430. Der Findlingshund (Hallo Oma Fanny 3)

Der Findlingshund

Hallo Oma Petra.

Ich bin es, der Noah. Ich habe dir heute etwas Besonderes zu berichten. Unsere Familie ist nämlich schon wieder größer geworden. Aber ich fange am Besten ganz am Anfang an.
Wir waren gestern spazieren. Es hat zwar immer wieder geregnet und manchmal sogar geschneit, aber das war uns ganz egal. Frische Luft tut gut, wie der Papa immer sagt.
Auf dem Weg, der durch die Felder geht, ist uns dann ein dunkelgrauer Hund entgegen gekommen. Er sah viel zu dünn und abgemagert aus. Mama sagte, er sei seinem Besitzer bestimmt fort gelaufen. Weil er ganz lieb zu uns war, haben wir ihn dann ins Auto gesetzt und sind dann ins Tierheim gefahren. Der Hund ist aber von niemandem als vermisst gemeldet worden.
Eigentlich hätten wir ihn dort lassen können, aber Mama konnte sich nicht mehr von ihm trennen. Sie wollte ihn unbedingt mit nach Hause nehmen, was wir dann auch getan haben.
Bevor er dann aber durch das Haus flitzen durfte, musste er erstmal sauber gemacht werden. Nach so langer Zeit unter freiem Himmel, musste er ziemlich dreckig sein. Papa setzte ihn in die Badewanne und Mama drehte das Wasser auf. Der Hund hatte richtig viel Spaß und wälzte sich in der Wanne hin und her. Als Mama dann auch noch Seife ins Wasser gab, erlebten wir alle eine riesige Überraschung. Aus dem Fell löste sich ganz viel Dreck. Und rate mal, was darunter zum Vorschein kam. Du wirst es nicht glauben, aber der Hund war gar nicht dunkelgrau, sondern schneeweiß.
Wir haben ihm dann den Namen Dreckspatz gegeben.
Nun lebt er bei uns und verträgt sich sogar mit den Katzen.

Liebe Oma Petra, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.

Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

270. Bully im Bad

Bully im Bad

Bully war ein Hund. Ein kleiner Hund. Um genau zu sein, er war eine kleine französische Bulldogge und wurde von seinem Frauchen sehr geliebt. Und weil er noch ein Hundebaby war, umhegte und pflegte sie ihn, wo sie nur konnte.
An diesem Tag stand Bully nun vor der Haustür und wollte nach draußen. Unruhig jaulte er immer wieder leise vor sich hin.
»Ja, ich weiß, Bully. Du musst Pipi machen. Aber draußen stürmt  und regnet es. Ich will nicht, dass der Wind dich fort bläst oder du in einer Pfütze versinkst.«
Aber das half natürlich nichts. Bully hatte keine eigene Toilette und musste nun mal nach draußen. Frauchen zog sich also dick an, legte Bully Halsband und Leine um.
»Aber nur einmal um den Block. Dann gehen wir wieder rein. Ich weiß doch, dass du keinen Regen magst und vor jedem Tropfen Angst hast.«
Sie verließen das Haus. Ganz unsicher drückte sich Bully an Frauchens Bein, bevor er ganz zaghaft eine Pfote vor die andere setzte.
Plötzlich entdeckte er Pfütze. Ohne darüber nachzudenken lief Bully los und sprang hinein, dass der Matsch nur so spritzte.
»Bully, was machst du denn?« rief Frauchen entsetzt. Aber da war es schon zu spät. Ihr kleiner Lieblings wälzte sich hin und her.
»Jetzt musst du wohl in die Badewanne.« seufzte sie und brachte ihren Hund ins Haus.
Sie ließ Wasser in die Wanne und achtete darauf, dass Bully nicht durch die Wohnung und alles verschmutzte.
»Hoffentlich geht das gut.«
Sie schnappte sich den Hund und hob ihn vorsichtig über den Rand der Wanne. Bully sah das Wasser unter sich und bekam große Angst. Panisch wand er sich hin und her.
»Mensch, Bully, was machst du denn? Halt doch still.«
Doch da war es schon passiert. Der Hund glitt Frauchen aus den Händen. Sie selbst fand keinen Halt, rutschte weg und fiel der Länge nach ins Badewasser.
»Das hab ich mir dann doch anders vorgestellt.« seufzte sie und beobachtete ihren Hund, wie er sich auf dem Vorlegeteppich wälzte und diesen gründlich einsaute.

(c) 2015, Marco Wittler

213. Wolli

Wolli

Wolli stand am Eingang des Parks und hob sein Bein. Endlich bekam er Erleichterung. Immerhin hatte er die letzte halbe Stunde Katzen und Vögel von den Gehwegen verscheucht. Nun war er erschöpft. Nachdem er sein Geschäft erledigt hatte, legte er sich in den Schatten eines Baumes und machte es sich gemütlich.
Allerdings sollte er keine Ruhe finden. Es war einfach nicht möglich zu schlafen, denn auf einer nahen Bank saß eine weinende Frau.
»Oh nein, nicht schon wieder.«
Wolli drückte sich die Vorderpfoten auf die Ohren.
»Immer wieder das Gleiche.«
Er war genervt. Fast jeden Tag saß eine Frau hier und weinte. Er war sich sicher, dass auch sie einen Brief oder ein Handy in der Hand hielt.
»Ich muss wohl mal wieder den Glücksbringer spielen.«
Wolli stand auf, trottete zur Bank und setzte sich vor der Frau auf den Boden. Sie sah ihn nicht sofort. Deswegen legte er seine Schnauze vorsichtig auf ihr Knie und jaulte leise.
»Wer bist denn du?«, fragte die überraschte Frau.
Sie wischte sich die Tränen fort und streichelte dem Hund über den Kopf.
»Du hast es gut, mein Kleiner. Du hast keinen Freund, der mit dir Schluss machen kann. Meiner hat es sich nicht einmal selbst getraut. Er hat mir nur eine SMS auf mein Handy geschickt. So ein gemeiner Feigling.«
Wolli nickte nur. Er hatte es also genau richtig vermutet. Er lebte im Park der gebrochenen Herzen. Alle traurigen Frauen kamen hierher.
»Wenn ich doch bloß auf meine Freundinnen gehört hätte. Sie haben mich alle vor diesem Schuft gewarnt. Aber ich wollte ja nicht auf sie hören, weil ich so sehr verliebt gewesen war.«
Sie seufzte und begann erneut zu weinen.
Wolli seufzte ebenfalls. Schon wieder eine enttäuschte Frau. Es würde bestimmt noch Stunden dauern, bis sie mit dem Weinen aufhören würde. Es musste unbedingt etwas unternommen werden. Doch was?
Mit großen Augen sah er die Frau an und sie streichelte ihn erneut. Plötzlich öffnete Wolli seine Schnauze, schnappte sich ihre Handtasche und lief los. Er rannte durch den ganzen Park, jeden Fußweg entlang.
Die Frau Vergaß sofort ihre Tränen und lief dem flüchtenden Hund nach.
»Bleib stehen. Du kannst mir doch nicht meine Tasche stehlen. Komm zurück.«
Aber Wolli hörte nicht. Er lief und lief. Seine anfängliche Erschöpfung war vergessen. Die Idee, die sich in seinem Kopf gebildet hatte, trieb ihn an. Doch hinter der letzten Ecke fand er endlich, wonach er suchte.
Auf einer Bank saß ein Mann. In seiner Hand hielt er einen Brief, auf den seine Tränen tropften. Wieder ein gebrochenes Herz.
Wolli lief zu ihm, legte die Handtasche auf der Bank ab und verschwand.
»Wo ist dieser Hund?«
Die Frau kam in diesem Moment um die Ecke gebogen. Sie sah den Handtaschendieb gerade noch zwischen den Bäumen verschwinden. Dann erst fiel ihr Blick auf ihren Besitz.
Schnell lief sie zur Bank.
»Haben sie dem Hund meine Handtasche abgenommen?«
Der Mann wusste er nicht, ob er die Wahrheit sagen sollte. Schließlich behielt er sie für sich und nickte.
Die Frau zeigte fragend auf den Brief. Er nickte.
»Bin verlassen worden.«
»Ich auch.«, antwortete sie und zeigte ihm ihr Handy.
Sie wischten sich die letzten Tränen aus dem Gesicht, drückten sich die Hand und stellten sich dann vor.
Wolli beobachtete alles aus seinem Versteck heraus. Ein letztes Mal seufzte er. Diesmal war er allerdings nicht mehr genervt, sondern sehr mit sich zufrieden.
»Die Zwei werden bestimmt bald wieder sehr glücklich werden.«
Während die Menschen zusammen den Park verließen, rollte sich der Hund zusammen und schlief endlich ein.

(c) 2009, Marco Wittler

118. Zwei kleine Katzenbabys

Zwei kleine Katzenbabys

Anna stand vor dem großen Weidenkorb und machte große Augen. So viele kleine Katzen auf einem Haufen hatte sie noch nie gesehen.
»Das sind ja viele. Da weiß ich ja gar nicht, wie ich mich entscheiden soll.«
Zwölf wuschelige Babys wuselten hin und her und erkundeten neugierig ihre Welt, mal mehr, mal weniger mutig. Dabei gab es dann schon mal große Machtkämpfe mit der Gardine oder einem gefährlichen Fussel, der sich über den Boden schlich.
Gleich drei der kleinen Katzen kamen plötzlich aus einem Versteck unter dem Sofa hervor und attackierten Annas Füße. Sie schienen richtig gefallen an diesem Spiel zu finden. Sie ließen sich sogar sofort hoch nehmen und streicheln. Eine schnurrte lauter und gemütlicher als die andere.
»Dann such dir mal eine davon aus.«, sagte Mama.
»Wir wollen die anderen doch nicht so lange warten lassen. Dein Papa ist schon ganz neugierig.«
Anna stellte die drei Katzen auf den Boden, ging einen Schritt zurück, kniete sich hin und beäugte sie kritisch.
»Es ist so unglaublich schwer, mich zwischen euch zu entscheiden. Ihr seid alle so süß und kuschelig.«
In diesem Moment fiel ihr Blick wieder auf das Körbchen. Dort lagen zwei besonders kleine Kätzchen. Sie kuschelten sich ängstlich aneinander und suchten mit ihren Blicken immer wieder nach ihrer Mutter.
»Die beiden sind als Letzte geboren worden. Deswegen sind sie auch kleiner und zierlicher.«, sagte die Züchterin.
»Sie sind sehr scheu, aber dafür wahnsinnig verschmust. Die kann ich allerdings nur zu zweit abgeben, weil sie sehr aneinander hängen.«
Annas Blick ging hin und her. Dort hinten die Kuschelkatzen und vor ihren Füßen die drei tapferen Miezen, die sich bereits wieder über ihre Füße her machten.
»Wir haben eigentlich nur Platz für eine Katze, mein Schatz.«, sagte Mama.
»Zwei Tiere machen auch doppelt so viel Arbeit und brauchen doppelt so viel Liebe und Zeit.«
Anna machte ein trauriges Gesicht.
»Aber schau doch Mama, wie süß die beiden sind. Sie brauchen eine Familie in der sich richtig umsorgt werden. Können wir es denn überhaupt zulassen, dass sie jemand anderes bekommt? Bei uns werden sie es ganz bestimmt richtig gut haben.«
Die Mutter war sich da noch nicht so ganz sicher. Es sollte Annas erstes Haustier werden. Aber die Frage war auch noch, ob sich eine Katze auch mit dem wilden Dackel vertragen würden, der sich bereits zu Hause breit machte und alles vertrieb, was ihm nicht in den Kram passte.
Anna machte ganz große bettelnde Augen und ihre Mutter gab schließlich nach.
»Also gut. Aber dann trägst du auch die Verantwortung für die zwei. Wenn etwas passiert oder sie vom Hund gebissen werden, dann ist das deine Schuld. Du musst immer darauf acht geben, dass sie nicht überall frei herum laufen können.«
Anna nickte schnell und strahlte über das ganze Gesicht. Die Züchterin holte einen großen Pappkarton hervor, stach mit einer Schere jede Menge Löcher hinein und verpackte darin die beiden Katzen.
»Es sind Kater. Du musst also keine Angst haben, dass ihr plötzlich das ganze Haus voller Katzen habt.«
Anna nahm den Karton vorsichtig unter den Arm und ging mit ihrer Mutter zum Auto.
»Vielen Dank für alles. Ich werde mich um die zwei ganz bestimmt gut kümmern.«

Eine halbe Stunde später waren sie zu Hause angekommen. Anna hatte die ganze Fahrt über am Karton gelauscht und versucht durch die Luftlöcher etwas zu sehen. Aber die Kater verhielten sich ganz still. Sie schienen ziemlich verängstigt zu sein.
»Mach dir darüber mal keine Sorgen.«, beruhigte die Mutter.
»Die zwei sind das erste Mal von ihrer Familie weg und mussten jetzt auch noch eine lange Autofahrt überstehen. Die werden schon bald wieder ganz normal.«
Anna brachte den Karton die Treppe hoch in ihr Zimmer. Dabei wurde sie von Dackel Theo verfolgt. Er roch, dass dort mindestens ein fremdes Tier versteckt sein musste. Also bellte er so laut er konnte. Schließlich war dieses Haus sein Revier und er duldete nur seine eigene Familie hier. Doch an der Tür des Kinderzimmers war für ihn Schluss. Er war nicht groß genug, um die Türklinken zu öffnen. Beleidigt verzog er sich in den Garten und legte sich unter einem großen Busch schlafen.
Währenddessen wurde der Karton geöffnet. Die beiden Kater blinzelten sofort mit den Augen, weil sie nach der langen Fahrt das Licht nicht gewohnt waren.
Anna hob die zwei heraus und setzte sie vorsichtig auf dem Boden ab. Sie sahen sich etwas scheu um und kuschelten sich ganz eng aneinander. Sie mussten sich erst einmal an ihre neue Umgebung gewöhnen. Sie waren nämlich das erste Mal fort von ihrem alten Heim.
Anna sah ihnen eine Weile fasziniert zu, bis sie schließlich aufstand, um den Pappkarton in den Keller zu bringen. Als sie ein paar Minuten später wieder in ihr Zimmer kam, waren die Kater verschwunden.
»Wo seid ihr denn? Habt ihr euch versteckt?«
Aber das rufen nützte nichts. Die beiden Fellknäuel kamen nicht wieder zum Vorschein.
»Oh, nein.«, sagte Anna plötzlich ganz verzweifelt. Ihr fiel auf, dass sie die Tür nicht richtig verschlossen hatte. Die Katzen mussten wohl irgendwo im Haus unterwegs sein.
»Hoffentlich merkt der Hund nichts davon.«
Sie lief über die Treppe nach unten und sah dabei in jeder dunklen Ecke nach. Dann erzählte sie ihrer Mutter von ihrem Fehler.
»Ich war nur ganz kurz weg. Dann waren sie huschdiwusch verschwunden.«
Die Mutter machte zuerst ein böses Gesicht. Doch dann klärte sich ihr Blick.
»Zum Schimpfen ist es jetzt zu spät. Ihr werde dir beim Suchen helfen, bevor der Hund sie gefunden hat.«
Anna sah plötzlich ganz erschrocken aus.
»Wo ist er eigentlich?«
Schnell liefen sie zusammen in den Flur. In einer Ecke stand das Körbchen des Dackels. Anna hatte Glück. Mittlerweile hatte er sich dort hin zurück gezogen und schlief gemütlich vor sich hin.
Anna hockte sich auf den Boden und streichelte ihm den Rücken.
»Braver Junge. Bleib du schön hier. Dann kann meinen beiden Katzenbabys auch nichts passieren.«
Wie auf ein Stichwort bewegte sich der Hund ein Stück. Er drehte sich herum, um es sich gemütlicher zu machen. In diesem Moment, krabbelte etwas um ihn herum. Es war einer der beiden Kater. Und dann war da auch schon der andere. Sie hatten es sich ebenfalls im Korb gemütlich gemacht und sich an den Dackel gekuschelt, der sich mit seinen neuen Freunden richtig wohl fühlte.
»Ihr drei seid mir ja ein feiner Haufen.«, sagte Mama.
»Ich hoffe nur, dass die beiden Babys nicht die ganzen schlechten Angewohnheiten des Hundes übernehmen.«
Doch das war den drei Tieren egal. Gemeinsam schliefen und schnarchten sie nun um die Wette.
Anna war nun auch sehr glücklich. Sie hatte zwei eigene Haustiere bekommen und musste sich nicht einmal Gedanken darüber machen, dass die der Hund beißen würden. Im Gegenteil sorgte er sogar dafür, dass sie sich in den ersten Tagen im neuen Heim nicht zu einsam fühlten.

(c) 2008, Marco Wittler

103. Der Wald ist verschwunden

Der Wald ist verschwunden

Schlafen.
Schlafen ist eine tolle Sache, meinst du nicht auch? Ganz lange im Bett unter einer warmen weichen Decke liegen, die Augen geschlossen halten und lustige Sachen träumen. Kann es denn etwas Schöneres geben? Nein!
Jedenfalls war Tilo dieser Meinung. Schlafen war sein größtes Hobby. Tilo war ein dickes, rotpelziges Eichhörnchen. Mit seinem buschigen Schwanz sah er richtig lustig aus. Allerdings wusste das im Moment niemand, denn er lag gerade in seinem Nest auf einem hohen Ast und schlief schon seit einigen Wochen ohne Pause.
In seinen Träumen kletterte an Bäumen hoch und herunter, spielte mit seinen Freunden und stopfte sich den Bauch mit Nüssen voll.
Den ganzen letzten Herbst über war das Eichhörnchen unglaublich fleißig gewesen, hatte Haselnüsse und Bucheckern gesammelt und sie überall im Boden vergraben. Und weil es nun im Winter viel zu kalt zum Spielen war, hatte sich Tilo zurück gezogen, um bis zum Frühling zu schlafen. Nur wenn er vom Hunger wach wurde, kletterte er nach unten zum Boden, suchte sich eine Nuss und aß sie.
So war es auch an diesem Tag. Es lag kein Schnee und die Sonne brachte ein wenig Wärme zur Erde. Tilo wachte auf, denn sein Magen grummelte schon sehr laut. Also schlug er die Decke zur Seite, strubbelte sich einmal durch sein Fell und krabbelte gähnend aus seinem Nest. Er bekam nicht einmal die Augen richtig auf, kletterte stattdessen halb schlafend herab und wollte mit dem Graben beginnen.
Doch dann wurde er plötzlich schlagartig wach. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht. Mit viel Kraft schlug er seine Krallen in den Boden, oder vielmehr versuchte er es. Aber es gelang ihm nicht. Die Erde war hart wie Stein.
»Das ist ja komisch.«, murmelte Tilo.
»Habe ich mich geirrt und es ist noch immer kalt? Der Boden scheint gefroren zu sein.«
Er entschied sich für eine andere Stelle. Doch jedes Mal hatte er das gleiche Pech. Er kam nicht mehr an seine Vorräte heran.
Das Eichhörnchen wusste sich nicht mehr zu helfen und kletterte so schnell wie möglich auf den Baum zurück.
»Hier oben muss ich mir erst einmal einen Überblick verschaffen. Vielleicht finde ich ja noch einen Baum, an dem ein paar restliche Nüsse hängen.«
Tilo hielt sich die Pfoten wie eine Schirmmütze über die Augen, damit er besser und weiter sehen konnte. Was er dann aber erblickte versetzte ihm einen großen Schrecken.
»Unmöglich. Das kann doch nicht wahr sein.«
Sofort lief er zurück zu seinem Nest, kramte im Schrank herum, bis er seine Brille fand, setzte sie auf und flitzte wieder nach draußen. Aber er hatte noch immer den selben Ausblick.
»Wo ist denn mein Wald geblieben? Es kann doch nicht wahr sein, dass nur noch mein Baum hier alleine steht. Wo sind sie denn alle hin und wo sind die anderen Tiere? Bin ich denn jetzt ganz allein? Das kann doch nur ein ganz böser Traum sein. Ich muss sofort versuchen aufzuwachen.«
Aber es war leider kein Traum. Um den großen Baum herum war alles grau. Die Menschen waren gekommen, hatten den Wald abgeholzt und dafür Parkplätze und Häuser gebaut. Die Stadt war um ein großes Stück gewachsen. Nirgendwo gab es etwas Grünes oder Tiere, bis auf einen einzelnen Baum und ein Eichhörnchen.
»Aber was mache ich denn jetzt? Wo soll ich denn hin und wo bekomme ich etwas zu essen?«
Tilo war verzweifelt. Er kletterte wieder zum Boden, um sich umzusehen. Sein Hunger trieb ihn zwischen den Häusern durch. Zu Essen gab es sogar hier genug. Aber nichts davon war erreichbar. Jedes Mal, wenn er einen Apfel, ein paar Nüsse oder andere Dinge sah und zu ihnen lief, prallte er an einer unsichtbaren Wand ab.
»Das kann doch alles nicht war sein. Wie ist das denn möglich. Ich habe doch nur Hunger und brauchte etwas zu essen.«
Traurig zog er sich in sein Nest zurück und wartete darauf, dass auch sein Baum, und damit auch er selber, verschwinden würde.
Am nächsten Tag hörte Tilo ein Geräusch. Zuerst dachte er, es wäre wieder sein Magen, der fast rund um die Uhr ganz schrecklich knurrte. Aber als er nach draußen sah, entdeckte er ein Tier, das an der Leine eines Menschen hing. Es musste ein Hund sein.
»Hey, du!«, rief Tilo.
»Hey, du da unten. Schau doch mal hier rauf!«, rief er etwas lauter.
Der Hund sah sich erst verwirrt um. Doch dann sah er das Eichhörnchen.
»Huch. Was machst du denn da oben?«, fragte er.
»Bist du nicht ein Eichhörnchen? Was hast du denn hier verloren? Weißt du denn nicht, dass ihr in den Wald gehört und nicht in die Stadt?«
Da begann Tilo zu weinen.
»Das weiß ich. Ich bin doch gar nicht freiwillig hierher gekommen. Ich habe mich im Wald zum Winterschlaf hingelegt. Als ich dann wieder wach wurde, war die Stadt hier. Nur mein großer Baum ist verschont worden. Aber jetzt finde ich nichts mehr zu essen. Meine ganzen Vorräte sind eingemauert worden. Da komme ich mit meinen kleinen Krallen nicht durch. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Der Hund sah sich um. Sein Mensch war gerade beschäftigt. Der unterhielt sich mit einem Artgenossen.
»Schnell, komm runter. Ich habe da eine Idee.«
Das Eichhörnchen traute sich erst nicht. Vielleicht war das auch nur ein Trick und der Hund wollte sich selber etwas Eßbares anlocken. Aber der Hunger war dann doch größer als die Angst.
»Wie willst du mir denn helfen?«, fragte er neugierig.

Der Hund zeigte mit einer Pfote auf den Menschen.
»Der da geht jeden Tag mit mir spazieren. Gut erzogen habe ich ihn. Zuerst kommen wir zu diesem Baum, um mein Geschäft zu verrichten. Danach gehen wir in einen großen Park. Da stehen viele Bäume und Büsche. Da wird es dir bestimmt besser gehen, als hier.«
Tilo wusste gar nicht, was er sagen sollte. Mit so einer großen Hilfe hatte er nicht gerechnet.
»Lauf uns einfach heimlich hinterher. Dann findest du den Weg besser.«
Der Mensch hatte gerade sein Gespräch beendet und zog den Hund an der Leine.
»Los, weiter geht’s, du alter Flohfänger. Wir wollen doch noch in den Park.«, rief er.
Tilo war überglücklich und schlich den beiden nach. Um nicht entdeckt zu werden, lief er die ganze Zeit über direkt an den Hauswänden entlang und versteckte sich in schattigen Ecken, wenn jemand in seine Richtung sah.
Nach einer Weile kamen sie am Ziel an. Das Eichhörnchen konnte es schon von weitem riechen. Es roch nach Wald, nach Tieren und nach Nahrung. Es hüpfte vor Freude und machte Luftsprünge, als es den ersten Baum entdeckte.
»Hab vielen Dank, Hund. Du warst eine wirklich gute Hilfe. Ohne dich wäre ich bestimmt verhungert. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«
»Nicht der Rede wert. Ich helfe immer gerne.«, antwortete der Hund. »Jetzt weißt du auch, dass wir Stadtleute gar nicht so schlimm sind. Nicht jeder von uns lässt den Wald verschwinden. Und bei diesem Park kannst du dir auch sicher sein, dass er noch lange hier stehen wird. Denn die Menschen kommen jeden Tag hierher, um sich von der Stadt zu erholen.«
Tilo bedankte sich noch einmal, drückte den Hund an sich und verabschiedete sich.
»Das ist ja eine seltsame Sache.«, murmelte er später vor sich hin, während er sich ein neues Nest baute.
»Die Menschen werde ich wohl nie verstehen. Zuerst lassen sie den Wald verschwinden, um eine Stadt zu bauen, und dann pflanzen sie einen Park, um etwas anderes sehen zu können. Das ist doch sehr komisch.«
Nach und nach wurde sein neues Nest fertig. Als er sich zum Schlafen legte und einschlief, schlich sich eine letzte Frage in seinen Traum.
»Was für Geschäften müssen Hunde eigentlich nachgehen?«

(c) 2008, Marco Wittler

087. Einfach waschbärig

Echt waschbärig

Schäferhund Bodo lag im Hof und knabberte an einem alten Knochen, den er vor ein paar Tagen im Blumenbeet ausgegraben hatte.
»Genau so muss ein Knochen schmecken. Er hat nicht zu lang und nicht zu kurz in der Erde gereift. Welch ein unvergleichliches Aroma.«
Bodo war ein Genießer, wie es keinen zweiten gab. Aber man wollte es ihm nicht so recht glauben, denn er war der Hofhund eines Bauern. Eine lange Kette hing am Hals des Hundes und gestattete ihm, nur einige wenige Ecken des Bauernhofes zu erreichen.
»Dadurch kann er unmöglich Gäste, Besucher und vor allem Briefträger beißen.«, sagte der Bauer immer.
»Wozu soll ich denn überhaupt jemanden beißen?«, fragte Bodo sich dann.
»Gerade der Briefträger läuft den ganzen Tag durch die Stadt, da sind seine Hosen bestimmt ganz dreckig. So ein Hosenbein kann einfach nicht so gut schmecken, wie ein gut gelagerter Knochen, der drei Wochen im Lehmbogen verborgen war. Außerdem reicht doch meine schicke Kette aus, um mich böse genug aussehen zu lassen. Hier wird sich niemals ein Übeltäter herein wagen.«
Bodo war sehr stolz auf sich und seine Aufgabe. Außerdem konnte er sich keine gemütlichere Arbeit vorstellen. Er konnte den ganzen Tag vor seiner Hütte liegen, an alten Knochen knabbern, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und zwischendurch kurz jemanden anknurren, um das Bild des bösen Hofhundes aufrecht zu erhalten. Ein besseres Leben konnte es gar nicht geben.
»Hey, du dickes Sabbertier. Heute schon die scharfen Beißerchen gefletscht oder kaust du nur auf dem stinkenden Knochen rum?«
Der Hund schreckte hoch. Wo war diese Stimme her gekommen? Er hatte nicht bemerkt, dass sich jemand angeschlichen hatte. Sofort ließ er ein lautes Knurren aus seinem Hals erklingen.
»Mal ganz langsam, mein Großer. Schalt wieder einen Gang zurück. Wir wollen doch vermeiden, dass hier Unschuldige verletzt werden.«
Bodos Stimme erstarb. Dafür begann er zu schnüffeln.
»Wie kompliziert ihr Hunde das immer machen müsst. Dreh dich doch einfach mal um und schau auf deine Hütte.«
Der Hund drehte sich, sah nach oben und fand den unverschämten Eindringling tatsächlich auf dem Dach der Hütte. Es handelte sich um einen Waschbären.
»Hallöchen, mein bissiger Freund. Du kannst mir nicht zufällig verraten, wo ich die Mülltonnen oder den Hühnerstall finde? Ich habe etwas Appetit und würde meinen Magen gerne mit ein paar Essensresten oder frischen Eiern verwöhnen.«
Jetzt platzte Bodo der Kragen. Dieser Waschbär wurde richtig unverschämt. So etwas durfte er in seinem Revier nicht dulden.
»Na warte, mein Freundchen. Wenn ich dich erwische.«
Er fletschte die Zähne, knurrte so laut er konnte und sprang auf das Dach seiner Hütte. Der Waschbär hingeben sprang hinab, flitzte einmal quer über den Hof, zeigte eine lange Nase und hielt sich den Bauch vor lachen.
Bodo war erstaunt. Er hatte es sich einfacher vorgestellt. Nun wurde er aber richtig wütend. Er sprang auf den Boden zurück und raste in wildem Galopp auf dieses unverschämte Tier zu. Es fehlten nur noch wenige Meter, bis er zubeißen konnte.
Doch dann fuhr ein kräftiger Ruck durch seinen Körper und er fiel schlagartig zu Boden. Es hatten tatsächlich nur noch wenige Zentimeter gefehlt. Aber die Kette war einfach zu kurz.
»Tja, so ist das, wenn man an der Kette hängt. Auch wenn sie noch so lang ist, meist ist sie kürzer als es einem lieb ist.«
Der Waschbär tippte dem Hund mit dem Zeigefinger kurz auf die feuchte Nase und entfernte sich dann mit einem Grinsen im Gesicht zu den Mülltonnen. Es dauerte nur kurz, bis er eine von ihnen umgeworfen und ein paar Essensreste daraus hervor geholt hatte, die er sich nun schmecken lies.
Bodo war enttäuscht. So sehr ihm die kurze Jagd auch gefallen hatte, so schnell war der Spaß auch wieder verflogen. Dieser Gegner war einfach viel zu schlau.
Enttäuscht zog er sich in seine Hütte zurück und beobachtete das wilde Treiben des Waschbären.

In den nächsten Tagen wurde es immer schlimmer. Der Waschbär plünderte den Hühnerstall und verstreute den Inhalt aller Mülltonnen auf dem Hof.
Der Bauer wurde immer ärgerlicher, weil er jedes Mal den Dreck wieder weg räumen musste. Obendrein fehlten ihm seine Frühstückseier. So konnte das nicht mehr weiter gehen.
»Hier muss endlich etwas passieren.«, sagte er ständig zu sich selber. Aber er wusste nicht was.
Bodo hatte es aufgegeben, das unverschämte Fellbüschel auch nur zu beachten. Er hatte keine Lust mehr, sich so ärgern zu lassen, wie am ersten Tag. Stattdessen lag er im Innern seiner Hütte und kaute traurig auf seinem Knochen herum. Nun war er nicht mehr der gefürchtete Hofhund.

Am Nachmittag kam der Bauer mit einer scharfen Axt aus dem Stall. Er würde nun gleich ein wenig Brennholz für die Wohnstube hacken.
Aber als er gerade ausholen wollte, rutschte ihm das Werkzeug aus der Hand und fiel scheppernd zu Boden.
»Das darf doch nicht war sein. Was mache ich denn jetzt?«
Die scharfe Schneide war vom Holzstiel abgebrochen.
»Den Stiel muss ich wohl austauschen.«
Der Bauer verschwand in seiner Werkstatt und machte sich an die Reparatur.
Bodo hatte alles beobachtet und traute seinen Augen nicht. Die Axt war genau auf seine Kette gefallen. Sie war kaputt und er frei.
»Na warte, Waschbär. Heute hat dein letztes Stündlein geschlagen. Heute werde ich dich erwischen.«, flüsterte er in sich hinein.
Es dauerte gar nicht lange, bis wieder laute Geräusche an den Mülltonnen zu hören waren.
Bodo dachte gar nicht lange und lief sofort los. Er musste schnell sein, um den Übeltäter zu erwischen. Doch als er um die Hausecke bog, bekam er einen riesigen Schrecken.
Es war gar kein Waschbär, sondern ein kleines Rudel Wölfe. Es waren gleich drei von ihnen, die etwas zum Fressen suchten. Und sie entdeckten den Hund sofort.
»Hey, Leute, schaut mal an. Da kommt ja unser Mittagessen. Wie praktisch. Hätte er jetzt noch Rollschuhe unter den Füßen, würde ich denken, sein Name ist Essen auf Rädern.«
Sie lachten kurz, wurden dann aber schnell wieder ernst und zeigten ihre spitzen Zähne.
Bodo bekam große Angst. Er wusste nicht, was er machen sollte. In seiner Not machte er sofort kehrt und rannte auf die nahe Apfelbaumwiese. Doch das war ein großer Fehler.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich die Kette, die er noch hinter sich her zog, um einen der Bäume wickelte und der gejagte Hund nicht mehr weiter kam. Er war gefangen.
»Oh nein, was mache ich denn jetzt? Ich will nicht gefressen werden.«
Die Wölfe kamen langsam näher. Sie hatten es jetzt nicht mehr eilig. Ihre Beute würde nicht aus eigener Kraft von hier entkommen können.
»Sieh an, sieh an. Es gibt doch nichts Schöneres als eine Mahlzeit, die sich selber fängt. Das erspart uns viel Zeit und Kraft.«
Der Leitwolf wandte sich an seine beiden Jagdgefährten und gab ihnen erste Anweisungen.
»Schnappt ihn euch. Macht es kurz und schmerzlos. Passt aber auf, dass ihr die schmackhaftesten Fleischstücke nicht verletzt. Denn dann werde ich sauer. Und ihr wisst ja was euch dann blüht.«
Die Wölfe kamen immer näher. Sie fletschten die Zähne und knurrten so laut es ging.
Bodo schloss die Augen, zitterte vor Angst und hoffte, dass es bald vorbei sein würde.
Doch dann erklangen plötzlich lautes Winseln und schmerzhafte Schreie.
»Was passiert denn da?«, wunderte sich Bodo.
Er öffnete die Augen und sah sich um. Die drei Wölfe saßen in größter Angst dicht beieinander und wussten nicht mehr wohin sie laufen sollten, denn sie wurden von einer großen Menge Äpfel bombardiert, die ihnen viele blaue Flecke bescheren würden.
»Hey, mein großer Freund. Sitz nicht so da und staune. Löse die Kette vom Baum und lauf so schnell, wie du kannst. Wir kümmern uns schon um die Wölfe.«
Bodo konnte es nicht glauben. In den Baumkronen saß eine ganze Waschbärfamilie. Sie alle pflückten Äpfel und warfen sie so schnell es ging auf die Angreifer.
Der Hofhund machte die Kette los und lief, so schnell es ging zurück und verkroch sich in der Scheune. Dort blieb er auch, bis der Lärm draußen nicht mehr zu hören war.

Erst am nächsten Morgen traute sich Bodo wieder nach draußen. Er hatte die Nacht im Heu versteckt verbracht. Das kam ihm sicherer vor.
Kaum hatte er eine Pfote auf den Hof gesetzt, sprang ihm ein Waschbär vor die Nase.
»Na, mein Großer, das wäre gestern ja fast schlimm ausgegangen.«
»Ich danke dir. Du hast mir das Leben gerettet.«
Bodo war ehrlich genug, das zuzugeben.
»Ich glaube, ich bin dir und deiner Familie einen Gefallen schuldig. Was meinst du?«
Der Waschbär zuckte nur mit den Schultern und zwinkerte kurz.
»Du bist mir nichts schuldig. Ich musste nur die drei bösen Gestalten verjagen, die in meinem Revier gewildert haben. Du bist mir nur zufällig in die Quere gekommen.«
Sie mussten beide lachen.
Gemeinsam gingen sie zur Hütte des Hofhundes und machten sich über den großen Napf mit Futter her.
Von nun an waren sie unzertrennliche Freunde. Sie passten auf, dass dem anderen nicht geschah. Bodo gab dem Waschbären von seinem Futter, dafür ließ dieser die Mülltonnen und die schreckhaften Hühner in Frieden.

(c) 2008, Marco Wittler

071. Wo sind alle Katzen hin?

Wo sind alle Katzen hin?

Stille lag über dem Bauernhof. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und der Hahn hatte noch nicht gekräht. Und doch war schon jemand wach.
Nico war vor ein paar Minuten gähnend aus seinem Bett gekrochen und machte sich an die Arbeit. Seine Aufgabe war es, jeden Tag ein paar der vielen Mäuse zu fangen, die sich auf dem Bauernhof herum trieben, damit sie nicht so viel vom Tierfutter anknabbern konnten.
Besonders die Kühe waren ihm und den anderen Katzen dafür sehr dankbar, denn sie hatten immer Angst mit ihrem eine Maus zu zerquetschen, wenn sie sich hinlegten.
Nico machte seinen üblichen Rundgang. Er lief einmal um die Scheune herum, anschließend um das Haus des Bauern und zum Schluss warf er einen prüfenden Blick auf den Misthaufen.
Und, trotz dass es noch so früh am Morgen war, fing er gleich fünf Mäuse. Die letzte von ihnen kam gerade völlig verschlafen aus dem Misthaufen gekrochen, da war es auch schon um sie geschehen. Nico packte zu und sperrte sie in einen kleinen Käfig.
Die kleine Maus quiekte vor Empörung und verlangte auf der Stelle eine richtige Verfolgungsjagd, wie sie üblich sein sollte, doch lies sich der Kater nicht darauf ein.
Von diesem Krach wurde allerdings Henning, der Hahn, wach. Er hatte seinen Kopf zwischen den Federn versteckt gehabt und schnarchte munter vor sich hin, bis die Maus ihn weckte.
»Huch? Wie denn? Was denn? Ist es denn schon so weit?«
Er schreckte hoch und krähte aus Leibeskräften, bis alle Tiere des Hofes und die Bauernfamilie wach waren.
»Oh nein.«, fluchte Nico.
»Du bist doch viel zu früh dran. Du hättest noch eine halbe Stunde warten sollen. Jetzt kommt doch der ganze Zeitplan durcheinander. Jedes Mal das Gleiche. Warum erschreckst du dich auch jedes Mal, wenn eine Maus anfängt zu quieken?«
Henning entschuldigte sich und überlegte bereits an einer Ausrede, die er den anderen Tieren erzählen konnte. Ein Hahn der sich von einer kleinen Maus erschrecken lies, durfte es doch nicht geben.
Nico packte sich derweil seine Beute und brachte sie in das Hauptquartier der Mäusejäger. Wie an jedem Morgen trafen sich alle sieben Katzen des Bauernhofes in einem alten Hühnerstall und präsentierten dort ihren Fang. Doch diesmal stimmte etwas nicht.
Nico sah sich um und fühlte sich plötzlich mutterseelenallein. Er sah sich ein zweites Mal um und fing schließlich an, laut zu miauen. Eine Antwort bekam er allerdings nicht. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Er war allein.
Er überlegte schnell, was geschehen sein konnte. Hatten die anderen vielleicht verschlafen, oder hielten sie sich an den eigentlichen Zeitplan und jagten noch weitere Mäuse?
Also packte er erst einmal seine Beute in einen größeren Käfig und wartete die Zeit ab. Aber trotzdem blieb er allein. Es kam niemand mehr.
»Da ist doch irgendwas faul. Da stimmt etwas nicht.«
Hinter ihm kicherten die fünf Mäuse vor sich hin. Schließlich lachten sie ganz laut und hielten sich die Bäuche.
»Sechs böse Katzen sind verschwunden und du wirst die nächste sein.«
Nico erschrak. Konnte es wirklich so sein? Waren seine Freunde verschwunden?
Er kontrollierte noch einmal den Käfig, dann machte er sich auf den Weg, die anderen Katzen zu suchen.
Er lief über den ganzen Hof, durch alle Gebäude. Sogar auf den Feldern suchte er, aber er fand nichts. Keine einzige Spur war zu finden. Er war tatsächlich der letzte Mausefänger.
»Was kann das bloß passiert sein? Das verstehe ich nicht.«
Auch in den nächsten Tagen änderte sich an der Situation nichts. Nico musste also die Arbeit ganz allein erledigen, was er natürlich nicht schaffte.
Die Anzahl der Mäuse stieg von Tag zu Tag. Und sie wurden immer frecher und mutiger, denn sie wussten, dass eine einzelne Katze nicht gegen sie ankam.
Sie stahlen sehr viel Futter und nahmen es mit in ihre Verstecke. Sie knabberten Vorratssäcke an und ärgerten die Kühe. Nicht einmal Henning blieb von ihnen verschont. Der arme Hahn konnte nachts kein Auge mehr zu machen. Ständig lief eine Maus an ihm vorbei und zwickte ihn in die dünnen Beinchen. Dafür war er dann morgens so müde, dass er ständig verschlief und den Sonnenaufgang verpasste. Dadurch kam der Bauer nicht mehr pünktlich aus dem Bett und es entstand ein riesiges Chaos.
Nach einer Woche sagte Henning zu Nico: »Ich halte das einfach nicht mehr aus. Es muss endlich was geschehen. Die Mäuse übernehmen langsam das Kommando über den Bauernhof. Ich kann nicht mehr richtig schlafen und deswegen ist der Bauer ziemlich sauer. Ich glaube, dass er gestern zu seiner Frau sagte, dass er mich bald in den Kochtopf wirft, wenn ich nicht bald wieder pünktlich krähe.«
Nico wusste sich auch keinen Rat mehr. Er war den vielen Mäusen einfach nicht mehr gewachsen.
Er streifte eine Zeit lang durch die Felder, bis er schließlich zum benachbarten Bauernhof kam. Er war so in Gedanken, dass er es erst bemerkte, als er vor einem knurrenden Hofhund stand. Zum Glück war dieser angekettet.
Normalerweise hielt sich Nico von diesem Hof fern, da dieser Hund Katzen nicht leiden konnte.
»Was willst du hier? Das ist nicht dein Hof. Also verschwinde, sonst fresse ich dich auf.«
Nico bekam zwar Angst, wusste aber auch, dass der Hund seine Kette nicht zerreissen konnte. Also bestand keine Gefahr, so lange er ihm nicht zu nahe kam.
Plötzlich kam Nico eine Idee. Er flitzte weg und lief ein paar Mal um die Scheune des fremden Hofes. Und er musste feststellen, dass hier nicht eine einzige Maus zu finden war. Es schien, als würde hier keine einzige von ihnen leben.
»Das ist doch mehr als seltsam. Sonst findet man doch auf jedem Bauernhof Mäuse.«
Und dann kam er auf die Lösung dieses Rätsels. Offenbar waren alle Mäuse umgezogen. Sie mussten gehört haben, dass Nico allein kaum noch einen Nager fangen konnte. Doch woran lag das?
Er legte sich auf die Lauer und beobachtete den Hofhund. Dieser stand in der Mitte des Hofes und fraß gemütlich aus seinem großen Napf. Nur selten sah er sich um. Er musste sich ziemlich sicher sein, dass keine ungebetenen Gäste kommen würden. Schließlich lies er sich nieder und machte ein Nickerchen.
»Das ist meine Chance. Jetzt werde ich das Rätsel lösen.«
Nico schlich über den Hof, vorbei am Hund und ging vorsichtig auf dessen Hütte zu. Als er hinein sah, erschrak er und hätte fast geschrien.
Im Inneren fand er, wonach er schon lange gesucht hatte. Dort waren sechs Katzen. Sie waren gefangen und gefesselt worden. Sie alle zitterten vor Angst. Doch als sie Nico erblickten freuten sie sich.
»Seit leise, damit der Hund nichts hört. Ich werde euch befreien.«
Er zerbiss die Seile und geleitete seine Freunde hinaus bis auf die Straße.
Der Hund bekam davon nichts mit. Er lag weiterhin vor seinem Fressnapf und schnarchte.
Als die sieben Katzen auf ihrem Hof ankamen hing sofort ein lautes Geschrei in der Luft. Die Mäuse waren erschreckt, da sie nicht damit gerechnet hatten. Sofort ergriffen sie die Flucht und liefen zum Hof des Hundes, der ihnen geholfen hatte.
Nico hingegen suchte das Hauptquartier auf und packte sich die fünf Nager, die er eine Woche zuvor eingesperrt hatte.
Sie erzählten ihm, dass der Hund des Nachbarhofes alle Katzen einfangen wollte. Als Belohnung verließen alle Mäuse seinen Hof, damit er und seine Tiere ihre Ruhe haben konnten.
»Da hat er aber nicht mit mir gerechnet.«, antwortete Nico.
Er lies die fünf Mäuse frei. Dafür befahl er ihnen, dass sie sofort den Hof verlassen mussten, was sie nur zu gern taten.
Seit diesen Tagen haben die sieben Katzen fast keinen einzigen Nager mehr gesehen. Doch vom Hof des Hundes hörte man ständiges Gebell. Offenbar sah es dort drüben ganz anders aus.

(c) 2008, Marco Wittler

067. Die heldenhafte Schnecke (Ninos Schneckengeschichten 3)

Die heldenhafte Schnecke

Was macht eine Schnecke eigentlich den ganzen Tag über?
Sie kriecht langsam durch die Gegend und knabbert mal an dem einen und mal an dem anderen Blatt. Und weil sie sehr langsam sind, haben sie immer ein kleines Häuschen bei sich, damit sie abends nicht zu lange brauchen, um nach Hause zu kommen.
Gemütlichkeit gehörte in jedes Schneckenleben. Spontan waren Schnecken nie, denn dafür sind sie schon immer zu langsam gewesen. Verabreden sie sich mit Freunden, geschieht das meist eine Woche im Voraus, damit sie sich auch rechtzeitig auf den Weg machen können.
Bei Nino war das allerdings etwas anderes. Nino war auch eine Schnecke. Seine Freunde und Nachbarn hatten ihm allerdings schon vor einiger Zeit ein paar besondere Geschenke gemacht.
Um nicht so viel Zeit allein zu Hause zu sein, leistete ihm ein kleiner Hund Gesellschaft. Wuschel war sein Name und er wich seinem Herrchen den ganzen nicht von der Seite.
Doch das war noch nicht alles, denn Nino besaß nun auch ein Skateboard. Wenn er jemanden besuchen wollte, dann stellte er sich einfach darauf und ließ sich von Wuschel durch die Stadt ziehen.
Das war vielleicht ein Bild. Das kann man sich eigentlich gar nicht so richtig vorstellen, wenn Nino schneller als jeder andere durch die Straßen flitzte. Die einzige, die mit ihm mithalten konnte, war Fräulein Fledermaus. So manches Mal entstand daraus sogar ein Wettrennen, obwohl Fräulein Fledermaus flog. Und ob man es glaubt oder nicht, der Nino hat hin und wieder auch gewonnen.
Doch heute hatte er etwas anderes vor. Er stand vor dem Spiegel, bürstete sich sein Haar und kümmerte sich anschließend um das Fell von Wuschel.
»Komm schon her, Wuschel. Du willst doch heute auch schön sein. Es ist doch Sonntag und da muss man immer gut anzusehen sein.«
Nino band sich noch eine schicke rote Fliege um den Hals und dann verließen sie das Haus.
Wuschel hatte bereits das Skateboard in seiner Hundeschnauze und trug es nach draußen.
»Das ist aber lieb von dir.«, sagte Nino.
Die Schnecke auf das Brett, nahm die Leine des Hundes in beide Hände und schon ging es los.
Wuschel rannte durch die Straßen. Er war gar nicht mehr zu bremsen. Wie ein Wirbelwind ging es durch die Stadt und schließlich aus ihr heraus. Es blieb kaum Zeit, den Nachbarn einen Gruß entgegen zu rufen.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie am See vor der Stadt ankamen.
»Was meinst du, Wuschel, ob das heute ein schöner Tag für uns wird?«
Die beiden machten es sich etwas oberhalb des Wassers in der Sonne gemütlich und genossen das warme Wetter. Die Sonne stand hoch am Himmel und keine einzige Wolke versperrte ihren Strahlen den Weg.
Es waren noch einige andere Leute in der Nähe. Sie wollten ebenfalls einen Sonnenbad nehmen. Auf der anderen Seite des Sees lag Herr Maulwurf auf einem großen Handtuch. Fräulein Fledermaus flog einige Runden über dem Wasser und fing zum Zeitvertreib einige Fliegen ein, die sie aber gleich wieder frei ließ. Der Bürgermeister saß auf einem hohen Holzturm, damit er auch alles gut überblicken konnte. Im Wasser tummelte sich eine kleine Entenfamilie.
Nino sah die Enten und dachte nach.
»Ich werde freiwillig nie in den See gehen. Das ist mir viel zu gefährlich. Ich kann ja auch gar nicht schwimmen.«
In diesem Moment gab es plötzlich einen starken Windstoß.
»Huch, woher kommt denn der Wind?«, fragte sich Nino.
Auch Wuschel wurde ganz unruhig.
Der Turm des Bürgermeisters begann zu wackeln, die Enten auf dem Teich wurden von kleinen Wellen hin und her geschaukelt und das Badetuch des Herrn Maulwurf begann wie wild zu flattern.
Doch so schnell, wie der Wind auch aufgetaucht war, verschwand er wieder. Alles war wieder ruhig.
Nino sah sich um und bemerkte, dass seine Freunde ebenfalls sehr überrascht waren, sich aber langsam wieder beruhigten. Herr Maulwurf legte sich wieder hin, die Enten waren an Land geschwommen und der Bürgermeister hielt sich nicht mehr krampfhaft am Geländer seines Turmes fest.
Nino sah sich um. Er rieb sich die Augen und blickte ein weiteres Mal in alle Richtungen. Aber es bestand kein Zweifel. Sie war nicht mehr da.
»Wo ist denn Fräulein Fledermaus. Vor ein paar Minuten flog sie doch noch über den See und hat mit den Fliegen gespielt.«
Und dann war plötzlich ein leises Plätschern zu hören.
Nino sah noch einmal genauer hin und entdeckte sie.
»Ach du Schreck. Fräulein Fledermaus ist im Wasser gelandet.«
Und nun zappelte sie darin herum. Nino fiel sofort ein, dass die kleine Fledermaus nicht schwimmen konnte.
Er rief sofort um Hilfe. Irgendwer musste ihr doch helfen. Er sah sich um. Herr Maulwurf war bereits aufgestanden. Da er aber nicht so gut sehen konnte, würde er die Fledermaus nicht finden können. Der Bürgermeister kam nur sehr langsam mit seinem dicken Bauch von seinem Turm herunter und würde viel zu lange für eine Rettung brauchen. Aber was war mit den Enten?
Nino blickte verzweifelt um sich und fand sie. Die Entenküken saßen alle unter einem großen Baum. Sie waren viel zu klein, um jemanden aus dem Wasser zu retten. Und Mama Ente war nicht zu sehen. Sie war wahrscheinlich auf Futtersuche.
»Oh, verdammt. Es ist niemand da, der Fräulein Fledermaus retten kann. Was sollen wir denn jetzt tun, Wuschel?«
Nino war verzweifelt. Er wollte die kleine Fledermaus unbedingt retten, nicht nur, weil sie ihn damals völlig eingeschneit im Schnee gefunden hatte, sondern auch, weil sie sehr gut befreundet waren.
»Wir müssen unbedingt etwas unternehmen, Wuschel. Nur was?«
Der kleine Hund bellte ganz aufgeregt und hüpfte im Kreis herum. Schließlich stieß er mit seiner kleinen Schnauze das Skateboard um.
Nino kam eine Idee.
»Das ist es Wuschel. Ich habe eine Idee. Aber dazu brauche ich deine Hilfe.«
Die Schnecke hüpfte auf das Skateboard und schnappte sich die Hundeleine.
»Los Wuschel. Zieh mich zum Wasser, so schnell wie du kannst.«
Der Hund rannte los, als ginge es um sein Leben. Seine kleinen Füße gaben alles, was sie hatten, bis er kurz vor dem Wasser stehen blieb.
Das Skateboard hatte aber keine Bremsen. Und so schoss es geradewegs auf den See und verwandelte sich so in ein Surfbrett.
»Hui, das macht aber Spaß.«, rief Nino über den See hinaus.
Er steuerte geradewegs auf die Fledermaus zu. Als er bei ihr ankam, griff er mit seinen Händen schnell zu und zog sie zu sich auf das Brett. Und nur ein paar Sekunden später rollte das Skateboard auf der anderen Seite des Sees an Land und blieb genau neben Herrn Maulwurf stehen.
Nino konnte noch immer nicht glauben, was er gerade getan hatte und dass es auch noch funktioniert hatte.
Fräulein Fledermaus hingegen war so froh, dass sie jemand aus dem Wasser geholt hatte.
»Mein Lieber Nino, ich bin dir so dankbar, dass du mir das Leben gerettet hast. Du bist ein wahrer Held.«
Sie küsste die Schnecke auf die Wange und drückte sie fest an sich.

(c) 2008, Marco Wittler