112. Die Töpferschnecke (Ninos Schneckengeschichten 8)

Die Töpferschnecke

Nino stand in seinem Flur vor dem Spiegel und rückte sich sein Haus auf dem Rücken zurecht. Moment mal, magst du jetzt bestimmt sagen wollen. Wie kann denn jemand ein ganzes Haus mit sich herum tragen? Und da hast du auch Recht. Das kann niemand, außer Nino, denn Nino war eine Schnecke.
Als er fertig war nahm er eine Leine vom Haken, band sie an das Halsband seines Hundes Wuschel und stieg auf sein Skateboard.
»Los geht’s Wuschel. Wir fahren in die Stadt.«
Der kleine Hund zog das Skateboard hinter sich her. Es ging durch die Haustür nach draußen und immer die Straße entlang, bis sie nach wenigen Minuten in der Stadt angelangt waren.
Vor wenigen Wochen hatte dort ein Einkaufsladen geschlossen, weil durch ihn sehr viel Müll hierher gekommen war. Nun stand der Laden leer. Niemand hatte sich bisher dafür interessiert.
Aber heute war das etwas anderes. Nino glaubte seinen Augen nicht zu trauen, denn vor der Eingangstür stand jemand. Es war eine Schneckenfrau.
»Hallo, wer bist denn du?«, fragte er neugierig.
»Ich bin Frau Schnecke.«, antwortete sie.
»Weißt du vielleicht, wem dieser Laden hier gehört? Ich würde hier gerne hier in der Stadt ein kleines Geschäft eröffnen, bin mir aber nicht sicher, ob ich das so einfach machen darf.«
Nino sah seinen kleinen Hund an und lächelte.
»Na, was meinst du Wuschel? Ob der Laden wohl noch vermietet wird?«
Frau Schnecke sah die beiden erwartungsvoll mit großen Augen an. Als Nino schließlich nickte wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen. Aber das traute sie sich dann doch nicht.
»Eine Bedingung gibt es aber. Ihr Geschäft darf nicht so viel Müll produzieren. Das Problem sind wir gerade erst los geworden.«
»Versprochen!«, sagte sie und betrat das erste ihren neuen Laden, während Nino und Wuschel weiter ihres Weges zogen.

Ein paar Tage später kam Nino mit Wuschel am neuen Geschäft vorbei. In großen Buchstaben stand über der Tür zu lesen: Der Schneckenladen.
»Was meinst du, ob wir mal einen Blick durch das Schaufenster riskieren? Ich würde ja zu gern wissen, was dort drin verkauft wird.«
Nino rollte zum Laden und sah vorsichtig hinein.
»Huch, was ist denn das? Da ist ja gar nichts drin. Da stehen nur leere Regale. Das ist ja seltsam. Ob da wohl jemand eingebrochen ist und alles mitgenommen hat? Vielleicht sollten wir die Polizei rufen.«
Nino wollte sich schon zum Haus des Wachtmeisters ziehen lassen, als Wuschel ganz aufgeregt bellte.
»Was ist denn mit dir los? Hast du etwas entdeckt?«
Wuschel zog Nino hinter sich her, um den Laden herum, bis sie auf jemanden trafen. Frau Schnecke saß dort in einem kleinen Garten auf der Wiese und sah ganz traurig aus.
»Aber Frau Schnecke, was ist denn mit ihnen los? So traurig habe ich sie aber gar nicht in Erinnerung.«
Frau Schnecke holte schnell ein Taschentuch hervor und wischte sich die Tränen weg.
»Ach Nino, es ist alles so schrecklich. Ich träume schon mein ganzes Leben lang davon, ein eigenes Geschäft zu führen. Ich möchte jeden Tag hinter der Ladentheke stehen, eine Registriertkasse bedienen und den Leuten schöne Sachen verkaufen.«
Nino war etwas verwundert und kratzte sich an seinen Fühlern.
»Aber warum machen sie das denn dann nicht? Sie haben doch jetzt ein eigenes Geschäft.«
Schon wieder kullerten Frau Schnecke ein paar Tränen die Wangen herab.
»Aber das ist doch gerade das Problem. Ich weiß einfach nicht, was ich den Bewohnern der Stadt verkaufen soll? Für was interessieren die sich denn überhaupt?«
Da war auch Nino völlig überfragt. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht.
»Das tut mir leid. Das weiß ich auch nicht. Aber vielleicht könnten wir ja gemeinsam heraus finden, was ihnen Spaß macht.«
Der Blick von Frau Schnecke erhellte sich sofort, denn bis zu diesem Augenblick hatte ihr noch niemand Hilfe angeboten. Sie verabredeten sich für den nächsten Morgen und verabschiedeten sich voneinander.

Noch bevor die Sonne aufging war Nino bereits auf dem Bein. Er war ziemlich aufgeregt und konnte es kaum erwarten, sich wieder mit Frau Schnecke zu treffen. Er hatte am Abend zuvor seine vielen Schränke, den Dachboden und den Keller durchsucht, um alles vorzubereiten, was ein neues Hobby werden könnte.
Es standen nun fünf große Tische auf Ninos Gartenterrasse bereit. Sie waren bis zum Rand mit unterschiedlichen Dingen voll gestellt.
Als die Uhr im Flur dann zehn Uhr schlug, klingelte es an der Tür. Nino öffnete sie und empfing Frau Schnecke.
»Guten Morgen. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät dran. Als Schnecke hat man es in so langen Straßen nicht einfach.«
Nino konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
»Das Problem hatte ich auch, als ich hierher zog. Im Winter bin ich sogar einmal vom Wetter überrascht und eingeschneit worden. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt. Seitdem bin ich die schnellste Schnecke in der ganzen Stadt.«
Er reichte seinem Gast eine Hand.
»Aber nun genug von mir. Wir haben ja noch einiges vor.«
Er leitete Frau Schnecke in seinen Garten und präsentierte ihr seine vielen Vorschläge.
Den ganzen Tag bastelten, schnitten, klebten, schraubten malten sie gemeinsam. Aber irgendwie war nicht das richtige dabei. Alles machte auf die eine oder andere Weise Spaß, aber es war nicht genug, um damit ein Geschäft zu führen.
Ach, das ist so ungerecht. Ich weiß noch immer nicht, was ich mit meinem Laden anfangen soll.«, sagte Frau Schnecke, als die Sonne langsam unter ging.
Sie kroch durch den Garten und wusste nicht mehr, was sie noch ausprobieren sollte. Aus Wut nahm sie einen Klumpen Lehm aus dem Blumenbeet und klatschte ihn mit einem festen Wurf an die Hauswand.
Als sie sah, was sie angerichtet hatte, erschrak sie und entschuldigte sich sofort bei Nino. Der aber lachte, gesellte sich zu ihr und warf ebenfalls Lehm im hohen Bogen durch die Luft. Und so ging es eine ganze Weile weiter, bis der Ärger aus ihnen beiden heraus war und sie wieder gemeinsam lachen konnten.
»Das macht ja richtig Spaß. Ich hab schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass ich überhaupt noch an irgendwas Spaß haben könnte.«, sagte Frau Schnecke.
Nino nahm noch einmal einen Klumpen in die Hand und dachte darüber nach, was er gerade gehört hatte.
»Wenn ihnen das so viel Spaß macht, warum machen sie denn nicht daraus ein Geschäft?«
Frau Schnecke sah ihn verwirrt an.
»Ich soll den Leuten Lehm verkaufen? Den hat doch schon jeder im Garten. Wer gibt denn dafür überhaupt Geld aus?«
Aber in Ninos Kopf war diese Idee nun drin und er überlegte eifrig, wie er damit einen ganzen Laden füllen konnte.
Die ganze Nacht saßen die Schnecken gemeinsam im Garten unter einer Lampe und bastelten und kneteten im und mit Lehm. Sie entdeckten, dass man ihn wunderbar formen konnte.
»Und wenn man ihn für eine Weile in den Ofen stellt, wird er richtig hart und fest. Dann kann man den Leuten der Stadt daraus Töpfe und Geschirr verkaufen. Vielleicht macht es ja auch Spaß ein paar kleine Schnecken und andere Tiere daraus zu basteln.«
Nun sprudelten die Ideen richtig heraus. Frau Schnecke hatte endlich gefunden, wonach sie so lange und verzweifelt gesucht hatte.
Als schließlich die Sonne aufging verabschiedete sie sich dankbar von Nino und bat ihn in drei Tagen zum Schneckenladen zu kommen.
Drei Tage später war es so weit. Wuschel zog Nino zum Laden. Dort staunten sie nicht schlecht. Über der Tür standen nun neue Buchstaben. ›Die Töpferschnecke‹ stand dort nun zu lesen.
»Na, wenn das keine gute Idee von Frau Schnecke war..«, sagte er zufrieden zu sich, während er mit einer großen Menge anderer Stadtbewohner das Geschäft betrat.

(c) 2008, Marco Wittler

19 - Die Töpferschnecke

101. Der Schatz im See oder „Papa, warum sind Frosch und Schnecke Freunde?“ (Ninas Briefe 18 / Papa erklärt die Welt 11 / Ninos Schneckengeschichten 7)

Der Schatz im See
oder »Papa, warum sind Frosch und Schnecke Freunde?«

Liebe Steffi.

Endlich haben die Ferien begonnen und ich kann es kaum erwarten, dir diesen Brief zu schreiben, denn sonst weiß ich nicht, was ich vor lauter Langeweile anstellen soll.
Mama und Papa sind in diesem Jahr seit zehn Jahren verheiratet. Aus diesem Grund wollten sie eine Woche lang ganz allein in den Urlaub fahren. Wir Kinder werden danach hinterher gebracht, um den Rest der Zeit mit ihnen gemeinsam zu verbringen.
Ich verstehe das gar nicht. Ohne mich ist den Beiden doch bestimmt richtig langweilig.
Oma und Opa schlugen vor, zuerst zu ihnen zu kommen. Mein Bruder Tommi war auch sofort begeistert und begann seinen Koffer zu packen – zwei Wochen bevor es los ging.
Ich wollte aber auf keinen Falle eine ganze Woche lang von ihm bei meinen Großeltern genervt werden. Also brachte mich Mama zu Tante Ina und Onkel Lutz.
Und nun sitze ich hier und langweile mich. Es gibt in der ganzen Gegend keine anderen Kinder in meinem Alter. Ich muss mir stattdessen die Zeit mit meiner kleinen Cousine Sofie vertreiben. Sie ist erst fünf und unglaublich neugierig. Zu allem muss sie ständig Fragen stellen.
Heute Vormittag war es dann wieder so weit. Nach dem Frühstück gingen wir zusammen in den Garten. Onkel Lutz wollte den Teich verschönern, Algen entfernen und neue Blümchen einpflanzen. Sofie saß natürlich ganz nah dabei und beobachtete alles sehr genau. Doch schon während der Vorbereitungen sah sie ein paar Tiere im Gras sitzen. Eines von ihnen quakte die ganze Zeit.
»Was ist das denn für ein lustiges Tier?«, fragte Sofie.
»Das ist doch nur ein ganz normaler, langweiliger Frosch.«, kam ich Onkel Lutz zuvor.
»Und was macht der in unserem Garten?«, setzte sie hartnäckig fort.
Ich sah mich schnell um, entdeckte noch ein anderes Tier und antwortete schnell mit einem weiteren dummen Spruch.
»Er trifft sich mit der Schnecke da drüben. Die sind dicke Kumpel.«
Sofie sah mich verwirrt an. Ich hatte sie tatsächlich herein legen können. Dann sie sie ihren Vater an und stellte ihm eine neue Frage.
»Papa, warum sind Frosch und Schnecke Freunde?«
Onkel Lutz hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach. Irgendwann schien ihm etwas einzufallen.
»Das ist eine gute Frage.«, sagte er schließlich.
»Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem kleinen Frosch und einer Schnecke. Und die werde ich euch jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht und ihre Augen begannen zu leuchten.
»Oh ja, eine Geschichte.«, rief sie laut.
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Onkel Lutz.
Sofie lachte schon voller Vorfreude, aber ich war etwas schneller und antwortete gespielt gelangweilt.
»Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig, Nina. Du kennst dich ja gut aus. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein kleiner Frosch. Den ganzen Tag saß er in einem kleinen Teich und sah den Fliegen beim Spielen zu. Keine einzige von ihnen hatte Angst, gefressen zu werden, denn der beste Freund dieses Frosches war die kleine Fliege.
Erst wenn es am Abend dunkel oder das Wetter zu schlecht wurde, trieb es den kleinen Frosch in sein Häuschen, das im tiefen Gras versteckt war.
Dort saß er nun, aß eine leckere Suppe und las in der Zeitung.
»Schau an. In der Stadt hat der neue Einkaufsladen schon nach wenigen Tagen wieder schließen müssen, weil durch ihn zu viel Müll entstanden ist. Das ist doch eine gute Nachricht. Es gibt nichts Schlimmeres als Müll, der überall auf den Straßen und in der Natur liegt.«, murmelte er vor sich hin.
Ein paar Zeilen tiefer war zu lesen, wer in der Stadt wieder für Ordnung gesorgt hatte. Es war eine Schnecke gewesen.
»Das ist ja sensationell. Eine Schnecke sorgt in allen Straßen für Ordnung. Das muss ja ziemlich lange gedauert haben. Da wäre selbst eine Schildkröte schneller gewesen.«
Der kleine Frosch wusste allerdings nicht, welche Tricks diese Schnecke beherrschte.
Irgendwann wurde er müde, ging ins Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen kletterte die Sonne schon sehr früh den Himmel hinauf. Sie schickte ihre Strahlen über die Erde. Einer von ihnen bahnte sich seinen Weg durch dichtes Gras und machte auch vor einem verschlossenen Fenster nicht halt. Er drang in das Zimmer ein und beleuchtete das Gesicht des kleinen Frosches. Dieser wurde dadurch natürlich wach. Er rieb sich die Augen und hätte sich gern die Decke über den Kopf gezogen, um noch ein wenig schlafen zu können. Aber er tat es dann doch nicht.
»Es ist ein so sonnig schöner Tag. Es wäre eine Schande, jetzt noch im Bett liegen zu bleiben.«
Also zog er sich an, frühstückte ausgiebig und machte sich noch im Bad fertig, bevor er das Haus verließ. Kurz darauf kam er am Badesee an.
Der kleine Frosch wollte sich gerade seine Badehose im Gebüsch anziehen, als er etwas Ungewöhnliches entdeckte.
»Was ist denn das?«
Es lag ein runder Stein auf dem kleinen Steg, den der Frosch immer für sein Sonnenbad benutzte.
»Wer hat den denn dort abgelegt?«
Es war niemand zu sehen.
Er ging näher heran und wollte dieses Ding ins Wasser werfen, musste dann aber feststellen, dass er gar keinen Stein vor sich hatte, sondern eine Schnecke.
»Huch, wer bist du denn?«
»Ich bin Nino.«, kam die Antwort der Schnecke.
»Ich sitze schon eine ganze Stunde hier und überlege, wie ich ein Problem lösen kann. Aber mir fällt einfach nichts ein. Aber vielleicht kannst du mir helfen.«
Der kleine Frosch überlegte, aber es viel ihm nicht ein, was für ein Problem dieser Seebesucher haben konnte. Die Antwort darauf kam aber von allein.
»Weißt du, kleiner Frosch, ich habe gestern Abend ein Buch gelesen. Darin stand, dass vor langer Zeit Piraten an diesem See gelebt haben. Eines Tages kam ein Sturm auf, während sie mit ihrem Schiff unterwegs waren. Ein Blitz schlug in den Masten ein und die Piraten versanken. Ihr Schatz soll noch heute am Grund des Sees liegen. Ich würde zu gern einmal schauen, ob das alles wirklich stimmt. Aber ich kann leider nicht tauchen. Ich bin doch eine Landschnecke.«
Der kleine Frosch hatte eine Idee.
»Kannst du dich denn in dein Haus zurück ziehen und es ganz dicht verschließen?«
Nino nickte.
»Dann sollte das alles kein Problem sein. Du kriechst in dein Haus und ich tauche mit dir zusammen an den Grund des Sees, damit wir uns das alles anschauen können. Ich ziehe dich hinab und schaust aus deinem Fenster heraus.«
Die Schnecke freute sich über diese unerwartete Hilfe und zog sich zurück. Der kleine Frosch nahm sich das Haus unter den Arm und sprang damit ins Wasser.
Es ging abwärts. Immer weiter tauchten sie, bis sie am Grund des Sees ankamen. Dort unten war es so dunkel, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. So würden sie den Schatz bestimmt nicht finden können. Aber Nino hatte eine Idee.
Er holte eine Lampe hervor, zündete sie an und stellte sie in das Fenster. Schon war der ganze See erleuchtet. Jede Pflanze, jeder Fisch und jeder Stein war nun zu sehen. Und siehe da, hinter einem Wald aus Schlingpflanzen war ein altes Schiffswrack. Es musste dort schon recht lange liegen, denn es war schon sehr verfallen und viele Algen wuchsen auf dem Holz.
Der kleine Frosch schwamm näher heran und begann zu suchen. Im Innern des Schiffs stand eine große Schatztruhe. Sofort machte er sich daran, sie zu öffnen, aber der Deckel blieb fest verschlossen.
Nino machte traurige Augen. Der Frosch zuckte aber nur mit den Schultern, nahm die Truhe an die linke Hand, das Schneckenhaus unter den rechten Arm und tauchte ein paar Sekunden später an der Oberfläche des Sees wieder auf. Dort stellte er die Schnecke vorsichtig auf den Steg zurück.
Nino kam sofort hervor und half, die schwere Truhe aus dem Wasser zu holen.
»Was machen wir denn jetzt? Wir bekommen den Deckel nicht auf. So finden wir nie heraus, was die Piraten darin versteckten.«, klagte der kleine Frosch.
Diesmal hatte Nino eine Idee. Er nahm sich einen festen Stock, steckte ihn durch das rostige Vorhängeschloss, rüttelte und schüttelte daran und brach es in zwei Teile. Nun konnten konnten sie den Deckel öffnen.
Vorsichtig sahen sie hinein, fanden aber zuerst nur ein paar alte Lumpen und Kleidungsstücke. Doch dann war da noch etwas anderes. In einer Ecke lag ein altes Buch. Es war groß, schwer und in teurem Leder eingebunden. Auf seinem Deckel stand:
Die schönsten Piratengeschichten.
»Ui!«, staunte der kleine Frosch.
»Da haben wir aber einen prima Fund gemacht. So ein Buch ist wirklich ein ganz besonderer Schatz.«
Nino war der gleichen Meinung.
Die beiden entschieden sich, den Rest des Tages im Haus des kleinen Frosches zu verbringen. Sie saßen vor dem knisternden Kamin und lasen sich gegenseitig spannende Geschichten vor und wurden dadurch zu dicken Freunden.

Sofie machte noch immer große Augen. Ich hatte das Gefühl, dass sie diese ausgedachte Geschichte glauben würde. Sie ist ja auch erst fünf und glaubt wirklich alles. Doch dann fing sie an zu lachen.
»Papa, das hast du dir doch ganz bestimmt nur ausgedacht. Ich glaube dir kein einziges Wort davon. Aber schön war die Geschichte trotzdem.«
Mir ging es ähnlich. Das konnte sich Onkel Lutz wirklich nur ausgedacht haben. Doch als ich mich umdrehte und zum Gartenteich blickte, sah ich, wie die Schnecke und der Frosch zusammen am Ufer saßen.

Mein Bericht ist jetzt zu Ende, denn nun helfen wir Onkel Lutz im Garten. Ich bin ja mal gespannt, was in dieser Woche sonst noch alles geschieht.

Deine Nina.

P.S.: Schade, dass du nicht hier sein kannst, denn Onkel Lutz kennt unglaublich viele tolle Geschichten.

(c) 2008, Marco Wittler

08 - Schnecke und Frosch

098. Die Müllschnecke (Ninos Schneckengeschichten 6)

Die Müllschnecke

»Los, Wuschel, beeil dich. Wir müssen uns fertig machen. Ich bin doch schon so neugierig.«
Nino stand im Flur und schob sich sein feinstes Sonntagshaus auf dem Rücken zurecht.
Moment einmal, magst du jetzt sagen wollen. Kein Mensch ist stark genug, um ein ganzes Haus auf dem Rücken herum zu tragen. Und damit hast du auch recht. Aber Nino konnte es. Er war nämlich kein Mensch, sondern eine Schnecke.
»Wenn wir jetzt nicht endlich fahren, sind alle anderen schon vor uns da.«
Nino war ungeduldig. Doch in diesem Moment kam sein kleiner Hund Wuschel um die Ecke gelaufen. In seinem Maul brachte er eine leuchtend rote Leine mit.
»Fein hast du das gemacht. Dann können wir ja los.«
Nino legte dem Hund die Leine an, holte aus seinem Wandschrank ein Skateboard heraus und stellte sich darauf.
»Auf geht’s, Wuschel. Immer die Straße entlang.«
Und schon fuhren sie wie ein geölter Blitz durch die Stadt. Nino war die schnellste Schnecke, die jemals gesehen wurde. Doch darüber wunderte sich schon seit langer Zeit niemand mehr. Wie sonst sollte eine Schnecke von einem Ort zum anderen gelangen, ohne dafür mehrere Tage Zeit zu vergeuden?
Das Ziel der Fahrt war ein neuer Laden, der in wenigen Minuten im Zentrum der Stadt eröffnen würde.
Die Schnecke erreichte ihn schon sehr bald und konnte sehen, dass sich vor der Eingangstür bereits eine kleine Gruppe neugieriger Leute gebildet hatte.
»Hallo Nino.«, riefen Fräulein Fledermaus und Herr Maulwurf gemeinsam.
»Hallo ihr Zwei.«, grüßte Nino zurück.
»Geht es jetzt bald rein?«, fragte Herr Maulwurf ungeduldig.
Wie immer hatte er seine Brille zu Hause vergessen und war buchstäblich blind wie ein Maulwurf.
»Ja, bald. Wir warten nur noch auf den Ladenbesitzer.«, antwortete Fräulein Fledermaus genervt zurück. Sie hatte diese Frage schon mindestens zwanzig Mal an diesem Morgen zu hören bekommen.
Kurz darauf konnte man jemanden durch das Schaufenster des Ladens sehen. Es war Herr Elster, der vor einigen Tagen neu in die Stadt gezogen war. Er steckte einen großen Schlüssel in das Schloss der Tür, drehte ihn zweimal herum und eröffnete den Laden.
»Herein spaziert, meine Damen und Herren und probieren sie das neue Einkaufserlebnis aus. Sie werden begeistert sein von unseren vielen Produkten und jeder auch nur denkbaren Art von Luxus. Herein, herein.«
Das klang alles sehr verlockend. Nino und die anderen drängten sich durch die Tür und verteilten sich in den einzelnen Gängen zwischen den Regalen.

Erst am Abend, kurz nachdem der neue Laden geschlossen hatte, waren Nino und Wuschel nach Hause zurück gekehrt. Sie hatten viel eingekauft. Die fünf vollen Tüten passten so gerade in Ninos Sonntagshaus, welches er gerade leerte und alles in seinen Schränken verstaute.
»Du meine Güte. So viele Sachen haben wir ja noch nie hier gehabt. Und es ist alles so einfach. Reingehen, einkaufen, bezahlen und nach Hause bringen. Wer hätte das gedacht. Da muss doch keiner mehr von uns in Wald und Felder gehen und sich mit der Suche nach etwas Essbarem abmühen. Ist das nicht toll?«
Wuschel bellte vor Vergnügen. Er wusste, dass es nun nicht mehr lange dauern konnte, bis auch er etwas Leckeres in seinen Fressnapf bekommen würde.
Zufrieden und glücklich setzten sie sich nach dem Essen vor den Kamin und genossen den Rest des Abends.

Am nächsten Morgen fanden sich Nino und Wuschel erneut vor dem neuen Laden wieder. Auch andere Bürger der Stadt waren wieder da und mit ihnen noch mehr Neugierige.
»Schau an, schau an.«, übertönte der Bürgermeister alle anderen Stimmen.
»Mir scheint, dass es eine wirklich gute Idee war, dieses Einkaufsparadies in unsere so wunderschöne Stadt zu holen.«
Gemeinsam gingen sie hinein und kauften, was sie in ihre Finger bekommen konnten.
Auch an diesem Abend kam die Schnecke mit fünf vollen Tüten nach Hause.
»Ohje, ohje. Schau dir das nur an Wuschel. Wir haben schon wieder eingekauft. Und dabei haben wir noch gar nichts von Gestern verbraucht. Was machen wir denn jetzt?«
Wuschel hüpfte herum und wartete nur auf sein Fressen.
»Mehr können wir wirklich nicht mehr einkaufen. Jetzt sind alle Vorratsschränke voll. Wir werden morgen wohl etwas anderes unternehmen müssen.«

Am nächsten Morgen setzte sich die Schnecke gemütlich an den Frühstückstisch. Sie aß ein Brot mit Marmelade und eines mit einer richtig leckeren Salami. Dazu einen frischen Saft.
Doch danach kam sie ins Grübeln.
»Der Laden ist ja eine tolle Sache, aber ich weiß gar nicht, wo ich die ganzen Verpackungen lassen soll. Die stapeln sich ja langsam hier in der Küche. Und langsam fangen sie an zu stinken. Ob wir sie wieder zurück geben können? Probieren wir es doch einfach aus.«
Nino räumte alles in eine große Tasche und lies sich von Wuschel zum Laden ziehen.

Herr Elster öffnete gerade die Eingangstür und lies die ersten Kunden herein.
»Hallo Herr Schnecke. Wollen sie ihre Vorräte auffüllen? Kommen sie nur herein. Es ist genug für alle da.«
Aber Nino blieb an der Tür stehen und holte seine Tasche hervor.
»Ich bin gekommen, um die alten Verpackungen abzuliefern. Ich weiß nicht, wohin damit. Aber sie haben doch bestimmt eine Lösung dafür.«
Das Gesicht von Herrn Elster verfinsterte sich von einem Augenblick zum andern. Er stemmte die Flügel in seine Seiten und versperrte den Eingang.
»Das ist nicht mein Problem.«, erwiderte er sauer.
»Für ihren Müll sind sie ganz allein zuständig. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ordentliche Ladenbesitzer diese stinkenden Verpackungen zurück nehmen müsste. Nehmen sie das Zeug gefälligst wieder mit nach Hause und machen sie damit was sie wollen.«
Er verschwand in seinem Laden und schloss schnell die Tür.
Nino war erstaunt. So eine Reaktion hatte er nicht erwartet. Es schien ihm tatsächlich nichts anderes übrig zu bleiben, als seinen Müll wieder mitzunehmen.

Ein paar Tage später litten alle Bürger der Stadt unter dem gleichen Problem. Der Müll stapelte sich und sie wussten nicht, wohin sie ihn bringen konnten. Wegen des Gestanks brachten sie ihn nach draußen und legten ihn an die Straßen. Nach und nach wuchsen die Müllberge immer weiter an. Es stank überall und niemand wusste mehr ein noch aus. Selbst der Bürgermeister war verzweifelt. Schon vor einer Weile war er zum Einkaufsladen gegangen und hatte Herrn Elster gebeten, alle Verpackungen zurück zu nehmen. Der der blieb einfach stur und sagte nein.
Nino traute sich mittlerweile gar nicht mehr nach draußen. Alle Türen und Fenster blieben geschlossen, denn in seinem Haus war die Luft frischer als draußen.
»Ach, Wuschel. Das kann doch nicht ewig so weiter gehen. Vielleicht werden wir noch alle krank von dem Gestank. Wir müssen etwas unternehmen. Ich weiß auch schon was. Hilfst du mir dabei?«
Der kleine Hund hüpfte im Kreis herum und holte sofort seine Leine.
Nino kroch in den Flur und suchte sein altes und fleckiges Schneckenhaus. Er wusste, dass es noch irgendwo stehen musste. Dann schnallte er es sich auf den Rücken, zog sich eine orangefarbene Sicherheitsweste an und lies sich von Wuschel die Straße entlang ziehen.
Vor jedem Haus machten sie Halt und luden den Müll in das Schneckenhaus. Es wurde immer voller und schwerer, aber dafür sahen die Straßen danach wieder richtig ordentlich aus und der Gestank verschwand.
Die Leute freuten sich sehr. Manche begleiteten die Schnecke sogar und halfen, wo sie nur konnten.

Nach ein paar Stunden war die Stadt wieder sauber.
»Jetzt bekommen wir endlich wieder frische Luft. Es ist endlich wieder so wie früher. Doch wohin nur mit dem ganzen Müll?«
Nino wusste sich keinen Rat. Doch Fräulein Fledermaus hatte sich schon etwas ausgedacht. Gemeinsam gingen sie zum Einkaufsladen.
Herr Elster freute sich schon. Er sah seine Kunden von weitem und schloss schnell die Tür auf.
»Herein spaziert. Gerade sind neue Waren eingetroffen. Es ist genug für alle da. Kauft, Leute, kauft.«
»Wir sind nicht zum einkaufen gekommen.«, sagte Nino, während er sein mittlerweile ganz verdrecktes Schneckenhaus vom Rücken nahm.
»Wir wollen ihnen nur zurück geben, was wir nicht mehr brauchen.«, redete Herr Maulwurf weiter.
Sogar der Bürgermeister war mittlerweile zu seinen Leuten gekommen und drängelte sich nun nach vorn.
»Wir haben beschlossen, dass sie für den ganzen Müll, den sie uns verkauft haben, verantwortlich sind. Entweder sie nehmen alles zurück oder wir werden ihren Laden sofort schließen.«
Herr Elster wusste nicht, was er machen sollte. Aber er spürte genau, dass er diese Auseinandersetzung verloren hatte.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Sachen zu packen und aus der Stadt zu verschwinden. Doch bevor er fahren konnte, übergab ihm Nino noch das alte Schneckenhaus.
»Unser kleines Abschiedsgeschenk sollten sie nicht vergessen. Wir wollen doch, dass sie sich für immer an uns erinnern.«
Herr Elster sagte nichts weiter und fuhr mit seinem Karren langsam davon.

Am Abend saß Nino mit seinen Freunden auf der großen Wiese vor dem Wald. Sie picknickten und genossen die frische Luft.
»Es macht mir gar nichts aus, dass wir unser Essen jetzt wieder selber suchen und sammeln müssen. Dafür bleibt unsere Stadt sauber und wir haben keinen Müll.«
Fräulein Fledermaus und Herr Maulwurf waren sofort Ninos Meinung. Das alte Leben ohne den vielen Luxus war einfach viel schöner.

(c) 2008, Marco Wittler

088. Ein seltsames Geräusch (Ninos Schneckengeschichten 5)

Ein seltsames Geräusch

Nino stand vor dem Spiegel und rückte sein kleines Häuschen zurecht. Es saß noch nicht richtig auf seinem Rücken.
Nun magst du dich vielleicht fragen, warum Nino ein Haus auf seinem Rücken herum trug. Das lag daran, dass er eine Schnecke war.
Nino nahm eine Leine von der Wand und pfiff mit zwei Fingern im Mund durch sein großes Haus. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis Wuschel, sein kleiner Hund um die Ecke gelaufen kam und mit seiner Nase ein Skateboard vor sich her schob.
»Prima, Wuschel, dann kann es ja sofort los gehen.«
Nino kroch auf das Skateboard, legte Wuschel die Leine um und lies sich von ihm auf die Straße ziehen. Das war die schnellste Art, wie eine Schnecke vorwärts kommen konnte. Und das war ganz besonders wichtig, denn heute wollte sich Nino mit seinen Freunden treffen.
Auf einer großen Wiese vor der Stadt warteten sie schon. Fräulein Fledermaus hatte einen Kuchen gebacken und Herr Maulwurf einen großen Kasten voller Fruchtsaftflaschen.
»Juhu, dann wird das ja ein leckeres Picknick für uns vier.«
Nino holte aus seinem Häuschen zwei kleine Näpfe hervor, füllte sie mit Kuchen und Saft und stellte sie für Wuschel auf den Boden.
Die Sonne schien vom Himmel herab, die war warm und die Vögel zwitscherten um die Wette. Der perfekte Ort und die perfekte Zeit um sich mit seinen Freunden den Tag zu vertreiben.
Doch dann ertönte ein lautes Geräusch und störte das alles.
»Was war denn das?«
Nino sah sich um, konnte aber nicht erkennen, was er da gehört hatte. Stattdessen stieg ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase.
»Es tut mir leid. Aber ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Das passiert mir seit ein paar Tagen immer wieder.«
Fräulein Fledermaus lief im Gesicht ganz rot an. Das Geräusch und der Geruch schien von ihr gekommen zu sein.
Herr Maulwurf hielt sich die Nase und konnte nur noch flüstern. »Was passiert denn mit dir?«
»Das war ein Pups. Und ich kann damit gar nicht mehr aufhören. Ständig hört und riecht man das. Ich hatte gehofft, dass es endlich aufgehört hat, aber das stimmt wohl leider nicht. Es tut mir leid.«
Fräulein Fledermaus packte ihre Sachen zusammen und flatterte traurig davon.
»Und das stinkt wirklich jedes Mal so schlimm?«, fragte Nino.
Herr Maulwurf nickte nur und sah der gemeinsamen Freundin hinterher.
Ein paar Tage später saßen Herr Maulwurf, Nino und Wuschel wieder auf der großen Wiese vor der Stadt. Der nahe Wald spendete kühlen Schatten und die Bienen summten ein lustiges Lied.
Das Picknick hätte fast nicht besser sein können. Aber trotzdem war die Laune der Schnecke nicht so gut wie sonst.
»Es ist wirklich schön mit euch hier draußen zu sitzen, aber wenn Fräulein Fledermaus nicht bei uns ist, sind wir einfach nicht komplett. Ich hoffe, dass es ihr bald wieder besser geht.«
Noch immer litt die Fledermaus unter den Blähungen, die ständig als stinkender Pups entwichen. Noch immer traute sie sich nicht vor die Haustür und ließ auch keine Freunde herein.
»Das kann ich euren Nasen doch nicht antun.«, sagte sie dann immer.
Nino griff ein weiteres Mal in ein Körbchen und holte eine dicke Scheibe frisches Brot daraus hervor, welche er mit einem duftenden Käse belegte.
»Das schmeckt unglaublich lecker.«
Herr Maulwurf wollte wieder dazu nicken, doch dann hörten die beiden im Wald ein paar Äste knacken.
»Nanu, wer kommt uns denn da besuchen?«
Von Besuch konnte aber gar keine Rede sein, denn in diesem Moment sprangen drei Wölfe aus dem Dickicht hervor. Sie blieben kurz vor der Picknickdecke stehen, knurrten laut und zeigten ihre spitzen Reißzähne.
»Ich bin mal gespannt, ob ihr drei mir auch so gut schmeckt, wie euch das Käsebrot.«
Der Anführer der drei Raubtiere kam näher. Er schien großen Hunger zu haben.
Wuschel bekam große Angst, riss sich von seiner Leine los und lief ganz schnell zur Stadt zurück. Auch Herr Maulwurf flüchtete. Mit seinen Schaufelhänden grub er sich ein Loch und verschwand in wenigen Sekunden im Boden. Nur Nino kam nicht vom Fleck. Als Schnecke mit nur einem Fuß war er einfach zu langsam.
»Bitte fresst mich nicht. Ich schmecke auch gar nicht. Ich bin doch nur eine kleine arme Schnecke. In dem dunklem Wald gibt es doch bestimmt noch etwas, was euch besser schmecken wird.«
Aber das Bitten und Betteln half nichts. Die Wölfe machten noch einen weiteren Sprung und umringten Nino. Nun hatte er gar keinen Ausweg mehr. Er schloss die Augen und wartete auf den ersten Biss.
Doch dazu kam es nicht. Denn ein lauter Schrei unterbrach das Knurren der Bösewichter.
Im Sturzflug näherte sich Fräulein Fledermaus aus der Luft. Sie war allein unterwegs gewesen und hatte alles von oben mit angesehen.
»Was machst du denn hier? Willst du etwa auch noch gefressen werden? Flieg ganz schnell wieder weg, bevor es zu spät ist.«
Nino hätte seine Freundin am liebsten in die Luft geworfen, um sie zu retten, aber die kleine Fledermaus dachte nicht daran, ihn allein zu lassen.
»Auch wenn ich nur eine kleine Fledermaus bin, aber ich werde dich vor diesen Biestern retten. Pass genau auf.«
Sie kam Nino ganz nah und flüsterte ihm noch etwas ins Ohr. »Halt dir lieber die Nase zu.«
Nino befolgte ihren Rat. Kurz darauf konnte er es hören. Es war ein ganz lauter und großer Pups, der nun den Wölfen entgegen wehte.
Die drei waren davon so überrascht, dass ihnen der Gestank tief in die Nasen stieg.
»Pfui Spinne, wie das stinkt.«
Sie hielten sich sofort die Nasen zu und rannten davon.
Fräulein Fledermaus und Nino drückten sich und waren froh, den Angriff überlebt zu haben.

Am Abend fuhren Nino und Wuschel zum Haus von Fräulein Fledermaus. Obwohl sie sich heftig dagegen wehrte, betraten die beiden Besucher das Haus.
In diesem Moment wurde es Nino klar, warum seine Freundin unter den fiesen Blähungen litt. Denn in der Küche stapelten sich viele Dosen mit Bohnen.
»Hast du die etwa alle gegessen?«
Die Fledermaus nickte. »Die sind so unglaublich lecker. Ich habe sie vor einer Woche im Laden entdeckt und kann davon nicht genug bekommen. Ich esse sie zum Frühstück, zum Mittag und am Abend. Es gibt nichts besseres.«
Jetzt musste Nino lachen. Er hielt sich sogar den Bauch.
»Dann ist es auch kein Wunder, dass du ständig pupsen musst. Bohnen sind wirklich sehr lecker, aber du musst dir ein weises Sprichwort merken: Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen. Wenn du weniger von ihnen ist, verschwinden deine Beschwerden wieder.«
Nun wurde Fräulein Fledermaus rot im Gesicht und lächelte verlegen.
»Wenn ich das nur vorher gewusst hätte.«

(c) 2008, Marco Wittler

070. So viele Beine (Ninos Schneckengeschichten 4)

So viele Beine

Es war ein wunderschöner Nachmittag. Die Vögel zwitscherten, die Sonne strahlte und am Himmel zeigte sich nicht ein einziges Wölkchen.
Nino sah aus dem Fenster und freute sich über das Wetter.
»Schau dir das an, Wuschel. Ist das nicht ein herrlicher Tag? Er ist perfekt für einen Ausflug.«
Wuschel, Ninos kleiner Hund wusste sofort, woran sein Herrchen dachte. Daher lief er schwanzwedelnd um Nino herum und bellte vor Freude.
»Aber zuerst müssen wir uns schick machen.«
Nino stellte sich vor den Spiegel und bürstete sich sein Haar. Anschließend kümmerte er sich auch um das Fell von Wuschel.
»Das sollte reichen. So können wir uns unter die Leute wagen.«
Nino legte seinem Hund die Leine um, holte sein Skateboard aus dem Schrank, schnallte sich einen Rucksack um und verließ sein Haus, aber nicht ohne sein kleines Häuschen mitzunehmen.
Sein kleines Häuschen? Stellst du dir auch gerade diese Frage?
Bei Nino war es ganz normal, dass er ein klein Häuschen ständig bei sich trug, denn Nino war eine Schnecke.
Weil Schnecken sehr langsam sind, hatte Nino vor einiger Zeit von seinen Freunden ein Skateboard geschenkt bekommen, damit er sich von seinem Hund schnell durch die Stadt ziehen lassen konnte. So war er fast schneller als seine Freundin Fräulein Fledermaus. Aber auch nur fast.
Und schon ging es los. Wuschel lief so schnell wie der Wind durch die Straßen. Nino blieb kaum Zeit seinen Nachbarn einen schönen Tag zu wünschen.
Schließlich verließen die beiden die Stadt und kamen an den Rand des Waldes.
Die Bäume warfen weite Schatten und spendeten jedem erschöpften Wanderer etwas Abkühlung.
Nino sah sich um und hüpfte vom Skateboard herab.
»Hier gefällt es mir. Das ist ein wirklich schönes Plätzchen für ein Picknick.«
Er nahm den Rucksack vom Rücken und holte eine große Decke daraus hervor. Darauf verteilte er einige Teller, Becher, Speisen und Getränke.
»Wuschel, das sieht ja richtig lecker aus. Jetzt müssen nur noch die anderen zu uns kommen, dann können wir das alles zusammen weg futtern.«
Der kleine Hund bellte einmal und wedelte wieder mit dem Schwanz.
Es dauerte auch nicht lange, bis Ninos Freunde auftauchten. Fräulein Fledermaus flog durch die Lüfte heran und landete direkt neben Nino. Herr Maulwurf mochte es nicht, bei so viel Sonnenschein zu laufen. Seine Augen mochten das viele Licht nicht. Daher buddelte er sich einen Tunnel und hätte sich fast durch das leckere Essen gegraben, da er sich mit der Entfernung verrechnet hatte.
»Dann können wir ja anfangen.«, freute sich die Schnecke.
Doch in diesem Moment begann der Wind zu wehen. Die Bäume bogen sich hin und her, Blätter fielen von den Ästen herab und die Servietten flogen im hohen Bogen davon. Als Krönung von allem landete ein Tannenzapfen im Kartoffelsalat.
Herr Maulwurf sah dies und griff sofort zu.
»Das ist aber mein Tannenzapfen.«, sagte er und biss genüsslich in seine Beute.
Plötzlich spürte Nino etwas in seinem Rücken. Irgendetwas war auf seinem Schneckenhaus gelandet. Er drehte seinen Kopf herum und sah eine weiße Kugel hinter sich.
Er nahm sie vorsichtig herunter und legte sich vor sich auf die Decke, damit alle anderen sie sehen konnten.
»Was ist denn das?«, fragte er in die Runde. Aber niemand hatte eine Antwort.
Alle nahmen sie die kleine Kugel vorsichtig in die Hand, besahen sie von allen Seiten, wurden daraus aber nicht schlauer.
Also legten sie sie wieder auf die Decke und redeten darüber, was es sein könnte.
»Es ist einer dieser neuen superleichten Bälle, mit denen man so toll spielen kann.«
»Ach, so ein Quatsch. Das ist unbearbeitete Schafswolle.«
»Das ist Gewölle einer Katze.«
Aber sie lagen alle ganz weit daneben. Und trotzdem gab es jemanden, der genau wusste, was es war. Und dieser jemand hieß Simon. Simon kannte sich mit dieser weißen Kugel deshalb so gut aus, weil er sein ganzes bisheriges Leben in ihrem Inneren verbracht hatte. Doch nun war er neugierig, was sich da außerhalb tat und wem die Stimmen gehörten. Also öffnete er seinen Kokon und kam heraus.
Nino und Fräulein Fledermaus erschraken. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich jemand in der Kugel befand. Umso erstaunter waren sie, als plötzlich jede Menge Beine zum Vorschein kamen. Herr Maulwurf bekam zunächst nichts davon mit, denn er konnte mit seinen schlechten Augen einfach nicht genug sehen.
»Was ist denn das?«, fragte sich Nino.
»Was ist denn los?«, wollte Herr Maulwurf wissen.
»Pfui, Spinne.«, sagte Fräulein Fledermaus.
»Hey, du hast sogar Recht.«, antwortete Simon.
Er befreite sich komplett aus seinem Kokon und richtete sich langsam aus. Er blinzelte noch ein wenig mit den Augen, da er bisher kein so helles Licht gewohnt war.
»Hallo Leute. Ich bin Simon, die kleine Spinne.«
Er wollte auf Nino zugehen und ihm zur Begrüßung die Hand schütteln, doch dann stolperte er und fiel hin. Er rappelte sich wieder hoch, startete einen neuen Versuch und fiel abermals.
»Das darf doch nicht wahr sein. Ich habe so viele Beine, dass ich ständig darüber stolpere.«
Nino sah die Spinne mitleidig an. Und dann begann er zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Du meine Güte, du hast ja acht Beine. So viele habe ich bisher bei keinem anderen Tier gesehen. Da ist es kein Wunder, dass du ständig darüber stolperst. Da müssen wir dir helfen, laufen zu lernen.«
Die drei Picknicker gaben sich alle Mühe, Simon das Laufen beizubringen. Aber Nino hatte nur einen Fuß und glitt über den Boden, Fräulein Fledermaus war das Fliegen gewohnt und Herr Maulwurf hatte selber auch nur vier Beine. Es klappte also überhaupt nicht.
Simon begann zu weinen, während er weiter vor dem Wald hin und her stolperte.
»Was soll ich denn jetzt nur machen? Ich kann doch nicht mein Leben lang alle paar Schritte zu Boden fallen. Wäre ich doch nur in meinem Kokon geblieben. Aber nun ist es zu spät. Wäre ich doch nur nicht so neugierig gewesen.«
Plötzlich kam Nino eine Idee.
»Mir fällt da etwas ein.«
Er nahm den Picknickkorb und suchte darin herum, bis er eine Schnur fand.
»Damit hatte ich die Servietten zusammen gebunden. Nun brauche ich sie nicht mehr. Damit werde ich dir jetzt die Beine zusammen binden.«
Er setzte sich zu Simon und band jeweils zwei Beine zusammen.
»Schau, jetzt hast du genau so viele Beine, wie Wuschel und Herr Maulwurf. Nun können sie dir beibringen, wie man richtig läuft. Und wenn du das erst einmal gelernt hast, dann dauert es bestimmt nicht mehr lange, bis du auf allen acht Beinen gehen kannst.«
Simon probierte es aus. Und hatte sofort Erfolg. Er fiel nicht mehr auf den Boden, sondern flitzte hin und her.
Alle freuten sich darüber so sehr, dass sie fast das leckere Picknick vergaßen.

Als es Abend wurde, packte Nino die Reste des Picknicks zusammen und lies sich von Wuschel nach Hause ziehen. Doch diesmal gingen sie zu dritt, denn Simon begleitete sie.
Die Schnecke hatte der Spinne angeboten, zusammen zu wohnen.
»Mein Haus ist so groß, da findest du auch noch einen gemütlichen Platz zu leben. Dein Kokon ist ja jetzt kaputt.«
Und so hatte Nino wieder einen neuen Freund gefunden.

(c) 2008, Marco Wittler

067. Die heldenhafte Schnecke (Ninos Schneckengeschichten 3)

Die heldenhafte Schnecke

Was macht eine Schnecke eigentlich den ganzen Tag über?
Sie kriecht langsam durch die Gegend und knabbert mal an dem einen und mal an dem anderen Blatt. Und weil sie sehr langsam sind, haben sie immer ein kleines Häuschen bei sich, damit sie abends nicht zu lange brauchen, um nach Hause zu kommen.
Gemütlichkeit gehörte in jedes Schneckenleben. Spontan waren Schnecken nie, denn dafür sind sie schon immer zu langsam gewesen. Verabreden sie sich mit Freunden, geschieht das meist eine Woche im Voraus, damit sie sich auch rechtzeitig auf den Weg machen können.
Bei Nino war das allerdings etwas anderes. Nino war auch eine Schnecke. Seine Freunde und Nachbarn hatten ihm allerdings schon vor einiger Zeit ein paar besondere Geschenke gemacht.
Um nicht so viel Zeit allein zu Hause zu sein, leistete ihm ein kleiner Hund Gesellschaft. Wuschel war sein Name und er wich seinem Herrchen den ganzen nicht von der Seite.
Doch das war noch nicht alles, denn Nino besaß nun auch ein Skateboard. Wenn er jemanden besuchen wollte, dann stellte er sich einfach darauf und ließ sich von Wuschel durch die Stadt ziehen.
Das war vielleicht ein Bild. Das kann man sich eigentlich gar nicht so richtig vorstellen, wenn Nino schneller als jeder andere durch die Straßen flitzte. Die einzige, die mit ihm mithalten konnte, war Fräulein Fledermaus. So manches Mal entstand daraus sogar ein Wettrennen, obwohl Fräulein Fledermaus flog. Und ob man es glaubt oder nicht, der Nino hat hin und wieder auch gewonnen.
Doch heute hatte er etwas anderes vor. Er stand vor dem Spiegel, bürstete sich sein Haar und kümmerte sich anschließend um das Fell von Wuschel.
»Komm schon her, Wuschel. Du willst doch heute auch schön sein. Es ist doch Sonntag und da muss man immer gut anzusehen sein.«
Nino band sich noch eine schicke rote Fliege um den Hals und dann verließen sie das Haus.
Wuschel hatte bereits das Skateboard in seiner Hundeschnauze und trug es nach draußen.
»Das ist aber lieb von dir.«, sagte Nino.
Die Schnecke auf das Brett, nahm die Leine des Hundes in beide Hände und schon ging es los.
Wuschel rannte durch die Straßen. Er war gar nicht mehr zu bremsen. Wie ein Wirbelwind ging es durch die Stadt und schließlich aus ihr heraus. Es blieb kaum Zeit, den Nachbarn einen Gruß entgegen zu rufen.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie am See vor der Stadt ankamen.
»Was meinst du, Wuschel, ob das heute ein schöner Tag für uns wird?«
Die beiden machten es sich etwas oberhalb des Wassers in der Sonne gemütlich und genossen das warme Wetter. Die Sonne stand hoch am Himmel und keine einzige Wolke versperrte ihren Strahlen den Weg.
Es waren noch einige andere Leute in der Nähe. Sie wollten ebenfalls einen Sonnenbad nehmen. Auf der anderen Seite des Sees lag Herr Maulwurf auf einem großen Handtuch. Fräulein Fledermaus flog einige Runden über dem Wasser und fing zum Zeitvertreib einige Fliegen ein, die sie aber gleich wieder frei ließ. Der Bürgermeister saß auf einem hohen Holzturm, damit er auch alles gut überblicken konnte. Im Wasser tummelte sich eine kleine Entenfamilie.
Nino sah die Enten und dachte nach.
»Ich werde freiwillig nie in den See gehen. Das ist mir viel zu gefährlich. Ich kann ja auch gar nicht schwimmen.«
In diesem Moment gab es plötzlich einen starken Windstoß.
»Huch, woher kommt denn der Wind?«, fragte sich Nino.
Auch Wuschel wurde ganz unruhig.
Der Turm des Bürgermeisters begann zu wackeln, die Enten auf dem Teich wurden von kleinen Wellen hin und her geschaukelt und das Badetuch des Herrn Maulwurf begann wie wild zu flattern.
Doch so schnell, wie der Wind auch aufgetaucht war, verschwand er wieder. Alles war wieder ruhig.
Nino sah sich um und bemerkte, dass seine Freunde ebenfalls sehr überrascht waren, sich aber langsam wieder beruhigten. Herr Maulwurf legte sich wieder hin, die Enten waren an Land geschwommen und der Bürgermeister hielt sich nicht mehr krampfhaft am Geländer seines Turmes fest.
Nino sah sich um. Er rieb sich die Augen und blickte ein weiteres Mal in alle Richtungen. Aber es bestand kein Zweifel. Sie war nicht mehr da.
»Wo ist denn Fräulein Fledermaus. Vor ein paar Minuten flog sie doch noch über den See und hat mit den Fliegen gespielt.«
Und dann war plötzlich ein leises Plätschern zu hören.
Nino sah noch einmal genauer hin und entdeckte sie.
»Ach du Schreck. Fräulein Fledermaus ist im Wasser gelandet.«
Und nun zappelte sie darin herum. Nino fiel sofort ein, dass die kleine Fledermaus nicht schwimmen konnte.
Er rief sofort um Hilfe. Irgendwer musste ihr doch helfen. Er sah sich um. Herr Maulwurf war bereits aufgestanden. Da er aber nicht so gut sehen konnte, würde er die Fledermaus nicht finden können. Der Bürgermeister kam nur sehr langsam mit seinem dicken Bauch von seinem Turm herunter und würde viel zu lange für eine Rettung brauchen. Aber was war mit den Enten?
Nino blickte verzweifelt um sich und fand sie. Die Entenküken saßen alle unter einem großen Baum. Sie waren viel zu klein, um jemanden aus dem Wasser zu retten. Und Mama Ente war nicht zu sehen. Sie war wahrscheinlich auf Futtersuche.
»Oh, verdammt. Es ist niemand da, der Fräulein Fledermaus retten kann. Was sollen wir denn jetzt tun, Wuschel?«
Nino war verzweifelt. Er wollte die kleine Fledermaus unbedingt retten, nicht nur, weil sie ihn damals völlig eingeschneit im Schnee gefunden hatte, sondern auch, weil sie sehr gut befreundet waren.
»Wir müssen unbedingt etwas unternehmen, Wuschel. Nur was?«
Der kleine Hund bellte ganz aufgeregt und hüpfte im Kreis herum. Schließlich stieß er mit seiner kleinen Schnauze das Skateboard um.
Nino kam eine Idee.
»Das ist es Wuschel. Ich habe eine Idee. Aber dazu brauche ich deine Hilfe.«
Die Schnecke hüpfte auf das Skateboard und schnappte sich die Hundeleine.
»Los Wuschel. Zieh mich zum Wasser, so schnell wie du kannst.«
Der Hund rannte los, als ginge es um sein Leben. Seine kleinen Füße gaben alles, was sie hatten, bis er kurz vor dem Wasser stehen blieb.
Das Skateboard hatte aber keine Bremsen. Und so schoss es geradewegs auf den See und verwandelte sich so in ein Surfbrett.
»Hui, das macht aber Spaß.«, rief Nino über den See hinaus.
Er steuerte geradewegs auf die Fledermaus zu. Als er bei ihr ankam, griff er mit seinen Händen schnell zu und zog sie zu sich auf das Brett. Und nur ein paar Sekunden später rollte das Skateboard auf der anderen Seite des Sees an Land und blieb genau neben Herrn Maulwurf stehen.
Nino konnte noch immer nicht glauben, was er gerade getan hatte und dass es auch noch funktioniert hatte.
Fräulein Fledermaus hingegen war so froh, dass sie jemand aus dem Wasser geholt hatte.
»Mein Lieber Nino, ich bin dir so dankbar, dass du mir das Leben gerettet hast. Du bist ein wahrer Held.«
Sie küsste die Schnecke auf die Wange und drückte sie fest an sich.

(c) 2008, Marco Wittler

065. Die Weihnachtsschnecke (Ninos Schneckengeschichten 2)

Die Weihnachtsschnecke

Nino stand vor dem großen Spiegel im Flur und bürstete sich seine Frisur zurecht. Heute war ein ganz besonderer Tag und da musste man sich auch ganz besonders schick machen.
Als er ein leises Winseln hörte, blickte er zu Boden und sah seinen kleinen Hund.
»Aber ja doch, Wuschel. Dich bürste ich auch gleich noch. Du sollst ja auch richtig schön ausschauen.«
Nino strich noch zwei Mal über sein eigenes Haar und kümmerte sich dann um seinen Hund.
»Ich bin schon richtig neugierig, wie die Feier heute Abend sein wird, wer alles kommt und welche Überraschungen auf uns warten. Der Bürgermeister hat ja ein paar davon angekündigt.«
Nino konnte seine Freunde kaum im Zaum halten. Es war das erste Mal, dass ihn der Bürgermeister eingeladen hatte.
»Jetzt muss ich nur noch mein Häuschen auf Hochglanz polieren.«
Nino griff in eine Schublade und holte eine Paste und einen Lappen daraus hervor.
»Damit sollte es klappen. Schließlich soll es heute Abend auch gut aussehen.«

Wer nimmt denn sein Häuschen mit zu einer Feier, magst du dich jetzt fragen. Normalerweise finden Feiern in einem Haus statt. Aber bei Nino war das etwas anders. Er lebte in einem großen Haus, trug aber immer ein kleineres mit sich. Denn Nino war ein Schnecke.

Er sah auf die Uhr.
»Du meine Güte. Wuschel, schau dir an, wie spät es ist. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir uns auf den Weg machen, sonst kommen wir zu spät.«
Nino schnallte sich eine rote Fliege um den Hals, zog seine Winterjacke an und legte seinem Hund eine Leine um.
»Ich will auf keinen Fall den Beginn meiner ersten Weihnachtsfeier verpassen.
Gemächlich kroch Nino, wie eine Schnecke das nun einmal macht, aus dem Haus, schloß die Türe hinter sich ab und machte sich auf den langen und beschwerlichen Weg.
Unterwegs begegnete er vielen Leuten, oder vielmehr begegneten sie ihm, wenn sie ihn überholten.
»Hallo Nino.«, rief ihm jemand zu.
»Wir sehen uns auf der Feier.«, meinte ein anderer.
Nino winkte ihnen zu und freute sich.
Doch nach und nach verging ihm seine Freude, denn die Sonne ging langsam unter und dicke schwere Schneewolken krochen über den Himmel hinweg.
»Oh, oh. Schau dir das an, Wuschel. Ich hoffe, wir sind schnell genug an der Stadthalle, bevor der Schneesturm los geht. Wir müssen uns beeilen.«

Der Bürgermeister sah auf die Uhr.
»Es tut mir leid, meine Freunde, aber wir müssen nun beginnen. Wir sind schon eine halbe Stunde über den Zeitplan. Wenn ich mich umsehe, dann sind doch alle da, bis auf Nino. Vielleicht hat er etwas anderes geplant für den heutigen Abend.«
Er nahm ein Glöckchen in die Hand und wollte es gerade klingeln lassen, als ihn jemand unterbrach.
»Herr Bürgermeister. Es ist doch Weihnachten, und wir wollten alle zusammen feiern, ohne, dass jemand allein sein muss. Da können wir doch nicht einfach Nino auslassen.«
Es war Fräulein Fledermaus. Sie hatte Nino auf dem Weg zur Stadthalle überflogen und wusste, dass er auf dem Weg hierher war.
»Ich habe ihn unterwegs gesehen. Wenn er noch nicht hier ist, dann ist bestimmt etwas geschehen. Wir müssen uns auf den Weg machen und ihn suchen.«
Der Bürgermeister wehrte mit einer Handbewegung ab.
»Vielleicht ist er umgekehrt. Es tut mir leid, aber wir müssen nun anfangen, sonst kommt mein schöner Zeitplan durcheinander.«
Mittlerweile war es in der Halle nicht mehr so still, wie zu Beginn. Überall wurde getuschelt und geflüstert. Hin und wieder konnte man hören, dass sich die Leute Sorgen um Nino machten.
Schließlich schlossen sich ein paar Frauen und Männer zusammen, die sich auf die Suche machen wollten.
»Es schneit da draußen schon sehr. Wenn wir uns nicht auf den Weg machen, dann wird er vielleicht vom Schnee bedeckt und erfriert.«
Sie verließen die Stadthalle und verschwanden in der Dunkelheit.
Der Bürgermeister wusste nicht, was er nun machen sollte. Niemand hörte ihm mehr zu. Entweder waren die Leute gegangen oder sahen aus dem Fenster, um zu sehen, wann die anderen mit der Schnecke zurück kehren würden.
»Leute, so hört mir doch zu. Ich habe da eine wunderbare Idee. Aber dazu brauche von jedem einzelnen von euch Hilfe.«

Es dauerte nicht lange, bis sie ihn gefunden hatten.
Nino war nur wenige Meter von seinem Haus entfernt. Da er nur sehr langsam vorwärts kam, hatte er die Zeit unterschätzt. Als er dann noch vom Schneesturm überrascht worden war, war es zu spät, sich noch irgendwo zu verkriechen. Er war von einer dicken Schneedecke umhüllt. Wuschel hüpfte um ihn herum und bellte laut.
Fräulein Fledermaus entdeckte ihn zuerst, flog im Sturzflug auf ihn zu und wedelte mit ihren Flügeln den Schnee beiseite.
»Nino, bist du in Ordnung? Geht es dir gut?«
Nino, der nun endlich wieder etwas sehen konnte, bejahte die Frage.
»Ja, es geht mir gut. Ich hab mich in meinem Schneckenhaus versteckt. Darin kann mir nichts passieren. Nur leider habe ich die Weihnachtsfeier verpasst.«
Traurig wischte er sich eine Träne aus dem Auge.
»Nino, das macht doch nichts. Wir haben sie auch verpasst, weil wir dich suchen wollten.«
Herr Maulwurf packte sich die Schnecke unter seinen Arm und trug sie fort.
»So, Nino, jetzt bringe ich dich erstmal nach Hause. Dann kannst du dich am Kaminfeuer aufwärmen. Und dann bleiben wir bei dir und erzählen dir ein paar schöne Weihnachtsmärchen.«

Als sie schließlich durch die Eingangstür kamen, waren sie völlig überrascht. Sie wurden nämlich vom Bürgermeister in Empfang genommen.
»Hallo Nino. Hallo Freunde. Ihr glaubt ja nicht, wie froh ich bin, dass ihr es geschafft habt. Wir haben uns einfach entschlossen, die Weihnachtsfeier in Ninos Haus zu verlegen. Wenn er es nicht schafft zu uns zu kommen, kommen wir halt zu ihm. Es ist doch schließlich Weihnachten und es soll niemand alleine sein in dieser Zeit.«
Fräulein Fledermaus nahm den Bürgermeister beiseite.
»Herr Bürgermeister, ich dachte, sie hätten einen wichtigen Zeitplan, den wir unbedingt einhalten müssten. Was ist denn daraus geworden?«
Der Bürgermeister zuckte nur mit den Schultern und warf einen kleinen Zettel ins Kaminfeuer.
»Zeitplan? Wer braucht schon einen Zeitplan?«
Er ging zu den Leuten zurück und klopfte allen auf die Schulter.
»Freunde, es ist Weihnachten. Also lasst uns feiern.«
Nino setzte sich in seinen großen gemütlichen Sessel und genoss die Feier. Er hatte es sich niemals in seinen Träumen so schön vorgestellt.
Seine Freunde nahmen neben ihm Platz und erzählten ihm die schönsten Weihnachtsmärchen, wie sie es ihm versprochen hatten.

(c) 2007, Marco Wittler

Die Weihnachtsschnecke – gelesen von Uwe B. Werner

058. Nino (Ninos Schneckengeschichten 1)

Nino

Nino sah sich um. Richtig gemütlich war es geworden. Endlich hatte er sein erstes eigenes Heim gefunden.
Schon lange hatte ihn der Wunsch gequält, sein Elternhaus zu verlassen, um auf eigenen Beinen zu leben. Doch lange hatte er es hinaus gezögert. Nun war er an seinem Ziel angekommen.
»Das ist doch eine feine Sache.«, sagte er sich.
»Jetzt habe ich zwei Häuser, die mir allein gehören.«
Zwei Häuser besitzt er? Die Frage stellst du dir jetzt zu Recht.
Nein, Nino war nicht so reich, dass er sich ein zweites Haus am Strand hätte leisten können.
Er hatte ein normales Haus, in dem er lebte und dazu ein ganz kleines Häuschen, in dem er sich jederzeit verkriechen konnte. Denn Nino war eine Schnecke.
»Dann will ich mich mal in der Gegend etwas umschauen. Ich will doch schließlich meine Nachbarn kennenlernen.«
Er bürstete sich noch einmal schnell über sein Haar, legte seinen bunten Schal um und verließ das Haus.
Ein sanfter Wind wehte durch die Baumwipfel. Einige braune Blätter fielen zu Boden. Der Herbst war gekommen.
Nino kam nur langsam vorwärts. Da er nur einen großen Fuß unter seinem Körper besaß, musste er ganz langsam den Weg entlang kriechen.
»Wenn das Laufen doch nur nicht so anstrengend wäre. Ich glaube, wenn der Winter erst einmal begonnen hat, verkrieche ich mich in meinem neuen Haus, mache den Kamin an und werde mich bis zum Frühling nicht mehr blicken lassen.«
Nach einiger Zeit war er am nächsten Grundstück angekommen. Eine kleine Fledermaus flatterte durch den Garten und schnippelte an den Pflanzen herum.
Nino klopfte vorsichtig an den Zaun und winkte.
»Hallo, ich bin Nino, der neue Nachbar. Ich bin gerade im Haus nebenan eingezogen und wollte mich gern vorstellen.«
Die Fledermaus flatterte heran.
»Hallo Nino. Ich bin Fräulein Fledermaus.«, stellte sie sich vor.
»Da hast du dir aber eine feine Gegend zum Leben ausgesucht. Hier wohnen nur nette Leute.«
Sie flog einmal im Bogen um die Schnecke herum und zeigte mit den Flügelspitzen in verschiedene Richtungen.
»Dort oben im Baum lebt der Bürgermeister. Er hat immer ein wachsames Auge auf alle Bürger der Stadt. Es soll uns schließlich gut gehen. Da hinten, unter dem Hügel wohnt er Maulwurf und gleich nebenan Frau Fuchs. Sie ist schon etwas älter und sieht nicht mehr so gut. Aber sie freut sich über jeden Besuch, den sie bekommt. Sie hat immer ein leckeres Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee übrig.«
Ninos Augen wurden immer größer, als er das alles hörte.
»Da habe ich ja noch eine Menge Leute zu besuchen. Das werde ich wohl nicht alles an einem Tag schaffen. Dafür bin ich einfach viel zu langsam.«
Er sprach noch eine Weile mit Fräulein Fledermaus, bevor es Zeit wurde, nach Hause zu kriechen.

Es war bereits dunkel, als Nino zu Hause ankam. Das Leben einer Schnecke war nicht sehr einfach.
»Wenn ich mich doch auch so schnell wie Fräulein Fledermaus bewegen könnte. Dann wäre vieles einfacher für mich.«
Er machte ein Feuer im Kamin an, wärmte sich daran und setzte sich in seinen großen Sessel.
»Wahrscheinlich werde ich den Rest meines Lebens in meinem Haus verbringen und mich langweilen, weil alle anderen Bewohner der Stadt viel zu schnell für mich sind.«
Während er noch eine Weile über das Schneckenleben grübelte, schlief er ein, ohne es zu bemerken.

Der nächste Tag wartete mit einer Überraschung auf.
Die Sonne war gerade erst hinter dem Horizont erschienen und kletterte nun mühsam an den vielen Wolken zum Himmel hinauf, da klopfte es plötzlich an der Tür.
Nino schreckte aus seinem Schlaf hoch und rieb sich die Augen.
»Nanu, wer mag denn das sein?«
Er sah verwirrt auf seine Wanduhr.
»Es ist doch noch so früh am Morgen. Da wird sich bestimmt jemand in der Hausnummer geirrt haben.«
Er stand auf, kroch zur Tür und öffnete.
Vor ihm stand ein großer Uhu in einem schicken Anzug und einem Zylinderhut auf dem Kopf.
»Hallo Nino.«, sagte er.
»Ich bin der Bürgermeister und wollte mich bei dir vorstellen.«
Er nahm den Hut ab und kam herein, ohne Nino um Erlaubnis zu bitten.
»Ich hatte gestern Abend noch ein Gespräch mit Fräulein Fledermaus. Sie ist die gute Seele unserer Stadt und sieht sofort, wenn jemand Probleme hat. Sie erzählte mir, dass du nur sehr langsam vorwärts kommst. Das hat sie etwas traurig gemacht. Also hatte sie eine famose Idee.«
Wie auf ein Stichwort flatterte plötzlich etwas durch die Tür.
»Hallo Nino. Bist du schon ausgeschlafen? Geht es dir gut?«, rief es.
Es war Fräulein Fledermaus, wie Nino nun erkannte. Sie landete direkt vor seinem Schneckenfuß und wedelte mit einem großen Paket hin und her.
»Schau mal, was ich hier für dich habe. Alle Leute aus der Stadt haben zusammen gelegt und dir ein Geschenk gekauft. Los, pack es schnell aus.«
Sie übergab es Nino, der es sich nicht zweimal sagen lies und sofort das Geschenkpapier auf riss.
»Das ist ja ein Skateboard. Wofür soll das sein? Ich habe doch nur einen Fuß. Ich kann doch gar keinen Schwung holen.«
Nun war es wieder der Bürgermeister, der das Wort ergriff.
»Mein lieber Nino. Dieses Skateboard soll dich immer ganz schnell von einem Ort zum anderen bringen. Es hat ganz tolle Rollen und fliegt fast über die Straßen und Wege.«
Nino war noch nicht von dieser Sache überzeugt. Wie sollte er denn auch Schwung holen?
Doch da erschien ein weiterer Gast in der Tür. Es war Herr Maulwurf.
»Guten Morgen, Nachbar. Ich dachte, ich schau mal kurz vorbei und bring dir ein Willkommensgeschenk. Ich denke, ich habe genau das richtige für dich, wenn ich mir das hier so ansehe.«
Er zog an einer Leine, an deren Ende ein kleiner Hund lief. Dieser bellte und lief gleich schwanzwedelnd auf Nino zu.
»Das ist Wuschel. Den hat meine Hündin vor ein paar Wochen bekommen. Ich dachte mir, dass du vielleicht noch einen kleinen kuscheligen Mitbewohner gebrauchen kannst. Und ich bin mir sogar sicher, dass es ihm jede Menge Spaß machen wird, die auf deinem neuen Skateboard durch die Gegen zu ziehen.«
Jetzt musste Nino grinsen. Seine neuen Nachbarn waren wirklich ganz liebe und nette Leute. Er konnte sich keinen anderen Ort denken, an dem er lieben leben würde.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich danke euch sehr, dass ihr so an mich gedacht habt. Und ich verspreche euch, dass Wuschel und ich euch regelmäßig besuchen werden. Nun bin ich ja auch dazu in der Lage.«
Alle freuten sich mit Nino.
»Und wisst ihr was? Jetzt wollen wir erst einmal alle zusammen in Ruhe frühstücken.«
Nino kroch gemächlich in die Küche und trug, zusammen mit Fräulein Fledermaus frische Ofenbrötchen und mehrere Töpfe mit Marmelade und Honig in das Esszimmer.

(c) 2007, Marco Wittler