506. Briefe aus dem Kindergarten

Briefe aus dem Kindergarten

Mama saß am Schreibtisch, hatte ein paar Blätter Papier vor sich liegen und schrieb mit ihrem teuren Füller darauf.
»Mama, was machst du da?« wollte ihr kleiner Sohn Max wissen.
»Ich schreibe einen Brief an meine Freundin.« antwortete sie und hielt ihm die beschriebenen Seiten vor die Nase.
»Ui, sind das viele Wörter.« staunte Max mit großen Augen. »Aber die kann ich gar nicht lesen.«
Mama lachte. »Du bist ja auch noch im Kindergarten. Das Lesen lernst du, wenn du in die Schule gehst.«
Max sah sich noch einmal den Brief an.
»Ich will auch einen Brief schreiben. An meinem besten Freund Leon aus dem Kindergarten.«
Mama seufzte. »Aber wie willst du das denn machen? Ihr könnt doch Beide noch nicht lesen.«
»Das geht auch ohne Buchstaben.« entschied Max, schnappte sich ein paar leere Blätter und verschwand mit seinen Buntstiften im Kinderzimmer.

Nach einer halben Stunde kam er stolz grinsend zurück und präsentierte seinen Brief.
»Ich bin schon fertig.«
Auf den Blättern hatte er ganz viele, kleine Bildchen gemalt. Grinsende Gesichter, Regentropfen, Autos, eine Rutsche, Häuser und noch vieles mehr.
»Schöne Bilder hast du Leon gemalt. Die werden ihm bestimmt gefallen.« lobte Mama.
»Das ist aber keine normalen Bilder.«
Max machte ein strenges Gesicht, wie er es schon oft bei Mama gesehen hatte.
»Das ist ein Bilderbrief. Wenn Leon sie sich ansieht, weiß er genau, was ich ihm schreiben wollte.«
»Ganz bestimmt.« antwortete Mama, glaubte aber trotzdem nicht, dass man sich mit Bildern schreiben konnte.

Drei Tage später lag ein Umschlag im Briefkasten. Auf ihm stand Leons Name.
»Das ist bestimmt die Antwort von Leon.« freute sich Max. »Er hat mir gestern im Kindergarten erzählt, dass er mir geschrieben hat.«
Dann wurde der Umschlag aufgerissen und die Seiten heraus geholt.
»Siehst du, er hat mir auch Bilder gemalt.« präsentierte Max den Brief Mama, die dort aber nur ein paar bunte Bildchen sah. Da waren grinsende Gesichter, Regentropfen, Autos, eine Rutsche, Häuser und noch vieles mehr.
»Also ich kann da gar nichts lesen.« gab sie verzweifelt auf.
»Aber Mama. Das ist doch ganz einfach.«
Max zeigte auf die ersten zwei Bilder, ein lachendes Gesicht und ein Briefumschlag. »Leon hat sich sehr gefreut, dass ich ihm einen Brief geschickt habe.«
Der Finger wanderte weiter auf ein Strichmännchen mit Briefumschlag und einem Kasten, der in einem Baum steckte.
»Er hat meinen Brief mit in sein Baumhaus genommen und ihn dort gelesen. Seine Mama brachte ihm noch einen Teller mit leckeren Keksen und einer Tasse heißem Kakao.«
Bild für Bild las Max den Brief vor. Bei keinem einzigen Bild musste er überlegen, was es bedeuten konnte. Es war für ihn, als hätte jemand richtige Wörter benutzt. Mama konnte nur noch staunen. Damit hätte sie nie gerechnet.

(c) 2015, Marco Wittler

461. Omas großes Herz

Omas großes Herz

Marco stand im Kindergarten vor seinen Freunden und erzählte gerade von seiner Oma.
»Meine Oma ist die allerbeste Oma. Sie hat nämlich das größte Herz der ganzen Welt.«
Die anderen Kinder lachten zuerst. Doch dann wollten sie Marco überbieten.
»Das kann gar nicht sein, denn meine Oma hat sieben Kinder und sechzehn Enkel. Für so viele Verwandte braucht man ein ganz besonders großes Herz.«, erklärte Max mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
»Eure Omas haben vielleicht ein großes Herz, aber das größte von allen hat meine Oma.«, war sich Hannah sicher.
»Sie hilft armen Menschen und spendet jeden Sonntag Geld in der Kirche. Ein größeres Herz kann es gar nicht geben.«
So ging es eine ganze Weile weiter. Ein Kind nach dem anderen berichtete davon, wie groß die Herzen ihrer Omas waren.
Irgendwann war der Kindergarten vorbei. Die Jungen und Mädchen wurden von ihrem Müttern abgeholt. Gemeinsam gingen sie die Straße entlang.
»Gleich sind wir da.«, rief Marco den anderen Kindern zu.
»Hinter der nächsten Ecke ist das Haus von meiner Oma. Dann zeige ich euch, dass ich Recht hatte. Sie hat wirklich das größte Herz der Welt.«
Nun waren seine Freunde doch neugierig geworden. Sie kamen der Ecke immer näher. Es waren nur noch ein paar Meter. Sie bogen nach rechts ab und gingen noch ein paar Schritte bis zum Ende einer Hecke. Dort sahen sie es dann alle mit ihren eigenen Augen.
»Das ist ja der Oberhammer.«, staunte Max.
»Megacool.«, fand Hannah.
»Ich hab es euch doch die ganze Zeit gesagt.«, freute sich Marco nun und grinste von einem Ohr zum anderen.
»Meine Oma hat das größte Herz der ganzen Welt.«
Dann zeigte er immer wieder auf das große Herz, das vom Boden bis zum Dach auf die Hauswand gemalt worden war.

(c) 2013, Marco Wittler

181. Das Auto ist kaputt

Das Auto ist kaputt

Papa fluchte laut, als er zurück ins Haus kam. Er warf seine Jacke über den Garderobenhaken und riss sich die Mütze wütend vom Kopf.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Mama neugierig.
»Das Auto ist kaputt. Der Motor will einfach nicht anspringen.«
Dann sah er die Kinder an und zuckte mit den Schultern.
»Der Kindergarten fällt wohl heute aus. Ich kann euch nicht hin fahren.«
Sofort sah entsetzte Augen und enttäuschte Gesichter.
»Aber Nina wollte mir heute ihre neue Puppe zeigen.«, beschwerte sich Anna.
»Und Mike bringt heute Einladungen zu seiner Geburtstagsfeier mit.«, legte Max nach.
Papa setzte sich an den Küchentisch und blätterte im Telefonbuch herum. Irgendwo musste doch die Nummer der Autowerkstatt geblieben sein. Doch dann hielt er inne, dachte kurz nach und hatte plötzlich eine Idee.
»Kinder zieht euch an. Ich bringe euch zu Fuß zum Kindergarten. Das hat mein Vater früher immer mit mir gemacht.«
Der Jubel war groß. So schnell hatten sich Anna und Max noch nie angezogen. Mama musste nicht einmal helfen. Papa holte noch schnell seine Arbeitsrucksack aus dem Auto und Mama drückte ihm eine Tüte Äpfel in die Hand.
»Die sollst du doch während der Arbeit essen.«

Ein paar Minuten später waren die drei auf dem Gehweg unterwegs. Die Winterluft war kalt und die Sonne noch nicht aufgegangen. Papa beleuchtete die ganze Zeit mit einer Taschenlampe den Weg.
»Das ist ja ganz schön unheimlich hier.«, flüsterte Max, als sie am Wald entlang kamen.
»Hier leben bestimmt böse Geister, die uns erschrecken wollen.«, befürchtete Anna.
Papa gab seiner Tochter die Taschenlampe und nahm seine Kinder an die Hand.
»So wird euch nichts passieren. Ich werde auf euch aufpassen. Außerdem gibt es keine bösen Geister.«
So liefen sie dann mit schnellen Schritten weiter.
Plötzlich war ein Knacken im Unterholz zu hören. Irgendetwas war ganz in der Nähe. Die Kinder zitterten und sahen sich ängstlich um. Was konnte das nur gewesen sein? Waren es vielleicht doch bösen Geister?
»Wenn bloß nicht das Auto kaputt gegangen wäre. Ich wäre viel lieber zum Kindergarten gefahren. Ich will wieder nach Hause.«
Anna fing an zu weinen.
Auf einmal sahen sie zwei leuchtende Augen, die sich langsam durch den Wald bewegten. Jetzt bekam auch Papa weiche Knie.
»Schnell, gebt mir die Taschenlampe. Ich will wissen, was das ist.«
Er leuchtete in alle Richtungen, bis er sah, was sie so in Panik versetzt hatte. Vor ihnen saß ein kleines, grunzendes Tier in einem Busch und sah die drei Menschen neugierig an.
»Der Frischling scheint hungrig zu sein.«, sagte Anne.
Sofort kramte sie an Papas Rucksack und holte einen der Äpfel heraus, den sie dem kleinen Wildschwein zuwarf.
Erst etwas zögerlich, dann sehr hungrig stürzte es sich auf diese köstliche Speise.
»Huch, was ist denn das?«, fragte sich Papa plötzlich, denn in diesem Moment kamen noch mehr Wildschweine aus der Dunkelheit hervor. Sie waren vom Obstgeruch angelockt wurden.
Beide Kinder nahmen sich nun den Rucksack vor und fütterten die Schweine, die sich die Äpfel schmatzend schmecken ließen. Nicht ein einziger blieb übrig.
»So, jetzt muss ich euch aber im Kindergarten abliefern, sonst komme ich noch zu spät zur Arbeit.
Papa nahm seine beiden Kinder an die Hand und ging mit ihnen weiter. Doch den Rest des Weges waren sie nicht mehr allein, denn die gesamte Wildschweinfamilie folgte ihnen fröhlich grunzend bis zur Eingangstür des Kindergartens. Erst dort verschwanden sie wieder im Wald.
»Das war richtig schön.«, schwärmte Max.
»Bringst du uns Morgen auch wieder zu Fuß hierher? Wir könnten doch dann wieder die Wildschweine füttern.«
Papa musste lachen. Der Ärger über das kaputte Auto war nun verschwunden.

(c) 2009, Marco Wittler

121. Die perfekte Oma

Die perfekte Oma

Es war Montag Morgen und alle Kinder stürmten in den Kindergarten. Unglaublich, was es alles zu erzählen gab. Jeder hatte noch etwas aus den Ferien zu berichten. Allerdings wollte ein Kind das andere überbieten. Nils war der erste von ihnen.
»Ich habe bei meiner Oma Urlaub gemacht. Das ist die beste Oma, der ganzen Welt.«, schwärmte er den anderen vor.
»Sie wohnt hoch oben im Norden an der Nordsee. Jeden Tag sind wir zusammen mit den Fahrrädern auf dem Deich herum gefahren. Das hat riesig Spaß gemacht.«
Lina schüttelte den Kopf und lachte. »Das soll die beste Oma von allen sein? Meine ist da noch viel besser. Wir haben drei Wochen lang eine Fahrt durch das ganze Land gemacht. Jeden Morgen saßen wir vorn in ihrem Wohnmobil und sind zu einem neuen Campingplatz gefahren. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was wir alles gesehen haben. Ein paar langweilige Deiche und das Meer waren natürlich auch dabei, aber auch viele Museen, Windmühlen und vieles mehr.«
Frederick winkte ganz aufgeregt mit der Hand, traute sich aber nicht, die anderen zu unterbrechen.
»Was willst du denn?«, fragte Lina genervt.
»Ich glaube, dass ich dieses Jahr den besten Urlaub von allen hatte. Ich war auch bei meiner Oma zu Besuch. Sie fährt ein richtig großes Auto mit einem Dach, das man aufmachen kann.«
»Das ist ein Cabrio.«, unterbrach ihn Nils. Frederick lies sich davon allerdings nicht unterbrechen.
»Wir fuhren damit jeden Tag ganz schnell über die Autobahn und haben uns den Wind um die Nasen wehen lassen. Am Ende jeder Fahrt gab es dann ein dickes Eis vom Italiener.«
Jetzt wurde es langsam schwer. Manche Kinder wurden leiser, andere zogen sich in Spielecken zurück. Konnte da denn niemand mehr mithalten?
Doch, Sarah meldete sich. Sie grinste bereits über das ganze Gesicht.
»Ihr habt doch alle keine Ahnung, was eine wirklich tolle Oma ist. Denn nur meine ist die richtig echte und beste Oma der Welt. Sie ist so klasse, dass ich nicht allein dort war. Alle meine Cousinen und Cousins waren mit gekommen und wir haben jeden Tag eine große Essensschlacht gemacht. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie lustig es war. Abends schliefen wir alle zusammen in einem großen Zimmer auf dem Dachboden und haben waren erst ganz spät in der Nacht müde.«
Emily gähnte übertrieben laut, als sie das alles hörte. Die vielen Erzählungen schienen sie nicht beeindrucken zu können. Schließlich stellte sie sich in die Mitte des Kreises und berichtete selber, was sie in den Ferien erlebt hatte.
»Meine Oma wohnt an einem großen See, der ihr allein gehört. Dort darf auch niemand anderes Urlaub machen, als wir. Wenn sich jemand anderes dort hin verirrt, verjagen wir ihn sofort wieder. Jeden Tag habe ich dort am Ufer auf der Wiese gelegen und mich in der Sonne gebräunt, ohne von jemandem gestört zu werden. Und wenn Oma mit den Hausarbeiten fertig war, holte sie ihr Boot aus dem Schuppen und wir drehten gemeinsam ein paar Runden über das Wasser, dass die Wellen nur so spritzten. Noch mehr Spaß geht gar nicht. Eure Omas können es mit meiner auf keinen Fall aufnehmen. Da habt ihr keine Chance.«
Zufrieden verschränkte sie die Arme vor der Brust und trat wieder einige Schritte zurück.
Mittlerweile waren sogar ein paar der Kindergartentanten auf die immer größer werdende Gruppe Kinder aufmerksam geworden und beobachteten das Geschehen durch eine Tür hindurch.
Thilo trat nun vor. Er setzte seine rote Sonnenbrille auf, verschränkte bereits zu Anfang seine Arme und begann zu erzählen.
»Hey, ihr habt doch alle keine Ahnung. Es gibt nur eine Oma, die so cool ist, dass man mit ihr unendlich viel Spaß haben kann. Meine Oma ist die Allerbeste, da kommen eure überhaupt nicht hinterher. Sie hat keine weißen Haare und läuft auch nicht am Stock. Dafür trägt sie eine Lederjacke und hat mich jeden Tag auf ihrem Motorrad durch die Stadt gefahren. Und wenn wir dann am Abend zu Hause waren, gingen wir in den Keller und haben gemeinsam gerappt. Also cooler geht es auf keinen Fall. Damit habe ich dann wohl gewonnen.«
Thilo trat zurück, steckte seine Sonnenbrille zurück in die Hosentasche und hielt seine Arme nun hinter dem Rücken. Er war gespannt, ob es nun noch jemand wagen würde, ihn zu überbieten.
Allerdings hatte er nicht mit René gerechnet, der nun zwei Schritte nach vorn machte.
»Als ich zu Beginn der Ferien zu meiner Oma fuhr, hatte sie im Garten eine richtige Rakete stehen. Sie erzählte mir, dass man damit bis zum Mond fliegen könnte und auch wieder zurück. Einen Abend, als der Mond…«
Plötzlich war Andrea da. Sie war die Chefin im Kindergarten. Sie stellte sich zu den Kindern und lauschte angestrengt der Erzählung, während sie René genau ansah.
»Erzählst du denn da auch wirklich die Wahrheit?«, fragte sich zwischendurch.
René wurde rot im Gesicht und unterbrach seine Geschichte. Dann überlegte er einen Moment, bevor er weiter sprach.
»In Ordnung. Das mit der Rakete habe ich mir ausgedacht. Aber trotzdem mag ich meine Oma wirklich sehr und habe viel Spaß mit ihr gehabt. Sie hat nämlich den größten Sandkasten in unserer Familie.«
Etwas beschämt stellte er sich wieder zu den anderen Kindern.
Nun traute sich niemand mehr vor, um etwas zu berichten. Thilo freute sich schon, endlich einmal etwas ganz Besonderes erzählt zu haben. Doch dann war er so verwundert wie alle anderen Kinder.
»Jetzt bin ich aber an der Reihe.«, sagte Andrea.
Sie ging in den Kreis, setzte sich auf den Boden und nahm sich Maria auf den Schoß.
»Wisst ihr, meine Oma ist auch etwas ganz Besonderes. Als ich so alt war wie ihr jetzt, bin ich auch die ganzen Ferien bei ihr gewesen. Wir haben vielleicht nicht so viele aufregende Dinge unternommen wie mit euren Omas. Dafür habe ich ihr aber immer und überall helfen dürfen. Wir haben zusammen leckere Kuchen gebacken und für den Mittag das tollste Essen zusammen gekocht. Wenn wir herum getollt haben, hat sie immer so lange meinen Bauch gekitzelt, bis ich vor Lachen nicht mehr konnte. Außerdem kannte sie die besten Witze der ganzen Gegend. Manchmal sind sogar die Nachbarskinder vorbei gekommen, nur um ihr zuhören zu können. Aber das Schönste an meinen Urlauben bei ihr, waren die Abende. Wir saßen immer lange auf der Terasse, sahen erst der Sonne zu, wie sie unterging und später den Glühwürmchen bei ihrem Lichtertanz zu. Und wenn sie mich dann ins Bett brachte, kuschelten wir uns aneinander. Jeden Tag erzählte sie mir eine neue Geschichte. Egal wie oft ich auch bei ihr war, ich hatte nie eine Geschichte zweimal gehört.«
Die Kinder hatten große Augen bekommen und waren nun still geworden. Manchen stand vor Staunen sogar der Mund weit auf.
Thilo war der erste, der wieder ein paar Worte fand.
»Weißt du was? Deine Oma ist wirklich die größte von allen. Sie ist eine richtig coole Oma.«
Darin waren sich nun alle einig. Wer so viele Geschichten kannte, war einfach unschlagbar.
Während die Kinder nun nach und nach in ihre Gruppenräume verschwanden, blieb Thilo noch kurz zurück. Eine Frage brannte ihm noch auf der Seele.
»Andrea, kannst du uns vielleicht ab und zu eine von den Geschichten deiner Oma erzählen? Aber erzähl den anderen nicht, dass ich dich das gefragt habe, sonst denken die, dass ich nicht mehr so cool bin.«
Er zwinkerte kurz und verschwand dann auch hinter einer der vielen bunten Türen.

(c) 2008, Marco Wittler

009. Der Schatz im Kindergarten

Der Schatz im Kindergarten

 Es war acht Uhr an einem Montag Morgen. Anna-Lena und Patrik gingen gerade, wie viele andere Kinder auch, in den Kindergarten.
„Ich habe aber keine Lust heute da hin zu gehen.“, sagte Anna-Lena.
„Ich will auch nicht.“, pflichtete ihr Patrik bei. „Da ist es immer so langweilig und nie passiert mal was spannendes.“
Doch das ganze Murren half nichts. Die Mutter der beiden nahm die Zwillinge an die Hand und gemeinsam gingen sie durch die Tür.
Nach einem Wochenende hatten die beiden nie Lust hierher zu kommen. Doch wenn sie erst einmal angefangen hatten mit den anderen Kindern zu spielen kam der Spaß wie von alleine.
Einige andere Kinder waren schon da. Überall auf den Sitzbänken wurden Schuhe aus- und Puschen angezogen. Die einen taten dies alleine und einige mussten sich noch helfen lassen. Aber die Schlauesten ließen sich helfen, obwohl sie es schon lange selber machen konnten.
Anna-Lena und Patrik verabschiedeten sich bei ihrer Mutter mit einem dicken Kuss auf die Wange.
Kurz darauf verschwanden alle Kinder in ihren Gruppen. Da gab es die Bärengruppe, die Löwengruppe und die Tigerentengruppe. Die Zwillinge gingen in den Raum der Marienkäfergruppe. Dort gefiel es ihnen besonders gut, denn dort wartete jeden Morgen ihre Kindergartentante Doreen auf sie, die immer tolle Ideen im Kopf hatte, was man den ganzen Tag bis zum Mittag unternehmen konnte. Alle Kinder mochten sie sehr und nannten sie immer nur Reeni.
Die zehn Kinder setzten sich alle in einen Stuhlkreis, ohne dass man es ihnen sagen musste. Denn sie waren alle schon fünf Jahre alt. Seit den Sommerferien waren sie die Großen im Kindergarten, die im nächsten Jahr bereits in die Grundschule gehen durften. Also wollten sie zeigen, dass sie besser Bescheid wussten als die Neuen.
Die erste halbe Stunde machten sie ein paar Spiele im Kreis. Das machte immer sehr viel Spaß, denn Doreen hatte immer ein neues Spiel dabei. Da konnte es nie langweilig werden.
Aber danach wurde es wieder lauter, denn alle vier Gruppen trafen sich im großen Saal zum Frühstück. Alle Kinder packten ihre Butterbrotdosen aus und die Kindergartentanten verteilten große Becher mit Milch oder Kakao. Das war immer sehr lecker. Der Kakao schmeckte so richtig nach Schokolade. Die Zwillinge kauten an ihren Butterbroten, auf denen heute eine extra dicke Scheibe Käse lag.
Das Frühstück war das Zweitschönste am ganzen Tag. Es war richtig toll mit so vielen Kindern an einem Tisch zu sitzen. Man konnte seine Brote tauschen und es gab immer viel zu erzählen.
Tim erzählte schon seit einer Woche von seiner letzten Geburtstagsfeier. Robin träumte bereits von seiner Feier am nächsten Wochenende, zu der er jeden einlud. Anne hatte von ihrer Patentante eine neue Barbie Puppe geschenkt bekommen. Nils berichtete ganz aufgeregt von seinem ersten Spaziergang mit dem neuen Hund. Der war noch ganz klein, würde bald aber richtig groß werden. Dann hoffte Nils zum Geburtstag einen Hundesattel zum Reiten zu bekommen. Und Carsten war gestern beim Fahrrad fahren hingefallen und zeigte allen ganz stolz die dicke braune Kruste am Ellbogen und das bunte Pflaster am Zeigefinger.
Doch das schönste war das Programm nach dem Frühstück. Da gab es immer etwas Besonderes. Mal ging es zum Austoben in die Turnhalle oder es gab eine Bastelstunde. Es wurden Traumreisen gemacht, Lieder gesungen oder sie machten selber Musik mit selbst gebastelten Instrumenten. An anderen Tagen wurden Geschichten vorgelesen oder sie dachten sich zusammen selber welche aus. Wenn es warm genug und sonnig war fanden die Spiele draußen statt. Dort gab es einen riesigen Sandkasten und viele Spielgeräte, wie Klettergerüste, Schaukeln und Rutschen.
Was würde heute wohl dran sein? Die Kinder räumten ihr Geschirr in die Küche und sammelten sich wieder vor ihren Gruppenräumen. Die Tür der Marienkäfer war noch zu, doch konnte man sehr komische Geräusche von drinnen hören. Ein paar Bälle fielen aus den Regalen, eine Stiftebox wurde umgeschmissen. Nach ein paar Sekunden wurde es wieder still. Alle Kinder sahen sich verwundert an.
Dann fasste Patrik sich ein Herz. „Ich schaue da jetzt rein.“
„Nein lass das. Wer weiß, was da drinnen los ist.“ Anna-Lena war zu ängstlich um wissen zu wollen was los war.
„Das ist mir egal. Ich will wissen was da drinnen passiert.“
Ganz langsam legte Patrik seine Hand auf die Klinke, traute sich aber nicht die Tür zu öffnen. Er sah sich um. Alle anderen Kinder schauten ihn an. Sie schienen nur darauf zu warten, dass er die Klinke herunter drücken würde.
Also gab es nun auch kein Zurück mehr, denn sonst würden ihn alle einen Feigling nennen, auch wenn sie sich selber nicht trauen würden.
„Was macht ihr denn da?“, erklang eine Stimme.
Alle Kinder drehten ihre Köpfe herum.
„Ihr wisst doch, dass ihr nicht alleine in den Raum dürft, bevor ich da bin.“
Doreen stemmte die Arme in die Seiten und tat so, als wäre sie etwas sauer. Doch dann fing sie an zu grinsen. „Na ja, ihr ward ja noch nicht drin. Und jetzt bin ich ja auch da. Also hinein mit euch.“
Patrik öffnete nur zögerlich die Tür. Er wusste ja immer noch nicht, was sich dahinter befand. Als sie endlich etwas sehen konnten und sich anscheinend niemand im Raum befand drängten sich alle Kinder hinein um zu erfahren, was wohl passiert war.
Überall lag das Spielzeug auf dem Boden. Fast nichts war noch an seinem Platz. Es sah aus wie bei Tobias im Zimmer, wenn er drei Tage lang nicht aufgeräumt hatte.
Doreen schlug die Hände vor den Mund. „Was ist denn hier passiert?“, fragte sie sich.
Alle sahen sich um. Nichts deutete darauf hin, dass der Übeltäter, der dies angerichtet hatte, sich noch im Raum befand. Ein paar der Kinder fingen an Reeni beim Aufräumen zu helfen. Aber Patrik war zu neugierig. Er sah sich überall um. Mal schaute er in die eine, mal in die andere Ecke.
Plötzlich fiel ihm das offene Fenster auf. Dort musste jemand hinein und nach dem Krach ganz schnell wieder hinaus geklettert sein. Und auf der Fensterbank lag etwas.
Patrik ging näher heran um es sich anzusehen. Es war eine Rolle aus Papier. Drum herum war ein rotes Band gebunden, damit sie sich nicht alleine öffnen konnte.
Vorsichtig und langsam streifte er das Band ab und rollte das Papier auseinander. Er erkannte sofort was es war. Es war eine Karte. Auf ihr waren mehrere Plätze des Kindergartens aufgemalt. Es waren keine Wörter, sondern nur Bilder darauf, so dass er alles genau erkennen konnte.
„Was hast du denn da gefunden?“ Anna-Lena stand hinter ihm und war neugierig geworden.
„Zeig ich dir nicht.“, war die knappe Antwort. Patrik wollte ihr jetzt noch nicht erzählen, was er da gefunden hatte. Doch hatte er nicht daran gedacht, wie seine Schwester darauf reagieren würde. Sie lief nämlich direkt zur Kindergartentante und beschwerte sich laut darüber.
Doreen blickte kurz hoch und kam zum Fenster. „Was hast du denn da gefunden?“
Patrik sah sie an und hielt ihr die Karte hin, welche sie sich genau ansah.
„Diese Karte kenne ich. Die hat hier schon jahrelang herum gelegen. Ich hab immer gedacht, dass die mal von einem Kindergartenkind gemalt wurde. Aber offensichtlich schien sich diesmal jemand ganz anderes dafür interessiert zu haben. Aber um ehrlich zu sein habe ich sie mir selber nie so richtig angesehen. Was ist das wohl für eine Karte?“
Während sie darüber nachdachte setzte sie sich auf den Boden und alle Kinder platzierten sich um sie herum, so dass jeder auf die nun am Boden liegende Karte schauen konnte.
Auf einmal machte der kleine Daniel große Augen. „Das ist bestimmt eine Piratenschatzkarte.“
„Piraten gibt es hier doch gar nicht.“. Anna-Lena legte sofort Protest ein. „Hier ist doch gar kein Wasser wo sie mit ihrem Piratenschiff fahren können.“
Daniel war sich aber viel zu sicher, um sich von seinem Einfall abbringen zu lassen. „Aber hier ist eine Schatzkiste aufgemalt.“
Alle beugten sich staunend über die Karte. Daniel hatte tatsächlich Recht.
Doreen dachte immer noch angestrengt nach. „Na gut. Wenn das eine richtige Schatzkarte ist, dann muss auch irgendwo ein Schatz versteckt sein. Da sollten wir uns lieber mal schnell auf die Suche machen, bevor noch einmal jemand versucht, die Karte zu klauen.“
Sie stand wieder auf und drückte Patrik die Karte in die Hand. „Und du nimmst die Karte und sagst uns wo wir lang gehen müssen. Schließlich hast du die Karte gefunden.“
Patrik war richtig stolz eine so wichtige Aufgabe erfüllen zu dürfen. Er warf einen Blick auf die Karte und war dann entschlossen den Schatz zu finden. „Wir müssen nach draußen auf die andere Seite des Fensters.“
Alle schauten auf die Karte. Da war alles genau aufgezeichnet. Sie mussten einer Linie folgen, die zum Eingangstor verlief. Dort machte sie eine scharfe Kurve nach rechts und führte die Gruppe direkt auf den Sandkasten zu. Dort fanden sie eine zweite Karte.
Die war etwas schwieriger zu lesen und zu befolgen. Sie mussten einmal um den ganzen Kindergarten herum laufen. Und dann musste Reeni helfen, denn sie sollten zwanzig Schritte vorwärts laufen. Keines der Kinder wollte sich dabei verzählen, sonst würden sie den Schatz nie finden. Und außerdem kennen alle Kindergartentanten die Zahlen von eins bis zwanzig.
Kurz darauf standen sie wieder im Sandkasten. Direkt vor ihren Füßen lagen zehn kleine Schaufeln.
„Tja, ich glaube jetzt müssen wir hier im Sand buddeln.“ Patrik rieb sich am Kinn wie er das immer bei seinem Papa sah, wenn der über schwierige Sachen nachdenken musste.
Also griffen sich alle Kinder eine Schaufel und fingen an im Sand zu graben. Es dauerte gar nicht lange bis eine große alte Holzkiste zum Vorschein kam. Sie war unglaublich schwer, deswegen musste Doreen sie aus dem Loch heben.
Mittlerweile waren auch die Kinder der anderen drei Gruppen neugierig nach draußen gekommen. Sie hatten sich alle um den Sandkasten gestellt und schauten zu, was wohl als nächstes passieren würde und was sich in der Kiste befand.
Patrik und Anna-Lena hoben gemeinsam den Deckel hoch. Und in der Kiste fanden sie einen richtigen Schatz. Es waren unzählige goldene Taler da drin, die nun im Sonnenlicht funkelten. Es war nur noch ein allgemeines ‚Wow’ zu hören.
„Hey, das sind ja Schokotaler.“, sagte Anna-Lena erstaunt.
Reeni kam hinzu und nahm die schwere Kiste hoch. „Und wie es aussieht möchte ich wetten, dass da für jeden von euch drei Stück drin sind.“
Alle Kinder jubelten laut auf, denn alle wollten einen Schokoladentaler haben.

 Nach einer Weile waren alle Taler verteilt und Stille herrschte im Kindergarten, weil alle mit Naschen beschäftigt waren. Bis auf Patrik, der seine drei als Andenken aufhob und Doreen, die die Karten und die Schatzkiste für das nächste Abenteuer in einem Schrank verstaute.
Ja, im Kindergarten kann man noch richtig was erleben.

(c) 2004, Marco Wittler

09 Der Schatz im Kindergarten