454. Das seltsame Pinguinbaby

Das seltsame Pinguinbaby

Die Pinguindame Paula saß in der Nähe des Strandes auf ihrem kleinen Nest und beschützte ihre beiden Eier vor der Kälte und vor jedem, der sie fressen wollte. Und hungrige Tiere gab es mehr als genug. In der Luft warteten unzählige Möwen auf einen Leckerbissen. Im Wasser schwammen Robben, Seehunde und Wale hin und her und hofften darauf, einen Pinguin zwischen die Zähne zu bekommen.
»Ich muss mir langsam etwas Futter besorgen. Aber wenn ich die Eier zu lange allein lasse, klaut sie mir bestimmt jemand.«
Es war jedes Mal eine richtige Überwindung, im Wasser nach kleinen Fischen zu jagen. Paula blieb aber nichts anderes übrig. Irgendwann machte sie sich doch auf den Weg ins Meer. In der Zwischenzeit übernahm ihre Freundin Pia die Aufsicht.
»Das ist unsere Chance.«, rief sofort eine Möwe zur nächsten.
»Da ist ein Nest nicht richtig bewacht. Los! Holen wir uns ein leckeres Ei!«
Die Möwen hatten sich schon lange abgesprochen. Eine von ihnen sollte den Nachbarpinguin ablenken, während sich die andere an einem der Nester zu schaffen machte. Sie warteten keinen weiteren Augenblick ab. Die erste von ihnen raste im Sturzflug auf Pia zu, kreiste immer wieder um ihren Kopf und kreischte so laut sie nur konnte. Die zweite Möwe landete währenddessen neben Paulas Nest, schnappte sich eines der beiden Eier und flog jubelnd davon.
In diesem Moment kam Paula schon wieder zurück. Sie hatte sich vier dicke Fische gefangen und war nun richtig satt. Da fiel ihr Blick auf das geplünderte Nest.
»Wo ist mein Ei?«, fragte sie entsetzt, während dich Pia bereits traurig entschuldigte.
»Wo ist mein Ei?«, fragte Paula wieder.
Verzweifelt sah sie sich um.
»Irgendwo muss es doch sein. Das wird bestimmt niemand gefressen haben.«
Paula watschelte mit ihren kurzen Beinen so schnell sie nur konnte hin und her. Sie sah unter jeden Stein. Aber zu finden war nichts.
»Vielleicht in dieser Felsspalte.«
Sie war den Tränen nahe. Aber die Hoffnung wollte sie trotzdem nicht aufgeben.
»Lass es sein. Die Möwen haben es sich geholt.«, sagte Pia leise.
»Nein, das kann nicht sein. Es ist hier. Ich habe es gefunden.«, rief Paula und strahlte über das ganze Gesicht.
Tatsächlich holte sie ein Ein hervor. Die Möwen hatten es wohl fallen gelassen.
»Jetzt habe ich wieder alle meine beiden Babys bei mir.«
Paula legte das Ei zurück ins Nest und wunderte sich, dass es größer als das andere war.
»Ist wohl vor Aufregung ein ganzes Stück gewachsen.«
Aber das war Paula egal. Wichtig war nur, dass die beiden Eier in Sicherheit waren. Also setzte sie sich schnell wieder darauf und brütete sie weiter aus.

Vier Wochen später war es dann so weit. Unter Paulas Popo klopfte etwas an die Eierschalen. Sofort stand sie auf und sah nach. Tatsächlich waren ihre Babys gerade dabei, die Schalen zu knacken. Das erste Ei brach und ein kleiner Kopf kam zu Vorschein. Ein neuer Pinguin war geboren.
»Hallo, Mama, da bin ich.«, sagte das kleine Mädchen und kuschelte sich sofort an Paula.
»Dann bist du wohl die kleine Lena. Herzlich Willkommen auf der Welt.«, freute sich Paula.
Und dann knackte auch die Schale des zweiten Eis auf. Doch da kam kein Pinguinkopf hervor. Was es war, konnte Paula auch nicht sagen, aber es hatte grüne Schuppen und ein paar scharfe Zähne im Maul.
»Hallo, Mama. Jetzt bin ich auch da.«, rief das seltsame Tier vor Freude.
Paula wusste gar nicht, was sie sagen oder denken sollte. Doch dann zuckte sie mit den Schultern und drückte das Wesen an sich. Es war aus einem ihrer Eier geschlüpft. Also musste es auch ihr Baby sein.
»Herzlich Willkommen, kleiner Max.«
Paula wusste nicht, dass das Ei aus der Felsspalte schon einige Millionen Jahre dort eingefroren war. Es war das Ei einer Dinosauriermama gewesen. Und Paula hatte es nun ausgebrütet.
Paula drückte die beiden fest an sich und war froh, dass sie die zwei Monate im Ei heil überstanden hatten.
»Liebe Freunde, kommt schnell her. Meine Babys sind endlich da.«, rief sie den anderen Pinguinmüttern zu.
Diese kamen dann auch schnell herbei und staunten nicht schlecht, als sie das grüne Etwas sahen.
»Das soll ein echter Pinguin sein? Sieht aus, als wäre eines deiner Eier in den letzten Wochen schlecht geworden.«, lachten sie und drehten sich amüsiert weg.

In den folgenden Wochen musste sich Paula immer wieder anhören, dass sie ein hässliches Baby ausgebrütet hatte. Lena und Max wurden sogar jeden Tag in der Pinguinschule von den anderen Kindern geärgert und gehänselt.
»Mach dir nichts daraus.«, sagte Lena dann.
»Du bist mein Bruder und mir ist egal, wie du aussiehst. Ich habe dich lieb und das bleibt auch so.«
Dann drückte sie Max immer an sich.

Die Zeit verging. Die Monate zogen ins Land. Die Pinguine und auch der kleine Dinosaurier wuchsen stetig heran. Der einzige Unterschied war, dass Max viel schneller wuchs als die Pinguine und bereits mehr als drei Mal so groß war, wie alle anderen. Das war auch der Grund, warum er noch mehr von den Pinguinkindern geärgert wurde. Mittlerweile durfte er kaum noch in die Pinguinkolonie kommen, da jeder Angst hatte, von seinen großen Füßen zertreten zu werden. Also saß Max meistens auf einem etwas abgelegenen Felsen und starrte auf das schöne blaue Meer hinaus.
Zu dieser Zeit lag bereits eine neue Generation Eier in den Nestern. Die Pinguinmütter saßen wieder fleißig darauf und brüteten fleißig ihre Babys aus. Aus diesem Grund hatte sich auch ein großer Möwenschwarm am Strand versammelt. In diesem Jahr wollten die Vögel etwas Neues ausprobieren. Es galt nur noch, sich abzusprechen.
»Es bringt nichts mehr, wenn wir versuchen, einzelne Eier zu stehlen.«, erklärte ihr Anführer.
»Das dauert zu lange und bringt nicht viel ein. Wir müssen alle gemeinsam zuschlagen.«
Sie waren sich einig und starteten ein paar Minuten später in die Lüfte. Von dort aus stürzten sie sich gemeinsam auf die Pinguinkolonie. Durch ihre Große Anzahl und ihr lautes Geschrei vertrieben sie schnell die verwirrten Mütter von ihren Nestern. Es war nun ein Leichtes, die verlassenen Eier zu stehlen.
»Das ist der beste Raubzug aller Zeiten.«, triumphierte der Anführer der Möwen und nahm sich gleich vier Eier in seine Krallen.
Doch dann hörten die Raubvögel ein lautes Rumpeln, ein erschreckendes Grollen und ein lautes Gebrüll, wie es nur von einem übernatürlichen Monster stammen konnte.
»Verschwindet von hier.«, brüllte eine tiefe Stimme.
»Und wenn auch nur ein einziges Ei fehlt, dann werde ich euch alle fressen.«
Max kam herbei gelaufen. Seine großen Zähne sahen zum Fürchten aus. Um seine Drohungen noch gefährlicher aussehen zu lassen, schnappte er sich eine Möwe aus der Luft und schleuderte sie so hoch er nur konnte.
»Und wenn ich euch noch ein einziges Mal hier sehe, dann werde ich meinen knurrenden Magen mit euch füllen.«
Das ließen sich die Möwen natürlich kein zweites Mal sagen. Sofort legten sie alle erbeuteten Eier zurück in ihre Nester und flogen davon. Max lachte erfreut, während er die erleichterten Pinguinmütter zurück auf ihre Nester schickte, damit es den Eiern nicht zu kalt wurde.
Von da an sprach nie wieder ein einziger Pinguin ein böses Wort gegen Paulas Kinder Lena und Max, die nun gemeinsam über die ganze Kolonie wachten.

(c) 2013, Marco Wittler

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