Agent 00 Fritte geht der Sache auf den Grund
Die letzten Stunden hatte Herr Fritte im gemütlichen Ohrensessel in seiner großen Bibliothek verbracht. In seinem weinroten Abendmantel und der bunten Fliege um seinen Hals, war der große grauweiße Kater trotzdem schick gekleidet. Doch so gemütlich war es nicht gewesen. Die Spannung des Buches, welches er sich für diesen Abend ausgesucht hatte, war so groß gewesen, dass er sich die ganze Zeit nach vorn gebeugt hatte.
Herr Fritte las den letzten Satz, atmete erleichtert auf und lehnte sich endlich wieder zurück. Seine Lektüre klappte er zu und legte sie auf den Beistelltisch an seiner linken Seite.
»Eigentlich wollte ich mir mit diesem Roman ein paar Tage zeit lassen.« Herr Fritte lächelte vor sich hin. »Wer hätte gedacht, dass es diese Agentengeschichte so in sich hat. Jetzt muss ich mir für Morgen ein neues Buch auswählen.«
Die Tür zum Korridor öffnete sich. Ein weiterer grauweißer Kater mit einer sehr markanten Frisur trat ein. Er war einen ganzen Kopf kleiner, dafür aber wesentlich muskulöser als Herr Fritte. Er schob einen kleinen, messingfarbenen Servierwagen herein, auf dem frischer Baldriantee dampfte.
»Mein lieber Anton. Mal wieder kommst du im richtigen Augenblick. Mir scheint, als könntest du Gedanken lesen.«
Anton nickte, schenkte Tee in drei Tassen ein und gesellte sich zu seinem Herrn. Dass der Tee schon seit einer Weile auf dem Holzofen gestanden und er selbst an der Tür gelauscht hatte, behielt er natürlich für sich.
Mit ein paar Minuten Verspätung kam auch Mister Little in die Bibliothek. Mit seinen zwei Krücken, auf denen er sich fortbewegte, dauerten die Wege in der großen Villa immer etwas länger. »Dieser wohlige Duft. Da musste ich natürlich sofort meine Arbeit unterbrechen und mir ebenfalls einen leckeren Schluck gönnen.«
Herr Frittes persönlicher Assistent für alle Lebenslagen, ein kleiner schwarzweißer Kater, setzte sich auf einen der anderen Sessel und griff nach der letzten Tasse. Gemeinsam saßen sie nun da, genossen den Tee und schwiegen, während jeder von ihnen seinen Gedanken nachhing.
»Was beschäftigt euch, meine Freunde?«, fragte Herr Fritte schließlich.
»Ich kümmere mich gerade um die Buchhaltung.«, antwortete Mister Little. »Ich plane unsere nächste Reise, um in einem fernen Land einen kniffligen Fall zu lösen, um den wir bisher in keinem Urlaub herumgekommen sind. Außerdem treffe ich bereits jetzt Vorkehrungen, damit ihnen, mein Herr, keine Missgeschicke passieren, aus denen wir sie nur schwer wieder herausbekommen.«
»Das sind wirklich sehr viele Dinge, die du gleichzeitig im Kopf haben musst. Wie gut, dass ich dich dafür habe. Ich lasse mich leider immer viel zu schnell von allen möglichen Dingen ablenken.«
Herr Fritte wandte sich Anton zu, der gerade mit großen Augen einer Fliege nachstarrte, die über die Innenseite eines Fensters spazierte.
»Ähm … also das ist so …« Anton fiel es schwer, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. Die Fliege lenkte ihn zu sehr ab. Er hob eine Pfote, klopfte sich einmal gegen den Kopf und blickte nun auf Herrn Fritte. »Ich habe mich um die Wäsche gekümmert Dabei fiel mir etwas auf. Wie jedes Mal, fehlten ein paar Socken, die sich nicht mehr auffinden ließen. Weder in der Trommel, noch um die Waschmaschine herum war auch nur die kleinste Spur zu entdecken. Da stellte sich mir die dumme Frage, ob sie vielleicht von jemandem geklaut wurden. Hm.« Er dachte kurz nach, zuckte mit den Schultern und schaute wieder der kleinen Fliege nach.
»Das ist gar keine dumme Frage, mein lieber Anton. Tatsächlich habe ich mir schon oft den Kopf darüber zerbrochen, aber noch nie ist eine Antwort dabei herausgekommen. Vielleicht sollten wir der Sache endlich auf den Grund gehen. Was haltet ihr davon?«
Herr Fritte blickte zu Anton und Mister Little nacheinander an, die ihm begeistert zunickten. »Dann ist es abgemacht. Wir gehen in den Keller und suchen die verlorenen Socken.«
»Ich möchte mich kurz entschuldigen.« Anton stand auf und ging zur Tür. »Ich werde in ein paar Minuten nachkommen. Vorher muss ich noch etwas Dringendes erledigen.« Er verschwand im Flur und ließ die anderen Kater ohne eine weitere Erklärung zurück. Herr Fritte und Mister Little mussten allein die dunkle Kellertreppe hinabsteigen.
Im Schein einer Kerze, die sie mitgebracht hatten, betraten sie den Waschraum und inspizierten die fragliche Maschine von allen Seiten. Nirgendwo war eine verlorene Socke zu sehen. Herr Fritte öffnete die Tür, steckte den Kopf hinein, schaute sich um und kletterte schließlich zur Hälfte in die Trommel. Nichts.
»Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, Mister Little. Unsere Socken lösen sich nicht einfach in Luft auf. Dafür muss es ein andere, eine ganz einfache Lösung geben. Wir müssen sie nur finden.«
»Und schon bin ich da und eile zur Tat. Hoffentlich habe ich nichts Wichtiges verpasst.« Anton war im Keller erschienen. Zeitgleich vibrierte etwas in Herrn Frittes Manteltasche. Der Kater griff hinein und holte eine leere Dose heraus. Er drückte sie. Eine Stimme plärrte ihm entgegen. »Hallo! Ich stinke!«
Die Kater sahen sich verwirrt an, bis Herr Fritte breit grinste. »Das ist das brandneue iDose 17. In der Pro Max Version ist es endlich schnurlos, damit man es überall benutzen kann. Eine grandiose Erfindung.«
»Hallo! Ich stinke!«, wiederholte sich das Dosentelefon. »Mach mich sauber!«
Herr Fritte lachte. »Du hattest also wichtige Dinge zu erledigen, mein lieber Anton? Dreht es sich dabei zufällig um das neue, vollautomatische Katzenklo, dass sich danach auf meinem Dosentelefon meldet?«
Anton verdrehte die Augen. »Ja, sorry, ich hab Tee getrunken. Davon wird halt meine Blase so schwach, dass ich alle fünf Minuten pullern könnte. Dafür muss ich mich aber nicht schämen.«
Herr Fritte legte Anton eine Pfote auf die Schulter. »Du hast so recht.«
Sie wandten sich der Waschmaschine zu. Zeitgleich kratzten sich am Kopf und seufzten, weil eine Lösung des Falls ganz weit weg schien.
»Vielleicht …« Mister Little hob die Pfote, streckte eine einzelne Kralle aus und wippte mit dem Arm auf und ab. »Vielleicht sollten wir uns das Gehäuse vornehmen. Auf der Seite ist eine Klappe, die man …«
»Geht zur Seite.«, fuhr ihm Anton dazwischen. »Ich kümmere mich darum.« Er macht einen Sprung, griff an die Klappe und riss sie mühelos vom Gehäuse, als bestünde sie aus dünnem Papier.
»… abschrauben kann.«, beendete Mister Little seinen Satz.
»Wer braucht schon Schraubendreher, wenn er Muskeln aus Stahl hat?« Anton klopfte sich auf seinen tätowierten Oberarm und trat zur Seite. »Nach ihnen, meine Herren.«
Herr Fritte ließ sich kein zweites Mal bitten und steckte seinen Kopf durch die Klappe. »Das werdet ihr mir niemals glauben. Das Ding ist innen größer als von außen. Was für eine Magie, was für ein Zauber ist das?«
Anton zuckte mit den Schultern. »Das muss so ein wibbly wobbly, timey wimey Dimensionsding sein.« Er hielt überrascht inne. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Und vor allem, woher war dieser Geistesblitz gekommen, der er selbst nicht mal verstand.
Sie kletterten, Herr Fritte voran, in das Gehäuse und fanden sich in einem aus Stein gehauenen Gang wieder, der tief in die Dunkelheit führte. Anton nahm Mister Little huckepack. Hier wäre es zu gefährlich gewesen, sich mit Krücken fortzubewegen.
Langsam, im Schein der kleinen Kerze, erkundeten sie den Gang, bis dieser sich weitere und in einer riesigen Höhle endete.
»So war das aber nicht geplant, als ich die Waschmaschine bestellt habe. Das steht auch nicht in der Bedienungsanleitung.«
Herr Fritte leuchtete umher, bis er am der Decke etwas Buntes entdeckte. »Da oben. Schaut! Da hängt eine meiner Regenbogensocken.«
Tatsächlich. Von allein hätte sie das wohl nicht geschafft. Es musste sie also jemand dort aufgehangen haben.
»Und dort ist eine grüne, eine rote, eine gelbe Socke.« Die ganze Höhlendecke war voll. »Endlich können wir sie wieder komplett in den Schrank räumen und müssen nicht ständig neue kaufen.«
Doch dann hörten sie ein leises Gähnen.
»Wir sind anscheinend nicht allein. Irgendwas geht hier vor.«
Auf leisen Pfoten bewegten sie sich weiter fort, sahen hier hin und dort hin, bis sie eine Socke fanden, die tief genug hing, um in sie hinein zu blicken.
»Da schläft ja jemand drin.«
Herr Fritte hob die Kerze, hielt aber zeitgleich eine Pfote davor, um niemanden zu wecken. »Das ist eine kleine Fledermaus. Ist das nicht süß?« Er blickte um sich und nickte. »Jetzt verstehe ich, warum uns immer wieder die Socken geklaut werden. Hier steht kein einziges Bett. Der Boden ist so hart, dass man dort bestimmt nicht gut schlafen kann. Die Fledermäuse haben sich unsere Socken geholt, damit sie es warm und gemütlich haben. Das sollten wir ihnen auf keinen Fall nehmen. Am Besten gehen wir zurück, verschließen die Klappe und unternehmen gar nichts.« Herr Fritte überlegte kurz und lächelte. »Nur eines können wir machen. Wir kaufen uns riesiges Paket mit noch mehr Socken. Dann reichen sie für uns alle.«
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