1175. Der Geist der Weihnacht

Der Geist der Weihnacht

Das Jahr neigte sich langsam seinem Ende nur. Es waren nur noch wenige Tage, bis Silvester. Diese Zeit schien etwas ganz Besonderes zu sein, denn die Welt hatte sich etwas verändert. Es war eigentlich gar nicht viel geschehen, bis auf die üppigen Beleuchtungen, die an allen Häusern im Dorf unterhalb der alten Burgruine angebracht worden waren.
Hinter einem der wenigen noch intakten Fenster, dass sich in Höhe des Dachbodens befand, schwebte ein kleiner Geist, der sich immer wieder im Anblick der Lichter verlor und davon schwärmte. »Wenn ich doch nur wüsste, warum die Menschen das alles machen. Ich muss unbedingt hinter dieses Geheimnis kommen.«
Er flog ein paar Etagen tiefer, suchte die alte Bibliothek auf, in der die alten Bücher nach und nach zerfielen und steckte seinen Kopf zwischen die Seiten. Dort fand er eine Erklärung und las jede Menge über das Weihnachtsfest und den Weihnachtsmann.
»Du meine Güte. Es ist Weihnachten.«, jubelte der Geist. »Davon habe ich bisher noch nie etwas gehört. Wie konnte mir das nur entgehen?«
Er zog seinen Kopf aus einem großen Buch zurück, durchdrang die alten Gemäuer und schwebte hinab in das Dorf. Hinter jedem Fenster saßen die Menschen vor einem Weihnachtsbaum, packten Geschenke aus und hatten eine schöne Zeit zusammen. »Ob es wohl auch irgendwo ein Geschenk für mich gibt?«
Der kleine Geist suchte ein Haus nach dem anderen ab und entdeckte schließlich ein letztes, übrig gebliebenes Geschenk, das niemand ausgepackt hatte. »Hui. Das muss jemand für mich dort abgelegt haben. Das ist unglaublich spannend.« Er schwebte in das Haus, ließ sich vor dem Paket herab und wollte es öffnen. Aber es ging nicht.
»Oh nein. Was soll das? Warum geht das denn nicht?«
Die kleinen Geisterhände durchdrangen immer wieder das Geschenk und konnten es nicht ergreifen, nicht berühren.
»Warum bin ich nur ein Geist. Das ist so unfair.« Er wischte sich eine geisterhafte Träne aus dem Gesicht und verließ das Haus, so schnell er nur konnte.
»Weihnachten ist doof. Ich kann es nicht leiden, weil es mich nicht leiden kann.« Schon wollte sich der kleine Geist wieder in seine alte Burg zurückziehen, als er eine lachende Stimme über sich hörte. Irgendwo dort oben zwischen den Wolken versteckte sich jemand.
»Wer bist du? Warum lachst du mich aus? Los, komm raus aus deinem Versteck, du Feigling.« Der Geist dachte kurz nach. »Moment mal, warum kannst du mich überhaupt sehen?«
Aus der Dunkelheit des Himmels senkte sich ein großes Gefährt herab, dass von acht Rentieren gezogen und von einem dicken Mann gesteuert wurde. »Ich bin der Weihnachtsmann. Ich weiß alles und ich sehe alles. Da gehören eben auch kleine Geister dazu.«
Der Weihnachtsmann drehte sich um und griff in den riesigen Sack, der hinter ihm lag und holte ein leicht durchsichtiges, schimmerndes Päckchen hervor.
»Das hier ist etwas ganz Besonderes. Es ist ein spezielles Weihnachtsgeschenk für Geister. Menschen könnten es niemals sehen. Dafür kannst du es ergreifen und berühren. Das habe ich dir mitgebracht.«
Der kleine Geist schluckte schwer und nahm das Paket entgegen. »Dankeschön.«, sagte er mit leiser Stimme. Dann öffnete er die Verpackung und holte eine Glasflasche daraus hervor. In ihrem Inneren schwappte kein Getränk hin und her, sondern beinhaltete einen kleinen, leuchtenden Weihnachtsbaum, um den mehrere noch kleinere Geister ihre Kreise drehten.
»Das ist das wundervollste Geschenk, das ich jemals bekommen habe.« Der kleine Geist sah auf und wollte den Weihnachtsmann an sich drückten. Doch der war bereits wieder verschwunden. Ein lautes Ho, ho, ho war das Letzte, was man von ihm wahrnehmen konnte.
»Weihnachtsmann, ich danke dir.«
Der kleine Geist, nahm seine Glasflasche vorsichtig zwischen seine Hände und brachte sie auf den Dachboden seiner Burg, wo er sie Tag für Tag fasziniert betrachtete.

(c) 2021, Marco Wittler


Image by wixin lubhon from Pixabay

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