534. Die böse Gewitterwolke

Die böse Gewitterwolke

Es war wieder einmal ein traumhaft schöner Tag im sonnigen Königreich. So war das Wetter eigentlich immer, denn tagsüber schien die Sonne. Regen gab es nur in der Nacht, während die Menschen schliefen. Dadurch war das Königreich etwas ganz Besonderes. Denn so ein gutes Wetter gab es nur hier. Deswegen waren hier alle Menschen viel glücklicher als in anderen Ländern. Doch eines Tages ereignete sich etwas Sonderbares.
Zur Mittagsstunde stand ein junger Schafhirt auf der Weide und bewachte, zusammen mit seinem großen Hund, die Herde des Königs.
»Was ist denn das?«, wunderte er sich bei seinem Blick zu den fernen Bergen. »Was ist das dort hinten am Himmel?«
Und tatsächlich sollte sich schon bald etwas ereignen, dass die Menschen des sonnigen Königreichs noch nie zuvor erlebt hatten.
»Ich glaube, wir sollten uns das einmal näher anschauen.«, sagte der Schafhirte zu seinem Hund.
Schnell trieben sie die Schafe zusammen und sperrten sie hinter einem Gatter ein. Dann machten sie sich mit schnellen Schritten auf den Weg in Richtung der Berge.
Es sollte nicht lange dauern, bis sie eine Antwort bekamen, denn ihre Entdeckung kam ihnen entgegen.
»Ist das eine Wolke?«, fragte sich der Hirte und kratzte sich am Kopf. Und bei näherem Hinsehen wurde es dann schließlich klar: »Ja, es ist tatsächlich eine Wolke.«
Wirklich sonderbar, dachte er sich, denn zur Mittagsstunde hatte es noch nie Wolken am Himmel gegeben. Die tauchten sonst erst zum Sonnenuntergang am Abend auf.
»Da stimmt etwas nicht. Wir müssen sofort dem König Bescheid geben.«
Der Hirte nahm die Beine in die Hand und rannte zurück zur Schafherde und trieb die Tiere schnell zur Stadt zurück, wo er sie in ihren Stall sperrte. Dann machte er sich sofort auf den Weg zum nahen Schloss.

»Was willst du hier?«, fragte ihn ein grimmiger Soldat, der den Eingang zum Schloss versperrte.
»Ich muss dem König eine wichtige Nachricht überbringen.«, keuchte der Schafhirte. »Etwas stimmt nicht mit dem Wetter. Es zieht eine große, dunkle Wolke am Himmel auf.«
Der Soldat lachte und hielt sich den Bauch. »Eine Wolke? Zur Mittagszeit? Du hast wohl zu lange in der Sonne gestanden und einen Hitzschlag bekommen. Wolken gibt es erst heute Abend wieder. Geh nach Hause und nerv unseren König nicht mit deinen Märchen.«
Der Hirte seufzte. »Aber es stimmt wirklich. Ich habe sie gesehen. Sie kommt direkt auf unsere Stadt zu. Ich bin mir sicher, dass man sie auch vom höchsten Turm des Schlosses leicht bemerken kann. Lass mich bitte herein.«
Mittlerweile verstummte das Lachen des Soldaten. Sein Blick wurde noch grimmiger. Er zog sein Schwert hervor und hielt es bedrohlich vor sich.
»Entweder zu verschwindest jetzt endlich oder ich werde dich mit Gewalt von hier vertreiben.«
Der Hirte ließ seine Schultern hängen und trottete verzweifelt davon.

Kurz nach der Mittagsstunde wurde es still in der Stadt. Es war, als hätten nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch die Straßen und Häuser den Atem angehalten. Kein Laut war mehr zu hören, denn die große, dunkle Wolke hing mittlerweile über der Stadt und verschluckte fast jedes Licht.
»Was wird jetzt mit uns geschehen?«, fragte sich jeder. Der Soldat vor dem Schloss bibberte und zitterte am ganzen Körper und hatte ein schlechtes Gewissen, dass er dem jungen Schafhirten nicht geglaubt hatte. Doch dafür war es nun zu spät.
Im Innern des Schlosses stand der König am Fenster seines Thronsaals und sah besorgt nach draußen.
»Das hat es in der Geschichte des sonnigen Königreichs noch nie gegeben. Weder ich, noch einer meiner Vorväter hat jemals am Tag eine Wolke am Himmel entdeckt – weder über der Stadt, noch am fernsten Horizont. Ich hoffe, dass sie bald wieder verschwindet und uns nichts Schlimmeres passiert.«
Doch dann begann es zu regnen. Zuerst waren es nur wenige Tropfen, die aber schnell größer wurden. Es goss wie aus riesigen Eimern. Es brauchte nur wenige Augenblicke, um die Kleidung der Menschen auf den Straßen komplett zu durchnässen. Sofort verschwanden sie alle in ihren Häusern und kamen nicht mehr hervor.

Das Wetter änderte sich den ganzen Tag nicht mehr. Es regnete ohne Pause bis zum Abend. Es regnete die ganze und am nächsten Tag regnete es immer noch. Und selbst nach einer ganzen Woche hatte sich immer noch nichts verändert. Das Unwetter wollte nicht verschwinden.
Und wer genau hinhörte, konnte ein böses Lachen vom Himmel hören. Der Wolke machte es nämlich riesigen Spaß, die Menschen mit ihrem prasselndem Regen zu ärgern und zu quälen.
»Ich weiß mir keinen Rat.«, sagte der König zu seinen stärksten Rittern, die er in seinem Thronsaal versammelt hatte. »Die Wolke hat das Leben in unserer sonst so schönen Stadt zum Erliegen gebracht. Das Volk traut sich nicht mehr auf die Straßen. Die meisten von ihnen können nicht arbeiten. Wenn sich nicht bald etwas ändert, werden wir verhungern und unser sonniges Königreich wird verarmen. Das müssen wir irgendwie verhindern. Wer von euch hat eine Idee?«
Er sah in die Runde. Eine Antwort ließ auch nicht lange auf sich warten, denn die Ritter waren die tapfersten Männer des Landes und stellten sich jedem Kampf.
»Wir müssen die Wolke angreifen und sie zu einem Duell herausfordern. Wir Rittersleut werden sie vertreiben.«
Und so sollte es geschehen. Die Ritter kleideten sich in ihre glänzenden Rüstungen, bewaffneten sich mit Schilden und Schwertern. Sie ließen ihre Pferde satteln und ritten aus der Stadt hinaus, um sie vom schlechten Wetter zu vertreiben.
Der junge Schafhirte sah aus seinem Fenster, als er zufällig das Getrappel von Pferdehufen hörte. Er sah die Ritter, wie sie sich auf den Weg machten. Und das erschreckte ihn sehr. Sofort lief er zum Palast, in den er dieses Mal eingelassen wurde.

»Ihr müsst die Ritter aufhalten. Sie können die Wolke nicht bekämpfen.«, rief er dem König schon von der großen Treppe zu, die zum Thronsaal führte.
»Wieso sollte ich sie aufhalten?«, fragte der König. »Meine tapferen Ritter werden die Wolke angreifen, bekämpfen und vertreiben. Sie werden siegreich zu uns zurückkehren und sich von uns gebührend empfangen lassen.«
»Aber schaut doch zum Himmel hinauf, euer Majestät.«, versuchte der Hirte zu erklären.
»Es ist eine gefährliche Gewitterwolke, die uns bedroht. Wenn die eisernen Rüstungen der Ritter von einem Blitz getroffen werden, wird Schlimmes geschehen.«
Der König sah nach draußen und dachte eine Weile nach.
»Papperlapapp.«, winkte er schließlich ab. »Die Wolke ist tatsächlich sehr dunkel. Aber sie regnet nun schon seit sieben Tagen auf uns herab. In der ganzen Zeit habe ich nicht einen Blitz gesehen und auch keinen Donner gehört. Sie ist keine Gewitterwolke.«
In diesem Moment durchzuckte ein helles Licht den düsteren Himmel, gefolgt von einem Ohren betäubenden Knall. Ein Blitz raste zur Erde hinab und traf den ersten Ritter in die glänzende Rüstung. Dieser fiel sofort um und bewegte sich nicht mehr.
Weitere Blitze folgten und streckten einen Ritter nach dem anderen nieder, bis die wenigen Verbliebenen voll Angst zurück in die Stadt flüchteten.
»Ich habe es euch gesagt, euer Majestät. Gewitterwolken sind zu gefährlich für Ritter.«
Der König zitterte am ganzen Körper, als er sah, dass selbst seine tapfersten Männer nichts gegen den Feind am Himmel ausrichten konnten. Stattdessen hörte er das höhnische Lachen der Wolke und blickte erstmals in ihre Augen, die böse auf ihn hinab blickten.
»Aber wie sollen wir die Wolke bekämpfen? Wie sollen wir jemals wieder die Sonne sehen? Ich weiß mir keinen Rat mehr.«
Der Schafhirte sah sich um. Er brauchte schnell eine zündende Idee. Da entdeckte er die Prinzessin, die neben sich einen kleinen Spiegel liegen hatte.
»Ich werde die Wolken verjagen.«, entschloss sich der Hirte, schnappte sich den Spiegel und lief damit nach draußen auf die Straße. Von einem der flüchtenden Ritter, die ihm entgegen kamen, nahm er sich ein Schwert. Mit diesen beiden Dingen stellte er sich vor den Mauern der Stadt auf und rief der Wolke entgegen.
»Eine ganze Armee tapferer Ritter kannst du leicht schlagen. Aber mit einem schlauen Schafhirten wirst du es niemals aufnehmen können, denn du bist nur ein dummes Monster am Himmel, das nicht viel im Kopf hat.«
Die Wolke hatte diese beleidigenden Worte natürlich gehört. Sofort wandte sie sich dem zitternden Mann unter sich zu. Ihre Augen blickten ihn so böse und von Hass erfüllt an, dass der Schafhirte nur zu gern sofort im Erdboden verschwunden wäre. Aber dafür war es nun zu spät. Langsam hob er das Schwert ab.
»Los, kämpf mit mir, wenn du dich traust!«
Das ließ sich die Wolke kein zweites Mal sagen. Sie ließ es donnern und jagte einen besonders großen und hellen Blitz dem Hirten entgegen.
Dieser ließ im gleichen Augenblick das Schwert fallen und hielt mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, den Spiegel vor sich.
Der Blitz traf auf den Spiegel und wurde von der glänzenden Oberfläche zurück in den Himmel geschickt. Nur einen Moment später traf er die Wolke, die vor Schmerzen aufschrie. Sie spürte, dass den Kampf verloren hatte. Sofort verzog sie sich hinter das ferne Gebirge, verschwand und ward nie wieder gesehen.
Der junge Schafhirte aber war zum größten Helden des Landes geworden. Patschnass kam er zum Schloss zurück und überreichte der Prinzessin dankbar ihren Spiegel.
Der König wollte ebenfalls seinen Dank zum Ausdruck bringen und bot dem Schafhirten seine Tochter zur Frau an, die er nur zu gern annahm.
Von diesem Tag schien wieder jeden Tag die Sonne im sonnigen Königreich. Der Regen fiel nur noch in den Nächten.

(c) 2016, Marco Wittler

372. Gewitterblitze

Gewitterblitze

Es war bereits dunkel geworden, als die ersten Regentropfen in dieser Sommernacht vom Himmel fielen. Die Nacht war schwül und viel zu warm, doch in den nächsten Stunden würde es die lang ersehnte Abkühlung geben.
Aber als der Regen stärker wurde, kam starker Wind auf. Nur wenige Minuten später wurden die Wolken von einem hellen Licht zerrissen, dem ein lauter Schlag folgte. Es war ein kräftiges Gewitter, das nun über das Land zog und für Unruhe sorgte.
Hin und wieder sah Papa aus dem Fenster, nippte an seiner Tasse Tee, die schon lange kalt geworden war und las dann wieder ein paar Zeilen in seinem Buch.
Plötzlich war da ein leises Geräusch aus dem Kinderzimmer zu hören. Erst war es nur ein kleines Wimmern, doch dann steigerte es sich schnell zu einem Weinen. Papa seufzte und stand auf.
»Was ist es denn dieses Mal?«, murmelte er vor sich hin und warf einen Blick in das dunkle Zimmer.
»Warum weinst du denn, Leon?«, fragte er.
Sein kleiner Sohn saß weinend auf dem Bett und hatte seine Arme um seine Beine geschlungen.
»Ich kann nicht schlafen. Da draußen ist dauernd helles Licht und es kracht ganz laut.«
Wieder schluchzte er und dicke Krokodilstränen rannen an seinen Wangen herab. Papa sah nach draußen. Das Gewitter stand so unglücklich am Himmel, dass jeder Blitz zu sehen war und sein grelles Licht in das Kinderzimmer werfen konnte.
»Das ist doch nur ein Gewitter. Das ist nichts Schlimmes. Hier im Haus kann uns nichts passieren. Das weißt du doch.«
Tröstend nahm er Leon in den Arm, aber der Junge wollte sich trotzdem nicht beruhigen lassen.
»Aber es ist so hell. Da kann ich nicht einschlafen. Das ist gar nicht cool.«
Papa überlegte hin und her. Irgendwas musste ihm einfallen.
»Stört das helle Licht denn wirklich so sehr beim Einschlafen?«
Leon nickte.
»Das sieht man, auch wenn die Augen zu sind. Unter dem Kopfkissen kann ich mich auch nicht verstecken, da krieg ich dann nicht genug Luft.«
Papa hatte plötzlich eine Idee.
»Ich glaube, wir können das Gewitter verjagen. Wir müssen uns nur überlegen, womit wir das anstellen können.«
Er sah Leon grinsend an.
»Was ist das Schlimmste, dass du dir in der Nacht vorstellen kannst?«
Da musste Leon gar nicht lange überlegen. Die Antwort kam sofort aus ihm raus geschossen.
»Helle Gewitterblitze.«
Das war es. Leon musste nun auch grinsen. Er sprang aus seinem Bett und kramte nur Sekunden später einen alten Fotoapparat hervor.
»Ich werde das Gewitter von hier weg blitzen.«
Bei jedem Blitz, der sich nun vom Himmel herab wagte, drückte er den Auslöser seiner Kamera und blitzte zurück.
»Nimm das, du blödes Gewitter und lass mich endlich ruhig schlafen.«
Und wer hätte es gedacht? Nur fünf Minuten später war das Unwetter weiter gezogen. Das helle Licht wurde immer dunkler und der Donner war nur noch aus weiter Ferne zu hören.
»So werde ich das jetzt immer machen.«, gähnte Leon laut, als er sich zufrieden ins Bett legte.
Kurze Zeit später schlief er wieder tief und fest.

(c) 2011, Marco Wittler

251. Gewitter im Wald

Gewitter im Wald

Arne freute sich. Vor ein paar Stunden hatte der Schulwandertag begonnen. Seine ganze Klasse war in den nahen Wald gegangen. Dort zeigte der Lehrer den Kindern die verschiedenen Bäume, Büsche, Kräuter und anderes Grünzeug. Es war unglaublich wie viel verschiedene Pflanzen hier wuchsen.
Zwischendurch betraten sie die eine oder andere Höhle, von denen es in der Umgebung unzählige gab. Es gab Tropfsteine zu sehen, die von oben wuchsen, Tropfsteine, die von unten wuchsen und manche waren sogar so lang, dass sie sich miteinander in der Mitte verbunden hatten.
Auf so viele Dinge wurde geachtet, aber etwas Wichtiges hatte jeder von ihnen vergessen. Niemand hatte einen Blick zum Himmel geworfen.
Plötzlich sauste ein Blitz herab und schlug in einem Baum ein. Es donnerte laut und schon begann ein Platzregen. Es goss wie aus Eimern.
»Schnell Kinder, zurück in die Höhle. Wir müssen uns unterstellen.«, rief der Lehrer.
Die Schüler liefen los. Manche von ihnen qietschten, da die Kleidung schnell nass wurde. Es dauerte aber nicht lange, bis sie alle im Trockenen waren. Doch als der Lehrer durchzählte, fehlten zwei Kinder.

Arne schüttelte sich das Regenwasser aus den Haaren. Dann sah er sich um.
»Das ist ja seltsam, wo sind denn die anderen?«
Es waren keine anderen Kinder zu sehen.
»Verdammt. Ich bin in die falsche Höhle gelaufen.«
In diesem Moment kam ein weiterer Junge herein.
»Nicht nur du. Ich auch.«
Arne drehte sich um und erblickte Andi.
Oh nein. Gerade diese beiden Jungen hatten sich noch nie leiden können. Sie sahen sich böse an und bewarfen sich mit Schimpfwörtern. Das konnte einfach nicht gut ausgehen.

Es donnerte immer wieder. Ständig rasten die Blitze durch den Himmel. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sich das Wetter endlich wieder besserte und der Regen aufhörte.
»Wir müssen ganz schnell schauen, wo die anderen geblieben sind.«, rief der Lehrer.
Ihm folgte die Klasse in einer Zweierreihe, damit nicht noch jemand unterwegs verloren gehen konnte.
»Hoffentlich sind sich die beiden Raufbolde nicht schon längst an die Kehle gegangen.«
Er ahnte Schlimmes.
Es ging nach links und nach rechts. Sie durchsuchten eine Höhle nach der anderen, bis sie schließlich die beiden Jungen fanden.
Sie saßen still an einer der Höhlenwände und hielten sich gegenseitig fest.
»Was ist denn mit euch passiert?«, fragten die anderen Kinder.
»Wir hatten so viel Angst vor dem Gewitter.«, sagte Arne zitternd.
»Und zusammen war es dann nicht mehr ganz so schlimm.«, fügte Andi hinzu.
Von diesem Tag an waren die beiden unzertrennliche Freunde.

(c) 2009, Marco Wittler

226. Angst vor Gewittern

Angst vor Gewittern

Nils und Lili standen im Garten und sahen in den Himmel hinauf.
»Das sind aber viele Wolken.«, sagte Nils.
»Ob es gleich regnen wird?, fragte Lili.
Ihr Bruder zuckte nur mit den Schultern. Ihm war es egal. Im Moment war es noch trocken. Also warum sollte er sich sorgen machen?
Mit einem geübten Sprung landete er punktgenau im Sandkasten. Schon seit Tagen arbeitete er an seinem großen Projekt. Er wollte, die größte und schönste Sandburg besitzen, die je ein Kind gebaut hatte.
Lili saß jeden Tag bei ihm und sah begeistert zu, wenn sie nicht gerade nützliche Tipps gab, wie man die einzelnen Türme noch verschönern könnte.
Während die zwei Kinder dafür sorgten, dass die Burg entstand, zogen weitere Wolken über den Himmel. Mittlerweile waren die dick, schwer und dunkel geworden. Es schien sich ein starker Regenschauer anzukündigen. Es wurde trotzdem weiter im Sand gebaut.
Irgendwann sah Mama aus dem Fenster.
»Kinder, wollt ihr nicht lieber rein kommen? Es wird bestimmt gleich kräftig regnen. Ihr wollt doch nicht nass werden.«
Aber Nils schüttelte den Kopf. Die Burg war noch nicht fertig. Lili verneinte ebenfalls.
»Wenn Nils nicht rein geht, dann bleibe ich auch draußen.«
Doch ein paar Minuten später war es dann so weit. Von allen Seiten her grummelte es. Immer wieder jagten Blitze durch den Himmel. Die ersten Regentropfen fielen zu Boden.
»Wollen wir nicht doch rein gehen?«, fragte Lili besorgt.
»Ich hab doch Angst vor Gewittern.«
Nils sah sich verzweifelt um.
»Aber die Burg ist doch noch nicht fertig. Und wenn es jetzt anfängt zu regnen und wir aufhören, ist sie bis Morgen nur noch ein Haufen Matsch.«
Also blieben sie.
Der Regen wurde immer stärker. Schon bildeten sich kleine Pfützen im Sandkasten. Die Blitze kamen immer schneller und der Donner wurde ständig lauter.
»Jetzt will ich nicht mehr.«, rief Lili.
Das Mädchen sprang auf und lief zitternd ins Haus. Nils hatte ebenfalls die Angst gepackt. Gewitter waren ihm nicht geheuer.
Nun standen die beiden am Fenster und sahen traurig auf die Sandburg.
»Ich habe so lange daran gearbeitet.«, sagte Nils enttäuscht.
»Morgen ist nichts mehr davon übrig.«
Mama legte ihm ihre Hände auf seine Schultern und versuchte ihn aufzumuntern. Doch das klappte einfach nicht.
Plötzlich lief Nils los. Hatte er sich so sehr beim letzten Donnerschlag erschrocken? Nein, denn er stürmte in den Keller und kam kurz darauf mit zwei Windschutzmuscheln wieder hoch.
»Los Lili, komm mit nach draußen. Die Muscheln stellen wir als Zelt über die Burg. Dann bleibt sie ganz.«
Er öffnete die Tür zum Garten und lief los. Seine Schwester bleib allerdings im Haus und sah verzweifelt aus. Nur zu gern hätte sie geholfen. Aber sie traute sich einfach nicht.
Nils mühte sich ab. Es wollte einfach nicht so klappen, wie er es sich vorgestellt hatte. Immer wieder blies der Wind die Schutzmuscheln fort. Allein konnte er das unmöglich schaffen.
Lili fasste sich ein Herz. Sie holte sich ihre große Lieblingsmütze, zog sie tief ins Gesicht und lief nach draußen.
Es blitzte und donnerte kurz darauf. Doch davo ließ sie sich nun nicht mehr abhalten. Die große Sandburg war in Gefahr und musste unbedingt gerettet werden.
»Sag mal, schaffst du es mal wieder nicht ohne mich?«, fragte sie Nils und stellte sich stolz in den Regen.
»Wurde auch Zeit, dass du kommst. Warum hat es so lange gedauert?«
Lili lachte.
»Ich musste erst meine Mütze suchen. Dachtest du, ich hätte Angst? Im Leben nicht.«
Nun stellten sie gemeinsam die Muscheln auf. Aber der Wind war einfach zu stark.
»Ich habe eine Idee.«, sagte Lili.
»Wir bleiben hier draußen und halten sie fest, bis der Regen aufgehört hat. Das ist doch nur ein Gewitter.«
Nils sah sich zuerst ängstlich um. Bei diesem Wetter wollte er eigentlich nur so lange wie nötig draußen bleiben. Aber da selbst seine Schwester so mutig war, konnte er nun nicht mehr kneifen.
Die Kinder blieben tatsächlich die ganze Zeit draußen und beschützten ihre Burg, bis eine halbe Stunde später auch die letzten Regentropfen verschwunden waren und die Sonne zum Vorschein kam.
Die Burg war gerettet. Sie hatte nur hier und da ein paar kleine Beschädigungen, die von Nils aber schnell repariert werden konnten.
Schon am nächsten Tag konnten sie die größte und schönste Burg aller Zeit präsentieren.

(c) 2009, Marco Wittler