394. Der Streit

Der Streit

Lisa saß gelangweilt und traurig an ihrem Schreibtisch und sah lustlos aus dem Fenster. Vor ein paar Tagen war ihre enge Freundschaft zu Sarah zerbrochen. Sie hatten sich wegen einer kleinen Erdbeere zerstritten.
»Die Erdbeere ist in unserem Garten gewachsen. Also darf ich sie auch essen.«, hatte Sarah am Zaun behauptet.
»Die Pflanze gehört aber uns. Sie steckt in unserer Erde, also gehört die Erdbeere mir.«, hatte ihr Lisa entgegen geschrien.
Das Problem war, dass ein Teil der kleinen Pflanze durch den Zaun gewachsen war. Und nun hatte die begehrte Frucht auf der anderen Seite gelegen. Beide Mädchen hatten sie essen wollen.
Nach ein paar Minuten hin und her hatte niemand mehr etwas von der Erdbeere gehabt. Die Mädchen hatten sie zerquetscht.
»Daran bist nur du schuld.«, hatte Sarah mit hochrotem Kopf gesagt.
»Ich will dich nie wieder sehen.«, waren ihre letzten Worte gewesen.
»Geht mir auch so. Ich wollte dich eh nie als Freundin haben.«
Und nun saß Lisa am Fenster, sah zum Zaun hinab und ärgerte sich.
»Warum muss die auch so fies sein. Alles nur wegen einer blöden Erdbeere.«
Insgeheim war sie aber sauer auf sich selbst. Hätte sie ihrer Freundin die kleine Frucht überlassen, hätten sie sich nie zerstritten. Immerhin hatten an der Pflanze noch genug andere Erdbeeren gehangen.
»Na, schmollst du immer noch und spielst die kleine Prinzessin auf der Erbse?«
Es war Mama, die gerade ihren Kopf zur Zimmertür herein steckte.
»Geh doch nach draußen und spiel ein wenig. Bei so einem schönen Wetter sollte man an die frische Luft gehen und nicht zum Stubenhocker werden.«
»Aber was ist, wenn Sarah in ihrem Garten ist und mich sieht?«
Mama lachte.
»Dann schau halt einfach weg, wenn es dich stört.«
Also ging Lisa seufzend in den Garten und ließ sich in ihrem Sandkasten nieder.
»Huch? Was ist den das?«, wunderte sie sich plötzlich.
Da lag ein kleines Etwas und zitterte am ganzen Leib. Lisa sah noch einmal genauer hin. Es war ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest gefallen war.
»Warte, ich helfe dir.«
Vorsichtig nahm sie den Vogel auf ihre Sandschaufel, da sie genau wusste, dass die Vogelmutter ihn nicht mehr annehmen würde, sobald ein Mensch ihn berührt hatte.
»Jetzt müssen wir nur noch dein Nest suchen.«
Lisa fand es direkt über ihrem Kopf. Es war auf einem dicken Ast gebaut worden.
»Oh nein. Da komme ich allein gar nicht ran. Was mache ich denn jetzt? Ich habe nicht mal eine Leiter.«
Ihr fehlte nur ein paar wenige Zentimeter. Sie war einfach zu klein.
»Warte, ich helfe dir.«
Sarah hatte vom Zaun aus alles gesehen und kletterte nun auf die andere Seite.
»Ich bin doch ein Stück größer als du.«
Vorsichtig nahm sie die Schaufel, streckte sich nach oben und ließ den kleinen Vogel ins Nest rutschen.
»Dankeschön.«, sagte Lisa leise.
»He, Freunde müssen doch zusammen halten und sich gegenseitig helfen.«, antwortete Sarah und drückte ihre Freundin fest an sich.

(c) 2012, Marco Wittler

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