313. Dem Täter auf der Spur

Dem Täter auf der Spur

»Oh, nein.«
Michi war entsetzt.
»Er ist verletzt. Was soll ich denn jetzt machen?«
In diesem Moment kam Kati in das Zimmer und sah sich genau um.
»Nichts anfassen.«, sagte sie kurz und knapp.
»Das hier ist ein Tatort. Es dürfen keine Spuren durch irgendeine falsche Bewegung zerstört werden.«
Dann stellte sie sich ganz nah vor Mich auf.
»Was genau ist passiert?«
Michi drückte sich ein paar Tränen aus den Augen und zeigte mit der rechten Hand auf den Boden.
»Teddy wurde verletzt. Und nun liegt er völlig hilflos da auf dem Boden.«
Tatsächlich. Es hatte Teddy erwischt. Ihm fehlte das rechte Bein und aus der großen Wunde war sein weiches Füllmaterial gerissen worden.
Kati hatte sofort einen Verdacht.
»Wo waren sie, als Teddy überfallen wurde.«
Michi stutzte.
»Was soll denn das heißen? Du glaubst doch nicht, dass ich ihm das angetan hätte. Er ist mein allerliebster Freund.«
Diese Erklärung schien ihm zuerst zu reichen. Doch dann war er sich nicht sicher, ob Kati sich sich damit zufrieden geben würde.
»Außerdem war ich im Kindergarten.«, fügte er schließlich noch hinzu.
»Es wird sich noch zeigen, ob das stimmt.«
Kati zog eine Lupe aus der Tasche, kniete sich hin und besah sich den Boden um Teddy herum.
»Ich brauche mehr Licht, damit ich keine Spuren übersehe.«
Sie drückte ihrem Bruder eine Taschenlampe in die Hand. Das Abdeckglas hatte sie mit einem blauen Tuch bespannt.
»So machen die das im Fernsehen auch immer.«
Michi musste nun alles ordnungsgemäß beleuchten.
»Ahaaa.«, rief Kati plötzlich triumphierend.
»Ich habe eine Spur.«
Sie hatte ein paar Fussel von Teddys Füllung gefunden, die quer über den Boden lagen.
»Sie führen auf den Flur. Das ist ja interessant.«
Mit der Lupe krabbelte sie der Spur nach. Michi lief ihr nach und beleuchtete alles, so gut er konnte.
Auf den Fliesen des Flurs war die Spur noch deutlicher zu sehen. Nach ein paar Metern verlief sie in das Wohnzimmer.
Es ging durch mehrere Ecken, auf das Sofa, wieder zurück auf den Boden und schließlich endete sie vor einem großen Körbchen.
»Oh, nein. Bello!«
Bello wusste sofort, was er getan hatte. Schuldbewusst blickte der Hund nach unten auf Teddys Bein, an dem er bis vor ein paar Sekunden genagt hatte.
»So geht das aber nicht.«, entschloss sich Kati, nahm Bello seine Beute weg und drückte sie Michi in die Hand.
»Fall gelöst. Da staunst du, was?«
Michi sah in seine Hand.
»Und wer macht Teddy jetzt wieder gesund?«
Seine Schwester überlegte.
»Nichts leichter als das.«
Sie verschwand kurz aus dem Wohnzimmer, durchwühlte die Spielzeugkiste im Flur und kam mit einem Arztkoffer zurück.
»Das ist eine Aufgabe für Doktor Kati.«
Sie nahm Michi das zerkaute Bein ab und lief ins Kinderzimmer.
»Aus dem Weg. Doktor Kati muss eine Notoperation machen.«

(c) 2010, Marco Wittler

211. Von Piraten entführt

Von Piraten entführt

Dimitri saß in seiner Kajüte und freute sich. Noch vor ein paar Stunden war er kein richtiger Drache mehr gewesen. Er hatte Wasser getrunken und sein Drachenfeuer gelöscht. Erst nach einer langen Fahrt nach Feuerland, hatte er es wieder entflammen können. Nun war er wieder auf dem Weg nach Hause.
»Meine Freunde werden mir das alles nicht glauben, wenn ich ihnen davon erzählte.«, redete er vor sich hin.
»Welcher kleine Drache fährt schon allein mit einem Schiff voller menschlicher Seemänner zur Insel, von der wir alle stammen?«
Sie würden große Augen machen, dachte er sich. Sein Erlebnis war ja auch sehr beeindruckend gewesen.
In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und der Kapitän kam herein.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen. Piraten greifen uns an. Bleib hier und lass niemanden herein, bis sich die Lage wieder beruhigt hat.«
»Piraten?«, ging es Dimitri durch den Kopf.
»Aber was wollen die denn von uns?«

Inzwischen wurde es an Deck hektisch. Die Seeleute rissen die Segel hin und her, der Steuermann fuhr im Zickzack und versuchte, das Piratenschiff abzuschütteln. Es gelang ihm aber nicht. Mit jeder Minute kamen die Banditen des Meeres näher heran.
Aus einer weiteren Kajüte kam nun ein wütender Drache hervor gestürmt. Es war Dimitris Mutter. Sie wollte unbedingt ihren Sohn und das Menschenschiff beschützen.
Sofort begann der Pirat im Ausguck zu schreien.
»Ein Drache. Sie haben einen Drachen an Bord.«
Der Piratenkapitän holte sein Fernrohr aus der Tasche und sah sich.
»Tatsächlich. Schau an, was wir da gefunden haben. Dann waren die Gerüchte in den Spelunken doch nicht erfunden.«
Er drehte sich zu seiner Mannschaft um und bellte ein paar Befehle.
»Macht euch bereit zum Entern. Was mit der Mannschaft geschieht, ist mir egal. Aber krümmt dem Drachen keine Schuppe. Ich will ihn unversehrt. Wir haben das lange genug geübt.«
Schon rummste es. Die beiden Schiffe berührten sich. Die Piraten banden sie mit Seilen zusammen und sprangen mit ihren Säbeln, Schwertern und Pistolen an Bord.
Die Seeleute hatten keine Waffen, um sich zu verteidigen. Also gingen sie den Banditen aus dem Weg. Der Drache würde es schon richten. Und so geschah es auch.
Dimitris Mutter ging mit festem Schritt auf die Banditen los.
»Was wagt ihr euch? Glaubt ihr ernsthaft, dass ihr uns überfallen könnt und ungestraft davon kommt? Mit meinem Feuer werde ich euch wieder vertreiben.«
Sie riss ihr Maul auf und spuckte eine große Flamme aus. Dch die Piraten waren darauf vorbereitet. Hinter ihren Rücken holten sie metallene Schilde hervor, hinter denen sie sich versteckten. Schritt für Schritt kamen sie näher, bis einer von ihnen mit einem Schlauch eine große Menge Wasser auf den Drachen spritzte und das Feuer löschte.
Dimitris Mutter war wehrlos. Die Piraten stürzten sich auf sie und fesselten ihre Füße. Nur Minuten später hatten sie den Drachen auf ihr Schiff gebracht und im Laderaum verstaut.
»Und das ihr nicht auf die Idee kommt uns zu folgen. Es würde euch nicht gut ergehen.«, rief der Piratenkapitän, als er einen neuen Kurs einschlug. Mit lautem Lachen steuerte er sein Schiff in eine Nebelbank und verschwand.

Die Tür öffnete sich und der Kapitän kam herein.
»Dimitri, es ist etwas Schreckliches geschehen. Piraten haben deine Mutter entführt.«
Der kleine Drache war wie elektrisiert. Wie konnten es diese Übeltäter wagen? Einen Drachen durfte man nicht entführen. Das würde auf keinen Fall ungestraft bleiben.
Er stürmte sofort an Deck.
»Wir müssen ihnen folgen.«, bat er die Seeleute.
Doch diese hatten viel zu viel Angst.
»Wir dürfen den Piraten nicht folgen. Wenn sie uns sehen, werden sie mit ihren Kanonen auf uns schießen und unser Schiff versenken. Wir haben einfach keine Chance.«
Doch damit wollte sich Dimitri nicht zufrieden geben. Er sprang in eines der Rettungsboote, brannte mit seiner Flamme die Befestigungsseile durch und plumpste auf das Meer.
»Ich werde ihnen folgen.«
Nur wenige Augenblicke später verschwand auch er im dichten Nebel.
»Wenn das nur gut ausgeht.«, flüsterte der Kapitän ängstlich.

Wie orientiert man sich eigentlich im Nebel?
Die Piraten fuhren ihre Strecke aus reiner Gewohnheit. Sie kannten die Gewässer besser als ihre Westentasche. Niemand würde ihnen folgen können.
Bis auf einen kleinen Drachen. Dimitri ruderte ihnen nach. Seine feine Nase lenkte ihn auf den richtigen Weg. Er konnte genau riechen, in welcher Richtung seine Mutter sich befand. Mit jedem Ruderschlag kam er dem Piratenschiff näher.
Schon eine Stunde später sah er es vor sich.
»Ich bin mal gespannt, wie überrascht eure Gesichter aussehen werden, wenn ihr mich entdeckt.«
Der kleine Drache fuhr einmal um die Banditen herum, bis er eine Stelle im Schiffsrumpf entdeckte, hinter der es still war. Leise brannte er ein Loch in das Holz und schlüpfte anschließend in das Schiff.
Wie durch einen Zufall war er in einem Laderaum gelandet. Vor sich sah er den gefährlichen Wasserschlauch, der Drachenfeuer löschen konnte. Ohne lange darüber nachzudenken, warf er ihn über Bord und zerstörte jeden Eimer, den er finden konnte.
»Wenn ihr nichts zu löschen habt, werdet ihr mich auch nicht besiegen können.«
Er kam unbemerkt durch das Schiff. Niemand sah oder hörte ihn. Erst, als er an Deck kam und es für die Piraten zu spät war, entdeckten sie ihn.
»Kapitän, es ist noch ein Drache an Bord, und er läuft frei herum.«
Die Piraten bekamen Angst. Sie hatten ihre Feuerschilde im Innern des Schiffes verstaut und kamen nun nicht an sie heran. Dimitri kam das nur gelegen. Er spuckte wie wild sein Feuer in jede Richtung. Dabei lief er langsam auf den Piratenkapitän zu.
»Lass meine Mutter frei, dann wird euch nichts geschehen. Ansonsten versenke ich noch heute euer Schiff.«
Die Banditen wollten sich aber nicht darauf einlassen. Schließlich konnten sie mit einem Drachen an Bord jedes andere Schiff besiegen.
»Also gut.«, sagte der kleine Drache genervt.
»Ihr habt es ja nicht anders gewollt.«
Plötzlich stürmte er über das Deck, vertrieb einen Banditen nach dem anderen und packte den Piratenkapitän am Arm. Mit einem kleinen Hüsteln machte er diesem nun Feuer unter dem Hintern.
»Um Himmels Willen. Ich werde machen, was du mit befiehlst, aber bitte lass mich leben.«
Dimitri lachte leise in sich hinein. Er hätte niemals einem Menschen etwas antun können.
»Dann lass nun meine Mutter frei. Anschließend wirst du mit deinen Männern dieses Schiff verlassen.«, sagte er mit ernster Stimme.
Der Piratenkapitän nickte stumm. Zitternd ging er auf seine Männer zu und wies sie an, in die Rettungsboote zu steigen. Anschließend öffnete er den Laderaum, ließ die Gefangene frei und verschwand dann auch von Bord.
»Mein geliebter Dimitri.«, sprach die Drachenmutter.
»Du hast mich wirklich befreit. Du bist wirklich mutig gewesen, dich mit so vielen Piraten anzulegen.«
Dem kleinen Drachen wurde es warm ums Herz. War er etwa gerade zu einem Helden geworden?
Schnell stellte er sich hinter das Steuerrad des Schiffes, setzte sich den Hut des Kapitäns auf den Kopf und übernahm das Kommando.
»Wenn du nichts dagegen hast, werde ich uns nun nach Hause bringen.«
»Nichts lieber als das.«, freute sich seine Mutter. Ihre Freude war sogar so groß, dass sich augenblicklich ihr Feuer wieder entzündete.

(c) 2009, Marco Wittler

Der erste Teil dieser Geschichte befindet sich hier.

158. Weihnachten fällt aus

Weihnachten fällt aus

Nicht nur Spatzen pfiffen es bereits von den Dächern. Alle anderen Vögel hatten bereits mit eingestimmt. Die schlimmen Neuigkeiten ließen sich nicht mehr verheimlichen.
»Was? Das kann doch nicht wahr sein. Ich glaube dir kein einziges Wort.«
Jasmin wollte sich die Ohren zuhalten. Aber es war bereits zu spät. Denn sie hatte gehört, was ihr Bruder Christian erzählt hatte und nun noch einmal wiederholte.
»Aber wenn ich es dir doch sage. Weihnachten fällt dieses Jahr aus. Irgendwer hat den Weihnachtsmann entführt. Es werden also keine Geschenke unter den Bäumen liegen. In der Schule redet man von nichts anderem mehr.«
Nur zu gern hätte Jasmin angefangen zu weinen. Doch sie biss die Zähne zusammen und akzeptierte, was man ihr erzählte.
»Und ich habe mich doch so sehr auf mein neues Puppenhaus gefreut. Das ist richtig gemein. Wer macht denn sowas?«
Christian hatte darauf keine Antwort. Er zuckte nur mit den Schultern und verließ das Zimmer seiner Schwester.
»Weihnachten fällt wirklich aus?«, murmelte Jasmin vor sich hin.
»Dagegen muss doch unbedingt etwas unternommen werden.«

Am nächsten Tag hörte sie sich mit ihrer Freundin Emma in der großen Pause überall auf dem Schulhof um. Es wussten tatsächlich fast alle Kinder Bescheid. Aber nicht ein einziger Schüler konnte erklären, woher sie die Nachricht hatten oder wer den Weihnachtsmann entführt hatte.
»Wie sollen wir ihn denn dann jemals finden und befreien?«, maulten die Mädchen.
In diesem Moment hörten sie eine leise Stimme, die aus einem Gebüsch zu stammen schien. Neugierig gingen sie näher und schoben die Äste beiseite. Da entdeckten sie eine kleine Gestalt mit langen, spitzen Ohren und einem grünen Gewand.
Seid gegrüßt, ihr mutigen Menschenkinder. Habe ich es richtig verstanden, dass ihr den Weihnachtsmann befreien wollt?«
Jasmin und Emma nickten unsicher.
»Wer oder was bist du denn?«
Die kleine Gestalt kam ein paar Schritte näher und verbeugte sich.
»Entschuldigt bitte mein ungebührliches Benehmen. Mein Name ist Sternenlicht und ich bin eine Weihnachtselfe.«
Nun erhellten sich die Gesichter der beiden Mädchen. Sie waren offensichtlich der Rettung des Weihnachtsmanns ein Stück näher gekommen.
Sie baten die kleine Elfe im Busch noch ein wenig bis zum Schulschluss zu warten.
»Aber lasst euch nicht zu viel Zeit, denn jede einzelne Minute zählt.«

Ein paar Stunden später holten die Mädchen Sternenlicht aus dem Busch und gingen zu dritt die Straße entlang.
»Wir Elfen sind noch immer schockiert. Seit Urzeiten arbeiten wir nun schon für den Weihnachtsmann und noch nie ist etwas Vergleichbares geschehen. Wir waren gerade dabei den Geschenkesack zu füllen, als es in der Schlittenhalle plötzlich blitzte und undurchdringbarer Rauch aufstieg. Wir konnten die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Nachdem wir dann aber Türen und Fenster zum Lüften geöffnet hatten, war der Weihnachtsmann verschwunden.«
Sternenlicht zog einen Brief aus der Tasche und übergab ihn den Mädchen.
»In diesem Jahr wird es kein Weihnachten und keinen Winter geben. Ihr könnt machen was ihr wollt. Aber so wird es geschehen. Der Weihnachtsmann wird erst im kommenden Sommer in die Freiheit zurückkehren.«
Jasmin hatte jedes Wort gelesen und war ebenfalls schockiert. So einen bösen Menschen konnte es doch unmöglich geben.
»Wir werden euch helfen.«, unterbrach Emma die Stille.
Sternenlicht war froh Hilfe gefunden zu haben und pfiff auf zwei Fingern. Nur ein paar Sekunden später landete neben ihnen ein großen Rentier auf der Straße.
»Das ist Rudolf. Er wird uns in Windeseile zum Nordpol bringen.«

Sie waren schon fast an ihrem Ziel angekommen. Überall war es weiß. Meterdick lag der Schnee auf dem Boden und begrub alles unter sich. Nur die Spitzen der höchsten Bäume waren noch zu sehen.
»Was ist denn das dort drüben?«, fragte Emma.
»Das ist der Wohnsitz des Winters.«, antwortete Sternenlicht.
»Er ist der direkte Nachbar des Weihnachtsmanns.«
Jasmin besah sich dieses Fleckchen Erde und wunderte sich. Der gesamte Nordpol war vereist Nur dort, wo der Winter lebte, war es grün. Dort blühten Blumen und es schien warm zu sein.
»Ich dachte, der Winter mag es richtig eisig kalt.«
»Oh nein.«, begann Sternenlicht ihre Erklärung.
»Es ist seine Arbeit, die Welt mit Schnee und Eis zu bedecken. Aber er mag es lieber richtig warm. Deswegen ist auch der Sommer sein bester Freund.«
Emma dachte darüber nach, bis ihr eine Idee in den Kopf kam.
»Wir sollten dort landen und dem Winter einen Besuch abstatten. Ich wette, er weiß etwas über die Entführung.«
Rudolf drehte ab und landete wenige Augenblicke später im saftigen Gras, welches er sofort zu fressen begann.
»Verschwindet hier, ihr dummen Kinder und nehmt euren gefräßigen Elch mit, bevor ihr etwas auf den Hintern bekommt. Das hier ist ein englischer Zuchtrasen. Er ist sehr teuer und nicht als Mahlzeit gedacht. Da steckt sehr viel Arbeit drin.«
Ein Mann mit langem Bart und weißem Mantel kam ihnen entgegen gerannt.
»Das ist der Winter. Er ist ein ziemlich schlecht gelaunter Geselle. Man will gar nicht glauben, dass der Weihnachtsmann sein Bruder ist.«
»Sein Bruder?«, fragten die Mädchen gleichzeitig im Chor.
»Nun wird mir einiges klar.«
Jasmin drehte sich zum Rentier um.
»Lieber Rudolf, bitte fliege zum Nordpol weiter und komme mit allen Rentieren hierher zurück, die du finden kannst. Es ist so viel saftiges Gras hier, dass ihr alle mehr als satt werden könnt.«
Das Rentier hob sofort ab und flog davon.
Der Winter stand inzwischen nach Atem ringend vor den Mädchen und blickte zornig drein.
»Wie könnt ihr es wagen, einfach meinen schönen Rasen zu schädigen. Die Hufe eures Elches haben tiefe Löcher hinterlassen.«
»Rudolf ist kein Elch, sondern ein Rentier.«, verbesserte Emma.
»Und sie sagen uns jetzt, wo wir den Weihnachtsmann finden. Er hat noch viel zu tun in den nächsten Tagen.«
Der Winter schüttelte nur den Kopf.
»Ich weiß gar nicht wovon ihr da überhaupt redet. Ich habe meinen Bruder schon lange nicht mehr gesehen. Also macht, dass ihr verschwindet.«
Plötzlich landete eine ganze Herde fliegender Rentiere auf dem Rasen und begann, jeden Halm einzeln zu fressen.
»Du meine Güte, was soll denn das? Ihr könnt doch nicht einfach meinen Rasen zerstören. Elf Jahre habe ich ihn gepflegt, damit er so gut aussieht.«
Jasmin stellte sich dem Winter in den Weg.
»Wo ist der Weihnachtsmann? Wenn sie uns nicht helfen, werden unsere Rentiere den kompletten Rasen auffressen. Sie haben nämlich sehr großen Hunger.«
Verzweifelt sah der Winter zwischen den Mädchen und der Rentierherde hin und her. Schließlich gab er auf und setzte sich hin.
»Er ist in meinem Haus und schläft tief und fest. Ich habe ihn zu meinem Geburtstag eingeladen und habe ihm ein Schlafmittel gegeben. Ich wollte nicht, dass er seine Arbeit erledigt. Denn wenn er erst einmal unterwegs ist und Geschenke verteilt, dann muss ich ebenfalls um die Erde reisen und es überall schneien lassen. Dabei ist mir das viel zu kalt. Ich kann Kälte überhaupt nicht leiden.«
Emma lief zum Haus und weckte den Weihnachtsmann. Jasmin setzte sich neben den Winter, legte ihre Hand auf seine und tröstete ihn.
»Das tut mir Leid. Aber gibt es da denn keine andere Lösung? Die Kinder auf der ganzen Welt warten doch sehnsüchtig auf ihre Geschenke.«
Der Winter zuckte nur mit den Schultern.
»Vielleicht kann ich euch weiter helfen.«
Emma kam mit zwei Männern aus dem Haus. Der eine war der Weihnachtsmann, der andere war der Sommer. Und letzterer schien eine wirklich gute Idee zu haben.
»Ich habe meine Arbeit für dieses Jahr bereits erledigt und habe nun Urlaub. Und es war schon immer mein größter Wunsch, einen Skikurs in den Bergen zu machen. Der Winter bleibt einfach hier auf seiner Wiese und ich übernehme dieses Mal seine Arbeit.«
Mit dieser Lösng waren alle einverstanden. Die Rentiere flogen zurück zum Nordpol. Es wurde Zeit, vor den Schlitten gespannt zu werden. Der Sommer holte seine Ski aus dem Keller während der Winter die Schäden an seinem Rasen begutachtete und mit einer kleinen Gießkanne hin und her lief.
Der Weihnachtsmann bedankte sich bei seinen beiden Retterinnen und brachte sie zurück nach Hause.

(c) 2008, Marco Wittler

078. Der Zauberladen

Der Zauberladen

Max saß auf dem Spielplatz und langweilte sich. Er wollte sich eigentlich mit seinem besten Freund Tobias zum Spielen treffen. Aber der war gar nicht aufgetaucht.
»Und der will mein Freund sein.«, grummelte Max vor sich hin.
»Den will ich nie wieder treffen.«
Er saß auf der Bank, sein Fahrrad stand neben ihm. Max sah sich um. Irgendetwas stimmte nicht.
»Das ist ja komisch. Wo sind denn die anderen Kinder nur geblieben. Hier sind nur noch die Kleinen, die noch nicht ohne Mama her kommen dürfen. Aber nicht einer meiner Freunde ist da.«
Es war tatsächlich so. Bis auf ein paar wenige Kindergartenkinder war der Spielplatz leer. Nicht einmal die fiese Laura war zu sehen. Sonst konnte sie es doch gar nicht erwarten, Max ständig mit Sand zu bewerfen.
»Was da wohl hinter steckt?«
Max stand auf und setzte sich auf sein Rad. Er fuhr die Straße entlang und auch durch die ganze Siedlung. Aber es waren keine Kinder zu entdecken. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt.
Nun wurde es ihm doch etwas mulmig. Schließlich war es warm und die Sonne schien. Und trotzdem war niemand mit dem Rad oder den Inlinern unterwegs. Es spielte auch niemand Fußball auf der Straße. Bis auf das Gezwitscher der Vögel war kein Laut zu hören.
Max fuhr zu Tobias. Als er vor dem Haus stand zögerte er nicht lange und klingelte. Nach ein paar Minuten war die Haustür noch immer verschlossen. Es war niemand zu Hause.
Er versuchte es bei vier weiteren Freunden. Doch auch dort blieben die Türen zu.
Max bekam nun Angst. Er setzte sich schnell wieder auf das Fahrrad und fuhr nach Hause. Ständig sah er sich während der Fahrt um. Er wollte nicht auch noch verschwinden, ohne dass es jemand bemerkte.
»Wenn so viele Leute verschwinden, dann muss die Polizei doch etwas unternehmen. Aber es ist kein einziger Streifenwagen zu sehen.«
Max sperrte sein Rad nicht in die Garage, sondern lies es achtlos auf den Rasen im Vorgarten fallen. Er ging ins Haus, warf die Tür hinter sich ins Schloss und rannte in sein Zimmer. Erst als er sich unter seiner Bettdecke etwas sicherer fühlte, dachte er weiter nach. Ihm kamen die irrsinnigsten Gedanken, was mit seinen Freunden und deren Eltern geschehen sein konnte.
»Vielleicht sind sie von Außerirdischen in ihren Raumschiffen entführt und müssen nun den Rest ihres Lebens auf einem fremden Planeten in irgendwelchen Zoos verbringen.«
Bei dieser gruseligen Vorstellung lief es ihm eiskalt den Rücken runter. Trotzdem wollte er wissen, was wirklich geschehen war.
Nach ein paar Minuten hatte er sich etwas beruhigt und traute sich die Treppe in den Flur hinab. Aber er sah sich immer wieder um, falls ihn doch jemand mitnehmen wollte.
Max ging zum Telefon und nahm den Hörer ab. Er wählte nun einen Nummer nach der anderen und hoffte, bald die Stimmen seiner Freunde hören zu können. Vielleicht waren sie inzwischen zu Hause angekommen.
Doch mit seiner Hoffnung hatte er leider Pech. Wo er auch anrief, erreichte er nur Anrufbeantworter. Niemand war an die Leitung zu bekommen.
»Wenn mir doch bloß jemand helfen könnte. Aber Mama und Papa sind noch arbeiten.«
Vielleicht sind sie das auch schon längst nicht mehr, sondern befinden sich ebenfalls auf der Reise durch das dunkle Weltall.
»Ich muss etwas unternehmen. So kann das doch nicht weiter gehen. Ich werde die anderen suchen. Wenn es nötig ist, werde ich sie sogar befreien. Dann werde ich Astronaut bei der NASA und fliege dann mit einer Rakete hinterher.«
Max ging zur Haustür und verharrte dort eine Weile. Ihm zitterten die Knie. So ganz traute er sich noch nicht. Doch dann gab er sich einen Ruck, öffnete leise die Tür, blickte vorsichtig nach draußen und flitzte dann geduckt quer durch den ganzen Vorgarten. Neben seinem Fahrrad lies er sich fallen und sah sich erneut um. Es war ihm scheinbar niemand gefolgt. Also nahm er das Rad hoch, stieg auf und fuhr los.
Es ging die Straßen entlang, von links nach rechts, von vorn nach hinten und im Kreis. Die ganze Siedlung suchte er ab. Aber es waren nur ganz wenige Erwachsene zu sehen. Von den Kindern gab es aber weiterhin keine einzige Spur.
Max wurde traurig.
»Wie soll ich denn neue Freunde finden, wenn meine alten alle fort sind und mit ihnen alle anderen Kinder auch. Ich werde ganz einsam und allein sein.«
Er fing so sehr an zu weinen, dass er stehen bleiben musste, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, sonst hätte er bald nichts mehr sehen können.
»Hier werde ich niemanden finden. Ich muss woanders hin.«
Er stand nun mit dem Fahrrad an der Hauptstraße. Bisher hatte er sich nie allein auf die andere Seite getraut. Seine Eltern hatten es ihm allerdings auch noch nie erlaubt. Aber jetzt galten andere Dinge.
Max blickte hin und her und fand, wonach er suchte. Der Zebrastreifen war nicht weit entfernt. Er fuhr ein Stück die Straße entlang, bis er sie sicher überqueren konnte.
Nun befand er sich in der Nachbarsiedlung. Hier wohnte Tante Manuela. Mit seinen Eltern besuchte er sie ab und zu zum Kuchen essen.
Plötzlich hörte Max ein Geräusch. Es klang, als würden viele Kinder in der Nähe sein. Doch dann war es auch schon wieder verklungen.
»Was war denn das? Habe ich mich getäuscht? Das muss ich unbedingt heraus finden.«
Max befuhr, wie schon in der eigenen Siedlung, nacheinander alle Straßen, bis er schließlich fand, wonach er suchte.
Er hatte sich nicht verhört. Von einem zum anderen Augenblick war ihm auch viel leichter um sein Herz, denn er hatte alle seine Freunde und deren Eltern gefunden. Sie waren nicht von Außerirdischen entführt worden.
»Außerirdische? So ein Quatsch. Die gibt es doch gar nicht. Ich habe aber auch eine Phantasie.«
Max stieg von Rad und ging näher. Er sah ein großen Schaufenster vor sich. Darüber hing ein Schild mit der Aufschrift ›Der Zauberladen‹.
Er öffnete die Eingangstür und trat ein. Und schon hörte er wieder viele laute Kinderstimmen.
»Was ist denn hier los?«
Alle Leute verstummten und drehten sich zu ihm um.
»Mensch, Max, da bist du ja. Hast du denn vergessen, dass heute der Tante Emma Laden hier eröffnet hat? Da haben wir uns doch schon seit Wochen drauf gefreut.«, sagte Tobias, der gerade an der Ladentheke stand und eine Tüte Gummibären kaufte.
»Ich und mein schlechtes Gedächtnis«, sagte Max. Jetzt fiel ihm alles wieder ein.
Nun ging auch er an die Theke.
»Eine Tüte Lakritzbonbons bitte.«

(c) 2008, Marco Wittler