine Wurst vom Grill schnappte.
„Wenn wir zu Hause sind, müsst ihr mal den Stecker vom Fernseher wieder in die Steckdose stecken. Dann geht er bestimmt wieder.“
Er grinste und alle anderen mussten laut lachen.

(c) 2007, Marco Wittler

05a

009. Der Schatz im Kindergarten

Der Schatz im Kindergarten

 Es war acht Uhr an einem Montag Morgen. Anna-Lena und Patrik gingen gerade, wie viele andere Kinder auch, in den Kindergarten.
„Ich habe aber keine Lust heute da hin zu gehen.“, sagte Anna-Lena.
„Ich will auch nicht.“, pflichtete ihr Patrik bei. „Da ist es immer so langweilig und nie passiert mal was spannendes.“
Doch das ganze Murren half nichts. Die Mutter der beiden nahm die Zwillinge an die Hand und gemeinsam gingen sie durch die Tür.
Nach einem Wochenende hatten die beiden nie Lust hierher zu kommen. Doch wenn sie erst einmal angefangen hatten mit den anderen Kindern zu spielen kam der Spaß wie von alleine.
Einige andere Kinder waren schon da. Überall auf den Sitzbänken wurden Schuhe aus- und Puschen angezogen. Die einen taten dies alleine und einige mussten sich noch helfen lassen. Aber die Schlauesten ließen sich helfen, obwohl sie es schon lange selber machen konnten.
Anna-Lena und Patrik verabschiedeten sich bei ihrer Mutter mit einem dicken Kuss auf die Wange.
Kurz darauf verschwanden alle Kinder in ihren Gruppen. Da gab es die Bärengruppe, die Löwengruppe und die Tigerentengruppe. Die Zwillinge gingen in den Raum der Marienkäfergruppe. Dort gefiel es ihnen besonders gut, denn dort wartete jeden Morgen ihre Kindergartentante Doreen auf sie, die immer tolle Ideen im Kopf hatte, was man den ganzen Tag bis zum Mittag unternehmen konnte. Alle Kinder mochten sie sehr und nannten sie immer nur Reeni.
Die zehn Kinder setzten sich alle in einen Stuhlkreis, ohne dass man es ihnen sagen musste. Denn sie waren alle schon fünf Jahre alt. Seit den Sommerferien waren sie die Großen im Kindergarten, die im nächsten Jahr bereits in die Grundschule gehen durften. Also wollten sie zeigen, dass sie besser Bescheid wussten als die Neuen.
Die erste halbe Stunde machten sie ein paar Spiele im Kreis. Das machte immer sehr viel Spaß, denn Doreen hatte immer ein neues Spiel dabei. Da konnte es nie langweilig werden.
Aber danach wurde es wieder lauter, denn alle vier Gruppen trafen sich im großen Saal zum Frühstück. Alle Kinder packten ihre Butterbrotdosen aus und die Kindergartentanten verteilten große Becher mit Milch oder Kakao. Das war immer sehr lecker. Der Kakao schmeckte so richtig nach Schokolade. Die Zwillinge kauten an ihren Butterbroten, auf denen heute eine extra dicke Scheibe Käse lag.
Das Frühstück war das Zweitschönste am ganzen Tag. Es war richtig toll mit so vielen Kindern an einem Tisch zu sitzen. Man konnte seine Brote tauschen und es gab immer viel zu erzählen.
Tim erzählte schon seit einer Woche von seiner letzten Geburtstagsfeier. Robin träumte bereits von seiner Feier am nächsten Wochenende, zu der er jeden einlud. Anne hatte von ihrer Patentante eine neue Barbie Puppe geschenkt bekommen. Nils berichtete ganz aufgeregt von seinem ersten Spaziergang mit dem neuen Hund. Der war noch ganz klein, würde bald aber richtig groß werden. Dann hoffte Nils zum Geburtstag einen Hundesattel zum Reiten zu bekommen. Und Carsten war gestern beim Fahrrad fahren hingefallen und zeigte allen ganz stolz die dicke braune Kruste am Ellbogen und das bunte Pflaster am Zeigefinger.
Doch das schönste war das Programm nach dem Frühstück. Da gab es immer etwas Besonderes. Mal ging es zum Austoben in die Turnhalle oder es gab eine Bastelstunde. Es wurden Traumreisen gemacht, Lieder gesungen oder sie machten selber Musik mit selbst gebastelten Instrumenten. An anderen Tagen wurden Geschichten vorgelesen oder sie dachten sich zusammen selber welche aus. Wenn es warm genug und sonnig war fanden die Spiele draußen statt. Dort gab es einen riesigen Sandkasten und viele Spielgeräte, wie Klettergerüste, Schaukeln und Rutschen.
Was würde heute wohl dran sein? Die Kinder räumten ihr Geschirr in die Küche und sammelten sich wieder vor ihren Gruppenräumen. Die Tür der Marienkäfer war noch zu, doch konnte man sehr komische Geräusche von drinnen hören. Ein paar Bälle fielen aus den Regalen, eine Stiftebox wurde umgeschmissen. Nach ein paar Sekunden wurde es wieder still. Alle Kinder sahen sich verwundert an.
Dann fasste Patrik sich ein Herz. „Ich schaue da jetzt rein.“
„Nein lass das. Wer weiß, was da drinnen los ist.“ Anna-Lena war zu ängstlich um wissen zu wollen was los war.
„Das ist mir egal. Ich will wissen was da drinnen passiert.“
Ganz langsam legte Patrik seine Hand auf die Klinke, traute sich aber nicht die Tür zu öffnen. Er sah sich um. Alle anderen Kinder schauten ihn an. Sie schienen nur darauf zu warten, dass er die Klinke herunter drücken würde.
Also gab es nun auch kein Zurück mehr, denn sonst würden ihn alle einen Feigling nennen, auch wenn sie sich selber nicht trauen würden.
„Was macht ihr denn da?“, erklang eine Stimme.
Alle Kinder drehten ihre Köpfe herum.
„Ihr wisst doch, dass ihr nicht alleine in den Raum dürft, bevor ich da bin.“
Doreen stemmte die Arme in die Seiten und tat so, als wäre sie etwas sauer. Doch dann fing sie an zu grinsen. „Na ja, ihr ward ja noch nicht drin. Und jetzt bin ich ja auch da. Also hinein mit euch.“
Patrik öffnete nur zögerlich die Tür. Er wusste ja immer noch nicht, was sich dahinter befand. Als sie endlich etwas sehen konnten und sich anscheinend niemand im Raum befand drängten sich alle Kinder hinein um zu erfahren, was wohl passiert war.
Überall lag das Spielzeug auf dem Boden. Fast nichts war noch an seinem Platz. Es sah aus wie bei Tobias im Zimmer, wenn er drei Tage lang nicht aufgeräumt hatte.
Doreen schlug die Hände vor den Mund. „Was ist denn hier passiert?“, fragte sie sich.
Alle sahen sich um. Nichts deutete darauf hin, dass der Übeltäter, der dies angerichtet hatte, sich noch im Raum befand. Ein paar der Kinder fingen an Reeni beim Aufräumen zu helfen. Aber Patrik war zu neugierig. Er sah sich überall um. Mal schaute er in die eine, mal in die andere Ecke.
Plötzlich fiel ihm das offene Fenster auf. Dort musste jemand hinein und nach dem Krach ganz schnell wieder hinaus geklettert sein. Und auf der Fensterbank lag etwas.
Patrik ging näher heran um es sich anzusehen. Es war eine Rolle aus Papier. Drum herum war ein rotes Band gebunden, damit sie sich nicht alleine öffnen konnte.
Vorsichtig und langsam streifte er das Band ab und rollte das Papier auseinander. Er erkannte sofort was es war. Es war eine Karte. Auf ihr waren mehrere Plätze des Kindergartens aufgemalt. Es waren keine Wörter, sondern nur Bilder darauf, so dass er alles genau erkennen konnte.
„Was hast du denn da gefunden?“ Anna-Lena stand hinter ihm und war neugierig geworden.
„Zeig ich dir nicht.“, war die knappe Antwort. Patrik wollte ihr jetzt noch nicht erzählen, was er da gefunden hatte. Doch hatte er nicht daran gedacht, wie seine Schwester darauf reagieren würde. Sie lief nämlich direkt zur Kindergartentante und beschwerte sich laut darüber.
Doreen blickte kurz hoch und kam zum Fenster. „Was hast du denn da gefunden?“
Patrik sah sie an und hielt ihr die Karte hin, welche sie sich genau ansah.
„Diese Karte kenne ich. Die hat hier schon jahrelang herum gelegen. Ich hab immer gedacht, dass die mal von einem Kindergartenkind gemalt wurde. Aber offensichtlich schien sich diesmal jemand ganz anderes dafür interessiert zu haben. Aber um ehrlich zu sein habe ich sie mir selber nie so richtig angesehen. Was ist das wohl für eine Karte?“
Während sie darüber nachdachte setzte sie sich auf den Boden und alle Kinder platzierten sich um sie herum, so dass jeder auf die nun am Boden liegende Karte schauen konnte.
Auf einmal machte der kleine Daniel große Augen. „Das ist bestimmt eine Piratenschatzkarte.“
„Piraten gibt es hier doch gar nicht.“. Anna-Lena legte sofort Protest ein. „Hier ist doch gar kein Wasser wo sie mit ihrem Piratenschiff fahren können.“
Daniel war sich aber viel zu sicher, um sich von seinem Einfall abbringen zu lassen. „Aber hier ist eine Schatzkiste aufgemalt.“
Alle beugten sich staunend über die Karte. Daniel hatte tatsächlich Recht.
Doreen dachte immer noch angestrengt nach. „Na gut. Wenn das eine richtige Schatzkarte ist, dann muss auch irgendwo ein Schatz versteckt sein. Da sollten wir uns lieber mal schnell auf die Suche machen, bevor noch einmal jemand versucht, die Karte zu klauen.“
Sie stand wieder auf und drückte Patrik die Karte in die Hand. „Und du nimmst die Karte und sagst uns wo wir lang gehen müssen. Schließlich hast du die Karte gefunden.“
Patrik war richtig stolz eine so wichtige Aufgabe erfüllen zu dürfen. Er warf einen Blick auf die Karte und war dann entschlossen den Schatz zu finden. „Wir müssen nach draußen auf die andere Seite des Fensters.“
Alle schauten auf die Karte. Da war alles genau aufgezeichnet. Sie mussten einer Linie folgen, die zum Eingangstor verlief. Dort machte sie eine scharfe Kurve nach rechts und führte die Gruppe direkt auf den Sandkasten zu. Dort fanden sie eine zweite Karte.
Die war etwas schwieriger zu lesen und zu befolgen. Sie mussten einmal um den ganzen Kindergarten herum laufen. Und dann musste Reeni helfen, denn sie sollten zwanzig Schritte vorwärts laufen. Keines der Kinder wollte sich dabei verzählen, sonst würden sie den Schatz nie finden. Und außerdem kennen alle Kindergartentanten die Zahlen von eins bis zwanzig.
Kurz darauf standen sie wieder im Sandkasten. Direkt vor ihren Füßen lagen zehn kleine Schaufeln.
„Tja, ich glaube jetzt müssen wir hier im Sand buddeln.“ Patrik rieb sich am Kinn wie er das immer bei seinem Papa sah, wenn der über schwierige Sachen nachdenken musste.
Also griffen sich alle Kinder eine Schaufel und fingen an im Sand zu graben. Es dauerte gar nicht lange bis eine große alte Holzkiste zum Vorschein kam. Sie war unglaublich schwer, deswegen musste Doreen sie aus dem Loch heben.
Mittlerweile waren auch die Kinder der anderen drei Gruppen neugierig nach draußen gekommen. Sie hatten sich alle um den Sandkasten gestellt und schauten zu, was wohl als nächstes passieren würde und was sich in der Kiste befand.
Patrik und Anna-Lena hoben gemeinsam den Deckel hoch. Und in der Kiste fanden sie einen richtigen Schatz. Es waren unzählige goldene Taler da drin, die nun im Sonnenlicht funkelten. Es war nur noch ein allgemeines ‚Wow’ zu hören.
„Hey, das sind ja Schokotaler.“, sagte Anna-Lena erstaunt.
Reeni kam hinzu und nahm die schwere Kiste hoch. „Und wie es aussieht möchte ich wetten, dass da für jeden von euch drei Stück drin sind.“
Alle Kinder jubelten laut auf, denn alle wollten einen Schokoladentaler haben.

 Nach einer Weile waren alle Taler verteilt und Stille herrschte im Kindergarten, weil alle mit Naschen beschäftigt waren. Bis auf Patrik, der seine drei als Andenken aufhob und Doreen, die die Karten und die Schatzkiste für das nächste Abenteuer in einem Schrank verstaute.
Ja, im Kindergarten kann man noch richtig was erleben.

(c) 2004, Marco Wittler

09 Der Schatz im Kindergarten