110. Der König und die kleine Fliege oder „Papa, warum fliegen Insekten zum Licht?“ (Papa erklärt die Welt 14)

Der König und die kleine Fliege
oder »Papa, warum fliegen Insekten zum Licht?«

Der Abend war lang geworden. Die Sonne war bereits verschwunden und der Himmel hatte sich schwarz verfärbt. Die Nacht war herein gebrochen, der Tag hatte sich verabschiedet und das Licht mit sich nach Hause genommen, um noch ein wenig heimlich im Bett lesen zu können.
Sofie saß im Garten und sah verträumt zu den Sternen hinauf, während Papa seinen besten Freund an der Haustür verabschiedete. Als er schließlich wieder nach draußen kam, sah er seine kleine Tochter unter einer Lampe stehen.
»Was treibst du denn da? Die alte Lampe kennst du doch. Da ist nichts Neues dran.«
Er kam näher, setzte sich auf den Boden und versuchte heraus zu bekommen, was so interessant an dieser Leuchte sein konnte.
»Schau doch mal genauer hin, dann siehst du es auch.«
Papa ging mit dem Kopf noch etwas näher, aber noch immer kam er nicht auf die Lösung des Rätsels.
»Tut mir leid, mein Schatz. Aber ich weiß es nicht.«
Sofie verdrehte die Augen.
»Ach, Papa. Dabei ist es doch genau vor deiner Nase. Also sag mir, was du hier siehst.«
»Da ist nichts weiter. Das ist unsere Gartenlampe, darin steckt eine Glühbirne und jede Menge Fliegen, Motten und andere Insekten, die davon angezogen werden. Also alles, wie es immer ist.«
Doch dann erhellten sich sein Blick.
»Denkst du etwa an das Gleiche wie ich?«
Sofie hob den Zeigefinger und wedelte damit hin und her.
»Du glaubst doch etwa nicht, dass ich auf diesen alten Trick herein falle. Du willst doch nur hören, was ich denke, damit du mir vorgaukelst, dass es bei dir dasselbe ist. Aber ich lasse mich nicht von dir veräppeln.«
»Na gut. Ich gebe auf. An was denkst du gerade.«
Sofie verwies ihn wieder auf die Lampe.
»Die vielen Fliegetiere kleben alle wie verrückt an der Lampe und ich weiß einfach nicht, warum sie das machen. Papa, warum fliegen Insekten im Dunkeln immer zum Licht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einer kleinen Fliege, die ein Abenteuer mit dem Licht erlebt hat. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein König im Land der Mitte, der eine große Last mit einem seiner Kollegen hatte. Ständig musste er sein Reich verteidigen, weil seine Nachbarn neidvoll auf die saftigen Weiden und Felder sahen, während es in den anderen Ländern sehr oft trocken im Sommer war.
»Eure Majestät.«, rief ein Minister, während er in den Thronsaal gelaufen kam.
»Kommt erst einmal zur Ruhe, guter Mann. Ihr seid ja völlig aus der Puste. Setzt euch zu mir, atmet ein paar Mal in Ruhe durch und erzählt, was ihr mir für Neuigkeiten zu berichten habt.«
Der Minister tat, wie ihm befohlen wurde. Nachdem es ihm besser ging, holte er eine Schriftrolle hervor, öffnete sie und las vor, was darauf stand.
»Es ist unglaublich. Der König des Westlandes plant einen neuen Krieg gegen uns. Er will uns mit seiner Armee überrennen und alles an sich nehmen was euch gehört. Unsere Spione haben mich darüber informiert. Wir haben nicht mehr viel Zeit, angemessen darauf zu reagieren und uns zu verteidigen.«
Der König setzte eine ernste Miene auf und dachte nach. Er wusste nur zu genau, dass seine Untergebenen eine Entscheidungen erwarteten. Den Krieg durften sie auf keinen Fall verlieren, denn dann würde hier bald ein neuer Mann herrschen und das Volk unterdrücken. Niemandem würde es mehr gut gehen.
»Macht die Truppen bereit.«, entschied er schließlich.
»Die Soldaten sollen sich aber zurück halten. Es soll niemand unnötig zu Schaden kommen, egal auf welcher Seite. Mir wäre es lieber, wenn wir eine friedliche Lösung finden könnten.«

Zur gleichen Zeit saß der König des Westlandes in seinem eigenen Schloss und sprach mit seinen Beratern.
»Und ihr wisst ganz genau, dass unsere Gegner noch nicht auf einen Angriff vorbereitet sind? Wir werden siegreich aus der Schlacht hervor gehen?«
»Nur, wenn wir bis spätestens in drei Tagen die Truppen in den Krieg schicken, eure Majestät.«
Der König des Westlandes rieb sich die Hände. Er sah es schon vor sich. Er würde bald über zwei Länder herrschen können. Sein Reichtum würde ins Unermessliche steigen. Dennoch hatte er Bedenken, dass seine Berater falsche Informationen bekommen haben könnten.
»Aber wie wollt ihr sicher sein, dass ihr Recht habt. Wie kommt ihr an eure Informationen. Ich dachte, die Grenze könne niemand übertreten. Wie schaffen es dann eure Spione?«
Einer der Berater begann zu grinsen und holte er kleines Kästchen hervor. Als er es öffnete, flog eine kleine Fliege daraus hervor.
»Dies hier ist unser Spion. Diese kleine Fliege hört und sieht alles. Sie selber wiederum ist so unauffällig, dass niemand darauf kommen würde, sie zu verdächtigen.«
Der König nickte anerkennend. Auf so eine brillante Idee wäre er nie gekommen.
»Jeden Abend fliegt sie hin und her. Eine Laterne weißt ihr dabei den Weg. Sie ist darauf dressiert worden, dem Lichterschein zu folgen.«

Im Königreich der Mitte machten sich die Menschen große Sorgen. Sie hatten große Angst vor dem Krieg, denn die Soldaten waren noch lange nicht auf ihren Positionen verteilt.
Der König saß mit seinen Ministern zusammen. Sie überlegten, wie sie einen Angriff abwehren sollten. Ideen hatten sie aber nicht sehr viele.
Einer der Minister war nicht sehr aufmerksam. Er war noch jung und hatte keine eigenen Einfälle mitbringen können. Er saß einfach nur am Tisch und beobachtete seine Kollegen, um von ihnen zu lernen.
Nach einer Weile fiel ihm etwas Seltsames auf. Im Raum befand sich eine kleine Fliege. Jedes Mal, wenn jemand etwas sagte, flog sie zu dieser Person und setzte sich davor auf den Tisch. Es schien, als würde sie allen hier zuhören.
Der junge Minister dachte eine Weile darüber nach, wusste aber nicht, was er davon halten sollte. Als es dann langsam dunkel wurde, zog er einen Kerzenständer zu sich und entzündete das Licht.
Die Fliege sah das Licht und flog sofort darauf zu. Sie setzte sich vor den jungen Mann und flüsterte ihm zu, was sie noch vor ein paar Minuten gehört hatte.
Der Minister war schockiert. Er hatte soeben einen Spion entdeckt.
»Eure Majestät, ich habe euch etwas Schreckliches mitzuteilen.«
Es wurde still im Raum. Alle hörten ihm zu. Ein paar Sekunden später wurden sie alle bleich. Nur der König blieb ruhig.
Er stand auf, ging um den Tisch herum, nahm die kleine Fliege vorsichtig auf einen Finger und setzte sich gemütlich mit ihr vor das Fenster. Er flüsterte ihr etwas zu und entließ sie dann in die Freiheit.
»Aber eure Majestät, sie wird jetzt sofort nach Hause fliegen und alle unsere Geheimnisse verraten. Wir sind verloren.«
Der König winkte ab.
»Macht euch keine Sorgen. Es wird keinen Krieg geben. Die Truppen des Westlandes werden noch heute Nacht abgezogen. Ihr könnt also in Ruhe in eure Betten gehen und schlafen.«
Niemand wusste, was er damit meinte, aber sie gehorchten ihm trotzdem.

Während die kleine Fliege in den Westen flog wiederholte sie noch einmal ganz genau, was ihr der König aufgetragen hatte. Er hatte ihr erklärt, wie sinnlos Kriege seien und es dabei nie einen Gewinner gab. Es würden Menschen sterben und viel Unheil über beide Länder kommen. Daher gab es nur eine ordentliche Lösung für das Problem.
Kurze Zeit später landete sie in ihrer Heimat auf einem Fensterbrett. Die Berater und der König des Westlandes warteten schon gespannt auf ihren kleinen Spion. Allerdings waren sie völlig überrascht, was sie nun zu hören bekamen.
»Der König des Landes der Mitte lässt euch grüßen, eure Majestät. Er möchte nur ungern gegen euch Krieg führen, denn es wird nur das Volk darunter zu leiden haben. Er macht euch dafür einen Vorschlag. Er möchte mit euch Handel treiben und euch so alles für euer eigenes Volk zukommen lassen, was es braucht.«
Der König war so überrascht, dass er sofort auf diesen Vorschlag einging und die kleine Fliege mit dieser Neuigkeit zurück in das Land der Mitte schickte.
Schon bald kehrte Frieden zwischen allen Ländern ein und die verschiedenen Könige taten nur noch das Beste für ihre Völker.

»Das war aber eine wirklich schöne Geschichte.«
Sofie war zufrieden und gähnte einmal ganz laut. Papa nahm sie hoch auf seine Arme und brachte sie ins Bett. Doch als er sie zudeckte hörte er noch ein paar letzte Worte von seiner kleinen Tochter, bevor sie endgültig einschlief.
»Aber trotzdem glaube ich dir kein Wort davon.«

(c) 2008, Marco Wittler

092. Die sprechende Fliege (Tommis Tagebuch 3)

Die sprechende Fliege

Hallo liebes Tagebuch, ich bin es wieder, der Tommi.

Gestern war ein ganz toller Tag. Im Moment findet nämlich eine große Fußballmeisterschaft statt. Unsere Nationalmannschaft nimmt daran teil und tritt gegen andere Länder an. In diesem Jahr darf ich das erste Mal mit Papa zusammen alle Spiele im Fernsehen anschauen.
Gestern ging es los. Das erste Spiel stand an. Die zwei Mannschaften kamen auf den Rasen. Damit sich die Spieler in den großen Stadien nicht verlaufen, werden sie jedes Mal von Kindern an die Hand genommen und an ihre Plätze geführt. Das wäre ja auch schlimm, wenn der Anpfiff verschoben werden müsste, nur weil einer den Weg nicht gefunden hat.
So ein Stadion ist unglaublich riesig. Da passen bestimmt eine Million Menschen rein. Und alle zusammen singen noch Lieder, bevor es dann richtig los geht. Das ist wie beim Lagerfeuer, nur sehr viel größer.
Nach dem Singen ging das erste Spiel los. Hin und her wurde der Ball geschossen. Beide Mannschaften waren gut, aber unsere war besser. Sie gewannen das Spiel mit drei zu zwei Toren. Papa und ich jubelten mindestens so laut wie die Leute im Fernsehen. Dazu habe ich auch immer wieder mit meinem Fähnchen gewedelt. Wir hatten unheimlich viel Spaß.
Und dann kam meine Schwester Nina ins Wohnzimmer.
Sie rümpfte die Nase, drehte sich um und verschwand gleich wieder nach oben in ihr Zimmer.
»Wie kann man nur Fußball schauen. Das ist doch so langweilig.«, war alles, was ich noch hören konnte.
»Selber langweilig!«, rief ich ihr hinterher.
Papa und mir war ihre Meinung völlig egal. Wir freuten uns schon auf das nächste Spiel, das in ein paar Minuten beginnen sollte.

Das Ergebnis des zweiten Spiels bekam ich gar nicht mehr mit. Ich war irgendwann in der Halbzeitpause eingeschlafen.
Als ich wieder wach wurde, war es Nacht und ich lag in meinem Bett. Papa hatte mich wohl vorsichtig nach oben in mein Zimmer getragen. Ich habe halt des besten Papa der Welt.
Ich wollte mich gerade wieder umdrehen und weiter schlafen, da wurde ich von einem summenden Geräusch gestört. Ich schaltete das Licht an, sah mich um und entdeckte eine Fliege, die im Kreis um die Deckenlampe flog.
»Dich krieg ich.«, schwor ich dem Quälgeist.
Ich ging zum Schreibtisch, schnappte mir meine Fliegenklatsche und wedelte wild in der Luft herum. Aber ganz so einfach war das Tierchen nicht zu erwischen.
Und dann erschrak ich, denn es geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hatte. Die Fliege sprach mit mir.
»Hey, du kannst mich doch nicht einfach erschlagen. Ich bin doch nur eine kleine wehrlose Fliege und du ein großer und gemeiner Junge. Lass mich bitte in Ruhe.
Ich war erstarrt und wusste nicht, was ich jetzt machen sollte. Ich war mir ziemlich sicher, dass Fliegen nicht sprechen können. Sie sind ja schließlich keine Menschen.
Wieder holte ich mit meiner Waffe aus. Abermals hörte ich diese Stimme.
»Leg bloß das Ding aus der Hand. Du könntest damit jemanden ernsthaft verletzen. Und ich muss dich ja nicht extra darauf hinweisen, dass ich das wohl sein werde.«
Ich wollte nichts mehr davon hören.
»Du bist eine Fliege.«, antwortete ich. »Du kannst nicht sprechen, sie das doch ein und halt den Mund.«
Ein weiteres Mal schlug ich zu, hatte aber wieder kein Glück.
»Wenn du mich erschlägst, wird es dir bestimmt Leid tun. Denn dann wird dir etwas Schreckliches passieren.«
Ich hielt mitten im nächsten Schlag inne. Ich wollte der Fliege nicht glauben, aber Angst machte mir das dann doch. Ich ließ die Fliegenklatsche fallen und rannte aus meinem Zimmer.
Papa war noch wach, denn ich konnte den Fernseher hören. Also lief ich zu ihm und erzählte ihm alles, was ich gerade erlebt hatte.
Papa zog die Stirn in Falten.
»Also eigentlich gibt es ja keine sprechenden Fliegen. Aber wenn du davon überzeugt bist, will ich lieber noch einmal nachschauen. Es kann ja auch sein, dass ich mich täusche.«
Wir gingen gemeinsam zurück nach oben und betraten langsam mein Zimmer.
Die Fliege flog noch immer im Kreis. Doch egal, was wir taten, sie blieb diesmal stumm.
Papa griff plötzlich schnell mit der Hand in die Luft. Er hatte sie gefangen.
»Siehst du, so einfach ist das. Dafür braucht man keine Fliegenklatsche.«
Er ging zum Fenster und lies die Fliege frei.
Doch in diesem Moment musste er schmunzeln.
»Ich glaube, ich weiß jetzt, wie die Fliege sprechen konnte.«
Er zog an einem Kabel. Auf der einen Seite kam ein kleiner Lautsprecher ans Licht. Auf der anderen Seite führte es an der Wand entlang, unter der Tür durch, bis in Ninas Zimmer. Wir gingen rein und erwischten meine Schwester mit einem Mikrofon in der Hand.
»Guten Abend, mein Fräulein. Solltest du nicht auch schon längst schlafen, anstatt deinen Bruder zu ärgern?«
Sie lief ganz rot im Gesicht an und ging ärgerlich ins Bett.
»Das sollte doch nur die Rache für den blöden Spruch vorhin sein.«
Papa stellte sich zwischen uns und glättete die Wogen, wie er so gerne sagt. Dann wünschte er uns noch eine gute Nacht und schickte uns beide zum Schlafen.

Jetzt bin ich wirklich richtig froh, dass ich recht hatte und Fliegen in Wirklichkeit nicht sprechen können. So oft, wie diese kleinen Tierchen in meinem Zimmer herum schwirren, hätte ich nachts bestimmt kein Auge mehr zu machen können.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

002. Das Märchen von den Froschzahnschmerzen

Das Märchen von den Froschzahnschmerzen

 

Es war ein schöner, sonniger Tag. Es war keine Wolke am Himmel zu sehen, die Vögel zwitscherten und die Blumen blühten in allen Farben.
An diesem Nachmittag war die kleine Fliege unterwegs zu ihrer Oma. Sie summte ein kleines Liedchen und flog eine Kurve nach der anderen.
Nach einer Weile wurden ihre kleinen Flügelchen müde. Am Ufer eines Teichs wollte sie eine kurze Pause machen und setzte zur Landung an.
Doch dann bekam sie einen riesigen Schrecken, denn mitten im Wasser saß ein Frosch. Die Angst war so groß, dass die kleine Fliege vergaß, sich zu retten. Und schon saß sie direkt neben dem grünen Fliegenfresser.
»Bitte verschling mich nicht. Ich mache nicht einmal richtig satt, so klein bin ich.«, bettelte sie.
Der Frosch blieb still sitzen und bewegte sich nicht.
»Willst du mich denn gar nicht Fressen? Du bist doch ein Frosch. Stimmt da etwas nicht mit dir?«
Der Frosch atmete schwer ein und seufzte.
»Ich habe Froschzahnschmerzen. Da tut unheimlich weh.«
Nun viel es der Fliege auf, dass sich der Frosch die Wange hielt.
»Ich habe eine Idee.«, sagte sie.
»Ich werde mich sofort auf den Weg machen und für dich ein Heilmittel suchen. Du musst einfach nur hier auf mich warten.«
Sie schlug kräftig mit den Flügeln und sauste davon.
Der kleine Frosch sah ihr verzweifelt nach und hoffte, dass er bald von den schlimmen Schmerzen erlöst würde.
Ein paar Minuten später war ein Geräusch zu hören. Es klang wie ein gespanntes Gummiband. Ein paar Augenblicke landete ein Grashüpfer am Ufer.
»Hallo, kleiner grüner Freund.«, rief dieser voller Lebenslust.
»Was sitzt du so gelangweilt im Wasser? Erfreue dich des Lebens und springe durch die Gegend. Denn es ist Sommer. Das ist die schönste Zeit des Jahres.«
Der kleine Frosch seufzte und zeigte mich den Fingern auf seine gerötete Wange.
Der Grashüpfer kam näher und sah in den Mund des Frosches.
»Du meine Güte. Der Zahn sieht ja gar nicht gut aus. Du musst ja unglaubliche Schmerzen haben.«
Ein Nicken bestätigte diese Vermutung.
»Aber ich glaube, ich weiß da ein gutes Rezept. Damit wird es dir sofort besser gehen. Erfreue dich einfach des Lebens und hüpfe wild herum. Du wirst sehen, deine Schmerzen werden verschwunden sein, bevor du bis drei zählen kannst. Mach es mir einfach nach.«
Und schon sauste der Grashüpfer mit riesigen Sprüngen davon. Der kleine Frosch sah sich verzweifelt um. Sollte er es wirklich probieren?
Zaghaft machte er einen kleinen Hüpfer, dann einen weiteren. Er zählte sogar bis drei. Besser wurde es aber nicht. Die Schmerzen wurde sogar noch schlimmer.
»Autsch!«, rief er laut.
»Wer schreit denn da? So eine Unverschämtheit. Ich halte gerade meinen Mittagsschlaf.«
Eine fremde Stimme ertönte aus dem hohen Gras.
»Entschuldigung.«, sagte der Frosch klein laut.
Es raschelte, die Grashalme bogen sich zur Seite und eine große alte Schildkröte kam zum Vorschein.
»Was ist denn los, dass du so laut schreist?«
Der kleine Frosch seufzte und zeigte auf seine Wange.
»Ich habe Froschzahnschmerzen. Das tut wahnsinnig weh. Ich weiß nicht, was ich dagegen machen kann.«
Die Schildkröte war alt und weise und wusste sofort, was zu tun war.
»Du musst dir einen Tee aus Löwenzahnblättern kochen. Das stärkt deine Zähne und sie werden nie wieder schmerzen.«
Dann drehte sie sich herum und verschwand wieder hinter den hohen Gräsern.
»Und bitte schreie nicht wieder so laut. Ich würde gerne noch ein wenig schlafen.«
Sofort riss der Frosch ein großes Stück aus einem Löwenzahnblatt heraus. Er kochte es in heißem Wasser und trank sich den entstandenen Tee. Aber die Schmerzen blieben. Er versuchte sogar auf dem Blatt zu kauen. Doch das war nicht viel besser. Er begann wieder zu wimmern und weinen.
In diesem Moment pfiff ein kalter Windhauch über den Teich.
»Was ist mit dir los?«, flüsterte dieser.
»Ach, lieber Wind, ich leide unter entsetzlichen Froschzahnschmerzen. Ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll.«
»Ich werde ihn fort blasen.«, entschied der Wind.
»Denn es gibt nichts, was ich nicht hinweg fegen könnte.«
Er brauste auf, wurde größer und stärker. Er entwickelte sich zu einem Wirbelsturm und raste nun um den kleinen Frosch herum. Das Wasser des Teichs spritze wild. Die Grashalme rissen aus dem Boden und flogen davon. Bis der Wind wieder ruhiger wurde.
»Die Schmerzen sind immer noch da.«, sagte der Frosch traurig.
»Es hat nichts genutzt.«
Der Wind entschuldigte sich, dass seine Idee nicht funktioniert hatte und sauste leise davon.
Auf einmal summte etwas in der Luft. Es schien aus mehreren Richtungen zu kommen. Es war aber nichts zu sehen. Plötzlich sauste eine alte Fliege im Sturzflug heran und erschreckte den Frosch mit einem lauten Buh.
Der kleine Frosch erschreckte sich, riss den Mund auf und schrie. Da kam die kleine Fliege von hinten, landete auf seiner Zunge und riss mit ihren Ärmchen den kranken Zahn heraus.
»Huch, was war denn das?«, fragte der Frosch erstaunt.
Die kleine Fliege zeigte stolz den Zahn vor.
»Das war die Idee meiner Oma. Jetzt werden die Schmerzen ganz schnell verschwunden sein.«
Und sie hatte tatsächlich Recht. Die Wange schwoll ab und es tat nicht mehr so sehr weh.
Da freute sich der kleine Frosch sehr und drückte die kleine Fliege vorsichtig an sich. Er war ihr so dankbar, dass er versprach, nie wieder eine Fliege zu fressen.
So wurden die beiden dicke Freunde.

(c) 2009, Marco Wittler

02 Das Märchen von den Froschzahnschmerzen