817. Bunt, schrill, laut und anders

Bunt, schrill, laut und anders

Es war still. Zu still. Es war so still, dass man vielleicht nicht einmal eine Stecknadel hätte fallen hören.
In der normalen Welt, in der wir uns jeden Tag bewegen, mochte das völlig undenkbar klingen, aber im Weltraum war dies völlig normal.
Da oben, fernab vom allem, war es eigentlich immer still – zumindest solang man sich nicht an Bord eines Raumschiffs oder einer Raumstation befand.
In dieser Geschichte geht es aber nicht um die Stille des Weltraums, sondern um das hektische, laute, schrille, bunte Treiben an Bord eben einer solchen Raumstation.
Und was soll ich euch berichten? Nicht mehr, als dass es hektisch, laut, schrill und bunt war.
In jeder Ecke, jedem Raum, jedem Gang befanden sich Lebewesen jeglicher Art. Sie waren groß, klein, dick, dünn, in allen Farben, Formen und Tönen.
Diese Raumstation hatte etwas einzigartiges an sich, denn jeder hier an Bord war auf seine Weise einzigartig. Das gab es sonst nirgendwo in dieser großen Galaxie, nicht einmal in diesem riesigen Universum.
Und jetzt saß ich da, inmitten dieser exotischen Lebewesen, die vor sich hin schnatterten, redeten, schnalzten und knatterten.
Manche unterhielten sich mit Worten, anderen mit Geräuschen, Tönen, Gedanken. Ich entdeckte sogar einige, die mit lauten Fürzen kommunizierten und sich dabei kaputt lachten.
Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet, was niemand jemals für möglich gehalten hatte.
Eine der vielen Schleusen öffnete sich und spülte Neuankömmlinge von einem Raumschiff in die Station.
Die Neuen waren seltsam. Schon beim ersten Anblick erkannte ich, dass sie nicht hierher gehörten, dies wohl auch nicht wirklich wollten. Sie waren nämlich nicht verschieden. Sie sahen alle gleich aus.
Sie hatten die gleiche Körpergröße und -form. Sie trugen alle den gleichen grauen Raumanzug und ihre Haut die immer gleiche graue Farbe.
Mit ihrer Gleichartigkeit zogen sie sämtliche Blicke auf sich und schufen etwas, dass es an diesem Ort noch nie gegeben hatte: absolute Stille.
Die Grauen schlenderten durch die bunten, schrillen Massen und sahen jeden von uns angewidert an.
»Du meine Güte, bist du aber hässlich!«, beschimpften sie einen grünen Glibber, der langsam vorwärts schleimte.
»Und du könntest mal einen Friseurtermin gebrauchen.«, sagten sie einem feuerroten Fellwesen.
Jeder bekam eine fiese Beleidigung an den Kopf geworfen.
Wer nicht Opfer des grauen Zorns werden wollte, versteckte sich irgendwo, bis sich die Stimmung veränderte.
Die ersten Lebewesen schlossen sich der grauen Gruppe an, beleidigten nun auch und verwandelten sich dabei. Sie verloren ihre Farben und wurden selbst grau.
Nach und nach wurden die Grauen immer mehr, fanden zum einen mehr Opfer und mehr Anhänger.
Die Raumstation hingegen verlor immer mehr ihrer Farben, ihrer schrillen Bewohner, ihrer Einzigartigkeit.
Ich hatte genug gesehen, gehört und mitbekommen. Ich versuchte, irgendwie von diesem seltsamen Ort zu entkommen, mich zu verstecken. Doch dann musste ich eines feststellen: Ich war als einziger Bunter übrig geblieben.
Die Grauen sammelten sich um mich, bedrängten mich, schlossen mich in ihrem schauderhaften Kreis ein.
Die beschimpften und beleidigten mich, warfen mir vor, zu anders zu sein und nicht hierher zu gehören. Ich solle mich dorthin zurück scheren, woher ich gekommen sei.
Ich wollte mich einfach nur noch vor Angst auf den Boden fallen lassen und dem Ganzen entkommen. Aber plötzlich spürte ich eine seltsame, nie zuvor gekannte Kraft in mir.
Ich spürte meinen Stolz. Ich war stolz auf das, was ich war, stolz auf meine Herkunft, stolz auf das, was ich war.
Ich stellte mich den Grauen entgegen, blickte sie entschlossen an und begann auf die einzureden.
»Was fällt euch eigentlich ein? Ihr beschimpft mich, nur weil ich anders aussehe? Was fällt euch eigentlich ein? Ihr fühlt euch doch nur in der großen Gruppe so stark. Aber ich glaube kaum, dass es sich auch nur einer von euch wagt, mir allein entgegenzutreten.«
Die Grauen blieben stehen, wurden still und sahen mich verwirrt an. Also sprach ich weiter.
»Auch wenn ihr alle gleich zu seien scheint, seid ihr trotzdem alle ganz verschieden. Der eine isst gern Süßes, der andere Saures. Einer liest gern Bücher aus Papier, der andere elektrisch. Einer hört gern Rockmusik, der andere Schlager. Und ich bin mir auch ganz sicher, dass jeder von euch ein ausgefallenes Hobby hat.«
Ich holte einmal tief Luft.
»Ihr seid alle völlig verschieden. Jeder von euch ist einzigartig. Und das ist das Tolle an uns allen.«
In diesem Moment geschah etwas. Die Grauen bekamen Farben. Sie wurden wieder bunt, schrill, laut und hektisch.
Der Hass auf das Andere war verschwunden. Jeder war nun stolz auf das, was ihn einzigartig machte. Jeder erfreute sich über seine bunten, verrückten Gedanken in einer bunten, verrückten Welt.
Unsere Raumstation wurde wieder zu dem, was sie immer schon gewesen war: ein Ort, an dem jeder willkommen war.

2 Kommentare

    • Hallo Laila.
      Vielen Dank für dein Lob und dass dir die Geschichte gefallen hat. Das ist für mich auch deswegen schon ein besonderes Lob, weil ich zu Anfang nicht wirklich wusste, was ich schreiben sollte, sondern einfach frei los getippt habe. Am Ende war ich selbst überrascht, was da entstanden ist.

      Liebe Grüße,
      der Marco

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