572. Einen Freund zu Weihnachten

Einen Freund zu Weihnachten

Niklas stand am Fenster und sah nach draußen. Vom Himmel fielen unzählige Schneeflocken herab und tanzten wie wild durch die Luft. Endlich war der Winter gekommen. Endlich wurde die Erde weiß. Schon in wenigen Stunden würde man mit dem Schlitten die Hügel herab fahren können. Und trotzdem freute sich Niklas nicht über das Wetter.
Er ging zurück an seinen Schreibtisch und sah betrübt auf seinen Wunschzettel hinab, den er noch immer nicht geschrieben hatte. Er wusste einfach nicht, was er sich wünschen sollte.
Spielzeuge besaß er in großer Zahl. Alle Regale und Schränke waren damit vollgestopft. Bücher stapelten sich in jeder Ecke. Eigentlich hätte Niklas wunschlos glücklich sein sollen. Und doch fehlte ihm etwas ganz Wichtiges. Er hatte keine Freunde, nicht einen einzigen. Stattdessen wurde er in der Schule jeden Tag von den anderen Kindern geärgert. Einfach nur, weil er anders war, weil er von Geburt an ein krummes Bein besaß, mit dem er nicht richtig laufen konnte.
Niklas setzte sich auf seinen Stuhl und nahm seinen Stift zur Hand. Dann begann er zu schreiben.
‚Lieber Weihnachtsmann. In diesem Jahr habe ich nur einen einzigen Wunsch, der aber der größte meines Lebens ist. Ich wünsche mir einen Freund. Dein Niklas.‘
Dann faltete er den Brief zusammen, steckte ihn in einen Umschlag, brachte ihn kurz darauf nach draußen und warf ihn in den Postkasten.

Ein paar Tage später war der Christbaum reichlich geschmückt, überall im Haus duftete es lecker und ein Berg an Geschenken lag im Wohnzimmer. Das Weihnachtsfest hatte begonnen.
Freuen konnte sich Niklas aber nicht. Einen Freund konnte man nicht einpacken und sonst war auch keiner weit und breit zu sehen.
Der Tag zog sich hin. Niklas Geschenke blieben unausgepackt. Ihm fehlte einfach die Lust.
»Magst du wenigstens einen Spaziergang an der frischen Luft machen? Vielleicht kommst du dann auf bessere Gedanken.«, schlug Mama vor.
»Ist in Ordnung.«, willigte Niklas ein. »Helfen wird das aber auch nicht. Denn der Weihnachtsmann hat mich vergessen. Er hat mir meinen Wunsch nicht erfüllt.«
Sie zogen sich ihre dicken Winterjacken und Stiefel an. Dann ging die ganze Familie nach draußen in den Schnee.
Sie waren noch nicht lange gegangen, da kam ihnen eine zweite Familie entgegen. Auch sie machten einen Spaziergang. Und – Niklas musste mehrmals hinschauen – eines der Kinder, ein Mädchen, humpelte durch den tiefen Schnee. Es fiel ihr nicht leicht, vorwärts zu kommen, aber trotzdem wehrte sie immer wieder die helfende Hand ihrer Mutter ab.
»Du musst mir nicht helfen. Ich bin schon groß und schaffe das alleine.«
Dann begann sie zu grinsen, formte sich einen dicken Schneeball und bewarf damit ihren großen Bruder.
Als sie Niklas erblickte, blieb sie stehen und staunte. Es gab hier in der Stadt, in ihrer Straße tatsächlich einen Jungen, dem es so ging wie ihr. Ein Junge, der humpelte. Sie lächelte und Niklas lächelte zurück.
Langsam gingen sie aufeinander zu.
»Hi, ich bin Sofie.«, sagte das Mädchen und hielt Niklas die Hand hin.
»Ich bin Niklas.«, antwortete er, ergriff die Hand und schüttelte sie. Seine Freunde war riesig. Der Weihnachtsmann hatte seinen Brief wohl doch gelesen und seinen Wunsch auf eine ganz besondere Art und Weise erfüllt.
Niklas und Sofie wurden dicke Freunde. Von nun an konnte sie nichts mehr trennen. Und da sie schon bald auf die gleiche Schule gingen, traute sich niemand mehr, die beiden zu ärgern, denn gemeinsam waren sie stark und konnten sich wehren.

(c) 2016, Marco Wittler

448. Mein neuer Freund (Hallo Oma Fanny 21)

Mein neuer Freund

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Heute möchte ich dir von einem Jungen berichten, der neu in meiner Schulklasse ist. Sein Name ist Fabio und kann nicht gut hören. Deswegen trägt er in jedem Ohr ein Hörgerät. Unsere Lehrerin benutzt ein Funkgerät, damit er alles richtig versteht.
Die anderen Kinder ärgern Fabio deswegen immer und beleidigen ihn ständig. Aber ich finde ihn nett und habe mich deswegen auch neben ihn gesetzt. Seitdem machen wir viele lustige Sachen und noch mehr Blödsinn. Wir sind ganz schnell dicke Freunde geworden, was die anderen nur komisch fanden.
Heute haben wir dann ein lustiges Spiel in der Schule gespielt. Es war eine Mischung aus Fangen und Verstecken. Wir wurden in mehrere Gruppen aufgeteilt. Fabio und ich wurden ein Team. Es wollte niemand anderes mit ihm zusammen spielen. Und das war dann auch unser großer Vorteil.
Fabio gab mir sein kleines Funkgerät. Dadurch konnten wir uns ganz weit voneinander getrennt verstecken. Übe Funk hab ich ihm dann alles sagen können, ohne dass irgendwer etwas davon mitbekommen hat.
Mit diesem coolen Trick haben wir jede Runde gewonnen und alle anderen Kinder gefunden und gefangen.
Und nun will jeder aus meiner Klasse beim nächsten Mal mit Fabio spielen.
Aber wir sind jetzt so dicke Freunde, dass wir uns beim Spielen auf keinen Fall mehr trennen wollen.
Trotzdem ist es schön, dass nun auch alle anderen Schüler mit Fabio befreundet sein wollen.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich er jetzt ist. Und freue mich mit ihm.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

359. Was ich mir zu Weihnachten wünsche

Was ich mir zu Weihnachten wünsche

Der kleine Theodor saß mit seinen Brüdern und Schwestern um einen kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik herum. Sie sprachen über ihre Wünsche zum Fest der Feste. Jeder von ihnen hatte etwas Anderes im Kopf.
»Ich will eine Spielzeugeisenbahn.«, sagte Emil.
»Ich möchte ein eigenes Pony haben.«, träumte Lilo.
Und der kleine Theodor hatte einen ganz besonderen Wunsch.
»Ich möchte einfach nur einen richtig guten Freund bekommen.«
Seine Geschwister belächelten ihn dafür. So etwas konnte man sich doch nicht wünschen. Zu Weihnachten gab es doch viel Schönere Sachen.
»Je teurer, desto besser.«, sagte Fritz mehrfach am Tag.
»Freunde bekommt man bestimmt auch so. Die kosten ja nichts.«
Aber Theodor hatte keinen einzigen Freund, der immer für ihn da war. Also blieb er bei seinem Wunsch.

Die Stunden vergingen. Es wurde langsam Abend. Schon bald würden überall die Weihnachtsfeiern in den Familien beginnen. Theodor saß noch immer vor dem kleinen Baum und war guter Hoffnung, als er plötzlich von zwei großen Händen ergriffen wurde. Sie stopften in einen großen Karton, der auch noch verschlossen wurde.
Nun konnte er nichts mehr sehen und nichts mehr hören.
»Hallo?«, fragte er vorsichtig, um die Angst mit seiner eigenen Stimme zu vertreiben.
Es geschah aber nichts.
Erst nach ein paar Stunden tat sich wieder etwas. Der Karton wurde hin und her geschüttelt. Theodor musste aufpassen, dass er sich nicht den Kopf stieß. Mit einem Mal kam Licht ins Dunkel und erneut wurde er von Händen ergriffen, die ein ganzes Stück kleiner waren.
»Teddy!«, rief eine begeisterte Kinderstimme und drückte Theodor glücklich an sich.
Der kleine Teddy Theodor wusste er gar nicht, wie ihm geschah. Doch dann hörte er eine Frage, die ihm das Herz erwärmte.
»Freunde?«, fragte das kleine Kind und Theodor nickte glücklich.

(c) 2010, Marco Wittler

319. Ein kranker Fußballer

Ein kranker Fußballer

Draußen schien die warme Sonne. Durch das geöffnete Fenster waren die Stimmen spielender Kinder zu hören. Sie spielten Fußball, feuerten sich gegenseitig am und kickten das Runde Leder von einem Tor zum anderen.
In einem großen, gemütlichen Sessel saß Alex. Gerade heute ging es ihm gar nicht gut. Schon lange war er sehr krank. Aber trotzdem war er ein Teil des Teams.
Immer wieder richtete er sich auf und warf neugierige Blicke auf das Spielfeld. Jedes Mal, wenn er auf einen Torschuss hoffte, stemmte er sich mit aller Kraft hoch und sah nach draußen.
»Los, nun macht schon endlich.«, rief er mit schwacher Stimme.
»Oder muss ich erst selbst runter kommen und den Punkt holen?«
Er musste lachen, während ihm ein paar Jungs aus seiner Mannschaft winkten.
In diesem Moment kam Mama herein. Sofort erkannte sie, was ihr Sohn gerade tat. Sie setzte sich auf die Sessellehne und sah hinaus.
»Und? Wie steht das Spiel? Schaffen die das überhaupt ohne dich?«
Alex schüttelte den Kopf.
»Die vermissen mich einfach viel zu sehr.«
Er begann zu lachen und musste sich gleich den Bauch halten. Erst vor Vergnügen und dann wegen seiner Schmerzen.
»Tut es wieder weh?«, fragte Mama.
Alex nickte. Ein paar Sekunden später wurde es aber schon wieder etwas besser.
Mama strich ihm übers Haar.
»Ruh dich aus, mein Schatz.«

Eine Stunde später war das Spiel vorbei. Alex hatte sich wieder ins Bett gelegt und spielte mit seinem kleinen Nintendo. Und was flackerte über den kleinen Monitor? Natürlich ein Fußballspiel.
Da klopfte es.
»Herein.«, sagte Alex schwach und legte sein Spiel zur Seite.
Die Tür öffnete sich und elf schüchtern wirkende Jungs in seinem Alter kamen herein.
Jeder von ihnen wünschte gute Besserung. Sie alle hofften, dass Alex bald wieder gesund werden würde.
»Wann kannst du denn endlich wieder bei uns mitspielen?«, fragte Nils.
»Ich bin lange nicht so gut, wie du. Du musst unbedingt wieder deine Position einnehmen. Ich bin auf der Ersatzbank besser aufgehoben.«
Alle mussten lachen.
Doch dann wurde Alex ernst. Er bat seine Freunde, sich zu ihm auf das Bett zu setzen.
»Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder mit euch zusammen auf dem Feld stehen und dem Ball nachlaufen kann.«
Die Jungs ließen ihren Blick sinken.
Alex grinste.
»Aber ich bin trotzdem bei euch. Ich werde mir jedes Spiel anschauen und euch anfeuern. Und wenn ihr auf dem Rasen an mich denkt, werde ich immer bei euch sein und euch zum Sieg verhelfen.«
Freudiger Jubel war im Zimmer zu hören und Alex wurde von der gesamten Fußballmannschaft gedrückt.

(c) 2010, Marco Wittler

264. Marcos Geburtstag

Marcos Geburtstag

Das Haus war von oben bis unten feierlich geschmückt. Überall hingen Luftschlangen, Ballons und mehr. An der Haustür prangte eine große Sechs.
»Du meinte Güte.«, sagte Mama erstaunt.
»Du wirst heute schon sechs Jahre alt. Wie schnell die Zeit vergeht.«
Marco verdrehte die Augen.
»Das hast du doch schon ein paar Mal seit heute Morgen erzählt.«
Aber Mama hörte gar nicht hin.
»Dabei ist es doch noch gar nicht so lange her, dass du als kleines Baby in meinem Arm gelegen hast.«
Sie seufzte und räumte den Tisch ab.
Marco stand von seinem Stuhl auf und flitzte ins Kinderzimmer. Er warf noch einmal einen prüfenden Blick in die Runde, ob alles an seinem Platz war.
Die Gegenstände, mit denen er heute spielen wollte, standen griffbereit in den Ecken. Alles was kaputt gehen konnte, hatte er schon vor mehreren Tagen in seinen Schränken und Schubladen versteckt.
»Jetzt können meine Freunde kommen.«, rief er laut.
»Aber wir haben doch noch zwei Stunden Zeit.«, antwortete Mama aus der Küche.

Die Zeit wollte fast gar nicht mehr vergehen. Marco saß ununterbrochen hinter seinem Fenster und beobachtete die Straße vor dem Haus, bis endlich sein erster Gast erschien.
»Da kommt Hendrik. Ich mach die Tür auf.«
In den nächsten Minuten waren alle Kinder eingetroffen. Sieben waren es und sie hatten alle kleine Geschenke mitgebracht.
Marco konnte es kaum erwarten, sie alle auszupacken. Das Geschenkpapier flog im hohen Bogen durch die Luft. Zum Vorschein kamen ein knallrotes Feuerwehrauto, die neuesten Fußballkarten, ein kleines Schiffchen mit einer Fahne aus einem fremden Land, Bauklötze für ein Raumschiff, coole Aufnäher für seinen neuen Schulranzen, ein paar Spielzeugautos und eine Packung Käse.
»Wer schenkt dir denn Käse?«, fragte Mama verwirrt.
Aber Marco jubelte.
»Juhu, genau das habe ich mir gewünscht. Ich hätte nicht gedacht, dass Martin das wirklich macht.«
Die Kinder setzten sich an den großen Tisch im Wohnzimmer und machten sich über einen riesigen Kuchenberg her. Es gab welchen mit Äpfeln und Schokolade und Marzipan. Für jeden war etwas dabei.
»Zu schade, dass wir heute nicht draußen spielen können.«, sagte Stefan.
Alle Kinder nickten, stimmten zu und sahen nach draußen. Es regnete gerade in Strömen.
»Das macht aber nichts.«, versprach Marco.
»Wir können hier drin auch ganz viele Spiele machen.«
Und so geschah es dann auch. Die Gruppe vergnügte sich beim Topf schlagen und Blinde Kuh. Auf dem Teppich wurden wilde Autorennen veranstaltet und Marcos Opa schüttete Wasser in eine Zeitung, ohne dass es unten wieder heraus kam.
»Opa ist nämlich ein wirklich echter Zauberer, müsst ihr wissen.«
Die Geburtstagsfeier machte so viel Spaß, dass die Zeit sehr schnell vorbei ging und irgendwann das Abendessen auf dem Tisch stand. Es gab Knackwürstchen und Pommes.
Während die Jungen ihren Hunger erfolgreich bekämpften, war aus dem Zimmer plötzlich ein kurzes Knacken zu hören.
»Oh, oh.«
Das war die Stimme von Marcos kleiner Schwester.
Schnell standen die Jungen auf und liefen dem Geräusch nach. Ein paar Sekunden später sahen sie ein kleines Mädchen, gerade vier Jahre alt, mit einem knallroten Feuerwehrauto in der einen und einer Feuerwehrleiter in der anderen Hand.
»Du hast es kaputt gemacht.«, rief Marco entsetzt.
»Das war doch ein Geburtstagsgeschenk für mich.«
Er wusste nicht, was er machen sollte. Nur zu gern würde er seine Schwester anschreien und mit ihr schimpfen. Doch das hätte Ärger mit Mama gegeben.
Gern hätte er auch einfach nur geweint, doch das wollte er auf keinen Fall vor seinen Freunden machen. Das war ihm viel zu peinlich.
»Ich hab da eine geniale Idee.«, sagte plötzlich Martin in die Stille hinein.
Er kniete sich auf den Boden und nahm sich das kaputte Feuerwehrauto. Er fummelte ein wenig daran herum, kramte noch einen alten Anhänger aus einer Spielzeugkiste und hängte diesen schließlich an die Stelle, an der die Leiter sitzen sollte.
»Du hast doch vor ein paar Wochen deinen schönsten Laster auf dem Spielplatz verloren. Jetzt hast du einen neuen. Sowas hat sonst keiner.«
Marcos Augen wurden groß und größer. Das war wirklich ein prima Einfall.
Schon war der Ärger verflogen. Er nahm sich sogar vor, seine kleine Schwester zum Dank noch einmal kräftig zu drücken. Aber erst, wenn keiner mehr zuschauen konnte.

(c) 2009, Marco Wittler

251. Gewitter im Wald

Gewitter im Wald

Arne freute sich. Vor ein paar Stunden hatte der Schulwandertag begonnen. Seine ganze Klasse war in den nahen Wald gegangen. Dort zeigte der Lehrer den Kindern die verschiedenen Bäume, Büsche, Kräuter und anderes Grünzeug. Es war unglaublich wie viel verschiedene Pflanzen hier wuchsen.
Zwischendurch betraten sie die eine oder andere Höhle, von denen es in der Umgebung unzählige gab. Es gab Tropfsteine zu sehen, die von oben wuchsen, Tropfsteine, die von unten wuchsen und manche waren sogar so lang, dass sie sich miteinander in der Mitte verbunden hatten.
Auf so viele Dinge wurde geachtet, aber etwas Wichtiges hatte jeder von ihnen vergessen. Niemand hatte einen Blick zum Himmel geworfen.
Plötzlich sauste ein Blitz herab und schlug in einem Baum ein. Es donnerte laut und schon begann ein Platzregen. Es goss wie aus Eimern.
»Schnell Kinder, zurück in die Höhle. Wir müssen uns unterstellen.«, rief der Lehrer.
Die Schüler liefen los. Manche von ihnen qietschten, da die Kleidung schnell nass wurde. Es dauerte aber nicht lange, bis sie alle im Trockenen waren. Doch als der Lehrer durchzählte, fehlten zwei Kinder.

Arne schüttelte sich das Regenwasser aus den Haaren. Dann sah er sich um.
»Das ist ja seltsam, wo sind denn die anderen?«
Es waren keine anderen Kinder zu sehen.
»Verdammt. Ich bin in die falsche Höhle gelaufen.«
In diesem Moment kam ein weiterer Junge herein.
»Nicht nur du. Ich auch.«
Arne drehte sich um und erblickte Andi.
Oh nein. Gerade diese beiden Jungen hatten sich noch nie leiden können. Sie sahen sich böse an und bewarfen sich mit Schimpfwörtern. Das konnte einfach nicht gut ausgehen.

Es donnerte immer wieder. Ständig rasten die Blitze durch den Himmel. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sich das Wetter endlich wieder besserte und der Regen aufhörte.
»Wir müssen ganz schnell schauen, wo die anderen geblieben sind.«, rief der Lehrer.
Ihm folgte die Klasse in einer Zweierreihe, damit nicht noch jemand unterwegs verloren gehen konnte.
»Hoffentlich sind sich die beiden Raufbolde nicht schon längst an die Kehle gegangen.«
Er ahnte Schlimmes.
Es ging nach links und nach rechts. Sie durchsuchten eine Höhle nach der anderen, bis sie schließlich die beiden Jungen fanden.
Sie saßen still an einer der Höhlenwände und hielten sich gegenseitig fest.
»Was ist denn mit euch passiert?«, fragten die anderen Kinder.
»Wir hatten so viel Angst vor dem Gewitter.«, sagte Arne zitternd.
»Und zusammen war es dann nicht mehr ganz so schlimm.«, fügte Andi hinzu.
Von diesem Tag an waren die beiden unzertrennliche Freunde.

(c) 2009, Marco Wittler

144. Die tapfere Schneiderin

Die tapfere Schneiderin

Kathy saß in ihrem großen und gemütlichen Sessel im Wohnzimmer. Hinter ihr knisterte das Feuer im Kamin, vor ihr flimmerte der Fernseher vor sich hin und auf einem kleinen Schränkchen dudelte das Radio.
Auf Kathys Schoß lag ein Büdel bunter Stoffe, die sie nach und nach mit Nadel und Faden zu einem hübschen Kostüm verarbeitete.
»Nächste Woche ist Halloween. Da muss ich doch schön gruselig aussehen.«, sagte sie sich immer wieder, wenn sie keine Lust mehr hatte. Danach sauste die Nadel wieder durch die Stoffe.
Gerade begann im Fernsehen eine Reportage, auf die Kathy schon den ganzen Tag gewartet hatte. Ganz gebannt wechselte nun ihr Blick vom Stoffbündel auf die Mattscheibe und zurück. Es war ein einziges hin und her. Doch dann klingelte es plötzlich an der Tür.
Kathy erschreckte sich, stach mit der Nadel an einem Knopf vorbei und piekte sich in den Zeigefinger.
»Autsch! Das tut aber weh.«
Und schon lief Blut aus der Wunde.
»Da muss schnell ein Pflaster drauf.«
Aber als sie im Flur angekommen war, fiel ihr wieder ein, dass es geklingelt hatte. Sie steckte den Finger in den Mund, damit das Blut nicht den ganzen Fußboden voll tropfen konnte und öffnete die Tür. Draußen stand einer ihrer besten Freunde.
»Hallo Bär, was machst du denn hier? Mit deinem Besuch habe ich heute gar nicht gerechnet.«
Der Bär sah traurig aus.
»Ich habe gerade ein Bild aufhängen wollen. Doch als ich den Nagel in die Wand schlagen wollte, prallte der Hammer gegen mein Auge. Das wird jetzt bestimmt dick und blau.«
Kathy dachte kurz nach und lief dann in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank, holte ein großes rohes Steak hervor und schnappte sich ein Trockentuch, mit dem sie das Stück Fleisch auf das verwundete Auge band.
»Meine Oma hat gesagt, dass das helfen soll.«
Als sie den Magen des Bären grummeln hörte fiel ihr noch etwas anderes ein.
»Es hilft aber nur, wenn man das Fleisch lange genug auf dem Auge ruhen lässt. Also komm gar nicht erst auf die Idee es zu fressen.«
Der Bär nickte, bedankte sich für die Hilfe und ging wieder nach Hause.
Kathy trottete ins Wohnzimmer und ließ sich wieder in ihren Sessel fallen. Als sie das Stoffbündel sah, fiel ihr wieder der blutende Finger ein, den sie während des Sprechens ständig aus dem Mund heraus geholt und anschließend wieder hinein gesteckt hatte.
»Ach du Schreck. Ich bin doch auch noch verletzt. Das habe ich doch glatt vergessen.«
Sie stand wieder auf und ging zum Bad, doch da klingelte es ein weiteres Mal an der Tür.
»Dieses Mal nicht. Jetzt bin ich erst dran.«
Doch es klingelte noch ein Mal. Kathy gab auf und öffnete die Tür. Im Hausflur stand Miez, die kleine flippige Katze.
»Hallo Kathy.«, sagte sie mit großen traurigen Augen.
»Ich war gerade unten im Garten und habe auf dem Klettergerüst herum geturnt. Dann bin ich plötzlich abgerutscht und auf dem Boden gelandet. Und nun tut mir das Bein vorne links so weh. Kannst du mir vielleicht helfen? Ich muss doch nachher zur Oma laufen. Sie hat etwas leckeres zum Abendbrot gemacht.«
Kathy bat die Katze herein und besah sich das schmerzende Bein sehr genau.
»Gebrochen ist es nicht. Du kannst ja schließlich noch laufen. Aber es wird verstaucht sein.«
Kathy lief ins Bad und holte einen Verband. Diesen wickelte sie um das Bein.
»Der wird dich ein wenig stützen. Zumindest kannst du damit etwas schmerzfreier laufen.«
Miez war überglücklich, drückte Kathy an sich und verschwand wieder im Hausflur.
»Ich hoffe, dass ich mich jetzt endlich selber verarzten darf.«
Doch da begann das Telefon im Flur auf und ab zu hüpfen. Jemand rief an.
Kathy verdrehte die Augen und nahm den Hörer ab.
»Hallo, hier ist Kathy, die Ärztin. Wer spricht und was kann ich für sie tun?«
Eine kurze Pause entstand. Dann erst sprach die Anruferin.
»Seit wann bist du denn Ärztin?«, fragte Nellie Grünschnabel.
»Ich dachte, du bist Schneiderin.«
Nellie zuckte mit den Schultern, was Kathy allerdings nicht sehen konnte.
»Ich rufe an, weil ich unbedingt deine Hilfe brauche.«
Kathy wollte Nellie bitten, etwas später anzurufen, kam aber nicht zu Wort.
»Das kann auch nicht aufgeschoben werden. Es ist ganz dringend.«
Ohne Luft zu holen, sprach sie in einem fort.
»Ich stehe gerade in der neuen Boutique in der Stadt. Und du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich hier tolles gefunden habe. Sie verkaufen die neue Handtasche von Ormeni und ich kann mich einfach nicht entscheiden, ob sie mir in rot, weiß oder rosa besser gefällt. Ich bin völlig verzweifelt.«
Kathy konnte es nicht fassen. Konnte Einkaufen wirklich so wichtig sein?
»Kauf die rote Tasche.«, sagte sie verzweifelt und wollte schon auflegen, doch da folgte bereits die nächste Frage.
»Und welche Schuhe passen dazu? Ich habe welche bei Reichmann und bei Beno gesehen. Bitte hilf mir doch.«
Kathy empfahl ihr ein ganz anderes Schuhgeschäft und beendete das Telefonat so freundlich wie es eben ging.
»Mein armer Finger. Ich hoffe, dass ich nicht schon längst verblutet bin.«
Und ein weiteres Mal wurde sie auf dem Weg zum Arzneischränkchen gestört, denn es klingelte ein drittes Mal an der Tür. Der Bär war noch einmal gekommen. Das Steak auf seinem Auge war jetzt nur noch halb so groß.
»Sag bloß, du willst noch ein Steak haben.«
Der Bär schüttelte den Kopf.
»Mir war gar nicht richtig aufgefallen, dass du auch verletzt bist. Ich war viel zu sehr mit meinem Auge beschäftigt. Erst unten auf der Treppe fiel es mir wieder ein. Also bin ich ganz schnell wieder nach oben gelaufen. Unterwegs war ich dann aber so schlapp, dass ich etwas zur Stärkung essen musste. Deswegen ist das Steak fast nicht mehr da.«
Dann holte er ein großes Pflaster hervor und grinste verlegen.
»Das ist für dich.«
Er zog Kathys Finger aus ihrem Mund und klebte das Pflaster auf die Wunde.
»Na los, du dicker Bär, komm schon rein. Du bekommst ein neues Steak von mir. Und diesmal wird es richtig lecker gebraten.«
Kathy freute sich so sehr, dass sich nun endlich jemand um sie gekümmert hatte, dass sie für sich und den Bären ein leckeres Abendessen kochte.

(c) 2008, Marco Wittler

125. Echte Freunde

Echte Freunde

Lukas saß auf dem Spielplatz und sah den anderen Kindern beim Spielen zu. Er selber war vor ein paar Minuten von der Schaukel gefallen und ließ sich nun von seiner Mutter ein dickes Pflaster auf das blutende Knie kleben. Die Tränen waren getrocknet und der große Riss in der Hose war nicht weiter schlimm. Da würde Oma schon einen bunten Flicken aufnähen.
Und nun sah er den anderen Kinder beim Spielen zu. Während die Schmerzen nur langsam nachließen.
»Warum muss das bloß so weh tun? Ich würde so gern wieder auf die Rutsche klettern. Aber ich hab Angst, dass Sand in die Wunde kommt. Das schmerzt dann bestimmt noch mehr.«
Seine Mutter wuschelte ihm durch sein lockiges Haar.
»Das macht doch nichts. Du wartest halt bis Morgen. Dann ist alles wieder in Ordnung. Deine Freunde werden das schon verstehen.«
Lukas nickte. Dann verabschiedete er sich von den anderen Kindern und ging nach Hause. Nun war der Nachmittag nicht mehr ganz so schön. Er saß allein in seinem Zimmer und fand nicht die rechte Lust, mit seinen Bauklötzen zu Spielen. Es fehlten einfach die anderen Jungs. Aber er wollte ihnen auch nicht einfach nur dabei zuschauen, wie sie ohne ihn Spaß hatten.

Am nächsten Morgen waren alle Kinder wieder in der Grundschule. Die erste Stunde hatte noch nicht begonnen. Also sie alle noch ein wenig Zeit, über den gestrigen Tag zu reden. Lukas Freunde hatten nur ein kurzes Hallo gesagt und einen flüchtigen Blick auf das Pflaster geworfen, bevor sie sich in eine andere Ecke des Raumes verzogen.
»Was ist denn mit denen los?«, fragte sich Lukas.
In diesem Moment kam eines der Mädchen auf ihn zu und nahm ihn mit auf den Flur.
»Die mögen dich ganz plötzlich nicht mehr.«, sagte Miriam.
»Sie sind sauer, weil du gestern nicht weiter mit ihnen gespielt hast. Sie fanden das ziemlich unfair, nur weil du ein wenig geblutet hast.«
Miriam war am gestrigen Tag ebenfalls auf dem Spielplatz gewesen und hatte alles genau mitbekommen.
»Den meisten war es ja eigentlich egal. Ein paar fanden es sogar in Ordnung, dass du gegangen bist. Aber dein bester Freund Tom war stinkesauer. Er wollte es einfach nicht verstehen. Deswegen hat er alle anderen auf seine Seite gebracht und nur noch schlecht über dich geredet.«
Lukas wusste gar nicht, was er sagen sollte. Bisher hatte er mit den Mädchen nie viel zu tun gehabt. Meist ärgerte er sie sogar mit seinen Freunden. Und nun stand eine von ihnen auf seiner Seite und erzählte, was die anderen über ihn dachten.
Und nun bekam er kein vernünftiges Wort mehr heraus. Er war schockiert. So eine Gemeinheit hatte er von seinem besten Freund nicht erwartet.
Lukas erinnerte sich in diesem Moment zurück, als er das letzte Mal hingefallen war. Er hatte sich das ganze Knie aufgeschlagen und war nicht sofort nach Hause gelaufen, um die Wunde zu reinigen. Wegen dieser Unachtsamkeit hatte sie sich schließlich entzündet. Er musste damit zum Arzt und sich behandeln lassen.
»Ihr Sohn hatte noch einmal Glück im Unglück. Wären sie später zu mir gekommen, wäre vielleicht eine richtig schlimme Blutvergiftung daraus geworden.«, hatte der Arzt damals gemahnt. Seit diesem Erlebnis hatte sich Lukas geschworen jede Wunde ordentlich verheilen zu lassen, bevor er weiter Spielen ging.
Seinem besten Freund Tom hatte das alles miterlebt. Also wusste er genau, warum Lukas nun Angst bei Verletzungen hatte. Und trotzdem zeigte er nur Unverständnis. Das war mehr als gemein.
»Danke, dass du mir das erzählt hast. Du hast was gut bei mir.« Er drückte Miriam die Hand, bevor er wieder die Klasse betrat.
Alle sahen ihn plötzlich an. Die meisten von ihnen sahen nicht sehr fröhlich aus.
»Na, du kleine Memme.«, sagte auf einmal jemand zu ihm.
»Du Angsthase.«, rief ein anderer.
»Wenn ich die jetzt haue, läufst du dann auch sofort zu Mama?«, ärgerte ihn Tom.
Alle Kinder lachten und klopften Tom auf die Schulter. In ihren Augen war er nun richtig cool. Sie fühlten sich alle im Recht. Tom war der arme Junge, der von seinem besten Freund im Stick gelassen wurde. Und das nur wegen ein paar kleinen Tropfen Blut. Von Lukas Angst wussten hier allerdings nur die Wenigsten. Es war ihnen aber auch egal. Sie hatten dafür jemanden, auf dem sie herum hacken konnten.
Endlich begann die Schulstunde, der Lehrer kam herein und Lukas hatte seine Ruhe. Doch in jeder Pause ging es wieder von vorn los.

Völlig niedergeschlagen kam Lukas mittags nach Hause. Am liebsten hätte er geweint, traute es sich aber nicht. Das hätten die anderen Kinder gleich wieder ausgenutzt, um ihn weiter zu hänseln. Erst als er die Haustür hinter sich verschlossen hatte, warf er seinen Schulranzen in die Ecke, hockte sich in eine dunkle Ecke und ließ die Tränen heraus.
Seine Mutter hatte es natürlich sofort mitbekommen und versuchte ihn zu trösten. Aber die Enttäuschung saß einfach viel zu tief.
»Er war doch immer mein bester Freund und weiß ganz genau, wovor ich Angst habe. Warum macht er das denn bloß? Ich habe ihm doch gar nichts getan.«
Seine Mutter drückte ihn fest an sich.
»Er war halt auch enttäuscht, dass du gegangen bist. Er hatte sich darauf gefreut, mit dir den ganzen Nachmittag zu spielen. Das kann ich schon verstehen. Aber seine fiese Reaktion ist nicht in Ordnung. Dafür kennt ihr euch schon viel zu lange. Vielleicht ist er doch nie dein wirklich bester Freund gewesen, denn beste Freunde hauen sich nicht gegenseitig in die Pfanne.«
Lukas hörte auf zu weinen, wischte sich das Gesicht trocken und hob seinen Ranzen wieder auf.
»Du hast Recht. Ich brauche Tom nicht. Es gibt noch andere Kinder, die meine Freunde sein können. Ich werde schon jemand anderen finden.«
Mit erhobenem Kopf setzte er sich an den Mittagstisch und begann zu essen.

Zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Lukas hörte es zwar, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Das musste der Freund seiner großen Schwester sein, der jeden Tag vorbei kam. Doch dann seine Mutter nach ihm.
»Da stehen drei Mädchen vor der Tür und fragen nach dir.«
Lukas war verwundert. Mädchen? Was konnten die denn wollen? Hatten sie sich in der Adresse geirrt?
Doch dann erkannte er Miriam wieder.
»Hallo Lukas. Hast du Lust mit mir und meinen Freundinnen Lisa und Nina Fahrrad zu fahren?«
Lukas wurde ganz rot im Gesicht und stotterte vor sich hin.
»Aber wie kommt ihr denn darauf, mich dazu einzuladen?«
Nun war es Miriam, die etwas schüchtern reagierte.
»Wir haben mitbekommen, was Tom mit dir gestern auf dem Spielplatz und heute Morgen in der Schule gemacht hat. Das war mehr als gemein. Und da dachten wir, dass wir dich vielleicht aufmuntern könnten. Schließlich ist Tom auch nicht sehr nett zu uns.«
Die vier Kinder schwiegen sich an. Doch dann kam Lukas Mutter aus der Küche.
»Lukas wird gern etwas mit euch unternehmen. Er traut sich nur nicht, es auch zu sagen. Und da ihr ja alle vom gleichen Jungen geärgert werdet, könntet ihr ja auch alle zusammen Freunde werden.«
Sie sprach das aus, was die Kinder dachten. Schon wurde es wieder angenehmer und Lukas holte sein Fahrrad aus dem Schuppen.
»Ich kenne eine ganz tolle Strecke.«, sagte er.
»Die werde ich euch zeigen.«
Und schon flitzten Lukas mit den drei Mädchen davon. Auf ihrem Weg kamen sie am Spielplatz vorbei. Tom stand auf der Rutsche und schimpfte gerade mit einem anderen Kind. Doch als er Lukas mit seinen neuen Freundinnen sah fiel ihm die Kinnlade herunter und er wusste nicht, was er davon halten sollte.

(c) 2008, Marco Wittler

087. Einfach waschbärig

Echt waschbärig

Schäferhund Bodo lag im Hof und knabberte an einem alten Knochen, den er vor ein paar Tagen im Blumenbeet ausgegraben hatte.
»Genau so muss ein Knochen schmecken. Er hat nicht zu lang und nicht zu kurz in der Erde gereift. Welch ein unvergleichliches Aroma.«
Bodo war ein Genießer, wie es keinen zweiten gab. Aber man wollte es ihm nicht so recht glauben, denn er war der Hofhund eines Bauern. Eine lange Kette hing am Hals des Hundes und gestattete ihm, nur einige wenige Ecken des Bauernhofes zu erreichen.
»Dadurch kann er unmöglich Gäste, Besucher und vor allem Briefträger beißen.«, sagte der Bauer immer.
»Wozu soll ich denn überhaupt jemanden beißen?«, fragte Bodo sich dann.
»Gerade der Briefträger läuft den ganzen Tag durch die Stadt, da sind seine Hosen bestimmt ganz dreckig. So ein Hosenbein kann einfach nicht so gut schmecken, wie ein gut gelagerter Knochen, der drei Wochen im Lehmbogen verborgen war. Außerdem reicht doch meine schicke Kette aus, um mich böse genug aussehen zu lassen. Hier wird sich niemals ein Übeltäter herein wagen.«
Bodo war sehr stolz auf sich und seine Aufgabe. Außerdem konnte er sich keine gemütlichere Arbeit vorstellen. Er konnte den ganzen Tag vor seiner Hütte liegen, an alten Knochen knabbern, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und zwischendurch kurz jemanden anknurren, um das Bild des bösen Hofhundes aufrecht zu erhalten. Ein besseres Leben konnte es gar nicht geben.
»Hey, du dickes Sabbertier. Heute schon die scharfen Beißerchen gefletscht oder kaust du nur auf dem stinkenden Knochen rum?«
Der Hund schreckte hoch. Wo war diese Stimme her gekommen? Er hatte nicht bemerkt, dass sich jemand angeschlichen hatte. Sofort ließ er ein lautes Knurren aus seinem Hals erklingen.
»Mal ganz langsam, mein Großer. Schalt wieder einen Gang zurück. Wir wollen doch vermeiden, dass hier Unschuldige verletzt werden.«
Bodos Stimme erstarb. Dafür begann er zu schnüffeln.
»Wie kompliziert ihr Hunde das immer machen müsst. Dreh dich doch einfach mal um und schau auf deine Hütte.«
Der Hund drehte sich, sah nach oben und fand den unverschämten Eindringling tatsächlich auf dem Dach der Hütte. Es handelte sich um einen Waschbären.
»Hallöchen, mein bissiger Freund. Du kannst mir nicht zufällig verraten, wo ich die Mülltonnen oder den Hühnerstall finde? Ich habe etwas Appetit und würde meinen Magen gerne mit ein paar Essensresten oder frischen Eiern verwöhnen.«
Jetzt platzte Bodo der Kragen. Dieser Waschbär wurde richtig unverschämt. So etwas durfte er in seinem Revier nicht dulden.
»Na warte, mein Freundchen. Wenn ich dich erwische.«
Er fletschte die Zähne, knurrte so laut er konnte und sprang auf das Dach seiner Hütte. Der Waschbär hingeben sprang hinab, flitzte einmal quer über den Hof, zeigte eine lange Nase und hielt sich den Bauch vor lachen.
Bodo war erstaunt. Er hatte es sich einfacher vorgestellt. Nun wurde er aber richtig wütend. Er sprang auf den Boden zurück und raste in wildem Galopp auf dieses unverschämte Tier zu. Es fehlten nur noch wenige Meter, bis er zubeißen konnte.
Doch dann fuhr ein kräftiger Ruck durch seinen Körper und er fiel schlagartig zu Boden. Es hatten tatsächlich nur noch wenige Zentimeter gefehlt. Aber die Kette war einfach zu kurz.
»Tja, so ist das, wenn man an der Kette hängt. Auch wenn sie noch so lang ist, meist ist sie kürzer als es einem lieb ist.«
Der Waschbär tippte dem Hund mit dem Zeigefinger kurz auf die feuchte Nase und entfernte sich dann mit einem Grinsen im Gesicht zu den Mülltonnen. Es dauerte nur kurz, bis er eine von ihnen umgeworfen und ein paar Essensreste daraus hervor geholt hatte, die er sich nun schmecken lies.
Bodo war enttäuscht. So sehr ihm die kurze Jagd auch gefallen hatte, so schnell war der Spaß auch wieder verflogen. Dieser Gegner war einfach viel zu schlau.
Enttäuscht zog er sich in seine Hütte zurück und beobachtete das wilde Treiben des Waschbären.

In den nächsten Tagen wurde es immer schlimmer. Der Waschbär plünderte den Hühnerstall und verstreute den Inhalt aller Mülltonnen auf dem Hof.
Der Bauer wurde immer ärgerlicher, weil er jedes Mal den Dreck wieder weg räumen musste. Obendrein fehlten ihm seine Frühstückseier. So konnte das nicht mehr weiter gehen.
»Hier muss endlich etwas passieren.«, sagte er ständig zu sich selber. Aber er wusste nicht was.
Bodo hatte es aufgegeben, das unverschämte Fellbüschel auch nur zu beachten. Er hatte keine Lust mehr, sich so ärgern zu lassen, wie am ersten Tag. Stattdessen lag er im Innern seiner Hütte und kaute traurig auf seinem Knochen herum. Nun war er nicht mehr der gefürchtete Hofhund.

Am Nachmittag kam der Bauer mit einer scharfen Axt aus dem Stall. Er würde nun gleich ein wenig Brennholz für die Wohnstube hacken.
Aber als er gerade ausholen wollte, rutschte ihm das Werkzeug aus der Hand und fiel scheppernd zu Boden.
»Das darf doch nicht war sein. Was mache ich denn jetzt?«
Die scharfe Schneide war vom Holzstiel abgebrochen.
»Den Stiel muss ich wohl austauschen.«
Der Bauer verschwand in seiner Werkstatt und machte sich an die Reparatur.
Bodo hatte alles beobachtet und traute seinen Augen nicht. Die Axt war genau auf seine Kette gefallen. Sie war kaputt und er frei.
»Na warte, Waschbär. Heute hat dein letztes Stündlein geschlagen. Heute werde ich dich erwischen.«, flüsterte er in sich hinein.
Es dauerte gar nicht lange, bis wieder laute Geräusche an den Mülltonnen zu hören waren.
Bodo dachte gar nicht lange und lief sofort los. Er musste schnell sein, um den Übeltäter zu erwischen. Doch als er um die Hausecke bog, bekam er einen riesigen Schrecken.
Es war gar kein Waschbär, sondern ein kleines Rudel Wölfe. Es waren gleich drei von ihnen, die etwas zum Fressen suchten. Und sie entdeckten den Hund sofort.
»Hey, Leute, schaut mal an. Da kommt ja unser Mittagessen. Wie praktisch. Hätte er jetzt noch Rollschuhe unter den Füßen, würde ich denken, sein Name ist Essen auf Rädern.«
Sie lachten kurz, wurden dann aber schnell wieder ernst und zeigten ihre spitzen Zähne.
Bodo bekam große Angst. Er wusste nicht, was er machen sollte. In seiner Not machte er sofort kehrt und rannte auf die nahe Apfelbaumwiese. Doch das war ein großer Fehler.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich die Kette, die er noch hinter sich her zog, um einen der Bäume wickelte und der gejagte Hund nicht mehr weiter kam. Er war gefangen.
»Oh nein, was mache ich denn jetzt? Ich will nicht gefressen werden.«
Die Wölfe kamen langsam näher. Sie hatten es jetzt nicht mehr eilig. Ihre Beute würde nicht aus eigener Kraft von hier entkommen können.
»Sieh an, sieh an. Es gibt doch nichts Schöneres als eine Mahlzeit, die sich selber fängt. Das erspart uns viel Zeit und Kraft.«
Der Leitwolf wandte sich an seine beiden Jagdgefährten und gab ihnen erste Anweisungen.
»Schnappt ihn euch. Macht es kurz und schmerzlos. Passt aber auf, dass ihr die schmackhaftesten Fleischstücke nicht verletzt. Denn dann werde ich sauer. Und ihr wisst ja was euch dann blüht.«
Die Wölfe kamen immer näher. Sie fletschten die Zähne und knurrten so laut es ging.
Bodo schloss die Augen, zitterte vor Angst und hoffte, dass es bald vorbei sein würde.
Doch dann erklangen plötzlich lautes Winseln und schmerzhafte Schreie.
»Was passiert denn da?«, wunderte sich Bodo.
Er öffnete die Augen und sah sich um. Die drei Wölfe saßen in größter Angst dicht beieinander und wussten nicht mehr wohin sie laufen sollten, denn sie wurden von einer großen Menge Äpfel bombardiert, die ihnen viele blaue Flecke bescheren würden.
»Hey, mein großer Freund. Sitz nicht so da und staune. Löse die Kette vom Baum und lauf so schnell, wie du kannst. Wir kümmern uns schon um die Wölfe.«
Bodo konnte es nicht glauben. In den Baumkronen saß eine ganze Waschbärfamilie. Sie alle pflückten Äpfel und warfen sie so schnell es ging auf die Angreifer.
Der Hofhund machte die Kette los und lief, so schnell es ging zurück und verkroch sich in der Scheune. Dort blieb er auch, bis der Lärm draußen nicht mehr zu hören war.

Erst am nächsten Morgen traute sich Bodo wieder nach draußen. Er hatte die Nacht im Heu versteckt verbracht. Das kam ihm sicherer vor.
Kaum hatte er eine Pfote auf den Hof gesetzt, sprang ihm ein Waschbär vor die Nase.
»Na, mein Großer, das wäre gestern ja fast schlimm ausgegangen.«
»Ich danke dir. Du hast mir das Leben gerettet.«
Bodo war ehrlich genug, das zuzugeben.
»Ich glaube, ich bin dir und deiner Familie einen Gefallen schuldig. Was meinst du?«
Der Waschbär zuckte nur mit den Schultern und zwinkerte kurz.
»Du bist mir nichts schuldig. Ich musste nur die drei bösen Gestalten verjagen, die in meinem Revier gewildert haben. Du bist mir nur zufällig in die Quere gekommen.«
Sie mussten beide lachen.
Gemeinsam gingen sie zur Hütte des Hofhundes und machten sich über den großen Napf mit Futter her.
Von nun an waren sie unzertrennliche Freunde. Sie passten auf, dass dem anderen nicht geschah. Bodo gab dem Waschbären von seinem Futter, dafür ließ dieser die Mülltonnen und die schreckhaften Hühner in Frieden.

(c) 2008, Marco Wittler

058. Nino (Ninos Schneckengeschichten 1)

Nino

Nino sah sich um. Richtig gemütlich war es geworden. Endlich hatte er sein erstes eigenes Heim gefunden.
Schon lange hatte ihn der Wunsch gequält, sein Elternhaus zu verlassen, um auf eigenen Beinen zu leben. Doch lange hatte er es hinaus gezögert. Nun war er an seinem Ziel angekommen.
»Das ist doch eine feine Sache.«, sagte er sich.
»Jetzt habe ich zwei Häuser, die mir allein gehören.«
Zwei Häuser besitzt er? Die Frage stellst du dir jetzt zu Recht.
Nein, Nino war nicht so reich, dass er sich ein zweites Haus am Strand hätte leisten können.
Er hatte ein normales Haus, in dem er lebte und dazu ein ganz kleines Häuschen, in dem er sich jederzeit verkriechen konnte. Denn Nino war eine Schnecke.
»Dann will ich mich mal in der Gegend etwas umschauen. Ich will doch schließlich meine Nachbarn kennenlernen.«
Er bürstete sich noch einmal schnell über sein Haar, legte seinen bunten Schal um und verließ das Haus.
Ein sanfter Wind wehte durch die Baumwipfel. Einige braune Blätter fielen zu Boden. Der Herbst war gekommen.
Nino kam nur langsam vorwärts. Da er nur einen großen Fuß unter seinem Körper besaß, musste er ganz langsam den Weg entlang kriechen.
»Wenn das Laufen doch nur nicht so anstrengend wäre. Ich glaube, wenn der Winter erst einmal begonnen hat, verkrieche ich mich in meinem neuen Haus, mache den Kamin an und werde mich bis zum Frühling nicht mehr blicken lassen.«
Nach einiger Zeit war er am nächsten Grundstück angekommen. Eine kleine Fledermaus flatterte durch den Garten und schnippelte an den Pflanzen herum.
Nino klopfte vorsichtig an den Zaun und winkte.
»Hallo, ich bin Nino, der neue Nachbar. Ich bin gerade im Haus nebenan eingezogen und wollte mich gern vorstellen.«
Die Fledermaus flatterte heran.
»Hallo Nino. Ich bin Fräulein Fledermaus.«, stellte sie sich vor.
»Da hast du dir aber eine feine Gegend zum Leben ausgesucht. Hier wohnen nur nette Leute.«
Sie flog einmal im Bogen um die Schnecke herum und zeigte mit den Flügelspitzen in verschiedene Richtungen.
»Dort oben im Baum lebt der Bürgermeister. Er hat immer ein wachsames Auge auf alle Bürger der Stadt. Es soll uns schließlich gut gehen. Da hinten, unter dem Hügel wohnt er Maulwurf und gleich nebenan Frau Fuchs. Sie ist schon etwas älter und sieht nicht mehr so gut. Aber sie freut sich über jeden Besuch, den sie bekommt. Sie hat immer ein leckeres Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee übrig.«
Ninos Augen wurden immer größer, als er das alles hörte.
»Da habe ich ja noch eine Menge Leute zu besuchen. Das werde ich wohl nicht alles an einem Tag schaffen. Dafür bin ich einfach viel zu langsam.«
Er sprach noch eine Weile mit Fräulein Fledermaus, bevor es Zeit wurde, nach Hause zu kriechen.

Es war bereits dunkel, als Nino zu Hause ankam. Das Leben einer Schnecke war nicht sehr einfach.
»Wenn ich mich doch auch so schnell wie Fräulein Fledermaus bewegen könnte. Dann wäre vieles einfacher für mich.«
Er machte ein Feuer im Kamin an, wärmte sich daran und setzte sich in seinen großen Sessel.
»Wahrscheinlich werde ich den Rest meines Lebens in meinem Haus verbringen und mich langweilen, weil alle anderen Bewohner der Stadt viel zu schnell für mich sind.«
Während er noch eine Weile über das Schneckenleben grübelte, schlief er ein, ohne es zu bemerken.

Der nächste Tag wartete mit einer Überraschung auf.
Die Sonne war gerade erst hinter dem Horizont erschienen und kletterte nun mühsam an den vielen Wolken zum Himmel hinauf, da klopfte es plötzlich an der Tür.
Nino schreckte aus seinem Schlaf hoch und rieb sich die Augen.
»Nanu, wer mag denn das sein?«
Er sah verwirrt auf seine Wanduhr.
»Es ist doch noch so früh am Morgen. Da wird sich bestimmt jemand in der Hausnummer geirrt haben.«
Er stand auf, kroch zur Tür und öffnete.
Vor ihm stand ein großer Uhu in einem schicken Anzug und einem Zylinderhut auf dem Kopf.
»Hallo Nino.«, sagte er.
»Ich bin der Bürgermeister und wollte mich bei dir vorstellen.«
Er nahm den Hut ab und kam herein, ohne Nino um Erlaubnis zu bitten.
»Ich hatte gestern Abend noch ein Gespräch mit Fräulein Fledermaus. Sie ist die gute Seele unserer Stadt und sieht sofort, wenn jemand Probleme hat. Sie erzählte mir, dass du nur sehr langsam vorwärts kommst. Das hat sie etwas traurig gemacht. Also hatte sie eine famose Idee.«
Wie auf ein Stichwort flatterte plötzlich etwas durch die Tür.
»Hallo Nino. Bist du schon ausgeschlafen? Geht es dir gut?«, rief es.
Es war Fräulein Fledermaus, wie Nino nun erkannte. Sie landete direkt vor seinem Schneckenfuß und wedelte mit einem großen Paket hin und her.
»Schau mal, was ich hier für dich habe. Alle Leute aus der Stadt haben zusammen gelegt und dir ein Geschenk gekauft. Los, pack es schnell aus.«
Sie übergab es Nino, der es sich nicht zweimal sagen lies und sofort das Geschenkpapier auf riss.
»Das ist ja ein Skateboard. Wofür soll das sein? Ich habe doch nur einen Fuß. Ich kann doch gar keinen Schwung holen.«
Nun war es wieder der Bürgermeister, der das Wort ergriff.
»Mein lieber Nino. Dieses Skateboard soll dich immer ganz schnell von einem Ort zum anderen bringen. Es hat ganz tolle Rollen und fliegt fast über die Straßen und Wege.«
Nino war noch nicht von dieser Sache überzeugt. Wie sollte er denn auch Schwung holen?
Doch da erschien ein weiterer Gast in der Tür. Es war Herr Maulwurf.
»Guten Morgen, Nachbar. Ich dachte, ich schau mal kurz vorbei und bring dir ein Willkommensgeschenk. Ich denke, ich habe genau das richtige für dich, wenn ich mir das hier so ansehe.«
Er zog an einer Leine, an deren Ende ein kleiner Hund lief. Dieser bellte und lief gleich schwanzwedelnd auf Nino zu.
»Das ist Wuschel. Den hat meine Hündin vor ein paar Wochen bekommen. Ich dachte mir, dass du vielleicht noch einen kleinen kuscheligen Mitbewohner gebrauchen kannst. Und ich bin mir sogar sicher, dass es ihm jede Menge Spaß machen wird, die auf deinem neuen Skateboard durch die Gegen zu ziehen.«
Jetzt musste Nino grinsen. Seine neuen Nachbarn waren wirklich ganz liebe und nette Leute. Er konnte sich keinen anderen Ort denken, an dem er lieben leben würde.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich danke euch sehr, dass ihr so an mich gedacht habt. Und ich verspreche euch, dass Wuschel und ich euch regelmäßig besuchen werden. Nun bin ich ja auch dazu in der Lage.«
Alle freuten sich mit Nino.
»Und wisst ihr was? Jetzt wollen wir erst einmal alle zusammen in Ruhe frühstücken.«
Nino kroch gemächlich in die Küche und trug, zusammen mit Fräulein Fledermaus frische Ofenbrötchen und mehrere Töpfe mit Marmelade und Honig in das Esszimmer.

(c) 2007, Marco Wittler