182. Das verlorene Ei

Das verlorene Ei

Lina war mit der Schulklasse unterwegs. Der Unterricht war für heute gestrichen, denn sie machten einen Schulausflug und besuchten eine alte Kirche in einer großen Stadt.
»Du meine Güte, schaut euch das bloß an.«, sagte sie staunend zu ihren Freundinnen.
Ihr Finger zeigte nach oben in die Luft. Dort sah man zwei Kirchtürme, die fast die Wolken zu berühren schienen.
»Das ist ist wahnsinnig hoch. Da kommt man zu Fuß bestimmt nicht an einem Tag hinauf.«, vermutete Lili.
Hast du noch so einen leckeren Müsliriegel in deinem Rucksack, Lina?«, fragte Melanie und öffnete bereits den Reißverschluss.
»Kannst du immer nur ans Essen denken?«
Die Mädchen lachten.
»Essen ist halt viel interessanter als so eine alte Kirche.«
Die Mädchen gingen weiter und stellten sich am Eingang an. Offensichtlich hatte die Lehrerin vor, mit der gesamten Klasse den Aufstieg zur Kirchturmspitze zu wagen.
In diesem Moment flog ein Falke über das große Gebäude hinweg und verschwand im Turm. Die Menschen unter ihm schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie bemerkten ihn nicht. Das war dem Vogel auch ganz recht. So konnte er sich in Ruhe auf ein Nest setzten und seine Eier ausbrüten.
Doch kurz vor der Landung gab es einen plötzlichen Windstoß. Der Falke rutschte über den glatten Boden und stieß sein Nest an. Eines der Eier hüpfte dabei heraus, rollte fort und stürzte in die Tiefe.
Sofort raste die Vogelmama hinterher, aber das Ei schien verloren. Sie konnte es nicht mehr einholen. Traurig flog sie in den Turm zurück.
Die Schulklasse war nun auf dem Weg nach oben. Die Stufen wurden immer enger und schmaler, je höher sie kamen. Ein paar der Jungen waren bereits richtig aus der Puste. Trotzdem wollten sie keine Pause machen. Sie wollten mindestens eine Minute länger durchhalten als die Mädchen.
Doch dann waren sie viel schneller im Turm angekommen als erwartet.
»Von hier hat man ja eine herrliche Aussicht.«, schwärmte Lili.
»Schaut mal.«, rief Melanie. Von hier oben kann man den Würstchenstand im Park sehen. Da bekomme ich gleich wieder Hunger.«
Und dann war da plötzlich ein Geräusch. Etwas knackte. Es klang, als würde etwas zerbrechen. Gefolgt wurde es von einem leisen Piepen.
»Was ist das?«, wollten die Kinder wissen.
»Wo kommt das her?«
Sie sahen sich um und begannen zu suchen. Bis Melanie es schließlich fand.
»Es kommt aus Leonies Rucksack.«
Schnell öffneten sie ihn und fanden ein kleines Vogelküken darin.
»Wie kommt das denn dort rein?«, fragten sich alle.
In diesem Moment kam ein Falke heran geflogen, schlängelte sich zwischen den Kindern hindurch und griff sich das Küken. Damit flog er dann wieder einige Meter höher und setzte sich in sein Nest.
Nach der ersten Verwunderung fand Leonie die Eierschalen in ihrem Rucksack.
»Es muss ein Ei aus dem Nest gefallen sein. Es ist dann in meinem Rucksack sicher gelandet.«
Und so hatten die Kinder an diesem Tag etwas ganz Besonderes erlebt und der Vogelmama war ihr Küken gerettet worden.

(c) 2009, Marco Wittler

080. Die Kirchenmaus

Die Kirchenmaus

Moritz lebte in einem Kirchturm. Das mag sich schon sehr ungewöhnlich anhören, denn normalerweise wohnt man doch in einem Haus. Aber ihm gefiel es dort oben sehr gut. Vor allem, da sich dort oben keine gefährlichen Katzen herum trieben. Denn Moritz war eine kleine Maus.
Tagein und tagaus saß er an einem der Fenster und sah nach draußen. Auf dem Marktplatz unter ihm gingen die Menschen ihren Geschäften nach, wuselten hin, wuselten her und gingen von einem Laden zum Nächsten.
Die kleine Maus konnte sich gar nicht vorstellen, wie es sein würde, ein Mensch zu sein.
»Das wäre mir viel zu stressig. Wenn ich mir das so ansehe, dann haben die Menschen doch gar kein ruhiges Leben. Daran hätte ich gar keinen Spaß.«
Hin und wieder kletterte Moritz vom Turm nach unten in die kleine Kirche. Dort krabbelte unter den Sitzbänken her und suchte nach etwas Essbarem. In einem kleinen Nebenraum fand er auch immer etwas Brot oder ein paar Scheiben Hostien, die der Pfarrer hatte liegen lassen. Dabei weiß doch jede Kirchenmaus, dass Hostien in den dafür vorgesehenen Tabernakel, einem kleinen Schrank im Altar, gehören. Aber für Moritz kam dieser Leckerbissen genau richtig.
Während er so da saß und vor sich hin knabberte, dachte er weiter über die Menschen nach.
»Die sind ein ganz schön komisches Völkchen. Aus denen werde ich nie schlau. Jeden Tag sind sie voller Hektik und Stress. Sie finden keine Ruhe. Nur einen einzigen Tag in der Woche können sie sich bremsen.«
Moritz dachte an den Sonntag. Denn an diesem Tag mussten die Menschen nicht arbeiten und versammelten sich stattdessen in der Kirche und lauschten dem Pfarrer, wenn er zu ihnen sprach oder sie sangen mit ihm langweilige Lieder.
Dieser Moment dauerte zwar immer nur eine Stunde, aber diese Zeit genoss Moritz sehr. Da war das ganze Gebäude mit einer sehr warmherzigen Stimmung gefüllt.

Es dauerte gar nicht lange, bis wieder einer dieser Tage kam. Die Straßen waren wie leer gefegt, die Geschäfte waren geschlossen und die Menschen würden schon bald nach und nach in kleinen Gruppen in die Kirche kommen.
Moritz machte es sich an seinem Lieblingsplatz bequem. Er hatte sich durch den Boden der Empore, das ist der Balkon in der Kirche, einen kleinen Tunnel geknabbert, an dessen Ende sich ein Loch befand. Von dort aus konnte er alles überblicken.
Mit einer kleinen Erdnuss machte er es sich bequem und beobachtete den Pfarrer dabei, wie er noch ein paar Blumen auf dem Altar zurecht machte.
»Da hat er aber die Kirche wieder schön heraus geputzt. Da werden sich die Leute richtig freuen.«
In diesem Augenblick rumpelte es über dem Kopf der kleinen Maus. Offenbar kam gerade der Organist. Es würde nun nicht mehr lange dauern, bis er sich an die Orgel setzen würde, um noch einmal die heutigen Lieder zu proben.
Ein ganz leises Geräusch verriet Moritz, dass gerade der Luftkompressor eingeschaltet wurde. Dieser befand sich in einem kleinen Raum hinter der Orgel und blies Luft in die einzelnen Pfeifen, damit sie Töne von sich gaben.
Doch diesmal hörte sich das Gerät seltsam an. Irgendetwas stimmte da nicht.
In diesem Moment drückte der Organist die ersten Tasten. Doch statt eines Liedes erklangen nur ganz leise schräge Töne. Er sah sich um, drückte ein paar Knöpfe, zog einige Hebel und begann erneut zu spielen. Aber es änderte sich nichts. Die Orgel schien kaputt zu sein.
Sofort lief er von der Empore hinab, um mit dem Pfarrer zu sprechen.
Moritz sah den beiden von oben aus zu.
»Ach du meine Güte, herrjemineh. Was sollen wir denn jetzt machen? Ein Gottesdienst ohne Orgelmusik ist doch kein richtiger Gottesdienst. Was sollen denn die Leute denken? Wir brauchen sofort Hilfe. Aber woher sollen wir die bloß bekommen? Am Sonntag arbeitet doch niemand.«
Moritz verstand von diesen Worten nichts. Er war ja schließlich eine Maus und kein Mensch. Aber trotzdem wusste er, dass es gerade große Probleme gab.
Während der Pfarrer in einen anderen Raum eilte, um über das Telefon Hilfe zu holen, dachte Moritz nach, ob er in der Zwischenzeit schon helfen könnte. Obwohl er nur eine kleine Maus war und von Orgeln keine Ahnung hatte, machte er sich auf den Weg. Er kletterte am Holzgehäuse nach oben und lies sich furchtlos in eine der Orgelpfeifen fallen. Ein leises Plumpsgeräusch war in der Kirche zu hören. Die beiden Männer waren aber viel zu beschäftigt, um es zu bemerken.
Moritz konnte nicht viel erkennen. Nur wenig Licht drang hier ein. Es war, als würde gerade die Sonne untergehen.
»Aber ich muss unbedingt heraus finden, was geschehen ist. Vor ein paar Tagen hat die Orgel doch noch funktioniert.«
Er setzte vorsichtig eine Pfote vor die andere und schnüffelte umher.
Plötzlich kam ihm etwas sehr seltsam vor. Da war ein Geruch, der ihm sehr bekannt vor kam. Dazu war das leise Getrippel von kleinen Füßen zu hören.
»Hallo? Ist da jemand?«
Das Geräusch erstarb so schnell, als hätte es nie existiert.
»Hallo? Ich weiß, dass dort jemand ist. Also komm heraus.«
Moritz hatte etwas Angst. Trotzdem ging er langsam weiter.
Das Licht war mittlerweile so dunkel geworden, dass er nichts mehr sehen konnte. Seine Nase roch dafür mit jedem Schritt umso besser.
»Das riecht doch nach Haselnüssen.«
Er tastete sich vorwärts. Und tatsächlich hatte seine Nase Recht behalten. Denn nur einen Moment stieß Moritz mit dem Kopf gegen eine Nuss. Sie lag direkt in dem Rohr, welches zum Kompressor führte. Und dann war da noch eine und noch eine. Es war ein kleiner Haufen, bestimmt zehn Stück an der Zahl.
»Habe ich es mir doch gleich gedacht. Daran kann doch nur einer Schuld sein.«
Moritz atmete tief ein, drückte seine Brust heraus und rief so laut er konnte.
»Emil, komm sofort heraus. Ich weiß ganz genau, dass du hier bist. So viel Ärger macht doch kein anderer.«
Einen Moment lang blieb es still. Doch dann raschelte es und ein kleines Fellbündel kam heran.
Die kleine Maus schnupperte und erkannte sofort den Duft vor sich. Es war ein kleines Eichhörnchen.
»Es tut mir Leid Moritz.«, sagte es.
Moritz schüttelte den Kopf.
»Weißt du eigentlich, was du angestellt hast? Die Menschen brauchen doch heute die Orgel. Wie sollen sie denn sonst ihre Lieder singen?«
Emil kam etwas näher und zog einige Nüsse mit sich.
»Aber es ist doch Herbst und der Winter wird bald kommen. Ich muss anfangen, genug Vorräte für die kalte Jahreszeit zu verstecken, sonst verhungere ich doch. Ich wusste leider nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Die Löcher in den Bäumen sind alle schon von den anderen Eichhörnchen besetzt.«
Moritz schüttelte wieder den Kopf und lachte.
»Es ist doch jedes Jahr das Gleiche mit dir. Du bist mal wieder viel zu spät dran. Aber weißt du was? Ich werde dir ausnahmsweise in diesem Jahr helfen.«
Hätte Moritz in dieser Dunkelheit etwas sehen können, wäre ihm sofort das Leuchten in Emils Augen aufgefallen.
»Aber zuerst müssen wir die Nüsse hier heraus schaffen.«
Gemeinsam sammelten sie alles ein und waren in wenigen Minuten fertig.
Die Nüsse verstauten sie in der kleinen Vorratskammer, die sich Moritz schon vor Wochen geschaffen hatte.
»Darin ist noch genug Platz. Du darfst alles da hinein bringen und dich dann jederzeit bedienen, wann du möchtest.«
Emil war so froh über dieses Angebot, dass er nur zu gern ›ja‹ sagte. Dass er in den dunklen Röhren der Orgel immer Angst gehabt hatte, verschwieg er allerdings.
»Jetzt bleibt nur noch eines zu tun.«
Moritz kletterte erneut am Gehäuse der Orgel nach oben, zögerte kurz und sprang dann in die Tiefe auf die Tasten.
Ein lautes Geräusch ertönte, welches in der ganzen Kirche zu hören war.
Die kleine Maus verschwand in einem kleinen Loch und beobachtete, was nun geschah.
Es dauerte nur einen kleinen Moment, bis der Pfarrer und der Organist auf die Empore gelaufen kamen, um noch einmal selber die Orgel auszuprobieren.
»Ich kann es gar nicht glauben. Sie funktioniert ja wieder. Da müssen wir ja einen freundlichen Schutzengel gehabt haben.«
Moritz lächelte und lief gemütlich in sein Beobachtungsloch.
»Dann steht dem Gottesdienst ja nichts mehr im Wege.

(c) 2008, Marco Wittler

077. Der Falke und die kleine Maus

Der Falke und die kleine Maus

Fridolin saß auf seinem Ausguck und blickte sich um. Unter ihm befand sich auf der einen Seite die kleine Stadt, auf der anderen Seite ein kleiner Wald und Felder.
Als waschechter Falke hatte Fridolin es sich im Turm einer Kirche gemütlich gemacht. Dort hatte er sein Nest und sah sich täglich nach seiner Beute um. Und so war es auch an diesem Tag. Es war warm, die Sonne schien und die Sicht war prächtig. Jetzt fehlte nur noch eine kleine Maus oder ein Kaninchen für das Mittagessen.
Aber man kann doch von so weit oben gar keine kleinen Tiere sehen, magst du jetzt vielleicht denken. Doch die Augen eines Falken sind sehr viel besser als die von Menschen.
Nun sah sich Fridolin also um. Aber er konnte nichts entdecken.
»Verdammt. Wenn meine Augen doch nicht so schlecht wären. Es ist unfair, dass die anderen Falken so viel besser sehen können als ich.«
Fridolin hüpfte in den Kirchturm zurück zu seinem Nest, kramte darin herum und holte eine Brille hervor, die er sich dann aufsetzte.
»So geht es schon viel besser.«
Als er wieder nach draußen sah, dauerte es nicht mehr lange, bis er entdeckte, was er suchte. Im benachbarten Feld lief eine kleine Maus hin und her und knabberte an ein paar herab gefallenen Getreidekörnern.
»Das wurde ja auch langsam mal Zeit. Mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen.«
Fridolin sprang in die Tiefe, entfaltete seine Flügel und flatterte über das Feld. Dort hielt er inne, suchte noch einmal nach der Maus und stürzte sich zu Boden. Wie ein Pfeil schoss er durch die Luft. Er war für die Maus nicht zu hören und nicht zu sehen. Kurz bevor er auf dem Boden aufschlug, flog er einen Bogen und griff mit den Krallen seiner Füße nach der Maus.
Aber genau in diesem Moment passierte es. Fridolin rutschte die Brille von der Nase und er griff ins Leere.
Die kleine Maus war starr vor Schreck. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich ein großer Vogel auf sie stürzen würde. Um ein Haar wäre sie gefressen worden. Doch nun hatte sie noch eine Chance erhalten. Sie nahm ihre Beine unter den Arm und flüchtete in ein kleines Erdloch. Dort würde sie sicher sein.
Keuchend hielt sie sich die Brust und wartete nun darauf, dass der Falke wieder verschwinden würde.
Aber Fridolin dachte gar nicht daran, zu seinem Ausguck zurück zu kehren. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre es ihm gar nicht möglich gewesen, denn ohne Brille konnte er den Weg nicht finden und würde gleich gegen das nächste Haus fliegen.
Nun hüpfte er verzweifelt hin und her. Er kniff die Augen eng zusammen und hoffte, seine Brille auf diese Art und Weise finden zu können. Aber es war aussichtslos.
»Oh nein. Wie konnte mir das nur passieren. Ich komme doch nie wieder weg von diesem Feld. Was soll ich denn jetzt machen?«
Die kleine Maus verzweifelte nun auch.
»Der wird nie wieder verschwinden?« sagte sie zu sich.
»Aber dann muss ich ja ewig in diesem Loch bleiben und werde hier verhungern. Das ist ja fast noch schlimmer als gefressen zu werden.«
Die kleine Maus überlegte sich nun, ob sie nicht doch noch heraus kommen sollte, um ihrem Leben ein schnelles Ende zu bereiten. Doch dann hörte sie noch etwas.
»Wenn ich doch bloß als Maulwurf geboren worden wäre. Dann wäre meine Blindheit nicht so schlimm. Aber ein Falke muss doch gut sehen können. Wo ist bloß diese Brille geblieben?«
Die Maus traute ihren Ohren nicht.
»Der Falke trägt eine Brille und hat sie verloren? Dann kann mir ja gar nichts mehr geschehen.«
Vorsichtig sah sie aus ihrem Versteck hervor und erblickte den großen Vogel. Noch immer traute sie der Sache nicht. Vielleicht würde er ja auch nur lügen, um sie aus dem Loch zu locken.
Doch dann sah sie etwas zwischen den Getreidehalmen glitzern.
»Da ist ja die Brille.«, flüsterte sie.
Und nun kam auch Fridolin seiner Brille näher. Sehen konnte er sie trotzdem nicht.
Und plötzlich knackte und klirrte etwas.
»Oh nein.«
Fridolin sah nach unten und hob seine Füße an. Darunter lag seine Brille. Vorsichtig nahm er sie hoch, musste aber feststellen, dass er das Glas zertreten hatte. Sie war kaputt und nicht mehr zu gebrauchen.
»Ich bin doch wirklich ein großer Pechvogel. Das war meine einzige Brille und eine neue werde ich nicht bekommen. Ich bin verloren und werde den Rest meines Lebens auf dem Erdboden verbringen müssen. Ich werde nicht einmal etwas zu fressen finden und verhungern.«
Er weinte dicke Tränen, die nun mit den Glasscherben in der Sonne glitzerten.
Die Maus hatte plötzlich großes Mitleid mit dem großen Vogel. Sie kam aus ihrem Versteck heraus und näherte sich langsam.
»Hallo.«, sagte sie.
»Hallo? Wer ist denn da?«, fragte Fridolin ängstlich.
»Ich kann dich nicht sehen. Wer bist du? Willst du mir etwas antun oder mich fressen?«
Die kleine Maus lachte nun.
»Nein, ganz bestimmt nicht. Dazu bin ich auch viel zu klein. Aber bis vor ein paar Minuten wolltest du mich noch fressen. Ich bin nur eine kleine Maus.«
Fridolin wollte aufatmen. Eine kleine Maus konnte ihm nicht gefährlich werden. Aber trotzdem war es ihm sehr peinlich, so hilflos vor seiner Beute zu sitzen.
»Was soll ich denn jetzt machen? Ich sehe so schlecht, dass ich wohl nie wieder Mäuse fangen werde. Und irgendwann wird eine hungrige Katze hier vorbei kommen und mich in Stücke reissen.«
Die kleine Maus dachte nach. Obwohl sie als Mittagessen verplant war, wollte sie dem Falken nun aus seiner Situation heraus helfen.
»Ich habe da eine Idee.«
Sie lief über das Feld und sammelte einige Getreidekörner auf.
»Probier diese Körner. Sie sind wirklich lecker und machen ordentlich satt. Davon kannst du dich doch ernähren.«
Fridolin wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Nur sehr zögerlich pickte er die Körner auf.
In diesem Moment bekam der Falke ganz große Augen.
»Das ist ja kolossal. Ich habe gar nicht gewusst, dass die so lecker sind. Die schmecken ja noch viel besser als Fleisch. Wenn ich das vorher gewusst hätte. Ich werde nie wieder etwas anderes fressen.«
Die kleine Maus hatte aber noch eine zweite Idee im Kopf. Schließlich konnte der Falke ja nicht hier am Boden bleiben. Für ein Mauseloch im Boden war er auch zu groß. Er gehörte in die Luft und zurück auf seinen Kirchturm.
Daher kletterte sie flink auf den Rücken des Vogels.
»Ich kann für dich durch die Gegend schauen und dir sagen, was ich sehe. Ich kann dich durch die Luft begleiten, damit du wieder nach Hause kommst und nicht gegen ein Haus fliegst.«
Fridolin war begeistert von dieser Idee. Er begann sofort mit den Flügeln zu schlagen und hob ab.
Die kleine Maus achtete auf die Richtung und geleitete den großen Vogel sicher zurück auf den Kirchturm.
Fridolin war glücklich, wieder zu Hause zu sein. Er nahm die Maus vorsichtig von seinem Rücken und setzte sie in sein Nest.
»Von nun an wollen wir beide dicke Freunde sein. Du darfst bei mir wohnen und musst nie wieder Angst vor Katzen und anderen Raubtieren haben. Und gemeinsam werden wir jetzt jeden Tag leckere Körner fressen.«
Der Falke und die Maus freuten sich und drückten sich gegenseitig.

(c) 2008, Marco Wittler