361. Tod

Tod

Die Erinnerungen sind da. Sie sind so frisch in ihrem Kopf, als wäre es erst gestern geschehen. Doch das stimmt nicht. Es ist nun drei Jahre her.

»Warum bist du fort? Warum musstest du so früh gehen?«
Die Verzweiflung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Tränen laufen ihre Wangen herab. Schmerz macht sich im Herzen breit.
In Gedanken spielt sich noch einmal alles ab, was damals geschehen war.

»Ich würde ihnen lieber etwas Erfreuliches berichten können.«, sagte der Arzt leicht distanziert.
»Aber wir haben bekommen den Krebs nicht unter Kontrolle. Er befindet sich überall in ihrem Körper.«
Monika wollte das alles nicht hören. Sie hatte diese Nachricht immer befürchtet, aber wollte sie nicht wahr haben.
»Ihre Tochter wird sterben. Wir gehen davon aus, dass sie noch etwa drei oder vier Wochen hat, bevor es zu Ende geht. Es tut mir Leid.«
Der Arzt versuchte es noch mit ein paar Worten des Mitgefühls, doch das prallte alles an Monika ab. Sie hatte nun schon zu viel gehört. In diesem Moment verschloss sie ihre Augen und Ohren. Sie flüchtete sich in ihr tiefstes Inneres. Doch auch dort war jedes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit verschwunden.Wie sie damals vom Besprechungsbüro vor das Krankenzimmer gekommen war, wusste sie später nicht mehr. Diese erdrückenden Minuten hatten sich völlig aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Oder waren sie gar nicht erst gespeichert worden?
Sie hatte ihre zittrige Hand auf die Türklinke gelegt, die Tür geöffnet und schweren Herzens den Raum betreten.
Das grelle Krankenhauslicht, die sterilen weißen Farben, das alles stach ihr an diesem Tag besonders scharf ins Auge.
›Das ist hier nicht richtig. Sie gehört einfach nicht hier rein. Es ist so kalt.‹
Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, versuchten, die schlechten Gefühle zu unterdrücken.
Monika stand in der Tür. Sie kämpfte mit den Tränen, musste stark sein. Jeder Schritt an das Bett fiel so schwer.
Die achtjährige Nina saß auf dem Bett. In ihren Händen hielt sie zwei kleine Püppchen. Sie war so vertieft in ihr Spiel, dass sie gar nicht bemerkte, dass ihre Mutter herein gekommen war.
Mit ernster Miene sah sie auf die kleinere der beiden Puppen.
»Kleines Mädchen, du musst jetzt sehr stark sein.«, sprach sie mit tief verstellter Stimme.
»Wir können deine Krankheit leider nicht heilen. Sie ist einfach zu stark. Wir wissen nicht, was wir noch machen sollen.«
Nina wechselte nun zu ihrer normalen Stimme zurück und warf ihren Blick auf die kleinere Puppe.
»Wenn der liebe Gott mich zu sich holen will, dann hat er sich darüber auch seine Gedanken gemacht. Er will mich bestimmt von meinen Schmerzen heilen.«
In diesem Moment brauch es aus Monika heraus. Nun konnte sie keine Gefühle, keine Tränen mehr zurück halten. Sie stürzte auf das Bett zu, schlang die Arme um ihre Tochter und heulte.
»Was redest du da nur, Spätzchen.«, schluchzte ihre brüchige Stimme.
»Sprich doch nicht von so schrecklichen Dingen.«
Nina befreite sich aus der Umarmung und legte nun ihrerseits die Arme um ihre Mutter.
»Ich habe es letzte Nacht geträumt. Der liebe Gott hat mich zu sich geholt. Ich war bei ihm im Himmel, mir tat nichts mehr weh und ich war endlich wieder gesund.«
Sie atmete tief durch, bevor weiter redete.
»Und er hat mich gebeten, dir etwas auszurichten.«
Monika war verwirrt und sah ihrer Tochter angsterfüllt in die Augen.
»Er sagte, dass ich jeden Tag bei dir sein werde, um auf dich aufzupassen.«
Ein Berg voller Gefühle brach über Monika zusammen. Sie schlug die Hände vor den Mund und wusste nicht, was sie sagen sollte.
»Hör auf zu weinen, Mama. Bald geht es mir wieder gut. Du bist die beste Mama der ganzen Welt und das wirst du auch immer bleiben. Du hast noch so viel Liebe zu geben.«

Die Jahre waren vergangen, doch die Erinnerungen geblieben. Nina starb nur zwei Wochen, nachdem der Arzt die traurige Nachricht überbracht hatte.
Und steht Monika, wie jedes Jahr, am Grab, denkt an die schönen und die traurigen Zeiten. Für einen kurzen Augenblick schließt sie die Augen, atmet mit tiefen Zügen die frische Morgenluft, genießt noch einmal die friedliche Stille, bevor sie bereit war, den nächsten Schritt zu wagen.
»Ich habe deine Worte in meinem Herzen bewahrt und dir geschworen, mich daran zu halten. Heute will ich mein Versprechen einlösen.«
Sie winkt einer Person zu, die geduldig auf einer Bank sitzt. Sofort springt sie auf und nähert sich dem Grab. Kurz darauf ist sie als kleines Mädchen von vielleicht sieben Jahren zu erkennen.
»Das ist Sofie. Sie lebt jetzt seit drei Monaten bei mir.«, erklärt Monika mit einem Lächeln auf den Lippen.
»Ihre Mutter ist vor einem Jahr an Krebs gestorben. So hat uns der liebe Gott zusammen geführt.«
Monika nimmt Sofie an die Hand, und fühlt sich auf einmal viel sicherer, erleichtert und von einer schweren Last befreit.
»Hallo.«, erklingt auf einmal Sofies unbekümmerte Stimme.
»Danke, dass du deiner Mama gesagt hast, sie soll jemanden lieb haben, sonst hätte sie mich nicht aus dem Kinderheim geholt. Ich hab dich nicht kennenlernt, aber dafür hab ich dich lieb.«
In diesem Moment fühlt Monika sich mehr als glücklich. Sie nimmt ihre kleine Adoptivtochter auf den Arm. Gemeinsam verabschieden sie sich von Nina.
»Bis zum nächsten Mal. Wir werden dich niemals vergessen. Dafür werden wir dir für immer dankbar sein.«

(c) 2010, Marco Wittler

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