1339. Eine Burg in Schottland

Eine Burg in Schottland

Paul wachte putzmunter mitten in der Nacht auf. Das war nicht weiter verwunderlich, denn Paul war ein kleiner Geist. Wenn man nicht genau hinsah, glich er einem Bettlaken, das über Ball gehängt worden war. Doch das mochte Paul gar nicht hören, denn damit zogen ihn die anderen Geister immer wieder auf.
»Nur zu gern würde ich mir eine alte Burgruine suchen, in der ich ganz allein spuken kann. Dann würde mich auch nie wieder jemand beleidigen oder sich über mich lustig machen. Aber leider kenne ich keine unbewohnten Burgen.«
Paul schwebte den langen Korridor entlang und durchdrang an dessen Ende die dicken Burgmauern. »Vielleicht kann ich mir ein wenig im Dorf die Zeit vertreiben.«
Im fahlen Licht des Mondes schwebte er an den kleinen Häusern vorbei. Mal sah er heimlich durch die Fenster, mal bestaunte er die Auslagen einzelner Geschäfte. Vor einem Reisebüro blieb der Geist etwas länger hängen.
»Besuchen Sie das Land der tausend Burgen – kommen Sie nach Schottland.«
Paul war begeistert. So viele Burgen, die konnten unmöglich alle bewohnt sein. So viele Geister konnte es doch gar nicht geben. »Ich will nach Schottland reisen.«
Der Geist machte sich sofort auf den Weg an die Küste, wo er schon bald einen Hafen fand. Doch niemand wollte ihm ein Ticket für die Überfahrt verkaufen. Jeder Mensch, dem Paul begegnete, lief schreiend vor ihm davon.
»Was soll ich denn jetzt machen? So komme ich doch nie nach Schottland.«
Beinahe hätte er zu weinen begonnen, doch dann fiel sein trauriger Blick auf eine Papierfabrik. »Ich glaube, ich habe eine Idee.«
Paul schwebte lautlos in das Gebäude und fand einen großen, roten Papierbogen vor. Daraus faltete er sich mit wenigen Handgriffen ein großes Papierboot. »Damit komme ich bestimmt über das Meer. Schon Morgen werde ich meine eigene Burg beziehen können.«
Paul schleppte das Boot zum Wasser, ließ es hinein gleiten und setzte sich hinein. »Na los, fahr schon. Nach Schottland geht es in dieser Richtung.« Das Boot reagierte nicht. »Beweg dich endlich. Ich will fort von hier.« Nichts. Irgendwas stimmte nicht. Hatte der Geist beim Basteln etwas vergessen? Es wollte ihm nicht einfallen.
»Dir fehlt das Segel, damit dich den Wind über das Meer bringt. Du könntest aber auch einen modernen Motor benutzen.«
Paul drehte sich um und sah sich einem grinsenden Regenwurm gegenüber. »Und wer ist bitteschön so besserwisserisch, aber stellt sich mir nicht mal vor?«
Der Regenwurm verbeugte sich. »Mein Name ist Waltraud und ich habe vielleicht eine passende Lösung für dich. Ich weiß zufällig, wie ein Schiffsmotor funktioniert.«
»Hast du denn auch einen Motor dabei?
Waltraud schüttelte den Kopf und lachte. »Nein, aber ich bin der Motor.«
Waltraud sprang ins Wasser, legte den Kopf auf das Papierboot und drehte ihren Schwanz unter der Oberfläche im Kreis. Das Boot nahm Fahrt auf und sprang mit hoher Geschwindigkeit über jede Welle. Paul musste sich an der Reling festhalten, um nicht über Bord zu fallen. »Das ist ja noch viel besser als Achterbahn fahren.«
Die beiden fuhren die ganze Nacht über das Meer. Erst kurz vor der Morgendämmerung erreichten sie die Küste. Schon vom Strand aus konnte Paul die Silhouette einer Burg erkennen. »Das ist sie. Das muss sie sein. Das wird meine Burg und mein neues Zuhause. Los, Waltraud, wir nehmen sie sofort in Besitz.«
Paul legte sich den Regenwurm über die Schultern und schwebte los. Er konnte es kaum erwarten, endlich in den eigenen vier Wänden zu leben. Doch schon vor dem Ziel wurde er immer langsamer. Auf der Zugbrücke saß jemand.
»Ist das etwa ein Geist? Oh nein. Ich hatte gehofft, dass ich keinen von meiner Art hier antreffen würde.« Sie kamen näher. Paul erkannte, dass es kein Geist war, der dort saß. Es war eine junge Prinzessin, die sehr unglücklich aussah.
»Was ist mit dir los?, fragte Paul besorgt. »Geht es dir nicht gut? Kann ich dir helfen?«
Die Prinzessin sah nicht einmal auf. Sie schluchzte dafür umso lauter. »Ach, mir kann niemand helfen. Ich lebe tagein und tagaus allein in meiner Burg. Schon seit vielen Jahren suche ich nach einem Geist, der sich bei mir wohl fühlt. Aber Geister ohne Burg sind in Schottland Mangelware.«
Waltraud knuffte Paul mit dem Schwanz in die Seite und zwinkerte ihm zu. Dann übernahm sie das Wort. »Ich kann dir ein Angebot machen, das du nicht ablehnen kannst.« Waltraud lachte innerlich und freute sich, wie ein kleines Kind. Diesen Satz wollte sie immer schon zu jemandem sagen, hatte aber nie die richtige Gelegenheit gefunden.
»Nun sah die Prinzessin doch auf. Sofort weiteten sich ihre Augen. »Du bist ein Geist? Ein richtig echter Geist?« Ihre Stimme wurde etwas leiser. »Magst du bei mir wohnen? Ich würde mich darüber wirklich sehr freuen.«
Paul jubelte auf. »Hast du das gehört, Waltraud? Wir haben eine eigene Burg gefunden, auf der wir leben können. Das ging viel schneller, als ich je gehofft hätte. Natürlich wollen wir hier wohnen.«
Die Prinzessin sprang auf, fasste Paul an den Händen und tanzte mit ihm vor Freude im Kreis. Dann hielt sie inne, ging einen Schritt zurück und entschuldigte sich. »Tut mir leid.« Sie bekam knallrote Bäckchen. »Ich würde dein Angebot gern annehmen.«
Nun war es Paul, der zu jubeln begann. Dieses Mal nahm er die Prinzessin an den Händen und wirbelte sie herum. »Das muss gefeiert werden.«
So hatte Paul nicht nur seine eigene Burg und ein richtiges Zuhause gefunden, er hatte in Waltraud und der Prinzessin zwei ganz tolle Freunde bekommen.

(c) 2022, Marco Wittler

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