1399. Die Obduktion

Die Obduktion

Kommissarin Emmi war am Tatort eingetroffen. Der Tote, der vor ihren Füßen lag, war schrecklich zugerichtet. Jemand hatte ihm das plüschige Fell zerfetzt, die weiche Füllung lag zum Teil um ihn herum auf dem Boden verteilt.
»Wer macht denn so etwas Schreckliches?«, fragte Inspektor Paul. »Ich kann gar nicht hinschauen.«
Emmi kniete sich hin und fuhr langsam mit der Hand über den zerstörten Körper des alten Teddybären. »Sieht aus, als hätte er den Kampf mit einer Katze nicht überlebt. Mit ihren scharfen Krallen könnten sie ihn tatsächlich so schlimm zugerichtet haben.«
Emmi sah sich um. In jeder Ecke der alten Scheune sah sie kleine Augenpaare funkeln, die sie auf Schritt und Tritt verfolgten. Die Katzen, die hier lebten, behielten sie genau im Auge.
»Ja, ich meine euch.« Emmi richtete sich auf und sah sich um. »Eine von euch hat sich über diesen armen Teddy hergemacht, hat ihn umgebracht und schrecklich zugerichtet. Ich verspreche euch, dass ich diesen Fall noch bis zum Abend aufgeklärt und die schuldige Katze überführt habe.«
»Wo ist der Tatort, wo soll ich hin?« Papa kam gerade mit einem großen Koffer in die Scheune und stolperte beinahe über einen Strohballen, der zum Teil zerlegt war.
»Ich habe noch nie so einen stümperhaften Pathologen gesehen.« Emmi schüttelte den Kopf. »Hoffentlich führt er trotzdem die Obduktion gut aus.«
Papa setzte sich neben den armen Teddy und holte aus dem Koffer eine Pinzette hervor, mit der er das aufgeschlitzte Fell hin und her zog. »Das muss eine Katze gewesen sein. Du hast es ja bereits vermutet. Da gebe ich dir voll und ganz Recht. Als Pathologe ist es schließlich mein Job, herauszufinden, wie jemand verstorben oder ermordet wurde. Niemand kann eine Obduktion besser durchführen als ich.«
»Dann liegst du heute aber mächtig daneben.« Olaf, Papas Bruder kam herein. Ihm gehörte nicht nur die Scheune, sondern auch der Bauernhof, die Weiden und Felder im Ort.
»Ich bin mit der Sense über die Weide gegangen und habe das Gras gemäht. Irgendein Kind muss den Teddy wohl darin verloren haben. Ich habe ihn dann leider erwischt, versehentlich aufgeschnitten und erstmal hier in die Scheune gelegt. Hab ihn dann vergessen. Ist auch schon eine Weile her.«
Die drei Ermittler seufzten. Sie waren so nah dran gewesen und dann hatte Onkel Olaf alles kaputt gemacht. Emmi steckte ihre Lupe ein, mit der gerade eben noch nach Spuren gesucht hatte und Paul seinen Notizblock. Nur Papa fummelte noch am Teddy herum.
»Hey Leute! Schaut euch das mal an. Das werdet ihr niemals glauben, wenn ihr es nicht seht.«
Emmi, Paul und Olaf blickten auf den Teddy herab. Papa zog vorsichtig das Fell auseinander und gab den Blick tief in Innere frei. In das verbliebene Futter hatte sich ein Feldhamster gekuschelt, der dort friedlich schlief.
»Ganz schön clever.«, sagte Emmi. Darin wird er von keiner Katze erwischt. Schlaues Kerlchen. Dann legen wir den Teddy mal schön zur Seite und lassen den Hamster schlafen.«

(c) 2022, Marco Wittler

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