377. Das kleine Zähnchen

Das kleine Zähnchen

Das kleine Zähnchen hatte unheimlich viel Spaß. Es saß zwischen den vielen älteren und erfahreneren Zähnen und spielte, was das Zeug hielt. Jedes Mal, wenn etwas Essbares in den Mund herein kam, freute es sich riesig und jubelte laut.
»Kauen, kauen, kauen.«, rief es und half dabei mit, alles schön klein zu mahlen.
Dabei wurde es natürlich von oben bis unten richtig schmutzig. Doch das fand es gar nicht schlimm. Es war sogar richtig stolz darauf und präsentierte sich, nachdem die Arbeit erledigt war, seiner Familie.
»Schaut her, wie schön schmutzig ich geworden bin. Von oben bis unten bin ich mit Essen beschmiert. Da könnt ihr mal sehen, wie hart ich gearbeitet habe.«
Und tatsächlich klebte so einiges am kleinen Zähnchen. Da gab es große Flecken voll Schokolade, Honig, und Marmelade vom Frühstück. Das Mittagessen hatte Fleischreste hinterlassen und vom Nachmittag war ein großer Haufen Schlagsahne übrig geblieben, der auf dem Zahnkopf lag und langsam herunter tropfte.
»Du meine Güte, wie siehst du denn aus?«, sprach die Mutter verzweifelt.
»Du kannst doch nicht so schmutzig herum laufen. Du musst dich nach jeder Mahlzeit ordentlich putzen.«
Das kleine Zähnchen verzog das Gesicht und stampfte unzufrieden mit dem Fuß auf den Boden.
»Ich will mich nicht putzen. Es soll jeder sehen, dass ich richtig kauen kann. Das geht aber nicht, wenn ich blitzblank sauber bin und glänze.«
Die Mutter seufzte und nahm das kleine Zähnchen an die Hand. Gemeinsam gingen sie ganz nah an die Lippen des Mundes heran und sahen nach draußen.
»Schau mal. Dort drüben in dem anderen Mund. Der winkende Zahn ist dein Onkel. Der putzt sich auch nie. Er liegt nur zu gern in altem Essen und badet sogar da drin.«
Das kleine Zähnchen sah hinüber und entdeckte den Schmuddelzahn. Doch was es da sah, gefiel ihm gar nicht.
»Warum hat er denn so viele schwarze Flecken und Löcher? Ist er gestürzt und hat sich weh getan?«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
»Dein Onkel hat sich in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal geputzt. Der ganze Dreck hat ihn in dieser Zeit krank gemacht. Dadurch hat er sich verfärbt. Nach und nach sind dann auch Teile seines Körper heraus gebröckelt.«
Das Zähnchen sah noch immer erschrocken hinüber.
»Kann man ihn denn nicht gesund machen?«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
»Dafür ist es nun zu spät. Bald wird der Zahnarzt mit einer großen Zange kommen und ihn aus dem Mund heraus ziehen. Dann kann er nie wieder beim Essen und Kauen helfen.«
Das kleine Zähnchen erschrak.
»Nie wieder? Oh nein. Hoffentlich passiert mir das nicht. Ich will doch ein großer, starker Zahn werden und ganz lange im Mund bleiben.«
Sofort riss es sich von seiner Mutter los, flitzte nach Hause und schrubbte sich den ganzen Dreck vom Körper. Nach ein paar Minuten präsentierte es sich schneeweiß und glänzend seiner Familie.
»Schaut her, wie schön sauber ich bin, obwohl ich hart gekaut und gearbeitet habe. Ich werde noch ganz lange bei euch bleiben, weil ich mich immer nach jeder Mahlzeit putze.«
Dann grinste es und freute sich schon auf das nächste Essen.

(c) 2011, Marco Wittler

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