402. Die Liebe seines Lebens

Die Liebe seines Lebens

Papa saß am Schreibtisch und hatte dicke Falten auf der Stirn stehen. Er grübelte, dachte nach, überlegte sich Ideen und schüttelte ständig den Kopf. Nichts von dem, was ihm einfiel, war nach seinem Geschmack. Wie sollte er die Worte nur aufs Papier bringen?
In diesem Moment kamen die Kinder herein gestürmt und warfen einen Blick auf die bekritzelte Seite.
»Schreibst du eine neue Geschichte für uns?«, freuten sie sich bereits.
»Liest du sie uns heute Abend vor?«
Papa schüttelte den Kopf.
»Die Geschichte ist dieses Mal nicht für euch, sondern für die Mama. Aber mir fällt einfach nichts Gescheites dafür ein. Ihr wisst ja, dass sie sehr hohe Ansprüche hat und ihr nicht alles gefällt. Und weil ich sie so liebe, soll es doch etwas ganz Besonderes werden.«
Die Kinder nickten, mussten aber auch sofort grinsen.
»Aber Papa, du bist doch der beste Geschichtenschreiber aller Zeiten. Wenn das einer schafft, dann nur du.«
Papa umarmte die Beiden und bedankte sich.
»Wenn du die Mama so sehr liebst, dann schreib doch einfach darüber. Dann musst du dir nichts ausdenken, sondern schreibst einfach die Wahrheit.«
Das war es. Das war genau die Idee, die ihm gefehlt hatte. Sofort suchte Papa ein neues Blatt Papier, nahm seinen schönsten Füller zur Hand, den ihm Mama geschenkt hatte und begann zu schreiben.

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die sich sehr liebten. Ihre Liebe war so groß, dass es nichts gab, womit man sie vergleichen konnte. Und trotzdem fiel es dem Mann immer wieder schwer, seine Gefühle in die richtigen Worte zu fassen oder zu zeigen, was er für seine Liebste empfand. Also schulterte er seinen Rucksack und zog hinaus in die Welt, um sich Hilfe zu suchen. Doch wo sollte er sie nur finden?
Schon nach wenigen Kilometern Fußweg fand er eine einzelne rote Rose am Straßenrand stehen.
»So eine wundervolle Blume. Sie ist nicht so wundervoll wie meine Liebste, aber sie wäre trotzdem ein schönes Geschenk.«
Also holte er ein Taschenmesser hervor und wollte gerade den Stiel der Rose durchschneiden, als er von einer alten Frau aufgehalten wurde.
»Unterstehen sie sich, die Blume zu klauen. Sie wächst dort schon sein über fünfzig Jahren. Jeden Tag komme ich hier vor und freue mich über ihre Blüten. Ich liebe diese Rose, weil sie mir ein glückliches Gefühl gibt.«
Der Mann bekam ein schlechtes Gewissen, stand auf setzte seinen Weg fort. Er wollte nicht daran die Schuld tragen, wenn die alte Frau traurig würde.
In der nächsten Stadt entdeckte er wieder etwas Neues. Im Fenster eines kleinen Ladens fand er ein Liebesgedicht. Es war mit so liebevollen Worten geschrieben, dass es das perfekte Geschenk für die Liebste war. Der Mann betrat also den Laden,  wollte sich nach dem Preis erkundigen und holte das Gedicht bereits aus dem Fenster.
»Ich würde ihnen das Gedicht sehr gern verkaufen.«, sagte der Dichter, während er seine Schreibfeder zur Seite legte.
»Aber sehen sie selbst.«
Er zeigte mit dem Finger zum Fenster. Auf der Straße hatten sich bereits mehrere Menschen versammelt, die grimmig herein sahen.
»Jeden Tag kommen die Bewohner der Stadt zu mir und lesen es durch. Es erfreut sie und bessert ihre Laune. Es hat nie jemand gewagt, es für sich allein zu besitzen.«
Der Mann verstand. Er wollte den Menschen der Stadt nicht nehmen, was sie so sehr liebten, wie er seine Liebste. Er verabschiedete sich also und setzte seine Suche fort.
»Was soll ich ihr bloß zum Geschenk machen? Ich kann einfach nichts passendes finden.«
Doch da fiel ihm plötzlich ein riesiges, rotes Herz ins Auge, das an einem großen Gebäude hing.
»Das ist es. Das muss ich ihr einfach mitbringen.«
Er betrat das Gebäude und fragte einen Mann im weißen Kittel, wie viel das Herz kosten würde.
»Unser Herz wollen sie kaufen? Nein, das ist absolut unmöglich. Wir sind eine Herzklinik. Zu uns kommen Menschen aus dem ganzen Land, damit wir sie gesund machen. Das Herz ist dafür gedacht, damit man unser Krankenhaus schon von weit her erkennt. Stellen sie sich mal vor, was passieren würde, wenn es fort wäre.«
Der Mann sah es ein und ging enttäuscht zurück auf die Straße. Mittlerweile hatte er bereits aufgegeben. Ein passendes Geschenk war einfach nicht zu finden. Also machte er sich auf den Heimweg.
Er kam vorbei an bunten Schaufenstern. Sie waren angefüllt mit bunten Frühlingsblumen, duftender Schokolade, kleinen und großen Geschenken. Doch nichts davon konnte seine Liebe zu seiner Liebsten widerspiegeln.
Irgendwann stand er vor ihrer Tür. Ganz vorsichtig und ganz leise klopfte er an. Er hatte die Hoffnung gehabt, dass sie es überhört hatte, aber dann öffnete sie ihm.
»Ich habe dich schon erwartet.«, begrüßte sie ihn lächelnd, fiel ihm um den Hals und gab ihm einen dicken Kuss.
»Ich habe schon vermisst. Wo warst du denn so lang?«
Er entschuldigte sich und berichtete schließlich von seiner verzweifelten Suche.
»Du bist ein wirklich liebevoller Mensch. Der allerliebste von allen.«, strahlte sie ihn an.
»Aber ich habe doch gar nichts gefunden, um dir zeigen zu können, wie sehr ich dich liebe.«
»Oh doch, das hast. Du zeigst es mir jeden Tag.«
Sie lächelte weiter.
»Wenn du mich verliebt ansiehst, wenn du mit mir Hand in Hand durch die Stadt gehst, wenn du mich küsst, mich in der Nacht in deinen starken Armen hälst und mir immer wieder sagst, dass du mich ewig lieben wirst – in allen diesen Momenten zeigst du mir, wie sehr du mich liebst. Und das macht mich glücklicher als jedes Geschenk, das du mir geben könntest.«
Der Mann seufzte erleichtert. Dann nahm er seine Liebste in die Arme und sah ihr tief in die Augen.
»Ich werde dich für immer lieben.«, versprach er ihr.
Dann drückte er sie an seine Brust und beide fühlten sich unglaublich glücklich.

(c) 2012, Marco Wittler

333. Wo ist Papas Brille?

Wo ist Papas Brille?

»Ich verstehe das einfach nicht.«
Papa lief im Wohnzimmer hin und her. Er hob Kissen hoch, zog die Sofas vor und zurück. Selbst der Sessel blieb nicht an seinem Platz.
»Irgendwo muss sie doch geblieben sein. Seltsam.«
Er zog alle Schubladen auf und kramte darin herum. Er riss die Schränke auf und zog alles heraus, was er nur in die Finger bekommen konnte. So langsam wurde es immer unordentlicher. Auf dem Tisch stapelten sich die Sachen mittlerweile.
Seine Tochter Anna saß auf ihrem Stuhl, beobachtete ihn genau und hielt sich den Bauch vor lachen. Da drehte sich Papa zu ihr um und bekam einen ernsten Gesichtsausdruck.
»Statt mich auszulachen, solltest du mir lieber helfen. Meine Brille findet sich nicht von allein. Und du weißt doch, dass ich ohne Brille nicht gut gucken kann.«
Aber da musste Anna gleich noch lauter lachen. Es liefen ihr sogar die ersten Freudentränen an den Wangen herunter.
In diesem Moment kam Mama herein und wunderte sich.
»Was ist denn hier los?«, fragte sie verwirrt.
»Warum veranstaltet ihr denn so ein Chaos?«
Papa seufzte verzweifelt und zeigte mit den Fingern auf seine Augen.
»Ich kann meine Brille nicht finden, und ohne sie kann ich doch nicht richtig gucken. Anna will mir nicht einmal helfen. Sie lacht mich die ganze Zeit aus.«
Mama sah Papa an. Zuerst versuchte sie es mit einem ernsten, dann mit einem bedauernden Blick. Doch das hielt sie nicht sehr lange aus. Mit einem Mal schlich sich erst ein Lächeln, dann ein Grinsen in ihr Gesicht, bis sie schließlich lachen musste.
»Ach, du armer Mann. Ich habe richtig Mitleid mit dir. Und nur deswegen werde ich dir helfen.«
Sie blickte wieder ernst, sah sich im ganzen Wohnzimmer suchend um, bevor sie schließlich mit Hand die Brille von Papas Kopf herunter holte. Dann lachte sie wieder und hielt sich den Bauch.
Papa sah auf seine Brille und wurde rot im Gesicht.

(c) 2010, Marco Wittler

225. Verschlafen

Verschlafen

Es war Abend geworden. Die Sonne bewegte sich immer weiter Richtung Horizont und färbte sich rot. Überall in der ganzen Stadt bereiteten sich nun unzählige Kinder für das Bett vor. Hier und da lasen ein paar Väter und Mütter Geschichten vor, in anderen Häusern wurde diese Aufgabe von einem Hörspiel übernommen.
»Schlaf schön, mein Schatz. Gleich kommt das Sandmännchen.«, war aus allen Kinderzimmern zu hören.
Ein paar wenige Stimmen versuchten sich noch gegen das Unvermeidliche zu wehren. Doch dann sahen sie ein, dass es wirklich schon sehr spät geworden waren und gähnten so laut, dass es fast überall zu hören war.
Die Zeit verging, es wurde langsam dunkler und die Nacht brach herein. Der Mond kletterte am Firmament empor und zog eine große Schar glitzernde Sterne hinter sich her und verteilte sie wie kleine weiße Farbtupfer auf dem Himmelszelt.
Mittlerweile war es so spät geworden, dass nun auch die Eltern ins Bett gingen.
»Da stimmt doch etwas nicht.«, wunderte sich eine kleine Fledermaus, die gerade durch die Straßen flog und hier und da in die Fenster sah.
»Warum schlafen denn die Kinder nicht?«
Sie hatte sich nicht verguckt und auch nicht geträumt. Es war tatsächlich so, wie sie es gesehen hatte. Nicht ein einziges Kind in der ganzen Stadt schlief. Sie waren alle wach und munter. Eines von ihnen war Paul.
Paul saß aufrecht in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Das war sehr ungewöhnlich, denn normalerweise schlief er immer nach wenigen Minuten ein.
»Was ist denn heute los? Haben wir etwa Vollmond?«
Er stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus. Doch am Himmel war nur ein großer, heller Halbkreis zu sehen.
»Also daran kann es nicht liegen. Vielleicht habe ich ja noch etwas Hunger.«
Mit diesen Worten verließ er sein Zimmer, schlich sich in die Küche und aß ein Butterbrot.
Während er genüsslich vor sich hin kaute, bemerkte er etwas. In Haus nebenan brannte noch Licht. Dort stand sein Freund Tim vor dem Kühlschrank. Konnte er etwa auch nicht schlafen?
Verdutzt ging Paul wieder die Treppe hoch und warf einen neuen Blick aus dem Fenster. In jedem Haus seiner Straße brannte Licht. Hinter jedem Fenster war ein waches Kind zu sehen.
»Schläft denn heute niemand? Da stimmt doch etwas nicht.«
Er zog sich an und schlich sich aus dem Haus. Auf dem Bürgersteig hatten sich bereits andere Kinder eingefunden. Sie redeten alle miteinander. Offenbar konnte kein einziges von ihnen einschlafen.
»Hat denn jemand von euch den Sandmann heute Abend gesehen? Vielleicht hat er uns ja vergessen und wir sind deshalb noch wach.«
Diese Erklärung schien alle zufrieden zu stellen.
»Aber dann müssen wir etwas unternehmen.«, rief Paul in die Menge hinein.
»Wenn wir jetzt nicht bald einschlafen, werden wir Morgen den ganzen Tag müde sein. Wir müssen den Sandmann unbedingt finden.«
Also machten sie sich in mehreren großen Gruppen auf die Suche und liefen dabei in alle Himmelsrichtungen.
Nach und nach liefen sie durch alle Straßen der Stadt. Aber der Sandmann war einfach nicht zu entdecken. Es schien wirklich so, als hätte er die Kinder vergessen.
Nach einer ganzen Weile stand Paul an einer Kreuzung, die er nicht kannte.
»Komisch. An dieser Stelle ist doch normalerweise keine Straße.«, wunderte er sich.
So viel er wusste, stand an dieser Stelle ein großes Haus. Dieses war aber nun verschwunden.
Er sah sich um und fand ein Schild.
»Sandstraße.«
In diesem Moment hatte er eine Idee.
»Los, kommt alle hinter mir her. Ich glaube, hier sind wir richtig.«
Schnell liefen die vielen kleinen Füße den Bürgersteig entlang, bis sie vor dem einzigen Haus an dieser Straße standen.
»Ob er tatsächlich hier wohnt?«, fragte Tim.
»Das finden wir ganz schnell heraus.«, antwortete Paul, bevor er zur Eingangstür lief.
Unter dem Klingelknopf hing ein Schild. Darauf stand ein Name: Sandmann.
»Ich habe ihn gefunden.«
Sofort sammelten sich die Kinder vor der Tür. Jeder drückte einmal kräftig auf die Klingel. Dann warteten sie gespannt, was nun geschehen würde.
Zunächst blieb es ruhig. Doch dann hörten sie, wie jemand eine Treppe hinunter stolperte, etwas um stieß, einmal laut fluchte und dann die Tür öffnete.
Vor den Kindern stand ein kleiner, bärtiger Mann, der nicht viel größer war, als sie selbst.
»Was wollt ihr denn hier? Solltet ihr nicht schon längst in euren Betten liegen und schlafen?«
Paul ging einen Schritt vor.
»Wir können nicht schlafen. Der Sandmann ist nicht zu uns gekommen.«
»So ein Blödsinn. Der Sandmann kommt doch jede Nacht.«
In diesem Moment wurde der Mann bleich. Er sah auf seine Armbanduhr und blickte dann die Kinder an.
»Du meine Güte. Ich bin doch der Sandmann. Ich habe verschlafen.«
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, rannte er seine Treppe hoch. Die Kinder konnten hören, wie er sich laut fluchend umzog, seinen Sandbeutel suchte und dann wieder hinunter kam.
»Vielen Dank, dass ihr mich geweckt habt. Ihr geht jetzt schnell wieder nach Hause, legt euch in eure Betten und dann komme ich, um euch meinen Sand in die Augen zu streuen.«
Damit waren Paul und seine Freunde einverstanden.
Kurz darauf schliefen die Kinder der ganzen Stadt.
Die letzte Station des Sandmanns war Pauls Zimmer. Nachdem er dem Jungen Sand in die Augen gestreut hatte, entdeckte er auf der Fensterbank ein kleines Geschenk.
Der Sandmann öffnete es und sah hinein. Im Innern fand er einen Wecker und einen Brief. Darauf stand etwas geschrieben.

Lieber Sandmann, ich möchte dir einen meiner beiden Wecker schenken. Wenn du ihn regelmäßig aufziehst, wird er dich jeden Tag pünktlich wecken und du wirst nie wieder verschlafen.

Dein Paul

(c) 2009, Marco Wittler

078. Der Zauberladen

Der Zauberladen

Max saß auf dem Spielplatz und langweilte sich. Er wollte sich eigentlich mit seinem besten Freund Tobias zum Spielen treffen. Aber der war gar nicht aufgetaucht.
»Und der will mein Freund sein.«, grummelte Max vor sich hin.
»Den will ich nie wieder treffen.«
Er saß auf der Bank, sein Fahrrad stand neben ihm. Max sah sich um. Irgendetwas stimmte nicht.
»Das ist ja komisch. Wo sind denn die anderen Kinder nur geblieben. Hier sind nur noch die Kleinen, die noch nicht ohne Mama her kommen dürfen. Aber nicht einer meiner Freunde ist da.«
Es war tatsächlich so. Bis auf ein paar wenige Kindergartenkinder war der Spielplatz leer. Nicht einmal die fiese Laura war zu sehen. Sonst konnte sie es doch gar nicht erwarten, Max ständig mit Sand zu bewerfen.
»Was da wohl hinter steckt?«
Max stand auf und setzte sich auf sein Rad. Er fuhr die Straße entlang und auch durch die ganze Siedlung. Aber es waren keine Kinder zu entdecken. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt.
Nun wurde es ihm doch etwas mulmig. Schließlich war es warm und die Sonne schien. Und trotzdem war niemand mit dem Rad oder den Inlinern unterwegs. Es spielte auch niemand Fußball auf der Straße. Bis auf das Gezwitscher der Vögel war kein Laut zu hören.
Max fuhr zu Tobias. Als er vor dem Haus stand zögerte er nicht lange und klingelte. Nach ein paar Minuten war die Haustür noch immer verschlossen. Es war niemand zu Hause.
Er versuchte es bei vier weiteren Freunden. Doch auch dort blieben die Türen zu.
Max bekam nun Angst. Er setzte sich schnell wieder auf das Fahrrad und fuhr nach Hause. Ständig sah er sich während der Fahrt um. Er wollte nicht auch noch verschwinden, ohne dass es jemand bemerkte.
»Wenn so viele Leute verschwinden, dann muss die Polizei doch etwas unternehmen. Aber es ist kein einziger Streifenwagen zu sehen.«
Max sperrte sein Rad nicht in die Garage, sondern lies es achtlos auf den Rasen im Vorgarten fallen. Er ging ins Haus, warf die Tür hinter sich ins Schloss und rannte in sein Zimmer. Erst als er sich unter seiner Bettdecke etwas sicherer fühlte, dachte er weiter nach. Ihm kamen die irrsinnigsten Gedanken, was mit seinen Freunden und deren Eltern geschehen sein konnte.
»Vielleicht sind sie von Außerirdischen in ihren Raumschiffen entführt und müssen nun den Rest ihres Lebens auf einem fremden Planeten in irgendwelchen Zoos verbringen.«
Bei dieser gruseligen Vorstellung lief es ihm eiskalt den Rücken runter. Trotzdem wollte er wissen, was wirklich geschehen war.
Nach ein paar Minuten hatte er sich etwas beruhigt und traute sich die Treppe in den Flur hinab. Aber er sah sich immer wieder um, falls ihn doch jemand mitnehmen wollte.
Max ging zum Telefon und nahm den Hörer ab. Er wählte nun einen Nummer nach der anderen und hoffte, bald die Stimmen seiner Freunde hören zu können. Vielleicht waren sie inzwischen zu Hause angekommen.
Doch mit seiner Hoffnung hatte er leider Pech. Wo er auch anrief, erreichte er nur Anrufbeantworter. Niemand war an die Leitung zu bekommen.
»Wenn mir doch bloß jemand helfen könnte. Aber Mama und Papa sind noch arbeiten.«
Vielleicht sind sie das auch schon längst nicht mehr, sondern befinden sich ebenfalls auf der Reise durch das dunkle Weltall.
»Ich muss etwas unternehmen. So kann das doch nicht weiter gehen. Ich werde die anderen suchen. Wenn es nötig ist, werde ich sie sogar befreien. Dann werde ich Astronaut bei der NASA und fliege dann mit einer Rakete hinterher.«
Max ging zur Haustür und verharrte dort eine Weile. Ihm zitterten die Knie. So ganz traute er sich noch nicht. Doch dann gab er sich einen Ruck, öffnete leise die Tür, blickte vorsichtig nach draußen und flitzte dann geduckt quer durch den ganzen Vorgarten. Neben seinem Fahrrad lies er sich fallen und sah sich erneut um. Es war ihm scheinbar niemand gefolgt. Also nahm er das Rad hoch, stieg auf und fuhr los.
Es ging die Straßen entlang, von links nach rechts, von vorn nach hinten und im Kreis. Die ganze Siedlung suchte er ab. Aber es waren nur ganz wenige Erwachsene zu sehen. Von den Kindern gab es aber weiterhin keine einzige Spur.
Max wurde traurig.
»Wie soll ich denn neue Freunde finden, wenn meine alten alle fort sind und mit ihnen alle anderen Kinder auch. Ich werde ganz einsam und allein sein.«
Er fing so sehr an zu weinen, dass er stehen bleiben musste, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, sonst hätte er bald nichts mehr sehen können.
»Hier werde ich niemanden finden. Ich muss woanders hin.«
Er stand nun mit dem Fahrrad an der Hauptstraße. Bisher hatte er sich nie allein auf die andere Seite getraut. Seine Eltern hatten es ihm allerdings auch noch nie erlaubt. Aber jetzt galten andere Dinge.
Max blickte hin und her und fand, wonach er suchte. Der Zebrastreifen war nicht weit entfernt. Er fuhr ein Stück die Straße entlang, bis er sie sicher überqueren konnte.
Nun befand er sich in der Nachbarsiedlung. Hier wohnte Tante Manuela. Mit seinen Eltern besuchte er sie ab und zu zum Kuchen essen.
Plötzlich hörte Max ein Geräusch. Es klang, als würden viele Kinder in der Nähe sein. Doch dann war es auch schon wieder verklungen.
»Was war denn das? Habe ich mich getäuscht? Das muss ich unbedingt heraus finden.«
Max befuhr, wie schon in der eigenen Siedlung, nacheinander alle Straßen, bis er schließlich fand, wonach er suchte.
Er hatte sich nicht verhört. Von einem zum anderen Augenblick war ihm auch viel leichter um sein Herz, denn er hatte alle seine Freunde und deren Eltern gefunden. Sie waren nicht von Außerirdischen entführt worden.
»Außerirdische? So ein Quatsch. Die gibt es doch gar nicht. Ich habe aber auch eine Phantasie.«
Max stieg von Rad und ging näher. Er sah ein großen Schaufenster vor sich. Darüber hing ein Schild mit der Aufschrift ›Der Zauberladen‹.
Er öffnete die Eingangstür und trat ein. Und schon hörte er wieder viele laute Kinderstimmen.
»Was ist denn hier los?«
Alle Leute verstummten und drehten sich zu ihm um.
»Mensch, Max, da bist du ja. Hast du denn vergessen, dass heute der Tante Emma Laden hier eröffnet hat? Da haben wir uns doch schon seit Wochen drauf gefreut.«, sagte Tobias, der gerade an der Ladentheke stand und eine Tüte Gummibären kaufte.
»Ich und mein schlechtes Gedächtnis«, sagte Max. Jetzt fiel ihm alles wieder ein.
Nun ging auch er an die Theke.
»Eine Tüte Lakritzbonbons bitte.«

(c) 2008, Marco Wittler