360. Weihnachten im Zug

Weihnachten im Zug

Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Mama saß mit ihren beiden Kindern Hannah und Paul im Bahnhofsrestaurant.
»Hoffentlich kommt bald unser Zug.«, meckerte Paul.
»Ich will auch endlich fahren. Der Papa wartet doch bestimmt schon auf uns.«
Papa war bereits einen Tag früher in die Berge gefahren. Er hatte mit dem Auto die Ski, die Schlitten und die Koffer ans Urlaubsziel gebracht. Nun kam der Rest der Familie nach.
»Warum hat denn unser Zug so viel Verspätung?«, Paul war richtig sauer. Es gab für ihn nichts Schöneres, als Zugfahrten. Und jetzt wartete er schon seit einer Stunde, als eine Stimme auf dem Lautsprecher ertönte.
»Sehr verehrte Fahrgäste, der Intercity Express von Köln über Hamm, Soest, Lippstadt, Warburg, Kassel, Würzburg und  Nürnberg nach München fährt in fünf Minuten auf Gleis acht ein. Wir entschuldigen uns noch einmal für die Verspätung.«
»Juhuu, es geht endlich los.«
Paul sprang auf, schnappte sich seinen Rucksack und konnte es kaum noch erwarten.
»Los, Mama, wir müssen uns beeilen, sonst fährt der Zug noch ohne uns ab.«
Aber so weit sollte es nicht kommen. Als der Zug in den Bahnhof, stand die Familie bereit und konnte einsteigen.
»Wie gut, dass wir Plätze reserviert haben. Ich hab keine Lust, stehen zu bleiben.«, freute sich Hannah, was Mama aber nur ein Seufzen hervor lockte.
»In diesem Zug ist noch für uns reserviert, aber den Anschluss nach Innsbruck schaffen wir nicht mehr. Da müssen wir einfach hoffen, dass wir noch was zum Sitzen bekommen.«
Der Intercity fuhr los, doch so richtig schnell wurde er nicht. Es gab einfach viel zu viel Schnee und Eis auf der Strecke. An jedem weiteren Bahnhof stiegen neue Fahrgäste ein. Das kostete natürlich viel Zeit, denn die meisten von ihnen standen nicht an den richtigen Stellen und mussten sich erst ihren Waggon suchen.
Irgendwann ging es dann nicht mehr weiter. In einem Bahnhof hatte der Zug Halt gemacht.
»Mama, wo sind wir denn jetzt?«, wollte Hannah wissen.
»Wir sind in Würzburg.«, antwortete ein Mann von gegenüber.
»Und warum fährt der Zug jetzt nicht? Wir müssen doch heute noch in Österreich ankommen.«
In diesem Moment kam der Schaffner in den Waggon. Er hatte die Frage gehört und hockte sich im Gang vor dem Mädchen hin.
»Hier wird aus zwei Zügen einer gemacht. Allerdings haben unsere Lokführer ein großes Problem. Die Verbindungsteile sind eingefroren. Sie bekommen es einfach nicht hin. Das wird noch ein wenig dauern. Sie geben sich aber Mühe, dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit weiter kommen.«
Max bekam große Augen, als er das hörte.
»Darf ich mir das mal anschauen? Ich hab noch nie gesehen, wie das gemacht wird.«
Aber der Schaffner schüttelte den Kopf.
»Die Lokführer wollen bestimmt nicht gestört werden. Sie haben schon genug Probleme. Außerdem ist es richtig kalt da draußen.«
Enttäuscht ließ er Schultern sinken.

Nach einer knappen halben Stunde ging es endlich weiter. Der Umsteigebahnhof München kam in greifbare Nähe. Doch dann blieb der Zug mitten auf der Strecke stehen. Es war keine Station, nicht einmal eine Stadt weit und breit zu sehen.
»Was ist denn jetzt passiert?«
Da kam auch schon die Durchsage vom Schaffner.
»Sehr geehrte Fahrgäste, wegen eines Schneebruchs liegen mehrere Bäume auf den Gleisen. Vorerst kann unser Zug nicht weiter fahren. Wir halten sie aber regelmäßig auf dem Laufenden und bitten um ihr Verständnis.«
Die Fahrgäste meckerten und schimpften. Jeder wollte endlich im Urlaubsort ankommen. Und nun ging gar nichts mehr. Die Einzige, die noch grinsen konnte, war Hannah. Sie stupste Mama und Paul die Seite und stimmte ein Weihnachtslied an. Die Beiden ließen sich natürlich nicht lange bitten und stimmten gleich mit ein. Von Wort zu Wort wurden sie lauter und bemerkte gar nicht, wie es plötzlich im ganzen Waggon still wurde. Die anderen Fahrgäste hörten zu, bis sie nach und nach ebenfalls zu singen anfingen.
»Oh, du Fröhliche …«, erklang es von allen Sitzplätzen. Die Stimmen waren so laut, dass sie sogar in den benachbarten Waggons zu hören waren.
»Oh, du Selige …«
Nach ein paar Minuten sangen alle Menschen, die sich im Zug befanden.
»Gnaden bringende Weihnachtszeit.«
Es folgten immer mehr Weihnachtslieder, die auch von Hannah angestimmt wurden, bis sich nach einer halben Stunde der Zug wieder in Bewegung setzte, ohne, dass es irgendwer bemerkte. So schön war es, gemeinsam zu singen.

(c) 2010, Marco Wittler

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