532. Die verlorenen Stiefel

Die verlorenen Stiefel

In der Nacht vor Weihnachten gingen alle Kinder dieser Welt früh zu Bett. Wie in jedem Jahr waren sie wahnsinnig gespannt, was sie vom Weihnachtsmann geschenkt bekommen würden. Dieses Mal gab es allerdings Probleme.
In der Nähe des Nordpols stapfte ein dicker Mann mit rotem Mantel durch den tiefen Schnee. Nur mit Mühe und Not kämpfte er sich Schritt für Schritt vorwärts und warf seinem großen Schlitten einen sehnsüchtigen Blick zu.
»Das ist mir noch nie passiert. Bricht dem Schlitten doch glatt eine Kufe ab. Jetzt kann ich den Sack nicht mehr hinter mir her ziehen.«
Er warf sich den Sack wieder über die Schulter und ging weiter, denn als Weihnachtsmann musste er unbedingt in dieser Nacht Geschenke verteilen.
»Das schaffe ich nie bis Morgen früh.«, sagte er sich verzweifelt.
Und dann passierte ihm das nächste Unglück. Irgendwo unter dem Schnee blieb sein Fuß an einer dicken Baumwurzel hängen. Der Weihnachtsmann stürzte und verschwand für ein paar Sekunden komplett unter der weißen Pracht.
»Bäh! Jetzt hab ich den ganzen Bart vereist. Ich hasse meinen Job.«
Er kämpfte sich hoch und versuchte, seinen Weg fortzusetzen. Dann bekam er plötzlich nasse Füße.
»Nanu?«
Der Weihnachtsmann sah an sich hinunter. »Wo sind denn meine Stiefel geblieben?«
Er ließ den Sack fallen und sah sich verzweifelt um. Aber der Wind hatte bereits seine Spuren verwischt und alle Fußabdrücke zugeweht.
»Wenn ich schon mal Pech habe, dann aber richtig.«
Der Weihnachtsmann seufzte und versuchte, irgendwie in die nächste Stadt zu kommen.

Ein paar Minuten später kam eine Herde Rentiere durch den Wald. Der hohe Schnee hatte sie hungrig werden lassen, denn das wenige Gras, dass es noch gab, war zugeschneit. Immer wieder mussten sie tief graben, um ihre Mägen ein wenig zu füllen.
»Was ist denn das für ein komisches Ding?«, wunderten sie sich, als sie vor dem Schlitten des Weihnachtsmanns standen. »Das muss ein Menschending sein. Dass die immer ihren Müll überall liegen lassen müssen.«
Sie gingen weiter und scharrten irgendwann mit den Hufen den Schnee zur Seite, um etwas zum Futtern zu finden.
»Hier liegt noch etwas. Sieht aus wie abgefallene Menschenfüße.«, sagte eines der Rentiere.
»Das sind doch keine Füße. Das sind Stiefel. Die ziehen sie über ihre Füße.«, erklärte ein anderes.
Sie sahen sich um und entdeckten in der Ferne einen dicken Mann mit einem großen Sack auf der Schulter.
»Die Stiefel müssen dem dort gehören. Hat sie bestimmt im hohen Schnee verloren. Er hat bestimmt schon kalte Füße. Wir sollten ihm schnell helfen.«
Die Rentiere schnappten sich die Stiefel und rannten über den Schnee hinweg. Es sah fast so aus, als würden sie knapp über ihn hinweg fliegen, so schnell waren sie. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie den Weihnachtsmann erreicht hatten.
»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dankbar ich euch bin. Mir wären fast die Zehen abgefroren.«, bedankte er sich.
»Aber wie könnt ihr so schnell über den Schnee laufen? Ich brauche dafür viel zu viele Stunden.«
Die Rentiere lachten. »Wir leben fast das ganze Jahr über im Schnee. Wir sind es gewohnt.«
Der Weihnachtsmann überlegte kurz. »Habt ihr vielleicht Lust auf einen Job? Einmal im Jahr könnte ich Hilfe gebrauchen.«
Der Weihnachtsmann begann zu erklären. Kurz darauf hatte er mit seinen neuen Freunden seinen Schlitten repariert. Gemeinsam jagten sie nun über den Schnee hinweg. So schnell hatten die Kinder der Welt noch nie ihre Weihnachtsgeschenke erhalten.
Von nun an arbeiteten Weihnachtsmann und Rentiere jedes Jahr zusammen.

(c) 2015, Marco Wittler

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