272. Der Sprung in die Tiefe

Der Sprung in die Tiefe

Marie und Julie standen am Rand und sahen in die Tiefe. Beim Blick von hier oben, rutschte ihnen sofort das Herz in die Hose. Sie nahmen sich an der Hand und redeten sich Mut zu.
»Das schaffen wir schon. Das ist gar nicht so schwer, wie alle immer sagen.«
Weit unter ihnen plätscherte Wasser. Schon viele Mutige waren aus dieser luftigen Höhe herab gesprungen. Doch vermutlich hatte es auch schon viele gegeben, die sich von ihrer Angst hatten abhalten lassen.
»Wir müssen es tun, sonst halten uns die anderen für Feiglinge.«
Die beiden Mädchen sahen sich verzweifelt an. Sie spürten ihre pochenden Herzen. Noch nie hatte jemand eine solche Mutprobe von ihnen verlangt. Doch wer dazu gehören wollte, musste auch etwas dafür tun.
»Weißt du was?«, fragte Marie.
»Wir machen die Augen, zählen bis drei und springen dann einfach. Vielleicht ist ja nichts dabei.«
Die anderen Kinder standen um sie herum und feuerten sie an.
»Wir haben wohl keine andere Wahl.«, sagte Julie plötzlich mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Sie zählten bis drei und sprangen.
Rasend schnell ging es in die Tiefe und ganze zehn Zentimeter später landeten die Füße der beiden Freundinnen in der großen Pfütze, die sich auf dem Spielplatz befand.
In diesem Moment kamen zwei Mütter um die Ecke gebogen. Sie hatten einen verzweifelten Ausdruck im Gesicht.
»Oh nein, nicht schon wieder. Warum macht ihr das nur immer wieder.«, sagten sie gemeinsam.
Marie und Julie sahen an sich herab und waren mit ihren patschnassen Schuhen und Hosen zufrieden.

(c) 2009, Marco Wittler

185. Du bist doch nur ein Mädchen

Du bist doch nur ein Mädchen

Lina stand hinter dem Maschendrahtzaun und sah den Jungen zu. Sie spielten Fußball. Hin und her ging der Ball und sie schienen viel Spaß zu haben. Nur zu gern würde Lina mitmachen. Doch sie wusste genau, was geschehen würde, wenn sie einen Fuß auf den Platz stellen würde. Trotzdem versuchte sie es.
»Ich will auch mitspielen.«, rief sie laut.
Ihr großer Bruder Leon hörte sie und kam sofort an den Spielfeldrand. Seine Freunde unterbrachen das Spiel und folgten ihm.
»Du willst mitspielen? Fußball ist ein Spiel für Jungen. Du bist doch nur ein Mädchen. Du wirst nicht einmal den Ball treffen, wenn wir dir eine Zielscheibe darauf malen. Spiel lieber wieder mit deinen Puppen.«
Die Jungen lachten laut und begannen wieder zu kicken. Lina ließ traurig die Schultern hängen und schlich nach Hause. Es war wie jedes Mal gelaufen.

Am nächsten Morgen wollte Lina gerade das Bad betreten und sich waschen, als sich ihr Bruder vorbei drängelte und die Tür hinter sich verschloss.
»Ich war aber zuerst dran.«
Leon öffnete trotzdem nicht.
»Du bist doch nur ein Mädchen. Dann kannst du auch warten, bis ich fertig bin. Stell dich nicht so an.«
Lina war nun richtig sauer. Jeden Tag bekam sie den gleichen Spruch zu hören. Jeden Tag musste sie nachgeben. Ihr Bruder war immer der Gewinner. Das war so unfair.
»Ich wünschte, du wärst auch mal ein Mädchen. Dann würdest du ganz schnell merken, wie gemein ihr Jungen immer zu uns seid.«
Sie drehte sich um und stampfte mit lauten Schritten in ihr Zimmer.
Leon lachte nur, während er sich die Zähne putzte. Er sollte ein Mädchen werden? Nicht einmal im Traum würde ihm so etwas Verrücktes einfallen. Er war richtig froh, ein Junge zu sein.
»Kinder, kommt runter, das Frühstück ist fertig.«, rief Mama aus der Küche.
»Lina, denk bitte an deinen Turnbeutel und Leonie trödel nicht wieder so herum. Du hättest gestern schon fast den Bus verpasst.
Leonie?
Leon wunderte sich. Was war denn nur mit Mama los? Stimmte da etwas nicht mit ihr?
Er ging die Treppe nach unten und setzte sich an den Tisch.
»Oh nein, wie siehst du denn aus, meine Süße? Was hast du denn mit deinen Haaren angestellt? Ich mach dir noch schnell ein paar Zöpfe rein.«
Nun wurde es Leon zu bunt. Süße? Zöpfe? Wollte ihn jemand ärgern?
»Mein Name ist Leon und meine Haare sind viel zu kurz  für Zöpfe.«
Ihm stockte der Atem. Seine Stimme hatte sich verändert. Sie war viel höher, als noch vor ein paar Minuten. Erschreckt sprang er auf und stellte sich schnell im Flur vor den großen Spiegel. Dort blickte ihm nun nicht mehr der vertraute Bengel entgegen, sondern ein Mädchen mit langen blonden Haaren, einem knielangen Kleid und rosa Schuhen.
Er schrie.
»Leonie, nun mach doch nicht so ein Theater. Ich helfe dir ja schon.«
Mama kam ihm nach gelaufen und flechtete sofort zwei lange Zöpfe in das Haar.
Sie schien gar nicht zu merken, dass ihre Tochter eigentlich ein Sohn war. Das konnte doch nur ein schlimmer Alptraum sein.
Ein paar Minuten machte sich Leon verzweifelt auf den Weg zur Schule.
Der Bus stand bereits vor dem Haus und er musste sich beeilen. Doch das Kleid flatterte wild um seine Beine herum. Fast wäre er gestolpert und hingefallen. Als er einstieg lachten alle Jungen über ihn.
Wütend wollte er sich neben seinen besten Freund Christian setzen. Doch dieser stieß ihn fort.
»Spinnst du? Ich sitze doch nicht freiwillig neben einem Mädchen. Geh bloß zu den anderen. Das hier ist der Stammplatz meines besten Freundes Alexander.«
Also schlich sich Leon mit hochrotem Kopf zu den anderen Mädchen.
In der Schule lief es nicht besser. Die Jungen lachten ihn aus, spielten ihm Streiche und beleidigten ihn. Trost fand er nur bei den Mädchen, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben wollte. Doch dadurch stellte er fest, dass es ihnen nicht anders erging, als ihm.
»Die Jungen sind alle doof. Sie nehmen uns gar nicht ernst. Denen sollte man mal zeigen, dass Mädchen alles genau so gut können ,wie sie selbst.«, schimpfte Melanie.
Leon hätte ihr nur zu gern widersprochen, traute sich aber nicht. Er ertrug sein Schicksal so gut er konnte.

Am Nachtmittag hielt es Leon zu Hause nicht mehr aus. Seine Mutter wollte ihm zeigen, wie man mit Stricknadeln umgeht.
»Aber dud hast mich doch letzte Woche gefragt, wie man Söckchen selber macht.«
Er zog sich eine Jacke über und rannte zum Fußballplatz. Er wusste, dass seine Freunde sich dort gerade austobten.
Als er ankam, stellte sich mit auf den Platz.
»Was willst du denn hier?«, rief Alexander laut über den Platz.
»Fußball spielen nur Jungs. Du bist doch nur ein Mädchen. Hast ja eh keine Ahnung von den Regeln. Den Ball triffst du bestimmt auch nicht.«
Wut kochte in Leon hoch. So etwas Gemeines hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gehört.
Er rannte auf den Ball zu und schoss ihn im hohen Bogen über den halben Platz direkt ins Tor. Dann drehte er sich um und rannte zurück nach Hause.
Sein Ziel war das Zimmer seiner Schwester Lina. Ohne ein Klopfen öffnete er die Tür und trat ein.
»Bitte mach, dass es aufhört.«, bettelte er.
»Es tut mir leid, dass ich dich so schlimm behandelt habe. Ich verspreche dir, dass ich dich nie wieder beleidigen werde. Du darfst sogar mit mir Fußball spielen.«
Lina freute sich und grinste über das ganze Gesicht.
In diesem Moment wurden Leons Haare wieder kürzer und das Kleid verwandelten sich in ein T-Shirt und eine Hose. Er war wieder ein Junge.
»Danke, kleine Schwester.«
»Bitte, großer Bruder.«
Er nahm Lina an die Hand und ging mit ihr zusammen zum Fußballplatz.
»Hey, Jungs, ich hab uns noch Verstärkung für unsere Mannschaft mitgebracht.«
Alexander und die anderen kamen heran und lachten.
»Du willst uns doch wohl nicht mit einem Mädchen schwächen. Das geht ja gar nicht.«
Leon sagte kein Wort, blinzelte die anderen aber böse an. Daraufhin gaben sie Lina sofort ein Trikot und ließen sie das Spielfeld betreten.

Am Abend kehrten die beiden Geschwister gemeinsam freudestrahlend nach Hause zurück.
»Was ist denn mit euch los?«, fragte Mama erstaunt.
»So kenne ich euch gar nicht.«
Lina begann sofort zu erzählen.
»Leons Mannschaft hat das Spiel heute gewonnen.«
Und Leon fügte berichtete ihr den Rest der Neuigkeiten.
»Lina hat alle Tore geschossen. So gut, wie sie, spielt kein anderer. Die Jungs waren richtig erstaunt und wollen noch mehr Mädchen dabei haben.«

(c) 2009, Marco Wittler

125. Echte Freunde

Echte Freunde

Lukas saß auf dem Spielplatz und sah den anderen Kindern beim Spielen zu. Er selber war vor ein paar Minuten von der Schaukel gefallen und ließ sich nun von seiner Mutter ein dickes Pflaster auf das blutende Knie kleben. Die Tränen waren getrocknet und der große Riss in der Hose war nicht weiter schlimm. Da würde Oma schon einen bunten Flicken aufnähen.
Und nun sah er den anderen Kinder beim Spielen zu. Während die Schmerzen nur langsam nachließen.
»Warum muss das bloß so weh tun? Ich würde so gern wieder auf die Rutsche klettern. Aber ich hab Angst, dass Sand in die Wunde kommt. Das schmerzt dann bestimmt noch mehr.«
Seine Mutter wuschelte ihm durch sein lockiges Haar.
»Das macht doch nichts. Du wartest halt bis Morgen. Dann ist alles wieder in Ordnung. Deine Freunde werden das schon verstehen.«
Lukas nickte. Dann verabschiedete er sich von den anderen Kindern und ging nach Hause. Nun war der Nachmittag nicht mehr ganz so schön. Er saß allein in seinem Zimmer und fand nicht die rechte Lust, mit seinen Bauklötzen zu Spielen. Es fehlten einfach die anderen Jungs. Aber er wollte ihnen auch nicht einfach nur dabei zuschauen, wie sie ohne ihn Spaß hatten.

Am nächsten Morgen waren alle Kinder wieder in der Grundschule. Die erste Stunde hatte noch nicht begonnen. Also sie alle noch ein wenig Zeit, über den gestrigen Tag zu reden. Lukas Freunde hatten nur ein kurzes Hallo gesagt und einen flüchtigen Blick auf das Pflaster geworfen, bevor sie sich in eine andere Ecke des Raumes verzogen.
»Was ist denn mit denen los?«, fragte sich Lukas.
In diesem Moment kam eines der Mädchen auf ihn zu und nahm ihn mit auf den Flur.
»Die mögen dich ganz plötzlich nicht mehr.«, sagte Miriam.
»Sie sind sauer, weil du gestern nicht weiter mit ihnen gespielt hast. Sie fanden das ziemlich unfair, nur weil du ein wenig geblutet hast.«
Miriam war am gestrigen Tag ebenfalls auf dem Spielplatz gewesen und hatte alles genau mitbekommen.
»Den meisten war es ja eigentlich egal. Ein paar fanden es sogar in Ordnung, dass du gegangen bist. Aber dein bester Freund Tom war stinkesauer. Er wollte es einfach nicht verstehen. Deswegen hat er alle anderen auf seine Seite gebracht und nur noch schlecht über dich geredet.«
Lukas wusste gar nicht, was er sagen sollte. Bisher hatte er mit den Mädchen nie viel zu tun gehabt. Meist ärgerte er sie sogar mit seinen Freunden. Und nun stand eine von ihnen auf seiner Seite und erzählte, was die anderen über ihn dachten.
Und nun bekam er kein vernünftiges Wort mehr heraus. Er war schockiert. So eine Gemeinheit hatte er von seinem besten Freund nicht erwartet.
Lukas erinnerte sich in diesem Moment zurück, als er das letzte Mal hingefallen war. Er hatte sich das ganze Knie aufgeschlagen und war nicht sofort nach Hause gelaufen, um die Wunde zu reinigen. Wegen dieser Unachtsamkeit hatte sie sich schließlich entzündet. Er musste damit zum Arzt und sich behandeln lassen.
»Ihr Sohn hatte noch einmal Glück im Unglück. Wären sie später zu mir gekommen, wäre vielleicht eine richtig schlimme Blutvergiftung daraus geworden.«, hatte der Arzt damals gemahnt. Seit diesem Erlebnis hatte sich Lukas geschworen jede Wunde ordentlich verheilen zu lassen, bevor er weiter Spielen ging.
Seinem besten Freund Tom hatte das alles miterlebt. Also wusste er genau, warum Lukas nun Angst bei Verletzungen hatte. Und trotzdem zeigte er nur Unverständnis. Das war mehr als gemein.
»Danke, dass du mir das erzählt hast. Du hast was gut bei mir.« Er drückte Miriam die Hand, bevor er wieder die Klasse betrat.
Alle sahen ihn plötzlich an. Die meisten von ihnen sahen nicht sehr fröhlich aus.
»Na, du kleine Memme.«, sagte auf einmal jemand zu ihm.
»Du Angsthase.«, rief ein anderer.
»Wenn ich die jetzt haue, läufst du dann auch sofort zu Mama?«, ärgerte ihn Tom.
Alle Kinder lachten und klopften Tom auf die Schulter. In ihren Augen war er nun richtig cool. Sie fühlten sich alle im Recht. Tom war der arme Junge, der von seinem besten Freund im Stick gelassen wurde. Und das nur wegen ein paar kleinen Tropfen Blut. Von Lukas Angst wussten hier allerdings nur die Wenigsten. Es war ihnen aber auch egal. Sie hatten dafür jemanden, auf dem sie herum hacken konnten.
Endlich begann die Schulstunde, der Lehrer kam herein und Lukas hatte seine Ruhe. Doch in jeder Pause ging es wieder von vorn los.

Völlig niedergeschlagen kam Lukas mittags nach Hause. Am liebsten hätte er geweint, traute es sich aber nicht. Das hätten die anderen Kinder gleich wieder ausgenutzt, um ihn weiter zu hänseln. Erst als er die Haustür hinter sich verschlossen hatte, warf er seinen Schulranzen in die Ecke, hockte sich in eine dunkle Ecke und ließ die Tränen heraus.
Seine Mutter hatte es natürlich sofort mitbekommen und versuchte ihn zu trösten. Aber die Enttäuschung saß einfach viel zu tief.
»Er war doch immer mein bester Freund und weiß ganz genau, wovor ich Angst habe. Warum macht er das denn bloß? Ich habe ihm doch gar nichts getan.«
Seine Mutter drückte ihn fest an sich.
»Er war halt auch enttäuscht, dass du gegangen bist. Er hatte sich darauf gefreut, mit dir den ganzen Nachmittag zu spielen. Das kann ich schon verstehen. Aber seine fiese Reaktion ist nicht in Ordnung. Dafür kennt ihr euch schon viel zu lange. Vielleicht ist er doch nie dein wirklich bester Freund gewesen, denn beste Freunde hauen sich nicht gegenseitig in die Pfanne.«
Lukas hörte auf zu weinen, wischte sich das Gesicht trocken und hob seinen Ranzen wieder auf.
»Du hast Recht. Ich brauche Tom nicht. Es gibt noch andere Kinder, die meine Freunde sein können. Ich werde schon jemand anderen finden.«
Mit erhobenem Kopf setzte er sich an den Mittagstisch und begann zu essen.

Zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Lukas hörte es zwar, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Das musste der Freund seiner großen Schwester sein, der jeden Tag vorbei kam. Doch dann seine Mutter nach ihm.
»Da stehen drei Mädchen vor der Tür und fragen nach dir.«
Lukas war verwundert. Mädchen? Was konnten die denn wollen? Hatten sie sich in der Adresse geirrt?
Doch dann erkannte er Miriam wieder.
»Hallo Lukas. Hast du Lust mit mir und meinen Freundinnen Lisa und Nina Fahrrad zu fahren?«
Lukas wurde ganz rot im Gesicht und stotterte vor sich hin.
»Aber wie kommt ihr denn darauf, mich dazu einzuladen?«
Nun war es Miriam, die etwas schüchtern reagierte.
»Wir haben mitbekommen, was Tom mit dir gestern auf dem Spielplatz und heute Morgen in der Schule gemacht hat. Das war mehr als gemein. Und da dachten wir, dass wir dich vielleicht aufmuntern könnten. Schließlich ist Tom auch nicht sehr nett zu uns.«
Die vier Kinder schwiegen sich an. Doch dann kam Lukas Mutter aus der Küche.
»Lukas wird gern etwas mit euch unternehmen. Er traut sich nur nicht, es auch zu sagen. Und da ihr ja alle vom gleichen Jungen geärgert werdet, könntet ihr ja auch alle zusammen Freunde werden.«
Sie sprach das aus, was die Kinder dachten. Schon wurde es wieder angenehmer und Lukas holte sein Fahrrad aus dem Schuppen.
»Ich kenne eine ganz tolle Strecke.«, sagte er.
»Die werde ich euch zeigen.«
Und schon flitzten Lukas mit den drei Mädchen davon. Auf ihrem Weg kamen sie am Spielplatz vorbei. Tom stand auf der Rutsche und schimpfte gerade mit einem anderen Kind. Doch als er Lukas mit seinen neuen Freundinnen sah fiel ihm die Kinnlade herunter und er wusste nicht, was er davon halten sollte.

(c) 2008, Marco Wittler