1342. Der Sandmann schlägt zurück

Der Sandmann schlägt zurück

Eine lange und anstrengende Nacht ging zu Ende. Während hinter dem Horizont die Sonne die ersten warmen Strahlen über die Erde schickte und den neuen Tag einläutete, hatten Emily und Mama gerade einmal ein paar Minuten geschlafen.
»Müssen wir denn schon wieder aufstehen?« Emily wollte die Augen gar nicht erst öffnen.
»Nein, wir schlafen einfach weiter.«, konnte Mama sie beruhigen. »Es ist Wochenende. Das nutzen wir jetzt richtig aus.« Sie drehten sich um und schliefen einfach weiter.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wachte Emily wieder auf. Eigentlich hatte sie erwartet, sich ausgeschlafen und fit zu fühlen. Das Gegenteil war aber der Fall. Sie war müde, musste immer wieder gähnen und wollte einfach nur wieder ins Land der Träume entfliehen. Ihre Augen waren vom Schlafsand so verklebt, dass sie sie kaum öffnen konnte.
Emily sank in sich zusammen, doch dann schreckte sie hoch. Schnell tastete sie über ihre Augen und spürte dort übermäßig viel Sand. Das hatte sie so noch nie erlebt. Sie fuhr herum und öffnete die Schublade ihres Nachttischchens. Ihr Headset blinkte rot. Sie hatte mehrere Anrufe überhört und nicht angenommen. Sie setzte es sich schnell auf den Kopf und drückte einen Knopf.
»Hallo Einsatzzentrale, hier Emily. Was gibt es?«
Das Eichhörnchen am anderen Ende der Leitung sprach ganz aufgeregt. Es hatte einen erneuten Zwischenfall gegeben. Das böse Sandmännchen, das sie erfolgreich in die Flucht geschlagen hatten, war erneut im Garten beobachtet worden. Es hatte sich sogar mehrfach dem Haus genähert.
»Ich weiß.«, antwortete Emily zerknirscht und wischte sich den Schlafsand aus den Augenwinkeln. »Dieses Mal scheint er Mama und mich erwischt zu haben. Wie lange haben wir geschlafen? War es ein ganzer Tag?« Was sie dann hörte, entsetzte erschütterte Emily. »Was? Wir waren ganze drei Tage weg vom Fenster?«
Sie sprang aus dem Bett, zog sie zügig ihre dunklen Einsatzanzug an und lief ins Schlafzimmer. »Mama, wach auf. Wir müssen ganz dringend etwas gegen den Sandmann unternehmen. Er ist wieder da und hat uns hereingelegt.«
Auch Mama kam nur sehr schwer zu sich. Sie hatte noch mehr Sand in den Augenwinkeln kleben, den sie nur sehr schwer entfernen konnte. »Wie lange?«
»Drei ganze Tage.«
Mama nickte nur und setzte eine grimmige Miene auf. »Jetzt ist Schluss mit Lustig. Wir müssen ihn ein für alle Mal dingfest machen. Nicht auszudenken, wenn er seine wichtige Aufgabe ausnutzt und die ganze Welt in einen ewigen Schlaf versetzt.«
Emily nahm Mama an die Hand und zog sie mit sich in den Garten. Mittlerweile war es wieder Nacht geworden. Dunkelheit suchte man im Garten allerdings vergebens. In regelmäßigen Abständen standen Scheinwerfer, die jede Ecke perfekt ausleuchteten. Dazwischen huschten immer wieder Eichhörnchen in dunklen Uniformen und Sonnenbrillen hin und her. Sie sicherten und beobachteten die Umgebung.
»Könnt ihr mir etwas Neues berichten?«, fragte Emily den Einsatzleiter. Der konnte aber auch nur seinen plüschigen Kopf schütteln. Der Sandmann war immer wieder gesehen worden, konnte sich aber jedes Mal rechtzeitig vor seiner Festnahme absetzen. Die Eichhörnchen standen ihm hilflos gegenüber. Jeder Plan, den sie sich in den letzten drei Tagen überlegt hatten, war durchkreuzt worden.
Emily blickte Mama an. »Ich weiß nicht, wie wir ihm das Handwerk legen sollen. Meine Leute sind mit ihren Ideen am Ende. Ich befürchte, dass er sein Ziel bald erreicht haben wird. Wir müssen uns geschlagen geben.
Mama kniete sich hin, sah ihrer Tochter ernst in die Augen und schüttelte den Kopf. »Wir werden niemals aufgeben, solang man uns nicht geschlagen hat. Wenn wir den Sandmann nicht selbst schlagen können, müssen wir jemanden holen, der es eben kann.«
Emily riss ihre Augen begeistert auf. »Holen wir Batman? Kennst du die Nummer von Chuck Norris oder Spiderman?«
Mama schüttelte den Kopf. »Das sind doch alles nur Figuren aus Comics und Filmen. Wir brauchen jetzt aber einen Superhelden, der echte Muckis hat und der jedem Schurken unerschrocken gegenüber tritt.«
Mama tat etwas, das Emily noch nie zuvor erlebt hatte. Sie holte einen kleinen Stöpsel aus ihrer Tasche und steckte ihn in ihr Ohr. »Ich hatte gehofft, dass es nie so weit kommen würde. Trotzdem ist dieser Augenblick nun gekommen. Ich rufe den Retter der Welt. Ich rufe den Mucki Frosch.«
Kaum hatte sie diesen Namen ausgesprochen, erschien ein holografisches Bild vor ihr. Darauf war das Gesicht eines Frosches zu sehen. »Ich bin schon unterwegs. Ich werde den Sandmann in Nullkommanichts zur Strecke bringen.« Während er sprach, stieg der Mucki Frosch in seinen Flieger. Vor ihm saß sein treuer Begleiter und Assistent. Der Storch würde ihn innerhalb kürzester Zeit zum Garten fliegen.
»Der Mucki Frosch?«, fragte Emily ungläubig, nachdem das Bild erloschen war. »Den gibt es doch nicht wirklich, oder? Ich habe noch nie etwas von ihm gehört.«
Mama grinste. »Nicht nur du hast dein treues Einsatzteam, ich habe schon lange vor deiner Geburt geheime Operationen geleitet.«
Es wurde laut über dem Garten. Ein Fluggerät setzte zur Landung an und parkte mitten auf der Wiese. Eine Luke öffnete sich und der Mucki Frosch sprang heraus.
»Wo ist er? Wo finde ich den Sandmann?« Die Frage konnten die anwesenden Eichhörnchen natürlich nicht beantworten. »War ja klar. Amateure.« Der Mucki Frosch schnaubte und sah sich um. »Warum hat denn niemand diese Spur hier entdeckt?«
Er zeigte auf feinen Sand, der zwischen den Grashalmen glitzterte. »Hier ist er entlang geschlichen.« Sofort nahm er die Verfolgung auf, sprang mit seinen muskulösen Beinen von einer Ecke des Hauses in die nächste. Er durchkämmte den Keller und landete schließlich auf dem Dach. »Hier muss er irgendwo sein.« Er umrundete den Kaminschlot.
»Ha! Hab ich dich!« nun standen sich Frosch und Sandmann gegenüber.
»Mich bekommst du niemals in deine glitschigen Finger.«
»Wollen wir wetten?«, entgegete der Mucki Frosch seelenruhig.«
Der Sandmann griff in seine Tasche, holte eine Hand voll Sand hervor und blies ihn dem Frosch entgegen. »Schlaf gut.« Er lachte.
Der Mucki Frosch bewegte sich nicht vom Fleck. Er öffnete nur sein Maul, ließ seine Zunge hervor schnellen und packte damit den Sandmann. Er zog ihn blitzschnell vor sich und benutzte ihn als Schutzschild. So bekam der Bösewicht seine eigene Waffe zu spüren und schlief wenige Sekunden später ein.«
»Ich würde sagen, der Fall ist erledigt.« Mit seinem Gefangenen sprang der Frosch zurück in den Garten und übergab ihn den Eichhörnchen. »Schon auf ihn aufpassen. Er ist gefährlich. Ihr solltet diesen Job nicht vermasseln.«
Er nickte zuerst Mama zu, dann Emily, bevor er wieder in sein Fluggerät sprang. »Bis zum nächsten Mal. Gemeinsam retten wir die Welt.«

(c) 2022, Marcco Wittler

Den ersten Teil zu dieser Geschichte findest du hier. KLICK

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