634. Böse Träume

Böse Träume

Paul lag im Bett. Schon seit Stunden versuchte er, irgendwie einzuschlafen. Aber es wollte einfach nicht klappen. Er hatte es bereits versucht, sich selbst Schlaflieder vorzusingen. Er hatte eine Zeit versucht, an gar nichts zu denken, damit er vor lauter Langeweile einen Weg in den Schlaf fand. Er sogar ausprobiert, Schäfchen zu zählen. Aber als er bei tausend Schäfchen immer noch wach war, hatte er auch das aufgegeben.
Dass er noch immer nicht eingeschlafen war, lag nicht nur daran, dass er hellwach war. Es lag auch daran, dass er Angst hatte. Große Angst. Angst vor den Träumen, die ihn jede Nacht heimsuchten. Er fürchtete sich vor ihnen.
»Was soll ich bloß machen, wenn ich wieder einen Alptraum bekomme?«, flüsterte er leise vor sich hin und sah sich immer wieder unsicher in seinem Zimmer um.
»Jede Nacht das gleiche Problem. Das muss doch irgendwann mal aufhören.«
Er stand auf, kroch in der Dunkelheit durch sein Zimmer und sammelte alle Kuscheltiere ein, die er finden konnte. Dann legte er sie in sein Bett und versteckte sich zwischen ihnen.
»Wenn das ganze Bett voll ist, finden mich die Monster aus meinen Träumen bestimmt nicht und lassen mich in Ruhe.«
Doch auch das half ihm nicht in den Schlaf.
Paul stand erneut auf und zog leise die Rollläden an seinem Fenster hoch. Das Licht des Mondes und der Sterne kam herein und hellte das Zimmer ein wenig auf.
»So kann ich wenigstens rechtzeitig sehen, wenn ein Monster rein kommt und mich fressen will. Dann kann ich weglaufen und Hilfe holen.«
Die Angst konnte Paul trotzdem nicht vertreiben. Sie blieb, wo sie war.
»Ach, menno. Was soll ich bloß machen? Irgendwann muss ich schlafen, sonst bin ich Morgen den ganzen Tag müde und kann mich in der Schule wieder nicht konzentrieren.«
Da klopfte es leise an der Tür. Paul hörte es sofort. Er hielt vor Schreck den Atem an. War da ein Monster im Flur? Nein. Das konnte nicht sein. Monster würden niemals anklopfen. Also nahm er seinen ganzen Mut zusammen.
»Herein.«
Er zog sich schnell die Decke über den Kopf und verhielt sich ganz still.
»Kannst du wieder nicht schlafen?«, hörte er Mamas Stimme.
Paul kam wieder zum Vorschein und schüttelte den Kopf.
»Ich weiß einfach nicht, was ich gegen meine bösen Träume machen soll.«
Mama lächelte und setzte sich auf das Bett.
»Wovon träumst du denn immer?«, wollte sie wissen.
Paul sah sich ängstlich um, als hätte er Angst, dass die Träume Wirklichkeit würden, wenn er sie laut aussprach.
»In meinen Träumen kommt immer wieder ein riesiger Dinosaurier mit langen spitzen Zähnen. Der will mich bestimmt fressen.«
»Ach, je.« Mama lächelte. »Da hast du ja ganz umsonst Angst.«
Paul sah sie verwundert an.
»Wieso? Sind denn Dinosaurier nicht gefährlich?«
»Doch. Dinosaurier sind sogar sehr gefährlich. Sie sind groß, haben immer Hunger und können mit ihren Zähnen alles in Stücke zerreißen. Aber sie fressen keine Kinder. Ihre liebste Leibspeise sind böse Träume. Sie schleichen sich herein, schnuppern in allen Ecken und finden ganz schnell jeden Alptraum. Dann schnappen sie ihn und fressen ihn in einem Stück. So passen sie die ganze Nacht auf die auf, damit du ruhig schlafen kannst.
»Wow.«, machte Paul. »Wenn ich das vorher gewusst hätte. Ich habe die ganze Zeit umsonst Angst gehabt. Jetzt kann ich bestimmt besser schlafen.«
Dann drückte er Mama noch einmal an sich und zog die Decke wieder über seinen Kopf. Minuten später schlief er tief und fest.

(c) 2017, Marco Wittler

Die dunkle Höhlenwelt (Hörgeschichte)

Die dunkle Höhlenwelt oder „Papa, woher kommen die Blitze?“
gelesen von Alex Frost

(c) 2018, Marco Wittler und Alex Frost

Und hier die Geschichte zum Lesen.

Das Luftschloss (Hörgeschichte)

Das Luftschloss oder „Papa, woher kommt der Regen?“
gelesen von Alex Frost

(c) 2018, Marco Wittler und Alex Frost

Und hier die Geschichte zum Lesen.

Papa erklärt die Welt – Hörgeschichten

Im Projekt „366 Geschichten für ein ganzes Jahr“ gibt es eine neue Hörspielreihe.
Die Geschichten der Serie „Papa erklärt die Welt“ gibt es nun auch zum Hören. Gelesen werden sie von Alex Frost, der ihnen seine warme Stimme leiht.

In der Serie geht es um die kleine, neugierige Sofie, die sich brennend für die Welt, in der sie lebt, interessiert. Ständig sieht, hört oder entdeckt sie Neues. Dann fragt Sofie Papa große Löcher in den Bauch, der ihr passende Erklärungen in Form einer Geschichte liefert. Ob er dabei aber immer bei der Wahrheit bleibt oder manchmal auch ein wenig flunkert, entscheidest du beim Hören selbst.

01) Das Luftschloss
02) Die dunkle Höhlenwelt

631. Ordnung muss sein

Ordnung muss sein

Ella saß in ihrem Kinderzimmer und spielte als Mama herein kam und nach dem Rechten sah.
»Du meine Güte, wie sieht es denn hier aus?«
Ella sah genervt zu Mama und sagte kein Wort. Sie wusste schon, was jetzt kommen würde.
»Dein Zimmer ist ein Schlachtfeld. Hier sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Da bekommt man ja keinen Fuß mehr auf den Boden, ohne sich die Beine zu brechen.«
Das war der Moment, den Ella am meisten hasste. Jetzt würde sie bestimmt wieder ihr Zimmer aufräumen müssen. Dabei fand sie es gar nicht so schlimm. Immerhin wusste sie genau, in welcher Ecke welches Spielzeug lag. Und wenn sie mal zur Toilette musste, konnte sie sich einfach einen Weg zur Tür frei räumen.
»Jetzt ist es erstmal vorbei mit Spielen, mein kleines Fräulein.«, schimpfte Mama weiter. »Jetzt räumst du erstmal auf und sorgst für Ordnung.«
Mama seufzte.
»Manchmal möchte ich wissen, was alles in deinem Kopf vorgeht. Da drin ist es bestimmt genau so unordentlich wie in deinem Zimmer. In deinen Gedanken musst du auch mal Ordnung bringen, sonst wird das mit dem Rest eh nie was werden.«
Dann verschwand Mama wieder in ihre ordentliche Welt des Wohnzimmers und schloss die Tür hinter sich.
Zwei Stunden später öffnete sich die Tür wieder. Mama sah erneut ins Kinderzimmer und seufzte erneut. Es hatte sich nichts verändert. Noch immer war der gesamte Fußboden mit Spielzeugen übersät.
Na ja, eine Sache hatte sich schon verändert. Ella saß nicht mehr inmitten des Chaos und spielte. Stattdessen hatte sie auf ihrem großen, gemütlichen Sessel Platz genommen, die Augen geschlossen und summte leise eine kleine Melodie vor sich hin.
»Was machst du denn da?«, fragte Mama sauer. »Ich dachte du sorgst für Ordnung. Und nun sitzt du nur faul da rum?«
Ella öffnete grinsend die Augen.
»Ich bin nicht faul. Ich sorge gerade für Ordnung in meinen Gedanken. Bevor ich mit meinem Kopf nicht fertig bin, wird das eh nichts mit meinem Zimmer. Das hast du selbst gesagt.«
Dann schloss sie ihre Augen wieder und summte weiter vor sich hin.

(c) 2018, Marco Wittler

Diese Geschichte ist Teil einer Bloggerparade zum Thema „Ordnung“. Jeder teilnehmende Blogger hat sich auf seine eigene Art und Weise Gedanken dazu gemacht und etwas geschrieben. Die anderen Beiträge findest du unter folgenden Links. Klick dich doch einfach mal rein.

Mit dabei sind diesmal:

29.01. – Jacky
30.01. – Sabrina
31.01. – Annette
01.02. – Tina B.
02.02. – Marco
03.02. – Tina J.

630. Karneval ist doof

Karneval ist doof

Amelie stand mit Mama vor dem großen Wandspiegel und besah sich ganz genau von allen Seiten.
»Das kannst du vergessen. Das ziehe ich niemals an. Mich werden alle anderen auslachen.«
Mama seufzte. Seit Stunden standen sie nun im Kostümladen und suchten nach etwas Passendem. Sie hatten mehrere Prinzessinnen ausprobiert, eine Polizistin, Einhörner, Ballerinas und waren nun beim Marienkäfer angekommen. Aber kein einziges Kostüm hatte Amelie bisher gefallen. So langsam hatte Mama das Gefühl, dass ihrer Tochter gar nichts gefallen würde.
»Ich glaube, wir lassen das jetzt. Wir werden heute nichts mehr finden. Vielleicht kommen wir Morgen noch mal wieder. Was meinst du?«
»Morgen? Nochmal? Bist du verrückt? Warum macht man das überhaupt? Ich will kein Kostüm und ich will kein Karneval. Karneval ist doof.«
Amelie zog das Marienkäferkostüm aus und schlüpfte wieder in ihre eigenen Klamotten.
Frustriert ging Mama langsam mit ihrer Tochter Richtung Ausgang. Dabei steuerte sie an möglichst vielen Gängen entlang. Sie hatte die Hoffnung, dass Amelie doch noch ein passendes Kostüm finden würde.
»Doof. Alles Doof. Alles hässlich. Das ist nix für mich.«, kommentierte Amelie alles, was sie sah.
Ein paar Minuten später saßen sie im Auto und fuhren nach Hause.
Aus der Idee, etwas später nach einem Kostüm zu suchen, wurde nichts. Jeden Nachmittag, wenn Mama Amelie fragte, wurde diese nur sauer und verzog sich in ihr Zimmer.
Eine Woche später kam dann das Karnevalsfest. Im Kindergarten wurde am Nachmittag gefeiert. Amelie würde das einzige Kind sein, dass ohne Kostüm kam. Mama hielt mit dem Auto am Straßenrand und ließ ihre Tochter aussteigen.
»Du musst mich nicht zum Eingang bringen. Ich bin schon groß und kann das alleine.«
Grinsend hängte Amelie ihren kleinen Beutel über die Schulter und ließ Mama allein zurück.
»Da bist du ja endlich.« Amelies Freundin Emma wartete schon auf sie. »Wo ist denn dein Kostüm?«
»Hab ich in meiner Tasche. Stell dir vor, meine Mama wollte mich in so albernes rosa Mädchenzeug stecken. Das war so unglaublich uncool. Zum Glück ist Papa heimlich mit mir einkaufen gefahren. Da konnte ich mir was Richtiges aussuchen.«
Amelie lief in die Toilette und zog sich schnell um. Ein paar Minuten später liefen zwei stolze Mädchen als Cowboys durch den Kindergarten und bewiesen den Jungs, dass Mädchen alles machen konnte, was sie wollten.

(c) 2018, Marco Wittler

im Rahmen einer Bloggerparade haben wir zu mehreren Bloggern Beiträge zum gleichen Thema geschrieben. Diese sind in folgender Liste verlinkt. Klick dich doch einfach mal rein.

Mit dabei sind diesmal:

29.01. – Annette
30.01. – Marco
31.01. – Perdita
01.02. – Jacky
02.02. – Tina J.

629. Gute Vorsätze

Gute Vorsätze

Hannah saß in ihrem Zimmer auf dem Boden und war von unzähligen Spielzeugen umringt. Es war fast kein Platz mehr, um ungefährdet hindurch zu gehen. Irgendwann kam Mama herein.
»Du meine Güte. Hier sieht es aber aus. Ein Schlachtfeld ist nichts dagegen. Da muss dringend aufgeräumt werden.«
Hannah seufzte. »Aber ich habe doch schon letztes Jahr aufgeräumt.«
Mama bahnte sich vorsichtig einen Weg zum Bett und setzte sich. »Dann ist es ja ein guter Zeitpunkt, sich zum Jahresanfang einen guten Vorsatz zu machen.«
Hannah sah sie stirnrunzelnd an.
»Das macht man so. Man überlegt sich etwas, das man a dem Jahresanfang in seinem Leben besser machen möchte. Papa will weniger ungesundes Zeug essen, dein Bruder will mehr lernen, um seine Schulnoten zu verbessern und ich will endlich etwas abnehmen. Und du?«
Hannah seufzte und sah sich in ihrem Zimmer um.
»Na gut. Du hast ja Recht. Ich will in Zukunft mein Zimmer aufräumen.«
»Prima.«, freute sich Mama. »Dann fang am Besten gleich damit an.«

Ein paar Stunden später warf Mama wieder einen Blick in Hannahs Zimmer. Sie war sehr verwundert, denn das was sie da sah, hatte sie so nicht erwartet. Überall lag Spielzeug auf dem Boden, auf dem Bett und in jeder Ecke.
»Wolltest du nicht dein Zimmer aufräumen?«
Hannah strahlte über das ganze Gesicht.
»Ja, das wollte ich. Ich habe auf ganz fleißig alles aufgeräumt. So sauber hast du mein Zimmer noch nie gesehen.«
»Und was ist dann passiert?«
Hannah grinste.
»Dann habe ich ein wenig gespielt und schon war es alles wieder unordentlich.«

(c) 2017, Marco Wittler

628. Ein ganzer Tag ‚Prosit Neujahr‘

Ein ganzer Tag ‚Prosit Neujahr‘

Max war unglaublich aufgeregt. Er durfte dieses Silvester nicht nur in der Nacht das Feuerwerk anschauen, er durfte auch das erste Mal in seinem Leben bis in die Nacht wach bleiben. Er war mittlerweile ein großer Junge. Also hatte Mama entschieden, dass er keinen Mittagsschlaf machen oder abends vorschlafen musste.
»Ich kann es kaum noch bis Übermorgen aushalten. Silvester ist für mich der tollste Tag im ganzen Jahr.«, freute sich Max. »Na gut, nach meinem Geburtstag und Weihnachten. Ich liebe das Feuerwerk. Am Liebsten würde ich mir das den ganzen Tag anschauen. Zu blöd, dass es nach einer halben Stunde schon vorbei ist.
In diesem Moment kam Onkel Peter ins Wohnzimmer.
»Du kannst es dir wenigstens mit den anderen anschauen.«, seufzte er. »Ich muss dieses Jahr arbeiten und werde weit weg von Zuhause sein.«
Onkel Peter war Pilot. Ständig war er irgendwo in der Welt unterwegs und brachte Urlauber von einem Land in ein anderes.
»Dieses Jahr wird es besonders anstrengend. Ich fliege mit ein paar Kollegen in 24 Stunden einmal um die ganze Welt. Wir können also einmal pro Stunde ins neue Jahr feiern?«
»Wie geht denn das?«, wollte Max unbedingt wissen.
»Weißt du, die Erde ist eine runde Kugel und dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst. Und weil es nicht in jedem Land die gleiche Uhrzeit haben kann, gibt es unterschiedliche Zeitzonen. Sonst würde es in Amerika mitten in der Nacht hell werden, wenn es bei uns früher Morgen ist. Und so schaffen wir dann 24 Feuerwerke und Neujahrsfeiern an einem Tag. Allerdings schauen wir uns das Ganze nur von oben an. Wenn wir jedes Mal landen würden, wäre die Zeit zu knapp.«
Max Augen begannen zu leuchten. Einen ganzen Tag lang ins neue Jahr feiern, immer und immer wieder. Eine echt coole Sache. Das wäre ein absoluter Traum.
»Darf ich mitfliegen? Ich muss das unbedingt sehen.«
Onkel Peter sah zu Max Eltern, die nur grinsten. Sie wussten genau, dass man Max seine Idee nicht ausreden konnte.
»Na gut. Ich nehme dich mit. Aber du musst immer auf mich hören und darfst im Flugzeug keine Knöpfe anfassen. Versprochen?«
»Versprochen.«
Kurz darauf flogen die beiden als Passagiere bis nach Neuseeland, auf der anderen Seite der Erde.
»Wir werden das erste Feuerwerk verpassen. Aber unser Flieger ist zu groß, um auf einer kleinen Insel im Pazifischen Ozean zu landen. Aber danach sehen wir uns alles an.«
Mitten in der Nacht ging es los. Onkel Peter und seine Kollegen steuerten das Flug über Australien nach Asien, Afrika und Europa. Es ging weiter nach Amerika und wieder zurück über den Ozean nach Neuseeland. Es war ein grandioses Spektakel, immer und immer wieder sehen zu können, wie die Menschen ins neue Jahr feierten.
Max feierte jedes Mal mit und stieß mit einem Saftglas mit Onkel Peter an.

(c) 2017, Marco Wittler

627. Das erste Feuerwerk oder „Papa, warum machen wir eigentlich Feuerwerk?“ (Papa erklärt die Welt 43)

Das erste Feuerwerk
oder »Papa, warum machen wir eigentlich Feuerwerk?«

Es war Silvester. Das neue Jahr stand schon in den Startlöchern und wartete darauf, mit großem Getöse zu beginnen. Sofie stand am Fenster und sah nach draußen in die Nacht. Ständig sah sie auf die Uhr. Es waren nur noch fünf Minuten, bis das Feuerwerk los gehen würde.
»Ich freue mich schon riesig. Ich kann es kaum erwarten, bis das neue Jahr beginnt und der Himmel voller Licht ist.«
Papa gesellte sich zu ihr. »Das stimmt. Feuerwerk ist eine tolle Sache.«
Sofie sah ihn nachdenklich an. »Papa, warum machen wir eigentlich Feuerwerk?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Feuerwerk. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein schlauer Erfinder, der noch spät am Abend über den Plänen einer neuen Erfindung grübelte. Draußen war es schon dunkel geworden, die Nacht hatte die Erde fest im Griff. Mit ein paar Kerzen hatte sich der Erfinder Licht gemacht, damit er noch eine Weile arbeiten konnte.
Leider war diese Weile nicht ganz so lang, wie er es sich erhofft hatte. Nach und nach wurde es in seiner Werkstatt dunkler. Eine Kerze nach der anderen war aufgebraucht und ihr Licht erlosch.
»Verdammt!«, regte sich der Erfinder auf. »Wie soll ich etwas erfinden, wenn ich nichts mehr sehen kann.«
Schnell warf er einen Blick aus dem Fenster und suchte verzweifelt nach dem Mond und den Sternen, von denen er sich noch ein wenig Licht erhoffte, denn er hatte vergessen, neue Kerzen zu kaufen.
Vom Himmel konnte er sich leider keine Hilfe erhoffen, denn der war von dicken Wolken bedeckt.
»Wie soll ich denn jetzt das Sternenlicht nutzen? Ich brauche ganz dringend ein paar künstliche Sterne.«
Schnell nahm sich der Erfinder Zettel und Bleistift und begann etwas neues zu erfinden. Kurz darauf begann er zu basteln. Er füllte eine alte Klorolle mit Schwarzpulver und Metallstaub und verschloss das Ganze.
»Hoffentlich klappt das.«
Er lief nach draußen, steckte seine Erfindung in den Boden und zündete sie über eine kleine Schnur an. Eine kleine Flamme fraß sich schnell zur Klorolle hinauf. Sekunden später raste die Rolle zum Himmel hinauf und explodierte. Über den ganzen Himmel verteilten sich leuchtende Sterne, die die Welt unter sich erhellten. Jetzt war es wieder hell genug, um neue Erfindungen aufs Papier zu bringen. Zufrieden ging der Erfinder zurück in sein Haus.

»Das war aber ein kluger Erfinder.«, freute sich Sofie jetzt noch mehr über das Feuerwerk. »Das war die bestimmt die beste Erfindung aller Zeiten.
Dann sah sie wieder nach draußen. Die ersten Knaller und Raketen wurden gezündet und flogen in den Himmel.
»Ich wünsche dir ein frohes, neues Jahr Papa.«, sagte Sofie.
»Das wünsche ich dir auch.«, antwortete Papa.
»Und trotzdem glaube ich dir von deiner Geschichte kein einziges Wort.«, flüsterte sie grinsend.

(c) 2017, Marco Wittler

626. Auf der anderen Seite

Auf der anderen Seite

Hannah saß in ihrem Zimmer und bestaunte schon eine ganze Weile das Geburtstagsgeschenk, das sie von Oma und Opa bekommen hatte. In diesem Jahr hatten sie einen Globus gekauft, also eine leuchtende Kugel, die genau so aussah, wie die Erde, nur eben viel kleiner.
Auf dem Globus konnte man alle Länder Erde erkunden. Es waren sogar einzelne Städte und Flüsse zu finden. Das alles wurde umspült vom Wasser der großen Ozeane und Meere.
»Es ist unglaublich, wie groß die Erde ist und wir so wahnsinnig klein.«
Die anderen Kinder, ihre Freunde, die heute zu Gast waren, staunten auch.
»Und hättet ihr gedacht, dass die Erde eine Kugel ist? Ich dachte immer sie ist flach, wie in meinem Länderbuch. So wie eine Buchseite. Und jetzt sitze ich vor diesem Leuchtball und alles ist anders.«
Hannah drehte den Globus immer wieder im Kreis und besah sich alles ganz genau. Irgendwann hielt sie an und tippte mit dem Finger auf eines der größten Länder Welt, das zugleich ein Kontinent war.
»Schaut mal. Australien. Ob da überhaupt jemand lebt? Kann ja eigentlich gar nicht sein. Da ist alles falsch herum. Alles steht auf dem Kopf. Wenn da mal Menschen waren, sind sie bestimmt runter gefallen. Ich kann ja auch nicht mit den Fußen an der Zimmerdecke rumlaufen.«
Die anderen Kinder kamen näher und betrachteten ebenfalls diese riesige Insel auf der der unteren Seite der Erde.
»Na klar. Die sind alle schon lange abgestürzt und fliegen jetzt hilflos im Weltraum rum.«, wusste Nick Bescheid und grinste in die Runde.
»Nee, das ist ganz anders.«, mischte sich Emma ein. »Die haben da unten Magnetschuhe an. Damit kann man auch da unten rumlaufen, ohne dass man den Boden unter den Füßen verliert.«
»Nee, das ist eine Lüge.«, wehrte sich Nick. »Die Erde ist gar nicht magnetisch. Mir ist schon mal ein Magnet hingefallen. Den konnte ich ganz einfach aufheben.«
Und dann hatte Hannah eine ganz andere Idee. »Ich bin mir ganz sicher, dass die Menschen in Australien Fliegenfüße haben. Damit können sie dann ganz einfach in ihrem Land herum laufen, ohne dass ihnen was passiert.«
»Wie kommst du denn auf den Quatsch?«, wollte Nick wissen. »Das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe.«
»Dann schau einfach hin.«
Die Kinder hatten in ihrem Streit den Globus völlig vergessen, sahen sich aber nun wieder Australien an. Über den Kontinent spazierte gerade eine Fliege, die keine Probleme hatte, sich zu halten.
»Wow. Das ist ja irre. Solche Füße möchte ich auch mal haben.«, war Nick erstaunt.
Und damit waren sie endlich hinter das Geheimnis der Menschen auf der anderen Seite der Erde gekommen.

(c) 2017, Marco Wittler