387. Den Einbrechern auf der Spur

Den Einbrechern auf der Spur

Tom steckte seinen Schlüssel in das Türschloss, drehte ihn einmal im Kreis und betrat anschließend die Wohnung. Mit dabei war sein Schulfreund Ben, der den Nachmittag bei ihm verbringen wollte.
»Mein Papa arbeitet bis zum Abend. Meine Mama ist bei Oma und bringt ihr das Mittagessen. Sie kommt aber in ein paar Minuten zurück.«, erklärte er.
»Wir können bis dahin in mein Zimmer gehen und etwas spielen.«
Die Jungs gingen zur letzten Tür des Flures. Schon beim Öffnen fiel Tom sofort auf, das Etwas nicht stimmte.
»Was ist denn hier passiert?«, rief er schockiert.
Die kleinen Legokisten  waren umgeworfen, die Bausteine über den ganzen Boden verteilt. In den Regalen stand nichts mehr an seinem Platz. Sogar ein paar Bilder waren von der Wand gefallen.
»Hast du gestern Abend eine Party gefeiert und mich nicht dazu eingeladen?«, witzelte Ben.
Tom war gar nicht zum Lachen.
»Hier ist jemand eingebrochen.«
Sofort sah er sich um. Er versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, ob etwas fehlte. Auf dem Schreibtisch sollte eigentlich ein besonders wichtiges Kästchen liegen.
»Es ist weg.«
»Was ist weg?«, wollte Ben wissen.
»Meine Fußballsammelkarten. Ich hatte sie in einem kleinen Kasten. Das waren die ganz seltenen Glanzkarten. Weißt du eigentlich, wie teuer die sind?«
Ja, das wusste Ben, denn er hatte noch keine einzige davon und war immer wieder neidisch auf seine Freunde.
»Der Einbrecher muss durch das Fenster gekommen sein. Es ist angekippt.«
Tom bekam einen genervten Gesichtsausdruck.
»Und wie soll der Einbrecher da durch gekommen sein? Das ist doch viel zu schmal. Außerdem wohnen wir in der zweiten Etage.«
»Ist doch klar. Er ist am Baum hinauf geklettert, hat die Hand durch den Schlitz gesteckt und das Fenster komplett geöffnet. Hinter sich hat er es wieder geschlossen, damit man von der Straße aus nichts Verdächtiges entdecken kann. Nachdem er dann dein ganzes Zimmer durchwühlt und die Karten gefunden hat, ist er durch die Wohnungstür abgehauen.«
Das leuchtete ein. Ben sah sich mit seinem Vater regelmäßig Krimifilme im Fernsehen an und wusste dadurch ganz genau, wie gerissen Einbrecher waren.
»Ach, Mensch. Was soll ich denn jetzt nur machen? Ich war so stolz, dass mir nur noch eine Glanzkarte gefehlt hat. Und nun sind sie alle weg.«
Tom kullerte bereits eine erste Träne die Wange herunter, als er unter dem Schreibtisch ein Geräusch hörte.
»Was war das?«
Schon dachte er daran, dass der Einbrecher noch im Zimmer sein könnte, aber dafür war einfach nicht genug Platz unter dem Tisch.
Vorsichtig bückte er sich und sah in allen Ecken nach. Zu seiner Verblüffung fand er sofort etwas.
»Du meine Güte. Das ist aber eine Überraschung.«
Ben war neugierig geworden und begann zu drängeln.
»Wie? Was? Was ist denn da? Lass doch mal sehen.«
»Nun warte doch mal ab. Ich zeig es dir ja gleich.«
Tom zog sein T-Shirt aus, legte es sich über die Hand und griff dann vorsichtig nach Etwas, das ganz hinten an der Wand saß.
»Hier. Schau dir das mal an.«
Er hielt Ben ein kleines, ängstliches Eichhörnchen unter die Nase.
»Da haben wir ja den Einbrecher. Das Tierchen muss wohl das Chaos angerichtet haben.«
Die Jungs lachten erleichtert auf und setzten das Eichhörnchen durch das Fenster auf einem der Äste ab. Ganz schnell flitzte es darauf fort und versteckte sich in einer kleinen Baumhöhle.
»Und hier sind auch deine Karten.«
Ben holte sie unter dem Schreibtisch hervor.
»Ab jetzt bleibt das Fenster zu, wenn ich nicht zu Hause bin.«, beschloss Tom und legte seinen wertvollen Schatz auf ein Regal.

(c) 2012, Marco Wittler

213. Wolli

Wolli

Wolli stand am Eingang des Parks und hob sein Bein. Endlich bekam er Erleichterung. Immerhin hatte er die letzte halbe Stunde Katzen und Vögel von den Gehwegen verscheucht. Nun war er erschöpft. Nachdem er sein Geschäft erledigt hatte, legte er sich in den Schatten eines Baumes und machte es sich gemütlich.
Allerdings sollte er keine Ruhe finden. Es war einfach nicht möglich zu schlafen, denn auf einer nahen Bank saß eine weinende Frau.
»Oh nein, nicht schon wieder.«
Wolli drückte sich die Vorderpfoten auf die Ohren.
»Immer wieder das Gleiche.«
Er war genervt. Fast jeden Tag saß eine Frau hier und weinte. Er war sich sicher, dass auch sie einen Brief oder ein Handy in der Hand hielt.
»Ich muss wohl mal wieder den Glücksbringer spielen.«
Wolli stand auf, trottete zur Bank und setzte sich vor der Frau auf den Boden. Sie sah ihn nicht sofort. Deswegen legte er seine Schnauze vorsichtig auf ihr Knie und jaulte leise.
»Wer bist denn du?«, fragte die überraschte Frau.
Sie wischte sich die Tränen fort und streichelte dem Hund über den Kopf.
»Du hast es gut, mein Kleiner. Du hast keinen Freund, der mit dir Schluss machen kann. Meiner hat es sich nicht einmal selbst getraut. Er hat mir nur eine SMS auf mein Handy geschickt. So ein gemeiner Feigling.«
Wolli nickte nur. Er hatte es also genau richtig vermutet. Er lebte im Park der gebrochenen Herzen. Alle traurigen Frauen kamen hierher.
»Wenn ich doch bloß auf meine Freundinnen gehört hätte. Sie haben mich alle vor diesem Schuft gewarnt. Aber ich wollte ja nicht auf sie hören, weil ich so sehr verliebt gewesen war.«
Sie seufzte und begann erneut zu weinen.
Wolli seufzte ebenfalls. Schon wieder eine enttäuschte Frau. Es würde bestimmt noch Stunden dauern, bis sie mit dem Weinen aufhören würde. Es musste unbedingt etwas unternommen werden. Doch was?
Mit großen Augen sah er die Frau an und sie streichelte ihn erneut. Plötzlich öffnete Wolli seine Schnauze, schnappte sich ihre Handtasche und lief los. Er rannte durch den ganzen Park, jeden Fußweg entlang.
Die Frau Vergaß sofort ihre Tränen und lief dem flüchtenden Hund nach.
»Bleib stehen. Du kannst mir doch nicht meine Tasche stehlen. Komm zurück.«
Aber Wolli hörte nicht. Er lief und lief. Seine anfängliche Erschöpfung war vergessen. Die Idee, die sich in seinem Kopf gebildet hatte, trieb ihn an. Doch hinter der letzten Ecke fand er endlich, wonach er suchte.
Auf einer Bank saß ein Mann. In seiner Hand hielt er einen Brief, auf den seine Tränen tropften. Wieder ein gebrochenes Herz.
Wolli lief zu ihm, legte die Handtasche auf der Bank ab und verschwand.
»Wo ist dieser Hund?«
Die Frau kam in diesem Moment um die Ecke gebogen. Sie sah den Handtaschendieb gerade noch zwischen den Bäumen verschwinden. Dann erst fiel ihr Blick auf ihren Besitz.
Schnell lief sie zur Bank.
»Haben sie dem Hund meine Handtasche abgenommen?«
Der Mann wusste er nicht, ob er die Wahrheit sagen sollte. Schließlich behielt er sie für sich und nickte.
Die Frau zeigte fragend auf den Brief. Er nickte.
»Bin verlassen worden.«
»Ich auch.«, antwortete sie und zeigte ihm ihr Handy.
Sie wischten sich die letzten Tränen aus dem Gesicht, drückten sich die Hand und stellten sich dann vor.
Wolli beobachtete alles aus seinem Versteck heraus. Ein letztes Mal seufzte er. Diesmal war er allerdings nicht mehr genervt, sondern sehr mit sich zufrieden.
»Die Zwei werden bestimmt bald wieder sehr glücklich werden.«
Während die Menschen zusammen den Park verließen, rollte sich der Hund zusammen und schlief endlich ein.

(c) 2009, Marco Wittler